Einzelbild herunterladen
 

Ausnahme »er Sonn« nnö Seiertoae Viertel« jShn.Vezuyspreis ohne Brtngetlabn und BefteHgel6inS«l)fiu«> auswärts l M 5ü Pfg.

Verantwortlicher Schriftleiter:A.wehler stir die Lnzeinen: ). parzeller in Sulba

Mltzaer MZeitung

wochenbeilaae: „IvAftrierte Zomttagzzettung" Monatrberiage: „Zuldaer Geschichtsblätter"

Xestilew: Mt M fpeltigepetitielk 0M bereit Hama 15 Pf-, Reflame* sie petiheStz 26 Pf».; bet Wiede» belungee wird entfp* Rabatt gewShrt.

letatteesbrM« jki Verlag der Snlbaer At> fienbtideret te $#R* Fernsprecher Ht K

W 64.

Fulda, Montag den 18. März 1907.

34. Jahrgang.

Deutsches Reich.

Berlin, 16. März 1907.

* In der Bi'dgetkommission beb Reichstages wurde am Freitag beim außerordentlichen Etat ldie abgebrochene Verhandlung über die Besol- Lungsfrage fortgesetzt. Zunächst wurde auch hier wie beim Etatsnotgesetz der Zentrumsautrag, die Gehaltserhöhungen sofort in de» Etat einzn- steüe», mit 15 gegen 11 Stimmen abgelehnt, und die von den $Iod Parteien bean­tragte Form einer Resolution be- fchlossen. Für die Bureaubeamten zweiter Klasse beantraat die Resolution 1800 bis 3600 <M,t statt 1500 bis 3000 M. Der Staatssekretär Kräfte schlug bei einem Anfangsgehalt von 1800 M ein Endgehalt von 3300 M vor, es wurden aber die Sätze der Resolution angenommen. Ebenso wur­den auch die sonstigen Sätze der Resolution durch Mehrheitsbeschluß bestätigt, dem sich auch die So­zialdemokraten anschlossen. Beim Ergänzungs­etat wurden die Verhältnisie der Telegraphen- mcchaniker besprochen und verschiedene Wünsche nach Gehaltsaufbesserung Vertreten. Dienstag wird zunächst der Kolonialetat beraten und dann die Verhandlung über den Postetat fortgesetzt.

8 Tie Denkschrift über die Verhältnisse bet Privatbeamten sollte einer Ankündigung des Gra­fen Posadowsky zufolge dem Reichstag bereits am Freitag zugehen. Der Inhalt der Denkschrift ist aber so umfangreich, daß ihre Ausgabe erst in 6ä)t Tagen ermöglicht werden kann.

* Stimmungsbild aus dem Abgeordnetenhaus, fer Samstag war der bedeutsamste Tag im preußischen Abgeordnetenhaus seit Beginn der Session! Tie Abgeordneten sind zahlreicher denn je erschienen und hören, ganz wider ihre Gewohn­heit, schon den ersten Redner mit großer Aufmerk­samkeit an. Tie Debatte nimmt nicht allzu leb­hafte Formen an, aber es liegt eine gewisse Span­nung, man möchte fast sagen, eine Art Schwüle über der Versammlung. Es geht um mehr als um den Antrag Hobrecht, der Kampf um die Volksschule gibt den Hintergrund ab. Ja, vielleicht bedeutet der heutige Tag, ein politischer Tag erster Ordnung, das Präludium für den immer näher rückenden Kampf zweier Weltan- fdltmungen auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens. Nationalliberale, liberale und Freikon­servative ziehen an demselben Strang: Heraus mit den Geistlichen aus der Volks­schule. Noch wagt man das Endziel nicht mit inirren Worten zu bezeichnen, noch verklausuliert man sich und spricht von der Erhaltung des christ­lichen Charakters der Volksschule, aber zwischen den Zeilen kann man ohne viel Mühe der liberalen Weisheit letzten Schluß lesen. Einen ersten Ver­such nannte unvorsichtig genug der Abg. F u n ck den Antrag Hobrecht, und er drohte der Regie­rung, den Ministerpräsidenten mobil zu machen, trenn die Einzelminister nicht folgen wollten. Auch Frhr. v. Zedlitz, der Feuerkopf, wie ihn der Abg. von Heydebraudt nannte, verriet hier und da seines Herzens Wünsche. Er will das Parla- ment stark machen nach allen Richtungen hin, um der Negierung seine Schulpolitik anfzwingen zu können. Der konservative Redner legte merkwür- digerweise das Hauptgewicht seiner Ausführungen auf die Inschutznahme des Kultusministers. Noch merkwürdiger will es uns erscheinen, daß er nur „für den Augenblick" den Antrag Hobrecht nicht akzeptieren will. Hofft man etwa wieder, wie Beim Vokksschulmiterhaltungsgesetz, auf die Früch­te der Schacherarbeit hinter den Kulissen, und will man dem biffentierenben Teil des Blocks nicht zu sehr vor den Kopf stoßen? Unter diesen Umstanden gewinnt es erhöhte Bedeutung, daß der K n 11 u s in i n i st e r das Bedürfnis fühlte, einen Art Schwanen gesang anzustimmen. Er legte Rechenschaft ab über seine Amtstätigkett tvie einer, der am Ende seiner Laufbahn steht. Die Debatte gab keine Antwort auf all die sich unwillkürlich aufdröngenden Fragen. Klar und unzweideutig war nur die Haltung des Zentrums, da? durch seinen Führer Dr. Porsch den Antrag Hobrecht ohne weiteres ablehnen ließ. Die Red« de? Zenttumsführers zeigte große polttische Züge. Direkt imponierend wirkte seine Darstellung der Haltung des Zentrums bei den gleichzeitigen Ver­handlungen über Volksschulunterhaltungsgesetz und Finanzreform. Am Montag geht die Bera­tung des Kuktusetats weiter. Es ist nicht ausge­schlossen, daß uns schon die nächsten Tage Hebet- raschnngen bringen.

* Hebet die Steigerung der Kohlenpreise hat im Abgeordnetenhause Graf Kanitz eine Inter­pellation eingebracht. Die Jnterpellatton lautet: „Was gedenkt die König!. Staatsregierung zu tun, um den Unzuträglichkeiten zu begegnen, welche sich aus den andauernden Steigerungen bcr Kohlenpreise ergeben? Ist die Königl. Staats- regierung geneigt, in eine erneute Prüfung der Frage einzutreten, ob die ermäßigten Eisenbahn- tarife für den Export von Steinkohle und Koks nach dem Ansland beizubehalten find?"

* Der Fttttenverei» läßt verbreiten, daß er in der Zett vom 1. Januar bis zum 14. März 1907 5613 Mitglieder neu gewonnen habe. Seine Wahltätigkeit habe ihm also nicht geschadet. Die Zentrumlangehörigen, die er los geworden sei, werde er gern missen: sie hätten ohnehin nicht in den Verein gehört. Daß der Flottenverein, der sich fetzt als Filiale des Evangelischen B n n de S betrachtet, an Mitgliedern zugenom­men hat, wundert uns gar nicht. Alle, die gern eine Hetze gegen die „Schwarzen" mitmachen, wer­den natürlich hocherfreut Beigetreten fein, als sie erfuhren, daß Herr Keim den furor protestanticus mit dem Selbe des Reichskanzlers und den „Ka­tholiken" der Kolenialabteilung trefflich zu ent­fachen verstehe. An die Flotte dachten diese Leute bei ihrem Eintritt am allerwenigsten; ihnen kam es nur auf die „nationale" Hetze an, zu der

der Verein so reichlich Gelegenheit bot Katho­lik e n, die bei dem Verein bleiben, wiewohl deren Bettung ihnen ins Gesicht sagt, daß sie nicht hin­eingehörten und man froh sei, sie los zu werden, müssen, so sagt die „Germania" mit Recht, den Gipfel der Charakterlosigkeit er- klommen haben. ___ ,, ,

* Was ist national? Die Herabsetzung der Truppenstärke in Deutsch-Südwestafrika auf 4000 Mann bis zum 30. Juli d. I. hat kürzlich der Kolonialdirektor Dernburg im Retchstage ange- kündigt. Die „Rh. Wests. Ztg." ist darüber sehr entrüstet und schreibt: „Die Herabsetzung der Truppenstärke auf 4000 Mann scheint uns ver- ftüht und wir würden es als einen imnatio - nalen Interesse sehr bedauerlichen Schritt halten, wenn der Bundesrat eine derartige Vor- läge dem Reichstage unterbreitete". Dazu bemerkt die „Frs. Ztg.": „Das ist einmal ein klassisches Beispiel dafür, wie mit dem Worte „national" grober Unfug getrieben werden kann. Wäh­rend des verflossenen Wahlkampfes galt eS — und zwar unseres Erachtens mit Recht — für national, denjenigen Truppenbestand in Südwestafrika zu Bewilligen, den die Reichsregierung auf Grund der militärischen Gutachten für notwendig hielt. Wenn jetzt dieselbe Reichsregierung — selbstver- stündlich ebenfalls im Einvernehmen mit dem Truppenführer in Südwestafrika — eine Vermin­derung für möglich erachtet, dann soll es mit ein­mal wieder national fein, den Anträgen der Re­gierung nicht zusttmmen. Was ist das für eine Logik? Rach der „Rhein. Wests. Ztg." wäre eine Erhöhung der Truppenzahl stets national, eine Verminderung, selbst wenn der Truppenkomman­deur dieser zustimmte, stets antinational." Wir begreifen den Sferger des freisinnigen Blattes; aber in der Zukunft wird ihm noch sehr oft aufstoßen, daß im „nationalen Interesse" gewisse Forderungen erhoben werden; wenn dann der Freisinn nicht nach dieser Pfeife tanzt, kommt et in die Reihe der Antinaiionalen! Aber so hat er es ja gewollt I

Aus dem Reichstage.

20. Sitzung vom 16. März 1907.

Eröffnung 11% Uhr.

Das Gesetz, welches die Hinterbliebenen-Ver- sicherungsfonds der Verwaltung des Reichsinva­lidenfonds unterstellt, wird in 3. Lesung ange- nontm en.

Zweite Beratung des Gesetzentwurfs betr. die Berufs- ttnb Betriebszählung 1907.

Die §§ 1—2 tverden ohne Debatte ange­nommen. Zu Z 3 beantragt

Abg. Dove (fr. Bgg.), die von der Kommission eingefügte Zählung des Religionsbekenntnisses wieder zu entfernen.

Der Antrag Dove wird gegen Zentrum und Polen angenommen.

Der Rest des Gesetzes wird debattelos ange­nommen; desgleichen die Resolution der Kom­mission, nach welcher die Zählungen nach Ablauf von höchstens 10 Jahren vorgenommen und eine Erhebung über die Eigentumsverteilung der land- und forstwirtschaftlich genützten Grundstücke unter Berücksichtigung der Art ihrer Bewirtschaftung, der Zahl und Größe der Betriebe veranstaltet werden soll.

Erste Beratung des Gesetzentwurfs betr. Maß­nahme gegen den

Rückgang des Ertrags der Maischbottichsteuer in Verbindung mit dem Entwurf betr. die Bemessung des Kontigcntfußes für landwirtschaft­liche Brennereien.

Reichsschatzsekretär Frhr. v. Stengel legt in längerer Ausführung dar, daß durch die Maisch- bottichsteuervorlage, deren Einbringung einer vom Reichstag in der vorigen Session gestellten For- berung entspreche, einer weiteren Abbröckelung der Steuer borgebeugt werden soll.

Abg. Pachnicke (fr. Bgg.): Durch die Vorlage soll die Entstehung weiterer Brennereien möglichst erschwert werden. Die bestehenden Brennereien sollen geschützt, die entstehenden aber zurückgesetzt werden. Das lehnen wir grundsätzlich ab. Man führt in gewissen Kreisen das Wort von der Rück­sichtnahme auf die Interessen der Allgemeinheit wohl im Munde, aber man handelt nicht darnach. (Sehr, gut k links.) Wie ängstlich, wie rücksichts­voll ist man bei diesem Gesetz gegen die Agrarier borgegangen I Für die Kontingeutierungsvorlage halte ich eine KommisfionsBeratung nicht für nötig; für die andere Vorlage beantrage ich ihre Verweisung an eine Kommission. (Beifall links.)

Abg. Speck (Ztr.): Was die Maischbottichsteuer anlangt, fo kommt die Vorlage unfern Wünschen einigermaßen entgegen. Mit der Beschränkung der an die Einzelstaaten zu leistenden Derwal- tungskosten nach oben hin sind wir einverstanden und es scheint uns auch, daß die Vorlage den richtigen Mittelweg zwischen den Leistungen der Einzelstaaten und den Interessen der Reichsfinan­zen gefunden hat: Am radikalsten wäre es ja, die Maischbottichsteuer aufzuheben; wir haben ater dagegen doch schwere Bedenken, und diese bestehen darin, daß das Interesse des Spiritus- Marktes und der Landwirtschaft die Aufhebung verbieten. (Lebhafte Zustimmung im Zentrum und rechts.) Wir müssen diefe Frage bis 1912 zurückstellen, da dies Jahr für unsere Bramft- Weinsteuerpolitik einen Wendepuntt bedeutet. Der Reichstag hatte bedangt, daß mit dem Prämien- system gebrochen werde, die Vorlage aber legt die Ausfuhrprämie gesetzlich fest. Das steht nicht im Einklang mit unserer sonstigen Steuerpolitik. Wir wollen mit der Vorlage die Brennereien nicht belasten, sondern wir wollen nur ungerechte Vorteile beseitigen. Der Abg. Pachnicke hat die Beseitigung der sogen. Liebesgabe verlanat Ich

kann erklären, daß für uns diese Beseitigung un­annehmbar ist. (Lebhafter Beifall im Zenttum und redjt8.)

Abg. Gamp (Rp.): Für die landwirtschaft­lichen Brennereien bedeutet die Vorlage in jedem Fall eine unangenehme Ueberraschung. Da aber spätestens im Jahr 1910 uns die geplante Reform der Spiritusbesteuerung vorgelegt werden mutz, so können wir sachlich erhebliche Bedenken gegen die Vorlage nicht geltend machen.

Abg. Sieg (nt.): Man darf nicht vergessen, daß die Vorlage einer Forderung des Reichstag- entspricht. Eine Aufhebung bet sogen. Liebesgabe ist völlig indiskutabel.

Abg. Dietrich (k.): Die Abbröckelung der Maischraumsteuer ist kein Grund, die Beseitigung des Fonds zu fordern, wie es der Freisinn tut. Der Maischsteuervorlage stehen wir nicht ableh- nenb gegenüber, sondern wir hoffen, daß man den Interessen der Landwirtschaft in der Kommis­sion gerecht wird. (Beifall rechts.)

Abg. Schweickhardt (fr. Dp.): Die Vorlage bringt nicht, was wir grundsätzlich verlangen müs- sen, die Beseitigung der Prämien. Im übrigen sind wir bereit, in der Kommission mitzuarbeiten und das zu akzeptieren, was an der Vorlage gut ist. Das Maischbottichsteuergesetz geht an eine Kommission von 21 Mitgliedern.

Montag 2 Uhr: Etatsnotgesetz; Fortsetzung der Wahlinterpellation Interpellation Brejski (Pole) betr. die Ausweisung polnischer Schüler.

Schluß 3% Uhr.

Ans dem Landtage.

Abgeordnetenhaus.

85. Sitzung vom 16. März 1907.

Eröffnung 11% Uhr: Kultusetat.

Antrag Hobrecht (ntl.) auf Einführung der fachmännischen Schulaufsicht.

Abg. Fuuck (fr. 53p.): Wir stehen allgemein auf dem Standpunkt, daß die geistliche Schul­aussicht der Entwicklung der Volksschule nachteilig ist. Bei dem Uebergewicht der Geistlichen wird ein Lehrer gar nicht wagen, feine abweichende Meinung vorzubringen. Dadurch wird die Selb­ständigkeit des Lehrers gefährdet. Der Reichs­kanzler sprach davon, daß die konservativ- liberale Paarung wachsendes Ser- ftänbniS für nationale Fragen gebracht ha­ben. Wir müssen dieses Kompliment ablehnen. Auch die Kulturftagen find natio­nale Fragen. Ich richte den dringenden Appell an Parlament und Regierung: Erweisen Sie Ihr Verständnis für die Forderungen des Tages. (Temonstrativer Beifall links.)

Abg. Hecken-oth (k.): Für uns liegt hier ein Abweichen von der bisherigen Praxis fein Grund vor. Für uns ist der Standpunkt, daß der Re­ligionsunterricht nicht den ganzen Vo lk ssch i! l u n t erridj t du rch dringen soll, ein noii me tangere. In der geistl. Schulin- spettion liegt ein Segen für unser Volk. (Sehr richtig!) Wir wollen erhalten, was geschichtlich geworden ist; und was innerlich durch Grund und Ziel zusammen gehört, das soll in Zukunft nicht geschieden werden. (Lebh. Beifall rechts und im Zentrum.)

Abg. Frhr. v. Zedlitz (frf.): Daß die Kreis- fchnlrnspektion im Hauptamt der Stellung des Religionsunterrichts in der Volksschule nicht widerspricht und daß ein guter Religionsunter­richt mit der fachmännischen Schulaufsicht verein­bar ist, ist durch Tatsachen bewiesen. Die geistliche Ortsschulinspektion bringt so viel Unannehmlich­keiten mit sich, daß sie bald möglichst verschwinden sollte. (Sehr richtig! links.) Der Minister sollte wenigstens die Erklärung abgeben, daß er an die Frage der Schulaufsicht herantreten werde, sobald sich die Wirkungen des Volksfchul- und Besol­dungsgesetzes übersehen lassen. Wenn ich Sie auffordere, für den Antrag zu ftimmen, fo ge­schieht es in der Erwartung, daß das Haus sich stark machen wird, nach allen Richtungen hin, dis Urterrichtsverwaltung zu treiben und zu drängen zrrr Lösung der Aufgaben auf dem Gebiete der Schule. (Beifall bei den Freikonservativen, Na­tionalliberalen und Freisinnigen; anhaltendes Zi­schen rechts und auf der Rechten; erneuter demon­strativer Beifall bei den Freik. und links.)

Ministerialdirektor Schwartzkopff: Die Ten­denz der Verwaltung geht nicht dahin, das geist- liche Element zu bevorzugen, das beweist die Tat­sache, daß sich unter den Kreisschulinspektoren 137 Philologen, 115 Seminarrektoren und nur 63 Theologen befinden. Die Zahl der unbeschränkten Lehrerstellen betrug 1877 unter Falk 7 %, dagegen 1906 unter dem gegenwärtigen Minister nur 3,5 %. (Hört! hört! rechts und im Zentr.) So­bald das Dolksschnlunterhaltungsgesetz und das Lehrerbesoldungsgesetz durchgefiihrt sind, wird der in dem Anträge enthaltenen wichtigen Frage näher getreten werden. Die Ausführungen des Abg. von Zedlitz entfallen damit von selbst. (Leb­hafter Beifall rechts und im Zentr.)

Mmister Dr. Studt: Ich habe vom Anfang meiner Amtstätigkeit an dem Lehrermangel meine größte Aufmerksamkeit gewidmet. Sie mögen meine Tättgkeit beurteilen, wie Sie wollen; das steht fest, das Ministerium, welches mir anver­traut ist, hat in den 7 Jahren eine treue und er­folgreiche Arbeit geleistet. (Lebh. Bravo rechts und im Zentrum) und zwar eine Arbeit, die nicht nur den Anfchauungen der Konservativen und des Zentrums, sondern auch einem großen Teil der Stufen durchaus entsprochen hat. (Widersprach links; lebh. Beifall rechts und im Zentrum.)

Abg. Schiffer (ntl.): Die Vorherrschaft der Kirche in Bezug auf die Erziehung der Kinder ist in keiner Weise begründet. So hoch wir den Re­ligionsunterricht auch schätzen, so doch nicht so hoch, daß die anderen Facher nebensächlich sind.

Schule und Kirche find von einander los zu lösen. Die Alleinherrschaft der Kirche über die Schule müssen wir energisch bekämpfen. Wo Bleibt jetzt die Mitwirkung der Konservativen an der konser­vativ-liberalen Politik? Die Polittk des Reichs muß auch diejenige Preußens sein. (Bestall bei den Natt.)

Aby. Frhr. to. Heydebrand (k.): Wir hatten eS nicht für selbstverständlich, daß man die ReichS- polittk ohne weiteres auf unsere Geschäfte über­trägt (Sehr richtig!), daß die Wechsel auf natio­nale Fragen honoriert werden sollen mit Zuge­ständnissen der Fragen des Geistes. Unfern Stand, zur Sache selbst hat der Abg. Heckenroch schon zur Genüge dargestellt. Namens meiner politischen Freunde kann ich erklären, daß ein Ton, wie ihn der Abg. v. Zedlitz angeschlagen hat, einem Minister gegenüber tn höchstem Grade miß­fällt. (Lebhafte Zustimmung rechts.) Ich habe die Empfindung, daß man es Mitgliedern der Regierung schuldig ist, sie mit Ehrfurcht zu be­handeln, nicht mit einem Ton der Verachtung. (Lebh. Beifall rechts und im Zentr.) Wenn der Abg. v. Zedlitz fo weiter verfährt, macht er eS uns sehr schwer, an weiteren Verständigungen teil- zunehmen. Wir unsererfeits sind mit der Art und Weife, wie das Kultusministerium handett, einverstanden und wir wünschen, daß der Kultus­minister noch recht lange seines Amtes wallte. (Lebh. Beifall rechts und im Zentrum.) Wei! wir in dem Antrag einen Weg sehen, auf dem Christentum und Religion nicht zu ihrem Recht kommen tön« nen, können wir ihm unmöglich zustimmen. (Lebh. Beifall rechts und im Zentrum.)

Abg. Dr. Porsch (Ztr.): Die Behauptung deS Abg. Frmck, die Tendenz der Regierung gehe auf Ansschaltung der weltlichen Schulinspeftoren, ist bereits vom Regierungstische aus widerlegt wor­den. Aber ich zweifle nicht, daß bei dem Uebel« wollen eines Teils der gegnerischen Presse dem von uns vertretenen Volksteil gegenüber die Sache so dargestellt wird, als ob wir ein beson­deres praktisches Interesse an der Schulinspektion haben. Dem gegenüber möchte ich bemerken, daß von den 330 Schulinfpeftoren hn Hauptamt 68 Geistliche find und unter letzteren kaum einer oder zwei katholische Geistliche. (Hörti hörtk im Ztr.) Im Nebenamt sind 930 Geistliche in der Schulaufsicht beschäftigt, von diesen viel­leicht 60 bis 70 katholische. (Erneutes Hörtk hörti im Zenttum.) Bei der Ortsschulinspektion find die Geistlichen auch nicht übermäßig, bevorzugt. Hierfiir könnte ich viele Beispiele erbringen. Die „Schlesische Volkszeitung" hat gemeldet, daß die Ortsschulinspektion in Langenau von einem Apo­theker ausgeübt wird, und daß dieser nunmehr auch in einem anderen Orte zur Ortsschulinspek­tion berufen worden ist. Das ist besonders inter­essant festzustellen in einem Augenblicke, wo man fo fehr die fachmännische Schulaufficht ersehnt. Von 1500 Ortsschulinspettoren sind 1100 weltliche. In 120 Fällen wird die „fachmännische" Schul­aufficht ausgeübt von Forftmeistern, RechnungS» röten, Rfttrneistern, praktischen Aerzten, Majoren a. D. usw. (Große Heiterkeit im Zentrum). Der Abg. Funck hat betont, der Antrag sei an erster Versuch. Das hat mir den Wunsch nahe gelegt, das Schulprogramm der Herren von der Linken kennen zu fernen. Wenn man einen Schritt vor­wärts tuen soll, muß man doch das Ziel kennen. Der Abg. v. Zedlitz ist offener gewesen, indem er unter Angriffen auf den Minister, wie sie noch nicht vorgekommen sind, und die ich lebhaft be­dauere (Lebhafte Zustimmung rechts und im Zentrum), und als fein Endziel die Trennung deS Unterrichtsministeriums vom Kultusministerium hinstellte. Auf dieses Zukunstsprogramm will ich nicht näher eingeben. Es fällt uns n i ch t e i n, für die Kirche eine Herrschaft über denStaatzu beanspruchen. (Sehr richtig i im Zenttum.) Aber die von Christus gegrünbete Heilsanstalt, die die Ausgabe hat, die Völker für die Ewigkeit zu erziehen, kann nicht abseits stehen, wenn unsere Jugend erzogen wird. (Leb­hafte Zustimmung im Zentrum.) Die Grund­lagen unseres Staatslebens werden nicht beeiu- ttachtigt, sondern gefestigt, wenn Kirche und Staat die Jugend erziehen. Dabei ist nicht eine Herr­schaft der Kirche über die Schule bezweckt, son­dern nur, daß die Schule eine religiös- sittliche Erziehung der Jugend be­wirft. Wenn der Staat nicht sein eigenes Inter­esse vernachlässigen will, mutz er die Mitwirkung der Kirche akzeptieren. Bezüglich der Bemängelung der Qualifikation der Geistlichen zur Schulauf­sicht verweise ich auf die Ausführungen meines Kollegen Glattfelder. Die Geistlichen haben ja an und für sich den Berns, die Gläubigen in reli­giöser Beziehung zu erziehen. Der Unter­richt in Pädagogik und Katechetik, der mit brat- tischen Hebungen verbunden ist, befähigt sie, bat Erziehungsamt auszuüben. Es ist gesagt wor­den, auch katholische Lehrer wünschten die Fach- schulaufficht. Gewiß gibt eS katholische Lehrer, die diese Forderung erheben, well sie glauben, da­mit im Interesse des Lehrerstandes und bet Schule zu handeln. Ich verweise dann auf die Ver» < Handlungen des BerbandstageS katholsscher Leh- : rerbereine Deutschlands in Berlin vom vorigen ■ Jahre. Dort sind die wettgehendsten Wünsche > bezüglich der fachmännischen Aussicht zum AuS» ; druck gekommen. Sie find ausgesprpchen in den Sätzen des Korreferenten. Aber das Korreferat i gipfelt auch in den beiden Sätzen: Jede Ordnung ' der Schulaufficht muß das Recht der Kirche I auf Erteilung und Leitung des Re­ligionsunterrichts und die Ueberwachung der religiösen Erziehung anerkennen. Und weiter: Die gefamte Schulordnung muß vom christliche» Geiste gettagen werden. Die Fachaussicht Wirtz also nur verlangt, wenn das Aufsichtsrecht der Kirche gesetzlich festgelegt wird. In Blattern der :