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34. Jahrciana
Fulda, Samstag den 13. April 1907
M 84.
Drittes
schchen. Allmählich verflogen die dichten Rauch. Wolken, die über den Trümmern der einst so stolzen Burg lagerten, hier und da drang ein Son- nenstrahl durch und vergoldete die schlvarzen Ruinen. Der Frühling wob einen bunten Blumen- teppich, breitete ihn fürsorglich an den Hängen dev Burgberges aus und nahm so dem Schauplatz des Schreckens das Oede und Schaurige, lieber den Gräbern der gefallenen Ritter grünten Sträucher und Bäume, in deren Zweigen die Vöglein nisteten, deren muntere Lieder die Grabesstille lieblich unterbrachen.
Da kam eines Tages vom Kloster Corvey her ein schwarzer Mönch gegangen, stieg den Kogleu- berg hinan und kniete still betend an dem Kreuze unter den Tannen nieder, welches die Ruhestätte der Kinder des Burggrafen Volkmar bezeichnete. Eine Träne rollte langsam über die Wange des friedlichen Mönches, segnend streckte er seine Hände aus über den Grabhügel, dann wandte er sich um und winkte seinen Begleitern — es war Volkmar. Im Kloster Corvey hatte er den Frieden wiedergefunden und nun, nachdem die Wun- den geheilt waren, die ihm das Schicksal erbarmungslos geschlagen, war er zurückgekehrt zu der Stätte, die ihn einst so glücklich gesehen. Aber nicht nur, um die teure Heimat wiederzusehen tixir er gekommen, ein großes Werk wollte er allhier vollbringen. Alsbald regten sich fleißiae Hände, um am Erpestrande, im Schatten der alten Burgruine, eine Siedelung zu errichten. Nach Jahr und Tag stand ein stolzer Bau fertig da, und segenstiftend wie einst auf dem Koglenberge, mal- tete Volkmar in seinen Mauern. Bald baute nch im Schutze des Gehöftes ein Bauer an, um, von den Mönchen liebreich unterstützt, hier seinen Acker zu bestellen, bald kam ein zweiter und dritter. Schon zog sich eine stattliche Reihe von Häusern und Gehöften am Erpestrande entlan,, sie mehrten sich von Jahr zu Jahr, und eine feste Maner schloß sie schützend ein. Aber sie war zu eng, um die Menge der Ansiedler zu fasien. Weiter und weiter bejyite sich die nach ihrem Gründer „Volk- marshus" -nannte Siedelung nach allen Seiten aus, bis sie zu einer Stadt anwuchs, die bis auf den heutigen Tag den Nachkommen der alten Sachsen eine traute Heimstätte bietet. Auf hoher Warte aber ragt noch immer die alte Koglenbnrg und hält treue Wacht über die Stadt, die ein braver Mönch gegründet, ihr einstiger Herr, der edle Ritter Volkmar vom Koglenberge".
Wie im Traum hat der Fremdling dem geheimnisvollen Flüstern der Ruine gelauscht, hm- übergetragen hat's ihn in jene Zeit des Glanzes ritterlichen Heldentumes, vor seinen Augen sind die alten Recken aufgestanden und sind einherge- schritten sporenklirrend über den mit Bromboer- rankeu und Gestrüpp überwucherten Burghof. Er hat ihre Rüstungen im Glanze der Sonne funkeln sehen, ihre Schwerter erklangen, das Waldhorn sandte seinen Kampfruf in die Ferne, daß et donnernd über die bewaldeten Höhen da- hinrollte und in den Tälern ein freudiges Echo ivachrief. Aus den Trümmern aber und den Tannenwipfeln standen edle Frauen auf und winkten aus den hohen Fenstern den zum Kampf ausziehenden Rittern einen wehmütigen Schelde- grüß. Und so, tote er's gesehen, so bat cr'§ zum Liede gestaltet, zu einem lebendigen Liede, das dte ganze Pracht des Rittertttms vor unser» Augen erstehen läßt — der Dichter des „Volkmar". Dank der ehrwürdigen Ruine, die ihr Geheimnis au?- geplaudert, ein Lorberblatt dem Sänger, der es uns vermittelte! Gleichwie der Schnitter, versunken in die Schönheit des Sonnenuntergangs, seine Arbeit ruhen läßt, so wollen auch wir benn Anblicke des wunderbaren Schauspiels „Vockniar ein Stündchen rasten auf unserer mühseligen Pilgerfahrt und uns hinübertragen lasten auf den Schwingen der Phantasie in die sagenumwobene Zeit von Krieg und Minne, um über deril Großartigen, was einst war, die kleinlichen Sorge» unseres Alltagslebens für kurze Zeit zu vergest.m.
§ort mit dem christlichen Missionar aus unseren Kolonien!
Spielte nach Eröffnung des neuen Reichstages die „Koloniale Zeitschrift", das offizielle Organ des Berliner „Kolonialen Bundes" in Nummer 6 ihres 8. Jahrganges S. 101, und hätte der Verfasser des Arttkels nicht „Ein koloniales Früh- lingspräludium" als Ueberschrift gewählt, so tour- den wir den Titel „Phantasie" in Vorschlag bringen Als solche verdient der Artikel eigentlich keine Beachtung, aber bei Vorgängen, wie z. B. der Swakopmunder Prozeß, greift man sich, unwillkürlich an den Kopf und fragt: „Christliches Deutschland, wie ist das möglich?" Doch Pralu- dien, wie vorliegendes, lassen die Möglichkeit erraten.
Der Artikel hebt an: „Stürmisches Minnen, das alle Sprödigkeit siegreich überwindet, kennzeichnet den rauhkräftigen Lenzmonat. — Auch in unserer Kolonialpolitik ist das Eis der fetmerjti- ckenden Gleichgültigkeit gebrochen. — Wenn nicht alle Zeichen täuschen, hat unser unablässiges Werben die Herzen all' der Spröden gerührt, die sich hin und wieder noch zu eigenem Denken aufzuschwingen vermögen. Daß aus der zarten Neigung recht bald eine von reiner Liebe getragene, fruchtbringende Vereinigung erwachsen möge, die uns den heiß zu ersehnenden Kolonialfrühling endlich beschert, ist ein Ziel, aufs innigste zu wünschen."
Der Wunsch ist der Vater deS Gedankens, und dem Verfasser wird am Ende feines Artikels die fruchtbringende Vereinigung zur Vision: „Mein in die Zukunft gerichteter Blick schaut erfreulichere Bilder: Weitblickende deutsche Familienväter sehe ich, die ihre männlichen Svrößlinge hinaussenden ins neue Vaterland am Ozean. Bekannt sind b’efe mit allen Gefahren, die ihrer harren, aber auch gerüstet an Leib und Seele, sie zu bestehen. — Statt verstreuter, bei aller Tapferkeit schwerfälliger Krieashäufchen sehe ich ein Heer, verteilt auf blühende Anwesen, die stetig an Dichtigkeit zunehmen. — Spaten und Axt führen die Fäuste: das Gewehr aber steht zur Seite, um es, auf einem großartig ausgebauten Verkehrsnetz, ohne Zeitverlust au dem bedrohten Punkte einsetzen zu können. — Der Geist der Lüge und Heuchelei hat seine Kraft verloren. — Was in deutschen Frauen und Jungfrauen an überschüssiger Kraft sich geltend macht, das findet feinen Platz an der Seite national strebender Männer, in erster Reihe auch im neuen Vaterlande. — Tas verbrecherische MischlingSnnwesen ist an Entkräftung gestorben. Zusammenschluß und Streben für die große, gemeinsame Sache allenthalben."
Der in die Zukunft gerichtete Blick hat viel ges-baut, aber der Verfasser vergaß zu sagen,, wie er sich die Verwirklichung der erfreiilichen Bilder denkt. Oder glaubt er sie schon handgreiflich zur Wirklichkeit geworden, wenn sich sein frommes Wünschen erfüllt? Dasselbe kautet, kurz gefaßt, in erster Linie: f o r t m i t d e m ch r i st l i ch e n Missionar!
„Laßt Euch nicht das Schwert aus der Hand winden!" so ruft er den Kulturträgern in unteren Kolonien zu. „Laßt auch Pfaffen und Missionare, die in Zeiten wie die unser», unabsehbares Unheil anrichten, falls sie bewußt die Wahrheit fälschen, nickt zu einer Macht werden, die alle Vernunft erstickt! — Wir werden die Zeit nicht mehr erleben, in der Resonnhosen und Kutten im Männerkämpfe stehen, und iinsre Enkel hoffentlich auch nicht. Aber Vorsicht gibtS und Einsicht aller Kräfte. — Wir müssen törichte Vorurteile aufoeben und festere» Zusammenschluß aller Starken, Treuen und Vernünftigen suchen, die wissen, daß der Boden der Zukunft, also auch der unserer Kolonien, gedüngt werden muß. — Leider mit dem Blute der Beste» muß er gedüngt werden. Aber weil wir das wissen, deshalb wollen wir ihn auch nicht vreispeben hin entarteten Schwächlingen und Dunkelmännern, sonder» über ihn, als über ein heiliges Land wachen, aus dem uns einst Kräfte erwachsen sollen, die unferm herrlichen Volke in Wahrheit ein ewiges Leben sichern mögen." t _
ginen zweiten Wunsch widmet dann der Der- taffer dem Schwarzen. „Vielleicht", so sagt er, „vermißt man die gebührende Berücksichtigung des schwarzen Mannes in diesen Zeilen! Ich meine: laßt ihn ruhig schlafen gehen, nachdem er seine Aufgabe so gut oder schlecht er vermochte, erfüllt bat. Haltet ihn stramm in Zucht und Arbeit; aber laßt ihn fein Tierleben ruhig unlieben. Die lleberzeugung, daß er uns zum Duzbruder geschaffen ist, haben uns alle Bemühungen der Missionen nicht beizubringen vermocht. — Es hat der Geschichte zeitweilig beliebt, ein paar hunderttausend Frankenköpke heruntersäbeln zu lassen, ohne daß deshalb die Sonne aufgehört hat zu scheinen. Wen» heute ganze Kulturen an
k. Volkmar.
„Was in verflossenen Tagen Die Menschheit Großes gefehlt, Bleibt der Erinnerung heilig. Die Zeit darf es nimmer verwehn."
Auf einem steilen Felsengestade in der Nähe des Städtchens Volkmarsen liegt eine alte Burgruine, die Koglenbnrg, im Volksmunde „Kugelsburg" genannt. Majestätisch ragen die moosbewachsenen Trümmer airs wildverzweigtem Dorn- gebüsch empor, umkreist von Turmfalken, die dort horsten, als einzige Bewohner der verfallenen Rittersäle und Prunkgemächer. So stehen die ehrwürdigen Mauern schon viele Jahrhunderte hindurch und trauern verwaist und vergessen. Und in ihrer stillen Verlassenheit träumten sie von den Tagen ihres Glanzes, wo in ihrer Mitte Schild und Schwert erklang, wo fröhliches Horngeschmet- ter zu Jagd und Kampfspiel rief, und eisenstrotzende Ritter, zurückkehrend von Kriegs- und Beutezüge» vorn Erpestrande her zu de» Kemenate» hinaufgrüßten, von wo ihnen edle Damen, froh^glückt über die Heimkehr ihrer Sieben, entgegenwinkten. „Zwar die Ritter sind entschwunden, nimmer tönen Speer und Schild", aber die Koglenburg kann ihre ehemalige Größe nicht vergessen. Dem versteinerten Riesen gleich, der im unterirdischen Felsenschloß in wesenlosem Schweigen feiner einstigen Heldengröße wehmutsvoll gedenkt, sinnen die ergrauten Rninen nach über all das Große, was sich einst in ihnen und um sie her abgespielt hat. „Vorüber zwar", so wollen sie sagen, „aber vergessen kann's und soll's nicht fein". Wie oft schon haben sie wohl einem vorüberziehenden Wanderer freundlich gewinkt und ihn eingela- den, hinaufsteigen über die zackigen Felsen und sich ein Weilchen im weichen Moose zu ihren Füßen niederzulasien, um ihrem zauberhaften Geflüster zu lauschen. Wohl erwiderte der Wanderer leicht und froh den Gruß, wohl sandte er ein jauchzendes Lied hinauf zu den verwetterten Türmen, ober er zog rastlos weiter, und das Sehnen der einsamen Ruine, das Füllhorn ihrer märchenhaften Erinnerungen über ihn auszugietzen, blieb ungestillt. Und oft, wenn wilde Wetter die Burg umtobten, dann erzitterte sie in ihren Grundfesten, als könne sie ihr Geheimnis nicht mehr tragen, und ein Stöhnen ging von ihren zerfallenen Mauern aus und hallte in den fernen Bergschluchten wieder wie ein Ruf nach Erlösung. Aber wer sollte ihr sie bringen, wer versteht heute noch die Sprache einer alten Ritterburg? Doch kam eines Tages einer des Weges gegangen, der blickte lange und liebevoll zu der Ruine empor. Mit unwiderstehlicher Gewalt zog's ihn hinauf, es durchbebte ihn das Gefühl, als sei eine große Stunde gekommen. Und auch die alte Koglenburg schien solches zu ahnen. Sie umgab sich mit strahlendem Sonnenglanze, ihrem Festkleide, das sie liebend umflutete, und als sich der Fremdling in ihrem Schatten niederließ, da wußte sie, daß ihr Harren nicht vergeblich gewesen war. Der da im Grase ruhte und sie voll Teilnahme und Interesse betrachtete, toollte der Erbe ihres Vermächtnisses werden. Und sie begann dem entzückten Wanderer zu berichten, was sie einst geschaut und was sie vor Vergessenheit bewahren wollte:
„Vor mehr als 1000 Jahren, als mich noch mein alter Glanz umgab, als »och Zinnen und Türmchen, Erker und Giebel diese jetzt verfallenen Mauern schmückten, da lebte in meinen weiten Prunkgemächern, an deren Wänden kostbare Jagd- trophäen, Hirschgeweihe und Eberköpfe, Lanzen
und Schwerter in malerischer Ordnung herumhin- gen, ein gar edles Geschlecht. Volkmar, Graf in Heffen-Sachsengau, ein hochgemuter und gerechter Ritter war des Landes Gebieter. An seiner Seite wandelte, züchtig und edelmütig, seine treue Gemahlin Hadumut, umgeben von ihren liebreizen- den Kindern, der holden Godila und dem lugend- frischen Erwin. Gleich wie die Sonne am lichten Frühlingsmorgen lichtflutend hinter dem Stromberge heraufsteigt, so strahlend h*°'
Glück zu schauen. Sein edler Sinn, der das Recht im Lande schützte, der jedem Unglücklichen Hilfe und Rettung bot, schien schon hier auf Erden reichen Lohn zu finden. Graf Volkmar suchte indes diesen Lohn nicht, er tat Gutes, weil sein Herz ihn dazu antrieb und entzog sich dem Danke, fernem Grund- satze gemäß: „Ich will nicht Dank, wo ich nur Christenpflichten erfülle. Das Gluck im Herzen ist deS Gebens schönster Lohn." Dem Gatten gleich an Güte und barmherziger Gesinnung war Hadu- mut die eine Mutter aller Armen und Verlassenen war'und ihrem Töchterlein Godila die Liebe zu den Armen und Unglücklichen tote ein zartes Edel- weiß mit mütterlicher Sorgfalt rns Herz pflanzte. Friede und Glück verklärten die Zuge dieser edlen Frauen, wenn sie in traulicher Kemenate bet em- ander saßen und emsig arbeiteten, um die Not ihrer Schutzbefohlenen zu lindern. Seit einiger Zeit aber huschten dann und wann dunkle Schaf- ten über das Antlitz der treuen Gattin, böse Ahnungen ängstigten ihre. jSeele. Zwar wußte sie eigentlich nicht, was sie furchten sollte. Geliebt und verehrt von seinen Untertanen herrschte Graf Volkmar friedlich in dem ruhigen Lande. Groß von Gudensberg und Dodico von Kalenberg, zwei mächtige Vasallen, waren ihm in Treue ergeben, dazu genoß er seines Königs Vertrauen und konnte jederzeit auf dessen mächtige Hilfe rechnen. Deshalb teilte er auch keineswegs die Besorgnis seiner geliebten Hadumut und wies ihre einbrtng- licheu Vorstellungen, doch ja auf seiner Hut zu fein, sanft zurück. Auch die Warnung eines fahrenden Sängers, der des Weges zog, ließ er unbeachtet Er hörte lieber auf das muntere Geplauder seines leinen Erwin: „Vater, wer will benn auch an uns, wir haben doch keinem etwas zu leid getan". Aber der lichte Sonne,rscheln dieses milienglückes sollte alsbald verdunkelt werden. Die bösen Ahnungen der Gräfin waren leider nur zu sehr berechtigt, unheilschwere Wetterwolken zogen sich immer drohender um den Burgberg zusammen. Die ringsum wohnenden sächsischen Edelleute Diderich von Mederich, Bodo von Va- penheim, Wolf von Benvilt und Benno von Wetter, die sich unter die Frankenherrschaft nicht beugen wollten, verbanden sich gegen den Grasen Volkmar und zettelten unter den über die Ent- richtung des Zehnte-' unzufriedenen Bauern eine Verschwörung an. Auch eine alte heidnische Priesterin, Walreda, stellte sich in ihre Dienste <w einer schauerlichen Sturmesnacht braute sie tm Eschelbergerwalde ein verderbliches Gift, das sie in Ring und Armband einätzte. Sodann schlich sie sich, als Bettlerin verkleidet, auf den Koglen- berg, wußte das Mitleid des Grafen zu erregen und sich Zutritt zu der Burg zu verschaffen. Zum Dank für die dort genoffenen Wohltaten führte sie nun den ersten Schlag gegen Volkmar, indem sie durch Ring und Armband feine beiden Kinder vergiftete. Noch kniete er trauernd an den Lerchen feiner Lieben, da stürmte die Schar der Empörer den Burgberg hinan und es begann em fürchterlicher Kampf. Die letzte Hoffnung, des unglücklichen Grafen beruhte auf seinen Vasallen, allein er mußte das Furchtbare erleben, daß einer von ihnen. Groß von Gudensberg, ihn treulos verließ und zu den Feinden überging. Die wenigen Getreuen, die ihm noch geblieben, kämpften mit Heldenkühnheit, aber einer nach dem andern brach unter den Hieben der Verschwörer auf am- men. Die wilden Rotten drangen in den inneren Burghof ein, der Zwinger wurde genommen und die Burg in Brand gesteckt, die alles, auch die edle Gräfin Kademut, unter ihren Drummern begrub. Nur Volkmar wurde gerettet, ein Kohler fand ihn bewußtlos im Walde bei Rhoda. Als er aber wieder zu sich kam und sich des furchtbaren Unglücks erinnerte, das über ihn gekommen, da ergriff ihn ein namenloser Schmerz, der ihn fast zur Verzweiflung brachte. „So hör mich, Gott da droben, ruft er in feines Schmerzes Dualen aus, gib mir den Tod, da zum Leben mir die Kraft gebricht". So sprechend, griff er zum Schwerte, um sich selbst zu durchbohre», da erschien ihm der Geist seines Kindes, das ihm bittend die Hände entgegenstreckte. Er ließ ab von der Verzweiflungstat, brach aber dann unter der Wucht seines Seelenschmerzes ohnmächtig zusammen. Oben auf dem schroffen Felsen ein rauchender Trümmerhaufen, rings umher die Leichen so vieler edlen Recken, seitwärts unter stillen Tannen das Grab zweier liebreizender Kinder und drunten im Wald bei Rhöda in den Armen eines Köhlers ein gebrochener Mann — war das der Lohn für Güte und Treire? —
Langsam, nur langsam verwischten sich bte Spuren des Schrecklichen, was am Koglenberge ge-
einem Tage mit tausenden von vernunftbegabten, hochgebildeten Wesen zu Grunde gehen, blos weil die alte Erde sich vor Lachen, vielleicht auch auS Wut darüber schüttelt, daß man sie noch immer so schwer zu Gunsten von Phantastereien vernachlässigt, die ja auch nur Kadaver, höchstens etwas besser präparierte, alS Nahrung beanspruchen, dann kostet uns die ganze Sache ein paar hundert sterile Beileidsworte, von denen niemand mehr lebendig wird. Furchtbare Schiffskatastrophen, Gruben- und Eisenbahnunfälle, bei denen hunderte blühender Menschenleben vernichtet werden, die von derselben großen Mutter genährt worden sind wie wir, bringen kaum unsre Biertischphilosophie auS dem Gleis. — Kriegt aber so ein Gaffer seine fünfundzwanzig wohlverdienten richtig aufgezahlt, bann wird der Kreuzzug gepredigt, und der rote Papst spielt den Vorbeter."
Mag man den Geist, aus welchem heraus dies „koloniale Frühlingspräludium" geschrieben wurde, nennen wie man will, ein christlicher Geist ist eS nicht, und eine christliche Kultur und Zivilisation kann er nicht hinaustragen. Wohl ober überrascht uns bann kein Kolonialskandal mehr, wenn er der Geist unserer Kulturträger geworden ist, denn „die Ideen", so schrieb der bekannte Thomas Cavlyle, „welche die Menschen hatten, waren die Erzeuger der Taten, welche sie vollführten, und ihre Gefühle waren die Erzeuger ihrer Gedanken".__
vermischter.
♦ Eine Pfändung im Munde. Zu einer in der Grindelallee in Hamburg wohnenden Dame kam dieser Tage ein Herr und fragte, ob eine bestimmte Persönlichkeit im Hause wohne. Die Dame verneinte. Plötzlich trat der Besucher aus drc Frau zu und sagte: „Sie haben da aber eine große Zahnlücke. Lassen Sie bitte mal sehen. Bereitwillig öffnete die Dame den Mund, der Herr faßte hinein, zog ihr das Gebiß aus dem Munde und entfernte sich mit den Worten: „Danke sehr, ich bin von Herrn 3E. beauftragt, sein Gebiß, das Sie noch nicht bezahlt haben, wieder zu holen. Wenn Sie 40 Mark bezahlen, stehen ohne» die Zähne wieder zur Verfügung."
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