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Zeitung

monatsbeNage: „Zuldaer Geschlchtsblätter"

A« zeigen: Vie ei» fpaltige Petitzeile ob« deren Raum 15 pfg. Reklamen oie petttzeile 25 Pfg.; del wieder, dolnnaen wird entfpr.

Rabah oewtprt

Rotattonrdruck u. Verlag der Fuldaer Ar» tieibutferei in $iilba. Zernsprecher Mr <#.

M 54.

Fulda, Mittwoch den 6. Man 1907.

34. Jahraang.

Erstes Matt

Aus -em Reichstage.

10. Sitzung vom 5. März 1907. A X

Eröffnung V/4 Uhr. *'

Etatsberatung.

Abg. Paasche (ntl.): Frhr. v. Hertling deutete gestern an, die Auflösung im Jahre 1878 sei nötig

flucht zum Gebete und der Trost unserer heiligen Religion, kannte Philomene nicht. Ihre Mutter starb viel zu früh für fie, und so hatte Philomene des Führers entbehrt in einer Zeit, wo der Geist des Menschen sich bildet und die Gefühle erwachen. Dir Tante aber war zu sehr AlltagSmensch und dazu in den Wirren des Wanderlebens zu frivol geworden, um einerseits selbst an religiösen Fra- ! <ren Interesse zn haben oder gar andrerseits ihrer । Nichte dieses Interesse beizubringen.

Aber spricht nicht der Schöpfer mit lauten Stimmen aus den Wundern der Gebirgswest zum Herzen des Menschen? Wohl, ober nicht feder ver­steht ihre ernste Sprache, und er kommt erst dann zu sich, wenn ihm das Leben beweist, daß man Gottes Stimme nicht ungestraft überhören darf.

Die Reisegesellschaft brach auf. Man besich^ tigte Italien von den Alpen bis zur Straße von Messina, Mailand, Florenz, Rom, Neapel, nicht; wurde vergessen. Philomene gewahrte, daß Jes­kos Gesundheit sich von Tag zu Tag stärkte, wäh- rend das Kind nach wie vor und trotz der sorgfäl­tigsten Pflege ein blasses, schwächliches Wesen blieb. Ebenso wenig schien sich auch der Geist in diesem zerbrechlichen Gehäuse entwickeln zu wollen.

Beide Gatten litten schwer unter dieser Er- fahrnng. Das Geschick entschädigte fie indes reichlich, als Philomene in den ersten Frühlings­tagen ihrem überglücklichen Gatten einen Söhn gebar. Es war ein kräftiger, pausbackiger Junge.

Lady Stapleton schickte aus dem fernen Nor­den ein prächtiges Taufkleid und Tante Kunr- gunde eine Sammlung von Strümpfen und Jock- chen und anderen Dingen, die zur Garderobe eines kleinen Weltbürgers gehören. Nur der Lord ließ nichts von sich hören. Er war ungehalten über den fortgesetzten Trotz Jeskos und das Benehmen Philomeuens — sie wagte nämlich nicht, an den Lord zu schreiben — und hatte Jesko seinen Wunsch übermitteln lasten, ihn nie wieder mit Briefen zu belästigen. So sehr sich auch Lady Stapleton und Ellen Mühe gaben, den Lord um­zustimmen — er blieb hart.

(Fortsetzung folgt)-

Gemälden der Pinakothek und den antiken Mei- sterwerken von Bildhauerkunst in der Glypothek verweilt und hatten beide die Kolossalstatue der Bavaria erklommen — nun war Philomene müde, übersättigt. Sie dürstete nach Abwechslung.

Im offenen Wagen verließen fie München in der Richtung nach Tirol zu. Zur Mittagsstunde machten fie Halt und fuhren dann mit dem Dampfroß weiter.

Gegen Abend langten sie in der Gebirgswelt an, den bayerischen Alpen. Hoch ragten die Rie­sen in die Wolken hinein und verbargen wie im Traume das altersgraue Haupt in den dichten Wolkenschleiern.

„Laß uns dort oben wohnen!" bat Philomene den Gatten, dessen schmale Brust sich in der rei- neu, würzigen Gebirgslust weitete.

Malerisch am Fuße des Gebirges hingestreckt lag ein Dorf dar ihnen. Der Kuppelturm der Kirche ragte trotz seines ehrwürdigen Alters noch immer schlank über die Häuser hinweg, deren weißer Anstrich steundlich herüberleuchtete.

Die Reisenden machten hier Halt, um von da aus die Gegend im Kreise abzusuchen. Das ganze Gebiet der bayerischen Alpen ist in seinem Längen­zuge do» den Allgäuer Alpen von Tieftälern durchschnitten. Gut gebaute Fahrstraßen ver- Mitteln einen schnellen Verkehr, und wer sich vom Staube der Fahrstraße rein baden, die vom Sitzen müden Glieder in klarem GebirgSwafser stärken will, der braucht nicht weit seitab zu gehen. Auch findet der Fremde an jedem Gebirgssee dort einen Kahn, in dem er zur Kühlung auf den selten be­wegte,. Wellen sich schaukeln kann.

Jesko und Philomene durchstreiften die Gegend nach allen Richtungen. Sie verstiegen sich bis in die Höhen, wo keine Spur von Kullur zu finden ist, sie stiegen zu Tal in die Felsrinnen, in denen I im Frühling wildschäumende Gießbäche donnernd zu Tal tosen. Manchmal auch überraschte fie die Nacht auf ihren Ausflügen, und sie mußten, mit dem ländlichen Ruhelager auf dem Heu vorlieb nehmen, wofür sie dann allerdings der prachtvolle Aufgang der Gebirgssonne reichlich entschädigte.

Der Herbst rückte langsam vor, die Herden zogen unter Schellengeläute und dem Jodeln der Sennen von den Almen ab, um im Tal zu über­wintern. Es drängte Philomene weiter.

„Bielleicht ist es doch wahr", sagte fie lachend, „daß unser Geschlecht väterlicherseits von den Zi­geunern abstammt. Die Luft am Wandern habe ich wenigstens mit diesen gemein."

„Dann laß uns sofort nach Italien ziehen!" schlug Jesko vor. „O, wäre doch meine Mama bei unS", fügte er mit einem Seufzer hinzu. „Sie schwärmt für Italien, und noch in ihrem letzten Briefe beneidete sie uns ja um unsere Freizügig­keit, wie sie scherzend unser Wanderleben nannte."

„Wäre ich Lady Stapleton", warf Philomene kopfschüttelnd ein, „so würden meine Träume glaube ich, sich nicht über den Park des Schlaffes hinaus verirren. . . . Doch vorläufig ist es besser, keine Zeit zu haben, an derlei zu denken."

Jesko fuhr zusammen. „Warum diese Ge- danken?" fragte er im Tone des Vorwurfes. „Bist Du denn nicht glücklich, mein Liebling?"

„So glücklich, Jesko, als es nur ein Weib sein kann", beruhigte sie ihn. „Nicht die Gegenwart macht mir Kummer, sondern die Vergangenheit, und diese muß ich in einem neuen Leben ver­gessen."

Vergessen k — ein inhaltsschweres Wort! Leicht und schnell gesagt, aber manchmal so schwer, so unsäglich schwer getan! Trotz aller Zärtlichkett ihres jungen Gatten gähnte immer wieder der jähe Abgrund in ihrem Innern, sie konnte nicht vergeffen» und darum fühlte sie auch in ihrem Herzen immer wieder eine gewisse Leere, die fie nie so recht in den ungetrübten Genuß ihres Glückes kommen liefe.

Aber stände es bester um sie, wäre sie die Schloßberrin auf Stapleton? Klagte nicht auch Jeskos Mutter, die von der Familie und der Ge­sellschaft anerkannte, Achttmg, Glück und Liebe in vollem Maße genießende Frau, klagte sie nicht auch über eine Leere in ihrem Innern?

Gewiß, aber die Schloßherrin hatte ein Heil- mtttel zur Hand, und dieses Heilmittel, die Zu­

Deutscher Reich.

Berlin, 5. März 1907.

< r. Die Etats-Debatten im Reichstage, ins­besondere die Reden der Zentrums-Abgeordneten Dr. Spahn, Gröber, Dr. Schädler und Freiherr v. Hertling haben allgemein so großes Interesse erweckt, daß der Wunsch hervorgetreten ist, sie im Wortlaute nach dem stenographi­sch en Berichte weitesten Kreisen zugänglich zu machen. Diesem Wunsche wird dadurch Rechnung getragen werden, daß die erwähnten Sieben dem­nächst in Form einer Broschüre von der Zen- trnmsvartei herausgegeben werden. Anmeldungen für den Bezug der Broschüre können jetzt schon beider .Germania', Aktien-Gesellschast für Druckerei und Verlag, Berlin C., Stralauerstr. Nr. 25, er­folgen. (Die Rede des Abg. v. Hertling wer­den wir morgen im Wortlartte bringen. Die Red.)

* Der Reichstag hat die erste Beratung des Etats am Dienstag, also am achten Verhand­lungstage, endlich zum Abschluß gebracht. Der nationaUiberalc Abg. Dr. Paasche machte alle möglichen Anstrengungen, um den Nachweis zu erbringen, daß das Zentrum eine Kuhhandels­politik getrieben habe. Aber seine Ausführungen brachten nichts weniger als einen solchen Nach­weis ; im Gegenteil bewiesen sie, da Herr Paasche trotz der wiederholten Zurufe des Zentrums: Wo ist denn die Kuhhandelspolttik? keinen ein­zigen Fall Vorbringen konnte, daß dieser Dor­wurf zu Unrecht gegen daS Zentrum erhoben worden ist. In die Enge getrieben rief der nationalliberale Wortführer ärgerlich aus: Was wollen Sie denn eigentlich mit der „Kuhhandels- Politik?" Sie können doch keine lebenden Kühe mit nach Hause nehmen! Schallende Heiterkeit war die Quittung des Zentrums sür seine Ver­legenheit. Denselben Heiterkeitsausbruch hatte die Behauptung zur Folge, daß die National- liberalen nicht mit den Sozialdemokraten im Wahlkampf paktiert hätten. Auch hier wich Herrn Paasche der Boden wieder unter den Füßen. Denn als die Sozialdemokraten mit dem Zentrum Widerspruch gegen seine Behauptung erhoben, apostrophierte Herr Paasche die Sozial- bemofraten mit den Worten: Wie können Sie uns einen Vorwurf machen. Sie sind ja doch mit ,uns gegangen! Er konstatierte also selbst den Pakt zwischen seiner Partei und den Sozialdemokraten. Mit welchen Mitteln Herr Paasche den Kampf gegen das Zentrum führt, ergibt sich aus der Tatsache, -aß er behauptete, es sei in einer rheinischen Ver­sammlung von Katholiken der Ausruf gefallen: lieber mit dem Protestantismus: Noch während der Neichstagssitzung traf aus dem betreffenden Orte ein Telegramm bei der Zentrumsfraftion ein, wonach ein derartiger Ausdruck nicht gefallen ist. Als das Zentrum dies in Form der persönlichen Bemerkung zur Kenntnis des Hauses bringen wollte, wurde es daran gehindert. Aus der übrigen Verhandlung verdient hervor­gehoben zu werden, daß der Streit zwischen I Herrn v. Loebell und Erzberger fortgesetzt I wurde.

| gewesen, weil die nattonalliberale Partei damals Machtgelüste gezeigt habe, denen Fürst Bismarck : entgegentreten mußte. Davon kann gar keine ; Rede fein. Noch weniger kann davon die Rede fern, daß die Nationalliberalen jemals den An­spruch erhoben, daß ihnen Vorlagen noch vor ihrer Einbringung im Reichstag vorgelegt würden. Nun hat Frhr. v. Hertling weiter gesagt, das Zen- trum sei als Minderheitspartei immer in einer prekären Lage gewesen. Das klingt so, al? ob das Zentrum niemals eine ausschlaggebende Macht gehabt hätte. Der Abg. Bachem hat ab*»r in einer zu Elberfeld gehaltenen Rede die Macht- stellung des Zentrums anerkannt und in diesem Machtbkwußtfein wollen Sie (zum Zentr) Mitten Willen durchsetzen. (Gelachter im Zentrum.) Herr Schaedler behauptet, wir hätten mit den Sozial­demokraten paktiert. (Lebh. Zustimmung 'm Ztr.) Die Wahlhilfe der Sozialdemokraten ist uns zuteil geworden, ohne daß sich die Parteileitung darum beworben hat. (Lebh. Widerspruch im Ztr., Zu- ruf der Sozialdem.: Baden.) Daß Sie (zu den Soz.) dies gegen uns Vorbringen, ist doch eigen­tümlich, da Sie doch mit uns zusammen gegangen llndl (Schallende Heiterkeit im Zentrum.) Ter Abg. Hertling hat die Reichstagsauslösung damit zn begründen versucht, daß der Reichskanzler, weil die wirifchaftlichen Fragen erledigt seien und er also das Zentrum nicht mehr bedürfe, eine An- Näherung an den Evangelischen Bund und die Jungliberalen gesucht habe. Diese sind nicht stark genug, als daß etwas derartiges dem Reichskanz­ler vorgeschwebt hätte. Nein, dem Reichskanzler Umrde eben das Machtbewufeffein des Zentrums unerträglich. Den Vorwurf der Nebenregierung beantwortete Frhr. v. Hertling mit der Segen- trage: Was geht die Zentrumspartei zwei Sub­alternbeamte an, für die einzelne Abgeordnete sich intereffiert haben? Das trifft nicht den Kern der Sache. Es handelt sich darum, daß einige Herren des Zentrums den Versuch gemacht haben, in die Administrativgewalt der Regierung einzu­greifen. Das Zentrum hat dadurch, daß es fein Wort der Mißbilligung gefunden hat, seine Zu­stimmung ausgesprochen. (Widerspruch im Zen- tnim.) Frhr. v. Hertling hat uns endlich Kultur- kampfgelüste unterstellt. Ich verwahre mich auf das entschiedenste gegen diesen Vorwurf. Für Entgleisungen einzelner Redner find wir nicht verantwortlich: maßgebend find nur die offiziellen Kundgebungen unserer Partei, und darin steht nichts von Kulttrrkampf. (Beifall bei den Natt,, naliberalen.)

Abg. Erzbrrgrr (Ztr.): Der Abg. Paasche hat uns in, feiner „Standrede" den Vorwurf gemacht, daß wir Vorlagen der Regierung nicht immer gleich mit dreimaligem Hurrah zustimmen, son- 1 dem sie erst einer gründlichen Prüfung unter- | ziehen. Das ist nicht nur unser Recht, sondern unsere Pflicht. (Beifall im Zentrum.) Die Na- tionalliberalen sind übrigens auch nicht immer io bewilligungsfreudig gewesen; ich erinnere nur an die Bewilligung der Panzerkreuzer in de» 9<)er Jahren. Daß wir unsere 100 Stimmen bet der Gestattung der Gesetze in die Wagschale wer- fen, ist doch ganz selbstverständlich, und kein ver­nünftiger Mensch wird das einen Mißbrauch unse­rer Macht nennen können. Die Behauptung de3 Herrn Dr Paasche, daß die Sozialdemokratie trotz und gegen das Zentrum ihre Mandate eingebüßt habe, ist unrichtig^ ich brauche nur daran zu erinnern, daß in Königsberg, in Magdeburg und an anderen Orten die Sozialdemokratie nur da­durch verdrängt worden ist, daß das Zentrum gleub im ersten Wahlgang für den gegnerischen Kandidaten eintrat. Redner weist dann die Be­hauptung der „Deutsch. Tagesztg.", daß er der Verfasser der Zeitungsnotiz über eine ängstliche

* lieber die Bülow-Reden der letzten Tage schreibt der „Temps": „Man bleibe steptisch gegenüber dem Werte der Koalition der Rechten und Linken, die Bebel „Hottentotten-Block" ge­nannt hat. Wenn in 10 Monaten diese Mehrheit den Prüfungen widersteht, die sie erwarten, wird das für Fürst Bülow ein unerwarteter Erfolg fein. Für den Fall des Gegenteils sehen die Abgeord- neten die Demission des Kanzlers, eine Reichs­tagsauflösung, vielleicht auch beides zusammen, voraus. Die parlamentarische Anschauungsweise ist vernünftig. Sie bestätigt, ivas wir schon früher gesagt haben, und rollt die ewige Frage auf: Wie kann eine konservative Regierung, wie die deutsche Regierung es ist, sich der Mithilfe einer konservativen Partei von 108 Sitzen, wie sie das Zentrum ist, entschlagen?" — Der „C 0 r- riere d'Jtalia", halboffiziöses Organ des heiligen Stuhles, schreibt zu den Bülow- r e 6 en: „Die Rede Bülows war eine Selbstver­teidigung, und man begreift daher auch, warum er unter Verwendung agreffiber Worte das Zen­trum in ein möglichst schlechtes Licht zu setzen suchte, aber unsere Leser wissen bereits viel zu gut, wie die Sachen tatsächlich liegen. Sie wissen vor allem, wie die Unterstützung des Zentrums für die Sozialisten zustande kam, weil auf p 0 - litisch-religiösem Gebiet die deuffchen Sozialisten bisher relativ größere Garan­tien für die Toleranz gegeben haben als die Nationalliberalen. Sie wissen auch, daß ein Uebertoiegen der Nationalliberalen dem Kulturkampf wieder Möglichkeit gegeben hätte. Wrr haben bis jetzt nur W 0 rtedes Kanzlers ver­nommen. Wir warten in aller Ruhe die Er- eigniffe ab."

* Kolonialdirektor Deruburg plant bekann lich eine Reise in unsere Kolonien. Wie ver­lautet, will er die Reise nach Erledigung des Kolonialelals im Reichstag antreten und zu­nächst Ostafrika besuchen. Er gedenkt aber auch die anstoßenden ausländischen Kolonien zu I besuchen und zwar soll sich die Reise auf bas portugisische Laurenco-Marquez erstrecken, von wo sich Dernburg bem englischen südafri­kanischen Besitz zuwenden will. Erst im Anschluß hieran soll Südwestafrika an die Reihe kommen. Ueber die Dauer und die Ausdehnung der Reise ist bis jetzt noch nichts festgelegt.

* Recht so! Dem .Elsässer? wird von einem elsäsischen Zentrumsabgeordneten mitgeteilt: Eine hohe Persönlichkeit aus der Umgebung von Fürst Bülow (Herr v. Loebell?) trat vor der Präsidentenwahl an den Abg. Spahn heran, ihn zu sprechen. Herr Spahn bedeutete dem Herrn in Beherzigung gereifter lehrreicher Vorfälle aus letzter Zeit, er sei in Zukunft für ihn nur noch vor Zeugen zu sprechen.... Darauf­hin entfeinte sich der Herr.

§ Es geht also doch gegen die „katholische Religion.*' Ein wertvolles Geständnis findet sich in der freikonservativen ,Postt (Nr.8l), die keineswegs zentrumsfreundlicher Allüren ver­dächtig ist. Sie bringt eine Zuschrift, die sich mit der Vereinigung jener Katholiken beschäftigt, welche mit dem Zentrum unzufrieden sind, und bei dieser Gelegenheit schreibt sie dem liberalen Block folgende nicht gerade schmeichelhaften Wotte ins Stammbuch:

Der liberale Block wird sich wohl anbieten (für die Nattonalkatholiken), scheidet aber wegen seines bösartigen Katholikenhasses aus. Das ist eben der taktische Fehler des Blocks, daß er die katholische Religion auch in ihren respektabelsten Trägern bekämpft, nicht aber daS

ultramontane System. Die ungesunden Patteiverhältniffe in Bayern und in andere h süd­deutschen Staaten erfahren eben nur dann eine Besserung, wenn die besonnenen liberalen Elemente dem Block den Rücken kehren und die konservattve Partei stärken. Msdann ist ein Rück­hall für jene Katholiken gegeben, die sich au- politischen Gründen von dem durch und durch demokratischen Zentrum trennen."

Die Bestättgung, daß der Kampf des Libe­ralismus gegen die katholische Religion gerichtet ist, verzeichnen wir dankend. Der Weg zu den Konservativen steht den Katholiken, denen die Lust im Zentrum zu demokratisch ist, doch auch heute schon offen. Interessant ist aber, baß diese meist nicht den Weg zu den Konservativen son­dern eben zu dem liberalen Block finden. DaS hat seine guten Gründe, die der Gnsender ent­weder nicht steht oder nicht sehe« will. Die Katholiken, die politisch konservativ sind, haben gar nicht nötig, zu den Konservativen über­zugehen. Sie können ruhig in den Reihen des Zentrum? bleiben. Anders ist es mit den „libe­ralen" Katholiken, die stehen den Konservativen gerade so fern wie dem Zentrum. Darum ist daS Liebesreerben des Versafsers ein Schlag in's Wasser.

r. Heber das Reichstagswahlrecht äußerte sich der Kaiser beim jüngsten Empfang des Reichstagspräsidiums. Einer Zeitungsmeldung zufolge hätte der Kaiser gesagt, daß das Reichs- tagsreahlrecht sich bei den letzten Wahlen durch­aus bewährt habe. Gewissen Kreisen kamen diese Worte sehr ungelegen und die,Deutsche Tageszeitung' machte sich auf bie Suche, um festzustellen, ob ber Kaiser tatsächlich biese Aeuße- rung gemacht habe. Sie teilt jetzt mit, baß ber Kaiser gesagt habe, bas jetzige Reichstags- wahlrecht sei scharf angegriffen worben, bie letzten Wahlen hätten aber doch bewiesen, daß damit auszukommen sei. Diese Ad- schrvächung paßt jetzt der.Deutschen Tageszeitung', und sie bemerkt dazu, baß sich gegen einen solchen Ausspruch nichts einwenben lasse. Jeden­falls ist diese Milderung ganz im Sinne des Scharfrnacherturns, daS unausgesetzt Verbefse- rungSgelüste dem Reichstagswahlrecht gegenüber empfindet.

* Wer hat die Gelder aus den Wahlfonds er­halten? Bei dem vom Reichskanzler erwähnten großen Wahlfonds, dem er selbst von anderer Seite ihm zugegangenen Beiträge zugeführt hat, handelte es sich wohl um eine private Sammlung, aber unter amtlichem Schutz. Von konservativer Seite ist es so hingestellt worden, als ob die Ver­anstaltung dieser Sammlung und die Verwaltung des Fonds in den Händen eines von den Frak- ttonen der Minderheitsparteien vom 13. Dezember gewählten Ausschuffes gelegen habe. Nach dem „Berl. Tagebl." find diefrersinnigenPar- leien jedenfalls an dem Sammlungswerk nicht beteiligt gewesen. An der Spitze des Ausschuffes soll der vielgewandte Freikonservative Frhr. v. Z e d l i tz gestanden haben. Gut, dann fragen wir: Wer hat diese Gelder erhalten?

Grüne Augen.

Roman von Dr. F. X. Eß.

1?] (Nachdruck verboten.)

„Bitte treten Sie nur ein!" sagte freundlich die Blondine. Im Klavierzimmer saß eine alte Tarne, mit Hülfe einer Hornbrille in einem Buche lesend. Das Mädchen teilte ihr den Wunsch der beiden Fremden mit.

Die alte Frau willigte ein und klappte das Buch zu, um das Lied zu hören.

Philomene besaß eine seltene Fingerfertigkeit, aber sie handhabte das Klavier auch mit Ver­ständnis. Für sie waren die Töne Worte, in die sie mit Meisterschaft ihre Gefühle hineinzulegen wußte. Jesko fühlte sich glücklich, daß die Frau am Klavier feine Gattin war.

„So wett bringe ich es nie", sagte traurig Mädchen. „Man sagt mir zwar, ich 8?.^ E'fte schöne Stimme, und ich würde gerne !?o-er selbst Gesangunterricht geben, um meinem neben Grobmutterchen da viel Schönes kaufen zu können, aber wir find zu arm, um mich ausbilden zu können."

Philomene flüsterte ihrem Gatten einige Worte j ins Ohr, worauf er ein Buch aus der Tasche zog I und einige Worte auf ein Blatt schrieb. Dann riß er es heraus und gab es feiner Frau.

„Auch ich war einft arm," sagte sie zu dem Matchen, „und mußte meinem Musiktalent mein tägliches Brot abringen. Nehmen Sie hier dies Zur Erinnerung an diese Stunde!"

Das Blatt war eine Anweisung auf die Reichs- i.Ä Ie Summe genügte, um die Wünsche drS Mädchens zu verwirklichen.

Stemben waren entschlüpft, bevor eS den Inhalt des Pap,eres gelesen hatte. ES eilte ihnen nach, aber die Kutsche fuhr eben jenseits des ©ar­tend davon.

Philomene hatte dem Gatten die Sehenswür- bigkeittn und Kunstschähe Münchens der Reihe nach gezeigt. Sie hatten stundenlang vor den