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M 53.

Fulda, Dienstag den 5. März 1907.

M .Jahrfl ang.

)( Dir MohttWöschr m Mmmei«.

Generalmajor Keim sieht sich vor einer un­bantbaren Arbeit. Er kommt mit seinen Berichti­gungen und Erklärungen zu keinem Ende. Fas leben Tag finden wir in biesem ober jenem Blatte irgend eine Zuschrift Keims ober deS Flottenoer- eins. Die denkbar größten Anstrengungen wer­ben gemacht, um den .unpolitischen" Flottenverein reinzuwaschen, andererseits gibt man sich aber auch alle Mühe, dem Zentrum den angeblichen Briefbieb an die Rockschöße zu hängen. Hierbei leistet gerade die „nationale“ Preffe die besten Handlangerdienste. DaS Ganze bleibt aber eine Mohrenwäsche, so gewunden auch die einzelnen Erklärungen in die Welt fliegen.

In der Hauptsache handelt eS sich jetzt um die Person des BriefdiebeS. Bereits feit einiger Zeit machten die abenteuerlichsten Gerüchte die Runde durch die Preffe. Jetzt veröffentlicht der Geschäftsführer der Präsidialstelle deS Flotten- verelns eine lange Epistel, in der alle möglichen, zum großen Teile auch unkontrollierbaren Mit­teilungen zusammengetragen werden. Die Schul­digen sollen zwei mehrere Jahre lang beim Flot­tenverein angestellte Brüder sein, von denen der eine jetzt in einem österreichischen Lehrerverein, der andere in einem Institute in Belgien sich be­fände. In der Hauptsache richten sich die Be­schuldigungen gegen den letzteren. Inwiefern diese künstlich zurechtgestutzten Hypothesen der Wirklich­keit entsprechen, tonnen wir von hier aus nicht mtschetden, auch nicht untersuchen. Wir haben rber auch gar keine Beranlaffung dazu, irgend welche Nachforschungen anzustellen. Handelt es sich um einen Diebstahl, dann sind wir die letzten, welche den Dieb m Schutz nehmen möchten. Diebstah bleibt Diebstahl, gleichviel von welcher Seite er erfolgt. Run steht aber den tendenttös gefärbten Mitteilungen des FlottenvereinS noch die Er­klärung des ,Bayer. Kur/ gegenüber, daß er fein Material in völlig einwandfreier Weise er­worben habe und den Beweis dafür vor Gericht erbringen werde. Wir haben keinen Grund, diesen Worten keinen Glauben beizumeffen, so­lange nicht daS Gegenteil davon erwiesen wor­den ist. Wir wissen auch, daß eine Klage gegen den .Bayer. Kur/ anhängig sein soll, und finden es deshalb um so sonderbarer, daß der Flotten- oerein gerade jetzt, während die ganze Affäre untersucht und zur Entscheidung vorbereitet wer­den soll, mit seinen abenteuerlichen Erfindungen, denen er noch allerlei Nebenerzählungen beifügte, herausgerückt ist. Jedenfalls ist die einseitige Darstellung der PräsidialsteUe nur geeignet, dte Oeffeutllchkeit gegenüber einer eventuell erfolgen­den gerichtlichen Klarstellung aller Umstande voreinzunehmen. Deshalb vermögen wir auch nicht zu erkennen, inwiefern diese Beröffentlichung Dem Zwecke der Geschäftsstelle, sich und den Berein von den fonderbaren Wahlprattiten rein» zuwajchen, gedient hätte oder noch dienen würde. Dte flottenoereinliche Beröffentlichung verfolgt aber auch den Zweck, noch andere Personen in Dte angebliche Diebstahlsaffäre hineinzuziehen. Wüd doch gesagt, daß die Schwester deS Vaters Der eben genannten Brüder längere Zeit tm Hause eines Erzpriesters, der zugleich Reichs- tagsmitglied war, tätig gewesen wäre. Diese Andeutung kann sich nur auf den Reichstags­abgeordneten Erzpriester Frank beziehen. Die .Germania' ist aber in der Lage, jetzt schon fest-

Grüne Augen.

Sornan von Dr. F. 3L Eß.

11] (Nachdruck verboten.)

Die Folgen blieben für Hermann Klette nicht ans. Er verlor einen Schüler um den anders. Die Famiic geriet in Not. Heinz, der inzwischen groß und kräftig geworden war. lungerte herum, er stahl dem Schöpfer einen Tag nach dem ande­ren ob und war Tag für Tag ein lästiger Parasit, der zum Unterhalt der Familie auch nicht einen Deut beitrug. Nur für Philomene hakte der Barer noch bann und wann ein Stündchen der Fürsorge, und er bildete ihre Stimme so aus, daß sie sich mit den gefeierten Größen der Oper ohne Bedenken hätte messen können.

Das Schicksal schien sich der Familie zu erbar­men. Heinz fand eine ausreichend bezahlte Stel­lung in einem größeren Handelshause in Rotter- daw. Anfangs ging alles gut, da fing Heinz zu spielen an. Durch den Erfolg kühn gemacht, setzte er höher und — verlor. Zur Deckung des Verlustes griff er zu dem nicht mehr ungewöhn- kichen Mittel, er griff in die Kaffe des Hand- lnnzkhauses.

Als der Chef des Hauses das Defizit in der K«fic entdeckte, wandte er sich an den Vater des Verbrechers und versprach Schweigen, wenn der Verlust gedeckt würde. Die Familie entäußerte sich des letzten Inhalts der Sparkasse und brachte sogor noch von ihren wenigen Habseligkeiten unter den Hummer, um den ungeratenen Sohn vor dem ZEKanse und somit ihren ehrlichen Namen von der Schande zu retten. Gleichzeitig aber wurde d»« Liehe die «edin-nng ,eftalt ,nach Indien «uchMomidern, ihm dann das Handlungs- b»M seihst noch behilflich war.

, Gleich baranf nah« Philomene die Werbung «ne| »e,inten von »er Lädlrlchen Verwaltuna

stellen zu können, daß dieser nicht das geringste mit der DiebstahlSgeschichte zu tun hat. Im übrigen ist aber der Flottenverein unausgesetzt bemüht, die ganze Wahlkorrespondenz des General­majors Keim lediglich als Privatsache aufgefaßt zu sehen. Infolge deffen ist eS jetzt um so auf­fälliger, daß in der allernächsten Kundgebung der Berein jetzt so ausführlich sich mit der ganzen Angelegenheit beschäftigt.

Selbstverständlich ist die „nationale* Preffe sofort bei der Hand, um mit der Präsidial­geschäftsstelle sofort in ein Hom zu blasen. Die .Nationalzeitung' geht noch einen Schritt weiter und liest aus der flottenvereinlichen Kundgebung sogar heraus, „daß es sich hier um einen jahre­lang betriebenen systematischen Verrat handelt," ohne aber selbst dafür auch nur einen einzigen Anhaltspunkt zu haben. Sie ist aber mit dem »Berliner Tageblatt darin einig, daß an der ganzen angeblichen Diebstahlsaffäre nur die Zentrumspartei als solche schuldig wäre. Schreibt sie doch: „Interessant aber tst eS, wie die Partei, die bei jeder paffenden und unpassenden Gelegenheit ihren Wahlspruch sür Freiheit, Wahrheit und Recht in die Welt hinausposaunt, ihn in die Praxis umzusetzen versteht". Und daS »Berliner Tageblatt' ist sogar der Ansicht, daß daS Zentrum durch die Diebstahlsgeschichte noch viel schwerer kompromittiert worden ist als Generalmajor Keim. Der Versuch, andere Per­sonen in Die Affäre hineinzuziehen, ist schon durch die Feststellung der /Germania' zurückgewiesen worden. Eine bodenlose Verleumdung aber ist es, jetzt auch noch die Zentrumspartei als solche für die angebliche Diebstahlsaffäre verantwort­lich machen zu wollen. Wir begnügen unS jetzt damit, die beiden Preßäußerungen einfach nied­riger zu hängen.

Deutsches Reich.

Berlin. 4. März 1907.

* Bankstellen in Warenhäusern. Vor kurzem hat der bekannte Berliner Riesenbazar A. Wertheim eine Bankabteilung eröffnet. Wenn man den Darstellungen der Börsenblätter glauben darf, so war der Andrang am Er­öffnungstage riesig, und die Gebrüder Wert- heim konnten befriedigt die Glückwünsche der Geschäftsfreunde zu der großartigen Idee ent­gegennehmen. Die Neuerung muß sich tatsäch­lich rentieren. In eingeweihten Kreisen wird erzählt, daß der Betrieb zu allen Gejchäftsstunden flott fei, und schon wußte ein Berliner Handels- blatt zu melden, daß auch das Warenhaus Tietz die Errichtung einer Bankstelle beabsichtige. Rasch werden die übrigen Großbazare folgen. Die Hauptaufgabe der Warenhausbankstelle soll angeblich die fein, Bareinlagen anzunehmen, um auf diese Weise der „Bequemlichkeit* des im Warenhaus« kaufenden Publikums entgegen­zukommen. Die Käufer können dann in allen Abteilungen des Warenhauses mit einer An­weisung auf ihr in der Bankabteilung eröffnetes Konto bezahlen, lieber die Verzinsung der in dieser Form deponierten Gelder besagt der vom Warenhaus Wertheim versandte Projekt u. a.: „Einlagen von mindestens 1( 0 Mark werden werktäglich von 9 Uhr vormittags ununterbrochen bis 7 Uhr abends angenommen. Die Ver­zinsung der eingezahlten Beträge erfolgt vom

nächsten Werktage ab. Die sür die Einkaufs- tonten eingezahlten Beträge werden ohne Rück­sicht auf den jeweiligen Zinssatz mit 3 Proz. p. a. verzinst.* Sehr klug! Die 3 Proz. sind also feststehender Satz, auch wenn sonst 4 Proz. bezahlt werden. DaS Bedenklichste aber liegt darin, daß das Warenhaus mit dem Gelbe seiner Käufer die Geschäfte besorgen tonn, daß für dieses Geld keineDeckung vor­handen ist. — Nach unseren Informationen haben die Zentrumsabgeordneten Faßbender, Erz­berger und Müller-Fulda einen Antrag vorbereitet, der den Warenhäusern die Annahme von Depositengeldern untersagt und für dir Sicherheit der Depositengelder („Tägliches Geld") selbst eine Deckung fordert. Dieser Antrag ist ein erfolgreicher Gegenstoß, der namentlich dem Mittelstände selbst viel nützen tonn.

* Stimmungsbild aus dem Reichstag. Viele sind heute in den Reichstag gekommen, um eine abermalige „Sensation* zu erleben, die darin bestehen sollte, daß vom Reichskanzler eine Er­widerung auf die Zentrumsredner für Montag erwartet wurde. Fürst Bülow blieb aber auch am Montag dem Reichstag fern; die Erwartungen der Reichstagsbummler gingen also nicht in Er­füllung. Wie man sich erzählt, soll eine Er­widerung BülowS überhaupt nicht mehr zu er­warten sein. Dafür kam das Tribünenpublikum aber doch auf seine Rechnung. Nachdem am letzten SamStag schon der bekannte Registratur­vermerk bei den persönlichen Bemerkungen eine Rolle gespielt hat, machte sich der Chef der Reichskanzlei ein besonderes Vergnügen daraus, auf Grund dieses Vermerkes sein Steckenpferd gegen den Abg. Erzberger zu tummeln. Es ist ihm zwar gelungen, den Beifall der Blockparteien sich zu sichern, nicht aber vermochte er, die Be­hauptungen ErzbergerS zu entkräften. Erzberger hielt sie vielmehr voll und ganz aufrecht, daran vermochte auch die Erregung nichts zu ändern, mit Der Herr v. Loebell wiederholt auf den Tisch schlug. Im Rahmen einer persönlichen Bemerkung gab Erzberger dem Chef der Reichskanzlei noch Antwort, kündete aber für Dienstag weiteres an, sodaß uns auch der achte Tag der Etatsbe­ratung noch Interessantes genug bieten wird. Der Montag krachte noch die prächtige Rede des Z.ntrumsabgeordneten Frhrn. v. Her Hing. Sie enthielt eine deutliche und entschiedene Ab- sage an die Hoffnungen deS nationalen Blocks, betonte aber auch noch eindringlicher die Warnung, )a3 katholische Volk mit aller Gewalt in die Oppositionsftellung hineinzutreiben. Hoffentlich hat die Entschiedenheit seiner Worte auch auf Die Herren um Negierungstisch ihre Wirkung ausgeübt. Gespannt folgten alle seinen bedeutungs­vollen Erklärungen.

r. Der Reichshaushaltsetat kann, wie von allem Anfang zu erwarten war, biS zum 1. April nicht rechtzeitig ferfiggestellt werden. Infolgedessen ist seine vorläufige Regelung für die zwei ersten Monate des neuen Finanzjahres, nämlich für die Monate April und Mai in Aussicht genommen. Bereits ist im Reichs­chatzamt ein Entwurf über ein solches Etats- notgesetz ausgearbeitet worden, welcher schon am Montag dem Bundesrat zur Genehmigung vor- gelegt ium.De. Das Notgesetz soll dem Reichstag jedenfalls dieser Tage schon zugehen. Was nun )en Etat für den Reichstag selbst betrifft, so ordert er an fortdauernden Ausgaben für das

an. Der Vater aber überlebte den zweiten Schick­salsschlag nicht lange. Gebrochen an Körper und Geist starb er im Hause seines Schwiegersohnes, sein" arme Schwester der Tochter empfehlend.

Philomene fand das geträumte Glück in ihrer Ehe nicht, ihr Schicksal war eine Wiederholung ihrer Mutter. Ihr Gatte starb bald, das weitere wissen wir ja bereits.

Und nun zurück an den Traualtar 1 Philomene kniete neben dem zweiten Gatten, deffen Werbung sie mit Rücksicht auf ihr Kind Gehör geschenkt. Kein Freund war zugegen, mit Ausnahme von Roderich Straub. Philomene fühlte den Ernst der Stunde zum Erdrücken schwer. Sie war es, die Jesko Stapleton von seiner Familie trennte, und was konnte sie ihm bieten? Sie, die ihres Blütenschmuckes beraubte Rose, deren jungfräu­licher Schmelz bereits eines anderen Herz erfreut hatte? Sie, die Schwergeprüfte, der Glauben an eine gütige Vorsehung im herben Kampfe mit einem widrigen Geschick wankend geworben war?

Konnte Gottes Segen auf ihrer zweiten Ehe nihen? War es nicht vielmehr ihre Pflicht ge­wesen, gegen dieselbe mit allen Kräften anzu- kämpfen und ihre und ihres Kindes Zukunft der Fürsorge des Himmels demütig anheim zu geben?

Die Meffe war zu Ende. Man begab sich in >ie Sakristei, um das Protokoll in das Eberegrster einj-utragen. Freudig erregt trug Jesko seinen Namen ein, mit zitternder Hand Philomene, und dann folgten die Zeugen.

Ein kurzes Frühstück in einem der vornehm- ten Hotels der Stadt vereinigte die kleine Fest- gesellschast. Roderich Straub war ernst gestimmt, er betrachtete bald die junge Fran, bald ihren Bruder, was Pbflomene nicht entging. Sie hatte von Jesko erfahren, daß Roderich Straub der Einladung seines Vater?, einige Wochen im Schloß Stapleton zuzubringen, in den nächsten Tagen Folge leisten wollte. Wurde sein Bericht ür ihre Zukunft nicht von Wert fein?

Das junge Paar brach auf. Jesko händigte dem Bruder feiner Gattin einer von kltener

Freigebigkeit und Herzensgute zeugende Anwer- ung auf sein Bankhaus ein, umarmte dann herz- ich die Tante, die vor Rührung durcheinander weinte und lachte, und sagte dann dem Freunde Lebewohl. Er schien ganz im Glücke aufzugehen.

Eine halbe Stunde später rollte eine der- chlossene, zweispännige Kutsche nach dem Bahnhof. Auf dem Rücksitz saßen Jesko und Philomene in Reisekleidern, auf dem Vordersitze die neue Anrme und Philomenens Kind.

Roderich Straub ioar den Reisenden voraus­geeilt. Tränen traten ihm in die Augen, als sich der Zug in Bewegung setzte. Er dachte an Jeskos Estern, er dachte auch an Miß Ellen, die jetzt wohl mit verweinten Augen in ihrem Mädchenstübchen aß, er dockte auch an die Stunde, da das Dampf- oß ihn mit einer jungen, liebreizenden Gattin :em Glücke entgegenführen sollte. Aber für ihn cffte fein Mütterchen vom Himmel herab die Lebensgesährtin wählen, eine Blondine mit blauen Augen, keine Sirene mit — grünen!

Der Reifeplan der Neuvermählten vermied eS ängstlich. Orte aufzusuchen, wo eine zahlrei­chere englische Kolonie zu finden gewesen wäre. Jesko wollte seine Gattin nicht der Möglichkeit anssetzen, ihre Verbindung als eine Mesalliance betrachtet zu sehen, die Zeit, so dachte et, wurde »er Bürgerlichen die Aufnahme unter seinesglei­chen schon ermöglichen. Anderseits hatte auch Philomene gewünscht, möglichst viel von Deutsch­land zu sehen, und so reiste man denn von Ort zu -Ort, durch keine Rücksichtnahme auf Zeit oder önstwie beengt.

Tas Rheintal von Mannheim bis Köln wurde besichtigt, dann Hamburg, Frankfurt, Würzburg und München.

Philomene fühlte sich von Tag zu Tag über ihre Lage mehr befriedigt. Ihr Gatte erfüllte i>r liebevoll jeden Wunsch und sorgte um ihr Kind aufrnerfiamer und zärtlicher, als eS der

tommenbe Jahr 2033000 Mark. Insgesamt sind eS 1V< Millionen Mark mehr als im vorauf gegangen en Jahr. Diese Mehrforderung ist zum größten Teil au8 der den Reichstag» abgeordneten zugestandenen Aufwandsentschädi­gungen, wofür rund 1200000 Mark eingestellt sind, erwachsen. Dagegen ist von Repräsen- tationSgeldern für den Präsidenten im Etat keine Rede. Auch das preußische Abgeordneten­haus ist nicht in der Sage, den Etat bis zum 1. April fertig zu stellen. Man rechnet damit, daß vor Ostern nur noch die zweite Beratung zu Ende geführt wird, während die enbgiltige Erledigung erst nach Ostern erfolgen soll. In­folge dieser Verzögerung ist auch fraglich ge­worden, ob der Landtag schon vor Pfingsten seine Seffion wird schließen können. Wie verlautet, wird dem Landtag auch die all­jährlich wiederkehrende Sekundärbahnvorlage vor Ostern noch unterbreitet werden. WaS den übrigen Beratungsstoff anlangt, so sind noch die Berggesetznovelle und verschiedene kleine Gesetze zu erledigen. Die nächste Sitzung des preußi­schen Herrenhauses findet am 13. März statt. Auf der Tagesordnung steht u. a. auch der An­trag bett. Entschädigungen sür Betriebsstörungen durch veterinärpolizeiliche Maßnahmen in den Grenzbezirken.

* Die erste Diätenzahlung an die Reichs tagsabgeordneten erfolgte am 1. März. Sie erhielten 800 Mark, während am 1. April 800 und zum Schluß der Session 10i iO Mark aus­gezahlt werden sollen. Da eS sestzustehen scheint, daß Der Sessionsfchluß zu Pfingsten erfolgt, wür­den die Mitglieder des Reichstags für die drei­monatliche Tätigkeit von Mitte Februar bis Mitte Mai 24< 0 Mark erhallen.

r. Die Aussperrung in der Berliner Holz­industrie hat Dem deutschen Holzarbnter-Berbande bisher schon schweres Geld getoüet. Insgesamt mußte er schon eine Million Mark an Unter­stützungen an seine ausgesperrten Mitglieder be­zahlen; dabei ist aber ein Ende deS Kampfe- noch nicht abzusehen. In Berlin sind rund 13,000 Arbeiter in der Holzindustlie ausgesperrt; ihre Zahl wird aber durch die Aussperrungen in der Provinz täglich vermehrt. Am Samstag ist in Berlin auch die Generalaussperrung derHerren- maßschneider erfolgt; es kommen etwa 6(>0<> Ar­beiter in 350 Betrieben in Betracht. Auch die unorganisierten Arbeiter geben mit dem Perbande einig. Die Arbeitgeber lasten in einer Kommis­sion einen neuen Tarif ausarbeiten, welcher den Arbeitern zur Genehmigung vorgelegt werden soll.

Aus dem Reichstage.

9. Sitzung vom 4 März 1907. V

Eröffnung 2y4 Uhr.

Die erste Etatsberatung wird fortgesetzt.

Ches der Reichskanzlei v. Loebell: Ter Abg. Erzberger ist am Samstag auf die bekannte Ak­tennotiz der Reichskanzlei über eine mit ihm statt­gefundene Unterredung zurückgekommen und hat ie als unwabre einseitige Notiz eines Beamten bezeichnet. Es handelt sich bei jener Aufzeichnung keineswegs um private Aufzeichnungen. Redner legt die Angelegenheit von seinem Standpunkte aus dar, wie es aus der „Nordd. Allg. Ztg." be­reits bekannt ist. Veranlaßt durch eine Erklärung des Abg. Erzberger im „Berl. Lok.°Anz.", er (Crzberger) habe wegen der Mißstände in den

wirkliche Vater hätte tun können. Mehr konnte eigentlich eine Frau von ihrem Gatten kaum ver­langen, und doch war Philomene nicht so recht von Herzen ihres Loses froh; daß sie aus JeskoS Familie ausgeschlossen war, das nagte schmerzlich an ihrem Herzen. Die kleine Reisegesellschaft weilte seit einigen Tagen in Isar-Athen, dem kunstsinnigen München, an das sich so viele Erin­nerungen für die junge Frau knüpften. Hier hatte sie einst mehrere Monate mit den Eltern gelebt, und es drängte sie, Jesko das niedliche Häuschen zu zeigen, das die Familie Klett damals be­wohnte.

Nach langem Suchen fand sie es. Es stand noch ganz so da, wie ehedem. Philomene zeigte auf das Giebelfenster, jenes Dachstübchen batte sie mit der Tante geteilt. Und wie um die Illusion zu vervollständigen, tönten aus dem Häuschen die Töne eines Klaviers herüber, und eine junge, un­geschulte Stimme begann die Arie aus Webers Freischütz: „Wie naht mir der Schlummer.*

Philomene sah den Gatten an, daS Auge tränenfeucht. Vielleicht eine zweite Philomene! dachte sie.

„Dieses Lied setzt mich in die Bergangenheit zurück,* flüsterte Philomene leste dem Gatten zu. „Mein seliger Vater lehrte mich dasselbe Lied. Jeder Mensch hat sein Vaterhaus, seine Jugend lebt wieder auf an derselben Statte, und dieser Schauspiel wiederholt sich von Geschlecht zu Ge­schlecht. Ich kenne das Hans nicht wo meine Wiege stand, aber dort ist das Hänschen, wo ich die ersten Jahren der Jugend verlebte, wo mich mein Vater in die Vorhalle bet Kunst einführte. Komm' Geliebter, laß' uns dort eintreten! Ich uwchte Dir jenes Lied auch singen.*

Gerne gewährte Jesko die Bitte. Ein blonde- Mädchen, schwarz gekleidet, öffnete.

„Meine Frau hat einst hier gewohnt," erklärte Jesko dem Mädchen, „und möchte das Häuschen nochmals sehen und ein . . . Lied fingen. *

(Fortsetzung folgt)