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w»chei>b«ll<>g«: „Illustrierte Sonntagszeitung" m«natsMiage: „Mdaer SefchichtsblStter"
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Rotation,druck u. Verlag der Sulbaer A« tienör iderei in Sulda. Serrjpre j>er Rr *#.
M 84.
Fulda, Samstag den 13. April 1907.
34. Iliurnang.
Irveites WLaLt.
wochen-Run-schau.
n. F«lda, IS. April 1907.
Die politisch ruhige Osterzeit ist vorüber, und die Regierungen, Parlamente und Diplomaten haben ihre Arbeiten wieder ausgenommen. Der deutsche Reichstag ist am Mittwoch zu» sammengetreten. ®t wird den Etat fertig beraten, vielleicht auch den Entwurf betreffend Einschränkung der MajestätSbelewigungSprozeffe in dreimaliger Lesung annehmen und dann in die Pfingstferien gehen, um erst im Herbst die Arbeiten wieder von neuem aufzunehmen. Fürst Bülow ist am Tage zuvor auS Italien in die Reichshauptstadt zurückgekehrt. Die Zusammenhaltung der neuen ReichStagSmehrheit macht chm stete Sorge, bald sucht man von rechts, bald von link» die Harmonie zu stören.
DaS trat auch auf dem in letzter Woche zu Berlin abgehaltenen Delegiertentag der „Freisinnigen Bereinigung" zu Tage. An Ausfällen gegen die Konservativen, aber auch den Kanzler ließen eS die einzelnen Redner nicht fehlen. Wie ein schriller Mißton klangen die Auslaffungen der freisinnigen Herren in daS Blockkonzert hinein. MU Bitten und Drohungen wollen sie eine „liberale Aera" erzwingen. Davon aber wollen die Konservativen nichts wiffen.
Trostlos, wie in der inneren Politik, ist für unsere leitenden Staatsmänner auch der Ausblick auf die äußere Politik. Da steigt als schwarze Wolke am Himmel die Friedenskonferenz i m H a a g herauf, deren Zusammen- tritt nunmehr auf den 15. Juni festgesetzt ist. Bieles gibt eS da noch zu tun, damit daS Reich nicht in dieselbe Isolierung gerät wie in AlgeciraS. Die von England zur Beratung gestellte AbrüftungSsrage wird sicher zu Unstimmigkeiten führen, da England alles daran- ietzt, um Deutschland und Oesterreich wieder in (Aeaeniatz zu den übrigen Mächten zu bringen. Die in Zuiammenhang mit der Abrüstungsgfrage von Deutschland angeregte Neuregelung deS See- kriegsrechtS anderseits (die Handelsflotte soll als Privateigentum erklärt werden) stößt auf den energischen Widerspruch Englands und Japans. Jedenfalls wird eS auf dieser Friedens- konteren; nicht gerade allzufriedlich hergehen. Unser „treuer Verbündeter" Italien hat bereits offiziös erklären lassen, daß er trotz der „Ideen- übeie nstimmung" für die englischen Vorschläge 'intr tt. Merkwürdig, aber angesichts der Hal- an9 aus der Marokkokonferenz nicht mehr neu.
Eduard VII. von England ist schon emsig an der Arbeit, für seine Pläne zuverlässige Bundesgenossen zu werben. Er war zu Beginn dieser Woche in Cartagena in Spanien, nm Alfons XIII. zu besuchen. Trotz aller Bemühungen, den Besuch als bloßen Akt der Höflichkeit htnzustellen und ihm wegen der ver- wandtschastlichen Beziehungen der beiden Monarchen einen rem familiären Anstrich zu geben, ist und bleibt der Betuch p olitisch hochbedeut- am Eduard VII. bat Frankreich und Italien nt-n englischen Interessen bereits dienstbar ge- macht, und nun sollte auch die Saat, die in Spanten durch Vermählung des Königs mit e i-ei englischen Prinzessin gelegt ist, zur Reife gwty-x- ............
Alexa
oder
Auf geheimnisvollen Wege».
Roman von Eduard Wagner.
!5s (Nachdruck verböte«.)
„Sie sehen, Mylord, daß sie nicht an meiner Liebe zweifelt, obwohl ich sie grausam verwunde, obwohl ich ihr Glück zerstören mutz, — und auch lki6 Ihre", sprach Mr. Strange weiter, zu Lord Kingscourt gewendet. „Alexa Weitz, datz ich sie liebe. Sie fragt, was sie getan hat. Ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, Lord Kingscourt, datz kein Schatten von Schuld auf ihrem jungen Haupte liegt. Der Fluch, welcher ihr Leben verdunkeln mutz, welcher sie fernhält von ihrem Ge- schlecht, welcher sie ausschlietzt von allem gesell- schastlichen Anteil, allen menschlichen Interessen: von Liebe, Heirat, selbst Freundschaft, — dieser Fluch lastet auf ihr durch da? Unrecht anderer. Sie ist ein unschuldiges, hilfloses Opfer. , Ich wollte ihr die Mitwiffenschaft dieser schrecklichen Tatsache verbergen; ich dachte, sie sollte nie eine Ahnung von der Wahrheit erhalten. ES war ein unheilsvoller Tag für uns, als Sie, Lord Kingscourt in dieses Haus kamen."
„Sie haben zu viel gesagt, Mr. Strange, als datz Sie uns weitere Mitteilungen vorenthalten könnten!" ri?f ber Graf ungeduldig. „Sagen Sie uns, — wir haben ein Recht, es zu wissen, — worin besteht das furchtbare Geheimnis?
• „Ich kann es lohnen nicht sagen. Ich habe es viele Jahre in meinem Herzen still getragen, und cS hat an mir gezehrt wie ein nagender Wurm. Das Geheimnis mutz mit mir begraben werden."
„Aber ist das gerecht gegen Alexa und mich? Wir haben em Recht, von Ihnen Aufklärung zu
gebracht werbt«. Die englische Presse behandelte Spanien in den letzten Monaten mit ausgesuchter Freundlichkeit, desgleichen ist der englische Monarch von der liberalen und ofsiziösen spanischen Presse mit Begeisterung begrüßt worden, wobei eS an Seüenhieben gegen Deutschland nicht fehlte. AlfonS XIII. war begleitet von seinem Ministerpräsidenten, sowie dem Minister deS Aeußeren, Eduard VIL hatte seinen Minister deS Aeußeren ebenfalls mitgebracht. Auch die beiderseitigen Botschafter in London und Madrid wurden noch in letzter Stunde nach Cartagena beschießen.
Zu gleicher Zeit fand eine andere, allerdings minder bedeutsame Fürstenzusammenkunft statt. Viktor Emanuel II. von Italien weilte in Athen beiKönig Georg von Griechenland. Auch hier natürlich Ableugnung jeglicher politischer Bedeutung deS Besuches. Auch hier waren die Minister zugegen, und es wird sich wohl um eine Besprechung der Balkanverhältnisse gehandell haben. Italien fischt schon lange im Trüben, und Griechenland, das für sich allein zu schwach ist, braucht eine Stütze und sucht deshalb Anschluß an Italien. Daß es bei den beiden Zusammenkünften an Salutschüssen, herzlichen Begrüßungen und Ordensverleihungen nicht fehlte, braucht nicht eigen- gesagt zu werden.
Die Türkei war ob deS Besuches in Athen etwas verschnupft; sie vermutete, daß wieder einmal auS türkischem Leder Riemen geschnitten werden sollten, hat sich aber wieder beruhigt, da der König von Italien dem türkischen Gesandten in Athen freundschaftliche Versicherungen gegeben hat.
Auch die übrigen B alkanst aaten sahen dem Besuch mit einigem Unbehagen zu, sie fürchten alle, bei der Verteilung der Beute einmal zu kurz zu kommen.
Die Bauernunruhen in Rumänien haben sich gelegt; wenigstens sind neue Unruhen in letzter Zeit nicht gemeldet worden.
Dagegen geht eS in Rußland im alten Stil weiter. Räubereien, Unruhen, auch hie und da ein Moid find etwas alltägliches. Die Duma ist in die Etatsberalung eingetreten und dabei ist es zu einem Konflikt zwischen der Regierung und der Duma wegen Kompetenzüberschreikung, begangen durch die letztere, gekommen. Die Duma hat nämlich nur die Möglichkeit, den Etat als ganzes anzunehmen oder abzulehnen, sie darf an den einzelnen Positionen keine Aenderung vornehmen. Schon rechnete man mit der Auf- lösung der Duma, allein die Duma selbst um- steuerte mit Geschick die Klippe, indem sie den Etat vorerst an eine Budgetkommission verwies. Sie hat damit gezeigt, daß sie positive Arbeit zu leisten entschlossen ist.
Die finnischen Landtagswahlen haben eine bedeutende Verstärkung der Sozialdemokratie gebracht. Auch 19 Frauen sind in das Paria- ment gewählt worden, 9 davon gehören der sozialdemokratischen Partei an. Fast in allen Bezirken waren 6ü% derer, die zur Wahlurne gingen, Frauen.
Die Ministerkrifis in Holland ist nach einer Dauer von zwei Monaten nunmehr zu Ende. Das alte Ministerium de Meester bleibt, nur der Kriegsminister Staat ist gegangen und durch den Kommandanten von Amsterdam, Rappard, ersetzt worben. Das Kabinett ist liberal, doch läßt sich in Holland kaum liberal regieren, da die erste Kammer durchweg konservativ ist (Reformierte und Katholiken^ während in der zweiten
verlangen, warum Sie unser Glück, — unser Leben vernichten? Vielleicht haben Sie Ihren Kummer überschätzt, Mr. Strange, vielleicht —"
„Ueberschätztl" erwiderte der Einsiedler mit bitterem Lächeln. „Wollte Gott, daS wäre möglich!"
„Es ist möglich!" rief der Graf fest; „und darum frage ich nochmals: Was ist das Geheim- nis? Lassen Sie uns Ihren Kummer teilen. Sie haben so lange darüber nachgegrübelt, daß Sie die Sache jetzt vielleicht viel schlimmer ansehen, als sie es in Wirklichkeit ist. Lassen Sie uns vernünftig darüber sprechen; lassen Sie Alexa's Liebe und die meinige Ihnen eine Befreiung von der drückenden Last doch eine Erleichterung werden."
„Ich bin in der Blüte meines Lebens, was die Jahre anbetrifft", sagte Mr. Strange. „Ich bin noch nicht fünfundvierzig Jahre alt. Mein Geist ist frisch und tätig Ich bin ehrgeizig. Ich möchte um alles in bet Welt den Platz unter den Menschen einnehmen, der mir zukommt, möchte meine Zeit zum Wohle meiner Mitmenschen verwenden, einen Einfluß auf andere ausüben und mein Wort bei der Entscheidung politischer, oder foitfti- ger öffentlicher Fragen in die Wagschale legen. Auch habe ich Gefallen an geselligem Leben. (Stauben Sie nach diesen Versicherungen, nach diesem Bekenntnis noch, Mylord, daß es eine bloße Laune war, welche mich aus meinem Vaterlande trieb, welche meinem Streben plötzlich Einhalt tat, meine Hoffnungen vereitelte, meine schönsten Pläne zerstörte und mich zu einem Einsiedler macht in einem verlassenen Tale, fern von meinem Vaterlande, fern von meinen Landsleuten, ja selbst fern von allen Menschen?"
Der junge G'af schwieg, er war tief erschüttert, mehr von der gänzlichen Verzweiflung, die aus Mr. Strange'S Ton und seinen Mienen sprach, als von seinen leidenschaftlichen Worten.
Kammer die Liberalm und Sozialisten gegenüber dm Konservativm über eine Mehrheit von nur 2 Stimmen verfügen.
Frankreich berauscht sich noch immer an den Enthüllungen auS den Papierm MontagniniS. Selbst liberale deutsche Blättern erklären das ganze Geschrei allmählich für lächerlich. Uebrigens bereitet Montagnini eine Schrift zur Aufklärung und Abwehr vor.
Der schneidige Auftreten Frankreichs m Marokko hat allgemein die Lage nur verschlimmert. Deutschland, Frankreich, England und Spanien haben sich bezüglich der Errichtung bet drahtlosen Telegraphie in Marokko dahin geeinigt, daß daS Kapital der genannten Länder m gleicher Weise beteiligt werden soll.
In den Vereinigten Staaten rüsten sich die Parteien bereits zur Präiidentschasts- wähl. 58 Redakteure haben einen Aufruf er- lassen, worin sie darauf Hinweisen, daß unter den gegenwärtigen Verhältnissen nur der jetzige Präsident Roosevelt der einzige geeignete Kandidat sei. Roosevelt selbst hat sich zu der Frage noch nicht geäußert. Sein Schwiegersohn Lonzworth hat sich für die Kandidatur Taft ausgesprochen. Taft ist bekanntlich Marine» staatssekretär und ein intimer Freund Roosevelts.
Unpolitische Zeitlause.
(::) Berlin, 11. April 1907.
(Nachdruck nicht gestattet.)
In der Scheune, wo wir vorläufig unseren Gottesdienst halten, war cs am vorigen Sonntag wunderschön. Zürn erstenmale seit 370 Jahren wurde wieder in Zehlendorf das Fest der Kinderkommunion begangen. Bisher mutzten die hier wohnenden Katholiken ihre Kinder an diesem ihrem Ehren- und Heilstage erst eine kleine Reise mit der Eisenbahn machen lassen, in früheren Jahren nach Berlin, in den letzten Jahren nach Steglitz. Jetzt endlich, nachdem im vorigen Jahre hier das ewige Licht wieder angezündet worden ist und ein Seelsorger sich niedergelassen hat, kann auch dieses erhebende Gemeindesest am Orte selbst begangen werden. Da fühlt man so recht, welch' ein Segen und welch' eine Freude es ist, die Kirche im Dorfe zu haben. Und wenn auch die Kirche nur eine Scheune ist, die vier Manern der Scheune erweitern sich, die niedrige Decke erhebt und wölbt sich, die Feuchtigkeitsflecken an der Wand verschwinden, die dumpfe Lust wird nicht mehr gespürt, das armselige Bauwerk kommt den ergriffenen Gläubigen tote ein herrlicher Dom vor, wie die heilige Borhalle des Himmels, wie das erhabene Haus des Herrn, der da gesagt hat: Lasset die Kindlein zu mir kommen l
Mit neun Kommunionkindern machte die junge Gemeinde den Anfang. Aller Anfang ist schwer. Die Sammlung und Erziehung des Nachwuchses ist nicht so einfach, wie in einer alten, wohl begründeten Gemeinde. Was dort von selbst sich ergibt, erfordert hier viel Umsicht und Arbeit, im Weinberg des Herrn gibts manche schwere und int weltlichen Sinne undankbare Posten, besonders in dem Großberliner Teil der Diaspora. Unferm Kuratus Dr. Strehler war die Herzstär- kung wohl zu gönnen, die er am Weißen Sonntag empfand, als er zum erstenmal den Nachwuchs der jungen Gemeinde den Taufbund erneuern lassen konnte in der Hoffnung, daß nun Jahr für Jahr in stets wachsender Zahl seine Zöalinge vorrücken. Das sind die lebendigen Bausteine, auf die es vor allem ankommt.
Ueber die anderen, materiellen Bausteine, zu denen uns die guten Leser verhalfen haben und noch verhelfen, reden wir nächstens noch bei der Feier der Grundsteinlegung, die am Himmel-
„Nein", fuyr Mr. (Strange nach kurzer Pause fort, „ich kann Ihnen meine Geschichte nicht erzählen; ich kaim Ihre Sympathie nicht annehmen, Mylord. Wir, — ich und mit mir meine Tochter, — find geächtet, verflucht! Alles, waS ich von Ihnen erbitte, ist: verlassen Sie uns. Sie sind jetzt kräftig genug zum Reisen. Lassen Sie mich Sie morgen früh unter Bedeckung nach Athen schicken. Gehen Sie nach England, vergessen Sie Alexa und suchen Sie sich eine Ihrem Stande angemessene Braut, auf welcher kein Fluch lastet "
„Diese Bitte kann ich nie erfüllen", erklärte der Graf erregt „Ich liebe Alexa von ganzer Seele. Nie zuvor liebte ich. Bei mir bedeutet einmal lieben für immer lieben. Ich kann Alexa nicht aufgeben —"
„Dann werden Sie uns von unserer Zufluchtsstätte treiben an einen anderen Platz, an Einsamkeit und Abgelegenheit diesem gleich, wo Sie uns nicht aufzufinden vermögen. Wenn Sie Griechenland nicht sogleich verlassen", fügte er mit Würde hinzu, „müssen wir es tun."
„Alexa", rief Lord Kingscourt," bitte Du für mich. Tein Vater liebt Dich und kann Deinen Bitten nicht widerstehen. Alexa, kannst Du Dich so leicht von mir losfagen?"
Alexa erhob ihren Kopf und zeigte ihr bleiches Gesicht, auf welchem ein unsägliches Weh, aber auch feste Entschlossenheit ausgedrückt waren. Ruhig richtete sie ihre von Tränen getrübten Augen auf Lord Kingscourt, toeldjer aus diesen Augen las, daß sie entschlossen war, sich dem Ans- spräche ihres Vaters zu fügen und ihrer Liebe zu entsagen.
„Still, Alfred", sprach sie mühsam mit gebrochener Stimme. „Siehst Tu nicht, wie schwer mein Vater leidet, tote viel er zu tragen har? Er würde mir nicht verweigern, was sein Leben mit dem größten Glanz krönen würde, wenn es nicht notwendig wäre. Ich liebe Dich, Alfred.
fahrtsfeste (9. Mai) stattfinden soll. Inzwischen befindet sich der große Klingelbeutel immer noch bei Pfarrer Deitmer in Steglitz.
Den katholischen Nachwuchs zu sammeln und zu sichern, fei hier zu Lande besonders schwer, sagte ich vorhin. Das erklärt sich ohne weiteres schon durch die Ueberzahl und Uebermacht des protestantischen Bekenntnisses, durch die Mischehen, durch das Dorwiegen der fluktuierenden Bevölkerung auf der katholischen Seite. Auf einen besonderen Punkt macht noch der jüngste Jahresbericht des katholischen Charitas-Verbandes für Berlin und Vororte aufmerksam. Dieser Verband hat eine Sammel- oder Berufsvormundschaft begründet für die unehelichen Kinder katholischer Mütter. Die Zahl dieser Kinder ist recht beträchtlich: durchschnittlich 1200 für Berlin. Wer das lieft, soll sich nicht unwillig abtoenben, sondern bedenken, was für eine Unmenge von Jammer, Elend und Not dahinter steckt und was sich tun läßt, um die Nachwirkungen dieses Hebels zu mildern. Die Großstädte, vor allem die Weltstadt Berlin, bilden nicht nur in ihren eigenartigen sozialen Verhältnissen eine große Gefahr für die Sittlichkeit, fonbern sie bilben auch einen Anziehungspunkt für biejenigen Elemente in der Umgegenb, die leichtsinnige Anlagen haben oder gar bereits ber Verführung verfallen finb. Bei ber zuziehen den Bevölkerung besinben sich mehr unsolide Elemente als bei der altangesessenen Bevölkerung. Daher darf man bie Sache nicht einfach bunt) Schelten auf bie Großstadt abttin wollen, sondern muß auch die Mitbeteiligung der „Provinz" in Betracht ziehen.
Bisher sollte für unehelichen Kinder ebenso wie für die verwais' Kinder durch Einzelvoe- münber gesorgt werd. Das Vormundfchaftsge- richt suchte mit Hilfe der Waisenräte . überall einen Bürger gu. finben, der wohl ober übel die ihm zugeschobene Vormundschaft zu übernehmen hatte. Bei ber erforderlichen großen Zahl von Vormündern und bei der weitverbreiteten Abneigung gegen bie Berührung mit Unglück und Schande konnte bei biefer Suche nicht sehr wählerisch vorgegangen werben. So haben wir beim eine große Zahl von widerwilligen Vormiinbern, von nachlässigen Vormündern, von ungeschickten Vormündern. Und zwar gerade dort, wo Terl- nahme, Tatkraft und Gewandtheit besonders not tun, nämlich bei der Fürsorge für uneheliche Kin- der und deren Mütter, deren Rechte gegenüber dem Vater verfochten werden müssen und deren leibliches und sittliches Wohl eine schnelle und ausdauernde Sorgfalt verlangen.
Es ist allgemein und auch von ber Regierung anerkannt, daß bie sogenannte Einzelvormund- schast, wenigstens in den größeren Städten, sich nicht bewährt. Darum ist es ein erlösender Gedanke: anstelle des widerwilligen Hinz und des unfähigen Kunz einen B e r us s - Vormund einzusetzen, d. h. die Vormundschaften in großer Zahl einer Person zu übertragen, die sich als Generalvormund dieser Aufgabe mit ganzer Kraft und berufsmäßig widmet.
Der Charitasverband für Berlin und Vororte hat im vorigen Jahre sich bei den betreffenden Behörden erboten, künftig in allen Fällen, wo es an einem geeigneten Vormund fehle, durch seinen Leiter Herrn Tr. Saltzgeber die Vormundschaft zu übernehmen. Am Schlüsse desselben Jahres hatte Herr Dr. Saltzgeber schon 287 Mündel und 13 Pfleglinge, ein klarer Beweis für das vorhandene Bedürfnis. Nicht weniger wie 70 Klagen wegen Alimentation mußten angestrengt werden; in 18 Fällen mußte der Verurteilte nach fruchtloser Pfändung $!"n Dsfenbarungseide gezwungen, in 5 weiteren Fällen mit Lohnpfändung vorgegangen werden. Wie schwer wird es einem gewöhnlichen Manne, bet zur Vormunbschaft gepreßt ist, einen solchen juristischen Feldzug durchzuführen? Hierin liegt aber noch nicht der größte
und werde Dich lieben, so lange ich lebe; aber mein Vater lagt, daß ich verflucht bin.. Wie also könnte ich Dich heiraten? Ich liebe Dich zu sehr, als daß ich Sorge und Schande über Dich bringen möchte. Mein Vater hat Recht: Du mußt heim nach England gehen."
„Ich glaube, daß Sie irgendwie daS Opfer ber Schlechtigkeit eines andern finb, Mr. Strange," begann Lord Kingscourt nach längerem Schweigen wieder. „Wollen Sie mich nicht als Ihren Freund ansehen und ins Vertrauen ziehen? Es gibt keine Entbehrung, bie Sie getragen haben, bie ich nicht teilen könnte."
Mr. Strange schüttelte ernst sein Haupt.
„Ich bringe jetzt nicht mehr in Sie, mich Ihre Geschichte wissen zu lassen", fuhr der Graf fort „Ich habe bas vollste, unumschränkteste Verttauen zu Ihnen! Geben Sie mir Alexa zur^Frau und lassen Sie Ihr Geheimnis uns ein Geheimnis bleiben für immer. Niemand wird nach der Geschichte meiner Gattin fragen. Ich bin mein eigener Herr und habe niemanden Rechenschaft über mein Tun zu geben."
„Um so mehr Grund, daß ich Sie vor einem raschen Schritt behüte", sagte Mr. Strange. „Ich kenne die Engländer sehr gut: ich kenne den an Hochmut grenzenden Stolz der englischen Aristo- fratie. Ich sage Ihnen, Mylord, da meine Tochter, so unschuldig, lieblich und schön sie auch ist, eine Ausgestoßene aus der Gesellschaft ist. Wäre ihre Geschickte Ihren Freunden bekannt, könnten all' Ihr Ansehen, Ihr Slang und Reichtum ihr nicht bie Pforten ber Gesellschaft öffnen. Die Königin würde ihr nicht das Betreten ihres Salons gestatten; Ihre Freunde würden nicht nut ihr sprechen; niemand würde Umgang mit ihr pflegen; jedermann, ob arm, ob reich, würde sie fliehen. Ich sage Ihnen daher wieder und wieder: es haftet ein Fluch auf ihr. Lassen Sie sie allein — bei mir!"