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34. Jahrgang.

M 35.

ONachdnick verboten.)

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Zentrumsmandate; 5) nach den Wahlen Meder Gedonner gegen das Zentrum. Es ist die erste Kundgebung, in welcher sich der Reichskanzler eit dem Wahlausfall wieder gegen das Zentrum vendet und die Ausplaudereien werden damit be­tätigt. Wir können es in aller Ruhe ertragen.

Endlich aber geht der Reichskanzler auch ein- mal aus feiner Negation heraus; bisher horte man ihn immer sagen: nur nicht mit dem Zen- trum! davon hat das deutsche Volk nicht gelebt höchstens Kulturkämpfer rubelten ihm zu. ^etzt aber teilt er dem Zentralverband em „Stuck Pro­gramm" mit und hält es als die nächste Aufgabe „A bbest ellun g s o zral e r M iß st and e und Milderung der wirtschaftlichen Gegensätze." Ein sehr schönes Programm an dessen Durchführung das Zentrum seit 1871 gearbeitet hat und mit Erfolg. Aber der Reichskanzler scheint die Geschichte der deut­schen Parteien schlecht zu kennen, wenn er tn der weiteren Durchführung dieses Programmes auf die Hilfe der liberalen Parteien rechnet! Dieser Passus an die Liberalen ist und kann nur sein ein schlechter — Faschingscherz! denn gerade die Liberalen sind es gewesen,, die von 1877—1891 jede Sozialreform verhin­dert haben, die nach dem Arbeiterschutzgesetz von 1891 sofort wieder die Ruhepause forderten und sich seither der ersten Forderung einer ersolg- reichen Sozialreform: Maximalarbeitstag! aus das schärfste widersetzt haben! Die Liberalen mußten bisher immer auf diesem Gebiete mit Peitschenhieben vorwärts getrieben werden! ^etzt sollen sie Führer sein? Ein FMachtsscherz!

Aber die Liberalen können auch gerade hier keine Mehrheit stellen; zumal die Konservativen sich sehr zurückhalten! Gerade ohne das Zen­trum kommt man auf diesem Gebiete nicht vor­wärts. Das Zentrum hat seit,1877 die Füh­rung auf fozialpolitischem Gebiete und es wird sie von jetzt an noch mehr haben! Wie aber z. B. ein brauchbares Gesetz über die Rechtsfähigkeit der Berufsvereine gegen das Zentrum gemacht werden kann, ist uns ein Rätsel und so ber allen anderen Fragen! Wenn Fürst Bülow wirklich seine den Vertretern der christlichen Arbeiterschaft vor mehr als drei Jahren gegebene Zusage etn- lösen will, so m u ß er freilich e n e r g i s ch e S o- zialpolitik treiben; aber ohne das Zentrum bringt er dies nicht fertig. Er rechnet wohl da­mit, daß Graf Posadowsky ihm das Zentrum einholt. Das Zentrum wird sich freilich in der Arbeit für das Volkswohl nicht in die Ecke stellen, aber es wird eine Arbeit tun, die ihm gefällt und die es verantworten kann, nicht eine Re­gierungsarbeit!

HotattensOrud u. Verlag der.Rulboer A<- tiendrnlerei in Hulda. Hernsprecher Nr 9.

Am Hofe ahnte man von Eberhards Besuchen dort in dem fast gemiedenen Stadtteil nichts. Im Jüdenhof lvar man gewohnt, Herren jeden Standes Bornecks Haus betreten zu sehen; nur Leah schüttelte bedenklich den Kopf. Sie sah indessen das sonnige Lächeln, welches jedesmal, so oft Rochow kam, Rahels Antlitz überflog, und sie wollte ihrem Lieblinge die Freude nicht stö­ren, welche einen verklärenden Schimmer über ihr ganzes Wesen verbreitete. Eberhard harte wirklich zuerst nur die Absicht gehabt, bei häufi­gerem Sehen das Rätsel zu lösen, welches Rahel lhm in ihrer Umgebung zu sein schien, und die offenbare Dankbarkeit, welche sie ihm entgegen­brachte, dünkte ihm der schönste Lohn für die Stunden, die er dem einsamen Mädchen opferte. Später wurde es ihm fast Bedürfnis, sich mit ihr zu unterhalten, und leise, fast unmerklich, war dann die Liebe in sein Herz gezogen.

Ruben war nach wie vor, so oft seine Zeit es zuließ, zu Rahe! gekommen. Nie hatte er Eber­hard dort getroffen. Dennoch merkte er, daß eine Veränderung mit ihr vorgegangen. Sie war an­ders als sonst, so sinnig, so still. Sie verlangte nicht mehr mit heißem Sehnen fort, hinaus aus dem Jüdenhof, und Ruben, der sie seit ihrer Kind­heit liebte,, und sie für sich bestimmt glaubte, er­blickte darin eine Wendung zu seinen Gunsten. Er war nicht eitel genug, anznnehmen, daß sie von Anfang an das Gefühl, welches ihn zu ihr zog, erwidert habe, aber er hoffte, daß sie jetzt sich seinen Wünschen geneigt zeigen werde. Jedenfalls wollte er Gewißheit haben, und so beschloß er — der Einwilligung des Vckters seit langem sicher — mit ihr zu reden. e

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Fulda, Dienstag den 12. Februar 1907

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Eine Erzählung aus alter Zeit. Von A. M. Wi tte

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geschehen! Ob sie mitmachen, erscheint uns sehr De? Reichskanzler gibt sich einer gewalti- aen Täusch u n g hm, wenn er glaubt, das deutsche Volk h u n g e r e nach Liberalismus; da “"‘et sich zunächst von der Kreuzzettung sagen daß das ganze Geheimnis der Zentrums-

Uolge in niK anderem bestehe, als in der Treue der Katholiken gegen ihre Kirche. DaS wußte man schon vor den Wahlen. Der Liberalismus aber lebe auch nach den Wahlen iroch tn der Illusion, daß feine „werbende Kraft" tn der „religiösen Aufklärung" bestehe, der schließ- lich auch der Katholizismus nicht standhalten könne. Bestärkt werde er in diesem Irrtum durch die Aufklärungserfolge der Sozialdemokratie, die allerdings aus ihren Anhängern allen Glau- ben an eine geoffenbarte Religion ausgetrieben und an dessen Stelle einen Diesseitsglauben ge­setzt habe. Der Liberalismus könne diese Art von Aufklärung aber nicht nachahmen, da er kein foziales und politisches Zukunftsideal von einer allgemeinen weltlichen Glückseligkeit besitze. Er sei die Lebensans chauung der wohl­habenden Leute, denen die Tröstungen der Wissenschaft und Kunst zugänglich sind, die Zeit und Geld haben, Bücher zu lesen, Museen, Kon- zerte und Theater zu besuchen. .

Das protestantische Blatt hat recht; eine solche Lebensanschauung kann das Volk nicht halten und nicht begeistern; sie ist das Ideal der mate­riell Satten und geistig Hungern- d e it, die aber nicht zum Urquell aller Wahrheit gehen, sondern in Literatur, Kunst und Theater auf sittlichem und geistigem Gebiete Nahrung suchen. Für st Bülow muß das, Volk sehr schlecht kennen, wenn er meint, der Liberalismus wurzele in diesem; wenn es nicht bet „furor protestanticus“ wäre, der den Libera­len zum Siege verhilft, ihre eigenen Ideen wür­den kein einziges Reichstagsmandat erobern! Die große liberale Partei wird also nicht, so rasch und überhaupt nicht kommen; das Reich kann nicht so lange stille stehen, bis der Wunsch, des Fürsten Bülow in Erfüllung geht. Es müssen also vorerst noch andere Parteien an den Regie­rungsgeschäften sich beteiligen, aber diese sind jetzt gewarnt.

Eine persönliche Kundgebung hat der Reichskanzler an den Zentralverband deutscher Industriellen erlassen; man nennt diesen Verband sonst einen „Scharsmacher­verband"; jedenfalls ist er i n t e'r 5 o n f e s s i o - n e l l und will politisch neutral sein. Was der Verband dem Fürsten geschrieben hat, erfährt man nicht; jedenfalls sprach er vom Kampfe gegen die Sozialdemokratie, ob er einen Lohn für die geleistete Wahlhilfe forderte, wissen wir nicht. Der Lohn könnte nur im Stillstände der Sozial­reform bestehen. Fürst Bülow schreibt nun dem Zentralverband zurück: „Ich möchte dabei fest­stellen, daß der vorläufige (!) mit Erfolg beendete Kampf sich nicht einzig und allein gegen die So­zialdemokratie richtete. Das nationale Bürger­tum hat vielmehr durch fein Votum gegen die Sozialdemokratie auch eine parlamentarische Tak­tik verurteilt, durch deren Anwendung am 13. Dezember v. I. die damalige Minderheit von der Zentrumspartei unter Beihilfe der So­zialdemokratie niedergestimmt wurde. Es hieße den Geist der Nation verkennen, wenn man über dieses charakteristische Merkmal der jüngsten Wahlen hinwegsehen wollte."

Also jetzt erinnert sich der Reichskanzler wie­der plötzlich daran, daß er auch das Zentrum bekämpft habe. Diese Phrasen des Kampfes sind zu orginell: 1) Bis zum 25. Januar „vernichten­des" Feuer gegen den Zentrumsturm; 2) Er­folg: 93 Zentrumsabgeordnete, 28 liberale Ab­geordnete; 3) vom 25. Januar bis 5. Februar vollständiges Schweigen aller offiziösen Batte­rien gegen das Zentrum; 4) Erfolg: 17 neue

Sie saßen Heide am Fenster in Rahels Gemach und schauten den sich langsam herabsenkenden Schneeflocken zu, welche die Erde wie mit einem weißen Leichentuch bedeckten, als plötzlich Rahel, ihm zuvorkommend, mit ihrer schmalen Hand nach dem Fenster deutete und begann: „Seht, wie der Schnee herniedergleitet zur Erde und die Straßen bedeckt. Sternen gleichen die Flocken Sie scheinen mehr Licht zu bringen vom Himmel. Darum feiern auch wohl die Christen gerade im Winter das Fest, wo ihnen der Stern, das Her der Welt, erfchienen."

Erstaunt schaute Ruben das junge Mädchen an, aber mit den großen, dunklen Augen seinen Blick ruhig aushaltend, fuhr sie fort: „Ich habe es Dir längst sagen wollen, nein — bitten wollte ich Dich, mir Auskunft zu geben über etwas, das schwer aus meiner Seele lastet. Wenn nun doch jener Jesus von Nazareth, wie die Christen sa­gen, der Sohn Gottes gewesen wäre, wenn unsere Vorfahren das Heil der Welt an das Kreuz ge­schlagen hätten, es wirklich der verheißene Mes­sias gewesen ist!" — Entsetzt fuhr Ruben empor. „Rahel, wie wagst Du an dem zu rütteln, was uns zu glauben befohlen ward! Wer sprach Dir von jenem Manne, von dem damals angenommen war, er fei nicht der Verheißene? Bist Du nicht eine Tochter Abrahams, Isaaks und Jakobs, und sagst solche frevelhafte Worte?" Er legte wie be­schwörend seine Hand auf ihren Arm.

„Ich habe Dir ja auch noch nie erzählt, daß ich in der Kirche der Christen gewesen bin, wie mir dort einem Gottgesandten gleich der Prie­ster erschienen ist, welcher von Jesus gesprochen hat, erzählt hat von der Witwe, der dieser Jesus den einzigen Sohn zurückgab. , Erst hielt t'ch's tief verschlossen im Herzen, weil ich fürchtete, eine Sünde begangen zu haben, aber ich konnte seit­dem nicht mehr vergessen, was der Priester ver­kündete." Schneller und schneller drangen die Worte aus ihrem Munde.

Deutsches Reich.

Berlin, 11. Februar 1907.

* Keine neue Flottenvorlage? Aus den Mitteilungen des,Bayr. Kurier/ geht hervor, daß der Flottenverein aus eine neue große Flotten­vorlage rechnet. Jetzt hat Staatssekretär v. Tirpitz gegenüber einem englischen Journalisten erklärt: „In der ganzen Welt gibt es doch keine einzige F-age, die den Grund zu einer Angriffs-Aktion speziell gegen England für uns abgeben lönnte. Andernfalls hätten wir uns bewogen gesehen, 1906 eine Flottenvorlage von einem ganz andern Umfange einzubringen." Wenn also jetzt eine neue Flottenvorlage erscheinen würde, müßte Eng­land diese als gegen sich gerichiet ansehen; soviel geht aus der Auslassung v. Tirpitz hervor.

* Gouverneur Leutwein über Südwest- afrika. In einem Aufsatz des früheren Gou­verneurs „Südwestasrika und der neue Reichs­tag" sührt Leutwein u. a. aus: „Es ist auf alle

Ruben unterbrach sie: „Und darum wirst Du abtrünnig dem Glauben der Väter! o Rahel, warum zweifelst Du?"

„Weil dieser Zimmermanns Sohn Zeichen und Wunder getan, wie vor ihm niemand, wie nach ihm niemand, weil er mir selbst als das größte Wunder erscheint. Seit ich das erstemal von ihm vernommen, vermag ich nur den einen Ge­danken zu fassen, daß, hätte ich zu jener Zeit ge­lebt und gesehen, daß er selbst Tote zum Leben erwecken konnte, ich auch zu jenen gehört haben würde, die ihm gefolgt wären. Vergebens war mein Flehen zu Gott, den Gedanken aus meiner Seele zu reißen; auch dies scheint mir Beweis, daß es keine Sünde war."

Ruben hatte sie ohne Einwendung zu Ende sprechen lassen. „Weißt Du, Rahel, daß — wenn in Wahrheit Du denkst, was Du sagst. Du nicht mehr zu den Unseren zählst, Du dann in Wahr- heit schon Christin bist?"

Rahel antwortete nicht; in Gedanken ver­sunken schaute sie in die winterliche Dämmerung hinaus, aber ein strahlendes Licht schien in ihr aufzugehen, und sich zu Ruben wendend, sah sie ihn so durchdringend an, daß er bewegt von die­sem Ausdruck, ernst und liebevoll, sich zu ihr nei­gend, traurig, da er fühlte, daß er ihr wehe töt, fortfuhr: „Wie aber, wenn dies alles nicht wahr gewesen ist?"

„Ruben!" Wie in jähem Entsetzen schlug sie die Hände vor das Gesicht. „Hätte ich doch nie­mals gehört, daß es einen andern Glauben gibt! Welches ist der echte, wahre Glaube?"

Ruben war im Begriff, ihr etwas zu erwidern, da pochte es laut an die Tür, er wurde eiligst zu einem Schwerkranken gerufen. Schweren Her­zens ließ er Rahel zurück, nicht nur, weil wieder unausgesprochen geblieben, was er ihr so gern gesagt, sondern erst recht bewegt durch den Ge­danken, daß sie ibm innerlich ferner stehe, denn je.

Fälle zuzugeben, daß man dem seiner Verant« wortlichkeit sich bewußten Reichstags« abgeordneten es wohl nachfühlen kann, wenn ihn die fortgesetzten Forderungen für Südwest- aftika stutzig gemacht, wenn er sich zweifelnd ge« fragt hat, ob die Kolonien dem alten Vaterlande die jetzt von diesem verlangten gewaltigen Opfer je wird lohnen können; und wenn ihn der Ge­danke daran mißmutig gemacht hat, daß manche Fehler, welche uns in die jetzige Lage haben bringen helfen, vielleicht zu vermeiden gewesen wären. Ist es doch Pflicht des Reichs­tages, mit dem ihm anvertrauten Na­tionalvermögen sparsam zu wirt- schäften. Von diesem Standpunkt aus können wir daher der ablehnenden Mehrheit des Reichs­tages gleichfalls Gerechtigkeit widerfahren lassen. Wir dürfen nicht vergessen, daß es sich für den Reichstag nicht blos um die Bewilligung von Geldern gehandelt hat, sondern auch um die Sorge für deren Deckung. Sieht sich die Re- gierüng später zu neuen Steuerforderungen ge­zwungen, so will von den vorher so bewilligungs­bereiten Parteien in der Regel keine gern den Vortritt nehmen.....Sehr erwägens­

wert ist der vom Zentrum ausgehende Vorschlag, an die Stelle regulärer Soldaten Polizisten zu setzen, deren geringere Anzahl durch ihre größere Landeskunde ausgehoben werden wird..... Alles in allem hat uns der süd­

westafrikanische Aufstand von neuem die Lehre gegeben, wie leicht es ist, Kolonialkriege anzu­fangen, wie schwer aber, sie wieder zu beendigen. „Jede Frivolität in der Entfesselung von Kolo- nialkriegen sei uns fern", habe ich daher bereits im Jahre 1898 gelegentlich eines Vortrages ge« sagt. Lediglich das unüberlegte Han- deln eines deutschen Offiziers hat jetzt in Südwestafrika die äußere Veranlassung zu un­serer gegenwärtigen Lage gegeben. (Die Offi­ziösen haben dies in der Brofchüre: „Lugen des Herrn Erzberger" bekanntlich rundweg wezge- leugnet. Und jetzt?) .... Ich meiner« seits halte recht viel von Südwest­afrika; aber ich fürchte, wir nähern unS bedenklich der Grenze, jenseits, wel­cher das Geschäft da drüben ansängt, für uns ein recht schlechtes zu werden." Also eine neue Rechtfertigung der Haltung des Zentrums! _ v t.

r. Eine internationale Flottenschau findet rm nächsten Sommer in Nordame- ika statt. In Deutsch­land hat die leitende Marine-Behörde den 13. Mal als den spätesten Absahrtstag für die hierzu be­stimmte Kreuzerflotte bezeichnet. Die Amerikafahrt ist auf die Dauer von 3 Monaten bemessen.

.-. Einer Verschmelzung der freisinnigen Parteien redet das /Berliner Tageblatt in seiner Montagsausgabe das Wort. Es hält die Zeit für eine Verschmelzung der drei linksliberalen Parteien für gekommen. Demselben Gedanken gaben auch Schrader und Mommsen Ausdruck. Der „entschiedene" Liberalismus hat offenbar das Bedürfnis, nach außen mit einer „großen" Partei zu paradieren. Soll dadurch der Reichs­kanzler den freisinnigen Wünschen gefügig gemacht werden? .

.-. Mit der Feuerbestattung beschäftigte sich der evangelische Gemeindekirchenrat der Kaiser Wilhelms-Eedächtnisklrche zu Charlottenburg. Er beschloß, auf dem Friedhof einen Platz zur Ausstellung von Urnen bereitzustellen. Blälter- meldungen zufolge soll die Geistlichkeit der Kirche dem Plane sympathisch gegenüberstehen. Weiter

Rahel blieb sinnend zurück. Das Wetter hatte sich aufgeklärt; der blasse Vollmond stieg am Himmel auf, und in seinem Schimmer sah sie den Schnee auf der Straße feenhaft erglänzen. Ihr Kopf war so schwer, ihre Knie zitterten, — cm inbrünstiges Gebet zu Gott, zu dem Gott der Liebe, dem Vater seiner Menschenkinder, drang über ihre Lippen, als ihr Vater begleitet von der alten Leah, bei ihr eintrat.

„Rahel, mein Kind", sagte er, „ich habe heute viel Glück bei meinen Geschäften gehabt, da habe ich auch meinem einzigen Kinde eine große Freude machen wollen. Schau her di'wn Schmuck! Er ist würdig, auf dem Nacken einer Fürstin zu prangen!" , .

Damit öffnete er ein Etui, und em.pracht­volles Halsband von Rubinen glänzte ihr ent­gegen. Fast gleichgiltig fah Rahel es an.

Dank Dir, Vater, daß Du stets meiner ge­denkst. Aber, was soll ein so wertvoller Gegen- stand für mich? Dürfen wir doch nicht solchen Staat machen, wie es dem Adel gestattet ist." Borneck ließ das Geschmeide durch seine Fin­ger gleiten. „Wo wäre eine Tochter des Adels, die sich mit Dir messen könnte, nicht wahr, Leah?" wandte er sich fragend zu der Dienerin, während er das Halsband auf Rahels Nacken befestigte.

Die Tochter zuckte leicht unter der Berührung zusammen, sie dünkte sich nicht wert der Liebe ihres Vaters, da sie abgewichen war von dem Glauben, den er für den wahren hielt; die Pie­tät, das Erbteil der jüdischen Nasse, wurzelte doch noch tief in ihr.

„Sind wir etwa schlechter, als die Christen?" stieß er fast heftig hervor, „wahrlich, sie falle, noch büßen alle Frevcltaten, die sie an uns M gangen!"

, „Ich glaube nicht, daß alle Christen schleckt sind", versuchte Rahel, ihn zu besänftigen, „wa-

, tum . . ."

Das Zentrum und Wst Vülow.

Die Sehnsucht der Liberalen ist erfüllt wor- »en- der Reichskanzler hat sich gleich zwei­mal gegen das Zentrum ausgesprochen, das eine Mal in entern Schreiben an denZen tralverband der deutschen Jnou BrieIIen und das andere Mal durch einen feiner Vertrauten gegenüber dem Vertreter des fcarifer Ternps". Es ist ganz selbstverständlich, baß ein solcher Vertrauter offener sein kann und me h r sagt, als der Reichskanzler in einem «riefe niederlegt. Deshalb lassen wir dem Temps" den Vortritt und finden nun hier M- gende bemerkenswerte Auslassungen der, Sprach- Rohres des Fürsten Bülow.

„Der Kanzler denkt nicht daran,, mit dem Zentrum zu regieren, er wird seine ©tun- men nicht zurückweisen, aber fie nie zu gewinnen versuchen. Er kann zunächst nicht eine Politik in ausschließlich liberalem Smne machen, denn da- zu brauchte er eine große und starke liberale Par­tei • aber er wird den Liberalen weiten Spielraum geben in Erwartung der gro­ßen liberalen Partei, die vielleicht die Zukunft dringen wird, und die dem Fürsten von Bulow, ■<x, sogar dem Kaiser durchaus nicht u n- v i l l k o m m e n wäre. Da der Kanzler auf eine feste Majorität nicht rechnen kann, muß er eine olche von Fall zu Fall zu gewinnen suchen Er vird dabei von den Liberalen kem Auf gehen Wer Grundsätze verlangen, fetzt aber voraus, -vß sie klug genug fein werden, ine natürliche Entwicklung der Dinge nicht zu hindern und Zen- trum und Konservative einander nicht tn die Arme zu treiben. Der Einfluß des Zentrums ist zur Zeit so gering wie nur denkbar, und der Kaiser ist noch weniger für das Zentrum einge­nommen als sein Kanzler. Wir selber (Bulow und sein Intimus) haben sogar die Empfindung gehabt, als wäre in der letzten Ansprache des Kaisers, in der niemand in Deutschland etwas anderes gesehen hat als eine Aufforderung zum Kampfe gegen die Sozialdemokratie, auch eine Spitze gegen das Zentrum gewesen. Un­ter einer „nationalen Mehrheit" verstehen wir eine Mehrheit, die »ns nicht bei jeder militari- scheu oder kolonialen Ausgabe Schwierigkeiten macht, eine nationale Mehrheit, wie sie zum Bei­spiel im französischen Parlament sich findet."

Es sind zwar keine neuen Gedanken [n dieser Unterredung ausgesprochen; aber es ist bemerkenswert, von welcher Seite sie stam­men. Der Reichskanzler läßt also verbreiten, daß er an ein Zusammenarbeiten mit dem Zentrum nicht denke; er will sich auf die Liberalen verlassen. Freilich stellen diese vorerst nur Va aller Abgeordneten; aber der Bürst glaubt, daß eine große liberale Partei im ilden begriffen sei und mit der soll dann in Zu­kunft gegendasZentrumunddieKon- servativen regiert werden. Es ist sehr gut, daß man dieses Ziel kennt; denn zunächst wird hierdurch die Stichwahltaktik des Zentrums glänzend gerechtfertigt; jetzt wird jeder Zentrumswähler einsehen, wie gut das Zentrum handelte, daß es die Liberalen nicht unterstützte. Dann aber sind durch diese Zukunstspläne auch die Konservativen gewarnt; das Zentrum braucht man nicht mehr zu warnen; es hat sein Teil Mißtrauen in sich auf genommen und wird selbstverständlich alles dazu beitragen, um das Zusammenregieren mit den Liberalen unmöglich zu machen. Vorerst sollen aber die Konservativen hierfür geneigt sein; wie man vor Beginn des Kulturkampfes die Konservativen an den^iberaler^^agei^pannte^so^so^^wieder