Einzelbild herunterladen
 

34. Jahrgang.

Fulda, Dienstag den 26. Februar 1907

M 47.

Xe$ei6<*: Vie tfe spaltig« petitzeile ob** den« Raum 15 Pf-- Reflamtn »le Petit jcil« 25 Pf-.; bei Bieber Holungen wird tBtfci’., Rabatt gewährt.

Hatationsbru» u. Verlag der Znldaer Rc» tiendr rckerei in Hulda. Hernsprecher Rr 9.

undHeiertage. viertel' Wn-BesM«*'*** »hne vriugerlahu und Veitekgeld in Hulda und aurwörtr 1 Rtt. 50 psS-

verautwaatUVer

$d?rif Heiter: 3- Bauet;

roodienMiagt: „ZtluftnerteZonntagrzeitung"

gür -en Monat März nehmen alle Poflanstalten, Landbriesträger, ZeitungSträger und die Expedition(Harmonie) Bestellungen auf die ,Fuldaer Zeitung' zum Preise von 50 Pfennig (ohne Bestell­geld und Bringerlohn) fortwährend an.

** Der Beginn der Etatsberatnngen im Reichstage.

Die neue parteipolitische Konstellation deS Reichstags ließ schon von allem Anfang erwarten, daß die Etatsberatnngen diesmal interessant, aber auch sehr erregt werden würden. Das zeigte sich auch schon an der ersten Sitzung, welche am Montag die Beratungen einleitete. Der Sitzungs­saal zeigte eine so starke Besetzung, wie sie in früheren Sessionen zu den größten Seltenhenen gehörte. Als der verflossene Reichstag am 13. November sich wieder versammelt hatte, zeigte der Sitzungssaal in den Tagen der Kolonialdebatten ebenfalls eine sehr gute Besetzung. Allenthalben neigte man damals zu der Ansicht, daß die D'.äten diese Wirkung hervorgebracht hätten. Heute liegt die Sache etwas anders. Nicht die Diäten sind es, welche unsere Reichsboten auf allen Seiten des Hauses so zahlreich in den Wallot-Bau gelockt haben, vielmehr galt bei allen die spannende Lö­sung der Frage: was wird jetzt werden?

All die Abgeordneten und die durchaus zahl­reichen Besucher der Tribünen, welche alle Plätze besetzt hielten, haben schwerlich daran gedacht, daß der Montag ein Jubiläumstag des Reichs­tags ist. Am 24. Februar waren nämlich 40 Jahre verflossen, daß der Norddeutsche Reichstag im Jahre 1867 die konstituierende Sitzung abhielt. Heute aber war der Reichstag selbst durchaus nicht in einer Jubiläumsstiiumung, er ging vielmehr hochpolitischen Erörterungen entgegen. In dieser Erwartung sind auch die vielen Tribünenbesucher heute gekommen. Bei weitem konnten aber nicht alle Einlaß erhalten, das Haus war längst „aus­verkauft" Auch die Hofloge war sehr gut besetzt; zu den fürstlichen Besuchern des Reichstags ge­hörte auch der Großherzog von Mecklenburg- Schwerin, welcher mit seinen Adjutanten in der Hofloge der ganzen Sitzung anwohnte. lieber- Haupt erfreute sich der Reichstag seit den Kolo- nialdebatten im Dezember in Offizierskreisen einer großen Beliebtheit. Keine einzige Sitzung vergeht mehr, ohne daß in dieser ober jener Ab­teilung der Tribünen mehrere Offiziere den Be- ratungen folgen würden.

Anfänglich schien es, als ob ein „großer Tag" für den Beginn der Etatsberatungen nicht zu er­warten wäre. Zunächst zeigten die Bundesrats­tische eine bunte Besetzung, in der die Uniform in mannigfaltiger Abwechselung ebenso vorherrschte wre in bet Zeit, als im Dezember um die rüb- wcstafrikanischen Forderungen gestritten wurde. Daneben saßen zahlreiche Herren aus allen Reichs­ämtern. Graf Posadowsky war einer der ersten, welcher Platz nahm, während des ersten Teiles der Sitzung aber in Zeitungslektüre ver­tieft war. Kurze Zeit daraus erschien Kolonial­direktor D e r n b u r g, welcher heute, jedenfalls nicht unabsichtlich daS von ihm für die Kolonial­abteilung geschaffene Embleme, die Weiße W?ste, rrng. Dagegen blieb der Platz an der Spitze der Bundesratseftrade leer; der Reichskanzler war noch nicht erschienen und man glaubte schon mit einer trockenen Finanzrede, wie sie alljährlich vom Reichsschahsekretär zur Einleitung der Etatsberatung gehalten wird, vorlieb nehmen zu müssen.

Zur Einleitung der Sitzung konnte ber Pran- dent eine sehr erfreuliche Mitteilung machen. Sern Dorgänger, Graf B a l l e st r e m, hat nämlich dem Reichstage ein G e m ä I d e, daS er auf ferne Kosten von Professor Wilhelm Pape hat malen und im Präsidentenpalais anbrrngen lasten, dem Reichstage zum Geschenk gemacht Das B'Id stellt den Kaiser lebensgroß rn Kurasslerumsorm dar. In einem besonderen Schreiben teilte Gras Ballestrem dies dem Reichstage mrt, und unter lebhafter Beifallsbezeugung des Hauses konnte der Präsident feststellen, daß der Reichstag dem Gra­fen Ballestrem für diese hochherzige Spende feinen Dank ausspricht.

Die Einleitung der Debatten machte die übliche Rede des Reichsschatzsekretärs. Freiherr v. S te n- gel zag in gewohnter Weise das vorige, das lau­sende und das zukünftige Etatsjahr in den Be- reich seiner Rede. In Rücksicht auf die finanzielle Lage des Reichs, namentlich in Anbetracht ber Wirkung ber neuen Steuern, hatte man anfänglich mit einer groß angelegten Finanzrebe gerechnet. Diese Erwartung würbe enttäuscht. Stengel sprach kürzer, als man es sonst von ihm zu hören gewohnt ist. Als besonderes Faktum greifen wir aus seiner Rede nur das Eine heraus, baß die Re­gierung vor ber Hand nicht gewillt ist, neue Steuerprojekte einzubringen. Nur sind wir noch im Unklaren darüber, zu Westen Gunsten die Negierung diese Haltung eingenommen hat, nachdem doch im neuen Etat Ankündigungen über neue Forderungen auf dem Steuergebiete mit ein­geschaltet worden waren. Galt nun die Vorsicht der Regierung dein Geldbeutel der Steuerzahler ober ist sie nicht eher ber Ausbruck einer Ver­beugung vor dein nationalen Block? Nun, mag dem sein wie es wolle, die Finanzverhältnisse des Reiches sind derart, daß wir über kurz ober lang doch vor die Möglichkeit neuer ©teuer-

forberungen gestellt werben.

Vorsichtigerweise hat bas Finanzexposö des Herrn Freiherr von Stengel manches verschwie­gen, über das man gern näheres gehört hätte. Um so deutlicher war aber die Rede, mit welcher ber Zentrumsabgeordnete Dr. Spahn die eigentlichen Etatsdebatten äußerst wirkungsvoll einleitete. Aus seinen Worten, die so klar und entschieden klangen, konnte man ersehen, daß es heute doch noch ein „großer Tag" werden würde. Er erinnerte den Reichskanzler an gar manche Episode aus dem Wahlkampfe, die ihm zwar nicht erstmals, aber dafür für ihn und die Regierung um so unangenehmer vorgeholten wurden. Und als gar während #er Spahn'schen Rede eine Aktentasche an dem ersten Platze des Bunoes- ratstisches niebergelegt wurde und gleich darauf Fürst $ ülo to selbst im Saale erschien, wußte man, daß eine interessante Debatte heute Platz greifen würde, umsomehr, als kurz zuvor schon verlautete, daß der Reichskanzler erst in ber vier­ten Stunde erscheinen und auch das Wort ergrei­fen würde. Fürst Bülow grüßte, sich verbeu­gend, das Präsidium, drückte dem Grafen Posa- bowsky die Hand und machte sich an dem In­halte seiner Aktentasche zu schaffen. Lange konnte er jedoch bei dieser Arbeit nicht verbleiben, Dr. Spahn gab ihm in seiner Rede so vieles zu denken, daß er unausgesetzt zu Bleistift und Papier seine

Zuflucht nehmen mußte.

Dadurch wurde die Meinung bestärkt, daß Fürst Bülow die Debatte über den Etat mit einer prinzipiellen Darlegung seiner künftigen Politik einleiten wolle. Diese Erwartung trog aber abermals; zunächst kam noch der nationalliberale Abg. $ aff ermann zum Wort, dessen Ausführungen es aber bei wei­tem nicht fertig brachten, das Haus zu Asseln. Zwar gruppierte sich auch seine Partei um die Rednertribüne, nachdem er selbst schon während ber Rebe Dr. Spahns unausgesetzt sein Manu­skript gemustert und sich in Vorbereitung gehalten

Grüne Augen.

Roman von Dr. F. T. Eß.

5] (Nachdruck verboten.)

Neben der Schloßherrin Lehnstuhl steht ein niedriger Sessel, eine halbvollendete feine Sticke­rei liegt aus demselben. Auch ein Band von Shakespeares Werken liegt dabei.

An Stickerei und Lektüre denkt die junge Dame heute aber nicht. Sie geht im Park auf und ab, und jedesmal wenn sie an dem offenen Fenster der Bibliothek vorüberkommt, wirft sie einen Blick von zärtlicher Besorgtheit auf die Schloßherrin, zu deren Füßen sie sonst in der Bibliothek zu sitzen pflegt.

Der jungen Dame folgt zur Seite bei aufmerk­same Roy, ein kostbarer Bernhardiner, bet treue Wächter des Hauses.

Ellen ist nicht die Tochter des Hauses, sondern nur eine entfernte Verwandte. Die Schloßherrin nahm daS verwaiste Kind ins Schloß und über­trug all' ihre mütterliche Sorge auf die Waise, die ihre Güte reichlich vergalt.

Die Schloßherrin gewahrte Ellen nicht. Starr richteten sich ihre Blicke auf die allen Waffenstücke an bet Wand, ihre Gedanken weilten in der Ferne.

Die Ruhe dieses Landsitzes und das ungetrübte Fortleben von einem Tag zum anderen hatten wohltuend auf die Schloßherrin eingewirkt. Tttotz ihrer fünfundvierzig Jahre konnte sie noch für eine Frau in den besten Jahren gelten. Das volle blonde Haar wat in den zwei Zöpfen um den Kopf gewunden, gerade so wie vor fünfunb- zwanzig Jahren, und auch das geübteste Auge hätte keinen Silbetfaben eutbecken können. Nut das blaue Auge blickte müde und melancholisch in die Weite, ein geheimer Gram muß die Schloß- Herrin brücken.

Lady Stapleton wat eine stille Natur, die eher alles andere fertig brachte, als ankämpfen gegen Widerwärtigkeiten. Mit einer angeborenen Sanft­mut und Ergebung nahm sie das Widrige wie eine Gabe Gottes hin, und alle, die sie kannten, bewun­derten ihre Gemütsruhe, die durch nichts aus dem Gleichgewicht zu bringen war. Auch würde sich Lady Stapleton keiner Seele anvertraut ha­ben, selbst wenn die Wogen der Sorge noch so hoch gingen, außer ihrer Ellen.

In diesem Augenblicke dachte die Schloßherrin an ihre Nichte. Sie drehte sich unwillkürlich um, Ellen stand hinter ihr.

„Du siehst so sorgenvoll drein, Tantchen," ent­schuldigte sie ihr Kommen, „und deshalb brach ich meine Promenade ab."

Die Schloßherrin zog das junge Mädchen liebe­voll in ihre Arme. „Mein Töchterchen," flüsterte sie. „Wie undankbar bin ich gegen Dich! Für ast' Deine Liebe kann ich Dir nichts bieten, als dies einsame, monotone Leben im Schlöffe. Mein Gatte ist eine trockene Natur, Robert hängt mit Leib und Seele an Dingen, die ihn jahraus, jahr­ein von uns fern halten, und Jesko . . ."

Sie brach plötzlich ab und sah durch das Fen- ster, um ihre Erregung dem Mädchen zu ver­bergen. So entging es ihr auch, wie Ellens Ge­sichtchen bei Erwähnung Jeskos sich jäh gerötet hatte.

Nach einer Weile fuhr die Schloßherrin fort:

„Ich hatte soviel Hoffnung auf meinen blon­den Jüngsten gesetzt. Er hatte ein so weiches Ge­müt — die fleischgewordene Poesie in unserem sttllen Schlöffe. Ich wähnte, er würde das Echo meiner Gefühle werden, was mir bisher mangelte. O Ellen, ber Himmel wirb mich gewiß dafür stra­fen, daß ich Jesko mehr geliebt habe als Robert!"

Ellen schlang die Arme um die Tante und küßte sie zärtlich.

„Sei ohne Bangen," beuhigte sie, „Du liebst beide Söhne gleich innig. Jesko bedarf ber Zärt­lichkeit ber Mutter mehr als Robert!"

„Und doch ist Jesko nun schon uoer zwei Jahre fort von hier", fuhr die Schloßherrin fort, „und unsere Briese vermögen ihn nicht zur Heimkehr zu bewegen. Mein Gatte ist darüber erbost und will andere Saiten mit dem unfolgsamen Kinde aufziehen. Vor zwei Monaten ist Jesko nach Frankreich abgereift, hat aber bis jetzt noch keine Silbe von sich hören lassen. Die Söhne sind un­dankbare Geschöpfe! Sobald ihnen die Flügel gc- wachsen sind, fliegen sie aus dem heimatlichen Neste fort, unbekümmert um die Angst der sor­genden Mutter. . . Die Liebe ist eine Frucht, die nur unter Dornen reift und das Herz tief 6er- tounbet, in das das Schicksal sie hineingelegt hat. Liedes Töchterchen, auch Du wirst es erfahren, baß Liebesglück unb Liebesleid neben einander gedeihen — ist es ja doch des Weibes Bestimmung, zu leben und zu leiden!"

Ellens Augen füllten sich mit Tränen. Hatte sie vielleicht auch schon um ber Liebe willen gelit­ten? Trauerte sie um ben abwesenden Vetter, dem ihre Liebe galt, ober schmerzten sie die An­deutungen, die die Tante bann unb wann machte. Jesko durch Verheiratung mit einer liebenswür­digen, passenden Dame an das Vaterhaus zu fesseln. ,

Die Schloßherrin stand auf. „Komm, sagte sie, „wir wollen mit ben Ponnys zur Ruine fahren."

Der Schloßpark zog sich fast eine Stunde weit nach Norden hin. Einige zerfallene Türme schlos­sen de» Park ab. Die Vorfahren des Schloßherrn hatten einst dort gewohnt. Heute waren die Türme vollständig von grünem Epheu umsponnen unb auf der Hohe des einen reckte ein junger Eichbaum kräftig die Arme in, die Luft. Treppen führten im Innern zu beiden hinan, und von der Galerie hatte man eine lohnende Aussicht über das mit zahlreichen Dörfern besäte, wellenförmige Hügelland hin.

Am Eingänge in die Ruine stand eine Bank, aus knorrigen Eichenästen phantastisch zusammen-

Deutsches Reich.

Berlin, 25. Februar 1907.

* Ein Erfolg des Zentrums. Die frühere Arbeit des Zentrums wirkt noch nach. Durch eine Verfügung des Kriegs Ministerium s sind die Betriebe der Heeresoerwaltung, u. a. also die Proviantämter, die Armeekonservenfabrik, die Bekleidungsämter und die Garnison- unb Lazarettverwaliungen angewiesen, den bei ihnen dauernd beschäftigten Arbeiternkünstighin unter Fortzahlung des Lohnes alljährlich einen Er- holnngsurlaub zu bewilligen. Es war besonders der Abg. Gröber, der auf diesen Fortschritt seit Jahren hinarbeitete.

* Dem Abg. Gröber ist der Titel und Rang eines Landgerichtsdirektors verliehen wor­ben. Seine Mandate sind hiermit nicht erloschen. Diese seltsame „Beförderung" muß Aufiehen er­regen, weil man dem hochverdienten Juristen nicht die Stelle selbst verlieh, sondern nur „Titel und Rang". Aber die Verehrung des katholi- scheu Volkes ist dem „Uebergegangenen” um so sicherer.

* Sehr beachtenswert ist eine Auslastung der halboffiziösen ,Berl. Polit. Nacht/, die das Ver­halten des Flottenvereins bei den Wahlen ver­teidigen und dazu noch schreiben: „Wozu find diese ganzen großen Post-, Eisenbahn-, Krieger-, Kolonial-, Flottenvereine und wie sie sonst alle heißen, denn da, wenn sie in solchen Zeitkäufen, wo es sich um die heiligsten Güter ber Nation handelt, ihre Königstreue und ihre nationale Gesinnung nicht offen betätigen unb mit in den Wahlkampf, Mann für Mann, ein greifen dürfen? Am Kaisers Geburtslage in Extra-Uniform zu erscheinen und ein dreimaliges Hurra auszubringen, damit ist die nationale Pflicht doch noch nicht erfüllt. Es ist die allgemeine Furcht vor ben Großmäulern im Reichstage, vor ben Preßmeuten sozialdemokratischer und Moste'scher

hatte. Aber die Anziehungskraft, welche Dr. Spahn mit ber Entschrebenheit seiner Darlegun­gen wachrief, war Baffermanns Worten auch nicht im entferntesten befdjieben, obgleich er sich alle Mühe gab, aus allen möglichen Wahlkreisen Koh­len zusammenzutragen, bie über bem Haupt deS Zentrums anzusammeln er sich vergeblich bemühte. Der zweite Teil seiner Rebe galt ber Sozialdemo­kratie, verhallte aber ebenso wirkungslos, wenn wir von ben Beifallsbezeugungen feiner eigenen Getreuen absehen. __

Den Höhepunkt erreichte nun bte Sitzung mit ber Rede bes Fü r st e n B ü l ow. Sie sollte nach den eigenen Angaben des fürstlichen Redners derStellungdesReichskanzlerszum Zentrum gelten. Manches hat Fürst Bülow in dieser Hinsicht ja auch gesagt, vieles, ja gar vie- les ist aber wohlweislich verschwiegen worden. Nicht einmal auf all die Feststellungen in der Spanhschen Rede ist Fürst Bülow eingegangen. Dafür waren aber seine Darlegungen stellenweise um so ausführlicher, sodaß wir in Rücksicht i.uf bie vorgeschrittene Zeit heute nchit mehr näher da- rauf eingehen können Das Eine fei aber fest- gestellt, daß er, wie in seinem Sylvesterbriefe und wie in seinen sonstigen Verlautbarungen im Wahl­kampf auch jetzt noch nicht ein klar um- sch riebeneS Programm gegeben hat.

Alles in allem nahm also die Etatsberatung einen sehr bedeutungsvollen Anfang. Die weitere Debatte wi rdzur Klärung der Lage sehr viel bei­tragen. Als Zentrumsredner sind noch die Abgg. Grober und Dr. S ch ä b I e r in Aussicht ge­nommen.

Art, die diese Vereine abschreckt. Wir haben weder mit dem Flottenverein noch mit Herrn Ge­neral Keim seit Jahren irgend eine Verbindung, aber wir fühlen uns doch gedrungen, es einmal offen auszusprechen und gerade herauszusagen: Diese ganze Vereinsmeierei bei unS, die sich natio­nal, königStreu und wie sonst noch nennt, ist eine Farce, wenn sie in solchen Fällen versagt, weil eS statutenwidrig ist, sich mit Politik zu be­schäftigen." Eine solche „Enthüllung" ist sehr dankbar; wir ziehen auch daraus die Konsequen­zen, daß eS einem Katholiken nach diesen Sätzen gar nicht mehr möglich ist, in einem solchen Ver­eine zu bleiben. „National" sagt man, so sagte auch Reim, aber konfessionellen Hader streute man aus! Sollen die Katholiken sich in ihren eigenen Vereinen beschimpfen lassen'? Nein, nein!

.'. Stärke der Fraktionen. Der am 22. Februar abgeschloffene Fraktionsbericht ergibt folgendes Bild:______________________

Parteien

Mit­glieder

Hospi­tanten

Zusammen Abgeordnete

Konservative

56

5

61

Reichspartei

20

3

23

Resormpt. (Antis.)

6

—

6

Wirtsch. Vereinig.

19

—

19

Zentrum

104

1

105

Polen

20

—

20

Nationalliberalen

50

5

55

Freis. Vereinigung

10

4

14

Freis. Volkspariei

25

2

27

Deutsche Volksp.

7

—

7

Sozialdemokraten

43

—

43

Fraktionslos

16

——

16

Unter den „Wilden" befinden sich 5 Elsässer (Delsor, Preuß, Reklin, Wetterlä und Will« berget), 3 Lothringer (Gregoira, Sabroife und de Wendel), ferner ber Reichstagspräsident und Erbprinz von Hohenlohe. Naumann ist der Frei­sinnigen Vereinigung als Mitglied beigetreten.

* Austritte aus dem Flottenverein. Ans Betzdorf wird gemeldet, daß dort eine große Anzahl Katholiken mit Rücksicht aus die Agitation des deutschen Flottenvereins gegen die Zen­trumspartei anläßlich ber Neichstagswahlen ihren Austritt aus dem Flottenoerein erklärt haben. Um sicher zu gehen, wurde die Erklärung mittels Einschreibebriefs übersandt. — Der Zweigverein des Deutschen Flotten­vereins in Warendorf, ber dort vor eini­gen Wochen gegrfinbet worben war, hat sich in­folge ber Wahlagitationen des Flottenvereins mieber aufgelöst. — Ferner ist der Neiffer Kriegerverein, ber bisher in Stärke von 404 Mann bem Flottenv erein angebötte, laut der ,Neiffer Ztg/ zufolge Vorstanbsbe- schlusses vom 23. Februar wegen ber bekannten Agitation bes Flottenvereins ans biefem anS« geschieben.

f. Der Kaiser-Wilhelm-Kanal weift der Zahl ber ihn benutzenden Schiffe nach einen kleinen Rückgang im Verkehr im Januar d. I. auf; es benutzten ihn nämlich 1600 Schiffe gegen 1716 Schiffe im Januar 1906. Dagegen ist aber bie Benutzung des Kanals in Bezug ans den Raumgehalt nicht unwesentlich gestiegen. Im Januar 1907 betrug nämlich der Netto-Raum- gehalt 367,858 RegistertonS gegen 355,023 Re­gistertons im Januar 1906. Die Kanalabgaben belaufen sich im Januar 1907 auf 184,558 Mark.

gesetzt. Sie lehnte sich an eine alte Eiche an, die fast bis zur Spitze der Türme hinanteichte und m deren Stamm gar wunderliche Zeichen geschnit­ten waren: Herzen, umschließend zwei, Buchstaben, verschlungene Jnitialien u. a. m. Konnten diese Zeichen reden, sie würden uns sagen, daß schon so manchmal ein zärtliches Menschenpaar hier im Schatten des Riesen gesessen und Schwüre der Liebe unb Treue für Zeit und Ewigkeit gewechselt, während die Blätter der Eiche feierlich und ge­heimnisvoll dazu ihr Amen rauschten.

Diese Bank am Eingänge in die Ruine war seit Jahren der Lieblingsaufenthalt der Schloß- Herrin. Als Jesko noch ein Siebenkäsehoch war, hatte ihm Papa hier an den Aesten der Eiche eins Schaukel anbringen lassen. Als der Knabe gro­ßer geworden war, war es die Bank, wo er wäh­rend des Sommers mit seinen Büchern zusammen war, und gegen Abend holte ihn regelmäßig Mama mit der Kalesche ab. Auf ber Wiese zu Füßen ber Ruine hatte Jesko mit Ellen unb anbe­ten jüngeren Leuten aus der Nachbarschaft Ball geschlagen — und heute?

Die Schloßherrin fröstelte bei ihren Erinne­rungen an die Vergangenheit, auch Ellen war es heute sonderbar zu Mute.

Es rauschte im Innern ber Türme, eine Schar Nachtvogel, bie einzigen Insassen ber alten Burg, schwirrten schwerfällig in bie Höhe unb ließen sich im Geäste ber Eiche nicber.

Die Sonne sank wie ein Feuerball langsam am Horizont nieder. Die Luft wurde kühler unb bie Schloßherrin warf unwillkürlich ihre spitzen­besetzte Mantille über Kopf unb Schultern.

„Jetzt siehst Du wie unsere Ahnfrauen aus, bie im großen Salon so strengen Blickes bem Ein­tretenden entgegensehen", brach Ellen das Schwei­gen.

„Nun, Sie finden dielleicht Schloß Stapleton auch etwas langweilig, wie ich."

lFortsevung folgt.)