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Rotationsdruck n. Verlag der Zuldaer Ac- tiendr rckerei in Zulda. Zernsprecher Nr 9.

M 33.

34. Jahrgang.

Fulda, Samstag den 9. Februar 1907.

Erstes Matt.

(:) vie Enthüllungen der „Bayeri­schen Kuriers“*

Das Münchener Zentrumsorgan, der „Baye- rische Kurier", ist in der Lage, fernen Lesern einen Briefwechsel zu unterbrerten, welcher im abgelaufenen Wahlkampfe zwischen dem Reichskanzler, dem Chef der Rerchs- k a n z l e i, dem Vorsitzenden des F l o t t en v e r- eins und anderen Herren aus „nationalen Kreisen geführt wurde. .Was uns in diesen Kor- respondenzen eröffnet wird, läßt die offiziöse und „nationale" Wahlmache in einem noch viel son- derbareren Lichte erscheinen, als sie so tote, so sich schon gezeigt hat. Kein Wunder, daß diese Veröffentlichungen dem „nationalen" Blatter- toald so unbequem sind und ihm so ungelegen kom­men, daß bis jetzt kein einziges Blatt es über sich gebracht hat, von dem in der Tat sehr interes­santen Inhalt der Briefe auch nur andeutungs- oder auszugsweise Notiz zu nehmen. Anderseits setzen sie sich aber als Sittenrichter über den „Bayerischen Kurier" und seinen Gewährsmann. Bei ihnen ist es ausgemachte Sache, daß die Briefe zu nächtlicher Zeit aus verschlossenem Schrank mit Hilfe Nachschlüssels gestohlen worden sind, und sie ergehen sich in den schärfsten Re­densarten gegen die „ultramontanen Stehler und Hehler", wie die „Post", der „Reichsbote" usw. m der Abendausgabe vom 8. Februar dies tun.

Auf welche Weise der Bayerische Kurier in den Besitz der zur Kennzeichnung der „nationalen" Wahlmache so überaus wertvollen Schriftstücke bezw. Abschriften davon gelangt ist, haben wir hier nicht zu untersuchen. Ein starkes Stück ist es aber, wenn z. B. der „Reichsbote" schreibt: „Und der Bayerische Kurier ist bezüglich der ge­stohlenen Schriftstücke der Ansicht, daß der Zweck jedes Mittel heiligt. Deshalb ist er auch nicht davor zurückgeschreckt, durch verbrecherische Mani­pulationen in den Besitz der vertraulichen Briefe zu kommen, damit der Gegner niedergeschlagen werde." Oder wenn es in der freikonservativen „Post" heißt: „Um so unbegreiflicher ist es, daß fromme Zentrumsleute um einer so belanglosen Sache willen skrupellos die harte Gewissensbe­lastung mit der Förderung und Begünstigung schweren Diebstahls auf sich nahmen."

Auf solche Anrempelung wird der „Bayerische Kurier" die Antwort nicht schuldig bleiben und Wir wollen ihm nicht vorgreifen; schärfste Mißbilligung fordert aber das Gebühren heraus, dem „Bayerischen Kurier" ohne weiteres den guten Glauben abzusprechen und ihn von Vornherein des Diebstahls oder der Hehlerei zu bezichtigen, ohne die Beweise dafür in den Händen zu haben. Man mag über die Veröffentlichung derartiger Briefe inbezug auf die gesellschaftliche Sitte auch anderer Ansicht sein; nachdem nun aber einmal die Enthüllungen gemacht sind, wäre es zwecklos, sie totzuschweigen. Im Gegenteil, unseres Erachtens hat die Zentrumspresse die Pflicht, ihnen die weiteste Verbreitung zu geben, um auf diese Weise die offiziöse und „nationale" Wahlmache ins rechte Licht zu setzen.

Vor allen Dingen steht fest, daß der Inhalt der Briefe, wie er von: „Bayerischen Kurier" ver­öffentlicht wird, richtig ist und den Tat­sachen entspricht. Das geht schon daraus hervor, daß eine Ableugnung nicht versucht, viel­mehr der Staatsanwalt um Hilfe angernfen wird. Und die „Kreuzztg." schreibt, daß ihr von unterrichteter Seite die Tatsache bestätigt wor­den ist. Aus dem Schriftwechsel geht nun her­vor, in welcher Weise der „unpolitische" Flot­tenverein bei den jüngsten Wahlen gegen das Zentrum gehässige Politik trieb, die er mit Gelder in Szene setzte, welche aus der Wil- helmstraße flössen. Derselbe Verein schürte im Wahlkampfe weiter die konfessionellen Vorurteile und spielte hierzu den furor protestanticus aus. Der Flottenverein stand aber auch als treibende Kraft hinter den „nationalen" Katholiken und den von diesen aufgestellten Kandidaten. Und die schönste Leistung der dem Flottenverein zuge­tanen Heren ist die Anbahnung und För­derung eines Bündnisses der „natio- nalen" Parteien mit der Sozialde­mokratie gegen das Zentrum. Alles das enthüllte der vom „Bayerischen Kurier" ver­öffentlichte Briefwechsel. Angesichts dieser Um­stände ist es leicht erklärlich, daß die „nationale" Presse das Bedürfnis hat, den Enthüllungen ihrerseits aus dem Wege zu gehen.

Wertvoll ist vor allem die Stelle, welche das Bündnis mit den Sozialdemokraten enthüllt. Wir lasten diese Stelle wörtlich folgen: „Die Anregung ging aus von dem Landrichter Stern in Beuthen in Oberschlesien, der rednerisch und schriftstellerisch in der Wahlbewegung tätig war: Am 26. Januar 1907 schrieb derselbe an Generalmajor Keim (dem Geschäftsführer des Flottenvereins) einen geradezu köstlichen Brief, den man mit Nutzen im Zentrum lesen wird; es heißt da, daß das „Zentrum in kläglicher Weise in Oberschlesien an die Wand gedrückt worden sei"; das nächste Mal komme es nicht mehr in die Stichwahlen in Oppeln, Gleiwitz, Kattowitz, Beuthen, vielleicht auch Ratibor und Pleß, die Hakatisten würden hier stärker sein. Dann kommt folgender Ratschlag des großen Flottenvereins­mannes: „Es muß alles daran gesetzt werden, weiteres Erstarken des Zeutrunis in der Stich­wahl zu verhindern, und die Sozialdemokratie dahin zu bringen, daß sie bei Stichwahlen, wo Zentrum gegen andere bürgerliche Parteien steht, stets für diese gegen das Zentrum den Ausschlag gibt. Jetzt nach den furchtbaren Schlägen, die sie bekommen hat, wird die Sozialdemokra­

tie wohl zu Verhandlungen bereit fein, besonders muß ihr rechter Flügel g e - st ä r k t w e r d e n. . . . So ist eine Abmachung dahin geboten, daß die Sozialdemokratie und die „nationalen" Parteien einander gegen das Zen­trum gegenseitig unterstützen." So der „natio­nale" Landrichter Stern! Aber er fand Gehör bei Generalmajor Keim, der am 28. Januar ant­wortete: „Was das Zentrum betrifft, so habe ich schon in derselben Richtung nach dem Maß meiner schwachen Kräfte gewirkt." Wo- ran ist also das Techtelmechtel gescheitert? Wohl nur daran, daß der sozialdemokratische Partei­vorstand schon am 27. Januar die glatte Parole „gegen die Nationalliberalen" ausgegeben hat." Soweit der „Bayerische Kurier". Wir haben die­sen Enthüllungen nichts hinzuzufügen.

Und nun vergegenwärtige man sich, was die „nationale" Presse überhaupt zu. dieser Tätigkeit des Flottenvereins und über den Bayerischen Kurier im besonderen sagt. Die freikonservative „Post" schreibt am Abend des 8. Februar: „In­haltlich geben die Briefe nicht zu den ge­ring st en Bedenken Anlaß. Es handelt sich einfach um eine Teilnahme des Flottenvereins an der Aufklärung des Volkes in natio­naler und kolonialer Beziehung, eine Aufgabe, die überhaupt zum Programm des Vereins ge­hört." Und der „Reichsbote" schreibt zu gleicher Zeit: „Die Mitglieder des Flottenvereins haben bei der verflossenen Wahl ihre ganze Kraft aufge­boten, um die Regierung in vaterländischer Mit­arbeit zu unterstützen, damit im kommenden Reichstage eine „nationale" Mehrheit hergestellt werde. Es war daher Pflicht des Leiters die­ser Organisation (General Keim) in dieser Rich­tung alles zu versuchen, um jenes Ziel, selbstverständlich mit ehrlichen Mitteln zu errei­chen. . . . Genau so war es auch Pflicht der Regierung, die Mitwirkung eines großen Vereins . . . mit Aufklärungen zu unter­stützen." In der Tat, eine schöne Aufklärung, die der Flottenverein hiermit getrieben hat und viel­leicht noch treibt. Und dazu sind ihm vom Reichs­kanzler 30 000 zur Verfügung gestellt worden! Ein herrliches Bill) zu den Schmähungen über das „antinationale" Zentrum. Der „nationale" Flottenverein aber bezw. seine Hintermänner boten sich der Sozialdemokratie als Bundesgenossen au. (!)

Selbstverständlich muß für die Veröffent­lichung des „Bayerischen Kurier" nun auch noch gegen das Zentrum als solches heryalteni Der „Reichsbote" schreibt nämlich: „Es bleibt im übrigen abzuwarten, wie die Zentralleituug des Zentrums sich zu dieser Angelegenheit ver­hält. Schüttelt sie die niederen Machinationen des „Bayerischen Kurier" nicht deutlich ab, so bleiben diese an ihren Rockschößen hängen, und das ganze Treiben dürfte dann genügend gerichtet sein." — Jawohl, das Treiben des Flöt- tenvereins und der offiziösen Wahl­agitationen ist gerichtet! Was aber soll die Zentrumspartei als solche mit den Veröffent­lichungen des Bayerischen Kuriers zu tun haben! Freilich ist eine solche Anrempelung einfacher, als den Tatbestand abzuwarten, ob den „Bayerischen Kurier" überhaupt ein Vorwurf treffen kann. Im übrigen richtet sich der nationale Aerger aber auch gegen die Veröffentlichung privater Briefe selbst. Wir haben schon angedeutet, daß man darüber anderer Ansicht sein kann, als das Mün­chener Zentrumsorgan. Nur eine Frage fei ge­stattet. Es ist noch gar nicht so lange her, daß im Reichstage von der Bundesrats- estrade aus private Brie fe zur „Kom­promittierung" eines in der letzten Zeit viel ge­nannten und viel geschmähten Abgeordneten Ver­wendung fanden. Damals war aber alles in schönster Ordnung. Warum jetzt nicht? U. A. w. g.

Aus dem gesamten Briefwechsel geben wir für heute einige Auszüge im Wortlaut, die den F l o t- tenverein betreffen und für unsere Leser be­sonderes Interesse haben. Am 24. Januar 1907 berichtete Regierungsrat Dan in Neiße an die Berliner Präsidialstelle, daß Katholiken aus dem Flottenverein austreten wegen der An­griffe desselben auf das Zentrum. Antwort vom Generalmajor Keim am 26. Januar: der Verlust von solchen Mitgliedern sei nicht bedauer­lich, da diese bei einer Flottenvorlage doch hin­ter dem Zentrum hergehen würden. Der Kreis­ausschuß des Flottenvereins für Schwaben und Neuburg berichtet am 1. Januar 1907 nach Ber­lin, daß der gesamte Ausschuß der Ortsgruppe Wemding fein Amt niedergelegt habe, an der Spitze der Abg. Dekan Pütz. Antwort am 3. Ja­nuar 1907: „Solche Verluste können unserer Sache als solcher nicht schaden." Am 18. Januar 1907 erhält General v. Liebermann in Kassel die Weisung von der Berliner Präsidialstelle: „es müsse energisch gegen die radikalen Z e n t r u ms- Flottenvereins-Leute Front gemacht werden, denn diese gereichen unserem Vereinenicht zurEhre." Am 16. Januar 1907 geht von Berlin aus an Bankdirektor Lippert in Breslau die Weisung: „Wer jetztnichtden Mut hat, gegen das Zentrum Front zu machen, hat für den Flottenverein lei­nen Wer t." Am 9. Januar 1907 erhält Ver­leger Uth in Fulda einen Brief von General­major Keim des Inhalts:

„Meine persönliche Ansicht geht dahin, daß jetzt wohl die Gelegenheit toahrgenommen werden kann, nun auch als treuer Katholik sich als Gegner der Zentrumspolitik zu bekennen, wie dies bereits im Rheinland in acht Wahlkreisen der Fall ge­wesen ist, wo hochangesehene treue Katholiken (die auch meistens Mitglieder des Flottenvereins sind), Front gegen die Zentrumspolitik gemacht haben."

Aehnlich ist ein Brief an Lehrer Reuß in Beuel am Rhein. Oberst o. D. Becker in Darmstadt er­hielt am 11. Januar 1907 einen Brief von Gene­ralmajor Keim des Inhalts: „Im Rheinlands hat der Flottenverein es fertig ge­bracht, daßinachtWahlkreisenFront gegen das Zentrum gemacht wird. Macht das in Hessen nach." Also steckte der Flot­tenverein hinter der ganzen Sache der „Nationa­len Katholiken"; er soll das Sprengpulver für das Zentrum fein und diesem jeden Widerstand gegen eine „unvernünftige Flottenvorlage" un­möglich machen!

Deutsches Reich.

Berlin, 8. Februar 1907.

* Die Redaktion der Berliner ,Post', des Hauptorgans der freikonservativen Partei, ersucht uns unter Hinweis auf das Preßgesetz um Auf­nahme folgender Zuschrift:

Berichtigung: In Nr. 25 der ,Fuldaer Rettung' ist behauptet: „Nur unter dem Zwange des Vorteils für die nationalen Parteien ist die K für das Zentrum zu haben; sobald aber

Vorteil sich nicht bietet, steht das freikonser­vative Organ Hand in Hand mit der roten Garde." Diese Behauptung ist eine vollkommene Un­wahrheit. Die ,Post' hat niemals in dem ver- floffenen Wahlkampfe eine bedingungsweise Unter­stützung irgend einer bürgerlichen Partei gegen die Sozialdemokratie verfochten, noch weniger hat sie mit einer eveut. Unterstützung der Sozialdemokratie gedroht. Sie hat die unbedingte Unter­stützung jeder bürgerlichen Partei, besonders auch des Zentrums gegen die Sozial­demokratie als patriotische Pflicht für die Stichwahlen bezeichnet. Die Redaktion der ,Post'. Dr. W. Kronsbein."

Der Artikel in Nr. 47 der ,Post' vom 29. Januar lautete doch etwas anders. Damals schilderte das freikonservative Organ „die Ver­suchung, bei den Stichwahlen das Zentrum empfindlich zu treten, indem man den Soüal- demokraten zum Siege verhilft" in behaglicher Breite; weil aber „das Zentrum in sehr viel mehr Wahlkreisen zwischen den nationalen Par­teien und den Sozialdemokraten den Ausschlag gibt, als eS mit diesen zur engeren Wahl fleht," kam die.Post' dann zu dem Schlüsse: „Patrio­tische Pflicht uud politische Klugheit fordern daher gleichmäßig dazu auf, das Zentrum in den Wahlkreisen, in denen es mit der Sozial­demokraten zur engeren Wahl steht, gegen diese zu unterstützen." Gar so „vollkommen" war also die oben „berichtigte" „Unwahrheit" in 3lr. 25 der ,Fuldaer Zeitung' doch nicht, wie die,Post' es jetzt nach den Wahlen gerne dar- stellen möchte.

/. Der Bundesrat hielt am Donnerstag eine Sitzung ab, in welcher er die Vorlagen betr. den Gebührentarif für den Kaiser Wilhelms- Kanal und betreffend Maßnahmen gegen den Rückgang des Ertrages der Maischbottichsteuer den zuständigen Ausschüssen überwies. Zustim­mung fanden die Ausschußberichte über den Ent­wurf eines Erbschaftssteuergesetzes für Elsaß- Lothringen, über die Wiedervorlage des Etats in unveränderter Form an den Reichstag und über die Vorlage betreffend die Prägung von 40 Millionen Mark in Silbermünzen.

.'. Die Präsidentenwahl im Reichstage be­schäftigt sehr eingehend die liberale Presse; aber man wird nicht klug aus dem, was sie will. Konservative Blätter rechnen damit, daß das Zentrum in der Person des Abg. Freiherrn von Hertling den Präsidenten stellen wird. In na­tionalliberalen Kreisen ist man hiermit unzu­frieden und meint: „Wenn schon einmal das Vorschlagsrecht an Parteigruppen verliehen werden soll, so ist nicht einzusehen, warum sich nicht der gesamte bürgerliche Liberalismus zu- sammentun sollte, der ja auch geschlossen in den Wahlkampf zog und von der Zentrumspresse mit Vorliebe als „Block" angesprochen wurde. Diese Gruppe würde dann, mit mindestens 107 Ab­geordneten, die stärkste Partei bilden und den ersten Präsidenten zu stellen haben, den ersten Vizepräsidenten das Zentrum, den zweiten die Rechte. Allerdings müßte man, nach der Theorie der Deutschen Tagesztg/, auch dem Zen­trum das Recht zugestehen, sich mit seinen Bundesgenossen, Polen, Welsen, Elsäffern und Sozialdemokraten, zu einer „Gruppe" zusammen- zuschließen. Immerhin würde dann den Libe­ralen der 1. Vizepräsident und den Konserva­tiven der zweite zuzuteilen fein. Wir zweifeln nicht, daß die .Deutsche Tagesztg/ bei ihrem be­kannten Gerechtigkeit^- und Billigkeitssinn auch für diese weitere Ausführung ihrer Vorschläge volles Verständnis haben wird. Sollte sie aber den beiden konservativen Parteien auch noch ein halbes Dutzend kleiner und kleinsten Parteien zu­zählen wollen — auch recht. Dann bliebe eben alles wie zuvor." Das Zentrum hat für sich allein 110 Mandate erhalten und ist damit stärker, als alle anderen Kombinationen. Wir können die Sache ganz ruhig abmarten!

t. Eine Deputation polnischer Notabeln, wird in den nächsten Tagen in Berlin eintreffen, um die Bemühungen der bereits seit einigen Tagen in Berlin weilenden Lodzer Arbeiter­deputation zu unterstützen. Es ist die Absicht

Ans dem Landtage.

Abgeordnetenhaus.

(5. Sitzung vom 8. Februar.)

Eröffnung 11 Ms Uhr.

In die Staatsschuldenkommiffion wird der turnusmäßig ausscheioende Abg. Lückhoff (srk.) wiedergewählt.

Es folgt die Fortsetzung der zweiten Beratung des Etats der landwirtschaftlichen Verwaltung beim Titel: Minister.

Hierzu liegt folgender Antrag der Abgg.^Bach- mann (natl.) und Genossen vor: Die staats- regierung zu ersuchen, durch geeignete Maßnahmen auf dem Gebiete der inneren Kolonisation gegen die aus dem Landarbeitcrmangel sich ergebenden Notstände Abhilfe zu schaffen.

Abg. v. Starzynski (Pole) wendet sich gegen die preußische Ansiedlungspolitik, die insbesondere die Ursache der Steigerung der Güterpreise im Osten sei.

Abg. Graf Spee (Ztr.) regt eine Abänderung des Zuständigkeitsgesetzes an. Einigen Worten des Dankes für die bisherige Bülow sche landwirtschaft­liche Schutzpolitik schloß er eine Verwahrung an gegen die Bülow'schen Wahlmanöver. Er pro­testierte namens der rheinischen Landwirte dagegen, mit Sozialdemokraten in einen Topf geworfen zu werden. Der Zuruf „Bielefeld" veranlaßte ihn dann, auf die Verhältnisse in diesem Wahlkreise näher einzugehen. Zur Sache legte er ohne Wider­spruch vom Regiernngstisch die gestrige Bcmertung des Ministers von dem provisoriichen Damm, den der Zollschutz darstellt, dahin, daß für ein Jahr­hundert an eine Beseitigung des Zollschutzes nicht gedacht werden könnte. Silit Genugtuung begrüßte

der Deputation, zwischen dem Lodzer Großindu- striellenverbande, welcher feinen Sitz in Berlin hat, und den Arbeitern zu vermitteln, um die Aufhebung der Arbeiteraussperrung in Lodz herbeizuführen, welcher einerseits die zahlreiche dortige Arbeiterbevölkerung erwerbloS macht und andererseits zu Unruhen, Uebersällen und Atten­taten führt, welche die gesamte Bevölkerung der russisch-polnischen Jndustriezentrale stark beun­ruhigen.

* In der zweiten wsirttembergischen Kam­mer wurde der „demokratische" Abg. v. Payer mit 56 von 90 abgegebenen Stimmen zum Prä­sidenten wiedergewählt. Bekanntlich ist das Zentrum mit 25 Mitgliedern die stärkste Partei der Kammer, und ihm also hatte der Präsidentenposten zugestanden. Die „Demokraten", die Nationalllberalen und die Sozialdemokraten aber brachten es aus Haß gegen das Zen­trum nicht über sich, Gerechtigkeit zu üben. Und das sind dieselben Leute, die sonst das Recht der Majorität hochhalten — wenn es ihnen zu statten kommt!

f. Der Kampf in der Berliner Holzindustrie nimmt einen immer bedrohlicheren Charakter an. Bereits sind rund 12,000 Holzarbeiter ausge- sperrt, ohne daß ein Ende des gegenwärtigen Zustandes auf absehbare Zeit erwartet werden kann. Die Folge des andauernden Streites ist, daß auch das Bauhandwerk gezwungen ist, schon in der nächsten Zeit seine Arbeiten einzustellen. Dazu kommt noch, daß auch im Baugewerbe Kämpfe zwischen den Arbeitgebern und Arbeit­nehmern zu erwarten sind, weil über den Tarif­vertrag zwischen Maurern und Zimmerern noch immer keine Einigung erzielt ist. Der Ausschuß der Berliner Gewerkschafts - Kommission hat be­reits einen Aufruf an die Bauhandwerker erlassen, sich mit den organisierten Schreinern rc. solida- risch zu erklären. In einer am Donnerstag ver­anstalteten Versammlung der ausgesperrten Holz­arbeiter teilte der Gauleiter mit, daß der Kampf voraussichtlich monatelang durchgeführt werden würde, wenn die Arbeitgeber nicht nachgäben.

* Graudenz, 7. Febr. 1907. Umständlichen Religionsunterricht empfängt nach dem Grau- denzer ,Geselligen' ein evangelisches Schul­mädchen aus Görsdorf, Kreis Könitz. Da in der näheren Umgebung von G. kein evangelischer Lehrer vorhanden ist, so macht das Kind wöchent­lich zweimal die Bahnfahrt nach Könitz (10 Kilo­meter), um dort von einem Lehrer unterrichtet zu werden. Die Kosten trägt der Staat. Ob wohl für ein katholisches Schulkind in analoger Lage die Regierung die gleiche Fürsorge an den Tag legen würde? Nie und nimmermehr!

Parlamentarische Nachrichten.

.'. Die Interpellation über das Gruben­unglück zu Reden kommt im preußischen Ab­geordnetenhause vorerst noch nicht zur Verhand­lung. Der Grund dafür ist darin zu suchen, daß die Regierung die Untersuchung noch "icht abgeschlossen hat.

f. Die polnische Landtagsfraktion hat Imauf verzichtet, ihre Haltung bezüglich des politischen Schulstreiks in einer besonderen Interpellation den Mitgliedern der preußischen Regierunz zum Ausdruck zu bringen. Dieser Verzicht ist wohl darauf zurückzuführen, daß die polnische FmUion mit Recht befürchtet, die erforderliche thter» stützung zu einer solchen Interpellation nicht zu erhalten. Sie will sich daher darauf beschränken, ihre Klagen und Beschwerden in dieser Vnge« legenheit bei der Beratung des Kultusetatt zubringen.