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verantwortlilher Schriftleiter:Z. Baum; für »le Anzeigen: Z. Parjeler m $utoa

ZMaerW Zeitung

Wochenbeilage:„)lluftrierte§onntag5zertung^ Monatrbeilage: „Fuldaer GeschichtrdMer"

An;elge»: Die tte- fpattigr petttzeUe ober deren Raum 15 psg Eeflameu sie petttzeut 28 psg.; bei Kleber» Holungen wird enlfpr. Hoheit gewShrt.

«otetionsbrnck n. Verlag bet Zulbaer 2k» tieubr rckerei in Hulda. Herrsprecher Ur 9.

34. Jahrgang.

Fulda, Freitag den 15. Februar 1907.

M 38.

[] vie Veamtenbesoldungen im Abgeordnetenhaus.

Von liberaler Seite ist im preußischen Abgr- ordnetenhause der Antrag gestellt worden, eine besondere Kommission für Vorschläge zur Regelung der Dienstbezüge der Staatsange- stellten einzusetzen. Das Haus ist aber diesem An- trage keineswegs beigetreten; es ist eben der An­sicht, daß die Budgetkommrsston dre Sustandlge Stelle ist, welche Liese Materie zu prüfen hat. Daniit wurde aber zur Aufbesserungsfrage als solcker noch keineswegs Stellung genommen, uno es darf aus diesem ablehnenden Beschluß keines­wegs die Folgerung gezogen werden, daß man von einer Neuregelung der BeamtengehaUer nichts Wissen wolle. Im Gegenteil! Auf allen Seiten des Hauses wurde zum Ausdruck gebracht, daß eine allgemeine Revision der Beamten gehalter unbedingt notwendig ist.

Von dieser Einheitlichkeit der Ausfassung machte nur die Regierung eine Ausnahme; obwobl noch die Thronrede, mit welcher dre neue Session dieses Mal eröffnet wurde, dre günstigen Finanzverhältnisse mit in den Vordergrund stellte, will jetzt derpreußischeFinanzmrnrster von einer generellen Aufbesserung aller Beamten- klassen nichtswissen. Es liegt vielmehr rn seiner Absicht, die bisherige Methode auch rn Zu­kunft beizubehalten und zlvar ,derart, daß er nur schrittweise vorgehen will. Die Folge wäre, daß eine Reihe von Jahren vergehen würde, bis alle Beamtenkategorien die Vorteile einer Aufbesse­rung genießen können. Und auch hierher will die Regierung noch Einschränku n.g e n erntreten lasten. Erklärte sie doch, daß eine mechanische Aufbesserung überhaupt zu Ungleichheiten fuhren würde, weshalb organisch vorgegangen und dre Bedürfnisse der einzelnen Kategorien genau ge­prüft werden müssen.

Wir können nun nicht glauben, daß das A 5- geordnetenhaus bei der Verwirklichung seiner Wünsche lediglich nach dem Schema F Vor­gehen will; Kommission und Plenum wird wird sich vielmehr die Prüfung genau so zur Aufgabe machen, wie sie die Regierung als notwendig be­zeichnet, mir für die von ihr gewünschten Aus­schaltungen ist man nach den heutigen Erklärun­gen nicht zu haben. Vielmehr erklärte der Abg. Tr. Porsch, daß Lei der Gehaltsaufbesserung systematisch, nicht aber schrittweise vorgegangen werden soll.

In der Hauptsache macht die Regierung ihre Haltung von der Deckungsfrage abhängig. Wir haben die günstige Finanzlage Preußens schon erwähnt. Trotzdem schildert der Finanz­minister die Verhältnisse so, als ob über kurz oder lang die Einnahmen von den Ausgaben niederge­drückt würden. Tatsache ist ja, daß die Ausgaben verhältnismäßig stärker steigen als die Einnah­men; denselben Grund führen aber gerade auch die Beamten für die Besserstellung ihrer Lebens­haltung ins Feld. Diese Erscheinung in den staatlichen Finanzen darf aber für den Staat noch lange nicht die Ursache bilden, aus der er seinen Beamten und Angestellten eine Besoldungsregu­lierung verweigert. Tie ganze Gehaltssrage ist zur Erhaltung eines zufriedenen Beamtenstandes so eminent wichtig, daß neue Quellen er­schlossen werden müssen, wenn die bisherigen nicht mehr ausreichen.

Dieser Gesichtspunkt wurde namentlich auch vom Ze nimm nachdrücklich hervorgehoben. Der Finanzniinister berechnet die Mehrausgabe auf f.00 Millionen Mark, welche für ihn gleichbedeu- !end ist mit einer Erhöhung der Einkommen­steuer um 50 Prozent. Ob diese Wirkung sich tat­sächlich so einstellt, ist noch nicht erwiesen; wenig­stens hat sich Las Abgeordnetenhaus dadurch nicht abschrecken lasten. So betonte der Abg. Dr.

Porsch, daß die DeckungssMge sorgfältig er­wogen werden müste, er ist aber gleichzeitig der Ansicht, daß nötigenfalls die Steuerschraube wer- ter angespannt werden muß, wenn zu diesem «wecke die Mittel nicht ausreichen. Dieselbe An- sicht kommt in einem An t rag Z e d l l tz zum Ausdruck in welchem die frelkonservatwe Partei eine allgemeine Neuordnung der Bezüge der Staatsangestellten nach Maßgabe der gegenwärti- gen Preisverhältnisse und der Lebenshaltung der werktätigen Bevölkerung fordert, und das Abge­ordnetenhaus ersucht, die Mittel hierzu nötigen­falls durch erhöhte Besteuerung bereitzustellen. Damit stt im Abgeordnetenhaus, für die Behand­lung der Gehaltsfrage eine gute Grundlage von vornherein geschaffen.

Noch in einem anderen Punkte weicht die Re­gierung von der Auffassung der Mehrheit des Ab­geordnetenhauses ab. Die Regierung legt nämlich Wert darauf, die Initiative auf diesem Ge­biet für sich zu behalten. Sie geht eben nach den Ausführungen des Finanzministers von der An­sicht aus, daß die Fürsorge für die Beamten nicht als eine Tätigkeit der Parlamente anzusehen wäre. Er geht also von dem Standpunkte aus, daß das Abgeordnetenhaus nur die Forderungen der Regierung zu be­willigen hätte, aber selbst auf diesem Gebiete keine Wünsche stellen könne. In seinen Worten liegt eine Verkennung der Aufgaben einer Volks­vertretung, denen gegenüber der Abg. Dr. Porsch erklärte, daß das Parlament nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht hat, eine Aufbesserung der Beamten zu verlangen. Daraus ergibt sich für das Abgeordnetenhaus die weitere Folge, daß es selbständig vorgehen muß, wenn die Regierung die Initiative nicht ergreifen sollte. Nachdem aber die Notwendigkeit einer Gehalts­erhöhung von allen Seiten anerkannt worden ist, glauben wir nicht, daß die Regierung auf ihrem jetzigen Standpunkte wird verharren wollen.

Wie schon bekannt, liegen sowohl vom Zentrum als auch von den Freikonservativen Anträge zur Gehaltssrage vor. Beide werden gelegentlich noch besonders behandelt werden. An der Bud­getkommission ist es dann, die Sache genau zu prüfen. Sie hat in diesem Jahre ihre Arbeiten schon so weit gefördert, daß sie für die Besoldungs­frage Zeit findet. Im Plenum werden sämtliche zur Gehaltsregulierung vorliegenden Anträge be­reits morgen verhandelt.

Deutscher Reich.

Berlin, 14. Februar 1907.

X Wie ist der ewige Friede zu sichern? Dafür hat der Reichskanzler, wenn man dem euglischen Zeitungsverleger William Stead glauben kann, ein sehr einfaches Rezept erfunden. Herr Stead erzählt nämlich von seiner Unterredung mit dem Fürsten Bülow, der Reichskanzler hätte versichert, alle, der Kaiser, er selbst, alle Generäle, Staatsmänner und Bürger wollten den Frieden. Nur nicht die Zeitungen. „Wissen Sie", soll der Reichskanzler zu Stead gesagt haben, „ich weiß ein Mittel, im Handumdrehen den Weltfrieden zu sichern." „Und das wäre?" „Ja, verschaffen Sie mir nur die Erlaubnis, 12 mächtige Zeitungsredakteure zu hängen. Ich würde mit der ,Köln. Ztg/ beginnen, der Re­dakteur der ,Times' wäre der zweite usw." — Bejonders betrübt wird der Redakteur der.Köln. Ztg/, eines Blattes, das fein Papier so bereit­willig dem Fürsten Bülow zur Verfügung stellt, darüber sein, daß er als erster gehenkt werden soll. Wenn aber Fürst Bülow mit dem Hängen ansangen will, dann muß er auch gewifle Leute

aus dem Flottenverein und dem All­deutschen Verband daneben aufhängen, sonst hilft fern Mittel ä la Eisenbart nicht auf die Dauer! Allerdings hat der Reichskanzler hiermit gar nicht so unrecht; gerade der Kampf zwischen Deutschland und England ist vielfach ein Prefse- kampf und erbittert die Nationen so sehr.

r. DaS preußische Staatsministerium hielt am Donnerstag eine Sitzung ab. Den Vorsitz führte Fürst Bülow. Auch der Bundesrat ver­sammelte sich zu einer Plenarsitzung; vorher hielt der Ausschuß für Justizwesen eine Sitzung ab. ,

* Die preußische Sozialdemokratie hatte auf AuSgangS Dezember einen Parteitag in Aussicht genommen. Da aber dann der Wahl- kampf dazwischen gekommen ist, sollte er erst im Frühjahr ds. Js. stattfinden. Wenn nun eine Berliner Korrespondenz recht informiert ist, soll man über den Ausgang der Wahlen im sozial­demokratischen Lager so sehr verschnupft sein, daß der Parteitag erst zu Weihnachten 1907 abgehalten werden soll. Die Tagesordnung soll neben der Behandlung deS Landtagswahlrechts die Agitation für die Landtagswahlen und die Fragen der Organisation umfaffen. Sie deckt sich also im großen Ganzen mit der schon ftüher ver­öffentlichten Tagesordnung. . , ,

r. Ueber den Flottenverein wird rn einem Leipziger Blatt dem Kaiser eine Aeußerung in den Mund gelegt, welche von der „nationalen" Preffe als gutes Zeugnis für die Tätigkeit des Flottenvereins kolportiert wird. Der Kaffer soll nämlich gelegentlich des am Dienstag stattgehabten Hofballes an den Präsidenten des Vereins, den Fürsten Salm, herangetreten und mit laut er­hobener Stimme, in Gegenwart einer Reihe von Zuhörern zu ihm gesagt haben: „Mein lieber Fürst, die Wahlen sind ja vorzüglich ausgefallen, und ich freue mich, daß Ihr Flottenverein die Sache so prächtig gemacht hat." Die „nationale" Preffe vergißt nur, dieser Meldung noch hmzu- süqen, ob der Kaiser, falls er diese Aeußerung wirtlich gemacht hat, schon über die vom baye­rischen Kurier' enthüllten Tatsachen, welche die Machenschaften des Flottenvereins so groß be­leuchten, unterrichtet worden ist. Wie die ,Nationalztg/ zu der FlottenvereinSaffäre jetzt erfährt, hat General Keim an den Abg. Baffer- mann ein Schreiben gerichtet, in dem er fein Bedauern darüber ausdrückt, daß jener Privat- Brief, der die Stellung Baffermanns zur Flotten­frage kritisierte, durch unehrliche Machenschaften in die Zentrumspreffe lanciert worden wäre. Den Brief selbst bedauert also General Keim nicht. Wie könnte auch der Flottenverein seinen uferlosen Plänen auf einmal nicht mehr nach­hängen !

r. Neber daS Reichstagspräsidium werden täglich neue Meldungen verbreitet. Einmal wird Graf Stolberg-Wernigerode Präsident, Freiherr von Hertling erster und Dr. Paasche zweiter Vizepräsident. Ein ander Mal zerbricht sich die liberal« Preffe den Kopf, um eine ihr genehme Vorschlagsliste zu präsentieren. Jetzt tritt die ,Deutsche Tagesztg/ dafür ein, daß, wenn das Zentrum im neuen Reichstag den ersten Präsi- deuten nicht Vorschlägen wird, die deutfchkonser- vative Fraktion in erster Linie berufen ist, den Präsidenten zu stellen. Was die Vizepräsidenten betrifft, so glaubt das Blatt, daß man sich dieses Mal entschließen dürfte, nicht zwei, son- dern drei zu wählen. Wir verzichten darauf.

WcrHeL.

Ctne Stählung aus alter Zeit. Von A. M. Witte

8J (Nachdruck verboten.)

Habt Ihr auch schon die Kunde vernommen von dem Kirchendiebstahl im havelländischen Dorfe Knobloch?" fragte er, „der Dieb hat das Sakramentshäuschen gewaltsam erbrochen und eine Monstranz nebst zwei geweihten Hostien ent­wendet!"

„Hin Kirchenranb, tote entsetzlich!" sagte er- schreckt die Edelfrau, indes Eberhard ruhiger ent­gegnete: „Wenn die Rirdjenfretoler glaubten, eine besonder« reiche Beute an Gold zu machen, so werden sie sich enttäuscht finden; die Monstranz ist, wie ich genau weiß, vergoldetes Kupfer, die Habgier bestraft sich von selbst."

„Nicht bei Solde! wegen," erzählte der Kaplan weil«, „denn die zerbrochene Monstranz ist im Stadtgraben zu Bernau gefunden worden, die Hostien allein waren baS Ziel des Raubes."

„Geweihte Hostien!" Gertraud starrte enffetzt den Kaplnn an, „wer sollte —V

„Der verbuchst", begann dieser zögernd, „rich­tet sich in der urteilllosen Bolktzmenge leider aber- maU auf die Juden und ward bereits dem Kur­fürsten mitgeteilt. Gin Jude soll auch entflohen sein, iu dessen Händen man die Monstranz ge­feiert haben will."

IBieber die Juden tat Verdacht. Eberhard sah unabwendbar ale» Glend voraus, das auf Grund dieses »erdachte» über die ZDraeliten Branden­burg» heretnbveche» würde, »te ganze Schwere b«-s Werrcht« wurde walte«. Joachims Haß gegen dte Jude« war ihm rutr pt gut bekannt. Und Gnade würde Joachim keine»fa»s üben, so wenig wie damals, ba er al» Knabe sich zum ersten Mal als Mann gegeigt, 'ba daS Haupt des talentvollen Wolf von Lindenbsg gefällst war, well er einmal

fein Wort dem durch Wolf beraubten Kaufmann verpfändet hatte ,ohne Rücksicht auf Rang und Stand Gerechtigkeit walten zu lassen Und nun erst bei einem Kirchenraub I

Und gegenüber einer so verachteten Menschen- klaffe wie die Juden, der man alles Schlechte und Gemeine zukaute!

Rahel mutzte eS mittreffen! Auch sie war eine Tochter dieses Volkes.

„Ich muß sie retten, um jeden Preis!" DaS stand jetzt fest bei Eberhard. Wo sie im Unglück war, durste er nicht mehr lau und zaghaft sein.

Während diese Gedanken EberharÄ Seele durchzogen, berichtete der Kaplan weiter, daß er vernommen, ein Kesselflicker auS Bernau, ein wü­ster, schlecht beleumundeter Geselle, Paul Fromm benannt, sei bereits verhaftet worden, und der­selbe habe auch schon gestanden, er sei der Dieb.

„Um den Qualen der Foster zu entgehen, die schlietzlich auch dem Unschuldigen ein Geständnis erpressen," fiel Eberhard dem Priest« in! Wort.

Schaudernd bedeckte Gertraud die Augen mit der Hand.

„Man munkett auch," fuhr der Kaplan fort, „daß, da Juden Mitschuldige seien, dre Kur­fürst sich mit der Absicht trage, alle Juden in der Mark Brandenburg verhaften zu baffen, da er durchaus der Sache auf den Grund kommen wolle. Der Stiftshaupttnann Heinrich von Beffchütz soll schon nach Bernau gesandt sei», um wettere Unter­suchungen vorzunehmen."

„Auf deffen Eifer kamt man sich verlaffen" Ein bitter« Zug flog über Eberhards Züge. „Er fenrtt nicht Milde, nidjt langsames Vorgehen. Wo er zu Gericht fitzt, wahrlich, das steht bei mir fest, da find alle, die Inden heißen, verloren."

*

Rahel war fest entschloffen, dem Bat« alle) zu gestehen, was ihr Herz bewegte, ihm offen zu bekennen, daß sie aller Kämpfe ungeachtet Chri- ftin werden wollte, ab« eS war chr keine Zeit

dazu geblieben. Schon am nächsten Morgen nach ihrer letzten Unterredung mit Eberhard hatte Borneck eine längere Reffe antreten muffen, von der er plötzlich heimgekehrt war mit der schreck- lichen Kunde auS Bernau. Er hatte ihr und Leah schnell das Notwendigste zu packen befohlen, um aus Berlin zu flüchten, ehe sich die Nachricht im Jüdenhof verbreitete und, wie zu erwarten stand, auf Befehl des Kurfürsten den Juden die Tore der Stadt verschlossen wurden. Sie ver­ließen, um etwaige Späher irre zu führen, jed« zu einer anderen Zeit die Wohnung und wollten sich am Georgenlor wieder treffen.

Rahel war wie gelähmt durch die SchreckenS- kunde und eigentlich erst zur Besinnung gekom­men, als sich das Tor des JüdenhofeS hinter ihr geschlossen. Da war es ihr, als fei nun auch ihre Vergangenheit abgefchlosien. Wie ost, wie unend­lich oft hatte sie es ersehnt, aus diesem öden, traurigen Heim sortzukommen, und jetzt, wo auf solche Weise dieser Wunsch in Erfüllung ging, schien eS ihr, all muffe sie sich gegen den Befehl deS Vaters auflehnen: denn, wen» sie Abschied nahm von dies« Stätte, wenn sie nach einem fremden Lande ging, dann mußte sie damit auch dem Gedanken Lebewohl sagen, Eberhard je tote- d« zu sehen. Er würde niemals erfahren, waS auS ihr geworden, und sie würde nie wieder fei­nen Worten lauschen können. Hütte fie ihm doch wenigstens gesagt, datz sie seinen Glauben aus tiefster Ueberzeugung teile!

Sie war nur festen allein über die Straße ge­gangen und fühlte sich fo unfich«, datz sie den vorüberkommenden durch ihre offenbare Befan­genheit auffiel. Der schneidende Ostwind gestattete ihr nur langsam vorwärts zu kommen, und heftige Brustschmerzen, an denen sie schon seit eini­gen Tagen gelitten hatte, raubten ihr fast den Sttem. In der Nahe der langen Brücke begegneten ihr einige Kavaliere des Hofes. Sie fühlte, datz sie von denselben scharf fixiert wurde und ver­suchte, schneller an ihnen vorüb« zu kommen.

näh« auf diese Kombinationen einzugehen, da nach keiner Hinsicht etwas Definittoes fest­steht.

r. Der Reichstag wird bei seinem Zusammen« ritt am 19. Februar bereits mehrere Vorlage» luden, welche ihm die Regierung bis dorthin ;at zugehen (offen. Dazu gehören der Nach« tragsetat für 1906, der gesamte Etat für das neue Finanzjahr und ein Entwurf über die Be­rufszählung, welche am 12. Juni d. Js. vorge­nommen werden soll. Da für die Bnusszählung umfangreiche Vorbereitungen notwendig sind, legt die Regierung großen Wert darauf, daß dieser Entwurf, welchem die einzelnen Parteien im Prinzip bereits zugestimmt haben,, alsbald er­ledigt wird. Im Wege d« Jndentität soll der Nachtragsetat für Südwestasrika er­ledigt werden, da der größte Teil der Gelder bereits verausgabt ist. Was den neuen Reichstag betrifft, so wurde ursprünglich ange­nommen daß verschiedene Titel eine Abänderung «fahren würden. Der neuesten Meldung zufolge scheint man jedoch hiervon Abstand genommen zu haben, sodaß der noch dem alten Reichstage vorgelegte Etat in unv«änderter Form wieder erscheinen würde. Anders soll es um die Kolonialetats für 1907 gestellt sein. Wenigstens ist die Hoffnung ausgedrückt worden, daß man in Rücksicht auf die veränderte Lage, nament­lich in Südwestafrika verschiedene Abstriche wird machen können. Inwiefern diese Hoffnungen berechtigt sind, lassen wir in Rücksicht auf die Ankündigung der ,Nordd. Allg. Ztg/ während des Wahlkampfes noch dahingestellt.

{ Südwestafrika sinkt weiter im Werte. Die ,Deutsche Konfektion' fällt folgendes Urteil über unsere südwestasrikanische Kolonie, das „neue Deutschland", das uns bereits eine halbe Mil­liarde gekostet hat: „Im übrigen gibt auch Dem« bürg, freilich in vorsichtigster Form, zu, daß Südwestafrika ein minder begünstigtes Land ist. „Ein Eden wird dieses Land nie werden." Wenn ein Geschäftsreisender einen in seiner Preisliste verzeichneten Artikel seinen Kunden mit ähnlichen Worten anbietet, so bedeutet das: „Ich muß den Artikel nun einmal führen und Dir anbitten, lasse ab« lieber Deine Hände davon weg, es ist nichts damit anzusangen." Solches ist wohl auch der Sinn der Dernburg'schen Worte. Schon vor Jahresfrist wiesen wir darauf hin, daß dieses Land eine aussichtslose Sandwüste ist, die nie und nimmer einen Nutzen abwerfen kann. Das weiß die Regierung sehr wohl und begründet die von diesem Jammerlande verschlungene Milliarde mit der Aufrechterhaltung des honneur du drapeau. Man kann ihr freilich auch nicht zumuten, daß sie den wahren Grund ihrer Vorliebe für diese Streusand-Kolonie zugibt und vor all« Welt ein« gesteht, daß dieselbe als Bürge sür Englands Wohlverhalten und als etwaiges Einfallstor in Transvaal und die Kap-Kolonie dienen soll. Für den Handel ist sie ab« wertlos; aus« brntungswürdige Mineralschätze bestehen einst­weilen nur in der Phantasie einig« Kolonial­schwärmer, und an Vieh wird sie wohl kaum je soviel produzieren können, als sie selbst verbraucht." Ab« warum erst nach den Wahlen mit dieser Weisheit? Als Zentrums-Redner ganz dasselbe schon vor den Wahlen sagten, da hat man sie angeulft und angegriffen, wenn sie die amüsante Geschichte mit d« Dattel Elfte nicht glauben woll­ten. Nun höre man dieses Kaufmannsblatt über seinen früheren Kollegen Derndurg urteilen!

D« eine von ihnen, ein eleganter, hochgewachse­ner Ritter, vertrat ihr den Weg.

„Wohin so eilig, schönes Kind?" Es war Kurt von Waldow, der trotz bes dichten Schleiers in ihr bie schöne Jüdin erkannt hatte, welche er einige- male, wenn « Bornecks Haus betreten, dort am Fenster gesehen hatte. Es machte ihm Spaß, ihre offenbare Aengstlichkeit zu steigern.

„Ich dachte, es wäre Dir nicht gestattet, allein auf der ©tröffe zu weilen," fuhr er fort und wandte sich mit den «läuternden Worten an feine Begleiter: „Es ist bie schöne Tochter des alten Wucherers Borneck aus dem Geckholl, welche er immer stteng vor profanen Christenaugen ver­borge» hielt. Nun sage uns erst, wohin Du toißft, und warum Du eS so eilig hast."

„Laßt mich gehen," stieff sie halb bittend, halb heftig in offenbarer Angst und Aufregung hervor.

„Wenn wir ab« nicht wollen?" sagte er la­chend, ira Uebermut nach ihrem Schleier greifenb, den « pirückschlageu wollte. Sei» Begleit« hielt sein«! Arm fest.

„Latz sie, Kurt."

„Nein, nein," wehrte dieser, „sie soll erst Rede stehen, warum ber Alte so unerhört hohe Zinse» uns Christen abnttmnt."

RahelS Herz klopfte fast hörbar; fie zitterte bei dem Gedanke», ihre Flucht könne entdeckt unk dadurch zur Unmöglichkeit werden, noch einmal machte sie eine vergebliche Anstrengung, sich von Waldow, deffen Hand auf ihrem Arm lag, loSzu- machen.

„Uh bitte Dich, mache ein Ende", sagte der ältere besonnene Kavalier, eindringlicher und ern­ster wCTdend, „es ist für uns unter ben äugen- blüfiidjen Verhältnissen viel besser, unS nicht mit einer Jüdin zu befassen."

„Magst recht haben, Burgdorf, konnn — be­danke Dich bei diesem Vernunftsmenschen, baff ich Dich in Ruhe lasse, schönste Tochter JudaS." Kurt blickte Rahel lachend an und gab ihr den Weg frei.