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Rotati onrdruck u. Verlag der rnidaer 21c« tiendr »ckerei in JjMlöa. zerr sprech« Nr 9.

Fulda, Donnerstag den 28. Februar 1907.

JV! 49.

34. Jahrgang.

Krveites Mkatt.

[!] 3m lishleibergwerk.

Bon Franz K. Thomas.

(Nachdruck verboten.)

In den letzten Tagen kam auS dem Saarrevier itb zugleich auS Frankreich die Schreckensnach- tcht, datz wieder einmal große Bergunglücke hum terte von Arbeitern getötet und verwundet haben. Serctbe in solcher Zeit dürfte es von Interesse -(ein, einen Blick in die Tiefe einer Kohlengrube "und auf ihren Betrieb zu werfen.

An einem sonnigen Herbstmorgen folgten wir der freundlichen Einladung eines technischen Berg- beamten und Grubenleiters, mit ihm in einen Schacht hinabzusteigen. Es handelte sich um einen der neueren Schächte im niederrheinlschen Kohlen­revier. Schon von ferne winkte uns, als wir den Bahngleisen entlang zum Schacht gingen, das hohe eiserne Lurmgerüst entgegen, in dessen Höhe sich mit geschäftiger Hast die großen Räder be­wegten, über welche die Förderseile in die Tiefe geleitet werden. Und als wir näher kamen, sahen Wir auch schon zu Füßen des Turmes die Ma- schinenhäufer, in denen gewaltige Maschinen die Förderseile auf- und ablassen.

Doch zunächst geht's noch an die Umkleide- räume. Die gewöhnliche Kleidung wird abgelegt und an ihre Stelle tritt der Steigeranzug, be­stehend in langem, wollenem Hemd, einer derben, aus sog. englischem Leder hergestellten Hose und ebensolcher Joppe, sowie schweren, getränten Was­serstiefeln. Halstuch, Hut und ein eisenbeschlagc- ner Stock zum Stützen vollendet die Toilette. Dann bringt ein alter Bergknappe die wohlver­schlossenen Bergmannslampen, mit der sich jeder bewaffnet, und dann geht's los zum Schacht.__

Zunächst geht's eine Reihe von Stufen den eisernen Förderturm hinauf zur Einfahrtsstelle. Eine Menge kohlengeschwärzter Arbeiter schiebt, sobald der Förderkorb hinaufkommt, den darauf­befindlichen, mit Kohlen gefüllten und auf kleinen eisernen Schienen laufenden Wagen von dem Korbe weg, damit von der andern Seite ein leerer zur Fahrt in die Tiefe hineingeschoben werden kann. Die gefüllten Wagen werden dann gckipvt; die Kohlen fallen auf eine schiefe Ebene, auf der sie von einer Anzahl Arbeiter noch einmal flüchtig gelesen oder „beklaut", d. h. von dazwischen liegen­den Steinen gereinigt werden und dann sofort ift »en unten bereitstehenden Eisenbahnwagen fal­len. Ein Teil der Kohlen Passiert allerdings auch noch andere Sortierungen und Wäschen, wodurch besondere Sorten der Kohlen ausgeschieden wer­den.

Die Förderung selbst geschieht mittelst der Förderkörbe, eisernen Kästen, groß genug, um 6 bis 8 Mann aufzunehmen. Sie betragen sich in Gleitschienen und werden durch lange Drahtseile oder auch geflochtene Gurten von den sog. Förder­maschinen gehoben, bezw. hinabgelassen. Am Ausgang eines jeden Förderweges — jeder Schacht hat deren zwei oder vier mit je einem Korb — steht oben wie auch unten ein Mann, der dem Maschinisten durch Anschlägen an eine Glocke das Zeichen zum Fördern zu geben hat, und der zu­nächst für jede Seilfahrt verantwortlich ist.

In einem der Körbe nahmen wir Aufstellung. Tic Beine gespreizt, den Rücken gegen die eine, die Hand gegen die andere Wand gestemmt, um bei der Fahrt sicheren Halt zu haben. Der An­schläger meldet zum Maschinenbaus „Personenbe­förderung zu Sohle 2". Mit einem „Glück ruf" verabschieden wir uns, dann erfolgt der Anschlag

und mit einer Geschwindigkeit von ca. vier Metern in der Sekunde senkt sich der Korb. In den er­sten Augenblicken sehen wir noch , das Tagesücht über uns, dann find wir allem mit unseren nicht allzuhell brennenden, ölgespeisten Bergmanns- lampen.

Der Schacht, in den wir fuhren, ist, wie unser Begleiter uns erklärte, befestigt durch mi'tpe Stahlringe, die mittelst hydraulischer Kraft m das Erdreich hiuabgetrieben sind. Innerhalb tie­fer schützenden Stahlmauer sind dann die eigentli­chen Schachtmauern sowie die Gleitvorrichtungen für die vier Körbe eingebaut worden.

Wir sind noch nicht lange Zeit gefahren, als der Korb still steht, die Seitentüren des Schachtes aufgerissen werden und uns ein kräftiges „Glück auf" entgegentönt. Wir sind in einer Tiefe von 250 Metern auf unserer Sohle angekommen. Vor uns liegt ein langer, spärlich von Berglampen erhellter Gang. Vier Gleise führen bis zu den Förderkörben, sodaß die Hunde (Kleine Kohlen­wagen) gleich von den Gleisen über eine eiserne Platte zu den Körben geschoben werden können. In langen Zügen stehen die Hunde da. Eben kommt ein Zug beladener Wagen aus der Tiefe des Dunkels auf uns zu. Das Pferd, das den Zug zieht, weiß seinen Weg; der Fahriunge hockt gemütlich auf dem ersten der Wagen. Am Schacht angekommeu, spannt er seinen Gaul vor einen Zug leerstehender Hunde, schwingt sich wie­der auf einen der Wagen, und bald sehen ioir nur noch fein kleines Licht, das allmählich in dem Dunkel des Ganges verschwindet.

Einige Minuten haben wir in der Nähe des Förderschachtes verweilt, um unsere Augen an die nur spärlich erleuchtete Dunkelheit zu gewöh­nen. Dann geht's voran, immer den strahlen­förmig vom Hauptschacht ausgehenden Hauptstre­cken nach. Anfangs ist's ziemlich gut gehen. Die Strecke ist zwei Meter hoch, in der Breite mißt sie ettoa§ mehr. Allmählich, nach viertelstündiger Wanderung, nähern wir uns dem Ende dieser Hauptstrecke. Die oberen Stützbalken liegen schon bedeutend niedriger als im Anfang, sodaß wir nur noch gebückt vorwärts schreiten können. Die Hauptstrecke gabelt sich in mehreren Seitenstrecken. Auch hier ist der Gleisstrang noch doppelt ausge­baut; aber das Pferd kann in dem nicht ganz 1V2 Meter hohen Gang nicht mehr gehen. Hier be­ginnt die Arbeit der Schlepper. Der Wagenzug wird losgekoppelt, die Wagen auf die einzelnen Strecken verteilt und von Arbeitern, meist jungen Burschen, weiter geschoben.

Gleich anfangs der Seitenstrecke wird der Weg durch eine Tür versperrt; es ist eine rohe, ans einigen Brettern zusammengezimmerte Tür, viel­leicht an den Seiten noch mit einigen Tüchern oder Säcken dicht gemacht, sodaß kein Luftzug hin­durch kann. Diese „Wettertllren" haben den Zweck, die Einführung und Erhaltung guter Luft an den Arbeitsstellen zu erleichtern und anderseits die Verbreitung der schlagenden Welter zu ver­hindern. Die Wettertüren müssen daher ständig geschlossen bleiben und sind durchweg so eingerich­tet, daß sie sofort nach dem Passieren eines Wa­gens oder einer Person wieder zufallen, sodaß die reguläre Wetterführung nicht beeinflußt wird.

Die Wetterführung ist ebenso wie eine ger ii- gende Wasserhebung eine der wichtigsten Hilfsar­beiten im Bergbetrieb. Die Wasserhebung, d. h. ein Auspumpen der Gruben wird nötig infolge des ettoa durch undichte Schichten hinabsickernden Grundwasser oder auch infolge tief in der Erde entspringender Quellwasser, die oft so stark flie­ßen, daß sie innerhalb weniger Tage ganze Berg­werke „ersaufen" können.

Die Notwendigkeit einer genügenden Welk-w- sührung ist leicht einleuchtend, da ja die tiefen Strecken und Gänge ganz von dem oberirdischen

Grüne Angen.

Roman Von Dr. F. X. Eß.

6J (Nachdruck verboten.)

Der Lord sah freudig erregt und glücklich im Kreise seiner Lieben um sich. Wer hätte es ihm auch verdenken sollen? Robert war ganz das Ebenbild seines Vaters, vielleicht körperlich noch besser veranlagt, dafür aber geistig unter ihm stehend.

Jesko wurde nicht müde mit Erzählen, seine Wangen glühten, aber es war nicht eine natürliche Röte, eS war etwas Fieberhaftes. Der Lord hörte mit Behagen zu. Es schmeichelte seinem Ehrgeiz, daß sein Sohn überall mit der seinem Namen ge­bührenden Wertschätzung aufgenommen worden war. Die Schloßherrin folgte im Geiste dem Sohne in die Gesellschaft, in die Salons, zu den Abendempfängen, und des Sohnes Schilderungen »on Landschaften, Städten, Palästen, Kirchen, Kunstsammlungen und so weiter boten ihr des Interessanten so viel, daß auch dem Mutterauge der fieberhafte Glanz auf des Sohnes Wangen entging.

Ellen hörte mit Wohlgefallen dem Vetter zu. Ihre Empfindungen waren unklar, sie war eben die aufspringende Knospe, die sich ihres Daseins nicht bewußt zu werden vermag.

„Ich mutz aber demnächst wieder nach Deutsch­land zurück", schlotz Jesko seinen Bericht. Seine Stimme klang unsicher.

„Kaum bist Du da, so sprichst Du vom Ab- reisen! rief schmerzlich die Schloßherrin aus.

„Hoffentlich hast Du nicht vor, ewig in der Fremde zu leben 1 ließ sich der Lord im trockenen Tone, aber durchaus nicht erzürnt vernehmen. „Ein Mann muß sich auf eine ober andere Weife seinem Vaterlande widmen. Die zweieinhalb Jahre, die Du aus. dem Festlande gereist bist sollten Deine Ausbilduna abschließen, und so sehe

ich eigentlich feinen Grund, von neuem zu reifen. An die Pflichten gegen Deine Familie zu mahnen, halte ich für überflüssig."

„Ich muß unbedingt nochmals nach Deutsch­land", erklärte Jesko, „kehre aber zurück, sobald Ihr es wünscht."

„Gib acht" bemühte sich die Schloßherrin zu scherzen, „wir rufen Dich nach drei Wochen wieder zurück."

„Meinetwegen", erwiderte Jesko hastig. Ichch- her denke ich nie wieder daran, Stapleton zu ver­lassen. Meine Wünsche sind dann erfüllt."

Ein unbehagliches, fast unheimliches Schwei­gen folgte den Worten Jesko's. Robert suchte bi’ Stimmung zu heben, indem er von den neuesten Ereignissen der Nachbarschaft erzählte. Er !oar stets auf dem Laufenden, denn er beteiligte sich mit großem Interesse an allem, was für die Landbevölkerung von Bedeutung ist. Sein Vater ließ ihn gewähren, denn es schmeichelte seiner Eitelkeit als Engländer, den Namen Stapleton unter den Siegern im Turnen, Wettrennen, Wett­fahren, Wettrndern, Jagen und Boxen öffentlich genannt zu wissen.

Als das Essen beendet war, blieben die Her­ren nach englischer Sitte allein beim Wein zurück.

„Jesko sicht sehr müde und angegriffen breiii"' klagte die Schloßfrau der Nichte.

„Daran ist das Reisen schuld", meinte Ellen. „Er gefällt mir fehr", fügte sie naiv hinzu.

Die Tante strich dem Mädchen liebkosend die krausen Löckchen aus dein geröteten, unschuldigen Gesick'tchen. „Wir müssen cs dahin bringen, daß er Stapleton lieb gewinnt, und Du mußt' mir dabei helfen, mein Töchterchen" flüsterte Lada Stapleton.

Es war ein wundervoller Sommerabend, un­vergeßlich für Ellen. Dic Familie traf sich n:i Musikzimmer. Jesko war wie verändert, das Fieberhafte in seinem Wesen war verschwunden. Er widmete sich ausschließlich den Damen.

Ellen mußte sich ans Klavier setzen Ihre' Stimme klang yubia. ganz der Ausdruck eines!

frischen Luftwechsel abgeschnitten find. Schon aus diesem Grunde müßte die Luft in den unterirdi­schen Arbeitsräumen schon bald so verpestet sein, daß ein längeres Verweilen dort unmöglich würde. Dazu kommt noch, datz mit zunehmender Liese auch die Wärme zunimmt, sodaß schon in einer Tiefe von ca. 250 Metern eine schwüle Tempera­tur herrscht. Endlich aber dient die Wetterfüh­rung, d. h. die Zuführung frischer bezw. die Aus­führung schlechter Luft, auch der Beseitigung der schlagenden Wetter.

In Hohlräumen, die hier und da zwischen den Flötzen oder inmitten derselben sich befinden, ha­ben sich bei dem Vcrkohlungsprozeß vielfach Gru­bengase gebildet, die bei ihrer Vermischung mit der atmosphärischen Luft ein leicht explosibles Ge­menge geben. Explosible Luftgemenge entstehen ferner bei unrichtig erfolgten Sprengungen ober auch durch starke Vermifchling der Luft mit Koh- lenstaub. Die Ausdehnung solcher schlagender Wetter auf das gesamte Bergwerk sucht man nun zu verhindern, indem man die einzelnen Teile durch die Wettertiircn von einander trennt. Die Erneuerung der Luft geschieht durch besondere Luftschächte und umfangreiche Bleiröhren, welche den einzelnen Strecken folgen und an den Ar­beitsorten durch regulierbare Krahnen ähnlich großen Gashähnen, den Luftwechsel bewirken.

Zum Schutze der Explosionsgefahr der schla­genden Wetter sind auch die Grubenlampen, deren jeder Bergmann eine mit sich führt, mit besonde­ren Vorsichtsmaßregeln konstruiert. Damit die brennende Flamme nicht die gefährlichen Gase entzündet, ist sie nach Möglichkeit von der umge- bei,den Luft abgeschlossen. Gleich über dem Qel- behälter brennt das Licht, umgeben von einem dicht abschließenden Glaszylinder. Auf diesem ist dann ein feines Drahtgitter aufgesetzt, eben weit genug, um die zum Brennen nötige Lnfline.igc an die Flamme herantreten zu lassen. Die dicke­ren Luftteile des schlagenden Wetters jedoch kön­nen nur in ganz geringen Mengen an dic Flau.nie gelangen. Diese explodieren innerhalb der Lampe, ohne einen anderen Schaden anzurichtcn, als datz sie allmählich die Lampe erhitzen, und sie geben dadurch dem Bergmann ein warnendes Anzeichen für das Vorhandensein schlechter Wetter sodaß er sich zeitig zurückziehen kann, bis neue Weiter an die gefährdete Stelle egelcitet find.

Die große Gefahr dieser schlagenden Wetter, die jährlich eine Menge von Menschenleben wr- bern, ganz abgesehen von den bebeutenben Ma­terialschäden, bringt cs mit sich, daß auf die vor­sichtigste Handhabung der zur Beleuchtung nof- toenbigen Lampen das größte Gewicht gelegt wird. Jeder ansahrcnbe Mann erhält feine sicher verschlossene Laterne, die er unter der Erde nicht öffnen kann und darf, und die er ebenso ver­schlossen wieder abzuliefern hat.

Von unserem Seitcnstollen zweigen inzwishw. links und rechts weitere Stollen ab. Sie sind ge­rade so hoch, daß die „Hunde" eben hindurch ae- leitet werden können. Ter Schlepperjunge, der gerade vor uns seinen Hund hinschicbt, muß seinen Kopf hinter den Rand seines Wagens gal­ten, wenn er sich nicht an den oben liegenden Bal­ken der Türstützung den .Kopf stoßen will. Aber er keimt seine Strecke und in einem kurzen Trab trollte er davon. Auch wir folgen ihm in den iedrigen Stollen, tief vornübergebückt, so tief, daß wir kaum vorwärts sehen können, müssen wir den Kops und Rücken beugen.

Allmählich wird es vor uns etwas Heller. Der Schein einiger Grubenlichter bringt zu uns her­über und wenige Schritte weiter stehen wir „vor Ort". Wir haben eine Stelle erreicht, an der Kohle abgebaut wird. Etwa 25 Ztm. über her Sohle unseres Ganges liegt das Flötz, das selbst eine Mächtigkeit von nicht ganz einem Meter aus- weist. Sechs Arbeiter hocken, knien, liegen, jeder

reinen, nicht von den Stürmen der Leidenschaften getrübtes Gemüt. Jesko dachte an jenen Abend in der Fuggerschen Villa, an die Sängerin, an seine Empfindungen an jeneim A^nd. Er ver­glich seine Cousine mit Frau Mühlacker, er wurde nachdenklich, hörte weder seines Vaters Ausfüh­rungen über Ackerbau, no h Roberts Berichte über die letzten Wettrennen, noch beantwortete er Ellens Fragen über die Toilette der deutschen Damen.

' Die Schloßherrin wurde aufmetfiam, ihrem scharfen Blicke entging diesmal die Veränderung im Wesen ihres Lieblings nickst. Sie sah Jeskcs fieberrote Mangel», sein plötzliches Erbleichen, die blutleeren Lippen. Ihre beiden Bruder waren an der Auszehrung gestorben: sollte Jesko . . .

Doch nein, o Gott, dies Opser wäre zu grau- sam für das Mutterherz I

Sie schritt rasch auf Jesko zu. Er zuckte bei ihrem Anblick zusammen. Die eschloßsee tauchie in seiner Erinnerung vor ihm auf, gerade so weiß gekleidet; wollte sie den Eintritt ins Schloß derjenigen verbieten, die Jesko hier einzuführen vorhatte?

„Du hustest, JeskoI" begann die besorgte Mutier. „Es wäre besser für Dich. Deine Abreise bis zum nächsten April zu verschieben. Das ruhige Stilleben hier täte Dir gut. — Vielleicht konnten wir auch nach Italien gehen, wo Du ganz gewiß genesen würdest."

Jesko schauderte. Was war das Leben ohne Philomene für ibn? Er founie, er mußte wählen. Einerseits das Eltcrichans mit den Banden des Blutes eine geachtete Steilung, ein. kri-rdliches Ja- fein — andererseits die Liebe zu einer Frau — Sirene hat sie Freund Roderich genannt —, die ihn bezaubert ...

Er entschied sich für die Sirene.

Es war spät geworden, man sagte sich „Gute Nacht".

„Ich möchte mit Dir in die Kapelle gehen wo ich so oft als Kind gebetet', flüsterte Jesko der Mutter ins Obr.,

in einer anderen Position, auf der Sohle des Flotzes. Mit ihren Werkzeugen, eisernen Hacken mit zwei Spitzen, „schrämincn" sie die Kohle, d. h. sie schlagen wagrecht, mitten in das Flötz hinein einen tiefen Einschnitt. Es genügen dann nachher einige Schläge gegen die von oben her noch hän­gende Kohlenmasse, um sie herunter stürzen zu lasten. Nachdem bann diese weggcschasft ist, haben die Leute Platz, um mit ihren Hocken die untere Hälfte des Flötzes soweit abzuhauen, wie vorher die obere Hälfte eingestürzt ist, sodaß dann aufs neue „geschrämt" werden kann.

In dieser Weise wird in der Richtung des Ganges weiter gearbeitet, aber auch seitwärts bringt man tief in bas Flöz ein. Im Augenblick, als wir vor Ort kamen, war die Kolonne unge­fähr 8 Meter seitwärts in baS Flöz etngebruitgen. Wir mutzten also, wenn wir zu ihnen wollten, burch das Flöz auf Händen und Füßen hindurch kriechen. Bei unserer Annäherung lassen sie für einen Augenblick die Arbeit ruhen. Mit „Glück auf" begrüßen wir uns. Der älteste der Kolonne gibt auf die Fragen des Beamten die nötigen Antworten. Noch weitere 4 Meter soll dieses Flöz nach dieser Seite hin vorläufig ansgebant werden. Inzwischen haben wir es uns auf eini­gen Hausen abgeschlagener Kohlen gemütlich ge­macht, so gut es geht, und wohl auch einmal ver­sucht, selbst ein Stück Kohle loszuhämmeru, z»m größten Gaudium der schwarzen Gesellen, die solche Arbeit mit all' ihren Fertigkeiten besser kennen.

. Es ist aber auch eine beschwerliche Art des Ar­beitens. Nur wenige Fuß hoch ist der Arbeits- rauin; der Arbeitende muß also kineen oder lie­gen, eine Stellung, die zum kräftigen Ausholen mit der Hacke so unbequem wie möglich ist. Mit aller Energie müssen daher meist kurze Schläge geschlagen werden, was an der Wucht des weiten, ungehinderten Ausholens fehlt, mußt die Muskel- fraft in Ausdauer versetzen. Unter denselben schwierigen Umständen, d. h. kriechend mntz dann der Schlepper die Kohlen bis zu den im Gang stehenden Hunden befördern. Daß solche Arden, dazu noch in ganz ruhig stehender und warmer Luft, den Schweiß aus allen Poren fließen läßt, und daß deshalb die Arbeiter nur in der aller- bürftigsten Bekleidung, oft halb nackt, ihre Arbeit verrichten, ift leicht verständlich.

Mit „Glück auf" nehmen wir wieder Abschied, und wandern den Gang zurück, um die weiteren Arbeitsstellen, ähnlich den vorigen, zu besuchen. An einer Stelle waren die Arbeiter von zwei be­nachbarten Gängen aus im Abbau eines Flözes in der Milte geradezu zusammeugetrofsen. „Um den Weg abzukürzen", wie unser Begleiter meinte, müssen wir durch dieses Flöz hindurch. Aus Hän­den und Füßen, das Grubenlicht an einem Haken im Munde tragend, kriechen wir durch das 80 Zentimeter hohe Flöz etwa 70 Meter weit dis zum benachlmrten Gang. Es ist aerabc nicht das höchste der Gcsühke, so über abgeschlagene Kohlen hinweg, zwischen den zahlreichen Hokst fitzen yin- durch auf allen Vieren vorauzunttschen und dazu noch mit dem Munde die Leuchte zu tragen, aber cs gibt eine gute Probe von dem L- dm, welches ! die Bergarbeiter hier unter der Erde Tag für ' Tag zu führen haben.

Auf dem Rückwege zum Schacht geWs noch am Pfcrdefiall vorbei, in dem es sich einiae gut aussehende Pferde sehr wohl fein lasten. -Obwohl solche Tiere ständig unter der Erde bleiben, sollen sie bis zu 15 und mehr Jahren ihren Dienst ver­sehen können.

Mit „Glück auf" betreten wir dann wieder di.» Förderschale uird mit „Glück auf" begrüßen wir wenige Augenblicke später das Licht der Sonne, dem wir drei totunbeu lang entflohen waren.

Tie Schloßkapelle war ein Achteck. Durch die Kuppel fiel das Licht ein, der blau - Grund des Plafonds war mit golden n Sternen über und über bedeckt.

Mutter und Sobn knieten aor dem kleinen Altäre nieder und beteten leise. Aber ihr Flehen ging weit auseinander. Die Schloßherrin betete um Verwirklichung ihres Lebenswunsches, Jesko und Ellen hier an diesem Altäre bald den Bund für's^Lcbcn schließen zu sehen. Jesko dachte an die Sirene und dann erst an das Herzeleid, das er durch seinen Schritt den Eltern anhtit wurde Auf beide aber, auf Mutter und Sohn, sah Got­tes Auge herab, und beider Gedanke waren ihm offenbar.

Die Mutter zog den Sohn an ihr Herz. „Moch­test Du nicht bald als glücklicher Bräutigam vor diesem Altäre knien?" fragte sie ihn zärtlich.

Jesko zitterte. „Versprichst Du mir Mama, meine einstige Frau um meinetwillen gern zu haben?"

„Von ganzem Herzen, mein Sohu!" Vielleicht — liebe ich sie schon."

„Mutter, segne mich, hier ... an dieser Stelle!" flehte Jesko ängstlich.

Die Schloßherrin legt beide Hände dem Sohne auf das Haupt. „Gott segne Dich", betete sie „und bringe Dich uns glücklich zurück!"

Fast überzärtlich umarmte Jesko die Mutter und sagte ihr „Gute Nacht". Die Schloßherrin eilte von dannen, Jesko aber, der durchaus noch kein Bedürfnis nach Schlaf hatte, ttwiibie seine Schritte der Bibliothek zu.

3.

Ellen konnte diesen Abend keine Ruhe finden. Der Schlaf floh die müden Augen und sie stand vom Bette auf, hüllte sich in den Nachimm tel und setzte sich an das offene Fenster.

(Fortsetzung folgt.)