Einzelbild herunterladen
 

Cttfelat »glich, «tt Ausnahm« btr Sonn« unöSeitdage. viertel- jülm. Bejugtpreis ohne Bringeti 'hn und BeneBgel6in$»I6«nn6 auswärts 1 Ml 50 Pfg-

Oerantwortliter

Schriftleiter: A.wehler für die Anzeigen:

3. Porjeler in

ZuldaerW Zeitung

wocheubeilage: „Illustrierte Zonntagszeitung" monatsbeüage: „Zuidaer Geschichtrbiatter"

An;eiaen: Vie eht« fpaltige Petitzeile oder deren Raum 15 pfg. ReHamen Jte Petitzeile 25 Pfg.; bei wieder. Holungen wird entfpr.

Rabatt gewährt

Rotationsdruck n. Verlag der 5uldaer 21 c« tienör ttferel in Hulda. Serrfpredter Ur 9.

JVS 84.

Fulda, Samstag den 13. April 1907.

34. Jahraanq.

Erstes 'gSIaft.

wer holt den Gewinn in Züdweft- afttta.

Auf diese Frage antworten nicht nur die hohen Verdienste von Wörmann, von Tippelskirch, der Oranienavotheke, die Millionenverdienste im Lande selber, sondern daraufhin gibt die „Ger- mania" eine Antwort, die zweifelsohne von sach­verständiger Seite stammt und das Verhalten von

Land-Gesellschaften

cka i akterisiert. Man erfährt hieraus folgendes: „Die Kaoko-Gesellschaft hat nur 800,000 Mk.

vor eingezahlt; aber sie hat für 8 Millionen An» teilscheine ausgegeben. Wie ging das? Die Firma Hirsch u. Co. in London kaufte der Ko- lonialgesellschaft für Südwestafrika ihre Rechte in Kaokofeld um 400 000 Bargeld und 500 000 Jt Anteilscheine ab; daraufhin gründete sie die Kaoko-Gesellschaft und gab 40 000 Anteilscheine zu je 200 Mk. — 8 Millionen aus. Von diesen er­hielt, — es ist fast unglaublich — die Firma Hirsch 32 500 Anteile, also 6 500000 Mk., als Gegenleistung für eingebrachte Rechte, sowie für eine bei der Konstituierung der Gesellschaft ge­machte Baranlage von 200 000 Mk." Die „ein- gebrachten Rechte" sind aber gerade die Rechte der Kaoko-Gesellschaft, welche den Kaufpreis von 900 000 Mk. bezahlte — die Firma Hirsch erhielt also für ihre Vermittlung die kleine Provision von 6 300 000 Mark. 2500 Stück Anteilscheine erhielt die Kolonialgesellschaft; die letzten 5000 Anteil- scheine haben dann noch 600 000 Mk. aufgebracht. Aus der Barsumme von 800 000 Mark ist daun der Kolonialgesellschaft erst der Kaufpreis von 400 000 Mark bezahlt worden. Die tatsächliche „Einzah­lung auf die Anteilscheine" ist somit nicht 8 Mil­lionen, wie die neue Druckschrift glauben machen will, sondern nur 800 000 Mark, wovon 400 000 Mark als Betriebskosten, zur Bewirtschaftung und Untersuchung des Nresengebietes übrig geblieben sind. Acht Millionen sind nie eingezahlt worden.

Noch ärger ging es bei der

Hanseatischen Landmineu- und Handelsgesellschaft zu, die auch aus der Kolonialgesellschaft für Süd­westafrika hervorging; diese Gesellschaft konnte sich mit dem Lilienthalschen Konsortium nicht eini­gen. Sie erhielt als Abfindung für ihre Rechte die Summe von 150 000 «M. Jetzt ging es an die Gründung der neuen Gesellschaft; 12 000 An­teile ä 200 M ~ 2 400 000 M wurden heraus­gegeben. Die Verteilung war höchst einsach:

1. Die South West Company erhielt 6000 An­teile L 200 M — 1200 000 M.

2. Das Lilienthalsche Konsortium 5000 An­teile ä 200 M =1 000 000

3. 1000 Anteile ä. 200 JK — 200 00

"mtzten bar eingezahlt werden, um der Kolonial­gesellschaft ihre 150 000 dl bezahlen zu können.

Von 2 400 000 dl Gesamtkapital blieben somit nach Befriedigung der Verkäuferin noch ganze 50 000 dl Bargeld zur Bewirtschaftung des Kon­zessionsgebietes übrig! Man hatte also so gut wie kein Geld übrig, trotz der 2 400 000 Mark Aktien. Um nun wenigstens eine Expedition ausrüsten zu können, gab man nochmals 1—200 „Vorzugs­anteile" aus, aber diese find nicht ganz etnbe«tf)(t, sondern nur zu 150 dl. (Die amtliche Denkschrift von 1905 sagte recht schön, dah diese Anteile „nur zu 75 Proz. des Nennwertes unterzubringen ton­ten.") So erhielt die Gesellschaft weitere 180 000 Mark Bargeld, also insgesamt 380 000 dl Bar­geld. Da braucht es nicht zu überraschen, daß die amtliche Denkschrift von 1905 an zwei Stellen klagt, daß wegen Mangel an Mitteln die Unter- fuchungen nicht zu Ende geführt werden konnten. Aber die neue Denkschrift will trotzdem die Oef- fentlichkeit glauben machen, daß die Einzahlung auf die Anteile 2 610 000 dl betragen haben."

Diese Mitteilungen kommen selbst den dicksten Freunden Dernburas überraschend; denn es wird hiermit der klare Nachweis geliefert, daß

btt Hauptgeschäfte durch die Spekulation gemacht werden.

DaS Blatt rechnet ober weiter aus, daß die An- gaben Dernburgs über die Einzahlung dieser Aktiengesellschaft falsch und irreführend sind; Dernburg läßt die erste Gesellschaft mit 8 Millionen Mark eingezahlt erscheinen, statt mit 800 000 dl und die zweite mit 2 640 000 dl statt mit 380 000 dl. Dabei ist in der neuen Denk­schrift noch behauptet, daß diese Zusammenstellung „neu ausgestellt" sei; aber die Fehler der alten Denkschriften sind allesamt übernommen worden. Tie Landkommission, welche diese Dinge prüfen sollte, ist von Dernburg auch nicht mehr seit De­zember 1906 zusammenberufen worden. Der „neue Kurs" ist sehr vielversprechend — nur nicht für das deutsche Volk.

Deutsches Keich.

Berlin, 12 April 1907.

d. Deutsch-englische Beziehungen. Es ist auffallend und eine nicht gerade günstige Vor­bedeutung für die zweite Friedenskonjcrenz in Haag, daß kurz vor ihrem Zusammentritt tue Unruhe und der Unfrieden im politischen Welt­getriebe sich besonders bemerkbar macht. Und war sind es England und Deutschland, die habet immer mehr in den Vordergrund treten trotz aller Vorbrudermigsfeste, trotz des Besuches deuücher Journalisten in Englund, der Ende S-Diai vieles Jahres von englischen Redakteuren erwidert werden wird, und trotz der Zurückhaltung, welche sich die deutsche fßreffe gegenüber den

englischen Anrempelungen auferlegt hat. Zwar will man keine kttegerischen Verwickelungen, aber die stete Sorge um die wirtschaftliche Stellung Englands gegenüber der immer wachsenden Machtstellung der deutschen Industrie auf dem Weltmärkte, läßt die Engländer nicht schlafen. Eifersüchtig überwachen sie jeden Schritt Deutsch­lands, und vor allem König Eduard scheint es als seine Lebensaufgabe zu betrachten, Deutsch­land zu isolieren und seinem Einfluß Abbruch zu tun, wo er nur kann. Getreulich unterstützt wird er darin von der englischen Preffe, die seit Jahren an Deutschenhetze das Menschenmögliche leistet. Daß König Eduard den spanischen König besucht, um Spanien ins englische Schlepptau zu nehmen, findet sie selbstverständlich. Wenn aber Fürst Bülow mit dem italienischen Minister des Aeußeren, also mit dem Vertreter einer verbündeten Macht, eine Besprechung hat, so bezeichnet die englische Preffe das als ein Hindernis für den „Frieden der Welt", als eine Drohung „gegen die allgemeine Sache der Zivilisation", und beliebt eS, Deutschland als „Friedens- störer" zu bezeichnen, daS im Haag eine „ge­waltsame Taktik befolgen zu wollen scheine. Diese ungerechtfertigten, schroffen Angriffe sollte die englische Preffe lieber an die eigene Adresse richten. Wenn Deutschland den AbrüstungSplänen in englischem Sinne nicht zustimmt, so hat eS dafür seine guten Gründe, zumal die englischen Vorschläge nicht wirklicher Friedensliebe, sondern einseitigem Interesse entsprungen sind.

V Die Budgetkommission des Reichstags führte am Freitag die Beratung Des Militär» etatS zu Ende. Durch den Kriegsminister wurde ein Soldat in der neuen Felduniform vorgestellt. Diese macht einen durchaus günstigen Eindruck; sie beruht, was Stoff, Farbe und Schnitt angeht, auf den Erfahrungen, die unsere Truppen in Ostasien gemacht hoben, ist bequem, ohne dabei den militärischen Charakter zu ver­leugnen. Die tleib.Qme Uniform fand den un­geteilten Beifall der Kommission. Bei Beratung des Unterstaatssekretariats m der Reichs­kanzlei beantragt Singer (sozd.s Ablehnung, da für Wahlgeschäste usw. ein Unterstaals- sekretariat nicht erforderlich sei. Die Position wird mit 15 gegen 13 Stimmen (Zentrum, Polen und SozialDemotraten) angenommen; der Freisinn stimmte dafür. Es folgte der Bauplatz für daS Neichsmilitärgericht. Diese Positton wurde nicht erledigt, da ein Kaufangebot, das um 400,000 Mk. billiger ist als das Regierungs­projekt, näher geprüft werden soll.

* Die Schuldenlast des Deutschen Reiches belief sich am Schlüsse des Rechnungsjahres 1905 auf insgesamt l,"13,50i',0i'0 Mark, und zwar an verzinslicher Schuld auf 3,543 500,OOo Mark; an unverzinslicher Schuld auf 470,0; 0,0^0 Mk. Gegenüber dem Rechnungs-Abschluß des Jahres 19Ö4 ist die Reichsschuld um 2ü0,0o0,000 Mk. gewachien.

* Dem verstorbenen Prinzen Arenberg ge- dachte die Zentrumsfraltion in ihrer ersten am Donnerstag stattgehablen Fraktionssitzung. Die Gedächtmsworte sprach bet Vorsitzende Abgeord­neter Dr. Schädler. Alle, die mit dem ver­storbenen Prinzen länger oder auch nur kürzere Zeit zusammen gearbeitet haben, würden die Ueberzeugang gewonnen haben, daß er stets treu auf dem Boden des Zentrums gestanden und all' seine Kl äste in den Dienst der Partel gestellt habe, daß et der Partei Dienste geleistet, die von größter Bedeutung für sie wären. Die Partei verliere in ihm den größten Förderer der Missionen im Reichstag. Jeder einzelne Zentrum sabaeordnele habe Beweise seiner persönlichen Liebenswürdig­keit empfangen. Ein schweres Siechlum habe ihn leider schon längere Zeit vom Reichstage fern gehalten» habe aber auch zugleich verhindert, daß er den unvermeidlichen Schmerz erleben mußte, den die Ereignisse der letzten Zeit ihm ganz gewiß bereitet haben würden. Sein An­denken werde in der Partei dauernd ein leb- Haftes und dankbares sein. Morgen findet für den Verstorbenen in Berlin ein Trauer- gotlesdienst statt, zu welchem der Reichs­kanzler Fürst Bülow sowie mehrere Siaats- sekretäre und Minister ihr Erscheinen zugefagt haben.

.. Ein nettes liberales Regiment schlägt die sreisinnige .Liberal« Korreiponden;' vor, um im Reichstage mit der „Antwort" rasch fertig zu werden. Da das Zentrum sich nicht in die Ecke stellt, sondern beim Etat des Reichsamts des Innern mitredet, beim Kolonialetat, beim Heeresetat sprechen wird, io kommt die Korres­pondenz zu folgendem freiheitlichen Schluffe: „Wenn man sich aber vergegenwärtigt, daß ,m vorigen Jahre allein die Beratung des Etats deS ReichSamtS des Innern infolge deS Massen­aufgebots von Rednern des Zentrums und der Sozialdemokratie nicht weniger wie 16 Sitzungs­tage in Anspruch genommen hat, so ei öffnen sich für die Dauer der bevorstehenden Etalsberatnngen recht angenehme Aussichten. Hoffentlich werden die Blockparteien genügende Disziplin über ihre Mitglieder besitzen, um sie jo zahlreich präient zu haben, daß den zwecklosen Phraien- Drehereien im gegebenen Moment ein Ziel

gesetzt werden kann." — „Zwecklose Phrasen- drescherei" ist ein gutes Zeugnis für Naumann, dessen Rede ästhetisch ein Genuß war, die aber praktisch nichts geboten hat.

* Ein katholischer Pfarrer als liberaler Kandidat. Das ,Bamb. Volksbl/ vom 5. April meldet, daß Pfarrer Graudinqer (Nordhalben) trotz aller Dementi- endgültig als liberaler Land- tagS-Kandidat aufgestellt worden sei. Werden die liberalen Blatter, die ja die politische Tätigkeit der katholischen Geistlichen verwerfen, nun auch fonfequenterroeife die Tätigkeit des liberalen katho­lischen Geistlichen Graudinger verurteilen? Im Gegenteil! Sie jubeln und frohlocken darüber. Charakterlos, aber echt — liberal.

* Eine sehr bemerkenswerte Warnung vor römischen Depeschen findet sich in der ,Kreuz- zeitung', welche meint: „Zur Würdigung der Nachrichten, welche in liberalen Blättern aus Rom über die päpstliche Politik gebracht werden, muß man nicht außer acht lassen, daß diejenigen Kreise, aus Denen die Berichterstatter ihre Informationen schöpfen, meist unter franzö­sischem oder franzosenfreundlichen Einfluß stehen. So sieht man dort die vatikanischen Verhältnisse in der Regel durch französische Brillen. Nun ilt in den Purster Regierungskreisen der päpstliche Staatssekretär Merry bei Val sehr unbeliebt. Ob eS aber richtig ist, daß die antiklerikalen Berichterstatter anderer Nationen, auch der deutschen, in diesem Falle den Franzosen Vor­schub leisten? Schon früher haben wir betont, daß wir erst bann Ursache hätten Merry bei Val anzugreifen, sobald er deutschfeindliche Politik macht. In liberalen und demokratischen deutschen Bläliern wird aber gegen ihn mobil gemacht aus Gründen, die uns eigentlich gar nichts an­geben und man hat klar die Empfindung, daß es sich dabei nur um ein Echo her Wünsche und Neigungen sranzöfisch-raDikaler Kreise handelt. Auch diejenigen Deutschen, die in dem jetzigen französischen Kullurkampse auf Seiten der Regierung stehen, sollten sich doch sagen, daß es für unS richtig wäre. Die Franzosen Die fötale kirchenpolitische Suppe, die sie sich ein­gebrockt haben, selbst ausessen zu laffen. Es gibt aber bei uns Leute, Die teils in das „moderne" Frankreich, teils in seinen Kulturkampf ge» radezu vernarrt sind und deshalb keine Ge­legenheit glauben versäumen zu müssen, den Franzosen in ihren Streitigkeiten nrt dem Papst zu helfen. Das ist der echte und rechte Doktrinarismus des deutschen „Ideologen", über den schon Napoleon I. spoitete. Wenn es sich dabei nur um eine Frage der Weltan chauung, der reinen Theorie handelte, möchte das noch entichuldigt rverben können. Es handelt sich aber auch um ausgesprochen nationalpolitisch; Gegen ätze. In Frankreich wird Merry del Val besonders des­halb getadelt, weil er das ,,Faible“ (Schwäche), welches sein Vorgänger Rarnpolla tür Frankreich und die Franzoien empfand, nicht teile. Wie wenig rällich es unter diesen Umständen deutscherseits ist, daroui Hinzuwirten, daß anstelle Merry del ValS womöglich ein sranzosensreund« lieber Staatsmann dessen Platz entnehme, bedarf wohl keiner weiteren Betonung." — Diese ver­nünftigen Sätze mögen sich untere liberalen Kreise wer km. Die Katholiken aber ersehen daraus, wie wenig sie auf römische Depeschen farbloser nnö liberaler Blätter hallen müssen; oftmals schwindeln gar die Korrespondenten noch absichtlich falsche Meldungen zusammen.

Ans dem Reichstage.

27. Sitzung vom 12. April 1907

Eröffnung W* Uhr.

Fortsetzung der Beratung dos Etats des Staatssekretariats des Innern.

Eino Nosolution Pauli-Potsdam (k.) fordert die Vorlegung eines Gesetzentwurfes, durch den der § 34 des Geworbeunfallversicherunasgesetzes aufgehoben und die Bestimmungen über Ansamm- lung eines Reservefonds wiederhergestellt werden sollen.

Eine Resolution Brandvs (Pole) fordert den Erlaß von Verordnungen des § 120s der Gewerbe­ordnung betr. die Arbeitszeit und die Sonntags­arbeit in den Blei- und Zinkhütten sowie in den Walzwerken, ferner die Vorlegung eines Gesetz­entwurfs, durch den für die Arbeiter der erwähn­ten Betriebe nach dem Muster der Bergwerks- knovpschaftskasscn Versichornngsvereinc gegen In­validität, Alter und Tod begründet worden soll.

Abg. Pauli-Potsdam (k.) volemisiert zunächst gegen die Haltung der Sozialdemokratie auf dem Gebiet der Sozialpolitik und führt aus, daß es vollständig der Gosamtrichtung der sozialdemokra­tischen Politik entspreche, daß der Mittelstand ruiniert werde. — Auf dem Gebiete der Handwer­kergesetzgebung fordern wir die baldige Einfüh­rung des kleinen Befähigungsnachweises, die Lö­sung der Frage der Abgrenzung zwischen Fabrik nnd Handwerk, eine Regelung des Submissions- Wesens und zwar möglichst mit der Maßgabe, daß bei der Vergebung der Mindestfordernde unter allen Umständen ausscheiden muß, die Aufnahme der Streikklausel in die Vorgobungsbedingungen und die Sicherung der Forderung der Bauhand­werker. Wir werden die Sozialpolitik mitmachen, aber man vernachlässige den Mittelstand nicht, der die Kosten der Sozialpolitik am meisten zu tra­gen hat. (Beifall rechts.)

Abg. Brhski (Pole) bekämpft die preußische Polenpolitik und fordert für die landwirtschaftli­chen Arbeiter das Koalitionsrecht.

Abg. Sttesemann (nl.): Die Sozialpolitik darf sich nicht allein in Sozicilgesetzen erschöpfen. So­zialpolitik ist es auch, die Industrie im allgemei­nen zu fördern, sodaß dem Arbeiter eine bessere Daseinsmöglichkeit gewährt werden kann. Der Heimarbeitergesetzentwurf ist lediglich auf Ber­liner Verhältnisse zugeschnitten. Positiv ist ledig­lich die Bestimmung betr. die Ausdehnung der Krankenversicherungspflicht. Wenn Sie (zu den Soz.) fo sehr die Anziehungskraft der Gewerk- schaften preisen, so geben Sie wenigstens jedem Arbeiter die Freiheit, sich der Gewerkschaft anzu­schließen, die er sich selbst wählt. Die Tarifver­träge stellen ein Instrument des Friedens dar. Zu ihrem Abschluß gehören aber auf beiden Sei­ten umfassende Organifationen. Je umfassender diese Organisationen sind, desto stärker Hrb in ihnen auch das Verantwortlichkeitsgefühl sein und der Wunsch, nicht nach wirtschaftlichen Kämpfen, sondern nach Verständigung. (Beifall.)

Unterstaatssekretär Wermuth erklärt, daß daS Reich sich verpflichtet fühle, Auskünfte über die Handels-, Absatz- und Zollperhältnisse sowie über Anknüpfung von Geschäftsverbindungen zu er­teilen und darauf abzielende Bestrebungen auf's nachdrücklichste zu unterstützen.

Abg. Gicsberts (Ztr.): Mit dem Abg. Strese- mann wünsche auch ich, daß die jetzige wirtschaft- liebe Hochkonjunktur noch recht lange andauern möge; ich habe aber weiter den Wunsch, daß die Industriellen schon setzt überlegen sollten, was zu tun ist, um den schlimmen Folgen vorznbengen, die mit Eintritt einer wirtschaftlichen Krisis für die Arbeiter entstehen würden. Wenn über Ter­rorismus der Sozialdemokratie geklagt ist, so mögen sich die Herren (zu den Soz.) selbst ver­teidigen. Ich möchte feststellen, daß auch seitens der Industriellen ein außerordent­lich scharfer Terrorismus aus teubt wird, der sich in Aussperrungen, Verrufserklärun- gen und bergt dokumentiert. Der Abg. Mugdan hat es wieder einmal nicht unterlassen können, meine Partei mit ganz ungewöhnlich unfreund­lichen Worten zu bedenken; unter ihrer Führung, so meinte er u. a., sei die Stockung in der Fort­führung der Sozialpolitik eingetreten. In dieser Beziehung hätte er sich zunächst von seinem Frak­tionsfreunde Naumann eines Besseren belehren lassen können, der ausdrücklich anerkannt hat. daß unter der Führung des Grafen Posadowsky — und das ist ja wohl ungefähr die Zeit, da das Zen­trum auf sozialpolitischem Gebiete im Reichstag „geherrscht" hat — die Grundlagen der Arbeiter- fchutzgesetzgebuug wesentlich anerkannt und erwei­tert worden sind. Die Erfolge auf diesem Gebiet können wir zum allergrößten Teil auf das Konto unserer Mitarbeit setzen, tote ja auch s.über kaum ein sozialpolitisches Gesetz verabschiedet wurde, an dem wir nicht ausschlaggebend mitgearbettet hätten. (Beifall im Zentrum.) Allerdings soweit haben wir es nicht kommen, lassen, wegen der Ver- Weigerung einer sozialpolitischen Forderung die Auflösung des Reichstags zn provozieren. Wenn der Abgeordnete Mugdan so konfliktslüstern ist, dah er vor dieser Möglichkeit nicht zurückerschreckt, dann dürfen wir Wohl erwarten, daß feinePar- t e i, die ja jetzt das Zünglein an der Wage der neuen Mehrheit bildet, schleunigst ein Reichsberggesetzeinbringtund, w?nn e s i h r abgelehnt werden sollte, von der Regierung die Auflösung des Reichstags fordert. (Sehr gut! im Zen­trum.) Wir würden jedenfalls sehr gern an dem Zustandekommen eines solchen Gesetzes witarbei- ten. Jedenfalls zeugt es von einer recht kindlich- naiven politischen Auffassung, wenn man einer einzelnen Partei ernsthaft den Vorwurf machen will, sie habe es zur Durchsetzung irgend einer sozialpolitischen Forderung nicht auf eine Auf­lösung des Reichstags anfommen lassen. (Sehr richtig! im Zentrum.) Bezüglich der Witwen- und Waisenversorgung steht die Tatsache fest: hätten wir bei den Zolltarifkämpfen nickt darauf bestanden, daß ein Teil der Zollerträge für die­sen Zweck festgelegt würde, wir würden heute noch keine Witwen- und Waisenversorgung in naher Aussicht haben. (Sehr richtig I im Zen­trum.) Wenn der Abg. Mugdan sagt, wir hätten damit das ganze Projekt auf eine unsichere und schwankende Grundlage gestellt, so irrt er; wir haben nicht gesagt, daß die Witwen- und Waifen- versorgung ausschließlich auf die Zollerträge sich stützen soll. Wenn erst die Zeit gekommen fein wird, wo die neue Mehrheit sich über die Herab­minderung der Zölle geeinigt haben wird (Sehr gut! im Zentrum.) wollen wir gerne helfen neue Einnahmen für die Fundierung der Witwrn- und Waisenversvrguug

flüsiig zu machen. (Sehr gut und lebhafter Bei- fall im Zentrum.) Vorläufig können wir es habet bewenden lassen, daß wir zum Teil die Zollerträa.» für diesen guten Zweck festgelegt haben. (Beifall im Zentrum.) D i e Rede des Abg. Nau­man» war für uns, die wir im praktischen Le- bcn stehen, geistig erfrischend. Wir muffen mit kleinen Erfolgen fürlieb nehmen, wenn wir prak­tisch überhaupt etwas erreichen wollen; es war uns aber interessant, einmal aus der Vogel­perspektive die Dinge beurteilt zu hören, bet denen wir Paragraphen arbeit l e i st e n in iis f e n. Erfreulich ist, daß der Abge­ordnete Naumann den Finger aus die Wunde ge­legt hat, an der unsere ganze soziale Reform krankt, nämlich an den Bundesrat. Im Reichstag war früher und ist heute eine

geschloffene Mehrheit für fortschrittliche Sozial­politik

vorhanden — eine Mehrheit nicht bloß für Arbei- terversicherungs- und Arbeiterschutzgesetze, sondern auch für ein freies Koalitions- und Vereins- und