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Rotationsdruck u. Verlag der Juldaer Ae» tiendr rckerei in $uiba. Herr sprecher Nr *>.
34. Jahrqanq.
Fulda, Donnerstag den 7. März 1907.
M 55.
Krstes Wtatt.
Das Zentrum im neuen Reichstage.
Mit den bisherigen Verhandlungen kanndaS Zentrum wohl zuftieden sein. Noch nie wurden die Verdienste des Zentrums um das Vaterland so offen anerkannt, als dies von Zentrumsgegnern in den letzten Tagen geschah. Schon der Reichstagspräsident Gras Stolberg rühmte unmittelbar nach seiner Wahl die Schlagfertigkeit und persönliche Liebenswürdigkeit seinesAmlsvorgängerS, des Zentrumspräsidenten Grasen Ballestrem. Der nationalliberale Abg. Bassermann sagte: „Ich gebe ohne weiteres zu, daß ein großer Teil der hinter uns liegenden Gesetzgebung mit dem Zentrum gemacht wordm ist und daß das Zentrum auf diesem Gebiete sich große Verdienste erworben hat." Der Reichskanzler Fürst Bülow äußerte: „Auch mit anderen Parteien bildete das Zentrum eine Mehrheit. Mit dieser Mehrheit bestimmte gesetzgeberische Aufgaben zu lösen, bin ich bestrebt gewesen. So habe ich im Reichstage den Ausbau der deutschen Flotte ermöglicht, den Zolltarif, die Handelsverträge, die Brüffeler Konvention, die Reichsfinanzreform, in Preußen den Kanal, die Bergarbeiternovelle und das Volksschulgesetz zustande gebracht... Ich erkenne auch heute durchaus an, daß das Zentrum bei solchen Aufgaben mit gewirkt hat, und daß es geholfen hat, sie in einer Weise zu lösen, die im Interesse des Landes I a g."
Als dritter im Bunde spendete der Sozial- demokrat Bebel dem Zentrum hohes Lob: „Ich freue mich noch nachträglich darüber, wie nützlich das Zentrum gewirkt hat. Haben doch nach den Briefen des Generals Keim der Reichskanzler und Herr v. Tirpitz nur aus Furcht vor dem Zentrum nach Ansicht des Flottenvereins so schwächliche Flottenvorlagen eingebracht. Das Zentrum verdient dafür heute noch Dank." Auch eine andere Ausführung Bebels ist geradezu eine Rechtfertigung des Zentrums: „Gibt es denn einen stärkeren Gegensatz als Nationalliberate und Zentrum? Wem hat das Zentrum den Kulturkampf zu verdanken, wenn nicht den Nationalliberalen? Und gibt es nicht heute noch unter den Nationalliberalen eine große Anzahl, die sofort bereit sein würdm, einen neuen Kulturkampf mitzumachen, wenn sie nicht von der Parteileitung zurückgehalten würdm, damit sie keine Dummheiten machen?"
Auch der dritte Tag der Etatsberatung brachte dem Zentrum wieder ein gutes Zeugnis. Der Abg. Gamp (Rp.) sagte: „DaS Zentrum brachte viele große sozialpolitische Arbeitm, nach feiner besten Ueberzeugung aus Patriotismus zustande. Ich bin überzeugt, daß unsere Wege uns wieder mit dem Zentrum zu- sammenführen werden."
Alle diese Zeugnisse wollen wir uns gut merken; es wird ja sicher nicht lange dauern, bis wan das Zentrum wieder als „vaterlands- los und reichsfeindlich" hinstellcn wird.
Deutsches Reich.
Berlin, 6. März 1907.
* Die Zahl der Initiativanträge, die in den ersten 10 Tagen der neuen Session eingegangen find und demgemäß als „gleichzeitig" eingebracht gelten, beträgt nicht weniger als 140. In der 1. Session der vergangenen
Legislaturperiode, warm es 99 Initiativanträge, mit denen das hohe Haus überschwemmt wurde. In der 2. Session derselben Legislaturperiode brachten es die Fraktionen auf 84 Anträge. Was aber jetzt geleistet worden ist, übertrifft weit alles bisher dagewesene. Nicht ohne Interesse ist es, zu betrachten, wie sich diese Fülle auf die einzelnen Fraktionen vertritt. Die Nationalliberalen rangieren mit 27 Anträgen unbestritten an der Spitze. Ihnen folgen , das Zentrum und die Wirtschaftliche Vereinigung mit je 19, die Sozialdemokraten mit 17 und die Konservativen mit 14 Jnüiatwanträgen. Die 3 freisinnigen Gruppen haben sich mtt 12 Anträgen begnügt, die Freikonservativen mü 7, die verschiedenen Gruppen der Eisäffer mit 3, und schließlich kommen dazu noch 3 Anträge, die von Angehörigen verschiedener Parteien gemein- schaftlich unterzeichnet worden sind. Auffallen muß hierunter neben der großen Produktivität der Nationalliberalen, die wahrscheinlich einmal ihr ganze- Programm in Initiativanträgen um- zugießen versucht haben, der Eiser der Polen und der Wwtschastlichen Vereinigung. Da jebe Woche nur ein Tag (SchwerinStag) für die Beratung dieier Anträge frei bleibt, so ist nicht damit zu rechnen, daß alle Anträge zur Beratung kommen, wenn im Juni bereits geschlossen wird: das Zentrum hat als stärkste Partei den Vortritt bei der Beratung.
r. Der Toleranzantrag des Zentrums ist jetzt dem Reichstag zugegangen. Er erstreckt sich nur aus feinen ersten Teil, der von der persön
lichen Religionsfreiheit handelt und bereits zwei- mal vom Reichstag angenommen worden ist. Dieser Teil ist in seiner früheren Fassung wieder eingebracht worden. Der zwette Teil handelt von der Freiheit der ReligionSgeseüschasten. Seine Beratung ist jedoch in früheren Sessionen noch nicht soweit gediehen, wie die des ersten. Das Zentrum hat jetzt diesen Teil des Antrags in Rücksicht auf die Geschäftslage vorläufig noch zurückgestellt. Auf nationaler Sette ergeht man sich schon in Vermutungen, daß an eine Beratung des Antrages während der jetzigen Tagung nicht zu denken sein dürfte, da die Frist, innerhalb deren die eingebrachten Anträge als gleichzeitig eingebracht gelten, bereits abgelaufen wäre.
* 77 Wahlproteste! Die Frist zur Einreichung der Wahlproteste ist nunmehr abgelaufeu. Im ganzen sollen etwa 77 Wahlproteste beim Reichstage eingelaufen sein. — Das genügt!
* Neue Verfassung in Mecklenburg? Die beiden mecklenburgischen Großherzogtümer, denen bisher noch eine moderne Verfassung, wie alle anderen deutschen Bundesstaaten sie haben, fehlte, werden nun auch in die Reihe der konstitutionellen Staaten eintreten. Die beiden Großherzoge haben die Landräte ihrer Länder empfangen und ihnen offiziell mitgeteilt, daß sie der Ständevertretung Vorlagen wegen Schaffung einer Konstitution zugehen lassen wollen. Die beiden Fürsten haben der Ueberzeugung Ausdruck gegeben, daß die jetzige Verfassung ihrer Länder berechtigten Anforderungen der heutigen Zeit nicht mehr entspricht und daß es das Wohl des Volkes erfordert, auf eine zeitgemäße Umgestaltung derselben hinzuwirken. Mecklenburg hat noch die alte landfiändische Verfassung. Die Stände setzen sich zusammen aus einem „Korps der Ritterschaft", zu welchem sämtliche Ritterguts-Besitzer gehören, und einem „Korps der Landschaft", worin die 47 Landstädte (außer Neustrelitz) und die Seestädte Rostock und Wismar vertreten sind. Beide Stände gliedern sich nach 3 Kreisen (Herzogtum Schwerin und Herzogtum Güstrow, das letztere bestehend aus den Kreisen Wenden und Stargard). Jeder Kreis hat einen Erblandmar- schall und jedes Herzogtum 4 Landräte, die auf Vorschlag der Stände von den Großherzögen auf Lebenszett ernannt werden. Diese nebst einem Bürgermeister von Rostock (im ganzen also 12 Mitglieder) bilden das Landtags-Direktorium. Ritter- und Landschaft tagen in einer Versammlung und es entscheidet absolute Stimmenmehrheit, doch steht jedem Stande auch gesonderte Beschlußfassung frei, und wenn die Beschlüsse beider Stünde auseinandergehen, kommt der Landtags- Beschluß nicht zustande. Dieses seltsame Gebilde, das sich Verfassung nennt, hat auch sonst noch allerlei Eigentümlichkeiten, die wir eben hier übergehen wollen. Schon wiederholt hat sich der Reichstag mit Anträgen auf Einführung einer Verfassung in Mecklenburg beschäftigt. Auch in der gegenwärtigen Reichstagssession ist ein dahinzielender Antrag bekanntlich eingebracht worden. Wie die neue Verfassung aussehen wird, davon kann man sich jetzt noch kein Bild machen. Zweifellos ist jedoch, daß die jetzigen bevorrechteten Stände dem Plane einen lebhaften Widerstand entgegensetzen werden,
* Toleranz der Protestanten. Im ,Bei- wagen" der »Hildburghausener Dorfzeitung"Nr. 22 vom 26. Januar 1907 ist aus Jena folgendes zu lesen:
„Wohl fast noch berechtigter war die Ablehnung eines Gesuchs um Unterstützung der katholischen Schule, die fast einstimmig erfolgte. Aehnliche, etwas naive Gesuche sind schon wiederholt gestellt worden. Die jetzt dreistufige Schule, von Anfang an eine Privatschule, zählt zurzeit in 4 Klassen 124 Schüler, von denen 74 auS der Stadt selbst sind. DaS im Auftrag der Gemeinde vom hiesigen Pfarrer eingereichte Gesuch erklärt es nur für billig, wenn die Stadt, die durch die Einrichtung der katholischen Schule etwa 4200 Mark spare, dieser wenigstens die Hälfte dieser Summe als Unterstützung gewähre. Der Gemeinderat war aber der jedenfalls zu- treffenden Ansicht, daß er absolut keine Veranlassung habe, jene aus freiem Willen gegründete und nur auf Scheidung der Kon- feffionen gerichtete (!!) Privatschule, die noch dazu lange nicht das leisten könne wie die achtstufige städtische Bürgerschule, noch zu unterstützen — ganz abgesehen davon, daß dies in den anderen größeren S tädten des Groß Herzogtums auch nicht geschehe. Ganz besonders wurde auch noch darauf hingewiesen, daß in Sachsen- Weimar ja bereits die in anderen Staaten meist erst angestrebte Simultanschule bestehe, ein Grund mehr gegen die geflissentlich« Absonderung der Kinder katholischer Eltern."
Kommentar überflüssig.
(0 Bewilligungslustig für militärische Forderungen waren die Konservativen immer sehr, mit der Opserwilligkeit Hafts aber schon ost gehapert und neue Steuern wollen sie nicht zahlen. Bekanntlich haben die Konservativen, unter denen »och gewiß sich sehr reiche und mächtige Leute befinden, gegen die Erbschaftssteuer im Reichstage
gestimmt und jetzt läuft die.Deutsche Tagesztg/, das Organ deS Bundes der Landwirte, Sturm gegen den Ausbau der Erbschaftssteuer, den ein süddeutsches liberales Blatt als bte erste zukünftige neue Steuerquelle bezeichnet hatte. Deshalb möchte fie glauben, daß, wie der preußische Finan-minister, so auch der Reichskanzler keine Neigung haben dürste, an diesen Ausbau heranzutreten. Die ,D. T/ schreibt: Er weiß, daß die konservattven Parteien in ihrer weit überwiegen- den Mehrhett für einen derartigen Ausbau unter keinen Umständen zu haben sein würden. Er würde nur mit einer solchen Vorlage einen Zank- apfel zwischen die Mehrheits-Parteien werfen, der leicht zu einem Verfall führen könnte. Es ist rührend, wie sehr das agrarische Organ für die konservativ - liberale Paanmg bedacht ist und wie angelegentlich es dem Reichskanzler deren Wahrung empfiehlt. Da von halbosfiziöser Seite auch angekündigt worden ist, daß den nationalen Parteien erst Zett gelassen werden müßte, um sich in die Paarung einzugewöhnen, bevor neue Gesetzentwürfe dem Reichstage vorgelegt wurden, so scheint die kommende Tätigkeit des Reichstages größtenteils unter zarter Rücksichtnahme auf den Block sich abzuwickeln.
* Kulturkampf in der Kaserne. Unter dieser Spitzmarke bringt die sozialdemokratische Volksstimme zu Magdeburg in ihrer Nummer 54 vom 5. März folgende Notiz:
Für die evangelischen Soldaten der hiesigen Garnison werden jetzt von einem M i l i- tärgei st lichen Vorträge über die letzte Reichstagswahl gehalten. Neben der angeblichen Niederlage der Sozialdemokratie bilden die Erfolge, die das Zentrum in den verschiedenen Landesteilen errungen hat, den Hauptgegenstand der Ausführungen des evangelischen Pfarrers. Die Mehrzahl der Soldaten sind über das Gehörte durchaus nicht ungehalten Da das Lesen von Zeitungen in den Kasernen bekanntlich verpönt ist, so erfahren die Soldaten wenigstens auf diesem Wege, was in der Welt vorgebt. Für die Diskussion in der Flick- und Putzstube sollen diese Vorträge in ausreichendem Maße den Stoff liefern. Wenn nun noch ein ka- tholischer Geistlicher auch für die katholischen Soldaten derartige Vorträge in Zentrumsbeleuchtung abhalten würde, bann fehlte nur noch, daß auch sozialdemokratische Agitatoren zugelasien würden, um die Kaserne zu einer allen gerecht werdenden politischen Erziehungsanstalt zu machen, womit wir durchaus einverstanden wären.
Die Richtigkeit der Notiz bezweifeln wir, find aber mit der ,®ermania' der Ansicht, daß, da man heutzutage manches bis dahin Unmögliche für möglich halten muß, eine amtliche Aufklärung — nicht bloß die übliche offi iöse Ableugnung — dringend erwünscht wäre.
Aus dem Reichstage.
11. Sitzung vom 6. März 1907.
Eröffnung l1/« Uhr.
Kolonialdirektor Dernburg: Der Etat der Südwestasrika ist Ihnen in der alten Form wieder vorgelegt. Es wird Ihnen aber zu demselben eine Ergänzung zugehen, welche den veränderten Ver- hältnissen Rechnung trägt. Es sollen in der Zett von April bis Ende September weitereTruppen zurückgezogen werden. Die Zahl kann ich Ihnen noch nicht angeben; es wird das in etwa 8 Tagen möglich sein. Das kann ich Ihnen aber schon sagen, daß wir mit 2500 Mann nicht auskommen. Die Verminderung kann nur erfolgen, wenn auf der anderen Seite der Polizeitruppe verstärkt wird. Die wettere Reduktion roitb natürlich von dem Ausbau der Eisenbahn abhängen. Den Missionaren spreche ich für ihr Bemühen um die Pazifizierung des Landes meinen Dank aus. (Bravo!) Für die Farmer werden wir eine Entschädigung fordern. Redner empfiehlt sodann dm Bau der Bahn Kubub-Keetmannshoop und schließt mit der Versicherung, daß die Deutschen, welche sich in Süd- westafrika niederließm, dort ein ausreichmdes Aus- kommm finben und Deutschland bis zu einer gewissen Grmze sür seine Opfer auf seine Rechnung kommen werde.
Aba. Rogalla 8. Bieberstein (kons.): So erfreulich die Rücksendung der Truppen ist, so möchte ich doch btiten, in dieser Beziehung nicht etwa einen zu weit- ß'nben Druck auf das Kommando auSznüben.
s die Pazifizierung des Landes anlangt, so ftehm wir aus dem Standpunkt, daß neben emer ft orten Polizeitruppe auch eine angemeffme Schutztruppe in Südwestasrika bleiben muß. Die Ansiedler habm einen Anspruch auf den Schutz des Reichs; auch beren Hinterbliebenen müssen entschädigt werden. Ferner must sür die kranken und verstümmelten Soldaten nicht nur ausreichenb, sonbern glänzend gesorgt werben. Rebner schließt mit ber Bitte, bte Nachtragsetats ohne Kommissionsberatung zu ge- nehmigm. (Beifall.)
Abg. Fehreubach (Z.): Wir warm am 13. Dez. v. I. berrtt, von ben geforderten 29 Millionen 20 Mill, zu bewilligen. Unser Fraktionsredner, Dr. Spahn, hat dabei ausgesprochen, daß wir bereit seien, das Bedürfnis gründlich zu prüfen und erforderlichenfalls weitere Mittel zu bewilligen. Tie Situation im Schutzgebiet hat sich inzwischen nicht verschlechtert, eS steht fest, daß man tatsächlich schon seit Ende vorigen Jahres von einem FriedenSznstand reden kann. Wir werden desdalb auch jetzt die Regierungsvorlage in ihrer Gesamtforderung von 29 Millionen ablehnen. Was die Bahnstage anlangt, so habm wir schon in der Kommissionssitzung vom 13. Dez. vormittags ihr zugestimmt und wir sind natürlich auch heute bereit, ihr zuzustimmen. Der Vorredner sprach von
einer „glänzenden" Versorgung nuferer Krieger. Wir empfinden für die Taten unserer Soldaten un- tettte Hochachtung und gönnen ihnen dm wärmsten Dank des Vaterlandes. (Bravo!) Angesichts dcr Tatsache aber, daß unsere Krieger aus den großen Schlachten von 1870/71 stellenweise mit einer recht wenig glänzenden Versorgung bedacht sind, sind wir nicht geneigt,«ns bezüglich unserer südwestasrikanischen Krieger auf ben Superlativ einer „glänzenden" Versorgung festzulegeu. (Beifall im Zentrum.)
Abg. Dr. Sanier (ntl): Daß die Farmer entschädigt werden müssm, halten auch wir für notwendig. Warnen möchte ich vor einer Ueberstürznng ber Ansieblnng. Der Abbau der Mineralien kann nur nach wirtschaftlicher Erschließung des Landes mtt Erfolg betrieben werden. Die Kosten für den Bahnbau bedürfen einer Nachprüfung in der Kommission. So sehr wir bereit sind, die Bahn zn bewilligen, so sehr ist es unsere Pflicht, bei dcm Bau zu sparen, wo gespart werden kann. Mit der Dar- lehnsfrage find wir cinverstanden.
Abg. Fürst Hohenlohe (srühererKolonialdirettor): Wir werden die Vorlage unverändert bewilligen. Wir freuen uns, daß ber Krieg, der so viele Opfer an Gut und Blut gekostet hat, nunmehr beendigt ist, und wir sind voll Dank und Anerkennung gegenüber den Leistungen unserer brauen Truppen, die bas erreicht habm. Allerbings werden wir gut tun, nicht allzu vertrauensselig zu sein; jebmfalls ist die unverkürzte Bewilligung der geforderten Nachtragsetats unbedingt nölig, um Ruhe und Sicherheit in der Kolonie zu gcwähr- leistm. Es wäre traurig, wenn wir unsere Waffenehre an ein nutzloses Unternehmen gesetzt hätten. Wir haben um ein wertvolles Gut in Südwestasrika gestritten. Die Meinungsverschiedenheit über den Wert der Kolonie wird noch eine Reihe von Jahren anhalten. Das wird immer bei einem Gebiete der Fall sein, der erst mangelhaft erschlossen ist. Bis zu der Zeit, wo zahlreiche Deutsche ein lohnendes Unterkommen in Südwestafrika finden, haben wir es mit einer Wahricheinlichkeitsrechnnng zu tun, aber mit einer Rechnung, die viel für sich hat. Wenn man aber an eine zukünsttge Verzinsung glaubt, dann muß man aber auch die Mittel zur Entwickelung der Kolonie gewähren. Diesm Zweck haben die uns gemachten Vorlagen. Ohne Verkehrsmittel können sich die Schutzgebiete nicht entwickeln. Andere Länder sind uns hierin voraus, und Vorbedingung für die Entwickelung von Südwestasrika ist ber hier geforderte Bahnbau.
Abg. Kopsch (steif. Vp.): Namms meiner Partei kann ich erklären, daß wir den Nachiragsetat bereinigen werden. Verwahrung möchte ich aber einlegm gegen ben Gedanken einer ständigen Kolonialarmee. Es ist uns der Vorwurf gemacht, daß unsere Haltung zu diesen Etats nicht in Em- klang stehe mit unserer früheren Haltung. Das ist unzutreffmb. Wir haben uns nie geweigert, alles zu bewilligen, was für bie Ruhe und Sicherheit der Kolonie nötig war. Wir sind bereit, eine Kolonialpolitik zu unterstützen, die sich auf gewisse vernünftige Interessensphären beschränkt und die vor allen Dingen nach guten kaufmännischen Grundsätzen geleitet wird. (Beifall bei den Freisinnigen.)
Kolonialdirektor Dernburg: Schon jetzt steht fest, daß bie Zolleinnahmen Südwestafrikas nm eine Million ben Voranschlag überschreiten. (Hört! Hört!) Bezüglich ber Landgesellschaften wird eine Besprechung in der Budgetkommission nötig sein, ebenso roegen der Enteignungsfrage nnd des Beistandes der Interessenten zum Bahnbau. Alles Gelände um die Bahnhöfe herum werden rotr sür die Regierung in Anspruch nehmen.
Abg. Ledebonr (Soz.): Wie kommt die Regierung dazu, jetzt, da ber ftrieg tatsächlich zu Ende ist, zu verlangen, daß selbst nach dem 1. April noch 7000 auf unbestimmte Zeit in Südwestasrika bleiben sollm und daß, nachdem Major v. Francois noch am 9. November in einem Artikel ausführte, es genügten 850 Mann mit 8 Geschützen vollständig, um die Ruhe ansrecht zu erhalten. Es ist eine Tatsache, baß bie alldeutschen Phantasiepolitiker sich seit Jahren mit dem Gedanken tragen, daß die Aufrechterhaltung einer großen deutschm Truppenmacht in Südafrika ein „vollpolitischer Trumps" gegen England ist. Der Reichskanzler hat das als „niederträchtige Verleumdung" und „Unsinn" bezeichnet. Freilich der Reichskanzler weiß davon nichts, er würde heute noch ahnungslos im Son- namdulzustand auf ber Weltkugel Herumlaufen, (große Heiterkeit) wenn ber»Vorwärts' nicht darauf aufmerksam gemacht hätte, baß auch tnt Auslande jene Auffassung Glauben findet. Statt aber dem .Vorwärts" bankbar zu fern, greift er ihn in der schärfsten Weise an, und wenn er bann für seine Angriffe einlreten soll, entzieht er sich ber Verantwortung. (Sehr richtig! bei ben Sozialdemokraten. Unruhe rechts, Glocke des Präsidenten.)
Vizepräsident Dr. Paasche: Sie haben kein Recht, in fern Sinne an der Tätigkeit des Reichskanzlers Kritik zu üben. (Stürmische Ohorufe und Unterbrechungen; Zurufe: Selbstverständlich hat er das Recht. Wo bleibt da die Redefreiheit? Fortdauernder anhaltender Lärm, in dem der Präsident vergeblich sich Gehör zu verschaffen ver- acht.) Sie haben erklärt, der Reichskanzler entzöge sich jebeSmal der Verpflichtung, hier Rede und Antwort zu stehen. (Lebhafte Rufe: Sehr richtig bei den Sozialdemokraten.)
Abg. Ledebonr (fortfahrend): Wie wir dieses Verhalten des Herrn Reichskanzlers kritisieren wollen, darüber haben wir allein zu entscheiden; (Sehr richtigl und lebhafte Zustimmung linkst wir haben das Recht, an einem solchen Verhalten in parlamentarischen Ausdrücken Kritik zu üben, und da lassen wir uns von keinem Präsidenten i)rein reden. (Stürmischer Beifall links.) Man hat dem Kolonialdirektor viel Lob gespendet für einen angeblichen Nachweis der Enttvickelungs- ähigkeit von Südwestasrika. Er hat uns in der Kommission den Farmer Schlettwein als Typus iiafür vorgeführt, was ein Farmer in der Kolonie verdienen könne. Herr Schlettwein bat di«