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Roiatt on; druck u. Verlag der Fuldaer Re« tiendr Meret in Zulda. titnilprecher Ur M
Fulda, Mittwoch den 6. Februar 1907.
M 30.
34. Jadroang.
Grstes Wlcrtt.
—* tiigc und Heuchelei.
Diese beiden häßlichen Uiitugenben feierten in Oen Tagen vor der Stichwahl unerhörte Triumphe: man ist freilich in Wahlzeiten viel gewohnt und steckt den Gürtel der politischen Moral insofern etwa? weiter, als inan nickt jedes Wort auf die Goldtoage legt. Aber das verlangt man doch, daß man ehrlich und offen vorgeht; wer sich verstellt und luer lügt, der ist ein gemeiner Cha« ratter; da bilden auch Wahlzciten keine mildernden Umstände.
Das Z e n t r n m nur kann für sich in Anspruch nehmen, daß es offen vorgegangen ist; es hat seine Stichwahlparole klipp und klar ausge- geben; auch in Bayern, wo die Parteileitung direkt zur Unterstützung der Sozialdemokratie in zwei Kreisen ansfordcrte, hat das Zentrum dies offen gesagt. Diese Entscheidung hat nicht allen Zentrumswählcrn gefallen; es fehlte nicht an Protesten und auch sie sind offen in der Zentrums- Preise zum Ausdruck gekommen. Was das Zentrum von den gegnerischen Kandidaten gefordert hat, hat es aller Welt kund getan: Aufrechterhal- tung der Volksrechte und Gleichstellung aller Staatsbürger. Mag der Gegner über unsere Taktik urteilen, Ivie er will; er muß uns aber das eine zugestehen, daß sie eine offene und von unserem Standpunkt aus gut begründete gewesen ist.
Sieht es aber im anderen Lager auch so aus? Nein! Nainentlich im liberalen Lager ist stark auf K o st e u der Wahrheit und Ehrlichkeit gesündigt worden.
Bor den Wahlen aalt das Zentrum in der gesamten liberalen Presse als eine „antinationale Partei"; in allen Tonarten bat man dies versickern das inar der Kern des Kampfes gegen das Zentrum! Wir wollen nicht alle Schimpf- lvörter hierher setzen; es gäbe ein hübsches Lexikon zusanunen! 34 Mandate rechnete man dem Zentrum ab! Der 25. Januar brachte uns sofort 92 Sitze und ain Montag haben wir nochmals 6 erhalten. Da änderte sich die Situation! Im Reichskanzlerpalais wehte ein anderer Wind! Dor Flotten verein als offiziöser Wahlmacher vor» suchte jivar, das Zentrum auch setzt noch klein zu ruachen; aber Bülow wurde wieder glatt und gab Befehl, alles Schießen gegen das Zentrum einzustellen. Kni Flottenverein regte man an ü. B. Landrichter Stern in Beuthen), daß nun Sozialdemokratie und bürgerliche Parteien gegen ö<ts, Zentrum zusammen Vorgehen müßten! Die Oftiziöscn hätten e-s auch gern getan, aber sie dursten nickt mehr! Das noch vor 24 Stunden so schwer beschimpfte Zentrum war nun plötzlich wieder „national" geworden und es wurde in die Seißen der bürgerlichen Parteien aufgenom- men! Weslwlb? Nun, es Ixttie 92 Mandate, war gestärkt und seine Hilfe konnte man in den Stich- waljlen sehr aut gebrauchen! Daher der Fronten- wechsel! Verschwunden tvar die Lüge von dem schtvarz-roten Kartell; jetzt gilt der Kampf nur noch den Roten! Schwarzwild trollte man jagen und es fiel keines, wohl aber manch hübscher Fuchs, aut den man gar nicht gezielt hatte. Bü- lotv wollte der Zerschmetterer des Zentrums werden und ist rinn Besieger der Sozialdemokratie wider Willen geworden! Da streckte man uns beide Hände entgegen, dieselben Hände, die noch befl.'ckt waren von dem Schmutze, den sie auf das Zentrum geworfen hatten! Hat man je solche Heuchelei erlebt? Und sie ging im gegnerischen Lager vor sich!
Doch die Heuchelei ging noch weiter, als man aus Bayern erfuhr, daß das Zentrum in einigen Kreisen direkt die Sozialdemokraten unterstütz
ten! Zentrumsleute könnten sich hierüber aufhalten, aber Liberale nicht. Wenn fie sich entrüsten, heucheln sie! Zunächst steht fest, daß d e Liberalen selbst die Hilfe der Genossen erfleht haben, aber sie erhielten einen Korb und daher „diese Tränen". Dann müssen wir daran erinnern, wie die badischen Nationalliberalen im Jahre 1905 ein förmliches Bündnis mit den Sozialdemokraten abgeschlossen haben und die Vor- teile desselben in die Tasche steckten! Und endlich sei darauf aufmerksam gemacht, wie oft schon die Liberalen die Sozialdemokraten gegen das Zentrum unterstützt haben. Auch gestern trat solches wieder ein. Wer so viel Schuld auf sich hat, der ziehe erst den Balken aus dem liberalen Auge, ebe er sich über den Splitter im Zentrumsauqe aufhält.
Diese Heuchelei erweckt in unseren Reihen nur Heiterkeit; aber sie mackt keinen Eindruck! Das Zentrum ist und bleibt unabhängig; es läßt sich nicht umgarnen, sondern steht auf seinem Programm fest, das es groß gemacht hat.
Deutsches Keich.
Berlin, 5. Februar 1907.
i- Der Reichstag ist zufolge Verordnung au den 19. Februar d. I. einberufen. Die erste Arbeit des Reichstages wird die Beratung der Forderungen für Deutsch-Südwestasrika sein, die, wie erinnerlich, den Vorwand zur Auflösung des Reichstages geben mußten. Ein Bild über die endgültige Zusammensetzung des neuen Reichstages läßt sich zur Zeit noch nicht geben, da die Resultate der Stichwahlen vom 5. Februar noch nicht seststehen. Soviel aber ist sicher, daß das Zentrum, gegen welches der Kampf in erster Linie gerichtet war,, ungeschwächt in den neuen Reichstag ivieder einziehen wird; möglicherweise wird es sogar um einige Mandate verstärkt wiederkehlen.
* Auch ein Vorschlag zur braunschweigischen Frage. Königin Marie von Hannover hat in ihrem Testament der lieber mgung Ausdruck verliehen, daß sie auf Hannöver nicht verzichten könne; nun meint hierzu das freisinnige .Berl. Tagebl.': „Deshalb-würde auch nichts besser da- zu mithelfen, die tvelfischen Machenschaften in Braunschweig zu durchkreuzen, als wenn die preußische Regierung loyal erklärte, daß sie an einen 3weiten Hohenzollernprinzen als Regenten von Braunschweig nicht denkt. Dann wird man sich auch in Braunschweig mit der Ausschaltung des Welfenhauses inühelos abfinde». Wir seben überhaupt nicht ein, weshalb jetzt die Braunschweiger einen neuen Herzog oder Regenten haben müssen. Wären sie der Lage gewachsen, dann würden sie sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, sich der monarchische» Spitze zu entledigen und sich eine republikanische Spitze nach Art der freien Städte 3,u geben. Wollen sie das aber nicht, dann mögen sie endlich das Provisorium abschließen, indem sie einen neutralen Fürsten aus. der Reihe der nachfolgenden Erben berufen. Sie habe» dann Uic« nigstens Ruhe und mögen znsehen, wie fie mit ihrem neuen Herzog fertig werden." Eine höchst eigenartige Auffassung der Monarchie, die hier das Blatt des Bakers des K o l o n i a l d i r e k- to rs vertritt; wie wohl letzterer sich im Bundesrat dann stellt?
* Assessor Brückner, bisher Hikisarbeiter in der Kolonialabteilung, ist zum Regierungsrat ernannt worden. Assessor Brückner spielte bekanntlich in den Auseinandersetzungen zwischen dem Abg. Roeren und Herrn Dernburq ivährend der letzten Verhandlungen des Reichstages vor seiner Anflömng eine wesen lliche Rolle.
* Bemerkenswerte Worte hat die konservative Freuzzeitung^ in einem Rückblick über die Wahlen (Abendblatt vom 4. Februar) ausgesprochen ; sie lauten: „Auf der einen Seite glaubte man, bei dieser Gelegenheit durch einen erbitterten Kampf gegen die Konservativen dem Liberalismus der linken Richtung neue Kraft zu geben und damit einen erhöhten Einfluß auf unsere Gesetzgebung und Vermattung zu sichern. Weil diesmal bei der entscheidenden Abstimmung auch unsere bürgerliche Demokratie auf der Seite der verbündeten Regierungen ge- standen hatte, hoffte sie, indem sie sich al§ eine Art von Regierungspartei aufspielte, die Wähler- massen, die ihr während der letzten Jahrzehnte mehr und mehr entfremdet worden sind, von neuem an ihre Fahne zu fesseln. Ausderanderen Seite versucht man, einen neuen Kulturkampf herbeizuführen, indem man die Schuld für die Entwickelung, die zu dem antinationalen Verhalten der Mehrheit des Reichstages geführt hatte, lediglich dem Zentrum zuwies, diese Partei als den Hauptsemd oder gar als den alleinigen Feind bezeichnete und den Kampf gegen ihn zu einem Kampfe gegen die katholische Kirche anszugestalten sich bemühte. Diesen Auslassungen eines konservativen Blattes haben wir nichts hinzuzufügen, sie sprechen für sich selber!
* Gernianisatio» und Prvtcstantisierung. Der in Würzburg erscheinende „Praktische Wegweiser" Nr. 5 Jahrgang 1907) enthält folgende Anzeige: „Eigenes Heim mit etwa zwei Morgen Land finden Hunderte von fleißigen, deutschen, evangelischen Handwerkern und Arbeitern aller Art in nächster Nähe der Provinzial-Hauptstadt Pose» in der Arbeiter-Renteiigiitskolonie Labikowo, welche die Landbank Berlin unter Vermittelung der Königlichen Generalkonimission gründet. Als Anzahlung genügt schon ein verhältnismäßig geringer Betrag. Günstigste Arbeitsgelegenheil ist unter anderem in vielen Fabriken und Ziegeleien, sowie bei Bauten in nächster Nachbarschaft und in der Stadt Posen selbst vorhanden. Besichtigungen können jederzeit stattfinden. Prospekt und Auskunft gibt kostenlos die Geschäftsstelle der Landbank — Berlin in Posen, Lindenstraße 8." — Also die Ansiedelungskommission vermittelt die Sache und nur „evangelische Handwerker" 'verden zngelussenl Einen besseren Beweis für dre Richtigkeit des Satzes, daß in der Ostmark «re Germanisierung eine Protestantisierung bedeutet, kann man sich gar nicht denken!
.f Die Novelle zum Berggesetz (Muftmgs- gesetz) ist am Dienstag dem preußischen Abgeordnetenhaus zugegangen. Die Novelle ist eine Ergänzung des Berggesetzes vom 5. Juli 1905. <s>te ändert die Vorschriften deS allgemeinen Berggesetzes über das Muten und die Verleihung von Mutunzen in verschiedenen Punkten ab. Von be-onderer Bedeutung sind die Befl'mmungen, welche die Gewinnung der Steinkohlen und der Salze fürderhin bem Staate Vorbehalten. — Weiter ist dem preußischen Abgeordnetenhaus ein Gesetzentwurf betreffend die Auflösung des Tepo- italfonds der Hauptverwaltung der Staatschulden zugegangen.
f. Vorträge über Fragen der ärztlichen Wiffenschast, welche für die Unfall- und Znva- idenversicherung besonder» bedeutungsvoll find, ollen, wie die ,Rordd. Allg. Zig/ hört, von angesehenen Aerzten gehalten werden. Diese beachenswerie Einrichtung, welche von dem neuen Präsidenten desReichsversicherungsamtesDr. Kauf- man vor kurzem getroffen ist, wird auch bei den
Aerzten lebhafte Zustimmung finden. Für da» Jahr 1907 sind vier Vorträge in Aussicht genommen. Der erste Vortrag wird bereit am 19. und 20. Februar d. Js. statisinden. Außer den ständigen Mitgliedern und Hilfsarbeitern des Reichsversicherungsaints werden auch die vom BundeSrat gewählten Milglieder, die richterlichen Beisitzer, sowie die in Berlin wohnenden Vertreter der Arbeitgeber und der Versicherten zu diesen Vorträgen eingeladen. Dem vielfach geäußerten Wunsche nach einer größeren Beteiligung bei der Durchführung her Arbeiterversichenmg wird durch die Reueinrichtung Rechnung getragen.
k. Der Kampf in der Berliner Holzindustrie nimmt fortgesetzt an Ausdehnung zu. Die Zahl der ausgesperrten Arbeiter hat sich auf gründ der Angaben des Arbeitgeberverbandes am Äon- tag auf rund 12,000 vermehrt; es haben zehn weitere Betriebe sich jetzt der Aussperrung an« geschlossen. Die Befürchtung, daß der Kampf iu der Holzindustrie auch auf die Provinz übergreisen wurde, hat sich leider bestätigt. Die Arbeitgeber der Holzindustrie in Kiel beben nämlich sämtliche Mitglieder des HolwrbeiterVerbandes, etwa 1000, ausgesperrt. Wie uns vor tach- n'.ännischer Seite versichert wird, ist leider an eine baldige Beilegung des Streikes gar nicht zu denken.
K. Eine niedrige Schmähung erlaubt sich der Evangelische Bund in seiner .Deutsch evang. Korr.' (Rr. 6) gegen den Abg. Geheimrat Roeren. Bekanntlrch hatte sich derselbe infolge der bekannten Verdrehung zentrumsseindftcher Blätter gezwungen gesehen, in der Zentrumspresse eine Richtigstellung der ganzen Angelegenheit zu bringen, woran er die Hoffnung knüpfte, daß auf Grund dieser Erktärung „wenigstens seine loyalen politischen Gegner anerkennen werden, daß il>u bei seinem ganzen Vorgehen auch nicht der leiseste Vorwurf illoyalen Handelns trifft". Und zum Schlüsse schrieb er: „Ich bin mir bewußt, aus Pflicht gehandelt zu haben und bin überzeugt, daß jeder Abgeordnete, der in gleicher Weise angegangen wäre, ebenso gehandelt haben würde . . . Das Zeugnis, daß ich offen und ehrlich gehandelt habe, wird mir niemand verweigern können, der in der Heftigkeit des gegenwärtigen Wahlkampfes auch dem Parteigegner gegenüber sein objektives Urteil bewahrt hat." — lind was sagt der Evangelische Bund zu dieser Erklärung? Die ,Deuftch-evang. Rott.' druckt die obigen Worte ab und macht dazu die Glosse: „Wohl dem, der frei von Schuld und Fehle, bewahrt die kindlich reine Seele". Das ist eine Anpöbelei und ein Tiefstand der Gesin- mtpg, der sich in den Augen aller anständig Denkenden selber richtet. Zu den Augen des Eoangetischeu Bundes sind anicheii'.end alle Katholiken, auch wenn sie noch so hoch stehen, minderwertige und unglaubwürdige Subjekte. Es ist nachgerade eine Ehre, von einem solchen Blatte beschimpft zu werden.
Ausland.
* Die Staalskommisfion für Revision bet holländischen Verfassung schlägt in ihrem '<le- rachte vor, daß die Kinder des Herrschers, die nach dessen etwaiger Abdankung geboren werden, von der Thronfolge ausgeschlossen werden und daß die (bettet al floaten ermächtigt werden, Vorsorge für die Thronwlqe zu machen, wenn nötig
Der geheimnisvolle Ring.
-&>u M. von (Sienfieen.
J\ «Nachdruck „erbosen.)
lSchluß.»
Während er mit Rührung vernahm, daß Lina, gänzlich oneinftcbc.il), nun das ererbte stille Hans in der engen Gasse eines abgelegenen Viertels in der Stadt beziehen wolle. Sprach- und Musikunterricht erteilend, um ihre bescheidenen Nente» oii erhöhen, welche für längst entschwundene Jähre wohl reich gewesen fein mochten, aber bei den heutigen hoben Preise:! zum Leben kaum mehr reichen wollten horchte fie mit ungeheucheltem Entzücken, was er ihr von seinen fernen Reilen erzählte; und wie sie oft bebend das Ang- senkte vor dem schmeichelnden Blicke, welcher sie aus seinem dunkeln Augensterne anlachte, kam süßes, verlorenes Träumen über sie: — Dort an der linken Hand des interessanten Mannes, der so geistreich zu rrzäblen wußte, hotte ffte unter dem filhciflrnneu Handschuh ein Ring am kleinen Fin. ger einen Eindruck gezeichnet. So trug er denn auch den Ring au jenem Finger! Ach! und mit einem Male ging es wie Sehnsucht rätselhaft durch ihre Brust: Wenn dieser Eine es gewesen
£cr damals den Brillanten ihr belassen yatte^ sie würde nicht den Mut haben, morgen »en Austausch zu begehren.
, , toiirby denselben beholten, ihn tragen, befehlt, WrLebeu laug! - Nicht wie der Blitz- ftrabl, per die Eiche mit einem einzigen Schlage zersplittert, war die Liebe ihr genaht, wie süßer Morgentau war sie herabgeträufelt vom Him- melsgewölbe und hatte alles, was sie an Wonne und Lust barg, in das erwachende Herz der Jungfrau gesenkt. ,
Er aber sah das Glühen ihrer Wangen und tr lei in ihren Augen die selige Sprocke des
ewigen Geheimnisses, dos auch in seiner Brust e,«gezogen war, ihm als glühenden Wunsch de» Besitz dieses blonden, lackenden Weibes in daS Herz legend. Beredter sprach er von seinen Verhältnissen und sagte ihr. wie auch ihm an des Lebens sonnigen Weg die Särae geliebter teurer telteru Schatten geworfen hätten, und wie er dennoch em Sonntagskind sei. reich, nnabhängig, Besitzer enter schmnckvollen Villa in Lindau.'wo m wolle von seinem Utnberftreifen.
Anr Ernes fehle noch, seinem Leben die Weihe zu geben, und wunderlich bewegte seine Stimme sich als er in ttefen Klängen sprach: „Wie möchte ich leugnen, daß mir die Liebe schon in ihrer Viel- gestalt genahet ist, bald mich zerstreuend, bald Freude, bald Enttäuschmtg bringend — ober — es war die rechte, heilige Liebe nie. Wie ein Strohfeuer flammte sie aus, nie mein ganzes Sein ausfüllend, nie mir das glühende Verlangen nach der eigenen Häuslichkeit gebend! Flüchtig wie sie nabte, schivand sie, ohne mir Schmerz, ohne mir selbst Erinnerung in das Herz zu zeichnen. Aber einmal schlägt dennoch des Menschen frohe Schick salsstunde, einmal kommt der Augenblick, da man die Einsamkeit vertauschen mochte gegen die Wonne eines Glückes zu Zweien!"
vbr pockte das Herz zum Zerspringen. Nicht, daß sie gebangt hätte, er habe eine andere gewählt, denn das ist ja dos selige Wunder der Liebe, daß man ihre Geheimnisse weiß und kennt ohne fie je studiert zu haben, und sie las in seinen Augen die Antwort auf die stumme, sehnende Frage ihres Herzens; ober — ein unerklärliches scheues Bongen befiel sie.
Wie ein stnmmes Gebet wor ihr schämiges Erbeben und als ob des Herzens Wunsch an das gnädige Ohr des Höchsten geklungei: hätte, scholl es laut „Nürnberg" und mit einem Ruck hielt der Zug unter der Holle des Bahnhofes.
Er half ihr zum Wogen hin und'sie ließ es willig geschehen, daß er ihr das Gepäck trug und fiir sie sorgte, als gehöre sie zu ihm. Als er,
zur Instruktion für den Kutscher, um ihre Adresse gebeten, und sie, den bekannten Namen ihrer Tante, mit der Hausnummer angegeben hatte, !>ot er ihr die Hand zum Abschiede und fragte dringend: „Darf ich morgen meinen Besuch machen und zu Ende reden, was der Schluß der Fahrt o jäh abschnitt?"
Sanft den Druck feiner Hand erwidernd sprach ie: „Mein erster Gang in der Morgenfrühe soll nach der herrliche» Burg sein — dann habe ich Wichtiges in der Stadt zu besorgen — ober um 11 Uhr will ich 8» Hause sein und Sie erwarten."
Da war sie nun wieder in dem alten House. Margaret hatte Freudentränen im Auge und ihr Hansel jauchzte ihr einen hellen Triller entgegen, als ob er sie erkenne; ihr aber lag es plötzlich weh im Herzen, denn die Eine, die Gute fehlte, welche ihr diese Räume so teuer gemacht hatte und die bis zum Tode für ihr Wohl besorgt gewesen war.
Auch heute standen Blumen im Erkerfenster wie vor einem Jahre, nur an der Einrichtung des Zimmers war auf Linas Wunsch etwas geändert worden. Statt des Bettes, wo einst die alte Tonte entschlummert wor, stand ein modernes Pianino, wunderlich kontrastierend mit dem alter- tümlichen Schmuck des Raumes, und Lina ließ hastig die Hände über die Tasten gleiten. Wie das doch freundlich in dem alten Hause schallte, und wie nun schmetternder der Vogel schlug! Gleich einem Wcibeliede erflang es von Linas weicher Stimme: „Ave Maria l"
Es war ihr ein Bedürfnis, ein frommes Lied zu singen, einen Tankchoral bei ihren» Einzug zum Himmel empor zu senden.
Sie wußte es ja nun, daß der Zauberring an ihr seine Wirkung getan hatte.' Sie wäre doch wohl kaum gerade beute gereist, wenn sie nickt zmn Goldarbeiter gewollt hätte, und ohne diese Resse hätte sie doch rvohl nie den Mann gesehen,
in welchem sie plötzlich das Ideal gesunden hatte, von welchem sie bisher geträumt hatte.
Die Nacht kam, eine laue, Helle Sommernacht; längst war e3 still in der düsteren Gasse geworden. Alles schlief wohl in der weiten Runde, aber Lina lag wach und sah zum klaren Sternenhini- mel empor, Gebete auf den Lippen und im H'rze^ das Bild eines großen, ernsten Mannes mit dunklen Augen, der da sprach: „Einmal naht der Augenblick, da man die Einsamkeit vertauschen möchte gegen die Wonne eines Glückes zu Zweien."
Der ernste Manu aber schlief fest und träum, los, nachdem er lange einsam gewandelt toar durch die dunklen Laubgänge, welche so traumhaft die West- und Nordfeite der Stadt umschließen auf dem Wege nach der lauschigen Noseiiau hin. — Sein Entschluß tvar gefaßt: morgen wollte er die blonde Maid fragen, ob sie mit ihm Glück und Leid des Lebens teilen wolle, ob er sie schützen und hegen dürfe in treuer Liebe immer und ewig?
Als die Morgenkühle frisch durch Linas Fen- ster strich, da küßte ihr der Engel des Schlafes einige Stunden wohliger Ruhe auf die Stirne, und erauickt erwachte sie, als goldene Morgen- sonne fie grüßte. - War es Ungeduld, welche sie gar so zeitig zum Gange nach der Burg trieb? Warmes das selige Ahnen nahenden Glückes?
Sie schritt eilend durch den Frübduft und dachte, wie sie im Vorjahre denselben Wog getoan- beit war und übermütig das Schicksal um ihr« Zukunft befragt hatte. — Ach! jetzt wußte sie cs — er kam von Osten, wo die Sonne so strahlend ausgeht — denn von Osten schritt ihr der große Mann entgegen, den sie im Herzen trug. — Beide Hände hielt er ihr entgegen und sie legte f'st die ihrigen hinein, ais ob cs also fein müsse und seltsam bewegt sprach er: „Teure, willst Du die Meine sein für Zeit und Ewigkeit?"
Sie barg in stummer Aiittuort das Haupt an feiner breiten Brust, er aber küßte ihr i« heißem