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Zuldaer W Zeitung

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Rotationsdruck u. Verlag der Sulbaer Av tienbriderei in 8nlda. zen-.fprecher Hr 9.

M 45.

Fulda, Samstag den 23. Februar 1907.

34. Jahrgang.

Dvittes HUcrit.

[1 3ob II.

I. v. St. Jörg.

Machdmck verboten.)

Einen kleinen Sarg unter dem Arm schritt ein fast riesenhafter Mann langsam dem sandi­gen Hügel zu, über den sich der stille Dorsfried­hof breitete. Die mageren Wachholberbüsche knackten ordentlich in der Kälte und die Sonne schaute so fremd und eisig über das starre Win­terbild, den kleinen Sarg und den großen Mann, über dessen langes schweres Gesicht mit den har­ten Backenknochen ganz langsam Träne um Träne herabschoß.

Job H wußte es gar nicht, daß er weinte. Er war ja so viel Elend gewöhnt — und weinen durfte der mächtig gebaute Mann doch über­haupt nicht. Aber er mußte eben weinen, denn — er trug sein letztes zu Grabe, einen kleinen verkrüppelten Jungen, den er so sehr lieb gehab t hatte. Job wollte gerade einen Blick nach einem entfernten Grab lverfen und — der Blick war nicht gut -— — da kam der Herr Pastor.

„Mein lieber Job! Es tut mir gewiß leid, daß ich Sie einige Zeit habe warten lassen müs­sen, aber — Sie wissen ja — gar so schnell kann ich mit meinen siebenzig Jahren auch nich fort in der hl. Messe." Dann sah sich der alte Herr um: „Niemand sonst da?"

Job zuckte wehmütig die linke Achsel; „Hoch­würden, ich bin ein armer, heruntergekommener Mann."

„Ach was! Mein lieber Job!! Gelviß. ge­wiß! Es ist Ihnen schlecht gegangen. Aber — ■— na, na! Die Leute nennen Sie spottweise Job II. Das ist natürlich sehr bös und nnchrist- lich, aber — aber — ein wenig recht hat der Volksmund doch, d. h. Sie haben ein Dulder­leben wie Job I im Alten Testament hinter sich und vielleicht ist es mit dem Leiden und Dulden noch nicht zu Ende, aber — aber — der Job 1! wurde doch wieder glücklich, denn — er verzagte nicht an Gott!"

„Gewiß, Hochwürden, aber —"

„Nichts aber", gar nichts „aber"! Ich wollen wir Ihr kleines Dulderkind der Mutter­erde dem Leibe nach und der Seele nach dem Herrgott über geben."

Das kleine stille Begräbnis war vorüber. Der große, schwere, knochige Mann wollte die Schaufel einsetzen, um die gefrorenen Sandschol­len auf den kleinen weißen Sarg zu werfen. Ta bröckelt nur eine ganz kleine Scholle hinab und dröhnt polternd auf dem kleinen, lchten Schlaf­gehäuse.

„Nein, nein!" stöhnt der Mann. Und dann scharrt er mit Schippe und Händen den feinsten, ungefrorenen Saud heraus und streut ihn so lange in das kleine Grab, bis die Sand- klumpcn folgen konnten, ohne dem Särglein wehe zu tun.

Der hochwürdige Herr hat alles gesehen und klopft Job leis auf die Schulter: „Job! Job! Wer so viel Herz hat, der hat auch soviel, um mit mir an's Grab dort drüben zu gehen und ein kleines Gebetlein zu sprechen!"

Da fährt der Starkknochige fast wild auf. Der Pastor aber zeigt mild auf das kleine Grab i'nd dann bittend auf das große. Und Job gehorcht; er betet mit dem alten Pastor. Tann gingen sie heim. Der Pastor links von der ur­alten Kirche mit dem Doppeldach, der große Mann rechts nach seinem kleinen Häuschen.

„Feurio! Feurio!"

Und gleich darauf gellte die Sturmglocke und die Leute liefen zu Job's Häuschen, das in hel- i... Flammen stand.

Tiere, Kinder und breite Volksmassen ken­nen kein Mitleid. Job II war immer der Ver­spottete gewesen und nun — lachte man, daß man ihm „auch noch das bischen Bude" ab- brannte. Nur der Herr Pastor brachte durch sein Erscheinen etwas Ruhe in die dörflichen Frech- und Herzlosigkeiten. Als aber die „Bude" völlig niedergebrannt war und Job das Aner­bieten, im Seitenhaus der Pfarrei Unterkunft zu nehmen, nicht angenommen hatte, verlief sich der Schwarm. In den nächsten Schnapsschenken wurde noch viel gelacht über den dummen Job II.

* * ♦

Die Abendglocke läutete wie jeden Abend und hatte den immer gleichen Klang. Die Stim­mung im Dorf war verschieden. Job^H saß draußen und schaute von dem kleinen Sandhü- gel seines letzten und — so elenden Kindes fern, fern in d?n Westen. Da draußen, ganz da draußen — schrecklich weit über dem großen Meer sollte sein Bruder leben. Aber der war ein wilder Mensch gewesen; klein, scharfäugig und rücksichtslos wie ein junger Graf. Tas fcarf man in Westfalen nicht fein, wenigstens durfte man es damals nicht sein. Sollte Job da hinüber? L ..! Es sah sich schon so weit aus in die Ferne, wenn man die ganz kleine Höhe hinter dem Dorf hinauf schritt. Wie unendlich weit konnte man sehen und dann — war alles blau, saust blau verschwommen. Aber, was in

dem Blau steckte — ja, Job fürchtete sich einfach. Und nun sah er doch in die sehnsüchtig blauende Ferne hinaus.

Da rauscht ein Wachholderbusch; da drüben rauscht er, auf einsamem Grab. Und füll wird Job.

Da liegt feine Frau, die er mit seinem ganz treuen, ehrlichen Herzen geliebt und die ihn so — furchtbar gequält. Nun ruht sie. Und der Herr Pastor hat ja heute morgen noch mit ihm gebetet an dem Grab.

Gewiß! Er trägt nichts mehr nach! Aber das Leben an der Seite eines Weibes, das man einst geliebt und die trotzdem so war--das

war das Los des Job. Und da fing es an, daß man ihn Job II nannte — so spöttisch, so ftech, so höhnisch.

„Er war ja von Hatrs ans ein armer Teu­fel", sagte Hochwürden im kleinen dörflichen Kegelklub, „aber entschieden ein guter Kerl".

„Na ja", lacht der Amtmann ,„Job der Zweite! Ich glaube wahrhaftig, daß ein Mensch so viel Pech gar nicht auf einmal in so kurzer Zeit haben kann: Ein böses Weib, fanatisch bös, Alkoholfteundin usw. usw.; bann kränkliche Kinder, eins stirbt nach dem andern und schließ­lich muß er sein letztes, seinen armen, kleinen, guten und geistig so begabten Krüppel, nur eine „Handvoll Mensch", auch begraben und mor-

„Na, morgen wird dem Dummsack auch noch die letzte Ziege abgepfändet, denn an dem Aschenhäufchen von Haus findet niemand mehr seine Zinsen — freilich--an der Ziege curch

nicht", lachte der dicke Schenkwirt, der dem „ar­men Teufel" weiter unten in der Straße gegen­über wohnte.

Der „arme Teufel" war in anderer Stim­mung. Er war in den Ziegenstall gekrochen; das einzig bischen „Wohnung", was Job II verblieben war. Das kleine, magere Hündchen hatte schnell und kurz und freudig aufgebellt und sich bann rechts gelegt unb die Schnautz in seines Herrn Achselhöhle gestopft. Da war er doch etwas warm. Die Ziege aber hatte erst stark gemäckert.

Da überkam es ihren Herrn: Wenn ich dir den Hals abschneide unb ein Keulchen am ver­glimmenden Feuer meines elenden „Nestes" brate, habe ich doch — etwas noch. Mer die Ziege sagte so erbärmlich: „Mä-ü-ä-ä". Unb ba konnte er es nicht übers Herz bringen, dem Tierchen, bas sein letztes Kinb genährt, den Hals abzilschneiben. Er tat bas nicht, dafür drückte er sein hungerndes Hündchen an sich und suchte im Dunkeln die schmackhaftesten Brocken aus dem Heu heraus für die Ziege.

Die Reihe der Tage ist schwer, wenn der nächste noch ungewisser als der böse gewesen. Daran dachte auch Job II, der Geplagte, und drückte sein klägliches Hündchen links und die dünne Ziege rechts an sich unb wollte eben ein­schlafen, als ber Herr Pastor leis an bie Bretter­bude klopfte unb sagte: „Job! Vertrau Gott unb anftänbigen Menschen! Morgen bin ich bei Zeiten hier!"

Ehe Job sich von seinem Lager heraushas­peln konnte, war ber Herr Pfarrer längst bie Straße herab.

Weshalb hieß er Job II?

„Mein Gott! Das war unb ist eine Elends­geschichte. Und wenn Elendsgeschichten auf dem Dorfe geschehen, bann fallen sie sehr grobfdirötig unb hartherzig aus; das ist nun einmal so Brauch — trotz aller städtischen Schriftsteller, bie bas Landleben angeblich viel besser ver- tehen", sagte der Herr Pastor, als er zu seiner Schwester nach Haus kam. „Sorg zu, daß mor­gen das kleine Zimmerchen im Seitengebäude im Stand ist. Ein paar Wochen müssen wir )en armen Kerl schon nehmen. Na! Und für ein Hündchen und seine Ziege fällt schon noch einiges ab. Gute Nacht, Elisabeth."

Elisabeth war nicht ganz einverstanden, aber sie wußte, daß bet „hochwürdige Herr Bru­der" sehr „bestimmte" Launen hatte. Und überdies--ber arme Job II — ach! um

des armen, guten Kerls willen konnte man chon ein Auge zubrücken. Im Pfarrhause wa­ren bie Schicksale Jobs ja hinlänglich bekannt unb ganz gut wußte man, warum er den Spott­namen Job II trug: ber Volksmund wollte auf >as stete Mißgeschick des Mannes Hinweisen. Inb in der Tat ! Er war ein Pechvogel unb Un­glücksmensch seit Menschengedenken. Sein Vater war ein wohlhabenber Bauer gewesen, aber ein chlechter Wirtschafter. Als er bas Zeitliche seg­nete, hinterließ er seinem Sohn nichts, rein gär nichts. Job war ein halber Riese von-Gestalt, als er den verkauften Hof verlasien mußte, trotz­dem war der unverständige unb tyrannische Vor­mund nicht davon abzubringen, daß Job Schnei­der zu werden hatte. Und so ward er Schneider unb hatte Hohn unb Spott bie Fülle obendrein. Gelernt hat er bei dem alten gehässigen Torf- chneiber soviel wie nichts unb so blieb ihm bie Wanberschaft unb bie Welt von vornherein ver- chlossen. Nicht einmal beim Militär wollten ie ihn haben: mangelhafte Nahrung und das Sitzen auf dem Schneibertisch hatte ihn slach- räftig gemacht. Nun blieb er Flickschneider im Dorf und bie Zielscheibe bes Spottes. Daß Job

schwere Fäuste hatte, den Spott energisch von sich zu weisen, daran dachte er in feiner Gut­mütigkeit gar nicht; bie Leute nannten es aber boshafterweise Dummheit unb Jobs klägliche Rolle würbe nur noch unerträglicher. Da machte sich eine junge Witwe, bie ein Häuschen, etwas Garten, ein Schwein unb eine Ziege hatte, an ihn heran; sie hatte aber auch einen bösen Nus wegen ihrer frechen Zunge, ihrer lockeren Hand und noch mehr wegen ihres bösen Lebenswan- bels. Job ließ sich betören, er hatte sich ja ver­liebt. Der Hochzeitsabend brachte ihm eine Katzenmusik durch bie Dorfjugend, ber nächste Morgen giftige Worte seines Weibes, baß „er an allem schuld" sei, ber folgende Tag Schläge mit dem nächsten besten Knüppel an den Kopf unb dicke Beulen. So ging es fort. Das schlimmste war, daß bas Weib von ihrem bösen Leben nur wenig abließ unb Job nicht bebauert, sondern verachtet unb verhöhnt wurde. Alle seine Geduld konnte ihn im allgemeinen Urteil nicht rehabili­tieren. So ging das Elend weiter. Die weni­gen Kinder starben wie gesagt, schnell weg, nur ein ganz verkrüppelter, zwerghafter Knabe blieb am Leben. Die Frau starb dann auch, zwar mit Hohn unb Frechheit auf ben Lippen gegen Job, aber sie war boch wenigstens tot. Während der Krankheit seiner Frau hatte Job des Arztes und des Apothekers halber Schulden, machen müssen. Auf sein altes Häuschen hatte ihm kein Mensch geborgt, das Gärtchen wurde mit Hypotheken überlastet; das Haus war abgebrannt, bie Ziege holte morgen sicher der Exekutor, eo blieb Job nur das erbärmliche Hündchen und für beide ein leerer Magen. Nur eine Hoffnung blieb, daß ber Herr Pfarrer helfen wollte, ob er auch dauernd konnte? Wer in abgelegenen Dörfern einmal verfehmt ist, kommt kaum wie­der zu Ehren und Achtung, er bleibt ausgeschlos­sen von Liebe unb Mitleid, ba kann selbst das sonst so gewichtige Wort des Pastors in der Re­gel nicht viel ausrichten.

Job hatte im Ziegenstall an dies unb an­deres gedacht, an all' sein Elend unb Leib. Da tut sich leis bie Brettertür auf unb eine rauhe, feste Stimme flüsterte durch bas Dunkel: „Job, ich biete Dir zum letzten Mal an, in meine Dienste zu treten. Deine verrückte Meinung, daß Schmuggel Unrecht sei, ist eben verrückt. Deine dumme Ehrlichkeit ist Hanswursterei. Komm zu mir unb Du verdienst ein Heidengeld. Sag' ja, ober ich laß Dir morgen bie Ziege weg- nehmen unb nach acht Tagen ben Garten und den Baugrund!"

„Ich komme nicht!" war Jobs bestimmte Antwort. Er wollte nicht teilhaben an dem nächtlichen Schmuggel, ben ber Gastwirt des Dorfes, sein Gläubiger, in aller Heimlichkeit be­treiben ließ.

Am anbern Morgen war ber Exekutor früh­zeitig da. Er bedauerte Job, nahm aber die einzige Ziege mit. Als der Herr Pastor kam, war nichts mehr gegen bas Geschehene zu ma­chen. Job zog in bas kleine Stübchen auf dem Pfarrhose unb stattete seinen Dank burch aller­lei Arbeit ab. Aber Ruhe fanb ber Anne nicht. Plötzlich schwirrten allerlei Gerüchte durch das Dorf, Job habe selbst sein Hänschen angezündet. Wer das böse Gerede erfunden, wußte niemand, aber jeder glaubte es; auch Schmuggler sollte Job heimlich gewesen sein und zwar einer der­jenigen, bie vor etwa einem Jahre zwei Zoll­wächter erschossen hatten.

Andere Leute wußten noch mehr. So geht es ja: wenn einmal ein Klatsch im Gange ist, meinen eine ganze Menge, sie seien nicht ganz glücklich, wenn sie nicht auch etwas beifügen könnten.

Job wurde eines Tages gefesselt vorn Pfarr­hofe abgeführt. Nun war seine Schuld mtür- lich „bewiesen"; selbst der Pfarrer begann zn zweifeln. Nach einigen Wochen kam Job wie­der. Man hatte ihm nicht das Geringste Nach­weisen können. Doch das nützte ihm im Dorfe rein gar nichts; er war — gerichtet. Und als der Pfarrer ihn wieder zu sich nehmen wollte, da protestierte die ganze Gemeinde in so heftiger Weise, daß er des lieben Friedens halber nach­geben mußte.

Eben steckte er Job am Hoftor noch ein großes Butterbrod imb einige Groschen in bie Tasche unb riet ihm, in ber Ferne sein Brot zu suchen, aber nie an Gott zu verzweifeln, ba rief der Briefträger von weitem: „Halt, Job! Halt! Hier ist etwas für Euch."

Es war ein großes Schreiben eines in der Gegend überall bekannten Rechtsanwaltes. Der Herr Pfarrer drehte es hin unb her unb reichte es Job: „Wolle Gott, Job, baß ber Brief eine Wendung zum bessern bringt. Gelitten habt Ihr gleich dem alten Job in ber Bibel. Aber Gott latte eublich doch Erbarmen mit jenem; viel­eicht ist auch für Euch bie Dulderzeit zu Ende!"

Der Brief erhielt bie kurze Mitteilung, daß Jobs einziger Bruder, der vor Jahren ins Aus­land gegangen und ohne Erben gestorben sei, ihm, Job, sein Vermögen hinterlassen habe, das, nach gehöriger Legitimation Jobs, Von diesem jederzeit am Bankhause M. in N. zu ergeben fei.

„Nun, gar zu viel hast Du nicht geerbt", lachte ber alte Pastor freundlich, „denn 30 OOQ Mark sind noch lange keine Million, aber für

unser kleines, weltfremdes Dorf ist es boch ein so großes Vermögen, baß es Dir alle verlorene Achtung halb wieder verschaffen wird. Nicht bloß die Kinder Israels liebten einst ben Tanz um das goldene Kalb, auch unsere Bauern unb Häusler unb Arbeiter haben heimliche Verehr­ung für gleißendes Gold. Doch komm jetzt wie­der herein. Morgen fahren wir nach Der Stadt und sehen zu, wie wir Dein Geld anlegen."

Des Briefträgers Meldung, daß Job gute und sichere 80 000 Mark geerbt habe, rief eine fast wilde Erregung im Dorfe hervor. Und am Abend bereits — versicherte jeder auf das Hei­ligste, er habe fein Wort von all' dem Klatsch über Job geglaubt. Daß so ziemlich jeder eifrig mit geklatscht hatte, verschwieg jeder weislich.

Mit Job ging es schnell aufwärts. Tas vä­terliche Gut wurde zurückgekauft, eine verstän­dige unb brave Fran stellte sich ein, unb einige gesunde unb gutgeartete Kinder folgten nach. Auf Jobs Hof gab es zwar feine Ueppigkeit, noch weniger faule Stunden, dafür auch keine Sorgen unb glücklichen Frieden.

Job war Respektsperson im Ort und ber Umgegend geworden. Kein Mensch wagte mehr, eine II hinter Jobs Namen zu setzen. Nur der eisgrau gewordene Pfarrer lachte zuweilen hei­ter: „Job! Als ein wirklicher Job hast du geduldet, als einen wirklichen Job hat dich Gott wieder gesegnet; für mich warst und bist und bleibst du — I o b II.

* Untergang des Personendampsers „Berlin“

Der Untergang der „B e r l i n" macht einen umso furchtbareren Eindruck, als die Harwich- boote, die seit Jahrzehnten kein Unglück traf, als unbedingt seetüchtig galten.

Als die „Berlin" um bie gewöhnliche Zeit gegen halb 6 Uhr früh vor Hoek anfam, wurde sieqnervordenNorbhafenpierge- w o r f e n. Sie barst entzwei. Man sah, wie bie Schiffbrüchigen Rettungsgürtel an leg­ten. Sofort fuhr bas Rettungsboot mit 8 Mann ab, hatte aber bei der hohen See das Unglück, den Anker zu verlieren unb mußte um kehr en. In diesen langen Momenten wusch eine Sturzwelle 50 Passa­giere vom Deck der „Berlin". Wäre das Rettungsboot in diesem kritischen Moment da gewesen, so hätte noch mancher von den auf der See Treibenden gerettet werden können. Mehrere weitere Versuche des Rettungsbootes, an das Wrack heranzukommen, m i ß g l ü ck- t c n. Schon vormittags spülten v i e r S ch i ff- brühige an, nur ein er fi lieb am Sc> Ben. Es ist ein irischer Kapitän, der nach Amsterdam gehen wollte, um ein Boot der Lil Company abzuholen. Man hat ihm vorläu­fig ein Bett auf dem Billard eines Kaffeehauses eingerichtet. Von 30 weiteren Leichen, Die anspülten, waren bie meisten v e r st ü mmel t. Alle waren mehr ober weniger verletzt. Einer Frau fehlte ber Arm. — Das Schiff b a r st gerade oberhalb des Maschinenraumes hinter ben beiden Schornsteinen. Noch gegen 1 UhrsahmanzuTobegehetzte Ken« scheu auf bem Achterlei! in Bewe­gung unb trotzdem das Wrack kaum 2000 Me­ter von der Küste entfernt war, scheiterten bie Versuche, an die Unglücklichen heranzukommen.

Antwerpener Blätter befürchten, daß unter ben ertrunkenen Mitgliedern ber beutschen Operngesellschaft sich auch ber Sänger Ernest van Dyck befinde. Die englische Post scheint verloren, doch trieben zwei Säcke an, bie für die englischen Gesandten in Kopenhagen unb Berlin bestimmte Stücke enthielten. Ant­werpener Diamantenhänbler erzählen, daß wahrscheinlich enorme Werte an Dia­manten mit bem Schiff verloren g e- gangen sind.

Der gerettete Kapitän Parkeson er» zählte, daß er bei Kapitän Precious auf der Brücke der „Berlin" stand, als das Schiff durch die stürmische See gepackt und auf das Norder­pier geworfen wurde. Sogleich brach bie Vor- derhälfte des Schiffes auseinander und bie Wo­gen brau gen ein. Kapitän Parkeson ergriff ein Seil und konnte sich baran festhalten, bis er ausgenommen würbe. Bis jetzt ist er ber ein­zige, ber gerettet wurde. Die Leichen sind meist greulich verletzt, weil sie durch bas wüste Wasffr gegen die Steinmauer des Piers geschlagen wurden. Das Wartezimmer des Bahnhofs Hoek van Holland ist für die Aufnahme ber Leichen hergerichtet. Eine militärische Wachabteilung ist voin Fort bei Hoek angekommen. Auf bem Hinterschiff, das noch auf bem Pier sestsitzt, sind vielleicht noch Menschen, aber es ist unmöglich, sich bem Schiff zu nähern; mehrere Versuche von Rettungsbooten waren vergeblich. Mit dem Fernstecher ist von: Pier aus nicht zu sehen, ob noch femanb auf bem Schiff ist. Von ber deut­schen Operngesellschaft ist kein einziger gerettet, ausgenommen Franz Demmiuger, der zu spät an der Liverpool-Station ankam und die Steife über Antwerpen machte. (Nach Londoner Nach­richten ist bekanntlich eine große Anzahl von Mitgliedern ber Gesellschaft wegen bes stürmt-