10gl 16/. M" Dunahae der Sonn- nn6S<icttage. viertel- jährt. vr;uarprei, ohne vrlngerl'hn «ub veftellgeldinZnldanNd auswärts t Ult. 50Pfg-
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WvaerKZeitung
woAeitbdiagt: „Illustrierte Sonntagszeitung" Monakdeiiage: „Zuldaer GeschichtsblAter"
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Rotationsdruck tu Verlag der Fuldaer Ar» tiendr tckrrei in 5nlda. Fernsprecher Nr 9.
Fulda, Samstag den 23. März 1907.
M 69.
34. Jahrgang.
Srstes Matt.
Wege« btv Feiertags Mariä Versündigung wird die nächste Nummer der snldaer Zeitung erst am Dienstag aus- »egebe«.
):( Bit Arbeit des Klock.
Vier Wochen Reichstaasarbeit liegen hinter uns. Die Parteipresse läßt diese Revue passieren. Die Kritik aber fällt nirgends günstig auS. Aller- wärtS zeigt Ich ein Gefühl des Unbehagens. Man fragt sich: was hat denn der Reichstag in dieser Zeit geleistet? Auch manche alte, ergraute Parlamentarier haben sich unmittelbar vor Antritt der Osterferien diese Frage borgelegt und hierauf erwidert, daß ihnen kein zweiter Zeitraum be- kannt sei, in welchem der
Reichstag s» furchtbar wenig erledigt habe. Wir sind freilich so gerecht, hinzuzufügen, daß man die Schuld nicht allein auf den Block werfen darf, er konnte nicht viel mehr leisten, denn s . Regierung brachte keine Vorlagen ein. Darin liegt das liebel. Vier Wochen hindurch ist in den Kommissionen so gut wie nichts geschehen, wenn man von der Erledigung der laufenden Geschäfte abfieht.
Die freisinnige Presse zeigt zwar das Gesicht einer gewissen Zufriedenheit; so meint ein vielgelesenes Berliner freisinniges Blatt: „Der,konservativ-liberale Block hat im Reichstage einige Leistungen aufzuweisen; er hat die Wahl eines Präsidiums aus seiner Mitte durchgesetzt, er hat die Kolonialforderungen Dernburgs bewilligt, er hat »um Schluß noch die Kosten für den Neubau der Post in der Französischen Straße genehmigt. Kurzum, in „nationalen" Fragen bis herab zur Bewilligung eines neuen Grundstückes zu Reichs- Mecken hat sich der Block bewährt. Aber Fürst Bülow wird sich selbst darüber nicht im unklaren sein, daß zu solchen und ähnlichen Zwecken die Wähler nicht bemüht zu werden brauchten." Wir können diese Zeilen unmöglich ernst nehmen; üe sollen wohl auch nur ein Hohn und Spott sein. Daß die Bewilligung eines Neubaues in Berlin auch schon eine nationale Frage ist, wußten wir freilich nicht; sonderbar bleibt dann nur, wie sie gesamte Budgetkommission die Kosten hierfür erst einstimmig ablehnen konnte. Weshalb? Weil ein Ouatratmeter setzt 1200 M kostet und diese horrende Summe erschien zu hoch. Preußen hat bisher für seine teuersten Bauplatze in Berlin nur 946 <M, bezahlt; das Reich somit 250 mehr und nur die exorbitante Höhe des Preises hat die Kommission zur Ablehnung bewogen. Der Block freilich hat nachher die Forderung geschluckt; e3 hat ihm irgend semand gesagt, daß es sich um eine nationale Frage handle und schwuppl da lag er auf dem Bauch und bettete diesen modernen Lagesgötzen an.
Die knappe Aufzählung der Reichsetatsarbeiten beweist schon, wie mager die erste Tagungsperiode war; man steht als armer Schlucker vor den Wählern da und kann ihnen nichts bieten. Am meisten zufrieden können die Beamten fein; für sie ist wenigstens eine Zusicherung bezüglich der Gehaltsaufbesserung erreicht worden. Aber man darf nie vergessen, daß es der D r u ck des Zentrumsantrages war, der diese Zusage erreichte. Das „Berl. Tagebl." will dies zwar nicht gelten lassen; es meint vielmehr: „Mit weit größerer Berechtigung könnte man von einem Erfolge der Bemühungen des linken Flügels der
Grüne Augen.
Roman von Dr. F. 3E. Eß.
29] (Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung auS dem dritten Blatt.)
„Wir wollen für den Bedauernswerten beten, Lorenz!" brach sie endlich das Schweigen, „und auch für seine . . . Braut. Wir sind so glücklich und die anderen so unglücklich. Ich fühle mit ihnen."
Lorenz erhob sich, er hatte hier nichts mehr zu suchen, er hatte sein Urteil mit eigenen Ohren vernommen.
„Es ist Zeit, der Zug geht in einer halbe» Stunde ab. Man erwartet mich in Stapleton."
„Aber Du kommst doch bald wieder", fragte Lilian unter Tränen.
„Ich denke, meine Großmutter wird zunächst hierher kommen", antwortete er ausweichend.
„Was sagst Du?" horchte Lilian auf. „Die Großtante bei dieser Hitze hierher reifen? Du meinst wohl, sie würde uns im Seebad aufsuchen? Wir wollen Ende dieser Woche dahin abreisen."
„Ja ... im Seebad", erwiderte tonlos Lorenz, „Adieu, Lilian!"
„Sag nicht so, Lorenz!" rief Lilian schmerzlich aus. „Sag: „Auf Wiedersehen!"
„Adieu hat eine tiefere Bedeutung — also gbieul"
Er drückte Lilian die kleine weiße Hand, sah ihr Noch einmal tief in die seelendollen Augen und verließ dann schnellen Schrittes das Zimmer, ohne sich noch einmal umznwenden.
„Wäre er doch lieber nicht gekommen I" schluchzte Lilian.
Es war noch früh am Morgen, als Lorenz auf der heimatlichen Eisenbahnstation anlangte. Sein Reitvferd war ins Schloß zurückgebracht
neuen Mehrheit sprechen. Denn die zustimmende Erklärung des Reichsschatz-Sekretärs ist nur für die Außenstehenden — zu denen in diesem Falle allerdings auch das Zentrum gehört — eine Ueberraschung gewesen. Für dre Liberalen nicht, denn vorher hatte schon Herr b. Stengel tn einer Konferenz der Parteien der bürgerlichen Linken die Erklärung abge- geben, bafj er eine solche Zusicherung im Namen der Reichsregierung im Plenum deS Reichstages geben werde." Wir danken sehr für diese Neuigkeit und bezweifeln gar nicht die Richtigkeit der- felben. Diese Feststellung ändert gar nichts an unserer Auffassung, daß nur infolge des Zentrumsantrages diese Zusage erfolgte: die Regie- rung mußte alles tun, teils um die Beamten zu befriedigen, teils um den Mehrheitsparfeien ans der Sackgasse zu berhelfen. Was wir aber mit besonderem Danke aufnehmen, daS ist die
Enthüllung der Nebenregierung der Freisinnigen.
Ein freisinniges Blatt selbst schreibt, daß ein aftiber Staatssekretär in einer Konferenz der drei freisinnigen Parteien erschienen sei und dort Zu- fagen der Reichsregierung abgegeben habe. Wir dürfen wohl annehmen, daß dieser Besuch im Auftrage des Fürsten Bülow stattgefunden hat; es ist in der Parlamentsgeschichte wohl kaum ein zweiter Fall bekannt, daß ein aftiber Staatsminister in einer Fraktionssitzung erschienen ist und dort Erklärungen abgab; wir wißen bestimmt, daß in den Sitzungen der Zentrumsfraktion nie ein solcher Gast zugegen war. In parlamentarisch regierten Ländern ist es freilich selbstverständlich, daß die Minister in den Fraktionssitzungen erscheinen; aber bei uns? Es wirft sich ferner die Frage auf, ob nicht der Reichskanzler selbst auch fchon in folchen Fraktionssthungen erschienen ist und hier Zusagen machte, die dann später der Reichstag erfuhr. Weiter muß man fragen: war der Reichsschatzsekretär auch in der Fraktionssitzung der Nationalliberalen, der Konservativen, der Wirtschaftlichen Vereinigung usw., ober haben nur bie Freisinnigen diesen Vorzug erhalten? Wie klein war hiergegen die nicht bestehende „Nebenregierung des Zentrums?" Hier erscheinen gleich
Staatssekretäre in Fraktionssitzunge«!
Wir sind für diese Offenherzigkeit dankbar.
Völlige Unfruchtbarkeit aber ist sonst das Zeichen der neuen Mehrheit. Kein Gesetz von irgend einer Bedeutung wird borgelegt und das soll so bleiben bis zum Herbste. Damit die neue Mehrheit nicht zusammenbrichf und damit Fürst Bülow nicht seinen Reichskanzlerstuhl wanken sieht, darf keine Belastungsparole erfolgen; ganz hübsch diplomatisch. Aber wer zahlt die Kosten? das deutsche Volk. Es leidet darunter, daß Fürst Bülow eine solche Politik treibt, was wir sofort beweisen wollen. Längst spruchreif ist die Reform des Unter- stützungswohnsitzgesetzes, das Land ist zu Ungunst en der Städte belastet. Die Regierung hat diesen Mißstand anerkannt, indem sie schon vor zwei Jahren einen Gesetzentwurf zur Abhilfe einbrachte; der Reichstag hat ihn in der Kommission gründlich beraten und heute wäre er Wohl Gesetz, wenn der Reichstag nicht aufgelöst worden wäre. Jetzt aber ist dieser Entwurf gar nicht mehr erschienen; ganz ähnlich ist es mit dem Versicherungsvertrag u. a. mehr. Wichtige Reformen bleiben stecken, weil die neue Mehrheit regieren soll, es aber nicht kann, weil die Regierung selbst ihr nicht traut. Also nicht das Landesinteresse ist für diese Reform entscheidend, sondern die Rücksicht auf gewisse Fraktionen. Wir erinnern uns nicht, daß Fürst Bismarck je einen solchen Weg gegangen wäre; was er für richtig ansah, führte er durch, und wenn er feine vertrautesten Freunde an die Wand drücken mußte, daß sie guietschten.
worden, da Lorenz länger ausgeblieben war, als er den Bahnbeamten bei feiner Abreise gesagt hatte. So legte er denn den kurzen Weg von der Station bis zum Schloß zu Fuß zurück.
Die Damen schliefen noch, als er das Schloß betrat „Mögen sie sich ausruhen und stärken für bie schwere Stunde, die ihnen bie Wahrheit bringen wirb!" sagte er zu sich.
In seinem Zimmer angekommen, öffnete er die Fenster und ließ bie frische Morgenluft einströmen. Ein Blick burchs Fenster ließ ihn ein großes Stück des herrlichen Schloßparkes mit den stattlichen Bäumen, dem saftigen Grün der Rasen und der reizenden Blumenflora übersehen — und von all dieser Herrlichkeit mutzte er jetzt Abschied nehmen, er . . . Karl Mühlacker.
Die breite Allee herab schritt ein Mann in langem, schwarzem Talar. Es war Pater Gerhard, der wahre Erbe von Schloß und Lordschaft Stapleton. Er hat ein offenes Buch in der Hand, aus dem er betete.
Ein Geräusch von der Türe her ließ Lorenz zurückblicken. Eine Frau im dunklen Morgenkleide, das weiße Haar unter einem schwarzen Spitzenschleier verhüllt, stand vor ihm — es war seine Mutter.
Die wenigen Tage, da Lorenz fern gewesen, waren für sie zu Stunden der Qual geworden. Unstät war sie im Schloß herum geirrt, ihre bet- störte Miene zeugte von ihrem Seelenschmerz und sie murmelte in einem fort unverständliche Worte. Lady Stapleton fürchtete für ihren Geisteszustand und hatte telegraphisch Pater Gerhard herbeigerufen.
Philomene halte für den Pater stets eine große Verehrung und Zutrauen gezeigt, aber alle feine Bemühungen um sie hatten diesmal nicht den leisesten Erfolg — im Gegenteil, seine Gegen- wart schien bie Arme nur noch mehr aufzuregen.
„Sie finb leibenb", hatte er eines Tages zu ihr gesagt. „Ihre Nervosität ist schuld daran, daß Sie mir nicht vertrauen. Ich werde daher abreisen."
Das ist die Bescherung der Blockpolitik: vollendeter Stillstand. Eine Spielerei des Reichskanzlers, keine StaatSnotwendigkeit, hat diese Gedanken erzeugt. Wir haben ein Recht, uns über diese Politik zu beklagen, bie Blockleute nicht; sie müßen bie Suppe ausessen, bie sie sich selbst ein- gebrockt haben. Vorerst leben sie von lauter Hoffnungen unb suchen damit ihre Wähler einzulullen. Das Erwachen wird umso bitterer fein, zumal die konservative Presse schon anfünbigt, daß sie an den bisherigen Zusagen an den Liberalismus genug hat. Der Block wird halten bis zum Herbste, was bann geschieht, weiß unter ben Verbündeten niemand und wir haben uns hierüber den Kopf nicht zu zerbrechen. Wir werden abwarten und die Zentrumsfraktion w'rd weiter arbeiten.
Deutsches Reich.
Berlin, 22. März 1907.
r. Hebet Dernburgs Afrikareise überbieten sich die Blockarbeiter tn der Berichterstattung. Einmal steht der Termin der Reise noch nicht fest, ein ander Mal ist das Reiseprogramm noch nicht festgelegt. Jetzt erzählt das ,Berl. Tagebl/ von einer Umgestaltung der Afrikareise in sehr wesentlichen Punkten. Darnach wird Dern''urg nun doch Südwestasrika besuchen, aber ohne größere Reisebegleitung. Er wird sich voraussichtlich am 20. Mai in Lissabon einschiffen und zunächst nur mit einem Begleiter in Swakopmund an Land gehen. Von dort aus würde er nach Otavi fahren, sich dann nach Lüderitzbuchl wenden und dort das Schiff nach Kapstadt besteigen. Von hier aus will er Lorenzo Marquez mit der Bahn erreichen. Erst tn Dar-es-Saläm würde er mit den Reisegenoffen zusammenlreffen, die mit ihm nach Ostafrika gehen. Festlichkeiten und Empfänge soll er sich dringend verbeten haben. — Auffallend ist, daß Dernburg das Bedürfnis haben soll, den Abstecher nach Südwestafrika allein zu unternehmen. Fürchtet er, daß die berühmten Dattelhaine nicht zu entdecken sein könnten?
rP Eine scharfe Abweisung an die „neuen Freunde" in Süddeutschland bringt die , Kreuz- jeitnng', das führende Organ der Konservativen, dyß wir ihn fast ganz folgen lassen müssen. Das genannte Blatt schreibt:
„Die Liberalen und Demokraten im Süden und Norden des Reiches, in Bayern und Schwaben, in Hamburg und Bremen, sie fühlen sich alle dringend berufen, jetzt endlich in Preußen mitzuregier en. Ihnen ist das eigene Vaterland zu enge, sie wollen darüber hinaus ihre demokratischen Wohltaten »etbreiten. Sie wollen nun Ordnung bringen in die finsteren Zustände der preußischen Monarchie, in der sie zu ihrem größten Schmerze bis jetzt nicht mit- zusprechen hatten; dem sie aber jetzt, gestützt auf die Paarungsparole, ihre Krätte widmen wollen. So groß aber auch die Uneigennützigkeit und der Opfermut dieser demokratisch • liberalen Bundesbrüder ist, so gerne wird man deren Mitwirkung in preußischen Landesangelegenheiten entbehren können. Wir zweifeln auch nicht daran, daß sie das Anerbieten, unsererseits ebenso zu handeln, anders als durch entlüftete Proteste beantworten würden. Darum möchten wir auch den nichtpreußischen Liberalen und Demokraten freundlichst raten, sich nicht ganz unnötigerweise über Dinge, für die sie kaum das
„Bleiben Sie!" bat sie flegcimi-.*;. „Vuu.; Stapleton bedarf Ihrer."
Ihr Denkvermögen fungierte nicht mehr, wie es sollte, es konnte die Widersprüche nicht mehr verarbeiten. Auf der einen Seite die trostloseste Verzweiflung, auf der anderen Seite das An- klammern an den Strohhalm der Hoffnung, Heinz möchte doch vielleicht gelogen haben.
Hätte es sich nur um Philomene allein gehandelt, längst hätte sie sich dem Priester anvertraut, um die Last, die sie täglich fühlbarer drückte, los zu werden. Aber was sollte aus ihm werden, der am Betrug unschuldig war?
„Was hast Du gefunden, mein Sohn", trat sie an Lorenz heran.
Zärtlich schlang er seine Arme um den Hals der Mutter, zog sie an sich und druckte einen Kuß auf die Stirn der ^rmen. War sie ja doch wie er selbst, nur das Opfer des Betruges eines berechnenden habgierigen Verbrechers.
„Gelt, Mutter", fragte er leise, „Du wirst mich jetzt nicht weniger lieb haben, weil ich nicht mehr Lord Stapleton bin?"
Ein Schrei entrang sich ben bleichen, blutleeren Lippen der Frau. Fast schroff entwand sie sich den Armen des Sohnes, richtete sich in ihrer ganzen Größe auf, blickte gen Himmel und sprach:
„Ja, so mußte es kommen! Gott ist gerecht, er läßt seiner nicht spotten. Ich war nahe am Erliegen, die Last drohte mich zu erdrücken. Nun bin ich frei! Die Wahrheit hat mich frei gemacht."
Die Worte der Armen waren ohne Zusammenhang und sie schien die Gegenwart des Sohnes vergessen zu haben.
Lorenz war der kalte Angstschweiß auf die Stirne getreten, als er ihr Geständnis horte. „Mutter, Mutter!" rief er in Todesqual, „sage mir, daß Du von dem Betrüge nichts wußtest." Die Arme zitterte wie Espenlaub und warf einen langen Blick auf den Sohn.
nötige Verständnis haben und die ihrer Kompetenz vollkommen entzogen sind, die Köpfe zu zerbrechen. Es liest sich für einen preußischen Politiker beispielsweise ungemein komisch, wenn der .Schwäbische Merkur' orakelt, die Tatsache, daß sich Herr v. Studt „ausgerechnet in dieser sehr kritischen Flitterwochenzeit deS liberal-konservativen Einvernehmens noch einmal von der kkerikal-konfervativen Mehrheit auf den Schild erheben lasse", müsse auf den gesamten Liberalismus wie eine gewollte Provokation wirken. Die preußische Innenpolitik sei von der Politik im Reiche gar nicht zu trennen. Die Tat des Herrn v. Studt bedeute nichts anderes als Pronunticmento gegen den Fürsten Bülow, und man dürfe dem mit Spannung entgegensehen, was der verantwortliche Leiter der Reich-Politik unternehmen werde, um diese Kontreminen gegen seine Politik zu verhindern. Die „Flitterwochenzeit des liberal- konservativen Einvernehmens" trägt aber, wie wir gestehen müssen, bis jetzt ein kurioses Gepräge, da sie ja schon im Reichstage zu wiederholten Malen wesentliche Teile der Linken auf die Seite der klerikal - sozialdemokratischen Minderheit geschlagen haben, so beachtenswerter- weise sogar die Nationalliberalen bei der Abstimmung über die Besprechung der vom Reichs« kanzler abgelehnten Interpellation, betreffend die nationale Frage des polnischen Schulkinderstrelkes. Uns deuchte es, als könne man hier weit eher von Kontremine sprechen, als im Bezug auf den Stundpunkt eines von der Linken schmählich herabgewürdigten preußischen Ministers."
Diese Abfuhr klingt sehr entschieden; die Konservativen sind über die neuen Bundesfreunde gar nicht entzückt.
* Zweierlei Maß. Wie man aus Mannheim berichtet, ist dort ein Justizaktuar, der am Amtsgericht beschäftigt war, wegen Mitarbeit an sozialdemokratischen Zeitungen aus dem Staatsdienst entlassen worden. Der trübere Landgerichtsrat Obkircher in Freiburg, nalionaUibetaler Führer, dagegen, der für das Bündnis zwischen Liberalen und Sozialdemokraten bei den badische» Landtagswahlen i. I. 1905 besonders eifrig gearbeitet hat, ist zum Landgerichtsdi-rektor befördert worden. Der Unterbeamte wird hin- ausgeworfen, der Herr Landgerichtsrat aber fällt die Treppe hinauf. — Die Liberalen in Baden machen die schönsten Sachen!
* Amerika, unser Lehrmeister, kann man heute sagen. Der Staatskommisfar der Berliner Börse, Wirklicher Geheimer Oberregierungsrat Hemptenmacher, wird Anfangs Aprft im Auftrage des Handelsministers eine ©luöienveife mittelen, um die Börsen von Vtew-Uork, Chicago, London, Paris und Brüssel kennen zu lernen. — Vielleicht als Vorarbeit zur „Börsenresorm" ?
* Zum Reichsapothekengesetz, beabsichtigt der ,Tägl. Rundschau' zufolge, die preußische Staatsregierung durch Landesgefetz eine Regelung nach folgenden Gesichtspunkten zu treffen: Den Inhabern von Apoth kenbettieben wird eine angemessene und in billiger Weise ab» gestufte Betriebsabgabe auserlegt. Diese fließt einem mit juristischer Persönlichkeit a.:s- gestatteten besonderen Fonds zu, welcher ausschließlich den Zwecken des ApothekenwesenS und des Apothekerstandes zu dienen bestimmt ist. Es ist beabsichtigt, die Mittel des Apotheken»
„Es steht Dir nicht zu, mein Sohn, mir Vorwürfe zu machen. Aus Siebe zu Dir habe ich geschwiegen, aus Siebe zu Dir habe ich zwei Jahrzehnte lang bie Fofter des Gewissens ertragen."
Lorenz hörte nichts mehr, die Welt drehte sich um ihn. Der Verlust von Ehre und Hab und Gut, ja selbst der Verzicht auf die innig geliebte Braut war kein zu großes Opfer gewesen — der Gedanke an die Reinheit der Gesinnung der Mutter hatte ihn das schwere Opfer bringen lassen: aber jetzt, da sie sich selbst schuldig bekannte an dem Betrüge, da wankte dem Kinde der Boden unter den Füßen,, er fand feinen Halt mehr. Ein tiefer Abgrund tat sich auf zwischen ihm und der Mutter und begrub das Vertrauen, das der letzte Hakt für ihn gewesen war, wo alles um ihn her zusammenbrach. Lorenz hatte alles verloren, was ein Mensch verlieren kann, nur die Verehrung seiner Mutter, ein Bedürfnis der Natur, war ihm geblieben — jetzt war es auch damit aus!
Die Mutter mochte wohl ahnen,was in seinem Herzen vorging. Sie ttat zu ihm. „Lorenz!" sagte sie schmerzlich....
„Nenne mich nicht mehr mit diesem Namen!" unterbrach sie der Sohn, „Du wußtest längst, daß er nicht mir gehörte.
Namenlose Bitterkeit quoll im Herzen dec Mutter auf, als sie jetzt erntete, was sie einst qe- säet hatte. Ihrer nicht mächtig, stürzte sie au3 dem Zimmer hinaus, hinab in den Park, an dessen Nordseite der Karpfenteich des Schlosses lag. Quer über Rasen und Blumenbeete eilte sie fürbaß, mit fast übermenschlicher Kraft teilten ihre Arme das Gebüsch, klatschend schlugen die Aeste und Zweige der Gesträucher hinter ihr zusammen.
Pater Gerhard stand vor ihr. „Was fff vorgefallen?" fragte er erschreckt bei dem Anblick des gespensterhaft daherstürmenden Weibes.
„Ruhe suchen .. . dort unten . . iw T-iche!" flüsterte sie und wollte weiter eilen.
(Fortsetzung folgt.)