Wochenbeilage: „Mlftrierte5oimtag§zeitimg
34. Jahrgang.
Fulda, Mittwoch den 13. Februar 1907.
M 36.
Botationsöruä u. Verlag der Zuldaer Ar» tirndrackerel in Zulda. zernsprecher Nr 9.
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»Grüß Dich Gott, Gertraud", begrüßte Eber- Er erzählte dann von verschiedenen Familien, bard die Base freundlich, „die Kurfürstin Elisa-1 welche der Mutter aus jenen Lagen bekannt wa-
dann aufs neue, „allein mir ward schon schwer der Urlaub gewährt, da hat er nicht auch noch zu bitten gewagt."
beth spricht Dir durch mich ihre Freude aus, Dich bald am Hofe zu sehen."
Er ließ sich neben der Mutter am Kamin nieder, und die züngelnden Flammen warfen ihren roten Schein auf ein glückliches Familienbild.
„Wie nahm man die Kunde auf, daß ich, alt geworden, wieder am Hofe erscheinen will?" fragte die Mutter; „aber Gertraud soll anfangen, ihre Jugend zu genießen; auch sie soll wissen, was es heißt, jung und glücklich zu sein."
„Glücklich bin ich, wenn ich bei Euch sein darf, Tante", warf das Mädchen ein, „und ich muß es gestehen, fast fürchte ich mich, an den Hof zu gehen, bin ich doch fremd ihnen allen."
„Du hast mich dort", tröstete Eberhard seine Base.
„Ja, Dich habe ich", ein glühendes Rot, von ihm unbemerkt, flog über ihre Züge.
„Und Kurt!" fuhr er fort, „wie wird er stolz sein auf seine Schwester, der schmucke Kavalier, der so heiter, so aufgelegt ist zu jedem Scherz!"
„Kurt." Ein leichter Schimmer von Verdruß überzog ihr Antlitz. „Kurt könnte auch endlich anfangen, ernster zu werden."
„Wenn er älter wird, wird er auch vernünftig, Gertraud."
„Muß man dazu alt werden, Eberhard? Sollst Du doch stets so grenzenlos vernünftig gewesen sein."
Ein schelmischer und doch tiefer Blick ihrer seelenvollen Augen streifte ihn. Frau von Rachow lachte, sie sah ja in dem Sohn das Glück ihres Lebens. Eberhard wandte sich verlegen ab. Wenn seine junge Anverwandte wüßte, wie diese grenzenlose Vernunft bei ihm zu entfliehen drohte vor der Liebe, die ibn durchglllhte.
„Sehr ungern entsagte Kurt dem Vergnügen, das Fest bei Euch zu verleben", begann er als-
einer weiteren Verfolgung der Angelegenheit Abstand genommen zu sein, während die Angelegenheit Pöplau sich zu dem jetzt beginnenden Prozeß verdichtete. Auf die Verhandlungen selbst und deren Ausgang darf man in Rücksicht auf die bekannten Vorfälle gespannt sein.
ragte sie die zerstreut umherliegenden Häuser des Dorfes. Umgeben von einem prachtvollen Park, dessen Bäume sich scharf begrenzt vom grauen Winterhimmel abhoben, lag sie, vergoldet von der sinkenden Sonne, vor ihm.
Die Zugbrücke erdröhnte unter den Hufen eines Rosses, er sprengte in den Burghof. Mit lautem, freudigem Gekläff empfingen ihn die Rüden, und kaum konnte er sich ihrer Liebkosungen erwehren, als er vom Pferde stieg und die Zügel einem harrenden Diener zuwarf. In der Halle empfing ihn seine Mutter, die ihn freudig willkommen hieß und ihn dann in ein Gemach zu ebner Erde führte, welches vom flackernden Kaminfcuer behaglich erwärmt war. Nur spärlich fielen die letzten Strahlen des Tageslichtes durch die in Blei gefaßten Scheiben der spihbogi- gen Fenster und warfen Helle Reflexe über das Haupt einer im Erker am Spinnrad sitzenden Jungfrau, die mit ihren lang über die Schulter fallenden blonden Zöpfen, ihren offenen blauen Augen und der hoben, schlanken Gestalt das Bild eines echten märkischen Edelfräuleins war.
Die Jungfrau erhob sich, als Eberhard auf ie zutrat, ihr die Hand zur Begrüßung zu reichen. Ein langschleppendes, blaues Sammct- gewand hob noch die Zartheit ihrer Erscheinung. Leise klirrte die Gürtelkette, welche das Kleid an der Seite leicht aufraffte, und von welcher eine Tasche und ein Schlüsselbund herabhingen.
Gertrud von Waldow war eine Waise, welche mit irdischen Glücksgütern nicht gesegnet war und seit dem Tode ihrer Eltern hier lebte. Auf dem Totenbette hatte ihre sterbende Mutter sie der Tante ans Herz gelegt, und diese hatte ste zu sich genommen, sie sorgsam und treu behütet und um so liebevoller in ihr Herz geschlossen, je vereinsaniter sie sich durch Eberhards langes Fernbleiben fühlte. Fast unentbehrlich war die Nichte der Tante geworden, und das innigste Verhältnis bestand zwischen Weiden.
(§) Vie Affäre Pöplau.
Am 22. Juni des verflossenen Jahres wurde gegen die beiden Beamten Götz und Schneider vom Kolonialamte ein Strafverfahren eineingeleitet, weil sie unter dem Verdachte standen, amtliche Schriftstücke fremden Personen mitgeteilt zu haben. Die Einleitung dieses Verfahrens hatte dann die bekannte Haussuchung bei dem Abg. Erzberger und die Anwesenheit des Untersuchungsrichters im Reichstage zur Folge. Weiter wurde das Strafverfahren auch gegen den früheren Geheimen Sekretariatsassistenten in der Kolonialabteilung des Auswärtigen Amtes, Leutnant der Landwehr Pöplau eingeleitet, der gleichfalls beschuldigt wird, den Inhalt amtlicher Urkunden anderen widerrechtlich mitgeteilt zu haben.
Morgen, Mittwoch, soll gegen Pöplau vor der dritten Strafkammer des Landgerichts I zu Berlin der Prozeß dieserhalb begonnen werden. Für die Verhandlungen sind mehrere Tage in Aussicht genommen. " Die Anklage gegen Pöplau stützt sich auf § 53 a des Reichsstrafgesetzbuches, welcher unter dem Namen des Arnim-Paragraphen bekannt ist. Insgesamt kommen drei Schriftstücks in betracht, welche Pöplau ihrem Inhalte nach veruntreut haben soll. Es ist zunächst ein Gutachten des Geheimrats von Fran- cius aus den Pöplau'schen Personalakten, weiter Mitteilungen aus den Kannenberg'schen Personalakten und schließlich ein Bericht von den Beschwerden über den Landeshauptmann Brandeis nebst den hierauf ergangenen Verfügungen.
Was das Gutachten des Geheimrats Fran- cius betrifft, so steht es in Verbindung mit dem Zivilprozeß, den Pöplau gegen das Auswärtige Amt angestrengt hatte. Bei den Mitteilungen aus den Kannenberg'schen Personalakten handelt es sich um die Pension, welche Herr v. Kannen- derg auf dem Gnadenwege erhalten haben soll, trotzdem er bestraft und auf dem Disziplinar- wege aus dem Amte entfernt war. Die weiteren Schriftstücke beziehen sich auf den früheren Landeshauptmann Brandeis und die gegen ihn erhobenen Beschuldigungen, zu denen Pöplau das amtliche Material geliefert haben soll. Im großen Ganzen ist also der morgen beginnende Prozeß Pöplau das Endergebnis der gegen Götz und Schneider geführten Untersuchung. Bekanntlich ist vor kurzem das gegen die beiden genannten Beamten eingeleitete Verfahren eingestellt worden.
Außer der Affäre Pöplau waren noch verschiedene andere Fälle in der Voruntersuchung anhängig, doch steht bis jetzt noch nichts darüber fest, inwiefern sie zu irgend einem Resultat geführt haben. Vielfach scheint von
nicht durch „kleine Geschenke." Es hat in den letzten Wochen ungemein viel gelernt, deffen Resultat nicht gerade günstig für die Regierung ausgefallen ist, und da sollte das Zentrum diese selbe Regierung wieder umschmeicheln? Etwas Törichteres aber auch zugleich Beleidigenderes kann es wohl für das Zentrum nicht geben, und deshalb möchten wir von vornherein gegen eine derartige unwahre Unterstellung, die jeder Begründung entbehrt, aber einen durchsichtigen Hintergrund ha, protestieren, um einfältigen Legendenbildungen vorzubeugen.
ren, da sie als junge, glückliche Frau am Hofe Johann Ciceros geweilt, und wie im Fluge verstrich die Zeit biß zum Abendimbiß, an dem der Kaplan des Dorfes teilnahm. Letzterer stand in reifem Mannesalter; hoch gewachsen, trug er sich leicht etwas nach vorn gebeugt, sein schwarzes, schon hier und da von Silberfäden durchzogenes Haar ließ die hohe, gewölbte Stirn frei, ein Paar milde, dunkelbraune Augen sprachen von Geist und Herzensgüte, und ein gewinnsndev Zug um den Mund ließ jeden schnell Vertrauen zu ihm fassen. Wenn er sprach, trat ein fester Wille zu Tage; er hatte klare Einsicht in die menschlichen Verhältnisse, aber auch Milde und Verständnis für alle.
Darum war er überall beliebt, darum sahen ihn die Rachows auch gern in ihrer Mitte. Gemeinsame Erinnerungen wurden nun aufgefrischt, und heiter ging es an der kleinen Tafelrunde zu. Alle waren glücklich, Eberhard wieder in ihrer Mitte zu haben, und auch dieser war heiter ge- timmt; er erzählte manchen kleinen Scherz vom Hofe und verstand es, so lebhaft zu schildern, daß es Gertraud war, als sähe sie die Kavaliere in der prunkenden Hoftracht vor sich, und die Edeldamen in ihren Prachtgewändern, strahlend von Gold und Edelsteinen. Nach Tisch zogen die Mutter und Gertraud sich zurück, Eberhard und i)er Kaplan blieben noch plaudernd beisammen.
„Fandet Ihr am Hofe ein Wesen gleich Eurer Base?" fragte der Kaplan, als sich die Tür Hiner beiden geschlossen hatte, „hielt sie nicht, was ie als Kind versprach? Schon durch ihre Gegenwart erfreut sie."
„Ja, lieblich und anmutig, wie in der Kinder- zcit," bestätigte Eberhard.
„Ein Segen diesem Hause," fuhr der Kaplan ort; „wenn ich in diese Kinderaugen schaue, in Jenen so viel Milde, so viel Klarheit liegt, wie nur ein reines, unschuldiges Herz widerspiegeln kann, kommt es stets wie doppelter Frieden über mich."
(Fortsetzung folgt.)
Auf dem Wege zwischen Berlin und Potsdam ritt Eberhard von Rochow. Er versuchte, trotz des schneidenden Ostwindes, so schnell es die schlechte Landstraße gestattete, vorwärts zu kom- men. Das Verlangen, seine Mutter wieder zu sehen, ließ ihn rasch seinem Ziele znstreben. @r liebte seine Mutter über alles, und es kam ihm fast wie ein Unrecht vor, daß sie diese Liebe jetzt mit einer anderen teilen mußte. Welche Wandlung hatte Rahel doch in ihm hervorgerufen l Wie würde seine Mutter sein Geständnis aufnehmen I Eine Jüdin! Und doch, warum sollte er sie nicht zu seinem Weibe machen, wenn der Ruf der Gnade sie dem Christentum gewann, sie, die für ihn der Inbegriff mädchenhafter Lieblichkeit, Anmut und Schönheit war, die allmählich das Ziel seines Sehnens, das Bild seiner Träume geworden, und die auch ihn liebte, er fühlte es, so heiß und innig liebte, wie er sie. Deshalb nicht, weil sie jenem Geschlechte angehörte, welches der Unverstand verachtete und verfolgte? Und doch war Maria, Jesu Mutter, auch eine Jüdin gewesen, und man verehrte sie, nachdem sie als Mutter des Gottgesandten die erste Christin geworden, als heilig in seiner Kirche. Oder weil sie eine Bürgerliche war? — Allerdings, Pj’JÖ nie war es dagewesen in dem stolzen Ge- wllbchte der Rochow, daß man einen solchen Schritt tat. Auch Joachim würde zürnen, das war gewiß, er, der so gegen die Juden eingenommen war! Allein schließlich war er doch Mann genug, um Tur seine Liebe und feine Heber- seugung zu kämpfen; und er glaubte fest, nur in der Vereinigung mit Rahel sein Glück finden zu können. '
So in Gedanken verloren, legte er den Weg zu seiner väterlichen Burg zurück. Stolz über
a. Das Zentrum als Regierungspartei.
Unter dieser Ueberschrift bringt eine National- 'liberale Korrespondenz folgendes einfältige Geschwätz:
„Im Besitz von 110 Mandaten fühlt sich das Zentrum bereits wieder als die herrschende Partei. Sie möchte aber gar zu gern von neuem Regierungspartei fern. Mit Liebeswerben umfängt die Zentrumspresfe den Kanzler." , .
Wir wären wahrhaftig neugierig, wo und wie die Zentrumspresfe den Kanzler mit Liebes- werben umfangen hätte. Leider verrät uns das die Korrespondenz nicht. Und für ihre Be- hauptung, daß das Zentrum gern „von neuem Regierungspartei" sei, bringt sie eine Stelle aus der ,Germania', wo es u. a. heißt, daß das Zentrum „eigentlich die geborene Mitteiparte; und Regierungspartei im guten Sinne fei, die Partei, die in sich alle Gegensätze ausgleicht und dem Gesamtintereffe unterordnet, wie es auch das Bestreben jeder pflichtbewußten Regierung fein muß".
Das ist Wort für Wort richtig. Das Zentrum ist seinem Programme und seiner Zu- sammenfetzung nach durchaus Ordnungs- und Verfasfungspartei. Es ist auch seinen christlichen Grundsätzen gemäß die festeste Stütze für Thron und Reich, und es wird schon aus Gewissens- bedenken nie an eine Revision der monarchischen Gesinnung herantreten. Aber was die liberale Korreipondenz aus dem Artikel der ,Germaniw herauszulesen sich bemüht, als ob das Zentrum sich bei der Regierung wieder einschmeicheln wolle und nach der Staatskrippe lechze, ist zu absurd. Liest denn der Verfasser dieses mehr a!Z einfältigen Korrespondenzartikels keine Zentrumsblätter? Dann müßte ihm doch der einmütige, energische Ton aufgefallen sein, der überall gegen' die Regierung angeschlagen wird. Das sieht gewiß nicht nach „Liebeswerbung" aus.
Nach den gemachten Erfahrungen kann es dcm Zentrum vollständig gleichgültig sein, ob es als Regierungspartei angesehen und behandel wird ober nicht. Ja, selbst wenn man den ersten Präsidenten gegen alle parlamentarische Gepflogenheit aus einer anderen Partei nehmen würde, bewahrte es seinen Gleichmut. Aber sich an die Regierung herandrängen zu wollen, die ihm vor wenigen Wochen den Stuhl vor die Türe letzte und den Kanzler mit Liebeswerben anzugehen, der den beschimpfenden, trivialen Ausdruck von dem „schwarz-roten Kartell" prägte, das verbietet ihm die eigene Ehre. Das Zentrum wird sich freilich nicht in den Schmollwinkel stellen und gewiß keine Politik der Rache üben, es wird Mitarbeiten, wie es sich für eine VnUetung des Volkes geziemt, aber es müßte kern Ehrgefühl mehr haben, wenn es im Handumdrehen vergessen, wie schmählich eS von der Regierung und ihrem obersten Beamten behandelt worden ist.
Vielleicht war der Korrespondenz-Artikel auch blos ein Angstschrei, daß das Zentrum wieder in Gnaden angenommen werden könne. Rein, da möge sich' der Liberalismus beruhigen, so leicht läßt sich das Zentrum nicht kapern, selbst
* Zur Eröffnung des Reichstags werden nunmehr durch den ,Reichsanzeiger' nähere Einzelheiten bekannt gegeben. Darnach wird der Reichstag am Dienstag, den 19. Februar um 11 Uhr, wie üblich, im Weißen Saal des Berliner Schlosses eröffnet. Zuvor wird ein Gottesdienst abgehalten, für die Mitglieder der evangelischen Kirche in der Schloßkirche um 10 Uhr und für die Mitglieder der katholischen Kirche in der Hedwigskirche um 10V» Uhr.
f. Dem preußischen Abgeordnetenhause liegt eine Reihe nationalliberaler Anträge vor. Neben dem bereits bekannten Antrag auf Gleichstellung der Gerichtssekretäre mit den Verwaltungs-Sekretären in Rang und Gehalt liegt zum Etat des Finanzministeriums dem Hause ein Antrag vor, welcher die Regierung ersucht, zur Beseitigung der Notlage der durch die Verteuerung des Lebensunterhaltes besonders schwer betroffenen Unterbeamten staatliche Mittel schleunigst bereitzustellen. Beim Etat der Eisenbahn-Verwaltung beantragt die nationalliberale Partei, die Regierung möge mit Rücksicht auf die Verteuerung des Personentarifes durch die Reichs- Fahrkartensteuer auf einen angemessenen Ausgleich durch Ermäßigung der Eisenbahn-Personentarife Bedacht nehmen. Endlich liegt ein Antrag zum Handels-Etat vor, welcher die Regierung ersucht, die den preußischen Handelskammern gewährten preußischen Beihilfen allmählich zu erhöhen. — Die freikonservative Partei beabsichtigt, im Abgeordneimhause eine Resolution zum Gestüts-Etat einzubringen, in welcher die Regierung ersucht wird, zur Hebung der kaltblütigen Pferdezucht beizutragen.
* Heber die Einigung der drei freisinnigen Gruppen schreibt Dr. Müller-Meiningen eine Menge von Leitartikeln, die wir nicht alle lesen; die Antwort gibt ihm Dr. Barth von der freisinnigen Vereinigung in folgenden Worten: „Ungleich schlimmer ist die moralische Einbuße, die der Liberalismus, und vor allen Dingen der Freisinn, bei diesen Wahlen erlitten hat. Die politische Charakterlosigkeit hat bei den Stichwahlen alles Übertroffen, was wir bisher in Deutschland erlebt haben. So hart uns das Geständnis ankommt, die Wahrheit soll nicht verschwiegen werden, daß freisinnige Wähler in zahlreichen Fällen den schlimmsten Reaktionären, Scharfmachern, Bündlern, Antisemiten zum Siege verhalfen haben, aus blöder Angst vor dem roten Gespenst. Freisinnige Vertrauensmänner haben offen aufoeforbert, für Erzreaktionäre und Antisemiten zu stimmen." Die als charakterlos gekennzeichneten Blockgenossen dürften denn doch Bedenken tragen, neben Herrn Barth gegebenenfalls in einer Fraktion zu sitzen.
* lieber den Ausfall der Wahlen in Baden schreibt die,Kreuzztg/ sehr gut: „(Sine jammer- vollere Enttäuf chung hat nicht leicht jemals eine Partei erlebt als der Liberalismus in Baden bei der Reichstags - Wahl am 25 Januar und 5. Februar. Leichten Herzens hoffte er sich neue Mandate (auf Kosten des Zentrums) erzwingen zu können. Die nationalliberale Presse, voran die Heidelberger Zlg/, welcher der oberste Führer der badischen Nationalliberalen, Wilkens, nahe- steht, riet gleich nach der Reichstags - Auflösung „dringend" zur Erneuerung des Stichwahl-Bünd- niffes mit der Sozialdemokratie (!!) vorn Oktober 1905. Seine „gute" Wirkung wurde gerühmt; allein es kam anders. Die Männer des Um«
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Eine Erzählung ans alter Zeit. Von A. M. Witte
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Deutsches Reich.
Berlin, 12. Februar 1907.
* Begegnung zwischen Kaiser Wilhelm und dem Zaren? Wie nach einer Meldung der Wiener Allgem. Korr. aus Petersburg in dortigen diplomatischen Kreisen verlautet, soll es bestimmt sein, daß in diesem Sommer eine Begegnung des Zaren mit dem Kaiser Wilhelm stattfinden werde. Die Zusammenkunft der beiden Souveräne dürfte gelegentlich der N o r d l a n d sr e i s e des deutschen Kaisers im Juli erfolgen. Diese Begegnung war schon im Sommer des vorigen Jahres in Aussicht genommen, mußte jedoch infolge der Ereignisse in Rußland unterbleiben.
* Der Bund der Landwirte als politischer Verein. Die dieser Tage abgehaltene Generalversammlung des Bundes der Landwirte hat deutlich gezeigt, wie dieser Bund ein politischer Verein mit Tendenzen gegen das Zentrum ist; so sührte der Bundesvorsitzende Frhr. v. Wangenheim in seiner Eröffnungsrede aus: „Daß die Sozialdemokratie der allgemeine Feind ist, das ist uns klar, und dankbar wollen wir denjenigen Herren von einer Freisinnsgruppe und denjenigen Herren aus dem Zentrum sein, welche jetzt endlich den Schleier vollkommen gelüftet und gezeigt haben, auch bei diesen Wahlen, daß sie in Zukunft gesonnen sind, gemeinsame Sache mit der Sozialdemokratie zu machen. Aber, meine Herren, wir wollen streng unterscheiden zwischen ben momentanen Führern derZentrums- partei und zwischen den großen Massen der Zentrumswähler draußen im Lande. Hinter der Zentrumspartei steht die große Masse der katholischen Landwirte, der katholischen Handwerker, der katholischen Gewerbetreibenden, die ebenso staatserhaltend und ebenso religiös sind wie wir (Bravo!) und die nicht geeignet sind, einen Unterschied zwischen katholisch und evangelisch zu machen. (Bravos) Dieser heute durch eine demokratische Klicke geleiteten Zentrumspartei müssen wir es allmählich durch unsere ruhige Arbeit klar machen, wo ihr wahres Interesse liegt, damit sie Hand in Hand mit uns in großen nationalen und großen wirtschaftlichen Fragen arbeite. (Lebhaftes Bravo!) Darüber braucht sich heute keiner mehr einer Täuschung hinzu- geben, daß die Schlagworte vom neuen Kulturkampf, das Schlagwort von der Beeinträchtigung der deutschen Katholiken eben nur Schlagwörter sind, die leider Gottes von gewissenlosen Parteipolitikern immer und immer wieder aufgewärmt werden, um unzufriedene katholische Wähler für ihre Zwecke ebenso zu erhalten, wie die Sozialdemokratie unzufriedene Arbeiter sich erhalten will." Diese Unverschämtheiten des Bundesvorsitzenden richten sich ganz von selbst; eine Entgegnung ist nicht erforderlich. Wir fragen nun: was tat der B»nd, um der nicht zu leugnenden konfessionellen Hetze vor den Wahlen entgegenzutreten? Gar nichts! Trotzdem er eine hohe Unterstützung im Zentrum fand, hat er dieses nicht unterstützt, sondern überall bekämpft.