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Fulda, Freitag den 3. Mai 1907.
34 Jahrgang.
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monairbeNage: „Zuldaer Geschichtrblätter" -Kernsprecher Nr"^
Kustes Matt.
(§) Lin Gang durch die preffe.
arbeitet.
stehe. Diese Angaben entstellen die Wahrheit in tendenziöier Weise. Festzustellen ist, daß das Schulhaus, in dem der Lehrer wohnte, stets Eigentum der Kirchengemeinde war; ein geltend gemachtes Benutzungsrecht der Zivilgemeinde wurde durch Entscheidung des Kre Samtes vom 14. Oktober vorigen Jahres gegen Zahlung von 4000 Mark abgelöst. Dem Lehrer wurde die Wohnung, und zwar rechtzeitig, gekündigt, weil die Kirchengeme-nde die Räume wegen Erweiterung der nahebei liegenden Kirche als Notkirche benutzen, und dazu Herrichten muß. Der Pfarrer , -., , . , • ----------, trägt keine Schuld, daß dem Herrn Lehrer in
tag ablehnen, das Geschenk der Vertagung dafür dem zwischenliegenden halben Jahr kerne zu< ^Ehmen, daß er brs Pfingsten nicht leer sagende Wohnung beschafft werden konnte; ei
—* 1 vertrat nur die Interessen der Kirchengemeinde
sehen muffe, während der katholische Pfarrer jetzt zwei Häuser habe, von denen eines leer
das Haus, in dem der langjährige Lehrer M. wohnte, mit aller Mühe an sich gebracht, den Lehrer zum Auszug gezwungen haben, sodaß er, da er keine Wohnung im Ort erhallen konnte, nunmehr vom Nachbarort aus seinen Dienst ver-
t. Zum Checkverkehr. Wie an anderer Stelle schon mitgeteilt, hat das Zentrum im Reichstag den Antrag auf eine Regelung des Checkverkehrs eingebracht. Bekanntlich sind im letzten Halbjahr vielfache Erörterungen in der Preffe gepflogen worden über die Gründe des hohen Diskontsatzes der Reichsbank. Einer der Gründe liegt unzweffelhast in der großen Beteiligung unserer Banken an ausländischen Unter- nehmungen. Im Jnlande ist außerdem verhältnismäßig zu viel Kapital festgelegt ar Anlagekapital. Einer der -Hauptgründe liegt aber in der mangelhaften Ausgestaltung des Geldwesens in Deutschland. Es müssen Wege gefunden werden, den Bedarf an baren Umlaufs- Mitteln zu erniedrigen. In dieser Beziehung I ist man im Auslande viel weiter wie bei uns I in Deutschland. So ist in den Vereinigten Staaten von Nordamerika bereits im Jahre 1896 durch eine amtliche Ermittelung festgestellt, daß dort 92% aller Geschäfte durch den Check, also ohne bare Umlaufmittel abgewickelt werden. In Oesterreich ist im vorigen Jahre ein Check- gefetz zur Einführung gelangt. Nur auf gesetzlicher Grundlage kann sich der Check auch bei uns mehr einbürgern, rote es jetzt der Fall ist. Es war daher sehr zeitgemäß, daß der Zentrumsabgeordnete Dr. Faßvender mit Unterstützung [ von 55 Fraktionsgenoffen einen Initiativantrag auf Vorlage eines Checkgesetzes im Reichstage eingebracht hat. Wie zeitgemäß dieser Antrag ist, ergibt sich am besten aus der Tatsache, daß weben in der neuesten Nummer des ,Bankarchiv^ der Reichsbankpräsident Koch auch mit aller Entschiedenheit für die Schaffung eines deutschen Checkgesetzes eintritt.
druck vermieden wurde, als werde zum Rückzug geblasen".
Das alte Bismarckblatt ,H a m b. N a ch r., ist recht unzufrieden und meint: „Die Ausführungen des Fürsten BAow über die jetzige internationale Lage werden trotz aller Witzigkeit gegen Abg. Bassermann kaum ausreichen, die Beunruhigung zu beseitigen, die entstanden ist. So leidet der Vergleich zwischen den Reisen Kaiser Wilhelms und König Eduards doch zu stark an dem Fehler aller Vergleiche, als daß er überzeugend wirken könnte. Jeder sagt sich: Wenn zwei dasselbe tun, ist es nicht dasselbe. Niemand wird die Enthüllungen Delcaffös ver- geffen. Noch anfechtbarer erscheinen die Musterungen des Reichskanzlers über die russisch- englische Annäherung. Wir bleiben dabei, daß jede Verminderung der Reibungsflächen zwischen den beiden Ländern im Nachteile Deutschlands liegt. Fürst Bülow hat endlich gesagt, daß nie- j manb bester als er die Gefahren und Schwierigkeiten kenne, von denen wir umgeben seien. Dieses Zugeständnis ist bemerkenswert, leider I nicht in erfreulichem Sinne."
leitende Prinzip der Bülow-Rede, und das ist auch gelungen. Die Rede selbst bekam dadurch
< Ein unpassender Handel. Die Linke hat einen großen Sieg errungen; der Reichstag soll vertagt werden. Die Preffe der Linken rühmt sich, daß sie dies e. reicht hat. Ganz offen schreibt beispielsweise das ,Berl. Taget,!.', die neuen Vorlagen seien wohl nur als Schaugericht gedacht. „Sie sollen es rechtser igen, daß der Reichstag nicht geschlolsen, sondern bis zum Herbst vertagt wird, damit die „wertvollen Vorarbeiten" nicht verloren gehen. In solchen kleinen Zugeständnissen an die Wünsche der Reichsboten war ja Fürst Bülow immer groß. Man wird auch den Abgeordneten nicht mißgönnen, daß sie die Wohltaten der fortlaufenden Tagung weiter genießen können, und nur fordern müssen, daß auch das Volk bei diesem Handel zwischen Reichstag und Regierung nicht zu kurz kommt." Wir mißgönnen den Reichsboten eben- sowenig wie das freisinnige Blati die „ । aus uauoenyetm in petzen zu er»
[taten- der Vertagung; aber das eine will uns zählen. Danach soll der katholische Ortspfarrer nicht emleuchten, daß durch die Vertagung dem " ' " * 1 - - - — ■ - —
Volksvertreter das Ausnahmerecht verliehen werden soll, sich dem von ihm verschuldeten gerichtlichen Einschreiten gegen seine Person zu ent'iehen. Dabei kommt unzweifelhaft „das Volk zu kurz". Auch darüber müssen wir unsere Verwunderung aussprechen, daß die Linke, die sich sonst mit so großer Entschiedenheit und zwar meist, wenn dies ganz überflüssig ,st, als unentwegte Hüterin der Verfassung aufspielt, in dieser Frage deren Grundsätze mißachtet. In der Ver- fassung des deutschen Reiches heißt es: „Die Berufung des Bundesrates und des Reichstages findet alljährlich statt. Die Vertagung aber schließt die Berufung aus, sie kann also nur als ein seltenes Ankunftsmittel angesehen und darf nicht, wie dies fett einigen Legislaturperioden geschieht, zur Regel werden. Die freisinnige „Viebenreglerung" ist also von ganz anderer Art. Nach unserem Dafürhalten sollte es der Reichs-
den Boden zu ebnen. Dabei wird freilich der Eindruck bestehen bleiben, daß Fürst Bülow in dem Bilde, da- er zeichnete, nur die helleren Züge stehen läßt."
t.-^®en ^Auß mögen die freisinnigen Zeitungen bilden; je mehr diese auf dem linken Flügel stehen, umso unfreundlicher ist ihre Stellungnahme; | höre nur: Die ,Vo s s. Zig.' sagt: „Das deutsche Volk hat keinen Grund zur Nervosität, aber auch keinen zur Vertrauensseligkeit. Das ist das Fazit der Rede des Reichskanzlers. Freilich, daß Deutschland von Schwierigkeiten und Gefahren umgeben ift,weiß,wieFürstBülow erklärte, niemand beffet als er. Diesen Schwierigkeiten und Gefahren setzt er das Selbstbewußtsein und Vertrauen um die Kraft der Nation, die Pflege der Freundschaften und Bündnisse des Reichs entgegen; alle Kräfte sollen gesammelt werden, um dm Friedm zu sichern und, wenn es not tut, das Vaterland einmütig zu verteidigen. In diesen kraftvollen Akkord klangen die Erörterungen | des leitenden Staatsmanns aus; aber was vor- ausgegangen war, gewährte die Ueberzeugung, daß Fürst Bülow die internationale Sage nicht! für gespannt ansieht, weitaus nicht für so gespannt, wie sie in der Zeit der Marokkofrage und der Konferenz von Algeciras erscheinen konnte.
Die ,Freff. Ztg/ ist nicht so befriedigt: „Die Rede des Fürsten Bülow enthielt nichts Neues, kaum etwas, was nicht schon dutzendmal offiziell oder offiziös erklärt wordm wäre. Aber allen
cs. „Eine kaum glaubliche Schulgeschichte" weiß tue »Frankfurter Zeitung" (Nr. 112 vom Wohl- 23. April) aus Laubenheim in Hessen zu er»
Willigkeit gegen unsere friedlichen Absichten hätte verwendet werden können. DaS war das
, * Der Fall Curtius. Der Präsident deS reichsländischen Konsistoriums, Prof. Curtius, der bei der Anwesenheit des Kaisers in Straßburg nicht zur Kaisertafel zugezogen war, hat am Mittwoch abmd fein Abschiedsgesuch eingereicht. Anlaß dazu dürfte folgende auf die Beschwerdefchrift deS Konsistoriums ant» »ortende Kundgebung des Statthalters der Reichslande fein: „Herr Dr. Curtius ist durch Seine Majestät den Kaiser von der Liste der am 27. April zur Tafel Eingeladenen gestrichen worden; nicht in seiner Stellung als Präsident des Direktoriums der Kirche der augsburgischen Konfession, sondern als Herausgeber der Denkwürdigkeiten des Fürsten Chlod- wig Hohenlohe, in welchem Indiskretionen veröffentlicht wurden, welche Seine Majestät den Kaiser verletzen mußten. Ich muß eS dem Taktgefühl der Mitglieder des Oberkonfistoriums, welche die Eingabe unterzeichnet haben, sowie des derzeitigen Präsidenten des Direktorium- der Kirche augsburgischer Konfession überlaffen, ob aus einer solchen Uebergehung des Präs idente nnicht weit er eKonsequenzen zu ziehen fein werden. Nachdem die Unterzeichneten des Oberkonfistoriums sich veranlaßt gesehm haben, die Eingabe am 26. April, am gleichen Tage, an dem sie mit zugesandt wurde, in der Preffe zu veröffentlichen, sehe ich mich genötigt, diese Antwort ebenfalls der Preffe mit- Meilen. Der kaiserliche Statthalter in Elsaß- Lothringen. Hohenlohe." — Prof. Cur'ius hat den Wink mit dem Zaunpfahl verstanden. Als sein Nachfolger wird der Oberregierungsrat Po hl mann genannt. Pöhlmann ist strenggläubiger Protestant, was die liberale Presse veranlaßt, mit aller Kraft gegen ihn mobil zu machen..
ES ist höchst lehrreich, angesichts der Reichs- tan$ler-9tebe einmal einen Gang durch die Preffe anzutreten, um zu hören, wie verschieden diese Rede beurteilt wird; dabei müssen wir noch voraussenden, daß diese Rede den Ansichten deS deut- schen Volkes im allgemeinen entspricht, man füllte also annehmen, daß auch in der Presse ein _ _ _______,
ziemlich einheitliches Urteil zu finden ist. Wenn natürlich nichts Fanfarenartiges, aber eS es aber schon m dieser Frage so sehr auseinander-1 ^arfi doch auch festgestellt werden, daß de^,. Eingeht, so müssen unsere Leser mit uns fragen: „Wie soll es erst in Parteifragen sein?" Der Gang durch die Presse wirkt baber sehr erziehe- risch, indem man nach einem solchen Rundgange ber gegnerischen Presse-Beurteilung weit weniger Wert beilegt, als eS vielfach in Zentrum streifen geschieht. ES gibt leider immer noch Kreise in unserer Porei, welche die Leistungen des Zentrums und seiner Mitglieder nach der Krttik beurteilen, bie sie m der gegnerischen Preffe finden; dieser Slandpuntt ist total verfehlt. Je mehr die Gegner auf uns einhauen, um so höher ist die Sicherheit, daß wir unS auf dem richtigen Wege befinden.
Das Leipzig. Sagebl' schreibt: „Als Gesamteindruck bleibt festzuhallen: Es sollte alles vermteden werden, waS nach Aufreizung ausgesehen hätte, waS von der Bös-
nervös Gewordenen zeigte sie den Faden, an dem sie sich aus dem Labyrinth wilder Vermutungen wieder zum klaren Tageslicht sachlicher und nüchterner Beurteilung der Dinge zurückfinden können."
Das ,Berl. Tage bl/ hat seinen eigenen I „Stil": „ES unterliegt keinem Zweifel; der Bülow von gestern ist nicht veralte, sonnige angenehm tändelnde Philosoph. Was hat unS den heiteren, selbstvertrauenden Mann in einen nachdenklichen Zweifler verwandelt? Findet er, was man trotz jener einzelnen Bemerkungen nach seiner Rede kaum glauben kann, bie auswärtige Lage bedrohlich? Oder leidet er unter inneren Kalamitäten, bedrücken ihn innere Sorgen? Mehr al« einem wird der nachdenk, nche Zweifler Bülow lieber fein, als der Mann mit dem heiteren Selbstvertrauen, — mit seinem Selbstvertrauen, das sich mitunter getäuscht j gat.
Die ,Berl. Volksztg/ aber meint: „Die Kanzlerrede war recht dürftig, lieber bie jetzt im Vordergründe des politischen Interesses stehende Frage der politischen Konstellation der Westmächte glitt sie stillschweigend hinweg Warum Fürst Bülow sich so zugeknöpft zeigt, ist klar; er hat den lebhaften Wunsch daß die von der deutschen Diplomatie begangenen Fehler tm verschwiegenen Kämmerlein beroabrt bleiben." v
Diese Blätterreife dürfte für unsere Leser genügen, um ihnen zu zeigen, wie verschieden sich in den Parteiköpsen die Welt malt.
Die bülowfteundliche Presse teilt Rosen und Blumen in überreichem Maße aus; so schreibt "die »Deutsche Tageszeitung': „Sine Befürchtung nach der anderen zerstreute der Kanzler. Und daß dieses beruhigende Gefühl heute in hohem Maße verstärkt worden ist, das ist ein Ergebnis,mit dem wir einstweilen vollständig zu fr jeden sein können."
Die ,Tägliche Rundschau" schreibt: „Der Reichskanzler war heute noch vorsichtiger als sonst. Besonders im ersten Teil seiner Rede schien er sich die Worte erst abzuwiegen. Meisterhaft war seine Auseinandersetzung übet die Abrüstungsfrage. Wir hoffen, daß die Rede deS Reichskanzlers und die ganze Debatte im Auslande unbefangen gewürdigt wird und zur Lösung der Spannung Helsen mag."
Die ,Berl. Reuest. Rachr.' finden die Rede matter als frühere: „Es läßt sich nicht leugnen, daß Fürst BAow im Reichstage schon Reden voll von höherer politischer Tragweite und voll von lebendiger Kraft und tieferer Wirkung gehalten hat, aber doch verfehlte auch die gestrige Kundgebung ihren Eindruck keines- weg«. Namentlich der energische Schluß war von starker Wirkung."
In der ,National-Zeitung^ heißt eS: „In Bülows Rede ist kein Rosasehen, aber auch fein Säbelrasseln. Manches zieht er vor, nidjt zu sagen, und seine abwägende Antwort gegenüber dem Antrag Hompesch traf in's Schwarze. Aber man erkennt doch, daß außer der marokkanischen die persische Frage chm Schwierigkeiten macht, und daß die Frage um Haag nicht klein ist. Niemand Keffer als -er kenne die Schwierigkeiten der Sage — eine unbezweifelbare Wahrheit, die den Worten des Reichskanzlers starkes Gewicht verleiht. Wer nach Sherlock Holmes-Verwicklungen suchte, wird in der Rede des Reichskanzlers nicht auf feine Rechnung gekommen fein. Wer aber Ver- trauen schöpfen wollte, daß in der gegenwärtigen ernsten Lage eine Hand, die ihrer , ^nlmortung bewußt ist, daS Steuer lenkt, der umnte leichteren Herzens wie er gekommen, den Saal verlassen."
Ä '^/Sdeburg. Ztg/ zieht folgende ^U^mLtGU5, 6et Kanzlerrede: „Die Verhand-
-1°11e Hebeleinstimmung und dem Reichstage d" berS±n9 Lage ergeben und wird d^u deuragmi, tm Jnlande einer vertrauens- -volleren An cht über die auswärtigen Beziehungen
** Die Land-Kommission für Südwestafrika bat am 6. Mai endlich eine Sitzung; auf der Tagesordnung steht die Siedelungs - Gesellschaft für Dentfch»Südwestafrika. Die General-Versammlung der Gesellschaft hat bekanntlich den Beschluß der Kommission auf Belassung von 2 Farmen und unentgeltlichen Entzug des andern Landes abgelehnt. Sache der Kommission ist es nun, einen neuen Weg zu finden, der alle Landspekulationen trifft.
Deutsches Reich.
Berlin, 2. Mai 1907.
Di- Berichte über die gestrigen Litzunaen des Reichstages «ud des Abgeordnetenhauses sind uns bis Redaktionsschluss nicht zugegangeu. Wir mussten deshalb zu unserem Bedauern von einer ausfuhr, liche« Wiedergabe der parlamentarische«
macht es die Änsiedlungskommission nicht besser, ja sie arbeitet noch, wie der Verteidiger Justizrat Mamroth barlegte, verwerflicher als Biedermann, der wenigstens jeden, von dem er kauft, wissen läßt, daß der Besitz in polnische Hände übergeht. Die Ansiedlungskommission hat in verschiedenen Fällen polnische Besitzer durch vorgeschobene Strohmänner zum Verkaufe bewogen, nachdem diese Unterhändler die Versicherung abgegeben hatten, der Besitz gehe wieder in polnische Hände über. Oberregierungsrat Anger und Regierungsrat Schutz haben sich öfters unter dem Vorgeben, sie seien polnische Geschäftsreisende, an der Besichtigung verkäuflicher polnischer Güter beteiligt Die Ansiedelungs-Kommission hat sich auch an Biedermann gewendet mit dem Ersuchen, er solle ihr polnische Güter in die Hände spielen. Biedermann bat es aber abgelehnt, obwohl er so Hunderttausende hätte verdienen können. In dem Prozesse handelt es sich um den Kauf des Gutes Schön- werder im Kresse Wirsitz. Der Besitzer Kluve- korn konnte es nicht mehr halten, an einen I Polen wollte er es nicht verkaufen, da ihm sonst eine staatliche Domäne in Ostpreußen, die ihm in Aussicht gestellt war, nicht in Pacht gegeben worden wäre. Er verkaufte es also an den Herrn v. Riesen, obwohl ihm von polnischer Seite 25,000 Mark mehr geboten war, angeblich weil v. Riesen ihm fein Ehrenwort gab, das Gut selbst zu bewirtschaften. Wie aber bei der Verhandlung sich ergab, hat er anscheinend deshalb an v. Riefen verkauft, weil dieser als Strohmann Biedermanns gleich bezahlen konnte, v. Riefen und Biedermann waren nun wegen Betruges an» geklagt. Das Gericht sprach sie frei — wo hätte sonst auch die Ansiedelungs-Kommission hingeraten sollen. Im übrigen zeigt auch dieser Prozeß, wohin eine verkehrte Politik führt. Unreelles Ge- bahren im Geschästsleben, Mißbrauch des deut- schen bezw po'nischen Warnens sind zwei beklagenswerte Folgen der preußischen Ansiedelungs-Politik.
Beginnen wir unfern Rundgang mit der ZentrumSpreffe. So schreibt die .Germania' zur Kanzler-Rede: „Spöttisch und sarkastisch be- merkte der Reichskanzler, daß die Ausführungen ,»es Abg. Bassermann über die Nachteile des tzu vielen Redens von ihm vollständig geteilt würden. Der Hieb saß und wurde allgemein verstanden, waS die große Heiterkeit, die diesen Worten deS Reichskanzlers folgte, deutlich bekundete. In den Kreisen der Nationalliberalen schien man indessen über diesen persönlichen Angriff des Reichskanzler- gegen ihren Führer und den „Reichsregenten" deS neuen Blocks sehr betroffen zu sein."
Die ^kölnische Volkszeitung' schreibt: «Seine Rede war wie immer geschickt gruppiert. Besonderes Interesse verdienten naturgemäß seine Ausführungen zur Haager Friedens- j Konferenz. Wenig sprach er über Gaeta und ■ nchtS über Athen. Unverhohlen mußte er die Schwierigkeiten und Gefahren zugeben, von denen wir umgeben sind. Aber er appel- lierte an unser Selbstbewußtsein und an unsere Äraft Fast peinlich schroff und provozierend klangen die Worte, mit denen Fürst v. Bülow Bassermann und seine Magdeburger Rede als Vielrederei abschüt telte." Der Hieb gegen Baffermann wird auch in anderen Blättern viel besprochen^ die nationalliberalen aber übergehen ihn mit Schweigen, dort findet man hierüber feinen Ton.
1 Verhandlungen Ab stand nehmen «nd uns mit kurzen Referate« ans anderer Quelle begnüge«.
। * Ein Prozeß mit politischem Hintergrund
hat sich dieser Tage vor der Strafkammer in Schneidemühl abgespielt. Auf der Anklagebank saß der Posener Bankier Biedermann, der Inhaber der „Bank von Polen", sowie ein Herr v. Riefen aus Breslau. Biedermann, trotz seines gut deutsch klingenden Namens ein echter Pole, kaust und beleiht Güter und sein ganzes Streben geht dahin, den polnischen Grundbesitz in seinem Umfange zu . erhalten und zu vergrößern. Viele deutsche Grundbesitzer, die sich scheuen, direkt an einen Polen ober an Biedermann zu verkaufen, luffen Biedermann einen Strohmann mit deutschem Namen vorschieben, verkaufen bann an biefen, der seinerseits die Sache roteber auf Biedermann überträgt. Nach diesen Vermittlern braucht Biedermann sich nicht umzusehen, sie bieten sich ihm massenhaft an. Major Hinze v. Berger, v. Rabe, v. Lengerke, v. Th.elen, fast alles schön klingende adlige Namen, wurden in dem Prozeß öffentlich als solche genannt. Sie erhalten von Biedermann schöne Provisionen und lassen sich dann zu allem herbei. Anderseits