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•M 39.

Fulda, Samstag den 16. Februar 1907.

34. Jahrgang.

Zweites WLatt.

Wechen-Rundschau.

x Fulda, 16. Februar 1907.

Die Enthüllungen über den Flotten- verein kamen gewissen Herren sehr ungelegen. Durch die Veröffentlichung der im Wahlkamps zwischen dem Generalmajor Keim, der Wilhelm- straße und anderen dem Flottenverein zugetanen Herren geführten Korrespondenz wurde die Re­gierung arg blosgestellt. Zwar hat das Organ des Reichskanzlers einen Rechtfertigungsversuch unternommen, ohne daß es ihm aber gelungen wäre, der ganzen Angelegenheit zu Gunsten der offiziösen Wahlmache eine bessere Wendung zu geben. Im Gegenteil, es steht fest, daß der Reichskanzler die Tätigkeit Keims und des von ihm mißbrauchten „unpolitischen" Flottenvereins durch Geldzuwendungen, durch Gewährung von Beamtenhilfe und Lurch persönliche Teilnahme unterstützte. Fürst Bülow kann also die Verant­wortlichkeit für dieses Treiben nicht von sich ab­schütteln. Besonders interessant ist aber die Po­litik, die der Flottenverein im Wahlkampf gc- lricben hat. Im blinden Hasse gegen das Zen- trum umschmeichelte man die Sozialdemokratie zum Zwecke eines Bündnisses mit ihr gegen das Zentrum. Generalmajor Keim erklärte aber auch unumwunden, daß dem. Flottenverein nicht ein­mal die Flottenfreundlichkeit der Nationallibe­ralen genügt, ein Beweis mehr für die uferlosen Pläne dieser Herren. Selbstverständlich geht dieses Treiben auch dem „nationalen" Freisinn über die Hutschnur und er ruft dem Reichskanz­ler zu, möglichst weit von Keim und Konsorten abzurücken. Wir befürchten nur, daß ihm das nicht so leicht gelingen dürfte. Im übrigen rich­tet sich der Steiger der schwer bloßgesteklten Herren gegen den „Bayerischen Kurier", welcher die sen­sationelle Korrespondenz veröffentlichte. Da der Inhalt echt ist und nicht abgeleugnet werden kann, wirft man dem genannten Blatt Diebstahl vor und ruft die Staatsanwaltschaft zu Hilfe. Der „Bayer. Kur." stellt aber fest, daß er das ganze Material völlig einwandfrei erworben hat. Die Beweise dafür will er vor Gericht erbringen. In der ganzen Affäre ist also das letzte Wort noch nicht gesprochen. Warum greift aber die Staatsanwaltschaft nicht gegen den „unpolitischen" Flottenverein ein, welcher durchaus gesetzwidrig eine so verwerfliche Politik treibt?

Der Reichstag tritt am 19. Februar wie­der zusammen. Die Eröffnung erfolgt durch den Kaiser selbst. Unausgesetzt beschäftigt sich die „nationale" Presie mit dem Präsidium. Man gefällt sich in allerlei Rechenkunststückchen, um zit beweisen, daß das Zentrum keinen Anspruch auf das Präsidium erheben dürfe. Bei all diesen Be­trachtungen ist aber die eine Frage gänzlich außer Acht gelassen, ob das Zentrum überhaupt auf die erste Stelle reflektiert. Infolgedessen erachten wir die vielen Erörterungen überhaupt noch für gegenstandslos.

Im preußischen Abgeordneten- haus kam die Interpellation über den Brems­erlaß des Kultusminister zur Besprechung. Be­kanntlich ist Herr von Studt bei den Liberalen aller Schattierungen im höchsten Maße verhaßt. Schon im Wahlkampf hat der „entschiedene" Li­beralismus als eine der ersten Konzessionen vom Reichskanzler die Beseitigung des Kultusministers zur Einleitung der liberalen Aera erbeten. Da es bis jetzt nichts nutzte, bot die Interpellation Anlaß zu einem Sturmlauf gegen Herrn von Studt. Erreicht staben die liberalen Herren aber

nichts, der Kultusminister konnte vielmehr die baldige Vorlegung eines Gesetzentwurfes über die Lehrergehälter ankündigen. Im übrigen ist die­ser Vorgang nicht ohne Bedeutung für dre kom­mende Zeit im Reichstag, wo ja die konservativ- liberale Mehrheit „regieren" will.

In Frankreich hat der Frnanznnntster der Kammer die Steuerreform unterbreitet. Jenseits der Vogesen hat man stets große Neigung für die indirekten Steuern gehabt. Diese sind sehr üppig entwickelt und müssen die schwerste Fiuanzlast tragen helfen. An Reformentwürfen hat es zwar nie gefehlt, aber da jeder Finanzmimster immer andere Anschauungen hatte wie sein Vorgänger, und da in den Parlamenten gleichfalls durchaus verschiedene Strömungen sich geltend machten, so ist bis heute alles beim Allen geblieben. Nun­mehr scheint aber der jetzige Finanzminister Cail- loux entschlossen zu sein, das gegenwärtige Steuer­system abzuschaffen und, dem ausländischen Bei­spiele folgend, zur Personaleinkommensteuer über­zugehen. Einstweilen ist es aber in Rücksicht auf die Größe der geplanten Reformen noch nicht mög­lich, sofort ein klares Bild zu gewinnen. Es steht auch noch dahin, ob der neue Entwurf eine Praxis erleben wird. Denn es gibt viele Poli­tiker in Frankreich, die auf diesem Gebiet über­haupt keine Neuerung wollen und die auf _bie heutigen Steuern mit einem Ertrag von 700 Millionen stolz sind.

In E n g l an d ist das Parlament wieder zu­sammengetreten. Die neu begonnene Session wird unzweifelhaft von dem Kampfe gegen das Oberhaus vollkommen beherrscht fein. Beseitig­ung dieser Kammer oder doch radikale Verände­rung ihrer Zusammensetzung und ihrer Befug- niste sind Forderungen, die von der großen Mehr­heit der jetzt regierenden Partei schon lange er­hoben werden. Der Konflikt der beiden Häuser um das Schulgesetz, der mit dem Scheitern, der Vorlage vor wenigen Wochen nur einen vorläufi­gen Abschluß fand, hat die Frage brennend wer­den lasten, und jetzt wird von der Regierung mit allem Eifer für den bevorstehenden Kampf mobil gemacht. Auch die Thronrede, mit welcher das Parlament eröffnet wurde, nahm darauf Bezug. Zwar wird eine Lösung dieser Frage in Aussicht gestellt, aber die Thronrede selbst drückt sich sehr zurülDfttend aus. Anderseits ist es sehr er­freulich, daß manche Gesetzesvorlagen angekün­digt wurden, welche den Irländern eine größere Bewegungsfreiheit bringen sollen. Alles in allem wird also die neue Session sich voraussichtlich sehr lebhaft gestalten.

InRußland sind die Urwahlen zur Reichs­duma immer noch nicht beendigt. Sie sind jetzt in ihr zweites Stadium getreten, aber erst wenn das dritte vollendet ist, wird sich der Ausgang übersehen lasten. Mit jedem Dag neuer Wahlen wächst aber die Gewißheit, daß die zweite Duma eine oppositionelle Mehrheit haben wird. Es steht also noch nicht fest, in welcher Weise die neue Duma positive Arbeit leisten wird.

Unpolitische Zeitläuse.

(::) Berlin, 14. Februar 1907.

(Nachdruck verboten.)

Vor der Stirne bleibt das Aschenkreuz nicht lange haften; aber hinter der Stirn, drinnen im Gehirn, da mutz der Staubgedanke sich häuslich niederlassen.

Ich saß einmal in der Eisenbahn einer red­seligen Dame gegenüber, die ihrer Nachbarin er­zählte, datz sie eine Anhängerin der Feuerbestat­tung sei und bereits bei dem Vereine „Flamme" die nötigen Einzahlungen gemacht habe, damit auch ihr Leichnam dereinst zu sauberer Asche ver­

bräunt werde. Man sollte denketr, solche Schwär­mer für Leichenverbrennung müßten gerade von der Aschermittwoch-Stimmung beseelt sein. Aber keineswegs. Die Dame, die von ihrer eigenen künftigen Aschenurne redete, hatte den zur Ver­aschung bestimmten Körper krampfhaft herausge­putzt mit modischem Zeug, mit Ringen und Kett­chen, mit Puder und Schminke. Und doch war sie über die Blütezeit des menschlichen Lebens schon ein tüchtiges Stück hinaus. Ich hatte den Verdacht: aus der Aschenliebhaberei dieser Frau guckt auch nur die Eitelkeit heraus. Sich ver­brennen lasten, ist kostspielig; man kann damst protzen und zugleich sich als eine moderne, fort- schriftliche Natur aufspielen. In der Kindersprache würde es so lauten: „Etsch, wenn ich mal tot bin, dann schieben sie mich in einen Backofen, wie alle die feinsten Leute, und du wirst eingebubdelt, wie die gewöhnlichen Menschen!"

Zu den sonderbaren Kostgängern unseres Herr­gottes gehört ein älterer Bekannter, der mit be­sonderer Vorliebe und mit großem Nachdruck von der Vergänglichkeit aller irdischen Kraft und Herr­lichkeit, von der Kürze des Lebens und der Nähe des Todes sprach, mit ernster Nutzanwendung auf seine vorgeschrittenen Jahre. Dieses salbungs­volle Wesen kam uns bald etwas verdächtig vor, und nach etlichem Probieren lösten wir das Rätsel folgendermaßen: Der gute Mann hatte eine große Angst vor Krankheit und Tod; er brachte häufig das Gespräch auf seine angebliche Hin­fälligkeit, damit die Zuhörer Einspruch erheben und ihm sagen sollten: „Aber, Herr Rat, Sie sehen ja viel jünger aus, als Sie sind, und bei Ihrer körperlichen und geistigen Frische werden Sie getoiß noch manchen von uns Jüngeren über­leben 2’c." Wenn eine solche Antwort auf fern Klagelied erfolgte, so leuchteten feine Augen und hob sich feine Brust; man hörte ordentlich sein Herz fchnahen bei diesem schmeichlerischen Lecker­bissen.

Es ist nicht alles Demut, was sich mit Asche bestreut. Ich habe einen sehr scharfsinnigen und gelehrten Freund gehabt, der tief innerlich über­zeugt war von der Richtigkeü des Reichtums, der SöRinheit, der körperlichen Kraft und Herrlich­keit; er hatte fortwährend das Aschenkreuz vor Augen, womit Liefe vergänglichen Dinge gezeich­net sind. Aber Labei hatte er ein sehr starkes Selbstbewußtsein in einem Punkte, Len er für aschenfrei hielt; auf seine Bildung, sein Misten und seine Denkfähigkeit war er stolz Er rechnete offenbar die hochentwickelte Geistesschärfe und Ge­dächtniskraft nicht zu den Dingen, die in Staub und Asche sich auflösen, sondern stellte sich in eine Reihe mit den Werken, die uns in das Jenseits nachfolgen sollen. Er hate ja auch insofern recht, als die Geistesbildung nicht der Verwesung an­heimfällt; aber er irrt sich sehr, wenn er hofft, mit seiner Bildung im Himmel noch Staat ma­chen zu können. Alles irdische Misten ist Stück­werk, ist armseliges Kinderspiel. Wenn der Seele, die bisher an die körperlichen Augen gebunden war, im Jenseits die eigenen Augen aufgetan werden, so wird sie klar erkennen, was der alte Sokrates schon bei Lebzeiten vorgeahnt hat: daß das sog. Wissen auf Erden nur Unwissenheit ist. Daß auch Aristoteles und Leibniz, welche die ganze Wissenschaft ihrer Zeit beherrschten, nach dem himmlischen Maßstab nur ganz unerheblich unterscheiden von den Abc-Schützen der Dorf­schule.

O Eftelkeit der Eitelkeiten; alles ist eitel. Gibt es denn etwas, worauf man stotz fein, wo­mit mau sich brüsten, worauf man pochen darf? Vielleicht die guten Werke, die wir so gern als unsere Verdienste ausgeben? Sem, auch die nicht. Denn erstens hat die Gnade Gottes den Antrieb und das Vollbringen gegeben; zweitens sind die

Leistungen in der Regel gar nicht so großartig, als wie sie uns durch die Brille her Selbstgefäl­ligkeit erscheinen, und driftens haben wir gar keine Gewähr, daß wir bei der Stange bleiben und nicht etwa durch grobe Fehler und Sünden den ganzen Schatz wieder vergeuden und Vernich- tut. Wer das richtig erwägt und zur ehrlichen Selbsterkenntnis strebt, der wird es immer mit den Zöllnern halten. Der selbstgerechte Phari­säer gehört zu der widerlichsten Sorte von Protzen; der bekommt es fertig, auch am Ascher­mittwoch noch zu beten: Gott, ich danke Dir, daß Du mir mehr Verständnis für das Aschenkreuz und mehr heiligende Wirkung verleihst, als den anderen gewöhnlichen Leuten i

Gottlose Leute haben s. Z. (in der großen französischen Revolution) den Wahlspruch aufg k- bracht: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit l Se6;tt der Guillotine war das der grimmigste Hohn, dtz tÄllste Heuchelei. Aber richtig verstanden ist es eine echt christliche Parole, die mir gerade in die Zeit des Aschenkreuzes zu passen scheint.

Auch das erste Wort von der „Fteihei t"? Wer Freiheit mit Ausgelassenheit verwechselt, denkt vielleicht, die Freiheit habe im Karneital geblüht und mit dem Aschermittwoch sei ihr Ende erreicht. Aber was ist die Vergnügungsjagd anders als eine Fronarbeit im Dienste unserer Triebe und Leidenschaften? Wir sorgen »ich mühen uns ab, um der Habsucht zu genügen, dis sinnliche Begehrlichkeit zu stillen, den Ehrgeiz su befriedigen, und wir werden nie satt und zufrie­den. Aber wenn wir erkennen, daß Besitz, Genuß, Ehre und der sterbliche Mensch selber nur Staub ist und zu Staub werden soll, dann lernen wir das Vergängliche verachten und von der Herr­schaft der weltlichen Triebe uns befreien. Die Erhabenheit über die vergänglichen Dinge und deren Lockungen gibt uns die wahre Freiheit und den inneren Frieden. Wer die Welt für Asche hält, dem kann die Welt nichts anhaben.

In der Asche find wir alle gleich. Wenn in den Bäumen ein Menschengehirn stäke, so würde gewiß die Eiche sich für eine Fürstin halten gegenüber dem Erlengebüsch, und die Zeder vom Libanon würde ihr Holz für blaublütig erklären gegenüber dem plebejischen Fichtenholz. Aber steckt sie in Bunter Reihe ins Feuer: Asche gibts hier und Asche gibts La, Asche von gleichartiger Wertlosigkeit. Steckt einen aufgeklärten Professor und einen einfältigen Tagelöhner zusammen in den Verbrennungsofen: die beiden Afchenhaufen werden verzweifelt gleich sein, die Rang- und Standesunterschiede, womit wir auf Erden das Kastenwesen begründen, beruhen auf vergäng­lichen, verweslichen Dingen. Auch die Särge sind noch verschieden; aber ihr Inhalt hat schon bald nach dem Tode eine fatale Gleichartigkeit, und toenn das Grab eine Reihe von Jahren geschlossen gewesen ist, dann ist auch der prächtigste Sarg des Millionärs dem Nasenquetscher des Armen­häuslers gleich geworden.

Wenn Las Aschenkreuz un§ Gleichheit lehrt, so predigt eS auch Brüderlichkeit. Wir sind allzumal sterbliche Menschen, zu dem gleichen Schicksal Les Ringens und Leidens, der Erkrank­ung und Ermattung, des Welkens und Absterbens verurteilt. In diesem schmerzhaften Prozeß der Schlackenabstoßung, der Auflösung unseres sterb­lichen Teiles und seines Zubehörs, sollten wir uns gegenseitig liebevoll unterstützen; denn unser Beruf und Ziel ist ja das brüderliche Zusammen­leben der unsterblichen Teile im gemeinsamen Vaterhause Les Jenseits. Alles vergeht, sogar Glaube und Hoffnung, wie Paulus sagt, La sie in Schauen und Besitz übergehen; nur die Lie b e bleibt ewig ohne Umgestaltung; die Liebe erhält kein Aschenzeichen des Todes, sondern sie steht unter dem goldenen Osterkreuze des Triumphes.

WaHeL.

Eine Erzählung aus aller Zeit. Von A. M. Witt«

9] (Nachdruck verboten.)

Das laute Sprechen hatte einige Vorüber- gehende auf die Gruppe aufmerksam gemacht; sie sahen, wie Rahel, der es unmöglich erschien, den geplanten Umweg auszuführen, da sie sonst die Stunde der Verabredung versäumen würde, plötzlich umkehrte und mit eiligem Schritt den Rückweg antrat.

„Das Täubchen will wohl entfliehen, ehe es der kurfürstliche Adler verfolgt," ertönte plötzlich eine rauhe Stimme neben ihr, und eine alte In- din blieb drohend vor dem jungen Mädchen stehen Rahel erkannte sie als die Mutter eines jung-n Mannes, dessen Bewerbungen sie und der Vater kein Gehör geschenkt hatten.

Rahels Angst stieg von Minute zu Minute. Sie sah ihren Vater, Leah und sich selbst durch diese Verzögerungen der Verfolgung und Martern preisgegeben, und lief halb besinnungslos die Straße hinunter, nicht Les furchtbaren Sturmes achtend, der ihr Weiterkommen erschwete und ihre Brustschmerzen bis zur Unerträglichkeit stei­gerte.

„Haltet sie aufl" tönte der Ruf der alten Jüdin hinter ihr. Ein sritsames Gefühl drohte Rahel zu übermannen; ihre Füße wollten fast den Dienst versagen, und doch raffte sie alle Lebens­geister zusammen und bemühte sich weiter zu kom­men, in der Sorge, ihren Vater noch auf dem verabredeten Platze zu finden. Als sie zum zwei- tenmale bie Jüdenstraße kreuzte, kam zum Glück Ruben dcS Weges, von seiner ärztlichen Tätigkeit; ihm gelang es, die alle Jüdin zu beschwichtigen, weil er in so großem Ansehen bei feinen Glau­bensgenossen stand und die Achtung aller genoß. Er gab Rahel den Arm, datz sie sich auf derselben stütze, scheu blickte sie ihn von der Seite an und

sagte mit leise zitternder Stimme: Du bist so gut, Ruben, und ich habe es so wenig um Dich verdient."

Er war einen Schein bleicher; gern hätte er ihr ein Wort von Liebe gesagt, aber er bezwang sich. Seine Hand nur krampfte sich zusammen, und ein trüber Schein umflorte seine Augen. Sie seufzte tief und bang, ihr Körper hing schwer an seinem Arm. „Wird Dir das Gehen nicht leicht?" fragte er, „wir sind bald am Ziele."

Sie nickte ihm schweigend zu, — sie dankte es ihm, daß er nichts weiter gefragt, als sie ihm ge­sagt, daß sie nach dem Georgentor wolle; sie faßte nur von Zeit zu Zeit nach dem Herzen, — ein trockener Husten quälte sie.

Bald hinter dem Tore sand sie den Vater und Leah schon in Sorge um sie; sie beschlossen, so rüstig wie möglich vorwärts zu schreiten, aber Rahel konnte nicht weiter und blieb im Schnee am Rande eines Grabens liegen.

Wieder bewährte sich Ruben als helfender Frennd. Es gelang ihm, einen Wagen aufzutreibeu und Rahel, vor deren Augen es Nacht geworden, auf demselben zu betten, nachdem sie in einem Bauern­höfe ihre Kleidung mit der einer märkischen Bäue­rin vertauscht hatte. Dann begannen wilde Fi», berschauer sie zu schütteln, alles Blut drängte sich nach ihrem Herzen, und sie verlor das Be­wußtsein.

Als der Kaplan das Schloß verlassen hatte, um sich durch den Park nach seinem Hause zu be­geben, folgte ihm Eberhard. Jetzt wäre eS feinet nicht würdig gewesen, noch länger zu schweigen. Er gestand dem Priester seine Liebe zu der schönen Jüdin, und datz er schon seit langer Zeit den Wunsch gehegt, sie den traurigen Verhältnissen zu entreißen. Nur die Scheu, seiner Mutter wehe zu tun, habe ihn bis heute davon zurückgehalten. „Jetzt aber", sprach er in fliegender Hast, .wo ich von dem linglücf höre, das sie bedroht, wo ich mich verpflichtet fühle, das Weib meiner Lüche

zu schützen, jetzt bitte ich Euch, helft mir, ratet mir. — Wäre sie im Glück gewesen, hätte ich doch vielleicht versucht, aus Liebe zu den Ttadittonen unseres Hauses, mein Herz zu bekämpfen; doch nun angesichts des Schrecklichen, das sie vielleicht bedroht, will ich offen für meine Liebe einstehen", rief er.

Kopfschüttelnd hatte der Kaplan die Rede ver­nommen, das laug zurückgedrängte Gefühl des Jünglings hatte sich Bahn gebrochen. Er erkannte, welche Wurzeln die Liebe in Eberhards Herzen geschlagen, er sah auch die Verwicklungen, welche daraus entstehen mußten. „Wie aber helfen?" sagte er schließlich. „Ihr selbst kennt die Gefin- nungen Joachims am besten. Die Untersuchung wird ihren Gang gehen, und fast fürchte ich, daß sein Zorn auch die als Mitschuldige treffen wird, welche den Geächteten dann Schutz gewähren. Recht und Gerechtigkeit soll walten! Wie unzöh- ligemale spricht der Kurfürst dieses Wort auS, aber eben dieser starre Gerechtigkeitssinn läßt ihn oft über das Ziel hinausgehen und Unschuldige leiden. Hättet Ihr früher gesprochen, Eberhard! Vielleicht wäret Ihr ausersehen, dem Himmel eine Seele zurückzugeben. Wie oft verwandelt die Siebe daS menschliche Herz und macht es dem Edelsten zugänglich. Gott, der die Lieb« in der Jungfrau Seele pflanzte, wollte vielleicht durch dieses Gefühl die Irrende auf den rechten Pfad zurückfuhren. Aber jetzt? Unter den ob­waltenden Verhältnissen könnt Ihr es kaum Eurer Mutter sagen, Ihr würdet ihr zu wehe tun! — Und doch habe ich auch nicht den Mut, Euch von dem zurückhatten, was Euch das Recht« erscheint. Harret der Rückkehr nach Berlin! Dort vielleiM könnt Ihr dem Mädchen Schutz und Hilfe werden in der schweren Zeit, die jetzt für alle Juden kommen wird."

Eberhard hatte die Rede des Kaplans nicht unterbrochen. Stumm hatte er in die violett- schimmernden Abendwolken gesehen, auf die Strahlen der «ntergcheudeu Sonne, welche durch die geborstenen Mafien des Wollengebirges fie­len, und seine Aufregung, während iener sprach.

nur mühsam zn bemeistern vermocht. Da wurde plötzlich beider Aufmerksamkeit durch lautes Spre­chen erregt, welches vom Eingang des Parkes her an ihr Ohr drang. Sie schritten schneller der Stelle zu, von der die Stimmen kamen. Auf der Landstraße hielt ein offener, einfacher Bauern­wagen, auf toeldjem, auf einigen Bündeln Stroh gebettet, ein weibliches Wesen in der Tracht einer märkischen Bäuerin lag, wahrend mehrere Ge­stalten um sie beschäftigt waren. Ein jüngerer Mann und der Haushofmeister Frau von Ra­chows kamen auf Eberhard und den Priester zu. „Gelobt sei Jesus Christus!" begrüßte letzterer den jungen Mann, trat aber zurück, als derselbe den Gruß nicht erwiderte. Erregt nahm der Haus­hofmeister daS Wort: „Herr, dort liegt eine schwer- kranke Jungfrau, aber es sind Juden. Wir kön­nen sie doch hier nicht aufnehmen. Heißt sie, sich entfernen."

„Unmöglich ist es, mit der Kranken weiter zu fahren," rief flehenden Tones der junge Wann, „sie sind auf der Flucht nach der sächsischen Grenze, wo ihnen Freunde leben, die sie sicher aufnehmen werden, aber wir können mit der Kranken nicht bis dorthin kommen." — Eberhard näherte sich mit dem Kaplan dem Wagen; letzterer satzte den Juden scharf inS Auge und sagte plötzlich: „Kein Irrtum ist es, Ihr seid der Arzt, welcher vor Jahren auch in unserem Dorfe fo viele von Krank­heit rettete, für Euch werde ich doppelt gern ent« Fürbitte einlegen." „Nicht bedarf eS ihrer", — Eberhards Stimme hatte einen unendlich milden Klang — „in Unglücklichen sieht die Mutter stets den Nächsten, und meine Hilfe ist Euch gewiß." Inzwischen waren sie bis zu dem Sagen herange- treten. „Borneck, Ihr, und — Rahel?" Sie ein Traumgckilde seiner Phantasie erschien eS Eber­hard; auch Borneck hatte ihn erkannt. „Herr, helft," rief er, „einst bedurft Ihr meiner, jetzt be­darf ich Eurer, ach, helft, helft meiner Tochter. Der Gott der Bätet soll Such segnen dafür, wie er soll vertilgen alle Christen, die uns verhöhnen und verfolgen."

lFortlekuna Mat.)