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Huldaer |

34. Jahrgang

Fulda, Samstag den 9. Februar 1907

M 33.

(Nachdruck verboten.)

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Ein dichter Schleier verbarg ihr Gesicht den anderen Menschen, ein großer Mantel verhüllte ihre schlanke Gestalt. Ungesehen gelangte sie an? dem eisernen Tore, nnd, der Schar der Kirch­gänger folgend, betrat sie bald die Ntkolaikirche. Diese war'dicht gefüllt. Rahel blieb schüchtern im Hintergründe stehen und konnte sich eines eigentümlichen Gefühles nicht erwehren, als sie sich im Gotteshause umschaute. Hatte ihre eigene Kirche sie je so zur Andacht gestimmt?

Unwillkürlich zog es sie auf die Knie nieder, und andächtig lauschte sie dem Gesänge, der wie aus einer anderen -Welt zu ihr hinab zu schweben schien. Sie fühlte sich auf's tiefste erregt. Sie betrachtete das Altarbild, die Mutter Gottes mit dem Iesusknaben. Ja, gewiß, das mußte der Sohn Gottes, der verheißene Messias sein! Und das seine Mutter, die zarte Jungfrau, die den Herrn der Welt geboren! Warum hatten ihre Vorväter nicht an ihn geglaubt? ~Unb doch, wenn heute eines Zimmermanns Sohn, aufstchen würde, der Welt zu verkünden, er sei der Ver­heißene, der Messias, der.Sohn Gottes — würden da alle an ihn glauben, das Heil der Welt in ihm sehen?

Ein tiefer Zwiespalt war in ihr Herz gezogen. Warum hatte man ihr nie ausführlich von dem Christenglauben gesprochen, warum die Christen stets nur verurteilt, als Feinde ihres Volkes? — Wenn der Gott, zu dem diese beteten, sich ver­gebend zu der sündigen Menschheit geneigt hatte; wenn er der Gott der Liebe war, wie auf der Kanzel der Geistliche es sagte, dann war es er­klärlich, haß man mit Vertrauen zu ihm kommen konnte, nicht mit Furcht,, wie zu dem Gott der

Wenn das kindisch ist, so ist es doch zugleich ' iinstIerisch. Ein rechter Karneval soll eigent- ich eine Schaubühne auf Gegenseitigkeit sein, wo jeder zugleich Zuschauer und Mitspieler ist.

Der künstlerische Zug kommt auch jetzt noch zum Durchbruch, wenn die großen Karnewlsge- ellschaften ihre wohlvorbereiteten Aufzüge veran- kalten, oder wenn zum Beispiel der Malkasten tn Düsseldorf seine berühmten Feste feiert. Aber bei der großen Masse des Volkes stirbt in der neueren Zeit die künstlerische Gestaltungskraft ab. Die Phantasie wird immer trockener und schwind;uch- tiger. In unsere nüchterne Zeit will keine Poesie hineinpassen; auch kein Humor mehr, höchstens der ätzende Witz. In Berlin hat es im Mittel­alter auch mal einen Karneval gegeben; aber als in den 70er Jahren versuchsweise mal ein Fast­nachtszug über die Leipziger Straße hier veran­staltet wurde, da zeigte sich, daß die modernen Berliner überhaupt kein Verständnis mehr hat­ten für solche künstlerische Umkehrung der Verhält­nisse, geschweige denn die Fähigkeit zum Mit­spielen. .

Der moderne Karneval krankt an allen drei Wurzeln: es fehlt an der kindlichen Gemütlich­keit, es fehlt an der künstlerischen Begabung und es fehlt auch an dem gesellschaftlichen Sinn. Die Komödie, welche die Menschen da miteinander aufführen, kann nur gelingen, wenn sich alle Be­teiligten als eine zusammengehörige Einheit füh­len, von einer Art Familienaeist beseelt sind, ^n den alten Städten bildete die Bürgerschaft eine wohlgeordnete Familie; da konnte es auch in den Tagen der Karnevalsfreiheit lustig zugehcn, ohne daß es zu Roheiten und Gemeinheiten kam. Die anständigen und soliden Elemente des Volkes be­hielten da immer die Oberhand. In den moder­nen Großstädten mit ihrer fluktuierenden Bevöl­kerung ist es umgekehrt; wenn die Polizei die Zügel etwas locker läßt, so beherrscht sofort der Pöbel die Straße itnb die öffentlichen Lokale.

Ueber den „Kölner Karneval des 20. Jahrhunderts" hat Heinrich Weertz eine sehr lehrreiche Broschüre geschrieben, erschienen bei Breer und Thiemann in Hamm, die auf 2b Seiten die Entartung des dortigen Karnevaltrer- bens schildert und Vorschläge zur Reform macht. Es ist ein erschreckliches Bild, das uns der Ver- fasser auf Grund seiner Beobachtungen und seiner Erfahrungen als Seelsorger vorführt, sowohl tn den Gürzenichbällen unseligen Andenkens als von dem rohen Straßentreiben in den drei Fast- nachtstagen und leider auch Fastnachtsnachten. Der Verfasser schüttet aber doch nicht das Kind mit dem Bade aus, sondern begnügt sich mit recht gemäßigten und wohl durchführbaren Besserungs­vorschlägen. Eine einschneidende Maßregel ver- langt er nur gegen den Straßenskandal; auf die Gefahr hin, daß es die betrunkenen Radaubruder im Anfang zu einer Katastrophe kommen lassen, müsse die'Polizei die Zotenlieder unterdrücken, den Lärm eindämmen, das Umhertreiben der Kin­der in den nächtlichen Stunden verhindern und zu einer bestimmten Stunde, etwa Mitternacht, Ruh- erzwingen. Mir scheint, das ist wirklich nifit zu viel verlangt, sondern eher noch zu wenig. Viel- leicht könnte die Polizei sich mit den besseren Kar- nevalsgesellschaften in Verbindung setzen, sodaß i» denjenigen Stunden, die dem Straßentreiben freigegeben sind, die geeigneten Vereinsmitglie­der planmäßig mit tätig wären, um durch ihr Vorbild den guten Humor zu pflegen und zugleich mit Hilfe des polizeilichen Rückhalts die airs­tauchenden Roheiten im Keime zu ersticken Mit Recht sagte der Präsident der Narrenzunft: die Behörde'allein sei machtlos, Selbsthilfe gegen den Schmutz sei nötig; erst wenn die Behörde vom Publikum unterstützt werde, lasse sich das Unan- ständige vom Karneval fernhalten. Gewiß, das Publikum 1 rnt sich ja gar nicht, gegen die Ra-

Crfd «int täglich, mit Ausnahme der Sonn» und Feiertage Viertel» jährl.Be;ugspr«ir ohne vringerlohn und veitellgeld in Hulda und nnstoärts l Mk 50 Pf9-

Eberhard von Rochow war nach Berlin zurück­gekehrt. Seine Reisen hatten seinen Gesichtskreis erweitert. Der Aufenthalt bei seinen Verwand­ten an den verschiedensten Höfen hatte ihn an­dere Sitten und Gebräuche kennen gelernt. Als vollendeter Kavalier kehrte er in die Heimat zu­rück und wurde gnädig vom Kurfürsten ausge­nommen. War Joachim I. doch selbst ein Fürst von hohem Talente, von den glänzendsten Eigen­schaften des Geistes und Herzens. Damals be­stand auch noch die innigste Harmonie zwischen ihm und seiner hohen Gemahlin. Aber Joachim war das Bild seiner Zeit, jener Zeit, in der mil­dere Sitte und verfeinertes Geistesleben anfingen sich Bahn zu brechen und doch teilweise noch be­fangen war von dem Aberglauben des Mitte'- alters. Joachim liebte sein Volk, hielt aber au' strenge Ordnung; er stellte sich selbst unter den Gerichtshof, war aber auch unnachsichtlich gegen

An;«iaen: vir ein« spalttge petit;elle oder deren Kaum 15 pfg. Rdlatr.cn Ke Peliizei!« 25 pfg.; bei Wieder­holungen wird entspr. Rabatt gewährt.

hat sich aber der Kriegslärm gelegt und die bei­derseitigen Regierungen sind bemüht, einen Uu.- gleich zu finden. Daß Amerika darauf bedacht ist, sich des japanischen Andranges zu erwehren, ist begreiflich; es sollte aber auch wissen, wie chwierig und gefährlich es ist, an die Rassenfrage heranzutreten.

verantwortlicher Schriftleiter: 2- vaum;

w»ch-nb-iiag«:„ZllustricrteSonntagrzeitung

die welche vom Gericht verurteilt wurden und sprach niemals das Wort Gnade aus. Seine Gemahlin bat in der ersten Zeit ihrer Ehe oft um das Leben der Verurteilten, nie erfüllte er solchen Wunsch. Liegt hier der erste Grund zu jener Entfremdung, welche später zur Trennung der Gatten führte?!

Die glänzenden Eigenschaften, das starke Rechtsgefühl teilte sein Jugendgefährte Rochow mit ihm, darum hieß der Kurfürst ihn bei seiner Heimkehr gleich wieder freundlich am Hofe will­kommen und wies ihn dem Hofstaate der Kur- fürstin Elisabeth zu. Schnell befestigte sich Ro- chow's Stellung. Beliebt bei Jung und Alt, sah er manch schönes Familienauge sich besonders zu- gewendet, und er hätte nur die Wahl unter den Edeldamen treffen dürfen, nm die lieblichste Blume der Mark heimzuführen; aber sein Herz war immer noch kalt geblieben. Er teilte das Bestreben des Kurfürsten, der von frühester Ju­gend an durch tüchtige Lehrer unterrichtet, von hohem Wissensdrang erfüllt war, sich fortzubildeii, und so nahmen sie gemeinsam noch Unterricht in der lateinischen und griechischen Sprache, tote in Mathematik und Geschichte.

Auf dem Schloß zu Köln an der Spree war eine Sternwarte errichtet, von der sie beide den Lauf der Gestirne beobachteten, mancher stillen Nacht brannte in dem Arbeitszimmer de- Herrschers, wo beide dem Vortrag des Sterndeu­ters Carion zuhörten, noch Licht bis zum Mor­gendämmern. Aber auch das Vergnügen einte beide Bei den glänzenden Ritterturnieren, bei den großen Jagden, welche Joachim, der Prun­kende Feste besonders liebte, häufig veranstaltete, war sein Liebling Eberhard stets an seiner Seite. Dennoch batte letzterer am Hofe feinen Neider; fein entgegenkommendes, liebenswürdiges Wesen erwarb ihm nur Freunde. .

Bald nach Eberhard's Rückkehr hatte ein glan­zendes Turnier in Neuruppin stattgefunden, an dem Eberhard selbstverständlich teilnahm. Auf dem Heimweg passierte man ein Zigeunerlager,

Unpolitische Zeitläufe.

(::) Berlin, 7. Februar 1907.

(Nachdruck verboten.)

Karneval! Das Wort hat immer noch einen poetischen Klang, und zwar am reinsten fur dre, welche recht weit von den Stammburgen des Kar­nevals sitzen. Aber die, welche mitten darin stehen, klagen immer lauter und immer bitterer über di« Entartung des Karnevals. Die Masken- reiheit wird zu Roheiten und Unslätigkeiten be­nutzt; statt Humor und Scherz "-Schmutz und Gemeinheit; der Abschaum der Menschheit be- herrscht die Straße und gibt den Ton an. Was bleibt dann noch von dem Geist und der Grazie des alten Karnevals übrig, wenn das „Volksfest darin gipfelt, daß betrunkene Banden in bunter Reihe über die Straßen hin- und herbummeln und dabei stundenlang bis in den Hellen Morgen hinein einen und denselben Vers eines blödsinni­gen und schweinerischen Lisdes gröhlend wieder- holen? m ,

Nicht bloß in Deutschland, auch m R o m, des- en Karneval seinerzeit Goethe so wohlwollend geschildert, geht die alte Herrlichkeit zu Ende. Es müssen also in den allgemeinen Verhältnis! en der neueren Zeit die Gründe für den Niedergang des Karnevals stecken. Sie sind auch nicht schwer zu finden. .. t . ...

Der Karneval hat etwas kindliches au sich; einige werden sogar sagen: etwas kindische» Das' kommt schließlich auf eins hinaus: es gibt heutzutage keine erwachfenen Kinder mehr und deshalb auch keinen rechten Karneval mehr. Das Kind treibt immer Theaterspiel und Mnmmen- schanz; von der Puppenstube bis zum Rauber- nhb Genbarmspiel der größeren zeigt sich überall das Bestreben der Kinder, etwas anderes darzu- ftellen, als sie selbst sind, und die Personen und Dinge um sich her ebenfalls etwas anderes bar« stellen zu lassen, als sie finb. Ein frisch und frei aufwachsendes Kind feiert bas ganze Jahr Karne- val Seine Phantasie ist eine lebhafte Tätigkeit und ermöglicht ihm, mit den allergeringsten äuße­ren Hilfsmitteln fortwährend neue Schauspiele aufzuführen. Das kleine Mädchen macht der Stiefelknecht zu ihrer Schülerin, um selbst mal die gestrenge Lehrerin darstellen zu können, und bei den Jungen genügt der Stock, um den Reiter zu spielen, und ein Papierhelm, um sich als Ge­neral zu fühlen. , t ,r, _ .

Das kindliche Spiel und das kindische Trei­ben hören auf, Wenn Arbeit und Sorge uns in Beschlag nehmen. Aber kann man sich nicht em paar Ausnahmetage im Jahre gestatten, wo man ich wieder in die Kindheit versetzt und eine an­dere Rolle spielt, als wie das Schicksal einem zu- gewiesen hat? Diese Frage wurde schon im alten Rom mit Ja beantwortet; in den Saturnalien stellte man die soziale Ordnung auf den Kopf; die Diener (Sklaven) fpielten die Herren, gerade wie die Kinder Mutter oder Vater zu spielen pflegen. Dem späteren Karneval liegt auch die Parole zu gründe: Wir wollen sür eine kurze Weile mal etwas anderes sein, als wir sind! Unser Ideal soll vorübergehend verwirklicht werden! So erwacht in den Dienstmädchen der Trieb, sich als Jungfrau von Orleans oder gar als Maria Stuart zu produzieren, und der allezeit höfliche Ladenjüngling will sich als spanischer Grando spreizen. __________________

WcrHeQ

Eine Erzählung ans aller Zeit. Von A. M. W i t te

wochen-Run-jchau.

X Fulda, 9. Februar 1907.

Die Wahlschlacht ist vorüber, nun kann die ruhige Ueberlegung Platz greifen, um das Feld zu überschauen. Gegen die Soztaldemo- fratie, Polen, Welsen und Zentrum zog die Re­gierung zu Felde. Als aber das Zentrum tu den Hauptwahlen nicht vernichtet wurde, gaben sich die offiziösen Wahlmacher alle Muhe, seine Be­kämpfung in den Stichwahlen gänzlich auszuschal- ten. In den Stichwahlen behauptete das Zen­trum, von geringen Verlusten abgesehen, nicht nur feinen bisherigen Mandatsbesitz, fonbern ging noch gestärkt aus dem Kampfe hervor ,104 Man- bäte zählte es am 13. Dezember, jetzt zieht es nut 109 Mitgliedern in den neuen Reichstag em. An 36 Stichwahlen war es beteiligt, tu 16 fiel die Entscheidung zu seinen Gunsten. Umgekehrt ist die Sozialdemokratie bedeutend geschwächt aus dem Wahlkampfe hervorgegangen. Von 79 Sitzen sind ihr nur 43. geblieben. Insofern hat also die Regierung einen Sieg davongetragen, als die Politik im Reichstag nicht von den Stimmen, sondern von der Zahl der Mandate abhängig ist. Nicht aber hat Fürst Bülow vermocht, die sozial­demokratischen Stimmen selbst zurückzudrängen. Solange ihm das nicht gelingt, beruht sein Sieg nur auf schwachen Füßen. Den Prosit aus den sozialdemokratischen Verlusten haben die „natio­nalen" Parteien eingeheimst. Im großen ganzen ist ja jetzt die „nationale" Mehrheit erreicht. An­dererseits hat der Reichstag aber noch ganz andere .Aufgaben zu erfüllen, welche nach wie vor ohne die Hilfe des Zentrums nicht gelöst werden kön­nen. So kann das Zentrum der Entwickelung der Dinge mit Ruhe zusehen.

Der neue Reichstag ist schon einberufen worden. Er tritt bereits am 19. Februar zu seiner ersten Tagung zusammen. Die Wahl des Prä- sidiums scheint diesmal nicht so glatt ablaufen zu sollen, da der liberale Block sich mit dem Gedan­ken trägt, auf den Präsidenfenposten Anspruch zu erbeben. Die stärkste Partei ist aber das Zentrum geblieben, das auch dem Liberalismus zuliebe keinen Anlaß bat, auf fein parlamentarisches Ge- pflogenbeitsrecht zu verzichten. Als einer der ersten Punkte wird auch wieder der Nachtrac,setat für Südwestafrika erscheinen. Sind aber die ko- lonialen Fragen erst einmal erledigt, dann bat der Roichskanfter volle fünf Jahre vor sich, welche ibn vor die schwierigsten Aufgaben stellen. Im Wahlkampf spielten die Angriffe auf das Reichs- taaswabl^echt eine große Rolle. Zwar hat der Reichskanzler erklärt, daß die Regierung an eine Verschlechterung dieses Rechtes nicht denke. Diese Worte haben umsoweniger Bedeutung, als die Regierung unter einer Abänderung niemals eine Verschlechterung versteht und Fürst Bülow selbst nicht weiß, wie lange er noch im Amte bleibt, also auch nicht in der Lage ist, über die etwaigen Absichten seines Nachfolgers irgend welche An- hallsvunkte zu geben. Da auch die Sozialpolitik neue Aufgaben bringt, ist es sehr erfreulich, daß das Zentrum wieder die stärkste Partei geblie­ben ist. r , „ .

Ein zweiter Friedenskongreß soll tn diesem Sommer zufammentreten. Der erste wurde vom Zaren cinbcrufen, für den zweiten hat eben­falls Rußland die Einladungen ergeben lassen. Sie erfolgten schon im vorigen Jahre und sind auf verschiedene Erfahrungen zurückzufübren, die Rußland im Kriege mit Japan gemacht hat. In England imd Amerika machen sich aber Bestre­bungen geltend, welche von dem Kongreß die Er-

und unter Scherz und Lachen beschlossen die jungen Edelleute, sich wahrsagen zu lassen.

Sie näherten sich dem lodernden Feuer, um das sich der Stamm gelagert hatte. Schwarz- wolkiger Rauch verhüllte zuweilen auf Augen- blicke die hageren Gestalten, welche, teilweise am Boden liegend, teilweise an den Baumstämmen lehnend, auf die Edelleute blickten. Die Hand des ältesten Zigeuners schleuderte gerade ein neues Scheit in das Feuer, sodaß eine glühende Funkengarbe emporsprühte und ihren Schein auf Eberhard von Rochow warf, der dem Alten den Wunsch der heiteren Gesellschaft kund tat. —

„Stria", sprach der Greis heiser und tonlos, „sag ihnen die Zukunft!"

Eine schlanke Frauengestalt näherte sich Ro­chow. Die roten Lichter glitten über ihre bronze- neu Züge, die schwarzen Augensterne funkelten mehr, als die roten und blauen Steine, die ihren .Hals und ihre Arme umgaben. ..Ihre Awarzen Flechten hingen lang über den Rücken Sie faßte des Ritters Hand und sprach, nachdem sie die Linien derselben geprüft, mit monotoner Stimme:

„Vor Vertrauen mögt Euch hüten, durch Ver- trauen findet Ihr Liebe, aber die Liebe findet den Tod."

Eberhard lachte: „Warum mich vor Vertrauen hüten, wenn mir der Liebe Gunst dadurch zuteil wird? Und daß jede Liebe einst zu Ende geht, mein schönes Kind, das hätte ich selbst mir wohl sagen können; dazu bedurfte es wahrlich Deiner Kenntnisse nicht"! Er warf ihr Geld in die Schürze und folgte den voraneilenden Genossen.

„Vergebens war den ganzen Tag mein Be­mühen, Dich zu sprechen, Eberhard! Ein Wort vergönne mir!" rief im Vorbeireiten fein Vetter, der ebenfalls im Dienste der Kurfürstin Elisabeth stand, ihm zu. Den Zügel nach links ziehend, ritt Eberhard bereitwillig an seine Seite.

(Fortsetzung folgt.)

lebigung mancherlei Sonderinteressen wünschen. Infolge dessen ist es sehr fraglich, ob von dem zweiten Kongreß bessere Früchte zu erwarten |mb als von dem ersten. .

Im ungarischen Kabinett hat sich em Personenwechsel vollzogen. Der farnofe ^usttz- minister Polonyi hat mit eherner Stirn uni seine Existenz gekämpft. Seine Kollegen, so angewidert sie von seinem Treiben sein mochten, haben ihn solange als möglich gehalten, weil er zu viel toetB, und weil die Korruption tm Lager der . allmächti­gen Koalition zu groß ist, als daß nicht ihr ganzes künstliches Gebäude zusammensturzen mußte, wenn aus ihm erst ein paar untüchtige Steine herausgepröckelt sind. Aber es gibt eben Dinge, die sich nicht mehr vertuschen lassen. Die Angele- genheit Polonyi war auf diesem Punkte angekom­men. So hat man ihn denn mit Mühe und Not ausgeschifft und ihm überlassen, auf dem Rechts­wege den Abgeordneten Lengyer, der den allmäch­tigen Mann fo fcharf angepackt hat, zur Verant- Wortung zu ziehen. Diese Rückzugskanonade hin- dort aber nicht, daß Polonyi abgetan ist. An seine Stelle ist in dem bisherigen Staatssekre­tär im Justizministerium, Dr. Günther, em tadel­loser Mann getreten. Aber es fragt sich noch ehr, ob damit diese unerquickliche Affäre erledigt ist, und ob nicht dem Sturze Polonyis sehr bald der Sturz der heillos kompromittierten Unabhän- gigkeitspartei folgen wird.

In Oesterreich aber ist jetzt die Wahlre­form in den Hafen gebracht worden. Das Kurien­parlament konnte nach Hanse geschickt werden. An einer Stelle wird ein auf Grund des allgemeinen Wahlrechts gewähltes Parlament zurückkehren. Diese für Oesterreich vermutlich bedeutsame Re­form wird dem von Nationalkämpfen zerrissenen Reiche eine Lebenskraft und eilten festen Zusam­menhalt geben ,toie ihn Oesterreich nie besessen hat. Bisher konnte es sich des ungarischen Drän­gens kaum erwehren. In Zukunft wird es spi«, lend mit ihm fertig werden. So ändert sich blR- Bild. Aber es ändert sich glücklicherweise in einer Art, die für das deutsche Reich nur erfreulich fein kann. Ein starkes Oesterreich ist die beste Bürg­schaft für ein starkes Deutsches Reich. Beide Län­der werden in Zukunft noch ganz andere gemein­same Ausgaben zu erfüllen haben als bisher schon. Nur sollte man sich im Deutschen Reiche wieder mehr darauf besinnen, daß die Entfesselung der Volkskraft einem Reiche die Gewähr dauernder Größe bietet.

In F r a n k r e i ch scheint sich zwischen Regie­rung und Kirche ein Ausgleich anzubahnen. Die Kammer hat einen Entwurf angenommen, welcher die unentgeltliche Vermietung der Kirchengebäude an die Geistlichkeit betrifft. Mit dieser Frage be­schäftigte sich die Versammlung der französischen Bischöfe, welchen vom hl. Vater gestattet wurde, über diesen Punkt mit der Negierung zu verhan­deln, um den Katholiken die Fortführung der got­tesdienstlichen Verrichtungen zu gestatten. Nun hat der französische Episkopat einen Mietsver­tragsentwurf festgestellt. Die Regierung beant­wortete ihn nun mit einem Gegenentwurf, wel­cher sich von dem bischöflichen Vertrag wesentlich unterscheidet. Damit ist zwar der erwartete Aus­gleich nochmals in Frage gestellt, die Herren am Staatsruder müssen aber zur Einsicht gelangen, daß mit ihrem Draufdrängertum auf die Dauer nicht regiert werden farm.

In Amerika hat sich der Zwischenfall mit Japan verschärft. Man schreckte sogar nicht da­vor zurück, mit dem Kriege zu spielen. Der Kon­flikt nahm seinen Anfang in Kalifornien, als bet Schulrat, in San Franzisko beschloß, die japa­nischen Kinber von ben öffentlichen Schulen aus- zufchließen. Durch solche Maßregeln fühlte sich Japan beleibigt unb faßte sie als eine Verletzung der bestehenden Verträge auf. Glücklicherweise

Rache, zu dem Leah sie beten gelehrt; — daß man ihn lieben lernte von ganzem Heizen als den Vater feiner Menschenkinder. Sie bemerkte es kaum, daß der Gottesdienst beendet war, daß die Andächtigen die Kirche verließen; sie sah nicht, daß ihre noch immer kniende Gestalt von ben meisten neugierig betrachtet mürbe,_ — erst als ber Geistliche, ben Mittelgang ber Kirche da­her kommend, sie fragend anschaute und vor ihr stehen blieb, da erhob sie sich und, wie ans tiefem Traum erwachend, ging sie beim.

Als die Erregung allgemach von ihr gewichen war, klagte sie sich selbst an, diesen Schritt getan und über den anderen Glauben soviel nachgedacht zu haben. Aber das Samenkorn, das zu jener Stunde in ihr Herz gefallen war, schlug tiefet und tiefer Wurzel, sie mußte immer wieder über den Christenglauben nachgrübeln, und sie beschloß endlich, sich ihrem Lehrer anzuvertrauen. Bevor sie diesen Vorsatz ausführte, trat jedoch ein Er­eignis ein, welches ebenfalls den tiefsten Ein­fluß auf ihr Leben ausübte.

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