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Botatiousdruck u. Verlag der 5nldaer Ac tiendr iclerei in Hulda. Hernfprecher Nr 9.

Fulda, Freitag den 1. März 1907.

M 50.

34. Jahrgang.

Zweites Mtatt.

Wochen-Rundschau.

X Fulda, 1. März 1907.

Der Reichskanzler ist am Montag zum erstenmale im neuen Reichstage erschienen. Allent­halben erwartete man, daß sein erstes Auftreten vor der neugewählten Volksvertretung auch die Entwickelung seines Programms für die zu­künftige Politik bringen werde. Die liberalen Freunde des Kanzlers rechneten so bestimmt da­rauf, daß Fürst Bülow jetzt nicht mehr länger zurückhalten werde. Die Freisinnigen hatten in Ihrer Konzessionsgier schon im Wahlkampfe ge- fordert, daß der Reichskanzler bestimmt erklären möchte, in welcher Richtung der neue Kurs seiner Regierung nach der Wendung der Dinge sich be- wegen sollte. Aber es kam der Silvesterbrief, der die liberalen Hoffnungen täuschte; es kam ferner die Rede beim Festessen des kolonialpoli­tischen Komitees, wobei Fürst Bülow sich aber­mals in Schweigen hüllte über die Forderungen der Liberalen. Und nun hat der Kanzler bei seinem ersten Auftreten im neuen Reichstage noch immer nicht die Sprache gefunden, um seinen liberalen Freunden die so sehr erhoffte frohe Bot­schaft zu bringen. Er erklärte nur, daß er der jetzigen Mehrheitszusammensetzung Rechnung tra­gen werde. Dabei denkt er an eine Politik der konservativ-liberalen Paarung, von der das Zen­trum ausgeschlossen sein sollte. Fürst Bülow müßte also bei seiner Politik jeden festen Kurs vermeiden, weil eben alles ausgeschaltet werden müßte, was links oder rechts bei den neuen Bun­desgenossen irgend welchen Anlaß zu Reibungen geben könnte. Vielleicht will Bülow auch warten, bis andere Zeiten ein besseres Fahrwasser bringen. Selbstverständlich sollte die Bülow'sche Rede auch die Stellung des Reichskanzlers gegenüber dem Zentrum präzisieren. Dabei ist es ihm aber nicht gelungen, die kraftvolle Rede des Zentrumsabge­ordneten Dr. Spahn in ihrem Eindruck abzu­schwächen. Er ging vielmehr den entschiedenen und klaren Worten des Zentruinsredn-'rs weit aus dem Wege. Hierauf werden ihm die Abge­ordneten Gröber und Schädler die Antwort nicht schuldig bleiben. Der zweite Tag der Etatsbe­ratungen brachte ein großes Rededuell zwischen Bebel und Bülow. Interessanter noch war das Sündenregister, das Bebel den Nationalliberalen vorhielt. Don den schönsten Plänen und Wahl­abmachungen zwischen Nationalliberalen und So­zialdemokraten erzählte Bebel so manches, und er hatte Recht, wenn er erklärte: Der National­liberalismus mag keinen Sozialdemokraten lei­den, aber ihre Stimmen hat er gern.

Eine ganze Reibe von Anträgen ist zu Be­ginn des neuen Reichstags emgebracht worden. Namentlich hat das Zentrum auf sozialpoli­tischem Gebiete eine Reihe von Anträgen gestellt, welche ein ganzes Programm in sich schließen. Es hat damit gezeigt, daß es nicht gewillt ist, anderen den Vorrang zu lassen. Daneben aber hat es auch nicht auf alte und neue Forderungen auf dem Gebiete der „hohen" Politik vergessen. Um so ärmlicher nimmt sich der Vorschlag aus, mit welchem die Regierung die Beamtenschaft gegenüber der allgemeinen Teuerung zufrieden stellen will. Da muß der Reichstag mit aller Entschiedenheit nachhelfen.

Das PreußischeÄbgeordn eien Haus kommt mit der Beratung des Etats nur langsam voran. Ziemlich eingehend behandelte es die Frage der Fürsorgeerziehung Minderjähriger, an der, wie sie jetzt gesetzlich festgelegt ist und gehand­habt wird, manches ausgesetzt wurde. Mit Recht beklagte sich das Zentrum über unzuläualiche Erziehung im allgemeinen und zu geringe Be» rücksichtigung der Seelsorge für katholische Kinder

Grüne Augen.

Roman von Dr. F. X. Eß.

7] (Nachdruck verboten.).

Planlos schweiften ihre Blicke durch den wei­ten Park hin. Der Mond badete die riesenhaften Eicken und Buchen in seinem silbernen Lichte und zeichnete die gigantischen Schatten des Schlosses auf die breite, mit weißem Sand bestreute Mee, die von der Landstraße her zum Hauptportal des Schlostcs führte.

Die Wipfel der Riesen nickten wie einschlafend im leichtbewegten, lauwarmen Zephyr, und die Kastanienbäume dufteten mit den Rosen um die Wette.

Plötzlich wurde di« feierliche Stille der Nacht unterbrochen. Eine Nachtigall ließ sich hören. Melodisch sang sie ihre Lust in die Nacht hinaus.

EllenS Augen füllten sich mit Tränen. Eine bislang unbekannte Weichheit bemächtigte sich des Mädchens. Zufrieden mit sich und ihrem Lo'e und glücklich in ihrer kindlichen Unschusd war sie bis jetzt durchs Leben gegangen, den Ihrigen zur Freude.

Nun auf einmal bewegte ein gewisses Etwas ihre Seele, dem sie einen Namen zu geben sich vergebens abmühte. Ihr Dasein kam ibr auf ein­mal prosaisch vor, es fehlte ihm die Poesie. Es v^ngte sie, ihre Gefühle und Gedanken -inem verständnisinnigen Wesen auszusprechen, aber alle rm Hause schliefen. Sie fand nichts Paf- smdes.

Ellen dachte an die Bibliothek. Rasch ent- schlossen huschte sie, die Nachtkerze in der Hand, zum Zimmer hinaus und leise die Treppe hinab Aus dem Kellergeschoß drangen Stimmen heraus, es waren Dienstboten, die noch an der Arbeit waren.

in Berlin. Ein weiterer Tag galt dem Unglück auf der Grube Reden, für daL der Minister irgend ein Verschulden vonseiten der Verwaltung nicht aufkommen läßt. Im Anschlusie an diese Inter­pellation wurde das neue Berggesetz, welches die Mutung nach Berggerechtsame regeln will, be­raten. Einstweilen ruht es jetzt im Schoße einer Kommission, an welche es nach längerer Besprech­ung verwiesen wurde. .

In Frankreich find die Verhandlungen, welche zwischen Regierung und Kirche zu einem Ausgleich fuhren sollten, ins Stocken geraten. Wenn nicht alle Anzeichen trügen, sind sie, sogar gänzlich abgebrochen worden. Schon als die Re­gierung von den kirchlichen Behörden andere An­träge verlangte, wurde allgemein angenommen, daß auf katholischer Seite wenig Neigung be- stände, auf die Ansprüche der Regierung weiter einzugehen. In der Hauptsache handelt es sich um die persönliche Haftung der Geistlichen für die Instandhaltung der Kirchengebäude. Kirchli­cherseits konnte man selbstverständlich auf diese Be­dingung nicht eingehen, und der Heilige Vater ist fest entschlossen, auch nicht die geringste Aende- rung der von den Bischöfen beschlossenen Ordnung zuzulassen. Damit ist die Ausgleichsfrage fast gänzlich gescheitert. Wenn man in der versöhn- sicheren Haltung des Kultusministers ein Ent­gegenkommen gegenüber der Kirche erblickte, so ist diese Annahme durch das Dazwischentreten Cle- rnenceaus, dem zweifelsohne der neue Tric der Regierung zuzuschreiben ist, enttäuscht worden.

In Rußland erreichte die Opposition bei den Dumawahlen die Mehrheit. Dieser Ausgang stellt Rußland vor eine neue gewaltige Krisis. Ist er doch ein deutliches Zeichen dafür, welche Erbitterung sich gegen die Regierung angesam­melt hat. Ob der Zar nun die Leitung der Staatsmaschine neuen Männern überträgt, die zu einer Verständigung mit der Duma gewillt und befähigt sind, kann noch sehr bezweifelt wer­den. Zu hoffen wäre allerdings, daß im Interesse des russischen Volkes ein neues Aufflackern des revolutionären Brandes vermieden würde.

In der ehemaligen, Burenrepublik Transvaal haben in diesen Tagen zum ersten­male die Wahlen zur gesetzgebenden Versammlung stattgefunden. Sie führten zu einem Siege der Buren, und ihr Oberbefehlshaber in dem großen Kriege gegen England, General Louis Botha, ist jetzt Kabinetschef im neuen Ministerium. Die neue Volksvertretung muß ihre ganze Kraft an die wirtschaftliche und kulturelle Entwickelung des Landes setzen, das unter den Nachwehen des Krie­ges noch so sehr zu leiden hat. Dann werden wir bald wieder von dem Volke der ehemaligen Re­publiken bören, das jetzt schon anfing, gänzlich in Vergessenheit zu geraten.

Der Zylinder.

Von Alexander v. Biezü.

(Nachdruck verboten.)

Wenn jemand der Meinung sein sollte, der Zpliuderhut sei weiter nichts als ein Kleidungs­stück, so möge er die nachfolgenden Zeilen lieber gar nicht lesen. Er erspart damit sich und den Feuilletonisten einen heftigen Aerger und verzich­tet auf einen Disput, der für ihn — den Leser — völlig aussichtlos ist; denn was einmal in der Zeitung gedruckt steht, ob über oder unter dem Strich, das bleibt dort bombensicher und für inin- destens vierundzwanzig Stunden unwidersprochen stehen. Ob es, günstigenfalls, nach Ablauf dieser Quarantäne eine Abänderung erfährt, ist über­dies noch sehr ungewiß. Freiwillig schreibt eine Zeitung niemals beute so und morgen so, und mit dem Berichtigungsparagraph kann man Gott sei Dank doch nicht alles abstreiten.

Also der Zylinder ist keineswegs ein simples Kleidungsstück. Das geht schon daraus hervor,

Ellen trat in die Bibliothek. Der Mond be- leuchtete fast tagehell die Harnische an der Wand, aber furchtlos schritt Ellen fürbaß. An der hin- tersten Wand, das wußte sie, standen die Dichter

Was war das? War der Geist eines der Schloßherren in einen Harnisch gefahren, um ihr Vorhaben zu vereiteln?

Das Blut stockte ihr in den Adern. Wirklich, der Schatten bewegte sich wieder.

„Ellen, Du bist's!" tönte es ihr entgegen. „Ich habe Dich doch nicht etwa erschreckt?"

„Ein bischen doch, Jesko" — dies war nämlich das Gespenst —, gestand Ellen und ließ sich in einen Lehnstuhl nieder.

. Jesko trat näher. „Ich glaubte, das Schloß sei längst eingeschlasen und ich fei der einzig- Nachtwandler .... Was fiihrt Dich denn zu die­ser Stunde hierher?"

Das Gezwungene im Tone Jeskos entging Ellen nicht. „Ich suchte einen Band Gedichte", erklärte sie. „Aber bist Du denn von der langen Reise nicht müde?"

„Ich hatte einen Eilbrief zu schreiben. . . . Welches Buch wünschest Du?"

„Die Sammlung irländischer Volkslieder."

„Ahak Wird wohl noch am alten Platze stehen Leuchte mirl"

Als Ellen an dem Tische vorbei kam, vor dem die Schloßherrin zu sitzen pflegte, sah sie .inen Brief dort liegen. Ein Gefiihl der Angst über­kam sie.

Jesko batte das Buch herabgereicht. Als Ellm gehen wollte, hielt Jesko sie an der Hand zurück

„Ellen", sagte er bewegt, „Du hast mich seit i)en Tagen unserer Kindheit geliebt, gelt? . . Kann ich auf Deine Liebe, auf Deine Nachsicht rechnen?"

Ellen nickte mit dem Kopfe. Sie brachte kein Wort hervor, und ihr Herz klopfte zum Zer- springen.

daß er den Menschen ja nicht „bekleidet". Selbst ein analphabetischer Schweinehirt, ja sogar etn Südsee-Jnsulaner wird nicht den Versuch machen, einen Zylinder als Weste zu benützen ober sich darin einzuwickeln. Der Zylinder wird aufge­setzt — wie eine Krone und eine solche ist er auch in gewissem Sinne. Der Filzhut gewöhn­lichen Schlages, er mag geartet sein wie immer, die Marke „Habig" und den Saisonnamen eines noch so hervorragenden Mannes führen, bleibt immer ein Plebejer, ein Gegenstand der Zweck­mäßigkeit, der nur den darunter befindlichen Kopf vor Regengüssen, Sonnengluten und über­flüssigem Luftzutritt bewahren soll. Anders der Zylinder, welcher neben jenen gleichsam hauswirt­schaftlichen Pflichten vor allem die Aufgabe der Repräsentation zu erfüllen hat. Er ist ein für jedermann sichtbar getragener Plaque, durch wel­che der Inhaber allgemein zur Kenntnis bringt: „Ich bin jemand. Ich bitte mir den gehörigen Respekt aus." Und diese Worte spricht der Zy­linder vornehm leise und in allen Sprachen, so daß sie ohne störendes Aufsehen jedem verständlich werden; er erfüllt somit den Beruf einer Visiten­karte, übertrifft diese aber vielfach, denn wenn einer auf der Straße jedem Entgegenkommenden — auch allen Damen, sogar den minder jungen und weniger hübschen — seine Visitenkarte über­reichen wollte, so würde er wegen Kolportage, Be­helligung des Publikums, Verkehrsstörung mid Störung der öffentlichen Ruhe und Ordnung, vielleicht noch wegen anderer von den Juristen zu ersinnender Delikte einer Geldstrafe von . . . bis ... Mark, eventuell einer entsprechenden Frei­heitsstrafe verfallen, wonach — wenn der Betref­fende verheiratet wäre — feine Frau sogar einen Vorwand zur Scheidung gewänne. Diesen gan­zen Verdruß erspart der Zylinder, der seinen Eigentümer ohne Namensnennung gesellschaftlich legitimiert. Daß man mit dem Hute durch das ganze Land kommt, ist eine schöne, aber längst nicht mehr zeitgemäße Redewendung, die nur mehr für Fechtbrüder ein Berufsinteresse hat. Sicher ist hingegen, daß man mit dem Zylinder auf dem Kopf in die feinsten Konzertsäle, Theater und Balllokale kommt ober wenigstens bis zur Eingangstüre derselben. Ferner wird man durch den Besitz eines Zylinders in den Freiherrnstand erhoben, lange bevor der Lanbesfürst bas Diplom ausfertigt, wozu sich ja nicht immer gleich ein An­laß findet. Die Kellner, Marköre, Kutscher, Dienstmänner, Portiers und sonstige Funktionäre der gleichen sozialen Schichtung nennen ohne Wei­gerung jeben durch einen Zylinderhut künstlich verlängerten Mann „Herr Baron", wobei man die Bequemlichkeit hat, die Ernennungstaxe nicht auf einmal erlegen zu müssen, sondern sie in un­zähligen kleinen Beträgen abstatten zu können. Kleider machen Leute, worauf sich bekanntlich die Schneider viel einbilden; aber 6er Zylinder schafft Kavaliere, was eines Tages die Huterzeu­ger arrogant machen wird.

Natürlich verzweigt sich die Familie des Zylin­ders in mehrere Neste. Eine besondere, im Nor- renreiche des Prinzen Karneval regierende Linie nennt sich Claque. Sie wird aber von der Stamm­familie mit einer gewissen Berechtigung nicht für „voll" genommen, denn um souverän bleiben zu können, hat sie sich mit einer Sprungfeder ber­einigt, die zwar außen nicht sichtbar ist, deren Vor­handensein aber doch ein öffentliches Geheimnis bildet. Der unvermifcht gebliebene Zylinder kann freilich so große Sprünge nicht machen wie der Claque, er treibt sich aber auch weniger bei Nacht herum, ist mit einem Wort solider und konser- batiber. Eine Würde, eine Höhe — besonders eine Höhe — entfernt die Vertraulichkeit

Entschieden demokratisch ist die Nebenlinie der „Stöße r". Sie kommt aber nur in Süddenlsch- lanb, genauer gesagt, in Oesterreich vor. In her lustigen Kaiserstabt Wien laufen Herren ber er­sten Kreise mit dem ursprünglich von den Fiaker-

„Jch muß Dich um einen Gefallen bitten", fuhr Jesko fort. „Deine Liebe muß über mich wachen, wie ein Schutzengel. Vielleicht wird . . . mein Vater mir . . . zürnen. Versprich mir, bei ihm meine Verteidigung zu führen!"

Ellen wurde es immer unheimlicher zu Mute, sie fand keine Worte, sich auszusprechen.

„Soll ber Mensch", fuhr Jesko im Selbstge- spräch fort, „sklavisch den Traditionen ber Fami­lie folgen, zu deren Mitglied ibn die-Natur obne fein Wollen und Wissen durch die Geburt gexnacht hat? Und dürfen die Eltern in tyrannischer Auf­fassung ihrer Rechte von den Kindern verlangen, baß sie an jenen Traditionen sesthalten? . . . Ellen, ich muß Dir ein Geheimnis enthüllen .. . Sieb dieses Bild!"

Hastig griff er in die Rocktasche und brachte ein Frauenbild zum Vorschein. Es war bas Bild ber — Sirene.

„Ich hoffe, sie wirb meine Frau werben", flüsterte er Ellen zu.

Das junge Mädchen starrte wie geisttsab- toefenb auf bas Porträt. Das Blut stockte ihr in den Adern.

Was doch ein einziger, kurzer Augenblick im Leben vermag!

Blau wölbt sich ber Himmel über die lachend? Natur, über die Gottes Frieden waltet. Der liebe Herrgott muß, wie es in bem schönen Volks­liebe heißt, durch bie Gefilde gegangen fein, so schön wächst und blüht alles und reift zur kost- lichen Frucht. Die Arbeit des Lanbrnannes, die er im Schweiße seines Angesichts vollbrachte, ist taufenbfättig gesegnet. Die goldenen Aehten- felber harren des Schnitters, die Obstbäume bücken sich tiefer zur Erde unter ihrer Fruchllrst, und Scheune und Keller werden nicht groß genug ein, den Gottesfegen zu bergen.

Da plötzlich verfinstert sich der Himmel, ver­einzelte Blitze durchzucken bie schwüle Luft, der

kutschern propagierten „Stößer" herum, dessen Namensgeheimnis noch kein Sterblicher entschlei­ern konnte. „Stößen" heißt an der schönen blauen Donau „stoßen". Es fällt aber keinem Besitzer eines „Stößer" ein, wie ein Ziegenbock feinen Nächsten anzurempeln. Und wollte er es tun, wo­zu bann gcrabe die flache unb schmale Krampe, welche bas Rasienmerkmal ber „Stößer"-Zylinder bildet? Die Ziegenböcke setzen ja gar keine Zy­linder auf, wenn sie gegen einander loSrennenl Wenn mithin auch ber demokratisch-aristokratische Zylinder der Sekundogenitur keine erklärbare Entstehungsgeschichte hat, er ist einmal da und gilt als unvermeidliche Begleiterscheinung des Ur­wieners, auch wenn'die Ahnen des Mannes mit dem „Stößer" mehr Moldau- ober elbewärts wohnten und ihrem Enkel einen Namen mit mehr Konsonanten als Vokalen hinterlassen haben.

Jeboch ob Zylinber, Claque oder „Stößer", ber ganzen Gattung, bisher geheiligt durch eine Tradition, bie nichts erschüttern konnte, scheint jetzt eine Gefahr zu drohen. Aus Paris, wo bie meisten Zylinder konsumiert werden, wo alle habi- taren, literarischen unb politischen Moden ihren Ausgang nehmen unb bie größten Torheiten als Muster gesetzlich geschützt unb geschätzt werden, von dort kommt bie Botschaft, baß ber Bebars an Zy­lindern ebenso abnimmt, wie die Zahl ber Ge­burten. Von ben Geburten wußte man es längst unb bie Gelehrten haben Zeit gehabt, durch daS Schreiben von dicken Büchern darüber das Fak­tum unintereffant zu machen. Von ben Zylinder- Hüten erfahren wir es erst jetzt. Dekadenz auf allen Linien, man kann fagen: vom Kops bis zum Fuß. Kein Völkerpsychologe wird die Frage beantworten können, warum bie Franzosen auf einmal nicht mehr wie einst ben Zylinder als richtigen Kopfschmuck ansehen wollen. Die Deut­schen haben in gemütlicher Ironie den Zylinder „Angströhr'n" und „Glanzbiitt'n" getauft, weil er besonders in feierlich-beängstigenden Lebensmo- menten, bei Prüfungen, Beerdigungen, Trauun­gen 20. viel getragen wird und weil er, wie nicht zu bestreiten ist, in seiner äußeren Form auch einer „Butten" ähnlich sieht und glänzt. Die Deutschen haben aber nicht leichtfertig aufgehört, den Zylin­der für schön zu halten, ihn zu kaufen und aists Haupt zu stülpen. Vielleicht bewegt sie zu dieser Haltung auch die Freundschaft für die Tiere. Die Hasen verdienen in dieser Frage berücksichtigt zu werden. So ein armer Meister Lampe kann sich, wenn er bei Lebzeiten von Jäger, Bauer und Hund gehetzt wird unb wenn ein Sonntagsjäger in seiner nächsten Nähe vorbeischießt, lagen: „Macht nichts, nach meinem Ende wird mein Fleisch auf bie Tafel eines Menschen kommen, mein Fell aber wird ein stolzer Zvlinderhut". Für eine solche Zukunft lernt ein Hase leiden, ohne zu klagen. Wird aber bem Hasenbraten im­mer mehr durch ein Ragout von Kater und Kätz- lein Konkurrenz gemacht unb wollte man schnöd» auch noch auf das seidenweiche Fell Verzicht m, indem man gemeine Filzhütte trägt, wie sollte da einen ehrgeizigen Hasen das Leben freuen?

Für den Zylinder sprechen also Verstandes- und Gefühlsmomente, gegen ihn spricht höchstens, daß darüber ein Feuilleton geschrieben wurde.

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Donner grollt in der Ferne, die Wolken färoen sich bleiern. Da, ein greller Blitz, gefolgt ton einem erderschütternden Donnerschlage, das Ge­witter bricht los. Die Schwüle macht einer J»- falten Luftströmung Platz, die bellen Walser- tropfen verwandeln sich in Schlossen von ber Größe eines Taubeneies, bie dicht unb immer dichter auf bie Dächer der Häuser niederprasickn unb die Fenster einschlagen. Der Sturm bricht los, und in wenigen Augenblicken ist bie Arbeit und die Hoffnung eines langen Jahres zerstört. Tie Obstbäume sind teilweise entwurzelt, bie übri­gen haben Früchte und Blätter verloren, und die Getreidefelder liegen geknickt und gebrochen *u Boden, als wäre das wilde Heer darüber weg- gestampft.

Ein solcher Sturm war über Ellens Herz hin­weg gebraust. Noch kaum hatte sich die Kneipe der Liebe in ihrer Brust zu vielversprechenden Hoffnungen entfaltet, so zerstörte der Sturm die arme Knospe. Noch batte sich Ellen kaum Rechen­schaft geben können über das, was ihr innerites Fühlen bewegte, unb schon sah sie den Abgr'md, der sie unüberbrückbar von der Verwirklichung des Traumes trennte.

Ellen hielt noch immer bas verhäng nist olle Bild in der Hand, totenblaß starrte sie auf das­selbe. Kein Zucken um ihre blutleeren Lippm verriet, wie schwer sie der Schlag getroffen.

„Willst Du sie lieb haben, wenn sie einst hier­her kommt?" tönte es an ihr Ohr.

Ellen kam zu sich. „Ja", sagte sie tonlos, „ick verspreche es Dir . . . verbirg das Geheimrrrs bet Tante nicht", mahnte sie. „Wenn ber Oheim mch zürnen sollte, die Zeit wird ihn versöhnen, unb die Tante wirb beim Oheim für Tick sprechen. Ter Eltern Segen zieht des Himmels Segen « ach sich . . .

(Fortsetzung folgt.)