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M 31, Fulda, Donnerstag den 7. Februar 1907. 34. Jahrgang.
/ Var Endergebnis der Reichstags, wählen.
Obschon der ganze Wahlkampf vom liberalen Block unter der Protektion der Regierung hauptsächlich gegen das Zentrum geführt wurde, ist etwas ganz anderes erreicht worden: das Zentrum, dessen Vernichtung beabsichtigt war, ist wesentlich gestärkt worden. Schon bei der Haupt- tvahl am 25. Januar wurden 93 Mitglieder des Zentrums entgiltig gewählt, mehr als die kühnsten Optimisten im eigenen Lager ermattet batten. . _______ .
Tas Zentrum stand dann noch in 36 Stichwahlen. Mehrere davon, welche ihm 5 Mandate zuführten, wurden schon am Montag entschieden. Dagegen hatte es am Dienstag noch in 28 treten mit den Gegenparteien zu ringen. Neu gekräftigt ist cs aus diesem Kampf hervorgegangen. Noch 11 Mandate vermochte es an seine Fahne zu fesseln, sodaß es mit 109 Mitgliedern in den neuen Reichstag einzieht. Zwar hat es nicht der- macht, alle 104 Mandate, die es im alten Reichstag besaß, zu behaupten. Umgekehrt hat es aber auch in den Stichwahlen wieder mehrere Sitze neu gewonnen. So ist im schlesischen Wahlkreis Reichenbach-Neurode der Zentrumskan- didat« mit 2000 Stimmen Mehrheit gegenüber beit Sozialdemokraten gewählt worden, welche bisher den Wahlkreis vertraten. Vom Zentrum erobert wurde auch der westfälische Wahlkreis Hamm-Soest, wo sein Kandidat den nationalliberalen Gegenkandidaten mit etwa 1400 Stimmen hinter sich ließ. Einen dritten Gewinn erzielte es im Elsaß und zwar im Wahlkreis Straßburg-Land, wo der Zentrumskandidat gegenüber dem Demokraten Blumental mit 1000 Stimmen Mehrheit gewählt wurde. Am erfreulichsten ist, daß es geglückt ist, den Wahlkreis des Abg. Trimborn in K öl n zu behaupten. Der Jungliberalismus hat sich dort alle Mühe gegeben, um dem Sozialdemokraten, welcher mit dem Zentrum in engerer Wahl stand, zum Siege zu verhelfen. Das Zentrum hat aber durch ein überaus starkes Aufgebot es vermocht, den Sieg an seine Fahne ist fesseln, nachdem auch der besonnere Teil der liberalen Elemente für Trimborn eingetreten ist. Wir begrüßen dieses Resultat mit Freuden um so mehr, als die Fortführung der Sozialpolitik in Herrn Trimborn den eifrigsten und tatkräftig, sten Förderer hat. Außer Köln standen aber noch Mandate von Düsseldorf und Essen in Gefahr, sie wurden aber, namentlich das in Esten, wo Herr Giesberts wiedergewählt wurde, mit großer Majorität behauptet.
Was nun Gewinn und Verlust des Zentrums selbst betrifft, so hat es bei den Neuwahlen sie- b eu Sitze verloren. Diesem Verluste steht aber der Gewinn von 9 Mandaten gegenüber, sodaß die Neuwahlen also eine Stärkung der Zentrumspartei gebracht haben. Von seinen Hospitanten ist nur Götz von Olenhusen in Göttingen wiedergewählt worden. Da aber von den bisherigen Elsässern sechsAbgeordnete auf das Zentrumsprogramm gewählt wurden, umfaßt die neue Reichstags- raktion einschließlich des Hospitanten eine Ge- samtstärkc von 110 Mitgliedern.
Die Nationalliberalen haben einen Gewinn von fünf Mandaten zu verzeichnen. Die „Nationalztg." gibt sich den Anschein, als ob sie mit dem Ausfall durchaus zufrieden wäre, namentlich weil sie im ersten Wahlgang die Hälfte ihrer Mandate schon gewonnen haben und aus den-Stichwahlen noch einen Gewinn nach Hause bringen, der im Kampfe gegen zwei Fronten errungen worden wäre. Anderseits muß aber entgegen gehalten werden, daß dem Gewinkt eine Reihe von Verlusten in Wahlkreisen gegen- übersteht, welche die Nationalliberalen bisher als
WcrHcl'.
Eine Erzählung au5 alter Zeit. Von A. M. Witte.
11 «Nachdruck verboten.)
Die Beisetzung des Kurfürsten Johann Cicero war vorüber. Der erste Fürst aus dem Hause der Hohenzollern, der in der Mark Brandenburg feine Ruhestätte fand, war nach der Fürstengruft zu Lehnin gebracht worden, wo schon mehrere Markgrafen aufl dem Stamme der Askanier ruhten, bis nach Jahre» das Erbbegräbnis in der Domkrrche fertiggestellt war, und heute kehrte sei» Sohn von der Beerdigung des Vaters zurück, in das Schloß zu Kölln an der Spree, als neuer Kurfürst. Ein Knabe, noch nicht 15 Jahre alt, dem das Schicksal in die jugendlichen Hände die Äugel einer Regierung gelegt, die einer vollen Mannskraft zur Leitung bedurft hätten.
Diele Menschen hatten sich vor dem Schloß- portal zu Kölln versammelt, den neuen Herrscher einzieben zu sehen, eiter ihnen auch verschiedene Kinder. Staunend schauten besonders diese auf den jugendlichen Fürsten, als er, stolz dos Haupt erhoben, umgeben von seinem glänzenden Gefolge, durch die Menge ritt. Ein kleines Mädchen von sieben Jahren, das sich durch außergewöhnliche Schönheit auszeichnete, schien den Blick von der Pracht gar nicht abwenden zu können und rief plötzlich laut aufjubelnd den andern Kindern zu: „Seht, seht, wie schaut er stolz aus! Jst's nichr der Schönste von allen?" — „Wer? Wo?" fragten einige neugierig, sich nach der kleinen Sprecherin umwendend. „Nicht auf sic hören, — ein Jiidenmädchen ist'S, — wie durste es sich hier emzudrängcn wagen," riefen andere dazwischen, hochmütig auf das Kind dieser damals so sehr verachteten Rasse blickend.
Der Knabe, dem der Runder kleinen Jüdin leaolten. und welcher, im gleichen Alter mit dem
sicheren Besitz angesehen haben (Mülheim a. d. Ruhr, Offenbach, Wiesbaden rc.).
Neben den Nationalliberalen hat aber auch die süddeutsche Dolkspartel manchen Verlust erlitten. Tief betrübt ist sie namentlich, daß es der glänzenden Haltung bet Zentrums- Wählerschaft sowohl in Straßburg-Land als auch in Kalmar geglückt ist, den früheren demokratischen Abgeordneten Blumenthal, welch« die süddeutsche Volkspartei zu ihren besten Rednern zählte, auszuschalten. Sehr ungehalten ist man darüber, daß die bayerische Sozialdemokratie in Anbach den bekannten Professor Ouidde den Kon- servativen zum Opfer fallen ließ.
Wie bei den Hauptwahlen so find auch bet den Stichwahlen die Sozialdemokraten allein diejenigen, welche die Kosten des ganzen Kampfes zu tragen haben. Sie sind um drei Dutzend Mandate auf 43 Sitze herab gemindert worden. Von besonderem Interesse ist der Ausfall bet Wahlen in Sachs en, dessen sämtliche Wahlkreise zuletzt rote Hochburgen waren. Insgesamt zählt das Königreich Sachsen 23 Wahlkreise. Davon fielen nur acht auf die Sozialdemokraten, sodaß sie also nur etwas mehr als ein Drittel ihres bisherigen Besitzstandes zu behaupten vermocht haben. In ihre Verluste teilen sich die „nationalen" Parteien.
Wenn wir nun die gesamten Resultate nähet betrachten, so läßt sich nicht bestreiten, daß Fürst Bülow im großen Ganzen erreicht hat, was et mit seiner „nationalen" Parole bezweckte. Dies bezieht sich auf die Mehrheitsbildung für die nationalen Fragen und die „Nordd. Allg. Ztg." verkündet mit großer Freude, daß die Mehrheitsparteien vom 13. Dezember durch die Wahlen in knappet Rechnung um etwa 30 Sitze geschwächt worden sind. Das offiziöse Organ triumphiert auch darüber, daß die „nationale" Mehrheit des neuen Reichstags von der Stimmung des Zentrums unabhängig sei. Es Übersicht aber nur das Eine, daß bis jetzt die neugewonnene Mehrheit noch nicht auf d i e Probe ge ft eilt worden ist, wenngleich auch nicht anzunehmen ist, daß sic sich gleich bei der nächstersten Gelegenheit widerspenstig zeigen würde. Diese Mehrheit aber von vornherein als durchaus zuverlässig zu bezeichnen, erscheint aber um so gewagter, wenn man die Geschichte des entschiedenen Liberalismus nähet berücksichtigt.
Dem offiziösen Organ wird jedenfalls auch das schon zu denken geben, was die liberalen und freisinnigen Blätter in ihren Besprechungen des Wahlergebnisses bet Regierung an Wünschen präsentieren. Die „Nationalztg." schreibt: „An der Regierung wird es nun fein, die neuen Mög- lichkeitcn, die ihr die Wahlen bieten, klug zu nutzen. Mit dem heimlich ober offen fortdauernden Groll des Zentrums wird sie zu rechnen haben. Tut sie das aber, so ergibt sich das weitere Verhalten von selbst: .es ist alles zu meiden, was die empfindliche konservativ-liberale Mehrheit auseinander treiben könnte. Ja man kann sich sogar eine klug abwägende Politik denken, die planmäßig daran arbeitet, diese lockere Mehrheit zu festigen. Wir haben das Unserige getan, an der Regierung ist cs nun, das Ihrige zu tun."
Etwas deutlicher spricht sich das „Berliner Tageblatt" aus, indem es zum Kampfe gegen das Zentrum schreibt: „Die Waffen, die in diesem Kainpfe allein zum Siege führen, sind vollste konfessionelle Gleichberechtigung, Freiheit und Kultur. Will sich die Regierung ihrer bedienen, so wird sie auf die Hilfe der liberalen Wähler rechnen können, die gerade bei den jetzigen Wahlen gezeigt haben, daß sie keine zu verachtende Größe sind. Versucht sie aber ihre Niederlage zu vertuschen und die reaktionären Kräfte im Reiche in ihre Dienste zu stellen, dann wird sie bald um eine böse Erfahrung reicher fein."
Kurfürsten stehend, sich in dessen Gefolge befand, hatte die ersten Worte vernommen und — sich nadh der Seite wendend — in die dunklen, eigentümlich schwermütigen Augen der Sprecherin geblickt, von ihrem Glanze auf das höchste überrascht und betroffen. Sie verfolgten ihn, als er mit seinem jungen Fürsten in das Schloß ging, und er konnte den traurigen Ausdruck derselben nicht vergessen.
Vor dem Schlöffe zerstreute sich allmählich die Menschenmenge. Nur die Kinder, in der Hoss- ung, daß die Ritter, die den Kurfürsten begleitet hatten, bald wieder aus dem Schloßhof kommen würden, waren noch zurückgeblieben und hatten sich um die kleine Jüdin geschart, da sie sich diese unterdessen zur Kurzweil auserschen hatten. Die großen Augen von einem zum andern wendend, stand sie ängstlich unter ihnen.
„Judcnbalg, wie darfst Du Dich zu uns wagen", stürmten mehrere der Größeren auf sie ein. „Wenn es dunkel sein wird, werden sie den Juden- hos schließen, und dann mußt Du auf der Straße bleiben!" — „Fasse uns nicht an! Wir dürfen mit Inden nichts gemein haben", fielen andere ein. „Keine Menschen find's, nur Kammerknechte der Fürsten!" klang es wieder dazwischen. „Laßt sie hier, dann wird ihre Mutter sic suchen kommen!" Solche Reden flogen hin und her und ließen das kleine Mädchen immer ängstlicher auf die Menge vor sich schonen, durch die sie sich vergebens eine Gasse zu bahnen suchte. „Nicht hier durch!" stießen sie hohnlachend das Kind zurück. „Dir soll's schlecht geben!" Mit unverhohlener Schadenfreude sahen sie, wie die Angst der kleinen Tränen entlockte.
Die Kinder glaubten, dem Judenmädchen gegenüber im vollsten Rechte zu fein; wurden sic doch in der lieberzeugnng aufcrzogen, daß die Inden die verachtctste Klasse der Welt seien, Menschen, jeder Schlechtigkeit fähig.
Beladen mit dem Haß und der Verachtung aller — vom höchsten Adel bis zum niederen Bnr- gerstand herab — lebten die Juden in strengster
Was nun die Gruppierung der Parieren betrifft, so lassen sich verschiedene Möglichkeiten Herstellen. Wir haben schon daraus hingewiesen, daß der Reichskanzler befriedigt ist, aus der Minderheit eine nationale Mehrheit geschaffen zu haben. Sie steht aber vorläufig nur auf dem Papier und die Erfahrungen damit wird Fürst Bülow selbst in allernächster Zeit schon machen können. Anderseits haben aber die Neuwahlen der rechten Seite eine merkliche Stärkung gebracht und wir haben nun die zweite, bedeutend stärkere und wertvollere Mehrheit, welche die Konservativen und das Zentrum zusammen bilden können. Sie wird sich namentlich auf alle Fragen erstrecken, welche das wirtschaftliche Gebiet berühren. Eine andere Zusammenstellung liegt in einem Zusammen- gehen des gesamten Liberalismus mit dem Zentrum und schließlich noch je nach der Sachlage noch eine Gruppierung, in welcher auch die Polen, Sozialdemokraten rc. zum Worte kommen können. Erwähnt sei noch, daß die konser * vativen Elemente insgesamt HO, der Libcralis- mus rund 105 Mandate zählt.
Da die rechte Seite eine Stärkung erfahren hat, der die Gewinne des Liberalismus nicht gleich kommen, ist die konservative „Kreuzzeitung" durchaus nicht davon befriedigt, daß der Liberalismus jetzt noch deutlicher mit seinen Forderungen an die Regierung heran tritt. Das Blatt schreibt: „Es wird geradezu Mitleid erregen, wenn man das kleine Häuflein der Freisinnigen so den Reichskanzler anbetteln sieht . . . Der Freisinn hat mit Hilfe der Konservativen, des Zentrums und der Sozialdemokratie seine Kulturträger in den Reichstag gesandt: warten wir es ab, wie hell sie ihr Licht werden leuchten lasten! Deutlicher noch bringt die „Deutsche Tageszeitung" ihre Ansicht über die liberalen Wünsche zum Ausdruck. Sie schreibt: „Dem Liberalismus Zugeständnisse zu machen, die innerlich nicht begründet sind, liegt für den Reichskanzler nicht die mindeste Veranlassung vor, da die Erfolge der liberalen Parteien sehr dürftig sind. Am allerwenigsten darf ihn die Neuwahl etwa dazu bewegen, die wirtschaftlichen Bahnen, die er bisher gegangen ist, zu verlassen." Die „Deutsche Tageszeitung" muß aber auch feststellen, daß der Zen- trumsturm im Wahlkampf uner- schlittert geblieben ist, ja noch etwas gestärkt wurde. Diese Tatsache mag das Blatt für unerfreulich finden oder nicht, wertvoller ist für uns das Eingeständnis: „Weder die scharfe Bekämpfung von außen noch der sogenannte Mauerfraß von innen hat die Festigkeit des Turmes im mindesten beeinträchtigt." Ob gewisse Leute ans dieser Tatsache nunmehr einmal die einzig richtige Lehre ziehen? Wir zweifeln sehr daran, daß wir diese Frage in Zukunft nicht noch öfter wiederhole^ müssen.
Deutsches Reich.
Berlin. 6. Februar 1907.
* Der Kaiser empfing am Dienstag die Ardeitskommission für das Volksliederbuch für Männerchöre, welche ihm das erste Exemplar des neuen Volksliederbuches überreichte. Dem Vorsitzenden der Kommission, Freiherrn v. Siliencron verlieh der Kaiser bet diesem Anlaß die Brillanten zum toten Adlerorden 1. Klaff«. Auch den anderen Mitgliedern der Kommission wurden höhere Orden zuteil. Dem Komponisten Dr. Hegar-Zürich und dem Ehrenchormeister Kremser-Wien überreichte der Kaiser sein Bildms.
* Der Präsident des neuen Reichstages kann nur vom Zentrum gestellt werden, wenn nicht
Abgeschlossenheit von den anderen Einwohnern; und obwohl sie, nachdem sie 1354 nach Berlin und Kölln zurückkehren durften, einige wenige Rechte verliehen erhalten, blieben ihnen keineswegs die Verfolgungen erspart, die ihnen und ihren Kindern oft von dem rohen, unwissenden und abergläubischen Teil des Volkes drohten.
So erregte es auch kein besonderes Staunen, als einer der größeren Knaben den Vorschlag machte, das Judenmädchen zu steinigen. Schon hob sich hier und da ein Arm zur Ausführung des schmachvollen Planes, schon fiel ein Stein dicht vor der Kleinen nieder, als mit dem lauten Rufe: „Halt!" derselbe Knabe, der vorher die Bewunderung des Kindes erregt hatte, schützend vor dasselbe trat:
„Zurück! Seid Ihr denn im Ernste solcher Schandtat fähig, ein wehrloses kleines Mädchen anzugreifen, das Euch nichts tat? Ich leide nicht, daß ihr etwas geschieht."
Die Kinderschar trat, über den zürnenden Aus- druck in seiner Rede bestürzt, auseinander, indem sie, teilweise furchtsam, teilweise erstaunt, daß ein Page sich zum Beschützer eines Judenkindes auf» warf, zu ihm aufschautc. Es war schon dunkel ge. worden, in immer dichteren Flocken begann sich der Schnee auf die hartgefrorene Erde zu senken, und mehr noch die Ungunst des Wetters, als das Verbot ließ sie von einer weiteren Verfolgung der kleinen Jüdin abstehen.
Scheu und ratlos stand diese weinend ihrem Beschützer gegenüber.
„Wer bist Du?" fragte er, sich fast liebevoll zu ihr berabneigenb.
„Rahel," war ihre schluchzend hervorgestoßene Antwort.
„Warum wagtest Du Dich hierher? Tu darfst doch so weit noch nicht allein geben, Deine Mutter wird Dich längst schon vermissen."
„Ten Knaben wollte ich sehen, der, wie Vater sagt, jetzt das Zepter führt, aber in der Hand hatte er kein Zevtcr. und wie ein Knabe sah er
allem bisherigen Herkommen widersprochen wer« den soll. Das Zentrum hat 110 Mandate, die gesamte Rechte, die sich bisher noch nie einheitlich meldete, hat 107 Sitze, läßt man die Witt- schafft. Vereinigung weg, so hat sie nur 81 Mandate, alle 4 liberalen Parteien haben zusammen 104 Mandate, das Zentrum ist also gegenüber allen Kombinationen noch die stärkste Partei-Fraktion; eS fragt sich auch, ob die 4 liberalen Parteien fich zusammen werfen lassen. Bleibt es bei der Frakticmsstärke, so erhält das Zentrum den Präsidenten, die Konservativen den ersten Vizepräsidenten und die Nationalliberalen den zweiter. Vizepräsidenten; schon dieses Bild sagt, daß die großen Parteien, die positiv arbeiten wollen, in derselben Stärke zurückkehre«. Wer vom Zentrum vorgeschlagen wird, ist Sache der Fraktion; man hört jetzt folgende Namen nennen: Dr. Spahn und Dr. Frhr. v. Hertling; zweifelsohne hat Dr. Spahn infolge feiner hohen Verdienste um das Zentrum das erste Anrecht auf diesen Posten und wir würden uns sehr freuen, wenn er als Bürgerlicher den Präfidentenstuhl besteigt. Gewiß verkennen wir nicht, daß er als Führer der Fraktion auch große Dienste uns leisten kann und die Fraktion und ihr Präsident Dr. Spahn müssen entscheiden, welche Funktion für die Partei wichtiger ist. Sott« Dr. Spahn ablehnen, so käme zweifelsohne Dr. Frhr. v. Hertling in Betracht, der von 1878 bis 1890 und von 1890 ab dem Zentrum angchört und auch in der Lage wäre, diese Position gut auszuhalten.
* Der frühere Zent ru ms-R eich stags- abge ordnete Witzelsperger ist heute in Cham, Oberpfalz, gestorben. Er vertrat den bayerischen Wahlkreis Neunburg v. W. von 1881 an ununterbrochen bis zur Reichstagsausiösung am 13. Dezember v. I. und konnte somit im vorigen Jahre fein silbernes Jubiläum als Vertreter jenes Wahlkreises begehen.
* Der Zentralstelle für Volkswohlfahrt sind durch eine köuigl. Verordnung die Rechte einer juristischen Person verliehen worden. Die Zentralstelle hak daraufhin an eine große Anzahl Wohl- fahttsvereine, Zentralorganisationen und Provinzialverbände eine Aufforderung zum Beitritte erlassen.
* Die freikonservattve ,Post' war bekanntlich mit dem alten Reichstage im höchsten Grade unzufrieden; das hat sie ost und deutlich genug zu erkennen gegeben. Nun ist es ihr auch noch Vorbehalten geblieben, auch gegen den Präsidenten Ballestrem einen Vorwurf zu schleudern. Sie schreibt nämlich: „lleberhaupt wird der neue Reichstag manches wieder gut zu machen haben, was an dem alten kleben geblieben ist. Die Voraussetzungen sind einigermaßen gegeben ; Unserem Reichsparlamente ist frisches Blut zugefühtt worden, und schon die Beseitigung von rund 40 Mitgliedern der Umsturzpartei bittet eine gewisse Gewähr dafür, daß die Geschäftsführung wieder auf einigermaßen anständige Grundlagen gestellt werdet könne." Diese Worte mögen sich zwar in erst« Linie gegen die Sozialdemokraten richten, st schließen aber gleichzeitig einen Angriff auf de» Grafen Ballestrem in sich, als ob er die Sozialdemokraten einfach hätte gewähren lassen. Wir begnügen uns einstweilen mit dieser Feststellung.
* Die Niederlage der Sozialdemokratie hat fich am Tage der Stichwahl zu einer vernichtenden gestaltet, sie verlor zu den bereits verlorenen 25 Mandaten noch folgende: 1. Apen-
nicht aus," schaltete sie selbst, wie fragend zu ihrem freundlichen Schützer aufsehend, ein, der fast gegen seinen Willen über die naive Bemeo- kung der Kleinen lächeln mußte.
Dieses Lächeln schien ihr Vertrauen einzuflößen, denn, etwas mutiger geworden, fügte sie wie entschuldigend hinzu:
„Tie Mutter habe ich nie gekannt, mein Vater ist viel fort, die alte Leah läßt mich aber nie hin- aus, da habe ich mich heut heimlich fortgeschlichen, als sie zu einer Kranken ging. Ich sehe immer nur den Judenhof. Aber jetzt muß ich zurück, cs ist schon so dunkel, gewiß schon spät — wenn ich nun nicht mehr hineinkomme?"
Von neuem begannen ihre eben erst versiegten Tränen zu fließen und bestürzt wandte sie sich zum Gehen.
„Ich bringe Dich hin," sagte er ritterlich, unwillenlos ließ sie sich Heimgeleiten, als er den Weg nach dem sogenannten Geckholl mit ihr ein schlug.
Die andern Kinder waren längst nicht mehr zu sehen, aber wenn sie selbst noch dort gewesen wären, niemals hätten sie gewagt, Eberhard v. Rochow zu opponieren; er war allgemein wegen seines großen Gerechtigkeitssinnes geachtet unfeiner Körperstärke wegen gefürchtet, außerdem sicherte ihm die Freundschaft mit dem Herrscher eine Ausnabinestellung.
So schritt das ungleiche Paar die Georgcn- straße (die heutige Berliner Königsstraße) und die Jüdenstraße bis zum Judenhof entlang. Vor dem Tor des letzteren standen mehrere Frauen, welche gleiche Religion und gleiches Schicksal auf diesem abgesonderten Fleckchen hier zusammen- geführt, und schauten suchend die Straße hinab.
„Da ist Lcah," sagte Nabel zu Eberbard, dem sie unterwegs mitgeteilt, daß sie ohne Geschwister und Spielgefährten heranwüchfe; und des Knaben Mitgefühl erwachte noch mehr, als er die Umgebung sah, in welcher dieses Menschenkind leben mutzte. „Lcah, da bin ich, schilt mich nicht, der freundliche Herr dringt mich zurück. — was