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Wochenbeilage: „Illustrierte Zonntagszettung" Monatrbeilage: „Fuldaer Geschichtsblätter"

Lu zeig en: Vie ein» fpoliigt Petitjeile oder, deren Henm 15 pfg. Reflamtit »k prtitzeile 25 Pfg.; dti Wieder­holungen wird rnlspr Babalt gewährt.

«ototlonrdrnck n. Oetleg 6er jUlbeer Sv tiendr ickerei in Suld«. Zerniprecher Nr 9.

ja 96.

Fulda, Samstag den 27. April 1907.

34. Jahrgang.

Zweites Wtcrtt.

Wachen-Rundschau.

n. Fulda, 27. April 1907.

Der deutsche Reichstag beriet in der vergangenen Woche den Etat des Reichsju- stizamtS zu Ende und trat dann in die Be- Handlung des Militäretats ein. Die Debatten über das Reichsjustizamt verlaufen in der Regel ziemlich eintönig. Der Stoff an sich ist fajon spröde, die Sozialdemokraten sagen alljährlich rhr Sprüchlein über Klassenjustiz her, und Staatssekretär Dr. Nieberding läßt dann seine be­kannte Rede, die er schon seit Jahren auf der Walze hat, vom Stapel. Er verspricht Abhilfe, sagt tunlichste Berücksichtigung der Wünsche zu, hofft bald entsprechende Vorlagen zu machen und nachher — bleibt alles beim Alten. Doch wird in der nächsten Session dem Reichstag ein Ent­wurf über die Sicherstellung der Forderun­gen der Bauhandwerker zugehen. In­teressanter gestaltet sich die Beratung des Mili­täretats. Hohe Summen werden da gefor­dert. Die Feld- und Fußartillerie sollen um­gewandelt, die Infanterie neu bewaff­net werden. Eine Verringerung der Ausgaben für das Militär ist in absehbarer Zeit nicht zu erwarten.

Im preußischen Landtag gab eS eine zweitägige Polendebatte. Die Regierung marschiert auf dem Holzweg stramm weiter, das Zentrum ließ durch seinen Redner, den Grafen Praschina, erklären, daß es auf seinem früheren Standpunkt stehen bleibt; für Ausnahmegesetze ist die Partei nicht zu haben.

Sonst ist an innerpolitischen Ereignissen nur noch der Ministerwechsel in Baden von Bedeutung. Der badische Minister des Inneren, Dr. Schenkel, eine tüchtige Arbeitskraft, ist zu­rückgetreten. Er war ein Gegner des Zentrums und ein Freund und Gönner des badischen „Groß­blocks", in welchem Liberale aller Schattierungen und Sozialdemokraten sich brüderlich zusammen­gefunden haben. Sein Nachfolger Frhr. v. Bo d- mann ist Katholik, steht aber politisch auf dem Boden der Rechtsnationalliberalen.

Was unsere äußere Politik anbetrifft, so wird demnächst die Beratung des Etats des Auswärtigen Amts im Reichstag den Volksvertretern sowie der Regierung Gelegenheit geben, ihre Meinung vorzutragen beziehungsweise Auskünfte zu erteilen. Einstweilen versichert die Nordd. Allg. Ztg.", im Ausland sei eine „Fülle freundschaftlicher Gefühle" für uns vorhanden. Das Gegenteil dürfte ungefähr richtig sein, doch dari man die Sache auch nicht zu ernst auf­fassen und das Ausland unnötigerweise vor den Kopf stoßen, wie eS jüngst der national- liberale Parteiführer Bassermann in einer Rede zu Magdeburg England gegenüber getan hat.

König Eduard VII. von England ist von seinen Reisen zurückgekehrt und erwartet dem­nächst dxn Besuch des Königs von Dänemark. Die Kolonialkonferenz setzt ihre Beratungen fort. Sie hat die Errichtung eines Zentralstabes beschlossen. Offiziere aus allen Teilen des Welt­reiches sollen in ihn entsendet werden. Aufgabe des Zentralstabes ist es, VerteidigungSpläne zu entwerfen und die Ausbildung und Organisation der Truppen sowohl des Mutterlandes wie auch der Kolonien zu fördern. DaS Unterhaus hat die neue Heeresverfassung nach der Vorlage des Kriegsministers Haldane mit großer Mehrheit beschlossen. Das englische Landheer tvrrd auf eine Stärke von 300 000 Mann gebracht.

Frankreich beschäftigt .sich die hohe Politik gegenwärtig mit Kleinigkeiten. Minister-

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Auf geheimnisvollen Wegen.

Roman von Eduard Wagner.

30] (Nachdruck verboten.)

„Es war erstens Tatsache, daß ich bis morgens nach zwei Uhr nicht in meinem Zimmer gewesen; zweitens, daß ich zu dieser Stunde vom Keller­meister vor der Tür meines Bruders gesehen wurde; drittens die Wunde an meiner Hand und das Blut an meinen Kleidern; viertens die Nache- drohungen, welche ich gegen meinen Bruder aus- gestoßen hatte; fünftens der Grund, welchen ich zur Verubung des Mordes hatte: Meines Bru- ders Heirat trieb mich aus der Heimat fort, zer- störte meine Hoffnungen auf die Erbschaft, der- nichtete meine Zukunft und setzte meiner Ehrbe- gierde einen Halt. Er hatte mich und meine Ge­mahlin beleidigt. Ihre Familie würde enttäuscht und unzufrieden fein über meine Erniedrigung. Meines Kindes Schicksal würde verändert sein. Alles dieses vereinigt bildete das, was die Men­schen überwältigende Gründe nannten."

„Schwerwiegend waren sechstens die Aussagen eines Mannes, des Rev. Mr. Amory, welcher von meinem Bruder eingeladen war, bei der Trauung zu assistieren, und welcher erst spät am Abend in Mont Heron ankam. Er sollte am Morgen mit meinem Bruder zur Kirche fahren, vierzehn Mei­len entfernt, — die nächste Kirche von der Heimat der Braut. Er schlief in einem Zimmer, dem meines Bruders gegenüber. In der Nacht er­wachte er von dem Klang lauter Stimmen in mei­nes Bruders Zimmer, richtete sich auf und sah nach der Uhr. Es war zehn Minuten vor zwei. Er horchte; es war ihm klar, daß ein Wortwechsel 'n meines Bruders Zimmer stattfand, und es

Präsident Clemenceau hat bezüglich der Feierlichkeiten in Orleans zu Ehren der Jungfrau von Orleans den Rückzug auf der ganzen Li- nie antreten müssen und sich damit unendlich lächerlich gemacht. Sein Eingreifen war eine große Torheit. Die braven Bewohner von Orle­ans hätten ihn lynchen können, nicht zwar, wie man zugeben muß, aus religiöser Begeisterung, sondern weil das Fest eine gute Einnahmequelle für sie bedeutet und sie das althergebrachte Schau­spiel auch in diesem Jahre zu sehen wünschten. Panem et circensesl Brot und Spiele, so riefen die römischen Proletarier, und ihr Ruf hallt heute, wieder. Eine Kommission ist eifrig damit be­schäftigt, die beschlagnahmten Papiere Montag- n i n i s, des Sekretärs der päpstlichen Nuntiatur, auseinander zu kramen. Nicht welterschütternde Ereignisse, sondern einfältiger Klatsch und Tratsch ist es, was da zutage gefördert wird. Sollte alles echt sein, so ist allerdings erwiesen, daß Montagnini nicht der rechte Mann an diesem Platze war. Die Kammer der Abgeordneten tritt am 7. Mai zusammen und die gestellten Inter­pellationen können unter Umständen den Sturz des Ministeriums herbeiführen.

In S p a n i e n haben am Sonntag die Par­ia m en t s w a h l e n statgefunden und mit einem überwältigenden Sieg der Konservativen (Katho­liken) geendet. Das Ergebnis zeigt, daß die große Mehrheit des Volkes noch gut katholisch ist, frei­lich ist auch zu bedenken, wie in diesen Ländern die Wahlen gemacht werden. Einen Vorgeschmack davon hatten wir ja auch bei den lehten Reichstagswahlen, wo unser gesamter Be­amtenapparat zugunsten der „nationalen" Kandi­daten in Bewegung gesetzt wurde.

Die italienische Presse bemüht sich, in allen Tonarten zu versichern, daß bei der Monar­chenzusammenkunft in Gaeta nichts gegen Deutsch­land und Oesterreich abgehandelt worden sei. Die von einem spanischen Blatt verbreitete Nachricht von einem Mittelmeervierbund (Eng­land, Frankreich, Spanien, Italien) entbehre jeder Grundlage. Eigentlich kann man es den Italienern nicht verdenken, wenn sie sich mit Eng­land gut Freund stellen. Das langgestreckte Ita­lien mit seinen vielen Häfen wäre im Falle eines Krieges mit England allerdings in einer üblen Lage.

In Oesterrei ch-U n g a r n beschäftigt man sich immer noch mit der Frage der Ausgleichsver­handlungen. Ministerpräsident v. Beck hat in einer Ansprache an Industrielle erklärt, Oester­reich habe sich noch vollständigsreieHand behalten, es werde nie in einen Vertrag mit Ungarn einwilligen, der die wirtschaftlichen In­teressen Oesterreichs schädigen und seine nationale Ehre verletzen werde. Die edlen Magyaren gehen indes ihre eigenen Wege; so nahm das ungarische Abgeordnetenhaus einen selbständigen Zolltarif mit Zustimmung des Handelsmi- nisters Kossuth an. Dieser Schritt bedeutet eine Verletzung, der jetzt noch giltigen österreichisch- ungarischen Wirtschaftsgemeinschaft. Kaiser Franz Joseph weilt noch,in Prag.

Der kranke Mann am Bosporus, Sultan Abdul Hamid, muß es sich gefallen lasten, wenn die Konferenz der Vertreter derGroßmächte zuweilen Lust empfindet, an ihm herum zu dok­tern. So hat er auch in den letzten Tagen wieder einige Pillen, wie z. B. einen Vorschlag betreffs der mazedonischen Gendarmeriereform, schlucken müssen. Er nahm es, wie schon so vieles andere, ruhig und gelassen hin.

In Rußland gehen die Wogen wieder ziem­lich hoch. Bauernunruhen, Straßenkämpfe, Staub» anfälle werden überall her gemeldet. In den Wolgagebieten wütet eine entsetzliche Hungers­not. Die Duma beschäftigte sich in den letzten Tagen mit einem Bericht über die Folterungen in den russischen Gefängnisten. Es ist grauenhaft, wurde laut und heftig gesprochen, besonders von Seiten des Marquis. Er hörte eine Stimme an» Worten, welche er als die meinige zu erkennen glaubte. Dann wurde es still. Er glaubte, daß ich zu dieser unpassenden Stunde zu meinem Bru­der gegangen war, um eine Verständigung anzu- ftrcben, und daß alles gut sei. Er legte sich wieder nieder und schlief ein. Nun rechne alle diese Um­stände zusammen; des Rev. Mr. Amory'S be­stimmte Erklärung, daß er meine Stimme zehn Minuten vor zwei Uhr in einem Wortwechsel mit meinem Bruder hörte, des Kellermeisters beschwo­rene Aussage, daß er mich um zwei Uhr vor der Tür meines Bruders sah; bann das ärztliche Gut- achten, daß mein Bruder um 2 Uhr ermordet wurde, — der Zustand des Leichnams führte zu dieser Annahme.

Doch das war noch nicht alles, was gegen mich zeugte. In der Hand des Ermordeten befand sich ein Stückchen Kammertuch — die ausgezaifte und abgeriffene Ecke eines Taschentuches, welches er im Todeskampfe wahrscheinlich erfaßt hatte und das ihm entrissen worden, sodaß der Zipfel in seiner Hand geblieben trat. Dieser trug einen meiner Namenszüge. Der andere Teil des Ta­schentuches wurde später von einem Polizisten im Kamin meines Zimmers gefunden, geschickt ver­steckt und halb verbrannt; doch das Ende, von wel­chem der Zipfel abgeriffen, war unversehrt. Das Taschentuch gehörte mir, Alexa, aber wie es an die Stelle oder wie das Stück in die Hand meines Bruders kam, begreife ich nicht. — Noch mehr; Die Mordtat war mittelst eines Dolches ausge- führt. Jemand erinnerte, daß ich eine Waffe dieser Art besessen und als ein Kuriosum aufbe­wahrt hatte. Es wurde darnach gesucht und ein Polizist fand den Dolch in dem Astloch einer gro­ßen Eiche, welche nahe an meines Bruders Fen­ster stand. Die Klinge paßte zur Wunde. Der Mörder hatte meine Waffe zu seiner Tat gebraucht und sie bann vom offenen Fenster nach dem Baum geworfen, wobei sie wahrscheinlich in das Astloch

was da alles geschehen ist. Die Regierung mußte die Unanfechtbarkeit des Berichtes zugeben.

In Mittelamerika, wo verschiedene Re- publiken seit Monaten miteinander im Kriege lagen, ist Waffenruhe eingekehrt. Die Beteiligten haben die Vermittlung des Präsidenten der Ver­einigten Staaten angerufen.

Die japanischen Delegierten zur Haager Friedenskonferenz haben ihre,weite Steife bereits angetreten. Der Mikado richtete beim Abschied an den Führer der Abordnung T s n - s u k i die Aufforderung, irn Geiste des Friedens an den Arbeiten der Konferenz mitzuwirken. 46 Staaten haben die Einladung zur Teilnahme an der Konferenz angenommen.

Unpolitische Zeitlüufe.

(::) Berlin, 25. April 1907.

'Nachdruck nicht gestattet.)

Während ich dies schreibe, ist die Reichs- und Staatspumpe in voller Arbeit. ES wird gezeich­net auf 400 Millionen Mark Schatzanweisungen. 200 Millionen soll der Reichsschatzfekretär, die an­dere Hälfte der preußische Finanzminister ein­streichen. Die beiden haben durchlöcherte Böden in ihren Taschen; sie borgen in einem fort und haben doch immer Mangel an Geld.

Reich und Staat sollten ihren Bürgern ein gutes Beispiel geben. Aber sie machen uns vor, was ein solider Mensch nicht machen soll. Sie pumpen wie ein lebenslustiger Leutnant und ha­ben Schulden wie ein grimmiger Major.

Die Schuldenwirtschaft geht in die Tausende von Millionen. Tausend Millionen nennt man bekanntlich seit 1871 eine Milliarde. Damals be- kam das Deutsche Reich von dem besiegten Frank­reich 5 Milliarden Francs — 4 Milliarden Mark. Jetzt hat bas Deutsche Reich nicht bloß diese 4 Milliarden verpufft, sondern noch 4 Milliarden Schulden dazu gemacht.

Wer soll denn diese kolossale Schuldenlast ab­zahlen? Ach was, um die Tilgung der Schulden sich zu kümmern, ist altfränkisch. Man bezahlt die Zinsen; dann sind die Gläubiger schon zufrie­den. Und wenn man gerade nicht Geld genug hat zum Zinsenzahlen, dann schlägt man einen neuen Pump an. Ein neues Loch wird aufgemacht, um ein altes zuzustopfen. So ähnlich wie es vor 30 Jahren die Spitzeber in München machte. Wenn die Polizei ihren blühenden Betrieb nicht gestört hätte, so würde die Firma Spitzeder vielleicht noch die Rotschilds ausgestochen haben. Aber der Staat leidet es nicht, daß Privatleute ihm „unlautern Wettbewerb" machen in seinem System, den je­weiligen Bedarf durch Anleihen und die alten An­leihen durch neue Anleihen zu decken, bis einst am jüngsten Tage alle Schuldscheine verbrennen und alle Konkurse wegen Mangel an Masse unmöglich werden.

Im Deutschen Reiche ist die Schuldenmacherei nachgerade so übermäßig betrieben worden, daß der Geldvorrat knapp geworden ist. Es geht ge­nau so wie bei einer Ueberanftrengung der Pumpe. Der Boden kann beim besten Willen nicht mehr Wasser abgeben als er hat, und wenn bas Pmnpenrohr mehr heranfholen will, als die an- gezapfte Wasserader an Zuflüssen erhält, so wird der Strahl immer schlammiger und dürftiger. Im vorigen Jahrzehnt sagte Herr v. Miquel, der preu­ßische Finanzkünstler: Ich kann Geld genug be­kommen zu 3 Prozent Zinsen; warum soll ich mehr geben? Aber bald war zu 3 Prozent nichts mehr zu haben; man mußte wieder 3y2 Prozent zahlen? Und jetzt? Vier Prozent ist das min­deste, wenn das Reich noch etwas loseisen will. Die Pumpe geht schwer und schwerer; ihre Lei­stungen werden dünner und teurer.

Für einen Privatmann ist eine solche Lage sehr gefährlich. Reich und Staat können sich aber

gefallen war. Du siehst, Alexa, die Kette der Ueberfiihrungen war vollständig; doch zum Hebet» stutz sagte noch ein Parkarbeiter aus, baß, als er zu später Stunde ein Mädchen vom Schlosse ans dem Dorfe heimgebracht, die Uhr gerade zwei schlug, als er sich von derselben trennte. Er eilte zurück nach seinem Hause, blieb aber an der Ecke des Parkes stehen und blickte noch einmal nach dem Schlosse. Da sah er beim schwachen Schein des Nachtlichtes in des Marquis Schlafzimmer einen Mann an's Fenster treten, welcher jedoch fast in demselben Augenblicke wieder verschwand. Der Arbeiter befand sich in einiger Entfernung, auch hatte er den Mann nur sehr flüchtig gesehen, aber er behauptete, daß die Gestalt des Mannes der meinigen gleich gewesen sei. Diese scheinbaren Beweise, wenn auch nur aus teilweise unwesentli­chen Umständen hergeleitet, überzeugten alle, die es hörten, von meiner Schuld. Meine Gattin kam nicht zu mir, nicht einmal mein Kind wurde auf mein Verlangen ju mir gebracht; mein Verteidi­ger riet mir, mich schuldig zu bekennen. Nie­mand glaubte meinen heiliaen Beteuerungen mei­ner Unschuld. Meine Bitten auf Nachforschung nach dem Mörder wurden nicht beachtet oder bald aufgegeben. Tie Geschichte machte ungeheu­res Aussehen. Bei der Hauptverhandlung war der Gerichtssaal von Zuhörern gefüllt. Die Geschwo­renen waren nur eine (albe Stunde abwesend und brachten den AuSspruch „Schuldig". Infolge die­ses Ausspruches erkannte bas Gericht auf Todes­strafe, auszufuhren durch den Strang."

„Eine furchtbare Kette von Beweisen," sagte Alexa gedankenvoll; ihr Gesicht war totenbleich, als sie die Schwierigkeit der Aufgabe erkannte, die sie übernommen hatte.

„Ja. Seitdem meine Gemahlin und ihr Vater meine Flucht bewerkstelligten, habe ich bis jetzt nicht die geringste Hoffnung gehabt, daß das unge­rechte Urteil aufgehoben und mein guter ehrlicher Name wieder hergestellt werden würde. Ich floh, um meiner Gattin und Dir den Schimpf meines

zur Not immer noch helfen. Sie sagen: Bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt I Willst du mir nicht aus freien Stücken dein Spargeld zu billigen Zinsen borgen, so mache ich neue Gesetze, die dir die Schröpfköpfe neuer Steuern ansetzen und deine Sparkasse zum Erwerb von Staats- Papieren zwingen. Bluten mutzt du, so oder so!

Ich fürchte, unsere Enkel und Urenkel werde« uns verfluchen, und zwar wegen der furchtbaren Schulden, die wir ihnen hinterlasien haben. Das dicke Ende kommt hintennach. Die Zinsenlast wird im Laufe der Jahre unerträglich werden. Unsere Nachkommen werden sagen: Waren das Dumm­köpfe oder Räuber, die in der Jugend deS Deut­schen Reiches die Pumpwirtschaft betrieben und als Schmarotzer der Zukunft Milliarden ver­brauchten?

Aber was helfen alle solche Erwägungen? Wenn jemand versucht, das Reich zur sparsame« Wirtschaft anzuhalten, z. B. in Südwestafrika, so wird er als antinational und kulturfeindlich ver­schrieen, es gibt Auflösung und Neuwahlen, und schließlich läppert sich eine ^.Mehrheit" zusam­men, die Pumpen für die edelste nationale Be­schäftigung hält.

, Darum will ich nicht versuchen, dem Finanz- Minister ins Gewissen zu reden; sie sind nun ein­mal berufen, Danaidenarbeit zu leisten, d. h. im­mer neue Millionenströme in das große Faß zu pumpen, das unten riesige Löcher hat. Ich möchte nur den Bürgern und Bürgerinnen zuru­fen: Ahmt das schlechte Beispiel von Reich und Staat nicht nach; haltet von eurem Hause die Pumpwirtschaft fern und lernt erkennen, daß Bar­zahlen erstens ein Vergnügen und zweitens sehr profitabel ist.

Es rächt sich alle Schuld auf Erden, sagt der Dichter. In der Mehrzahl würde es tauten: Es rächen sich alle Schulden auf Erden! Der Staat freilich denkt, er brauche ja das geborgte Geld nicht zurückzuzahlen, und nennt deshalb seine Schuld­scheine Konsols (festgelegte Werte), der Privat­mann aber, der ehrlich bleiben will, kommt um die Rückzahlpflicht nicht herum. Tie betreffende Summe mutz verdient werden. Entweder vorher oder nachher. Wird das Verdienen bis nach der Ausgabe verschoben, so müssen zu dem Kapital auch noch die Zinsen und die soiistigen Unkosten des Kreditgeschäfts erworben werden. Wer sich aber vorher die gewünschte Summe selbst er­wirbt, der bleibt von allen Unkosten frei, ja, kam» noch den Vorteil von Sparzinsen haben.

Einkäufen ist eine angenehme Beschäftigung; für manche Leute, namentlich weiblichen Ge­schlechts, ein Hochgenuß. Doch die Rose hat Dor­nen, sobald man auf Borg kauft. Man kann nicht so selbstbewußt und wählerisch auftreten; man muß sich manches aufhalsen lassen, was man sonst zurückweifen würde; die Preise sind meistens höher, und zu der gekauften Ware ist gleich die Sorge beigepackt: die Sorge um die künftige Be­zahlung. Aber wer mit dem baren Selbe in der Tasche klappern kann, dem stehen alle Türen offen, werden die besten Sachen vorgelegt und die billig­sten Preise berechnet, — der hat nachher die unge­mischte Freude am neuen Besitz, weil er weiß: das ist ganz und gar mein; es braucht nicht mehr unter Arbeit und Sorge bezahlt zu werden, son­dern es ist schon alles geregelt!

Borgen macht Sorgen! Ein Spruch mit reinem: Reim und tadelloser Wahrheit! Warum rufen sich die Leute das Wort nicht ins Gedächtnis, wenn sie pumpen wollen? Warum laben sie sich bte schweren Sorgen auf! Der Kriegsminister hat uns biefer Tage geschildert, wie die jungen Offi­ziere von den Wucherern ausgebentet werden. Er meinte, wenn die Vorgesetzten warnten vor dem oder jenem Halsabschneider, so könne das mehr Schaden als Nutzen anrichten, da die grünen Leut­nants sich sagten: „Aha, da ist also so ein Onkel, bei dem Gelb zu haben ist; den muß ich auch mal schmachvollen Tobes zu ersparen. Der Gefange­nenwärter entkam nach Amerika unb ist nicht er­griffen worben. Er hat für seine Hilfe eine an» sehnliche Summe erhalten und ist hoffentlich wohl­habend und glücklich. Meine Gattin erwirkte eine Scheidung von mir unb wird bald wieder hei­raten; der Fluch des Mordes lastet hauptsächlich auf mir und Dir, Alexa. Das Geheimnis zu erfor­schen, steht nicht in meiner Macht. Wer tötete meinen Bruder? War es ein Einbrecher, der die Juwelen stahl, oder einer der genannten fünf Männer? War es sonst jemand, auf den fein Ver­dacht fallen konnte? Eins ist gewiß: In dem Mo­ment, als ich an der Tür von meines Bruders Zimmer stand, lag dieser bereits ermordet in sei­nem Bette, oder doch in den letzten Zügen. Wäh­rend ich vor der Türe stand, war der Mörder im Zimmer, lauschend, den blutigne Dolch in der Hand. Bedenke, — nur eine schwache Wand zwi­schen ihm und mir!"

„Hattest Du einen Feind, Vater?"

„Nicht, daß ich es wüßte. Das zerrissene Ta­schentuch, welches sich im Kamin meines Zimmers fand und von welchem ein Stückchen die Hand meines Bruders hielt, war mir gestohlen worden, ebenso der Dolch, um den Verdacht auf mich zu lenken. Es schien mir, als fei das ganze das wohl­gemeinte Werk eines Feindes, aber ich konnte gegen niemanden Verdacht schöpfen, — nur, daß ich manchmal leise dachte, Renard könnte die Tat verübt haben. Diesen mochte ich nicht leiden, unb er wußte es."

„Ich mutz mir das alles ins Gedächtnis ein« prägen", sagte Alexa, „denn zu Papier bringe» darf ich es nicht. Der Schein war allerdings stark gegen Dich, und ich kann mich nicht wundern, daß Fremde Dich schuldig glaubten; aber daß die Frau, welche Dich liebte, auch an Deine Schuld glauben konnte, scheint mir unglaublich. Sie kannte Dich so gut, sie mußte wissen, daß Tu zu einem Mord unfähig warst. Ich könnte Dich einer schlechten Handlung nicht für fähig halten, Rater. Wie ist