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Rstationrdrnlk u. Verlag der Fuldaer Ak» tiendr iderei in Sui6a.

Sernfpredjer Hr 9.

Fulda, Attttwoch Deu 13. März 1907.

JV3 60

34. Jahrpang.

Zweites Wlalt.

....... -

Grüne Augen.

dtvmau von *7 r. F. X. Etz.

19] kAschdnkk mUoteu.)

Tie drei Türmchen und der achteckige Pavillon des Schlosses Stapleton traten allmählich aus der dichten Nebelsckücht hervor, mit dem sich der träge Nauck ans dem Kamine des Schlosses ver'inigte.

Als Jesko einst seiner Gattin das Stanim- schloß seiner Familie in glühenden Farbeti schil­derte, hatte er an den tvonnigen Mai gedacht, und der beglückende Gedanke, einst im Maienmo- nat mit dem geliebten Weibe dort einzieben zu können, hatte dem Maler den Pinsel geführt.

Taran dachte jetzt die Witwe, als sie unter dem dichten Witwenschleier hervor mit tränen­schwerem Blicke nach denn Schlosie starrte.

Wie ganz anders war ihr Einzug. Totmüde lehnte sie sich in die schwellenden Polster des Landauers zurück, den man vom Schlosse an die Bahnstation geschickt hatte, und sie mußte sich un­willkürlich immer fragen, ob ihr die respektvollen Fragen des alten ergrauten Lakaien in Trauer- livrc galten, ob der junge Mann neben ibr ihr Bruder sei, der Industrierittcr. der unehrliche Kassierer, der Einbrecher. Und der unglücklichen, schwergeprüften Witwe trat der Sck)atten Jeskos vor den Geist, drohend die Arme erhebend, um die beabsichtigte Profanation zu verhindern, die dem Eintritte des Stiefsohnes als des wirklichen Sohnes unter dem Schutzs eines Verbrechers be­stand.

Noch heute abend, wenn Heinz abgereist ist, werde ich dem Lord die Wahrheit sagen, nahm sich die Witwe im stillen des Herzens vor.

Der Wagen hielt vor dem großen Sckloßportal, zu dem eine breite, granitene Freitreppe hinan- sührte. Der alte Diener öffnete den Kutschen- schlag, den umflorten Hut ehrerbietig in der .Hand, und Philomene, ihr Kind auf dem Arme, stieg aus.

Zwei Herren traten herzu, der Dame behülf- lich zu sein, Roderich Straub und ein junger Prie­ster Es war der Verwandte des Hauses, dessen Eintritt in einen Orden Philomenens Sohn die Lordsckiaft vererbt hatte.

Roderich nahm klein Lorenz von dem Änne der Mutter, drückte ihn an sein Herz und rußte ih.r zärtlich.

, Wie bleich er ist und wie schwächlich für sein Alter!" sagte er zu dem Priester.

Philomene ging ein Stich durch das Herz, der Gedanke an die Möglichkeit einer Entlarvung des Verbrechens benahm ihr die Fassung. Heinz ent­ging die Aufregung der Schwester nicht. Mrt gut erheuchelter Erregtheit dalckte er beit beiden Her­ren für den wohltuenden Empfang: das Wohl­wollen beider hatte er sich nun gesichert.

Roderich bot der Witwe Jeskos den Ann. „Kommen Sie", sagte er mit bewegter Stimme, „Ihre Eltern erwarten Siel"

Willenlos ließ sich Philomene die Treppe hin- anführen, der Priester folgte, Karlchen — nicht doch, Lorenz auf dem Arme.

Mit schlotternden Knieen betrat Philomene das Vaterhaus ihres Gatten, unhörbar glitt ihr Fuß auf dem dichten Teppich der Vorhalle dahin.

Rasch öffnete sich eine breite, hohe Flügeltüre zur Rechten, auf der Schwelle erschien der Lord, gestützt auf den Arm der Gattin.

Wie festgcbannt blieb Philomene bei diesem Anblick stehen. Der kraftvolle Mann, dessen Ge­stalt dem Alter hätte trotzen müssen, war gebro­chen. Mit einem Aufschrei des Schmerzes stürzte Philomene in seine weitgeöffncten Arme und schluchzte zum Erbarmen. Auch Roderich und der Priester konnten die Tränen nicht zurückhalten, und der alte, im Dienste des Hauses ergraute Diener, der einst Jesko auf den Armen getragen, weinte leise vor sich hin.

Unterdessen hatte sich Lady Stapleton des Enkels bemächtigt. Sie drückte ihn an ihr Herz, seine Aermchen umschlangen ihren Hals und ver­wundert schaute der Knabe mit seinen großen Augen die Frau an, die in diesem Augenblick hilf­loser schien als das arme Kind.

„Komnien Sie, meine Tochter", bat der Lord, besten Vorurteil gegen Jeskos Frau plötzlich ge­wichen war. „Setzen wir uns, Sie sind müde von der Reise." Und er geleitete Philomene zum Sopba.

Alle wetteiferten miteinander, Philomene mit Zärtlichkeiten zu überhäufen, und ihren Schmerz zu mildern. Wohin die Witwe blickte, überall be­gegnete ihr tränenschweres Auge ungeheucheltem Mitgefühl. War sie dessen würdig? O, sie wollte ja heute abend ihr Unrecht eingestehen, und diese mitleidigen Menschen würden ihr gewiß verzeihen und sie nicht verstoßen.

Rieder, wie damals, al» ste krank in dem bayerischen Dorfe darniederlag und von ihm bU erste Bestätigung seines neuesten Verbrechen­hörte, entfiel ihr der Mut und willenlos folgte sie der Kammerfrau in ihre Gemächer.

Lady Stapleton hatte mit aller Sorgfalt,die Zimmer für die längstgeliebte Tochter auSgewahlt und mit feinem Verständnis ausgestattet. Wa­das Schloß an wertvstlen Nippsachen für ein Frauengemach bieten konnte, hatte Lady Stap­leton in Philomenens Gemächer bringen lassen.

Eine halbe Stunde später erhielt Philomene den Besuch der Schloßherrin.

„Wie soll ich Ihnen für Ihre mütterliche Sor­ge und Liebe danken?" sagte Philomene unter Tränen und umarmte die Schloßherrin.

„Dadurch, daß Sie uns auch lieb haben", er­widerte diese. „Wir haben Liebe so nötig I Unser Enkel verlängert meinem Gatten das Leben, aber das ist nicht der Grund, weshalb wir Sie, die Mutter unseres Enkels lieben: wir lieben Sie um Ihrer selbst willen, jetzt, da wir Sie gesehen und bei uns haben. Und wären Sie auch nicht dir' Mutter unsres lieben Lorenz, wir würden Sie als Gattin unseres unvergeßlichen Sohnes lieben. Sie sind ja unsere einzige Tochter, unser alles, was uns an Kindern das Schicksal gelassen hat. Unsere Liebe gehört Ihnen, unser Haus ist das Ihrige."

sFortsetzung folgt.)

Lorenz saß aus deS Großvaters Knien und fuhr ihm mit feinem durchsichtigen Fingerchen durch den wettzen, vollen Bart.

„Wie ähnlich Lorenz feinem Vater steht", wandte sich der Lord an feine Gattin. „Ohne das Kind wäre mein Dasein verödet."

Für Philomene war jedes Wort der Teilnahme ein neuer Stich ins Herz und jede neue Zärtlich­keit gegen sie oder das Kind ein neues Glied in der verhängnisvollen Kette, die sich immer enger um sie schlang und ein Entweichen immer mehr unmöglich machte.

Im nahen Eßzimmer wurde ein kleines Diner aufgetragen, aber diese ausgesuchten Speisen blie­ben unberührt Auch das Kind zeigte keinerlei Hunger wie sehr ihm die Schloßherrin und Ellen auch zusprachen. Letztere hatte sich erst jetzt ein- oesunden Da sie ihrer Entbindung entgegensah. wollte ihr Roderich die Aufregung deS ersten Wiedersehens ersparen.

„Ich wollte", flüsterte Ellen der Tante zu, „mein Kind gliche einst Lorenz."

Heinz hatte unterdeS mit den übrigen Herren eine Unterhaltung zustande gebracht, die von den gemeinsamen Gefühlen ablenkte. Philomene be­merkte, wie der Lord aufmerksam Heinzens Worte zuhörte, aber sie war doch tief betroffen, als der Lord nach einer Weile sich an Heinz wandte mit den Worten: „Wir haben uns über Sie und Ihre Familie getäuscht, aber ich hoffe, alles gut machen zu können."

Bald darauf hob der Lord das Diner auf, um den Ankömmlingen Zeit zu geben, sich etwas auS- zuruhen.

Als Philomene der für sie bestimmten Kam­merfrau die mit kunstvollen Teppichen belegte Treppe hinan folgte, schlich sich Heinz an sie heran.

„Ich bin eingeladen", flüsterte er der Schwe- stcr auf deutsch zu, „einige Tage hier zu bleiben. Wenn Du das Geheimnis verrätst, so werde ich dafür sorgen, daß man Dich und Dein Krnd zum Hause hinausjagt. Ich aber werde mich vor Dei­nen Augen töten."

Philomene sah den Bruder bittend an. Sie wußte daß er Arbeit und Entbehrungen haßte, aber seine Gesichtszüge sagten ihr auch, daß et wirklich imstande wäre, seine Drohungen auszu­führen.

Würde sein Selbstmord nicht auf sie zurück- fallen?"

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