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Rotationsdruck 6. Verlag der Hnldaer Ac- üenbrtdetei in Hulda. Zernsprecher Hr 9.

M 45.

Fulda, Samstag den 23. Februar 1907.

34. Jahrgang.

Zweites Wt'crtt.

Unpolitische Zeitläuse.

(u) Berlin, 21. Februar 1907.

(Nachdruck verboten.)

Unsere liebe Mutter Sonne ist augenblicklich nicht bei guter Laune. Die Forscher haben kolos­sale Flecken in ihrem holden Antlitz wahrgenom­men, nicht die gewöhnlichen kleinen Schönheits­pflästerchen, sondern Schatten von einer Größe, daß sich ein paar Dutzend Erdkugeln darin ver­stecken können. Daraus ersieht inan, daß das Ge­müt der Mutter Sonne in ganz außerordentliche Unruhe verfallen ist. Man vermutet, daß mit der Abnahme und Zunahme der Sonnenflrcke das Wetter auf Erden zusammenhängt. So läßt sich auch die Erklärung für den diesjährigen grimmi­gen Winter („Ueberwinter" nach Nietzsche) von der Sonne herholen. Und besonders auch die Er­klärung für die Gewitter, mit denen der ge­genwärtige Winter ausgezeichnet ist. Gewitter im Sommer sind normale Erscheinungen; Ge­witter im Winter kommen uns überraschend und unheimlich vor. Aber man sieht, daß auch in der kalten Jahreszeit die elektrische Spannung in der Natur auf die kritische Hohe steigen und zum Konflikt führen kann.

Keine Jahreszeit ist vor einem Donnerwetter sicher. Im menschlichen Leben gibt cs bekanntlich auch Gewitter, und zwar recht häufig und dabei unter Umständen sehr kräftig, und grelle Blitz­lichter, tosenden Donner, strömenden Tränenre­gen, wenn nicht gar klatschenden Hagelschlag. Der Mensch hat die meisten Gewitterstürme in seiner Jugend durchzumachen. Wenn er in die „gesetz­ten" Jahre kommt, so nimmt man an, die Gewit­terperiode sei überwunden und abgeschlossen. Die Schonzeit bleibt aber manchmal sehr lange oder- gar vollständig aus. Gewitter im Winter. Ge­witter auch im Greiseualter.

Ruhig Blut! Kaltes Blut! Das wird uns immer angeraten und gewöhnlich auch verheißen, als ob cs mit den Jahren sicher käme. Dabei denkt man zunächst an die sogenannte Liebe und die sonstigen sinnlichen Leidenschaften, die den mei­sten Gewitterstoff zu liefern pflegen. Diese Triebe müssen freilich, wenn es mit rechten Dingen zu­geht, bei zunehmendem Alter nachlassen. Es heißt aber für alle Jahrgänge: Wachet und lctetl Denn die Erfahrung zeigt, daß auch ältere Jahr­gänge in närrischen oder gar häßlichen Trieben aufflammen können. Alter schützt vor Torheit nicht. Am wenigsten auf den Gebieten der Hof- sahrt, der Habsucht und des Eigensinns. Diese Leidenschaften wachsen sogar oft mit zunehmen­dem Alter sich immer ärger aus . Er oder sie ar­beiten sich immer tiefer in die Ueberzeugung ein, daß sie alles besser wissen und besser können, als die .junge Well", ja, daß sie eigentlich allein die Dinge recht verstehen und gut besorgen können, daß alle anderen, auch die ausgereiften Angehöri­gen, nach ihrer Pfeife tanzen müssen. Falls die Betreffenden nicht richtig tanzen, gibt es Aerger und Krach. Noch unangenehmer wird das Ver­hältnis, wenn zu der Herrschsucht und dem Eigen­sinn der älteren Jahrgänge sich noch übermäßige Geldgier oder gar schmutziger Geiz gesellen. In dem Herzen, wo solche Triebe hausen, herrscht im­mer „Gewitterneigung"; da gibt cs keinen Frie­den und kein Behagen, keinen gemütlichen Feier­abend des Erdendaseins. Da gibt es Kantpf und Streit und Verdruß und Aerger, — bis das un­ruhige Herz seinen letzten Schlag tut.

Das sind die Alten, die sich selber die Winter­gewitter besorgen, weil sie auch mit grauen Haaren noch nicht vernünftig werden wollen.

Grüne Augen.

Roman von Dr. F. X. Eß.

3J (Nachdruck verboten.)

Die Sängerin hatte sich in den „Künsiler- salon" zurückgezogen, der aber augenblicklich voll Menschen war. Die meisten derselben mochten wohl den Wunsch haben, die Sängerin näher kennen zu lernen.

Diese saß auf einem blauseidenen Divan dor einem runden Tischchen, das mit geschmack­voll gebundenen Büchern bedeckt war, und blät­terte in einem Album, ohne für ihre nächste Nachbarin besonders viel Aufmerksamkeit übrig zu haben.

Es war eine ältere Dame von etwa 45 Jah­ren. Sie trug ein für ihr Alter viel zu helles Kleid, das die Mode früherer Zeit verriet Die Dame war von kleiner Statur, aber trotz ihrer nichtssagenden Gesichtszüge lag etwas Harmoni­sches in ihrem Wesen, das sich mit der guten Stimmung, in der die Dame heute war, vorteil­haft abhob.

»Du hast gut gesungen!" begann sie von neuem und fächelte der Sängerin unablässig Kühlimg zu. „Siehst Du den Herrn dorr mir Dem Kneifer? Er läßt feinen Blick von Dir! Es ist der berühmte Liederkomponist Natser. Cr hat mich vorhin gefragt, ob Du Dich denn gar nicht entschließen könntest, in einer Oper im Stadttheater aufzutreten. Ich begreife Deine Abneigung wirklich nicht. Du würdest jedentalls Erfolg haben! . . . Denke Dir ,er hielt mich für Deine Mutter! Sehe ich wirklich so alt aus? Und Dein Talent könnte Dir vielleicht ein un­geahntes Glück bringen, wie es oft geschieht. Der

Denen gebührt kein Mitleid, sondern vielmehr ihren Kindern und sonstigen Angehörigen, die unter den Ausbrüchen der eingewurzelten Leiden­schaften zu leiden haben.

Nun kehren sich die Verhältnisse häufig um: die Alten möchten so gerne ihre Ruhe haben und sind auch ihrerseits schon zur Abklärung und Lei- denschastslosigkeit, zum Ausgleich der elekrischen Spannung in ihrem Kopf und Herzen gelangt. Aber trotzdem häuft sich über ihrem Hause Wolke auf Wolke, die Familie wird die Gewitter nicht los. Die Kinder kennen keine Rücksicht und keine Schonung. Sie bringen mit ihren grünen Trie- be und ihrem blindjungen Wagemut die Unruhe und die Sorgen, den Zank und Gram ins Haus. Vielleicht ohne rechtes Bewußtsein und böse Ab­sicht; aus der Unfähigkeit, sich in die körperliche und geistige Verfassung der Eltern hineinzuden­ken, und demgemäß den eigenen Trieben Maß und Richtung vorzuschreiben. Schon dieser Un­verstand kann schon viel Herzeleid anrichten. Aber nun erst die Bosheit! Gehört es nicht zu den bittersten aller irdischen Schmerzen, wenn ein ehrenfester Vater, eine edeldenkende Mutter das eigene Kind entarten und sinken, verkommen und verderben sieht? Wenn sie fortwährend ankäm­pfen müssen in der tiefsten Aufregung des Lei­bes und der Seele gegen die Torheiten und Lastw ihres Sprößlings, und zwar kämpfen ohne Aus­sicht, kämpfen ohne Erfolg, unter nutzloser Auf­reibung des eigenen Lebensglückes und der eige­nen Lebenskraft.

Erschütternd war die Nachricht, die kürzlich durch die Blätter lief, daß in Belgien ein Professor über das unverbesserliche Schandleben feines drei­ßigjährigen Sohnes und über den drohenden Ver­derb der ganzen Familie so in Verzweiflung ge­raten, daß er zum Revolver griff und feinen eige­nen Sohn erschoß. Eine grauenhafte Tat, so ein Sohnesmord, ver unter den christlichen Nationenüber- haupt nicht möglich fein sollte. Aber weil die Tat geradezu widernatürlich ist, kann man an ihr ab- meffen, welch ein ungeheurer Schmerz über den mißratenen Sprößling das Vaterherz gefoltert haben muß, bis der Wahnsinnsgedanke des Todes­urteils sich festsetzte.

Kinder können den Eltern niemals vergelten, was die väterliche und vor allem die mütterliche Liebe für sie getragen und getan hat. Aber wenn sie nicht richtig dankbar fein können, so sollten sie wenigstens nicht geradezu undankbar fein. Sie sollten wenigstens den Frieden des Lebensabends ihrer Eltern schonen. Wenn die Kraft und das Regiment an das jüngere Geschlecht übergeht, so kann man doch in steter Artigkeit und Freundlich­keit Rücksicht nehmen auf die Gefühle der Alten, sie höflich um Rat fragen und unvermeidliche Mei­nungsverschiedenheiten mit kluger Schonung zum Austrag bringen. Geradezu empörend ist es, wenn man sieht, wie die Kinder, die schon vorzeitig in den Besitz der Erbschaft geraten sind, die Eltern als lästige Schmarotzer behandeln, obschon sie doch diesen Eltern verdanken, was sie haben und was sie können. Das „Gnadenbrot", was die armen Eltern zu essen bekommen, wird oft zu einem Höl­lenbrot; das Treiben der rohen und geizigen Kinder zu einem langsamen Elternmord.

Es rächt sich alle Schuld auf Erden: solche schändliche, widernatürliche Freveltaten werden sich bitter rächen. Wo soll das Familienglück Her­kommen, wenn so der Friede aus dem Hülfe ge­jagt wird? Und wie soll derjenige, der selbst sei­nen Eltern das Leben verbittert, auf brave und liebevolle Kinder hoffen dürfen?

Ganz ohne Gewitter geht es nicht ab, weder im Herzen noch in den Häusern. Sorge wenigstens jeder, daß nachher immer wieder die Sonne scheint: die Sonne des Friedens und dec Gewis- sensruhe.

gute Wilhelm hat Dir auch gar nichts hinter­lassen, als Jammer und Gewissensbisse, und kein Mensch wird es Dir verdenken, wenn Tu Dich wieder verheiratest."

Schroff wandte sich jetzt die Sängerin der Redseligen zu. „Ich bitte Dich, höre auf! Wenn Jemand Dein Geschwätz horte, cr würde Dich für verrückt halten. Ich habe an Wichtigeres zu denken."

„Woran denn?" fragte kleinlaut die andere.

»An den Mantel, den Du Dir von den hun­dert Mark, die ich heute abend verdiene, karsten kannst. Für mein Kind wird wohl auch noch etwas abfallen, wenn wir die Hausmiete bezahlt haben."

„Vielleicht gibt Dir der Baron das doppelte, wenn er sieht, wie alles heute abend durch Dei­nen Gesang entzückt ist."

„Unpraktische Träumerin! Weißt Du denn nicht, daß ich eine Anfängerin bin und nicht ein­mal andeuten darf, wie nötig mir das Geld ist? Wer Almosen annimmt, darf sich in diesen Räu­men nicht sehen lassen. Ter Baron will mir nur den Weg ebnen, der mich zur Berühmtheit fuhren soll. Habe ich erst einen Namen, so er- singe ich mir an einem Abend wohl auch zehn­tausend Mark!"

„Zehntausend Mark?" wiederholte die alte Dame gedehnt. „So viel Geld verdiente ja Dein Vater, der berühmte Musikprofessor, kaum in einem ganzen Jahre! Und nachher, als er Theaterkapellen zu dirigieren anfing, da war es mit dem Verdienste gar nichts mehr, und . .

„Ich bitte Dich, höre nun endlich cuf!" unterbrach die Sängerin den Redestrom der Al­ten. „Der Ort für Tein Gefasel ist schlecht ge­wählt, und Du weißt, daß ich kein herbes Wort über meinen Vater hören will."

Deutsches Reich.

Berlin, 22. Februar 1907.

* Die Reichstagspräsidenten. Präsident Dr. jur. Udo Graf zuStolberg-Werni- gerade, Vertreter von Oletzko-Lyck-Johcmnes- burg, ist am 4. März 1840 zu Berlin geboren. Er war 1866 und 1870 Offizier und steht heute noch als Generalmajor ä la suite der Armee. Er war Landrat des schlesischen Kreises Landes- Hut und von 1891 bis 1895 Ober Präsident von Ostpreußen und erhielt seinen Abschied wegen seiner Haltung bei den Wahlen, insbesondere wegen seiner Zustimmung zum Antrag Kcmitz. Er ist Mitglied des Herrenhauses und gehört dem Reichstag, mit Unterbrechungen, seit 1877 an. Der erste Vizepräsident Dr. Hermann Paasche vertritt den Wahlkreis Kreuznach- Simmern. Geboren am 24. Februar 1851 in Burg bei Magdeburg, besuchte er das Gymna­sium in Burg und studierte in Halle. Zuerst praktischer Landwirt, studierte er später Land­wirtschaft und Staatswissenschaften. Nachdem cr 1875 promoviert hatte, habilitierte er sich 1877 als Privatdozent und wurde bereits im Herbst 1879 als ordentlicher Professor nach Rostock berufen, ging 1884 nach Marburg und 1897 nach Berlin. Mitglied des Abgeordneten­hauses ist er seit 1883 und zwar bis 1898 für Rinteln, seitdem für Jerichow. Im Reichstag vertrat cr 1881 bis 1884 Rostock, 1893 bis 1898 Meiningen I, seit 1898 Kreuznach-Sim­mern. In der vergangenen Legislaturperiode war er zweiter Vizepräsident. Der zweite Vize­präsident Stadtältester, Nettester der Kaufmann­schaft, Johannes Kaempf vertritt den Wahl­kreis Berlin I, den einzigen, der noch nicht in den Händen der Sozialdemokratie ist. Geboren am 18 Februar 1842 in Neu-Rnppin, wid­mete er nach beendeter Gymnasialzcit sich dem Vanksach; von 1871 bis 1899 war cr Mitglied des Direktoriums der Darmstädter Bank, 1890 bis 1899 Stadtrat, später Stadtältester und Stadtverordneter. Seit 1902 ist er Präsident der Nettesten der Kaufmannschaft. Er gehört erst feit 1903 dem Reichstage an. — lieber die Befähigung der beiden erstgenannten Herren zur Führung des Präsidiums haben selbst ihre Freunde nicht die besten Ansichten. So schreibt am Vorabende der Wahl die „Berliner Morgen­post: „Was die persönliche Seite der Angelegen­heit betrifft, so wird der Reichstag bezüglich der ersten beiden Herren keine sehr glückliche Wahl treffen. Graf Stolberg ist der anerkannt ungeschickteste und Dr. Paaschc der anerkannt unbeliebteste aller Präsidenten seit langer Zeit. Mit dem Abg. Kämpf als Präsidenten dürste der Reichstag hingegen einen sehr guten Griff tun." Wenn tatsächlich der Präsident den Rekord der Ungeschicktheit und der erste Vize­präsident den Rekord der Unbeliebtheit erreicht, so kann man sich ja’ auf recht muntere Reichstagsfitzungcn gefaßt machen.

* Polnische Schulzustände. Eine grelle Be­leuchtung der in der Provinz Posen herrschenden Schulzustände liefert eine Gerichtsverhandlung, die vor einigen Tagen in Lissa stattfand. Der „Köln. Volksztg." wird darüber geschrieben: An­geklagt war der Wirt Adam Pernak wegen einer in Dubin gehaltenen Rede, in der er die Orts­lehrer beleidigt und Staatseinrichtungen durch lügnerische Behauptungen heruntergesetzt l-aben soll. Er soll u. a. gesagt haben: „Heute herrscht an Stelle der früheren Liebe der Stock in der

„O, so habe ich es ja nicht gemeint!" bat die Alte ab. „Ich habe ihn auch gerne gehabt, so wie Euch alle."

Die weitere Unterhaltung wurde abgeschnit- ten. Der Klavierkünstler, der die Sängerin zu dem ersten Liede begleitet hatte, trat auf sie zu und meldete, die Reihe fei an ihr.

Als sie wieder am Klaviere stand, bemerkte sie zufällig den Engländer. Er lehnte an der Wand ,fo daß tue Sängerin ihn mit Muße be­trachten konnte, und mit den Künstlern eigenem Instinkt fand die Sängerin sofort heraus, daß er ein Musikenthusiast fei. Derselbe Instinkt läßt aber oft auch den Künstler mit dem, der ihn versteht, sympathisieren, und so war es ge­wiß nicht Absicht, wenn die Sängerin während des Liedes öfter ihren Blick auf das jugendliche Gesicht dort an der Wand hiiiüberschweisen ließ. Jesko aber wurde diese Blicke gewahr; er hatte das Gefühl, als ob die Sängerin nur für ihn allein finge. . .

Als das Lied zu Ende und der jubelnde Bei­fall verrauscht war, suchte Jesko den Baron auf. Dieser willfahrte seiner Bitte, ihn der Sängerin vorzustellen, gerne, und sie fanden die Gesuchte im „blauen" Salon, so eine Art Künstler­boudoir.

Als Jesko der Sängerin vorgestellt worden war, empfahl sich der Baron. Philomene Mühl­acker erhob den Blick zu dem Engländer — cs lag so etwas von Dankbarkeit und andererseits )och wieder von geistiger Ueberlegenheit in die­sem Blicke. Es konnte der Sängerin nicht ent­gangen fein, wie bewegt, wie ehrfurchtsvoll und aufrichtig begeistert der junge Mann vor ihr stand, und sie war es ihm schuldig, ihn seine Gefühle aussprechen zu lassen.

Schule l Auch bei uns in Gründorf find solche Sachen vorgekommen, und als wir uns darüber beklagt haben, da hat man uns geantwortet, daß darin nichts Strafbares zu erblicken fei. Für das Blutighauen unserer Kinder gibt es keine Strafe. Unsere Kinder stehen eben unter dem Niveau des Viehes." Diese Aeußerungen betrafen den Lehrer Hofmann und die Lehrerin Frl. Winkelmann. Bei­der Zeugenvernehmung bekundeten der Regie­rungsrat Dr. Zahlfcld und der Hauptlehret Schmidt bezüglich des ersteren und Schulrat Wen­zel (Rawitsch) bezüglich der letzteren, daß sie die­selben wegen Uebcrtretung des Züchtigungsrechts öfters tadeln mußten. Der Angeklagte behauptele: Hofmann habe nicht nur aus nichtigen Gründen die Kinder unbarmherzig gezüchtigt, sondern habe auch, mit einem Stock von Bank zu Bank sprin­gend, dieselben über Kopf und Gesicht geschlagen; die Lehrerin Winkelmann habe durch ihre über­mäßige Züchtigung ein Blasenleiden bei seiner eigenen Tochter verursacht. Eine Reihe von Zeu­gen bekundete, daß der Lehrer die Kinder mit dem Stock über Gesicht und Kopf geschlagen oder sie auf Harle Gegenstände, wie Bänke, Tafel ufro., gestoßen habe. Eine Bäuerin bezeugte, daß ihr Kind weinend mit blutigen, breiten Striemen nach Hanse gekommen sei und gesagt habe: Mutter, schlag mich lieber tot, als daß ich noch einmal in die Schule gehe. Der Staatsanwalt beantragte IGO M bezw. 20 Tage Gefängnis. Tcr G e- richtshofsprachjedochdenAngeklag- t e n frei, da man ihm nach der Beweisführung feine Ausdrucksweife nicht übel nehmen könne und tatsächlich die vorn Schulvorstande eingereichte Beschwerde vorn Staatsanwalt zuriickgewicsen worden sei. Der Prozeß, der großes Aufsehen er­regte, hat wieder den Beweis geliefert, zu welch unseligen Folgen eine Politik führt, die eine Volksschule ohne Volkssprache haben will. Als festgestcllt wurde, daß in einer Schule der Pfarrei, zu der Gründorf gehört, der Religionsunterricht selbst auf der untersten Stufe in der deutschen Sprache erteilt wird, obgleich kein einziges deut­sches Kind derselben angehört, hielten di? Richter eine solche Verfügung nicht für möglich. Und als ein Beisitzer darauf hinwies, daß anstelle des ausgehobenen polnischen Sprachunterrichtes der sog. Anschauungsunterricht getreten fei, meinte der Vorsitzende: Ich möchte wissen, wie ich z. B. mit Hülfe dieser Methode Polnisch lernen wurde! Bekanntlich sind polnische Lehrer in deutsche Ge­genden versetzt worden; in den Lehrerseminaren Posens wird Unterricht im Polnischen nicht mehr erteilt, und dcutsche^chrer, die fein Wort Polnisch verstehen, „unterrichten" polnische Kinder, die vorn Deutschen keine Ahnung haben.

* Das Kolonial-Geschäft. Herr Schowal- t e r, zur Zeit protestantischer Pfarrer in Jetten­bach in der Pfalz, ein guter Kenner der süd - w est afr ika n 11 chen Verhältnisse, be­ginnt im Reich eine Artikelserie über Südwest­afrika zu veröffentlichen. Er stellt eine Reihe von Forderungen des Tages auf, von denen die erste dahin geht ,daß das Deutsche Reich noch min­destens 100 Millionen für füdwestafrikamsche Bahnen bewilligen müsse, um die Bahn Liideritz- bucht—Keetmaiishoop auch durch eine Längsholm mit Windhuk und Warmbad zu verbindm. Er wünscht allerdings, daß diese hundert Millionen durch Ersparnisse auf der anderen Seite einiger­maßen ausgeglichen werden möchten. So führt er aus, daß es ein Unrecht fei, daß heute noch sämtliche Truppen Kriegszulagen bezögen, da sich doch schon seit länger als einem Jahr nur noch ein verhältnismäßig kleiner Teil auf dem Kriegsschauplätze befinde. Ein Leutnant bekomme zurzeit 550 Mark im Monat, freie Wohnung und im Felde freie Verpflegung, sodaß er in der Sage fei, erhebliche Ersparnisse zu machen. Auch die Zivilbeamten, die sich auf das militärische Vorbild beriefen, müßten mit

»Sie finden es vielleicht kindisch", sagte er, »wenn ich eine Bitte an Sie habe. Sie sind die einzige Dame im Hause, die feinen Blumen­schmuck trägt.. . Darf ich Ihnen diese Kamelie überreichen? ...£), weisen Sie dieselbe nicht zurück! Könnte sie sprechen, sie sagte Ihnen, wie mich Ihr Lied in tiefster Seele getroffen hat. Als ich vorhin von meiner Heimat träumte, Pflückte ich diese Blume."

„Die Sängerin wies die kleine Gabe nicht zurück. Lächelnd befestigte sie die kleine Blume an ihrem Busen.

„Würde es sich nicht schicken, daß Tu mit den jungen Mann vorstelltest," flüsterte ihr Kunigunde — die Alte von vorhin — in diesem Augenblicke zu. „Der Baron hat es merkwür­digerweise unterlassen."

„Kunigunde Klette, Herr Stapleton!" stellte die Sängerin kurz vor und loanbic sich dann an den Engländer mit der Frage: „Sprechen Sie vielleicht lieber englisch?"

Jesko fühlt sein Herz schneller schlagen, als die Laute der geliebten Muttersprache an fein Ohr drangen. O, er hatte diese Laute lange nicht mehr so süß aussprechen hören. Nur seine Mutter vermochte so zu sprechen; aber stand denn diese vor ihm?

Er überflog mit seinem Auge die Gestali der Sprechenden. Es war nicht seine Mutter, es war die Sängerin.

„Sic sind in England gewesen?" fragte er in Englisch.

„Ich habe fast ganz Europa bereift", gab die Sängerin zurück. „Geboren wurde ich in Deutschland wie auch mein Vater. Meine Mut­ter war eine Französin, und wir haben an die fünfzehn Jahre in Frankreich gelebt" (F. f.)