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lagt iat, hiu Ausnahme der Sonn« unöStititagt viertel« jährt. Bezugspreis ohne vringerlohN und veiieltgtld in Fulda uud auswärts 1 Bit 6» Ps§>

verautwortlitder Schriftleiter:A.wekl«r; für die Buzelqen: Z. parzeller in Fulda

ZuldaerKZettmg

wochenSeiiM: „Illustrierte Souutagszeituug" m,iiatÄ-iias-: „Fuldaer Geschichtsblätter"

Au; eigen: Vie ein« fpaltige Petitzeile oder deren Kaum 15 pfg. Reflamtn >ie peiitzeile 25 pfg.; bei wieder« holuuqrn wird entspr. Badatt «ernährt.

Botationsdruck u. Verlag »er Fuldaer Ae> tiendr rckerei in Fulda.

Fernsprecher Nr 9.

59. .

Fulda, Dienstag den 12. März 1907.

34. Jadraana.

Erstes Mlcrtt.

z. Die Mumie des Meße« Kurs,«.

Tas deutsche Reich hat seit seinem Mederer- steben eine ganze Anzahl von politischen Kurs- richtungen hinter sich: von 1870, 1879 war der Kulturkampf und der Freihandel mit allen Schad« den des Manchestertums Trumpf; von 1879 bis 1890 führte Bismarck das Reich unter die Staaten der Schutzzollpolitik und sucht die Folgen des Kulturkampfes abzuschwächen. In diesen beiden Zeiträumen zeigt sich eine gewisse Stetigkeit, nach­dem der Wechsel einmal vollzogen war. Ganz an­ders ist es seit 18901 Da begann zuerst der neue Kurs, der einer Annäherung an den Freihandel gleichkommt, der Liberalismus witterte Morgen­luft und er erreichte 1892 den Fall des Zedlitzschen Schulgesetzes. Aber die preußischen Junker er- hoben sich gar mächtig; der Bund der Landwirte wurde gegründet u. forderte Schutz der Landwirt­schaft. ‘ 1894 und 1896 schon erreichte er die Be­seitigung der am meisten gehaßten Männer,^es begann ein neuer Kurs, der sich unter Ausnutz­ung des Zentrums ein viriles Jahrzehnt hielt. Jetzt stehen wir an dem neuesten Kurs, der in das liberale Fahrwasser sich bewegen soll! Man gebe sich keiner Täuschung hin; dieses Bestreben besteht an maßgebenden Stellen; daher der Bruch mit dem Zentrum: daher die Neuwahlen. Wir wollen nun einige Signale für den neuesten Kurs aufstecken, damit seine Spuren genau verfolgt wer­den können!

Tas Umschmeicheln des Kaiser» durch die ltbe- rale Presse ist das hervorstechendste Merkmal. Was derzeit auf diesem Gebiete geleistet wird, übersteigt alle Grenzen. Ein freimütiger Kritiker hat einstens von „römischen Byzantinern" ge­sprochen und das Uebermaß in gewissen katholi­schen Kreisen getadelt. Di« „liberalen Byzanti­ner" aber find die reinsten Speichellecker oder besser gesagt: eS find moderne Radfahrer, die fich nach oben ducken und nach unten mit den Füßen treten! Diese» Schweifwedeln um die kaiserliche Gunst ist west entfernt von der Ehrfurcht, die wir alle dem Träger der Krone zollen und die uns Christenpflicht ist. Der Liberalismus spekuliert mit seiner Haltung; er rechnet damst, daß der Kaiser in letzter Zeit viel liberaler geworden sei als früher. Der stete Umgang mit den freien liberalen Amerikanern, die Gesellschaft der Pro­fessoren Burgseß und Harnack und anderer und der sonstige Verkehr im liberalen Automobilklub hätten auch auf den Kaiser abgesärbt, so hört man es in ienen Kreisen. Der Kaiser sei im -'Kerze« stets liberal gewesen und habe sich dem Wunsche der Liberalen beim Bolksschulgesetz und bei der lex Heinze nicht widersetzt; er habe zum Beispiel größten Wert auf den Umstand gelegt, daß dre preußischen Liberalen für das neue Schulunter, haltnngsgesetz gestimmt hätten. Der freisinnige Vizepräsident Kämpf gar fei persona gratissima geworden l In allen diesen Tonarten geht e» m der Presse der Liberalen und noch mehr in ihren private» Unterredungen fort. Wir können hier die Spreu von dem Weizen nicht scheiden und wis­sen nicht, ob diese Meldungen Tatsache find oder r der Phantasie der Liberalen entsprunge« fia... Aber eS läßt fich nicht in Abrede stellen, daß manche» für ihre Wahrscheinlichkeit spricht; iebenfcH» steht fest, daß der neueste Kurs nicht begonnen worden wäre, wenn der Kaiser nicht danut einverstanden gewesen wäre. Nachdem man daS Zentrum auSgepreßt hotte, wie ehre Zitrone, nachdem hier nicht» mehr geholt werden konnte, will mau es für die bevorstehenden großen Pläne mit dem Freifimr und dar Lideralerr probiere». Freilich erfährt mau auch von anderer Seite, daß der Kaiser den gewählte« Moment für die Kurkschwenkung als verfrüht angesehen habe, mag fein. Für un» steht fest, daß diese ohne »der gar gegen seinen Willen nicht erfolgt wäre. Wen« teti: Fürst Bülow fich in dieser Gunst besonders sonnt, so finden wir e» verständlich. Als Katho­liken und ZentrmnSleute verstehen wir e», die Person de» Kaiser» zu trennen von der zentrums­feindliche» Politik, die fceracit eingeleitet wird, auch wenn die liberale Presse den Kaiser noch so sehr für sich reklamiert

Die Zurückhaltung de» Reichskanzlers Fürst Bülow ist da» zweite hervorstechende Merkmal! Wie haben nicht nötig, noch lange zu schildern, welchen Eindruck e» im Reichstage macht, daß der Reichskanzler nur erschien, um eine Rede gegen das Zeittrm» und eine solche gegen die Sozialde­mokratie zu halten, daß er aber dann sofort auf Nimmerwiedersehen verschwand. In allen Par­teien rechnete man auf eine Antwort des Reichs­kanzler»; selbst sein Stellvertreter gab der An­sicht Ausdruck, bah er auf Gröber» riesenhafte Stete antworten müsse. Aber man täuschte fich. Der Reichskanzler blieb fern. Er, der früher allein zwei Reden gegen Bebel vom Stapel ließ, fand nun keine Worte der Entgegnung mehr. Selbst seinen neuesten Freunden hat er ans ihre Reden nicht mehr geantwortet. Wir wissen nicht, ob e» hie Sorge für die Gesundheit ist, welche den Fürsten Bülow die dumpfe Luft de- Reichstages meiten läßt, oder ob es das Gefühl absoluter Wur­stigkeit herbeiführt. Wer fich allerdings eine solch« getreue Mehrheit geschaffen hat, daß fie stet» ein- schwenkt, wenn dos Wort „national" ertönt, kann und darf sich vieles leisten. Es ist setzt gut, Reichs- kanzler zu fein, wenigstens für 6 Monate, wo noch alle» Hof stund rechnet, daß die Wünsche erfüllt werden. Allerdings können im Herbste getäuscht? Hossnungen starke Erbitterungen hervorrnseul

Protestantische Politik soll nun im Reiche be­triebe« werden; so hört man e» allerorts sag-n. E» läßt fich gar nicht leugnen, daß die konfessio­nelle Verhetzung deS D-Hlkampse» ihre Well« auch Mit Reichstag« schlägt. Namentlich sind eine An­

zahl neuer sächsischer Abgeordneter ausgesprochene „Katholikenfrefser", die ganz aufgebracht sich ge­bärdeten. wenn ein Zentrumsreduer nur von der Freiheit der Religionsübung sprach. Jetzt foL das „römische Joch" abgeschüttelt werden. - tzt soll „deutsche Politik" betrieben werden. So kann man es jeden Tag lesen. In der Tat ist auch die Abneigung gegen das „Katholische im Zentrum" in den anderen Parteien im Wachsen begriffen; nichtdasZentrumhaßtman, sondern die Katholiken im Zentrum. Schon längst wäre der Block auseinandergesallen, wenn nicht dieses Bindemittel bestehen würde; es wird wohl auch noch geraume Zeit seine Dienste leisten. Daß die Gegenwirkung hiervon eine Zunahme der Opposition im Zentrum bedeutet, ist auch klar; keine unvernünftige Opposition wird es treiben, aber eine kluge und energische Politik!

Diese 3 Kennzeichen find für jedermann er- sichtlich und werden uns noch öfters begegnen; fie deuten den „neueften Kurs" an, den Fürst Bülow fahren will. Die von uns stets erwünschte Klar­heit ist somit geschaffen und wir sind dessen froh; jetzt können wir uns noch besser hierauf ein­richten.

Deutsches Reich.

Berkin, 11. März 1907.

* Die „nationale Mehrheit" scheint in dieser Session doch noch zu großen Dingen be­rufe« zu sein. Wie die ,Köln. Ztg.' berichtet, wird in nächster Zeit der Börsen aus sch »ß «mberufen werden, um zur Börsenreform Stellung zu nehmen. Es gilt für möglich, daß dem Reichstag noch in dieser Tagung eine No­velle zum Börsengesetze vorgeleat wird, bei deren Fassung die von 1904 bi» 1906 gemachten Vor­lagen und die darüber geführten parlamentarischen Verhandlungen die breite Grundlage bilden. Man hofft, daß die „nationale Mehrheit" ihre Schuldigkeit tun werde, weil di« materiell«« Intel effen der Landwirtschaft von dem „Reform- werke" nicht berührt werben sollen. Die,D. TageSftg.' hat in letzter Zeit ganz anbet» ge­sprochen und dringend davor gewarnt, mit der „Börsenreform" eine Sprengbombe in die „na­tionale Mehrheit" zu werten. -

* „Nicht recht toürbig" findet es die .Deutsche TageSztg/, daß der „Vertrieb patrio- tischer Zeitschriften" die beiden EtatSreden des Fürsten Bülow mit allerhand Karri- katuren „geschmückt" eerbretten will. Sie nennt daS einen „««glückseligen Gedanken" und bemerk weiter:

Wir halten ein« solch« Behandlung der Reden deS ersten Reichsbeamten für nicht recht würdig, aber in diesem besonderen Falle auch für recht ungeschickt, da die Karrikaturen ost recht wenig sinnreich uab manchmal geradezu kindisch find. Wir hebe,: zum Beweise dessen nur die Bilder her­vor, die den Zickzackkurs und das Fortwursteln, ferner den Kolonialdirektor als Haus­knecht, weiter den Fürsten Bülow vor dem ihm hmzeworsenen Handschuh, endlich den Abgeordneten Betel huldigend vor der Büste Bismarcks darftellen. Solche Äamtaiuten find an sich finnlos, al» Illu­strationen aber ntt Rede eines Staatsmannes völlig unangebracht.

Die .Deutsche TageSztg/ hat offenbar nicht den richtigen „nationalen" Geschmack. Sie frage einmal bei der ,9lat Ztg/ an; die ist von den „Illustrationen" ganz entzückt. Hoffentlich ist bet Reichskanzler auch damit M rieben, denn es wäre doch sehr unangenehm, wenn er fich durch den Eifer feiner Freunde geniert und blamiert fühlt«.

* Oberrea lschulabitnrienteu und medizinisches Studium. Die Stachricht, daß in Preußen jetzt auch die Abiturienten bet Oberrealschulen zum Studium der Medizi« zugelaffen find, wird durch eine amtliche Bekanntmachung im Zeniralblatie fürdaS deutsche Reich bestätigt. Dre Zulassung ist an folgende Bedingung geknüpft: Inhaber deS Reifezeugnisse» einer Oterrealjchule haben nachzuwetfen. daß fie in der lateinisch«« Sprache die Kenntnifle besitzen, welche für die Versetzung in die Obersekunda eines deutschen Realgymnasiums gefordert werde«. Sind btefe Kenn misse ermord« an einer deutschen Oberrealschule mit wahlfieiem Lateimmterricht, so genügt da» Zeugnis der A«. staltskiter» über die erfolgreiche Teilnahme an diese» Unterricht; andernfalls ist der Stachsoeir durch ein auf Grund einer Prüfung ausgestelltes Zeugniß de» Leiter» eine» deutsche« Gymnasium» ober eine» deutschen Realgymnasiums zu erbringen.

tu Allerlei vom Fürste« Bülow! Daß Bülow jetzt bei be« Liberalen, die ihn vor bem 13. Dezember gar nicht leibe« mochten, fehl heraus ist, geht u. a. auch daran» hervor, daß liberale Aätter jetzt in der „lichter gewordenen Gegenwart" schon den „Bügelfalt«" in BAow'r Hosen ihre liebevolle Aufmerksamkeit scheuten; so schreibt die Magdeb. Ztg/ in dem Breicht Ster ferne Auseinandersetzung mit bem Äbg. Betel: ^Fürst Bülow ist mit noch ausgesuchterer Eleganz gekleidet al» sonst. Der lange schwarze Gehrock mit f eibene« Aufschlägen und das bis tret gestreifte Beinkleid mit tadelloser Bügel, alle verraten echt englischen Schnitt; über die schwarze Weste zieht sich prall die gölten« Uhrkette." — Wir find be» gierig, was diese neueste Bülowbegeisterang «och alle» zu Wege bringen wird. — Fürst Bülow spricht das Wort Sozialdemokratie das er in den letzten ReichStagsverhavdlungen so ost in den

Mund genommen hat, anders aus als andere Menschenkinder, nämlich „Sozialdemokraßie" Ach, wer sonst fast ganz von Zitaten, d. h. von Brosamen Anderer lebt, muß sich doch bemühen, wenigstens in einigen Aeußerlichkeilen etwas Originalität an den Tag zu legen. Die Aus­sprache, Demokraßie, Aristo kraßie, Diplomaßie ufw. ist die französische. Es liegt aber gar kein Grund vor, diese Worte französisch auszusprechen. Sie entstammen dem Griechischen, und in dieser Sprache haben fie ten Laut, der sich mit unserem t deckt. Das wird dem Kanzler jeder Tertianer bestätigen. Fürst Bülow behandelt das Wort ebenso willktelich und dilettantisch wie die Sache. Dm« auch gegen die Anschauungen bet Sozial­demokratie weiß er zwar unterhaltend und unter allen möglichen Bonmots (witzigen Redensarten) oberflächlich zu plaudern, aber zu einet in die Tiefe dringenden und die Wurzel berührenden Auffassung von der „Sozialdemokraßie" hat er bisher nichts gebracht.

* Die Schweiger des Parlaments. Nach einer Zusammenstellung, die ein offenbar nicht übermäßig mit Arbeit belasteter Beobachter un­seres parlamentarischen Lebens gemacht bat, hoben von den jetzigen Reichstagsabgeord­neten in der letzten Session nicht iveniger als 143 überhaupt nicht gesprochen. Acht von ihnen, die seit 1898 dem Hause angehören, hbten in dieser ganzen Zeit geschwiegen! Der größte Schiveiger im Reichsparlament ist aber der Bürgermeister Anton Lehemeit, Hosphoto- graph und ilhrmachrr in Trostberg in Bayern, Vertreter des Wahlkreises Traunstein. Et ist schon 1890 in ten Reichstag eingrirrien, aber in diesen 16 Iahten hat er nicht ein einziges Mal das Wort ergriffen. Jedenfalls brauchen diese Schweiger durchaus noch nicht die un­nützesten Parlamentarier zu sein. Redner haben wir nötig und zoll« ihnen Anerkennuna, wenn sie die Interessen de» Volker gut vertreten, ater die Hauptarbeit liegt in ten Komm issionen, und in dies« ist mancher Abgeordnete ein sehr schätzbarer und verdienter Arbeitet, obwohl et nie itn Plenum daS Wort ergreift. Am wenigsten kann man sich für solche Abgeordnete begeistern, die ab rind zu da? Wort int Plenum ergreifen und damit ihrer Pflicht genug getan zu haben glauben.

• Sozialdemokratische und Schvndliteratirt. Durch die sozialdemokratssche Press« (wrg(. Rheinische Zeitung' Nr. 51 vom 2. März 1907) geht eben eine Notiz, wonach em technischer Direffor einet größere« Fabrik das Dresdener Soziali en blatt in einer Zuschrift ersucht bube, dahin zu wirken, daß die Arbeiter und Arbeite- tinnen davon ablassen mögen, von Agenten Schundliteratur zu taufen. Aufs höchste Roß setzen sich da die Genossen und rühmen fich, ten Kampf gegen die Schundliteratur stets mit Nach­druck geführt zrr haben rwd darin ter bürger­lichen Presse mit gutem Beispiel »orangegangen zu fein. Dieses Geflunker erhält eine recht eigen­artige Beleuchtung durch eine Annonce der sosial- dernokr-'ttschen.Düsseldorfer DolkS.;eitnng'(Nr. 44 vom 23. Februar 1907). Da lieft man: „ Dl« billigsten Romane für die Leser ter »Volkszeitung'." Als solche werten empfohlen: Dumas, Der Graf von Monte Christo; Sue, Die Geheimnisse von Paris, Der Glöckner von Nvlre-Dame; ferner: Fratten m der Türkei; Chronik europäiicher Fürsten Höfe; EnchMuugen aus de» Noirnrnlebe«; Klöster ter Christeudeu; Barbara Udryk, dre Nonne; Neuer Pfaffen- spiegel. Wen« irgend etwas btt Bezeichnung „Schundliteratur" verdient, so dir hier genannte« Schmierereien. Und da» empfiehlt daS sozial- dernokratische Parteiblatt und vertreibt die Partei- buchhaudlung. Nicht zu vergessen da» üu offi° zielleu Parteiverlag erschienene Schmier merk deck Genoffen Rüfenow: „Wider die Pfaffercherrschast". Und da behau.ttet die sozialdemokratische Press«, sie bekämpfe die Schundliteratur. Nein, wen« jemand mit SchundUteratur da» Volk vergiftet und um seine sanerveridientes Groschen bemogelt, indem sie ihm solche» Schundgeug dafür auf« hängt, io in allererster Linie die Sozialdemokratie.

A»4 -em Metch-tage.

15. Sitzung vom 1L März 1907,

Eröffnung 214 Uhr:

Fortsetzung ter Interpellation Trnntetn (Z.) tetr, di« Rechtsfähigkeit ter BernfSverrinr.

Abg. Muochau (f. Vp): Die Ausführungen de» Staatssekretärs tetr, die Berufsvereine ha­ben un» nicht befriedigt. Die Verleihung der Rechtsfähigkeit an die Berufsvereine ist keine fo- SialpoUtische Wohltat, sondern die Sefeiti- (jung eines Ausnahmezustandes. Würde daS Gesetz im Sinne de» Abg. Trimborn ausgeflattet werden, so würde es die gesamte deutsche Arteiterschaft, auch bte christlich«, ®e- weri schäften, auf» tiefste enttäuschen. Die AuS- übrungen de» Staatssekretär» bezüglich be» AuS- verkaufswesens haben auch nicht überzeugen kön­nen. Wenn Mißstände Vorkommen, so muß man nicht gleich Abhilfe mittels der Gesetzgebung schaf­fen wollen. Viel richtiger ist eS, die bestehende Gesetzgebung zur Bekämpfung der Mißstände djeirfet anzuweuden und im übrigen auf die Selbsthilfe zu verweisen. Den übertriebenen Hoff­nungen. welche dar Handwerk in Bezug auf ten

kleinen Befähigungsnachweis hegt, können hüt nicht beitreten. Wenn das Handwerk neben der Ge- frilenprüfung auch noch eine Meisterprüfung ha­ben will, so haben wir nichts dagegen einzuwen- den. Der schweren Verantwortung, welche uns die jetzige Mehrheit oufcrlegt, find wir uns be- mußt und wir werden im Sinne Engen Richters alle Kräfte daran setzen, in freiheitlicher Weise der Gerechtigkeit und dem Frieden zu dienen. (Bei­fall links.)

Abg. v. Dirksen (Rp.): Die Frage des fiei- nen Befähigungsnachweises ist schon längst spruchreif und sie könnte bei gutem Willen sehr wohl noch in dieser Sesfion gelöst werden. Die Frage des unlauteren Wettbewerbs ist so dringend, daß wir wohl erwarten können, daß uns spätestens bei Beginn der nächsten Session eine Vorlage zugeht. Die äußerst wichtigen Forderun­gen der Rechtsfähigkeit der Berufsvereine und der Errichtung von ArbcitZkammern werden in dieser Sesfion Wohl nicht mehr erledigt werden können, und ich will wich daher auch materiell nicht näher aus fie einlafjcn. Wohl aber fühle ich mich ver­pflichtet, gegen die Angriffe zu protestieren, die von sozialdemokratischer Seite in dieser Materie fort- gesetzt gegen die sogenannten gelben Gewerk­schaften und gegen den Nerchsverband zur Be­kämpfung der Sozialdemokratie erhoben werden. Die Sozialdemokratie spricht immer von einem „Reichslügenverband". Wir akzeptieren diese Bezeichnung; wir sind ein Verband zur Be­kämpfung der Reichslügen, die die Sozialdemo­kratie verbreitet. (Gelächter bei den Sozialdemo­kraten.) Sie (zu den Sozialdemokraten) werfen uns vor, daß wir bezahlte Agitatoren ius Land schicken. Ja, machen Sie cs (zu den Sozialdemo­kraten) denn anders? Bezahlen Sie denn auch nicht Ihre Agitatoren und Ihre Beamten? (Un­ruhe rmd Zurufe bei den Sozialdemokraten.) Und bezahlen Sie sie nicht noch obendrein von den Groschen, die Sie von den Arbeitern erpreßt ha- den. (Stürmische Ohorufe, Lärmen und Unruhe bet den Sozialdemokraten. Der sozialdemokratisch« Abg. Kaden springt erregt von seinem Matze auf uni) ruft dem Präsidenten zu: Er hat gesagt, wir Sozialdemokraten erpressen von den Arbeitern Geld. Lauter Widerspruch rechts. Erneute Zu­rufe bei den Sozialdemokraten: Jawohl, er hat von uns gesprochen! Er hat uns gemeint 1 Zur Ordnung! Glocke des Präsidenten.)

Präsident Graf Stolberg: Wenn dec Herr Abgeordnete da» von den sozialdemokratischen Mitgliedern dieses Hauses gesagt hatte, so würde das mizuläsfig sein. (Stürmische Zurufe bei den Sozialdemokraten. Er hat von uns gesprochen! Znr Ordnung! Rufe rechts: Ist nicht wahr!) Tor Redner sucht vergebens, fich in dem fortfah- renben Lärmen und Tosen Gehör zu verschaffen; man Höri aus seinen Darlegungen aber nur die Wort«, «r habe von der Sozialdemokratie hn all­gemeinen gesprochen. Mehrere sozialdemokratische Abgeordnete, ihnen voran der sozialdemokratische Abg. Kaden, springen erregt von ihren Plätzen auf und ergeben sich in lauten Zurufen. Der Prä­sident ruft den Abg. Kaden zur Ordnung. (Bravo! und Beifall rechts. Ruse bei den So­zialdemokraten: Er soll mit seinen Frechheiten aufhören. Stufe: Raus, raus! rechts. Fort­gesetzter Lärm, in dem sich der Redner erst »ach und nach wieder Gehör zu verschaffe» vermag.)

Abg. von Dirckfru (fortfahrend): Ich habe nur gesagt, die Sozialdemokratie verbraucht das Gold für ihre Zwecke, das fie von den Arteltern erpreßt hat (Erneute stürmische -Ohorn fr und Lärmen bei den Sozialdemokraten) imb der Reichsverband unterscheidet sich von der Sozialde- mofratie zu seinem Vorteile dadurch, daß er nur absolut freiwillige Beiträge verwendet, baß er patriotisch« Zweck« verfolgt und daß er nicht di« Bevölkerungsklassen gegeneinander aufhetzt Im weitere» erbringt Redner an der Hand von Aeuhe- rungen sozialdemokratischer Parteiführer ten Nachweis, daß di« neutralen Gewerkschaften in Wirklichkeit sozialdemokratische Organisationen feien, und bringt einige krasse Fälle des sozial- demokratischen Terrorismus zur Sprache, lieber unsere Stellungnahme zum Gesetz betreffend die DerufSvereme haben wir un» schon im vorigen Jahre geäußert. Redner schließt mit einem Ap­pell an die Sozialdemokraten, jede Verhetzung aufzugeben und positiv an der Sozialresorm mit- Autoirfen.

Abg. Schack (wirtsch. Vgg.): Das Zentrum hat zweifellos auf sozialpolitischem Gebiete große Verdienste erworben. Für ten Rittristrmd hat e» mit uns zuf ammengtir trft und bei der Ar­beiterfrage hat e» allein die Arbeit verrichtet. Namen» meiner Freunde kann ich erkläre«, daß wir die Borlag« tetr, die Rechtsfähigkeit der Be­rufsvereine ebenso sehr fordern tote das Zentrum. Ebenso verlangen wir in Uebcrcinftimmuug mit dem Abg. Trimbornein einheitlicher BrretnS- unb VersammlungSrecht. Dem kleine« Befähig- ungSnachweis stimmen auch wir z«. Wetter ist aber auch notwendig die Sicherung ter Forderun­gen ter Bauhandwerker sowie ter Befähigung»- nachwei» für da» Bauhandwerk. Dringlicher und vuchiiger als die Rechtsfähigkeit der BerufSder- eine scheint mit eine Vorlage bett. Arbeitskam­mern. Ich erwarte auch, daß habet die HantelSge- hilfen und die Privatbeamten nicht übergangen werden. Redner fdflagt sodann vor, neben ter anderen Kommission eine ständige Kommission für Sozialpolitik einzusehen.

Adg. Srrfmrtt) (Pole) führt auS, ein liberale» Dersinsgesetz sei viel nötiger, al» die Rechtsfähig­keit der Bernfsvereine. In Oberschlesien könnten die Arbeiter kaum ein Versammlungslokal erhal­te«, weil Polizeischikanen einen Terrorismus auf di- Lokalinhaber ausüben. (Hört! hört!) Im wei­teren polemisiert Redner gegen die preußische Polenpvlitik, welche aufgebaut sei auf dem Sumpf der Unsittlrchkeit und der moralischen Ver-