MaerWZeitung
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34» Jahr«ank.
Fulda, Donnerstag den 28. Fedruar 1907
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Rotationsdruck n. Verla- der Fuldaer 2k» tlendrrckerei in ^ulda. Zerntprecher ktr 9,
lieht tülKwtt »esnelme ber Son*, mrd zetert»-« Viertel« mn-SeiMiptt«* ohne Vrin-ert-hn ««» Se»eSg«>»in5ul»aun» anosirtr i Ät 50 Vi8-
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-christtetter: 3. Sau«;
roonabdiage: „IlluftrieüeSonntagrzeitung"
Erstes WLatt.
(!) vie Slotzstellung der national* liberalen durch Abg. Bebel.
Großes Aufsehen machte vorgestern die Rede Bebels über die Wahltaktik der Nationalliberalen in Len Kreisen, wo Zentrum und Sozialdemokra- tie in der Stichwahl standen.
Abg. Bebel führte aus: Bevor ich auf bai. eigentliche Thema eingehe, bin ich genötigt, au die Auseinandersetzungen zurückzugreifen, bte gestern der Reichskanzler und der Abg. Bassermann gegen meine Partei und gegen das Zentrum hier zum Ausdruck gebracht haben. Nach ihren Äußerungen erscheint es als das größte politische Verbrechen, das denkbar ist, wenn ein Mann einer bürgerlichen Partei einem Sozialdemokraten seine Stimme gibt. In ganz besonderem Matze erscheint es als ein Verbrechen des Zentrums, Latz es in einer Reihe von Wahlkreisen durch die Unterstützung der Sozialdemokraten gesiegt habe. Es ist daran zu erinnern, daß in der stärksten Hitze des Sozialistengesetzes im Jahre 1884, als e8 sich in Frankfurt a. M. um eine Stichwahl eines Mitgliedes der sozialdemokratischen Partei, Sabot, und dem bürgerlichen Demokraten Sonnemann handelte, und als von Frankfurt aus beim Fürsten Bismarck angefragt wurde, wem die Konservativen und Nationalliberalen ihre Stimme geben sollten, daß damals nach Frankfurt das Telegramm gesandt wurde:
Fürst wünscht Sabor (d. h. den Sozialdemokr.I).
Fürst Bülow würde das dem Fürsten Bismarck nicht nachmachen. Bei allem Hatz und aller Feindschaft, die Fürst Bismarck gegen die Sozialbemo- kratie gehegt hat, war er doch so objektiv, Latz er die Stälung, welche die Sozialdemokratie hier im Reichstage eingenommen hat, stets anerkannt hat. Ich werde Beweise dafür erbringen. Ganz anders ist die Stellung des heutigen Reichskanzlers. Wenn er auf die Sozialdemokratie zu sprechen kommt, dann wird er im höchsten Grade nervös und gerät in eine solche Aufregung, daß es ihm unmöglich ist, auch nur einen objektiven Gedanken auszusprechen, und er tut gerade so, als ob d»e Sozialdemokratie aus persönlicher Feindschaft gegen ihn handelt. Wir haben nichts dagegen, daß er das denkt, aber von einem Staatsmann verlange ich, daß er doch den Schein der Objektivität zu wahren sucht und so tut, als ob er über den Parteien steht. Das tut Fürst Bülow nicht. Im Wahlkampf ist er als Parteimann aufgetreten in einer Weise, wie es in Deutschland ein Staatsmann noch nicht getan hat. Wir werden darüber noch bei anderer Gelegenheit sprechen. Sie haben gehört, daß eine Interpellation eingebracht ist, be: welcher die offiziellen Wahlbeeinflussungen, die vom Reichskanzler bis zum letzten Polizeidiener verübt wurden, besprochen werden sollen. Wir wünschen, daß der Wahlkampf hier im Reichstage in voller Breite, in seinem vollen Umfange erörtert wird. Ganz besonders hat sich gestern auch der Abgeordnete Bassermann über das Zentrum entrüstet. Wenn ich einen Nationalliberalen höre, der sittlich entrüstet ist, kommt mir immer ein Lächeln.
Die Bassermänner als rote Wähler.
Weiß denn Herr Bassermann nicht, Latz im Jahre 1905 für die badischen Landtagswahlen zwischen der badischen Leitung seiner Partei und der Sozialdemokratie ein Abkommen getroffen worden ist, um sich gegenseitig zu unterstützen? Die N ati onal liberalen wollten meine Partergenossen gegen sämtliche andere Parteien unter ft ü^en. Ich bin der Ansicht, daß diese Tatsache Herrn Abg. Bass-r- mann absolut nicht unbekannt sein kann; ob er damit einverstanden war, weiß ich nicht. Dazu kommt, daß damals die Reserveoffiziere, hohe Staatsbeamte, Lehrer, Pfarrer, Kriegervereinler ohne Ausnahme für die fozialdemokrati- sche Partei stimmten. Und jetzt habm Sie einen wahren Horror dagegen, daß bürgerliche Wähler einen Sozialdemokraten wählen. Meine Partei hat ihrerseits bei den badischen LandtugS- wahlen die nationalliberalen Kandidaten in einer ganzen Reihe von Wahlkreisen gewählt, und dadurch ist verhindert worden, daß das Zentrum die Majorität im Landtage befielt. Denken Sie dock) an die letzte Wahl, die wir jetzt gehabt haben. Ich kann den Nachweis liefern, daß ein national- liberaler Führer^» meinem Parteigenossen, dem Leiter der sozialde- mokratischen Partei in Freiburg, Engler, gekommen ist und ihm angeboten hat, wenn er e6 fertig btin- (je, daß bie sozialdemokratische Partei sich in Freiburg i. Br. bei der Stichwahl zwischen Nationalliberalen und Zentrum der Stimme enthalte, bann to ü r b e er bereit fein, dahin zu wirken, daß bie Nationalliberalen in Mainz unb Köln für bi e Sozialdemokraten stimmen. Auch mein Parteigenosse Ulrich in Offenbach ist in diesem Wahlkreise gebeten worden, für den national- liberalen Kandidaten einzutreten gegen den auti- semitischen.
, Nationalliberalen in Hildesheim baben d" politische Unmoral soweit getrieb-n, ~JLte't.r Partei dort erklärte, bei den Stichwahlen sich der Stimme enthalten zu wollen, durch
gefälschte Ausrufe
;m Namen der sozialdemokratischen Partei die Wähler der Sozialdemokratie aufgefordert haben, Hir den nationalliberahm Kandidaten zu 'timmm' Es wird mir weiter gefaßt, ich weiß nicht, mit
welchem Recht, daß Herr Bassermann, als er zwi- scheu Haupt- und Stichwahl in Osnabrück toar, den Versuch gemacht habe, meine Parteigenossen zu bewegen, nicht für den Zentrumskandidaten, fondern für den Nationalliberalen Wamhoff zu stimmen. Ob das nun wahr ist oder nicht, feden- falls hat auch im Jahre 1904 als auch die Sozial- demokratie in der Stichwahl den Ausschlag jjab, das nationalliberale Organ, bte „Osnabrücker Zeitung", geschrieben: .
„Welchen Wert bte Sozialdemokratie als „Partei der unabhängigen, unerschrockenen Kri- „tik besitzt, darüber ist sich niemand im Zweifel. „Was speziell ihre Anregungen auf sozialpoli- „tischem Gebiet betrifft, so müßte derjenige „blind sein, der nicht bemerkte, daß sie befruch- „tend nach mehr wie einer Seite hin gewirkt „haben. (Hört, hörtl bei den Sozialdemokraten.) „Auch auf anderen Gebieten find wir in der „glücklichen Lage, den Bestrebungen der Sozial- „demokratie nicht entgegentreten zu müssen."
„Wer Gelegenheit hat, im Reichstag zuzu- „sehen, wie bie Sozialdemokraten sich um die „Unterstützung ihrer Anträge bei den Liberale», „und diese umgekehrt bei den Sozialdemokra- „ten bemühen, wird bemerken, wie höflich und „zuvorkommend die Unterhändler beider Par- „teien miteinander verkehren (Heiterkeit be „den Nationalliberalen), der weiß auch, wie „oft sozialdemokratische und liberale Abgeord- „netc bei der Abstimmung für ein und dieselbe „Sache eintreten."
Das beweist denn doch, wie die Herren anders denken, sobald sie sozialdemokratische Stimmen bekommen können. Ein Nationalliberaler mag keinen Sozialdemokraten leiden, aber seine Stimme nimmt er immer gern. Sind doch in dieser Wahl meine Parteigenossen an einzelnen Orten sogar veranlaßt worden, für die konservativen Vertreter einzutreten. Z. B. in Jericho I. Ein Agitator für den Flottenverein, Amtsge- r i ch t s r a t S t e r n, hat ja auch die Anschauung vertreten, daß es sich bei der engeren Wahl darum handele, selb st zu der Sozialdemokratie zu gehen, damit das Zentrum unter allen Umständen unter den Tisch gebracht werde. Dieser Herr schreibt: „Nach den furchtbaren Schlägen, die die Sozialdemokratie bekommen, wird sie wohl zu Verhandlungen bereit sein." So schreibt ein einflußreiches Mitglied des Flotten- Vereins, und Herr Ge ne ral major Keim weist das nicht zurück. Solange Stichwahlen im Deutscher? Reiche bestehen, roirb es notwendigerweise Vorkommen, daß Parteien, die sonst auf dem entgegengesetzten Standpunkt stehen, unter Umständen gezwungen werden, gemeinsame Sache gegen den Gegner zu machen. Der Reichskanzler ist gestern im höchsten Grade entrüstet gewesen über bie Haltung des Zentrums bei den engeren Wahlen. Zentrum und Sozialdemokraten, Polen und Welfen waren doch aber die Gegner des Reichskanzlers am 13. Dezember; gegen sie hat er feinen sogenannten
Silvesterbrief veröffentlicht. Dadurch kamen die vier Parteien wider Willen in die gleiche Schlachtordnung. Das Zentrum wird zugeben, daß wir uns im Hauptwahlkampf nichts geschenkt haben, wir sind losgegangen, wie nur zwei Todfeinde aufeinander losgehen können, aber sobald die engeren Wahlen herankamen, war es ganz naturgemäß, daß jetzt die Parteien, gegen die sich der ganze Wahlkampf richtete, zu retten suchen, was zu retten war. Es war also ganz naturgemäß, daß das 3e-.tlrum seine eigene Position im Reichstag dadurch nach Möglichkeit zu stärken suchte, daß es eine Opvo- fitionspartei, wie bte Sozialdemokratie, unterstützte, wie es auch naturgemäß toar, daß wir bereit waren, einen Teil der Zentrumskandrbaten zu unterstützen. Dabei haben wir nicht das allergeringste miteinander gemein. ®a3 Zentrum steht Ihnen (nach rechts) tausendmal näher, wie uns. Ich verstehe daher nicht die maßlosen Angriffe, die der Herr Reichskanzler gestern gegen das Zentrum richtete, gegen eine Partei, mit der er in der ganzen Dauer seiner Kanzlerschaft aufs freundschaftlichste Hand in Hand gegangen ist, der er die ganzen Erfolge seiner Politik zu der- danken hat. .
Was werden zu diesen Enthüllungen die entrüsteten Liberalen in Hanau, Offenbach und Wiesbaden sagen? ? ?
Dir ZuimUigdkit »es fibtrnlismiis.
Bekanntlich hat die Regierung in der „Nordd. Allg. Ztg." den konservativ-liberalen Block wiederholt als eine sichere und zuverlässige Mehrheit in allen nationalen Fragen gepriesen. Dieser Der;uhe- rungen traten so bestimmt auf, daß der „entschiedene Liberalismus" beinahe selbst schon an fatne Zuverlässigkeit fest zu glauben wagte. Aber es kam anders. Wimmernd und flehend wandte er ich in allen Tonarten an den Reichskanzler, fr möchte doch mit den unerläßlichen G a r a n- ieen und Konzessionen an den Liberalismus herausrücken. Bülow hüllte sich aber in Schweigen, unb auch in seinem „Programm" spricht et nur von einer Rücksichtnahme auf bie Zusammen- ehung ber gegenwärtigen Mehrheit, indem er gleichzeitig an eine Politik ber Paarung konservativen und liberalen Geistes denkt.
Der „entschiedene" Liberalismus sst darob ehr betrügt und er schickt sich jetzt schon an, eine Zuverlässigkeit einer Revision zu ui-trr- ziehen. Ten Anfang machte ber Abg. Dr. Wie- m e r, welcher al? Redner der freisinnigen Volkspartei am Mittwoch im Reichstag zum Etat sprach. Abermals hielt et dem Reichskanzler vor Augen, daß der entschiedene Liberalismus über 50 Stirn- men verfügt, eine Zahl, welche seiner Ansicht nach
vollauf genügt, daß die Regierung veranlaßt wird, immer und überall hierauf Rücfficht zu nehmen. Wiemer erklärte auch, daß ber Freisinn gern bereit ist, positive Arbeit zu leisten. Ein einschränkendes Aber schickte er seinen Worten alsbald nach und erklärte, daß es für diese Arbeit nurbaraufanfommt, welche Vorlagen die Regierung dem Reichstag unb damit dem Liberalismus zu unterbreiten gedenkt. Die erste Revision der liberalen Zuverlässigkeit ist hiermit von Wiemer selbst gegeben worden. Sie erinnert zu sehr an daS Sprichwort: „Und willst du nicht mein Bruder sein,... Die Erklärung des freisinnigen Redners läßt nur den einen Schluß zu, daß die Zuverlässigkeit des Liberalismus im falben Moment bet Vergangenheit angehört, wie die Regierung sich weigert, solche Vorlagen einzubrin- gen, welche auf die Haut des „entschiedenen" Liberalismus geschrieben sind. Ob bie Regierung unb ihr offiziöses Organ auch jetzt bie freisinnige Zuverlässigkeit über den Schellenkönig lobt?
Ueberhaupt gab sich Dr. Wiemer alle Mühe, ber Regierung klar zu machen, daß sie auf freisinnige Gefolgschaft nutz» rechnen hat, wenn bas Ruder des Reichsschiffes immer mehr nach links sich wendet. Die Ankündigungen Bülows gingen ihm deshalb durchaus nicht weit genug; diplomatisch und vorsichtig, das sind die Eigenschaften, die ihnen der Freisinn beilegt. Die Mahnung zur konservativ-liberal en Paarung faßt er aber lediglich fo auf, daß die Konservativen jetzt nach ber liberalen Pseife tanzen müßten. Der „entschiedene" Liberalismus ist nicht gewillt, von seinen grundsätzlichen Anschauungen irgend etwas preiszugeben. Deshalb müssen auch die Konservativen ihre Bahnen verlasse« und das Börsengesetz im Sinne ber Fünfzig-Stim- men-Partei annehmen. So will es Herr Dr. Wiemer. Ueberhaupt verlangt er zwischen seinen Worten, baß alle Vorlagen, bie ber Reichskanzler ankündigte, nur Konzessionen an den Liberalismus enthalten. Um dem Reichskanzler fahr „neues Handwerk" zu erleichtern, wies Wiemer zu allem Ueberfluß noch auf bie Bahnen hin, welche für Bülow bie allein richtigen sein sollen. Er muß bte „gewaltigen staatserhaltenden Kräfte, die im liberalen Bürgertum lebendig sind", berücksichtigen, sonst ist das Tischtuch zwischen ihm unb bem Freisinn zerschnitten. Diesen Nachsatz hat Dr. Wiemer zwar nicht gesprochen, er reiht sich aber in logischer Folge an die voraufgegangene Forderung nach umfassender Berücksichtigung an.
Der Freisinn weiß auch zu gut, daß neue Steuerforderungen der beste Prüfstein seiner nationalen Zuverlässigkeit find. Dieses Kapitel hat Dr. Wiemer ebenso vorsichtig und diplomatisch behandelt, wie Bülow die Ankünbi- gung seiner Vorlagen. Zu gern möchte man sich damit trösten, daß neue Steuern noch lange nicht notwenbig sind. Wird ber Freisinn aber trotzdem vor diese Frage gestellt, so will er, wie fern Redner erklärte, auch da die Einschwenkung der Konservativen in das liberale Lager unter allen Umständen erwarten. Sie sollen dem liberalen Karren Vorspanndienste leisten, nur fo erklärte Wiemer die konservativ-liberale Paarung für fruchtbar. Deshalb präsentierte er den Konservativen die Reichsvermögenssteuer unb bie Reform der Branntweinsteuer.
Leider ist aber dieses Liebeswerben um bie konservative Hilfe nidjtouf günstigen Boden gefallen. Die Ausführungen des reichspar- teilidfan Abg. Gamp involvieren eine deutliche Sb- sage an den Linksliberalismus; er ist sogar überzeugt, daß ihn seine Wege wieder mit dem Zentrum zusammenführen. Und als der Abgeordnete Liebermann von Sonnenberg bie Rede des Reichs- kanzlers mit dem Mädchen aus der Fremde verglich, das rechts Früchte, links aber Blumen brachte, quittierte das Haus auch diese Absage mit schallender Heiterkeit. Gleichzeitig wie ber Reichstag zog aber auch das preußische Abgcorbneten- haus am Mittwoch die konservativ-liberale Paarung in den Bereich seiner Erörterungen. Dort erklärte der konservative Abg. Malkewitz. der gfaidßeitig Reichstagsabgeordneter ist, eine Paa- rung von konservativem Geist mit dem Gerte des Linksliberalismus für unmöglich; nur an eine Paarung mit dem nationalliberalen Geist könne gedacht fein. Derselbe Abgeordnete will aber auch nicht glauben, daß sich das Reichssteuer jetzt um einige Striche nach links drehen wurde.
Das alles find Anzeichen dafür, daß der Links- liberalismus jetzt schon auf ber Revision seiner Zuverlässigkeit gegenüber der Negierung zu finden ist. Die konservativen Aeußerungen find aber auch keineswegs eine Anerkennung der von tem Reichskanzler empfohlenen Paarung konservariven und liberalen Geistes. Besonders schmerzlich to:cb aber der entschiedene Liberalismus es empfunden haben, daß ber Reichskanzler am dritten Tage bet Etatsberatung, wo doch ber Freisinn zu Worte kommen sollte, sich im Sitzungssaal-: gar nichtblicken ließ. Sollten etwa gar bie Leute recht haben, Fürst Bülow sei dieser Gelegenhell zu seiner Festnagelung auf die vom Libcralrs- mus erbettelten Konzessionen absichtlich fern geblieben?
Wenn Fürst Bülow aber geglaubt hat, es habe eine liberalen Anhänger schon befriedigt, baß er in seiner „Programmrebe" allerlei aufgezähtt bat, woran er „denkt", so wirb er bald merken, daß er ich geirrt hat. Tie Liberalen dienen ihm nicht nit der Selbstlosigkeit, ber sie sich so gern rühmen, sondern sie verlangen mit dem Parteiego:Smus und der Aroganz, die dem Reichskanzler so zuwider ist, etwas Reelles. Man leie einmal folgende Auslassung des freisinnigen „Berluwr Tageblattes" zu Bülows Programmrebe:
Wenn Fürst Bülow mit seinem Bekenntnis zu der Uebcrzeugung von der Lebenskraft des Liberalismus etwa geglaubt hat, sich bei den Lib-rrlln heb Kind machen zu können, so ist er auf dem Holzwege. Fürst Bülow hat in seiner gestrigen
Rede mehrfach volkstümlich-drastische Redewendungen gebraucht. Wir toollen auf seine liebenswürdige Verbeugung vor dem Liberalismus ebenfalls etwas drastisch antworten und mit dem Berliner sagen: „An den KalmuS ziepen wir nicht l" Der Herr Reichskanzler soll uns zeigen, daß er die von ihm selbst gerühmte Lebenskraft des deutschen Liberalismus zu respektieren weiß: er soll uns Taten sehen lassen, bie unS zeigen, daß er die Lebenskraft des Liberalismus nicht nur gegen Herrn Bebel im Munde führt, sondern daß er ihr auch in seiner Führung der Reichsgeschäfte Genüge tun will. Tut er das nicht, so wird er vermutlich bie Lebenskraft des Liberalismus am eigenen Ministerleibe in einer Weiseerfahren, bieihnwünschenlas- fen müßte, der Liberalismus wäre weniger lebenskräftig.
Deutsches Reich.
Berlin, 27. Februar 1907.
* Zahlreiche katholische Ordens - Niederlassungen des Rheinlandes sollen, wie das ,53erl Tagebl/ wissen will, von der Negierung die Aufforderung erhalten haben, in 8 Tagen zu berichten, ob und wann die Ordens-Niederlassung genehmigt worden ist. Man nimmt, schreibt daS Blatt weiter, an, daß die Regierungs-Verfügung allgemein ist und eine Revision deS gesamten Ordens wesens einletten soll. Eine Bestätigung dieser Angaben scheint die Blättermel- dung zu enthalten, daß die Hospital-Verwaltung zu Wippersürth von der König!. Regierung auf- gefordert wurde, innerhalb weniger Tage darüber zu berichten, ob die Niederlassung der Schwestern im dortigen Krankenhause auch genehmigt ist und wann. Die Schwestern aus dem Multerhause zu Dernbach wirkendort seit ungefähr vierzig Jahren in der segensreichsten Weise auf dem Gebiete der christlichen Charitas, ohne einen Unterschied in der Konfession bei ihren Liebes- werken zu machen. Sollte es wirklich so rasch mit vollen Segeln in die neue Aera deS Kulturkampfes hineingehen? Die Liberalen hoffen jedenfalls das hefte. Das Berliner freiwillig-ossiziöse Organ des Evangelischen Bundes, daS sich stets durch seine Ruppigkeit hervortut, sobald von Katholiken und katholischen Dingen die Rede ist, spricht von „Mogeleien im katholischen Ordenswesen" und sieht den Minister Studt, „der sein Ministerleben lang eine geradezu kcminchen« haste Vermehrung der katholischen Ordensleute begünstigt hat", bereits gestürzt. Wir gratulieren dem „Staatsmanue" Bülow zu der neueren Aera und ihren Propheten, Bewundere-n und Stützen. Ob dem kleinen Bülow aber gelingen würde, was seinem „großen Vorgänger" mißlang, bezweifeln wir allerdings einstweilen.
* Ein Staatsschuldbuch ist bekanntlich für Preußen durch Gesetz vom 20. Juli 18813 ein- geführt worden. Es wird dadurch ermöglicht, die Staatsschuldverschreibungen in Buch-chulden auf den Namen eines bestimmten Gläubigers nmzuwandeln. Wie wir dem neuesten Bericht der Staatssch uldenkomm issio n an das Abgeordnetenhaus entnehmen, belief sich der Be- trag der Buchschuld am 31. März l«0 > aus 1839 932750 Mk. Davon waren 1524243850 37i Prozent,ge, der Rest 3 prozentlae Schulden. Von der 37, proze'ttigeu Buchschuld entfielen 679 967 200 (von der 3prozentigeu 145086050) Mark auf physische Personen, 595834 700 (105701100) Mk. auf juristisch« Personen. 172865500 (29171000) Mk. auf Ver mögens- massen ohne juristische Persönlichkeit, 61 226OnO (31259 300) Mk. auf Handelsfirmen, der Rest auf sonstige Dermögensmaffan, auf emgetraaene Genosse«schaffen und eingeschriebene Httsstassen. Die Zahl der Konten der unter Vormundschaft oder Pflegschait stehenden Personen betrug am 30. März 1V06 bei der 3 /«prozentigeu Buch- schuld 1409 unb bei der 3 vrozentfaen 265.
* Zum Boykott der katholische« Geschäftsleute schreibt die .Kreuzztg.': „Aus Gütersloh und aus Duisburg (und Gelnhausen) kommt die beschämende und erschreckende Nachricht von der Erklärung des konfessionellen Boykotts. Da solche Ausbrüche der Bolksleidenschaft schnell um sich zu greifen pflegen, halten wir es für die Pflicht der gesamte» nationale» Presse, mit alle « Nachdruck auf das Verwerfliche und 5Berberblid;e dieses Kampfmittels aufmerksam zu machen. Gütersloh soll die übe«viegend evangelische Bevölkerung der Stadt zuerst die katholischen Ge- »chäffsleute boy ottiert haben, worauf dann die kaiholrschen Kaufleute des Krerses den evangelischer? Fabrikanten Güterslohs ihre Kundschaft ans- gesagt hätten. In Duisburg soll nach der Meldung eines dortige« freifiuM ge« Blattes eine Beftammlung von Protestanten hinter neu schlossenen Türen den Boykott der kathotgcheu Gefchäftsinhaber, Rechtsanwälte, Setgte uiro beschlossen haben, der auf den ganzen Kreis ausgedehnt und später veröffentlicht werden rolle. Das ist der Anfang des Bürgerkrieges, des ReligionskriegeS, den eine alldeutsche Zeitung schon vor Jahr und Tag an bte Wauv gemalt hat. Wenn in Posen die deutsche »ntz die polnische Bevölkerung einander boykottiert, so ist daS schon sehr ^bäuerlich, greift aber nicht in das StaatSgauze über, da in den nicht-