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Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Ac» ttendrdckerei in fiulba. Zerr.fprecher Hr 9.

34. Jahrgang.

Fulda, Samstag den 2. März 1907.

M 51.

Zweites Mratt.

Rede der Abgeordneten Gröber in der Reichstagssitzung vom 28. Februar.

. Die großen Fragen, die mit den Wahlen ju- jnmmenhängen, stehen im Mittelpunkt unserer Erörterungen. Der Reichskanzler, den ich zu meinem Bedauern nicht an seinem Platze sehe, hat bei seinem Angriff gegen unsere Fraktton auf eine vertrauliche Besprechung zurückgegriffen, dre kurz vor Beginn der Reichstagsauflösung zwischen ihm und dem Kolonialdirektor, dem Kollegen Spahn und mir stattgefunden hat. Bei dieser Besprechung erwähnte der Kolonialdirektor Dern- burg die Zerwürfnisse mit der Mission in Togo und bemerkte, daß der Orden die Vereinbarungen nicht vollständig gehalten habe. Der Kollegs Spahn, der die Vorgänge nicht kannte, bat den Reichskanzler, ihm in die Akten Einsicht zu ge­statten. Der Kolonialdirektor händigte Herrn Spahn aber — wahrscheinlich, um ihm die In­formation zu erleichtern — einen Aktenauszug ein, in dem über die streitige Frage kein Aufschluß enthalten war. (Heiterkeit.) Als Spahn in der Fraktionssitzung für die Kolonialverwaltung ein- trat, wurde ihm eine Abschrift eines Protokolls rntgegengechalten. Wonach das Uebeneinkommen in dem kritischen Punkte durch ein späteres auf­gehoben war. (Hört! hört! im Zentrum.) Dem Reichskanzler wird dieser Vorgang unbekannt sein. Er wird aber nunmehr verstehen, weshalb unsere Bemühungen in der Fraktion den von ihm gewünschten Erfolg in diesem Punkte nicht haben konnten. Hierauf allein beschränkte sich unsere Unterredung mit dem Reichskanzler, der ja auch jn den damaligen Kolonialdebatten die Haltung zweier Redner unserer Fraktion anerkannt hat.

Der Reichskanzler niuß ferner die Annahme der Eisenbahnvorlage Aus — Kcetmanshoop in der Budgetkommission anerkennen. Diese Tat­sachen zeigen, daß wir lediglich nach sachlichen Er­wägungen zu den Forderungen der Regierung Stellung genommen haben. Im Frühjahr 1908 haben wir diese Bahn abgelehnt, weil sie lediglich mit den Interessen der militärischen Expedition begründet war und wir uns mit anderen Fraktio­nen sagen mußten, daß der Bau einer Bahn hier­mit nicht begründet werden könne, da er min­destens zwei Jahre dauern würde und für den Feldzug praktisch nicht mehr in Betracht komnien könnte. Selbst der Kolonialdirektor mutzte zu­geben, daß die Begründung die Bewilligung der Bahn nicht rechtfertigte. Deshalb haben wir da­mals die Vorlage abgelehnt. Die neue Begrün­dung ans wirtschaftlichen Erwägungen, die der Kolonialdirektor Dernburg gegeben hat, hat uns veranlaßt, am Vormittag desselben Tages, an dessen Abend der Reichstag aufgelöst wurde, die Bahnvorlage zu bewilligen.

Auch der Antrag Hompesch, der Vorbereitun­gen für die Verminderung der Truppen auf 2500 Mann verlangte, war lediglich aus sachlichen Gründen eingebracht. Einen Termin für die Verringerung der Schutztruppen enthielt er nicht; er verlangte nur die Ersetzung eines großen Tei­les der Schntztruppen durch wesentlich billigere Polizeitruppen. Von einem Eingriff in die Kriegsführung konnte also absolut keine Rede sein. Ter Reichskanzler hat in seiner Wahlrede vom 19. Januar behauptet, das Zentrum habe gemeinsam mit der Sozialdemokratie vor völliger ^iustcbung der Operation und vor einem be- tinunteu Termin die Kriegsstärke auf 2500 Mann hcrabsehcn wollen. Hieran ist zunächst unrichtig, daß das Zentrum gemeinsam mit der Sozialdemokratie vorgegangen sei. Das Gegen- > ist der Fall. Die Sozialdemokraten haben in ter Budgetkommission gegen unseren Antrag ge- stinimt und im Plenum kam der Antrag iiöer- ^aupt nicht zur Abstimmung, weil der Reichs­kanzler es mit der Auflösung des Reichstages so «ilig hatte. Ebenso ist es falsch, wenn behauptet wird, der Zentrumsantrag habe die Herabsetzung j>er Schutztruppe vor einem bestimmten Termin verlangt. Der Reichskanzler möge uns doch ge­fälligst einmal den Termin nennen, den wir vor- geschlagen haben. (Beifall und Heiterkeit im Zentrum.) Der Antrag habe nichts weiter ver­langt, als daß die nicht vor dem Feinde stehenden Trupperi allniäblich durch billigeres Personal er­setzt werden sollten. Nicht einmal für das Etats- sahr 1907 war die Herabsetzung auf 2500 Mann gefordert worden.

. Amr v Gamp hat gesagt, es habe in unserer Fraktion scharfe Kämpfe abgesetzt und die alten Parlamentarier seien in der Minderheit geblie- ben. ^ch kann demgegenüber ganz ruhig erklären: das ist eitel Geflunker, das ist gelogen von An­fang bis zu Ende, und tferr von Gamp ist das Opfer einer falschen Darstellung geworden. Wir haben in aller Ruhe über diese Sache debattiert, srnstliche Differenzen waren überhaupt nicht vor­handen, und unser Beschluß wurde schließlich ein- stimmig gefaßt. (Sehr richtig! im Zentrum.) Der Reichskanzler nimmt an, die Rede des Abg. s «l. i*$er ^'Ie Behandlung der Eingeborenen

s ör>u.n& $c.r Missionare in Togo sei ein

„ey Feindseligkeit gegen ihn gewesen urb le“5n«nß eines Teiles des Nachtragsetats diirch das Zentrum sei eine Strafe gewesen für fctc Art und Werse. (Der Chef der Reichskanzlei, Herr von Lobell, welcher unweit der Redner­tribüne auf der nach dem Präsidium empocfüh- renden Treppe sich aufgestellt hat, unterbricht den Redner durch Zurufe.) Ich verbitte mir solckie Unterbrechungen. (Große Unruhe, lärmende Zu­rufe rechts und bei den Nationalliberalen; Glocke des Präsident' n, der um Ruhe bittet) ' Wenn mir nicht der Schutz des^Präsidenten zuteil wird, Zverde ich mich selbst wehren. (Unruhe, Lärmen

und stürmische Zurufe rechts und bei den Natio­nalliberalen; Glocke des Präsidenten.)

Vizepräsident Dr. Paasche: Herr von Lobell hat so leise gesprochen, daß es mtr absolut nicht möglich gewesen ist, ihn zu verstehen; fern Zwi­schenruf war so leise, daß auch keiner der Herren hier am Präsidium ihn verstanden hat. Der Abg. Gröber selbst hat ihn natürlich gehört, weil Herr von Löbell direkt zu ihm gesprochen hat. Ein Vorwurf gegen den Präsidenten, daß er den Zu- ruf hätte rügen müßen, konnte also hieraus nicht hergeleitet werden. (Stürmischer Beifall rechts und bei den Nationalliberalen, Unruhe im Zen- trum.)

Abg. Gröber (fortfahrend): Der Herr Reichs­kanzler war also der Meinung, die Ablehnung eines Teiles des Nachtragsetats hätte eine Strafe sein sollen für die Abfertigung, die Herrn Roercn durch den Kolonialdirektor zuteil geworden sei. Wenn diese Mitteilungen über die Auffassung des Herrn Reichskanzlers richtig sind, so handelt es sich um eine fortlaufende Kette von Irrtümern des Herrn Reichskanzlers. Eine einfache Aus­sprache zwischen dem Reichskanzler und Vertretern des Zentrums, denen er bis dahin sein Vertrauen geschenkt hatte, würde jeden Zweifel darüber be­seitigt haben, daß der Reichskanzler bei dieser Annahme von ganz falschen Voraussetzungen aus­gegangen ist. Die erste 9iede des Herrn Abg. Roercn über die Vorgänge in Togo enthielt nichts persönlich Verletzendes gegen den Kolonialdirek­tor: sie behandelte obendrein Dinge, die vor seiner Amtsführung lagen. Dagegen war die erste Ent­gegnung des Herrn Kolonialdirektors scharf per­sönlich zugespitzt und in recht giftigem Tone ge­halten. (Sehr war! und Zustimmung im Zen­trum.) Uebrigcns haben schon mehrere Tage vor diesem Zwischenfall Redner meiner Fraktion und zwar am 28. November der Abg. Schädler und am 30. November der Abg. Erzberger mit der denkbar größten Energie eine Beschleunigung der Rücksendung der Schntztruppen verlangt. Da­durch wird auf das schlagendste die Behauptung widerlegt, daß die Ablehnung eines Teils des Nachtragsetats die Antwort auf den Zwischenfall Roeren-Dernburg sein sollte; dieser Zwischenfall hat auch nicht den geringsten Einfluß auf die Entschließung des Zentrums gehabt. (Sehr wahr! und lebhafte Zustiinmnng im Zentrum.)

Die Darlegungen des Reichskanzlers über seine Ansfassung der Sachlage zeigen aber auch, mit welch verschiedenem Maße der Reichskanzler Ab­geordnete des Zentrums und Abgeordnete der Liberalen behandelt. Der Abg. Müller-Meinin­gen hat eben in jenen Tagen über die Kolonial­skandale eine Rede gehalten, wie sie schärfer nicht gedacht tverden kann. Er hat dafür aber weder beim Reichskanzler noch beim Kolonialdirektor auch nur ein Wort des Tadels gefunden. (Sehr richtig! und Zustimmung im Zentrum, Zurufe links.) Als Redner sich anschickt, mit ein paar Worten auf die Zurufe zu antworten, unterbricht ihn

Vizepräsident Dr. Paasche: Ich habe den Ab­geordneten gegen Zwischenrufe zu schützen und bitte daher, keine Zwischenrufe zu machen. (Schal­lende Heiterkeit.)

Abg. Gröber (fortfahrend): Wenige Tage da­rauf erschien der Reichskanzler im Reichstag. Er wußte aber nichts weiter zu sagen, als daß er bat, man möge doch nicht immer neue Fälle von Verfehlungen Vorbringen. Trotzdem antwortete ihm Abg. Müller-Meiningen, die Enthüllungen über die Skandalaffären feien noch nicht beendet, er werde beim Etat noch viel tollere Dinge Vor­bringen. (Hört! hört! im Zentrum.) Wir wol­len abivarten! (Stürmische Heiterkeit beim Zen­trum.) Dabei hat der Abg. Müller-Meiningen noch den schweren Vorwurf gegen den Reichskanz­ler erhoben, er habe seit Jahren gewußt, welch' schwere Mißwirtschaft im Kolonialamt bestehe, aber er habe nichts dagegen getan. (Hört! hört! im Zentrum.) Darüber sagt weder der Reichs­kanzler noch der Kolonialdirektor ein Wort, wsti- rend inan über den Abg. Roercn hergefallen ist wie über .... (In der Beifallskundgebung des Zentrums und dem Widerspruch der andern Par­teien gehen die Worte verloren.) Das ist der Gegensatz der Behandlung. (Sehr wahr! im Zentrum.)

Wir zweifeln nicht, daß das alles nach einem wohlüberlegten Plan sich vollzogen hat. (Znstim- mung im Zentrum, Widerspruch rechts und links.) Nicht minder zeigt sich der Gegensatz in der Stel­lung des Reichskanzlers zum Antrag Hompesch und Ablaß. Nach seiner Auffassung ist der An­trag Ablaß kein Eingriff in die Kommandogewalr gewesen, Wohl aber der Antrag Hompesch. Beide Anträge verlangen, daß im Etatsgesetz Vorbe­reitungen zur Verminderung der Schntztruppen getroffen werden sollen; sie unterscheiden sich nur darin, daß der Antrag Ablaß von einer erheb­lichen Verminderung spricht, während der An­trag Hompesch die Herabminderung auf 2500 Mann fordert. Der Unterschied ist also nur ein quantitativer. Im Prinzip sind sie gleich. (Bei­fall im Zentrum.) Am 13. Dezember vermutete man beim bösen Zentrum eine böse Absicht. Mr haben gegen den Antrag Ablaß gestimmt, weil er alles in das freie Ermessen der Verwalt-mg stellte und eben alles beim alten ließ. lHeiter- keit.)

Ter Reichskanzler bat auf den Vorwurf, des Abg. Spahn, er habe die Ehre der Zentrumsfrak- tion angegriffen, mit einem Wohlfeilen Hohn ge­antwortet, zu dem fein Anlaß war. (Lebhafter Beifall im Zentrum.) Uns ist es niemals einge­fallen, das Auflösungsrecht des Brwdcsrats — nicht des Reichskanzlers (Sehr richtig! im Zen­trum) — zu beschränken. Mr finden eine Ver­letzung der Ehre der Fraktion darin, daß man aus der Ablehnung von 8—9 Millionen eine angeblich

hochwichtige nationale Frage machte und uns Mangel an nationaler Gesinnung vorwarf. (Leb­hafter Beisall im Zentrum.) Als wir mitten im Feldzuge im Frühjahr 1906 15 Millionen ab­lehnten, da war es keine staatsgefährliche Hal­tung, jetzt aber beim Ende des Feldzuges bedeutet unsere Ablehnung ein antinationales Unterneh- men, einen Eingriff in die Kommandogewalt des Kaisers. (Lebhafter Beifall im Zentrum.) Der Abg. Basiermann meinte, der Abstrich im Früh- fahr 1906 fei begründet gewesen, weil die ver- kündeten Regierungen sich damit einverstanden erflärt hätten. (Große Heiterkeit.) Eine solche subalterne Auffassung von der Stellung des Reichskanzlers halten wir unwürdig für die Stel­lung eines freien Parlaments. (Stürmischer Bei- fall.) Dann sollte man lieber die Reichstagsbude überhaupt schließen und alles dem hohen Bundes­rat überlassen, der ja über den beschränkten Unter­tanenverstand so erhaben ist. (Lebhafter Beifall.)

Der Vorwurf eines Mangels an nationaler Gesinnung ist umso verletzender, als wir bei allen großen gesetzgeberischen Arbeiten im Jnteresie tes Reiches mitgewirkt haben. Der Reichskanzler bat uns ja selbst ein großes Loblied singen müsien, und auch der Abg. Bassermann (Große Heiter­keit) — das hat mich geradezu gerührt (Heiterkeft) — hat die großen Verdienste des Zentrums beim Zustandekommen des Bürgerlichen Gesetzbuches, der Flottengesetze, der Reichssinanzresorm, der wirtschaftlichen und sozialen Gesetzgebung in hohen Tönen anerkannt. Beim Septennat 1887 war jeder ein Reichsfeind, der die Friedensstärke nicht absolut auf sieben Jahre festlegen wollte, und später haben die verbündeten Regierungen selbst gesagt: fünf Jahre tun es auch. (Große Heiterkeit.) Die ^Regierungen waren also die Reichsfeinde geworden. 1893 forderte die Regie­rung eine Vermehrung des Heeres um 84 000 Mann, die Nationalliberalen waren so antinasio- nal und wollten nur 49 000 Mann bewilligen, noch antinafionaler war der Freisinn, und sogar die Konservativen, die für den Antrag Huene ein- traten, strichen 14 000 Mann und waren nach dem heutigen Sprachgebrauch erheblich antinational. (Große Hesterkeit.)

Einer großen Fraktion auf einmal den Patri­otismus abzusprechen, ist und bleibt ein großes Unrecht. (Lebhafter Beifall.) Wer soll denn schließlich darüber entscheiden, was eine nationale Frage ist. Etwa der Reichskanzler ober der hohe Bundesrat? (Große Heiterkeit.) Oder Herr Bast sermann und Herr Arendt? (Stürmische Heiter­keit.) Das muß jede Partei rind auch jeder Ab­geordnete nach bestem Wissen und eigener Uebcr- zeugung tun. (Lebhafter Beifall.) In dem fort­gesetzten Gebrauch des Wortes national liegt eine ernste politische Gefahr. (Sehr richtig! im Zen­trum.) Von einer geringen Summe will man nationale Gesinnung oder Gesinnungslosigkeit ab­hängig machen. Da muß der nationale Gesichts­punkt jede Bedeutung verlieren. Handelte es sich nicht bei der Kanalvorlage im preußischen Landtage um eine unendlich wichtigere National­vorlage und traten die Konservativen nicht in Opposition? Wurden nicht 21 Landtagsabgeoed- nete zur Disposition gestellt? (Zuruf der Sozial­demokraten: Auch Herr v. Löbell, der Chef der Reichskanzlei! Große Heiterkeit.) Wir fön ien uns freuen, daß solche Lobreden auf uns gehalten sind. Sie sind ein Beweis für unsere patriotische Gesinnung.

Man hat gewagt, uns als heimliche Feinde von Kaiser und Reich hinzustellen. Das ist eine bodenlose Verleumdung, die wir mit Entrüstung zurnckweisen. (Lebhafter Beifall im Zentrum.) Das hat der Zentralvcrband der nationalliberal'en Partei getan in Geldbettelbriefen, die er nach Amerika schickte und die unterschrieben waren von Herrn Bassermann und von .Herrn Dr. Fcwd- berg. (Psui-Rufe im Zentrum, große Unruhe links.) Das tut derselbe Herr Bassermann, mit dem wir bei so vielen Gesehen friedlich zusamm-u gearbeitet haben, der unsere großen Verdienste um das Reich rühmt. «Große Heiterkeit.) Wenn so etwas von der Zenfralleitung ausgeht, ist cs nicht zu verwundern, daß schließlich die Bevölke­rung zu einer Siedehitze von Haß und Wut gegen das böse Zentrum aufgestachell wird. Hier scheu Sie die Flugblätter, in betten wir hingestellt wer­den als diejenigen, die Unfrieden überall hin­tragen, die die Mörder ttnd Feinde in unferen Kolonien begünstigen. (Redner breitet unter stür­mischer Heiterkeit des Hauses ein Flugblatt weit auseinander.) ,

Der Reichskanzler hat darauf hingewiesen, cs sei sein Recht, das deutsche Volk über die wahre» Absichten der Regierung nusznklären. Er bat sich hierfür auf parlamentarifch regierte Länder berufen und nur vergessen, daß wir kein parla­mentarisch regiertes Land sind. (Große Heiter­keit.) Das ist dem Kanzler eine Kleinigkeit, das macht ihm nichts. In parlamentarifch regierten Ländern find die Parteiführer Minister, sie lasten die Wähler über sich enffcheiden. Der Reichskairz- ler darf sehr wohl die Absichten der Regierung barlegen, wir meinen sogar, er hätte sie noch viel klarer barlegcn müssen. (Stürmische Heiter­keit.) Tenn auch nach seiner ersten Rede hier im Hause herrscht noch nicht genügend Klarheit. We m die Konservativen in dem Verhalten des Kanzlers nichts Ungerechtes gefunden haben, so überrascht mich das nicht, denn jene Herren sind an Wahl­hilfen der Regierung gewöhnt, sie können sich dos auch gar nicht anders vorstellen «Unruhe rechts, stürmische Heiterkeit.) Ten Vorschlag des Abg. Liebermann, der Regierung einen Fonds für die Wahlen zur Verfügung zu stellen, lehnen wir cnt- fchicden ab, das Ware ein K orruptionsfonds erster Güte. Wenn es der Regierung gestattet ist, pri­vate Gelder 31t sammeln und sic unter die einzel-' ncn Parteien zu verteilen, bann ist jeder amtlichen Wahlbeeinflnssung Tür und Tor geöffnet. Ich möchte die Frage 0« den Reichskanzler richten,

ob es wahr ist, daß dem Flottenverein zur Unkw- sttitzung bei bet Agitation Soldate« zur Ver- fügung gestellt wurden? Hierauf möchte ich gerne eine Antwort haben.

Der Reichskanzler sieht nur dunkle Punkte bet uns; er sagt, wir hätten so viel von dem persö.t- licheil Regiment gesprochen und dabei gefragt, wo dieses persönliche Regiment —- „in der letzten Zeit" fügte er vorsichtig hinzu (Große Heiterkeit.) — in die Erscheinung getreten sei. (Zuruf des Abg. Bebel: In den letzten 24 Stunden! Große Heiterkeit.) Ganz andere Männer als wir haben sich noch über das persönliche -Regiment aufs schärfste beschwert. Ich erinnere an die Inter­pellation über die auswärtige Politik vom 14. No­vember 1906. Da sagte ein Abgeordneter: Bei uns entscheiden persönliche Antipathien und Sym­pathien, persönliche Verstimmungen werden er­zeugt durch Reden und Depeschen, die dann nicht durch Liebenswürdigkeiten gut gemacht werden können, weder durch Statuen noch durch Ehren­säbel. (Große Heiterkeit.) Wie unpatriotisch, wie mangelhaft national hat sich dieser Redner aus­gedrückt, der vor dem Auslande gegen den Trä­ger der Kaiserkrone sich in dieser Weise ausdrückte. (Große Heiterkeit.) Das >var der Abg. Basser" mann. (Stürmische Heiterkeit.)

Ter Reichskanzler spricht, er wolle Frieden mit beiden Konfessionen. Er ist ein gewandter De- batter. Wenn ihm unbequeme Fragen kommen, geht er drum herum und behandelt Dinge, die nicht behauptet worden find, und die widerlegt er dann gründlich. (Stürmische Heiterkeit.) Wir haben nicht behauptet, daß der Kanzler kultur- kämpferische Absichten hat, sondern daß solche in den liberalen Parteien bestehen. (Oho!-Ruse links.) Wenn das nicht zutrifst, dann soll mich das freuen, bann foramieren sie aber Ihre Freun­de draußen. (Heiterkeit.) Herr Spahn hat lediglich ausgeführt, daß die rcligiöfe Toleranz noch viel zu wünschen übrig lasse. Hierauf ist der Kanzler mit keinem Worte ‘eingegangen. Hierüber hilft nicht persönliche Liebenswürdigkeit hinweg, son­dern nur ein Akt der Gesetzgebung. Wenn sich der Kanzler nicht selbst zu Aenderungen in der Ge­setzgebung entschließt, so ist das bedauerlich. Wir hoffen aber, daß es dem Kanzler mit seiner ietzt verstärkten liberalen Gesinnung gelingt, alle diese Mängel zu beseitigen. Die liberalen Parteien haben fortgesetzt von kulturkämpferffchen Ideen gesprochen. Die Wahlparole, die Herr Basser­mann ausgab, lautete: Mit dem Ruf: Los von Rom! ziehen wir fröhlich in den Kampf! (Un­ruhe links.) Redner verliest aus einer langen Reihe von Zeitungen, fo aus der Vossischeu, aus der Dortmunder, aus der Magdeburgischcn Zei- tung Aufrufe kulturkämpfcrifcher Art. Die Mag- deburgischc Zeitung schrieb unter anderm: „Ein Blick auf Frankreich fällte uns zeigen, was not tut. (Lebhafte Rufe: Sehr richtig! bei den Na­tionalliberalen.) Ich bin Ihnen dankbar für diese Zurufe, sie beweisen, daß sie denselben Kul­turkampf wollen wie in Frankreich. In der Köl­nischen Zeitung war zu lesen: „So lange Zen­trum Trumpf ist, so lange wir den römischen Pfahl im Fleische haben, sind wir nicht Herren int eigenen Hause. (Sehr richtig! bei den National- liberalen.) Darum herunter mit der römischen Flagge vom Deutschen Reichstag." In den Krei­sen des Evangelischen Bundes bat man während des Wahlkampfes gewettert, es fei eine Schmach für Deutschland, daß im Reichstag des Refor- mafionslandcs ein Ultramontaner, ein Jesrnten- zögling auf dem Präsidcntenstuhl gesessen habe. (Zurufe und Rufe Pfui! im Zentrum.)

Vizepräsident Dr. Paasche: Pfuirufe sind nicht Sitte im deutschen Reichstag. Ich bitte, diesen Rus zu unterlassen.

Abg. Gröber (fortfabrenb): Die warmen Worte der Ancrkenmmg, die der neue Pärsident seinem Amtsvorgängcr gewidmet hat, sind die beste Kritik eines solchen Gcbahrens. Was für Forderungen kulturkämpferischer Art hervorra­gende Organe der Nationalliberalen ausgestellt haben, auch dafür ein paar Beispiele. Die „Köln. Zeitung" hat verlangt, man solle Schenkungen und Zuwendungen an die Kirche und kirchliche Anstalten, ja sogar fromme Stiftungen für "See­le mneffen für Verstorbene, dadurch einschrcinken, daß derartige Zuwendungen der staatlichen Ge­nehmigung unterworfen werden sollten. (Hört, hört! im Zentrum.) Die Herren haben, wie es scheint, gar keine Ahnung, wie tief sie damit ins innerste Leben des katholischen Gewissens eingrei­fen. In den Hamburger Nachrichten wurde ein Aufruf veröffentlicht zur Gründung eines Ver­bandes gegen den römifchen Beichtstuhl; er soll verboten werden, da er politisch verdächtig und staatlich unkontrollierbar sei. (Heiterkeit im Zen­trum.) In den Drcsdeircr Nachrichten wurde ver­langt, cs solle ein Klerus herangebildet werden, der unabhängig von Rom sein müsse. Diese Aus­schlachtung des konfessionellen Gegensatzes hat dazu geführt, daß nach den Wahlen in vielen Städten katholifche Geschäftsleute boykottiert und die Geschäfte ruiniert worden sind. Redner be­spricht speziell die Vorgänge in Duisburg und in Gütersloh.

Der Reichskanzler hat uns in einem Tone, den der Abg. Müller-Meiiringcn einmal als einen kaspcralcn bezeickmct hat, als die abscheulichsten Sünder, bie cs überhaupt gibt, mit der Sozial­demokratie in einen Tops geworfen. Wenn er konsequent fein wollte, hätte er auch gleich die Freisinnigen dazu tun niüffen. (Sehr gut! int Zentrum.) Wer das tut er natürlich nicht, denn das sind seine besten Freunde. (Erneute Heiter­keit.) Solange das jebige Stichwahlsystem be­steht, das die Wähler zwingt, zwischen'zwei Geg­nern zu wählen, Pars man den Wählern und barf mau den Parteien keinen Vorwurf daraus machen, wenn sie, um ein größeres liebel abzuwchr"n, einen Gegner direkt oder indirekt unterstützen. Ein der Rcgieruv' nickt c-^u fern