Weiht iS gl«-, mit »urnahme der Sonn* nnö.Seititage. viertel- jnbtL vezugrprrir ohne vringerl hn unb Befttngtlbin.Sulbaunb auswärts t Ulf. sopfg.
ötranlworiliter Sd'riftitittr:a.We8ltr für »le »nzeiaen:
3. ParjeBtr in 5nlda
wochenbeilage: „Illustrierte Sonntagszeitung
An; e igen: Die ein« fpaltige vrtitieile oder deren Raum 15 Pfq. Reklamen »le velltzelle 25 pfg.; bei wieder- holunaen wird tntfpr. Rabatt ceroaiirl.
Rotali ons druck n. Verlag der $ul6att )le« tiendr ickerei in >,ulda. 8ttr.fprt.btt Rr 9.
M 90.
Fulda, Samstaq den 20. April 1907.
34. Icihrlianq. •
Zweites Mtatt.
Wochen-Rundschau.
n. Fulda, 20. April 1907.
Reichstag und Landtag find emsig an der Arbeit, und es ist schier unmöglich, die Fülle des Stosses zu verdauen. Dazu kommen noch Fürstenbesuche, Festlichkeiten, Telegramme und Aeußerungen hoher Persönlichkeiten und Helsen getreulich mit, den allgemeinen Wirrwar noch zu vergrößern.
Der Reichstag hat am Dienstag die Beratung des Etats des Innern zu Ende geführt. Ter Verlauf der Debatten hat gezeigt, daß alle, Parteien gewillt sind, an einer energischen Weiterfuhr u n g unserer Sozialpolitik mitzuarbeiten. Dem Zentrum kann das nur recht s;in. Die Budgetkommission hat ihre Bewilligungslust aus den Osterferien wieder mitgebracht. Sie genehmigte für die Reichskanzlei ein Unterstaatssekretariat als Lohn für die W a h l- arbeiten des Herrn v. Loebell, sowie die Errichtung eines Staatssekretariats für die Koloniem Zentrum und Sozialdemokratie stimmten dagegen. Weniger Freude macht der Regierung die Wahlprüfungskommis, s i o n. Sie erklärte die Wahl des konservativen Abg. v. Richthofen für n n g i l t i g wegen amtlicher Wahlbeeinflussung. Diese wurde erbluft in einem Schreibendes Reichskanzlers an den Chefredakteur einer Zeitung des betreffenden Wahlkreises. Ob das Plenum dem Beschluß beitritt, ist fraglich angesichts der schwankenden Haltung des Freisinns.
Im auswärtigen Amt ist ein Perso- nalwechsel zu verzeichnen. Der Personalreferent, Legationsrat v. Below, ist plötzlich zurück- getreten und durch Herrn v. Flotow, setther bei der Botschaft in Paris, ersetzt worden. Es sollen überdies Unstimmigkeiten zwischen Fürst Bülow und dem Staatssekretär des Auswärtigen bestehen.
Die Verleihung des Schwarzen Adlerordens an den F ü r st e n Albert von M o - n a k o hat allenthalben Kopfschütteln hervocge- "ufen.
In Oe st erreich -Ungarn haben die Ausgleichsverhandlungen diesmal zu einem Ergebnis geführt, das in der Verselbständigung Ungarns einen gewaltigen Schritt nach vor» wärts bedeutet. Von 1917 ab hört das Reich auf, p:n einheitliches Wirtschaftsgebiet zu sein .Zollschranken werden dann zwischen den beiden Ländern errichtet, zwar hat man sich einstweilen Vorzugszölle garantiert. Kaiser Franz Joseph weilt gegenwärtig in Prag, von Tschechen und Deutschen mit gleicher Begeisterung empfangen. Die Wahlbewegung für die Reichsrats- wahlen ist im vollsten Gange. Die besten Aussichten Haven die C h r i st I i ch-S oktalen, deren Programm sich mit dem des deutschen Zentrums so ziemlich deckt.
In Rußland ist der Streit zwischen der Duma und der Negierung beigelegt. Die Duma darf nach vorheriger Zustimmung des Ministerpräsidenten Sachverständige zu den Kommisiions- sitzungen zuziehen. 86 Abgeordnete haben sich zu einer Gruppe zusammengetan, um die Erhal- t u n g der Duma zu sichern und ihre positive Arbeit zu fördern.
Arg blamiert haben sich die franko- fischen Kulturkämpfer. Ein Abbe Jouin hatte sich in Paris wegen Aufreizung von ^er Kanzel herab vor Gericht zu verantworten. Er sollte aber nur das Werkzeug des S-sire- tärs der päpstlichen Nuntiatur Montagnini, gewesen sein, der seinerseits wieder seine Weitungen aus dem Vatikan erhalten habe. Das Gericht mußte aber konstatieren, daß diese Verum-
ALexcr
oder
Auf geheimnisvollen Wegen.
Roman von Eduard Wagner.
221 (Nachdruck verboten.)
„Es kommt mir vor, wie die Vertreibung aus dem Paradies," seufzte sie. „O, Vater —"
„Still I"
Sie hatten den Olivenwald betreten. Ganz in ihrer Nähe ließ sich das Geräusch von zahl- reichen Fußtritten vernehmen. Mr Strange zog Alexa tiefer in den Schatten einer dtchten Baum- gruppe, wo sie warteten und atemlos duschten
Die Tritte kamen näher und bald wurde eine Anzahl Männer sichtbar, welche vorsichtig dem Hause zuschritten. Sie waren an dm Flüchtlingen vorüber, als plötzlich sich die Stimme Spiridion's vernehmen ließ.
„Wir werden sie vollständig überraschen " sagte er. „Die Wolken am Himmel find unsere Der- bündcten und begünstigen unsere Unternehmen. Ehe der Mond sichtbar wird, werden wir mit dem Mädchen aus dem Wege nach unserer Gebirgs- fcstung sein. Der Geistliche ist gefangen und wartet. Ehe das junge Mädchen die Augen zum Schlafe schließt, wird sie mein W"ib sein. So feiert Spiridion seine TriumpheI"
Mr. Strange zog seine Tochter fester an sich und btelt sie mit starken Armen, während er den geladenen Revolver in der Rechten breit, bis die Räuber nicht mehr zu sehen und zu hören war°n Dann eilten Beide, ohne zu sprechen, binab an den Strand. Hier lag ein Boot, ihrer wartend, wel- ches sie bestiegen, und der darin sitzende Schiffer ruderte sie hinüber zu der Nacht, die in einiger Entfernung vom Ufer vor Anker lag
tungen völlig haltlos seien, auch sei nicht erwiesen, daß Abbe Jouin die Kanzel zu aufrühre- rischen Reden mißbraucht habe. Da aber diese eine Schlappe dem Ministerium nicht genügte, holte es sich noch eine zweite. Es verbot nämlich den Beamten und Militärpersonen die Teilnahme an den alljährlich in Orleans stattfindenden Feierlichkeiten zu Ehren der „Jungfrau von Orleans". Die Bürgerschaft samt dem radikalen Magistrate legten Protest ein und Clemenceau mußte den Rückzug antreten. Um die Blamage etwas zu verdecken, ordnete er an, daß neben den kirchlichen Feierlichkeiten weltliche in größerem Stile stattfinden sollen. Das Kabinett kracht und wankt in allen Fugen.
In England tagt gegenwärtig die Kolo- nialkonferenz; die Ministerpräsidenten aller Kolonien sind eingetroffen. Es soll ein Kolonialrat geschaffen, und eine engere Verbindung der Kolonien mit dem Mutterlande angestrebt werden. Diese wäre aber nur zu erreichen durch Gewährung von Vorzugszöllen an die Kolonien, was aber gegenwärtig in England unmöglich ist, da überhaupt keine Zölle bestehen. Man hält deshalb die Verhandlungen allgemein für zwecklos. König Eduard reift unterdessen weiter. Er hatte eine Zusammenkunft mit dem KönigvonJtalienNi Gaeta. Man vermutet, daß Italien die Vermittlerrolle auf der Haager Konferenz bezüglich der Abrüstungsfrage übernehmen solle, andere wieder glauben, daß der Besuch in Zusammenhang mit der Zusammenkunft der Könige von Griechenland und Italien stehe.
Der heilige Vater kreierte in einem Konsistorium mehrere neue Kardinale und hielt dabei eine Ansprache, in welcher er seinem Schmerze über die Verhältnisse in Frankreich Ausdruck verlieh.
Belgien hat eine Ministerkrisis; der König weilt noch an der Riviera, die Kammer, welche von der Regierung in nichtswürdiger Weise an der Nase herumgeführt wurde, ist vertagt worden.
Auch Montenegro, das erst vor kurzer Zeit von seinem Fürsten mit einer Verfassung be- glückt wurde, hat in dieser Beziehung offenbar schon viel gelernt. Es leistete sich nämlich auch das Vergnügen einer Abdankung des Kabinetts.
In Amerika stand die Eröffiuing und Einweihung des „C a r n e g i e - I n st i t u 18" in Pittsburg im Vordergrund des Jnteresies. Es umfaßt eine Bibliothek, eine Gemäldesammlung, ein Museum für Naturgeschichte, ein Konservatorium für Musik sowie technische Schulen Mehr als 100 Millionen hat Carnegie, der edle Menschenfreund, dafür aufgewendet. Die Segnungen des Instituts sollen den unteren Schichten unentgeltlich zugute kommen.
Unpolitische Zeitkäufe.
(::) Berlin, 18. April 1907.
(Nachdruck nicht gestattet.)
Schülerselbstmordel Ein entsetzlich's Wort. Der Menschheit ganzer Jammer packt einem an, wenn man liest oder hört, daß schon blutjunge Menschen, noch halbe Kinder, die eigentlich jauchzend und pfeifend durch das Frühlingstal ihres Lebens hüpfen sollten, sich der Verzwe'f- lung ergeben, Hand an sich selbst legen und ihr kaum begonnenes Leben im Keime ersticken.
Tie Schülerselbstmorde werden häufiger, und das ist ein schlimmes Zeichen der Zeit. Die Schuld schiebt man gern auf die Schule; namentlich dann, wenn die Verzweislungstat durch eine schlechte Zensur, Sitzenbleiben oder sonst einen unangenehmen Zwischenfall im Schulleben ausgelöst wird. Es heißt dann, der Schüler sei durch ge- kränkten Ehrgeiz oder Furcht vor Strafe in den
Wenige Minuten später befanden sie sich an Bord des Sckisfes. Die Segel wurden gehißt, dieAnker gelichtet, und die Nacht setzte sich langsam in Bewegung. Mr. Strange und ferne Tochter nahm-m auf einer Bank Platz und sahen nach dem Lande zurück, in der Erwartung, zum Abschied noch einen Schimmer von der alten lieben Heimat zu entdecken; aber es war so dunkel, daß sie nicht einmal die Umrtffe des Hauses am Himmel abgegrenzt sahen.
Die Nackt war in vollem Lauf, getrieben von einem frischen Luftzug, als den Flüchtlingen noch ein Anblick ihrer Heimat zu Teil wurde, aber ein solcher, wie sie ihn nicht gewünscht und nicht er- wartet hatten. Einzelne Blitze zuckten auf. schwere, duukelrote Rauchwolken auollen empor, und kaum eine Minute später brachen die hellen Flammen aus, immer mebr sich ausbreitend, den Himmel mit glühendem Rot färbend und die Umgegend mit Tageshelle erleuchtend. Das Haus branntel Die jahrelange, sichere Zufluchtstätte des Geächteten, das friedliche trauliche Heim b?§ EnisiedlerS in welchem er sogar zu Zeiten feinen Kummer hatte vergessen können, der Ort, wo die Jungfrau ihre siißm Träume aeträumt, — war durch ruhe, mordlustige und rachsüchtige Wüteriche der Zer- störung durch Feuer preisgegeben. Und um das brennende Haus bewegten sich bunte Gestalten, die in der roten Glut wie bei ihrer Höllenarbeit £>o schästiate Teufel aussahen.
„Unsere alte, liebe Heimat!" feufzte Alexa.
„Ich batte gehofft, das Grundstück in Athen zu verkaufen," sprach der Vater, „aber diese Schurken werden, da sie einmal mit ihrem Zerstörung?- werk begonnen, nicht ruhen, bis alle Gärten und Anlagen in eint Wüste verwandelt sind."
Tie Nacht flog vor dem ftärf-’r werdenden Winde wie ein Pfeil dahin, und die brennenden Ruinen entschwanden allmählich den Blicken der Fliehenden. Die Nacht wurde kübl und Alera
Tod getrieben worden. Aber in solchen Dingen empfiehlt sich Vorsicht beim Urteilen. Ter letzte Anstoß, der die Hand des Selbstmörders in Bewegung setzt, ist nicht immer die einzige ober auch nur die hauptsächlichste Ursache des Unheils. Einem gesunden Menschen schadet ein plötzlicher Schreck nicht; ein kranker Mensch kann aber davon einen Herzschlag oder einen epileptischen Anfall bekommen. In der Regel geht bem Selbstrnorbe eine ernste schleichende Krankheit des Leibes und der Seele voraus. An dieser Erkrankung hat das Elternhaus oft mehr Schuld, als btz Schule, und manchmal sind alle beide unschuldig, da der Keim bet Krankheit braußen erworben worben ist, auf ben Straßen unb Spielvlätzen, vor den Schaufenstern ober in den Bücherläben, vielleicht auch beim Verkehr in benachbarten Wohnungen.
Es sind auch nicht immer die sogenannten schlechtesten Schüler ober Sitzlinge, die dem Selbst- morbteusel zum Opfer fallen. Da waren z. B. vor 6 Wochen auf einer schlesischen Eisenbahnstation zwei Präparanben aus Rawttsch mit schweren Schußwunden im Kopfe aufg"funden worben. Es hieß sofort, sie hätten den Tod gesucht, weil ihre Versetzung in bie höhere Klaffe fraglich gewesen sei. Aber tatsächlich gehörten die beid m Unglücklichen zu den besten Schülern der Anstalt, waren schon mehrfach prämiiert worden und sollten zu Ostern wieder eine Auszeichnung erhalten. Warum sind sie denn in den Tod gegangen? Darüber haben die sechzehnjährigen „Lebensmüben" sich ausgesprochen in einem hinterlafscnen Schreiben an ihre Lehrer, das in der „Täglichen Rundschau" von einem Schulmanne auSzüglich veröffentlicht wird.
Sie wollen ihren Schritt in dem Schreiben rechtfertigen und erörterten deshalb zunächst, ob denn der Selbstmord wirklich unsittlich fei, wie die Religion lehre. Da finden sich nun folgende rer- blüffende Sätze:
„Tw Mensch Hat als denkendes Wesen seinen freien Willen, und was e r t u n k a n n, d a » u Hat er auch das Recht (Leo Tolstoi). Da er es nun in der Hand hat, seinem Leben willkürlich ein Ende zu machen, so Hat er auch das Recht dazu."
Einem grünen Kopf von 16 Jahren muß man manches zugute halten. Aber dies-» Ansicht, daß dem Menschen alles erlaubt sei, was er ru tun vermöge, zeigt doch eine Verwilderung der Vernunft und des Gewissens, die über alles Maß geht. Die jungen Leute (eigentlich noch Knabm) müssen ja das tollste Zeng sich angolesen bcr'-'u, wdaß ihnen das ganze Pflichtgefühl and jeher Respekt vor einem göttlichen Gebot ober Verbot abhanden gekommen ist. Das wirrt allerdings ein bedenkliches Lickt auf bie Erziehung, die sie genoffen. Wir treffen da als Beförderer des Selbstmordes den U ng I a u 6 e n.
Der Mangel an Glauben tut es aber in der Regel nicht allein; es kommen die bösen Lüste hinzu: Augenlust, Fleischeslust und Hoffahrt des Lebens, wie der Katechismus in meisterhafter Welt- unb Menschenkenntnis sie aufzählt. Im vor- liegenden Falle von Ramitfck ist nun von Dinaen, bie das sechste Gebot berühren, nicht die Siebe; doch spielen bekanntlich bei anbexen Jünglinas- selbstmorben die geschlechtlichen Angelegenheiten oft eine verhängnisvolle Rolle. Die ermähnten Präparanden enthüllen sick in ihrer Verteidigungsschrift als Opfer der Hoffahrt, die mit einem Schuß Habsucht verseht ist. „Wir finden", so lagen sie, dieses Leben unerträglich, das doch ben meisten unserer Kameraden als ganz leidlich erscheint. Wir stehen jedoch in dieser Beziehung weit über unfern Kollegen, h ir machen andere Ansprüche an das Lehen, wir glauben nir höhere Sphären geboren zu sein. Wenn es noch ein hohes Ziel wäre, für das wir arbeiten! Aber sich anzustrengen, um später einmal mit 1000 dt Gehalt als elendes Dorfschulmeisterlein sein Leben vertrauern zu müssen! .. Was würben wir arbeiten unb ringen, wenn uns das Studium
begab sich in die kleine Kajutte und legte sich *mf das Sopha. Sie schlief diese Nacht nickt, sondern lausckte den Tritten ihres ?Bater§, welcher gedankenvoll auf dem Verdeck auf- und abging, horchte auf das zeitweilige Rufen der Schisser, auf das Knarren des Tauwerks und das leite Plätschern des Wassers am Sckifs: dabei backte sie an ihren Geliebten, ber nun hoppelt für sie verloren schien, ba er nicht wußte, wo sie sich ein neues Asyl ge- grünbet hatten.
Beim Anbruch des Morgens ankerte das Schiff am Piräus. Mr. Strange brockte feine Tochter an's Land und in -'in Gasthaus, ging dann an's Schiss zurück, um die Ausladung des Gepäcks zu bewachen. Nachdem dies geschehen, fuhr er mit seiner Tochter mit dem ersten Zuge nach Athen, wo sie in einem Hotel zwei Zimmer mieteten und sich als Mr. Staffo und Tochter rn's Fremdenbuch eintrugen.
Alexa im Hotel znrücklasseud, begab sich Mr. Strange zu seinem Agent'N, dem er nach kurzer Verhandlung das Sckisf nebst Labung für tret Viertel des wirklichen Werf s verkaufte. Er feilte dem Agenten sein Mißgeschick mit und beauftragte ihn, das Grundstück zu besuchen und zu jedem nur einigermaßen annehmbaren P'eise zu verkaufen.
„Sie wollen nicht zii-ückkebren?" fragte ber Agent verwunbert; „selbst nicht, wenn Spiridion gefangen werden sollte?"
„Unter keiner Bedingung."
„Eine große Abteilung Militär :fl infolge der Mitteilungen, welche der Lord Kingscouct dem Gouverneur und dem englischen Konsul machte, bereits noch der Richtung von Korinth abgegan- gen, um ihn zu suchen. Es ist möglich, laß sie ihn gefangen nehmen."
„Es ist wohl möglich", erwiderte Mr. Strange mit leichter Ironie, „aber nicht wahrscheinlich. Ich
höherer Wissenschaften vergönnt wäre. Da uns dies aber unserer pekuniären Mißverhältnisse wegen nicht verstattet ist, so ziehen wir eben den Tod einem Leben in untergeordneter, abhängiger, womöglich bienender Stellung vor."
So hochfahrend urteilen sechszehnjährige Burschen über den Lehrerberuf, zu dem sie sich vorbereiten ! So aufgeblasen reden sie von ihren eigenen Fähigkeiten und Rechten! Mancher begabte und gew'ckte Junge, ber in bie Fabrik gehen muß, wirb bie Präparanben beneidet haben, weil sie studieren können und Aussicht haben, einftcn3 Bildner des Volkes zu werden. Sie selbst aber beneiden wieder diejenigen, die auf den Hochschulen studieren können, und bilden sich ein, daß nur die akademischen Berufe überhaupt menfdhemriir- big seien. Daß ein Volksschullehrer bei guter Anlage unb Arbeitskraft bis auf die höchste B.l- dungsstufe gelangen kann, leuchtet ihnen nicht ein: bie „pekuniären Verhältnisse" gelten ihnen als die Hauptsache. Auck den Lehrerbeauf messen sie mit ber materiellen Elle. Das Dorsschulmeister- lein scheint ihnen trotz aller Geljaltsausbesserun- gen noch ein viel zu geringes Einkommen zu haben. Die idealen Seiten ber Leh» Erstellung hn Torf, das Behagen an den Erfolgen, die der Lehrer in der Erziehung ber Kleinen unb der Großen hat, bafür haben die unznfriebenen Burschen gar keinen Sinn. Die Lehrerstellung halten sie für „untergeorbnet, abhängig, womöglich dienend". Sind denn die akademischen Berufe, nach denen sie sich sehnen, wesentlich bester geswllf? Man sieht, die Selbstüberschätzung und die Begehrlichkeit waren in diesen unglücklichen Jungen zu einer ungesunden Höhe entwickelt, die richtige Beurteilung ber Wirklichkeit war geycmmt. Selber fliegen die Bazillen, aus denen sich folche Krankheitm entwickeln, arg in der modernen Luft herum. Am Gold hängt, nach Gold drängt doch alles; auch in den höheren Berufen wird die ewig brennende Gehaltsfrage mit vwl mehr Eifer und Lärm behandelt, als die sämtlichen idealer Interessen. Die Bildung, deren hohen sachlichen Wert gewiß kein Verständiger beitreiten kann, wird in neuerer Zeit vi sifach zu einem icrmalen Zierrat, zu einem Erkennungszeichen für die Äb- ftnmmung ans wohlhabender „feinerer" Familie gemacht. Vergleiche das bekannte Schlagwerk von „Bildung und Besitz". Vergleiche ebenso den Begriff ber „Safissaktionsfähigkeit". surc6 ben die „akademischen" Kreise mit den Offizieren gleich- stufig zu werden hoffen.
Ob hier nicht Fingerzeige zur besseren Erziehung des Nachwuchses gegeben sind? Die überspannten Ansichten von her allein befriedigenden Herrlichkeit des akademischen Berufes sollte man rechtzeitig einsckränken. G-'wiß muß die Jug-nd Strebsamkeit haben, aber den Nachwuchs unzufrieden zu machen, das sollte man der sozialdemokratischen Agitation überlassen. Nein, man sollte den Jünglingen Freude und Wohlgesallen >.n d'm erwählten Berufe beibringen und deshalb fhn-n klar machen, daß sie auch an ber bescheidenen St'lle sehr viel Gutes unb Schönes wirken können, w'nn sie nur ihre Pflicht erfüllen, unb daß die sogenannten höheren Berufe durchaus nicht lauter Prackt und Seligkeit sind, londern neben den her- gänglich'n Rosen sehr scharf? und dauerhafte Dornen wachsen. Und was die Bildung angeht so sollte man dem Nachwuchs immer wieder la am daß die wirkliche und wahre Bildung des Geistes und des Herzens etwas großes und beglückendes sei, daß aber diese Bildung überall und Vf r allem nach bem Maße ihrer Talente unb ihres Fleißes er narben werden kann unb wohl zu unterscheiden ist von ben bloßen Zeugnissen über einen gewissen Aufenthalt an Hochschulen.
Den Kastengeist und ben Mamnwnsgeist muffen wir austreiben.
Tie Hauptsache ist aber schließlich, wie der hinterlassene Brief ber beiden unglück'ichen Jünglinge zeigt, die Bewahrung des Glaubens und d-'k
werde mir eine Heimat suchen, oo sich größere Sicherheit für Leben unb Eigentum bietet."
„Er entfernte sich und kehrte in 8 Haus zu seiner Tochter zurück. Tie Koffer unb Kisten waren inzwischen angekommen unb auf die Zimmer gebracht worden.
„Nun sie hier sind, scheint mir hr Inhalt fast wertlos," sagte Mr. Strange, als r-r mit seiner Tochter zu einer späteren Stunde in feinem Zimmer saß. „Tu kannst das griechische Kostüm,nicht mehr tragen. Es würde nur Aufnu rksairckeit erregen, wenigstens dann, wenn wir Griechenland verlassen haben."
„Hast Tu schon einen Entschluß gefaßt, wohin wir gehen wellen?" fragte Alexa.
„Noch nicht. Die ganze Welt sieht uns offen, aber ich habe mich noch nicht entschließen können, wohin wir uns wenden sollen. Ich habe an eine Oase in der Wüste gedacht, an eine Insel im sti'len Ozean, an eine entlegene Hütte in den russischen Steppen, an verschiedene Platze, weit entf-rr-t von dem Verkehr der Welt. Bin ich egoistisch. Alera, Dich mit mir so von ber Welt abzuschl'.e- hen?
„O nein, Vater. Ick habe ntemanben kennen gelernt, als Dick unb Lord Kinascourt. Ich bin nickt an die Gesellschaft ber Menschen gewöhnt unb kann also auck kein Verlangen danach haben."
„Wohl mag ich hart erscheinen, mein Kl nd, aber in Wirklichkeit meine ich es aut mit Dir Vertraue mir."
„Ja, Vater, ich vertraue Dir!" rief das Mädchen aus vollster Seele unb fügte bann mit Zart lrckkeit hinzu: „Aber es betrübt mich, Dttec, Dich Deine Bürde tragen zu sehen. , Kannst Du nicht einen Teil auf meine Sckulter legen?"
Der Vater schüttelte sein Haupt.,
„Ich glaube, baß ich Dein Geheimnis erraten habe," sprach Alexa sanft.
Mr. Strange erschrak heftig.