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Botfllt oiisörit(f n. Verlag der Sulbaer Ac» ttenör tderti in Suita, i

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Fulda, Dienstag den 5. Februar 1907.

29.

34. Jahrgang.

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11] Sentrum unt sojähriger Krieg.

Was haben die beiden miteinander zu tun? Der dreißigjährige Krieg dauerte von 1618 bis 1648; das Zentrum ist 1871 gegründet worden! Der 30jährige Krieg entbrannte durch den Streu- bluch und die Revolution des protestantischen Kurfürsten von der Pfalz, wurde in die Länge ge­zogen durch den protestantischen König von Däne- mark, entfacht aufs neue durch den räuberischen Eroberungsfeldzug des protestantischen Königs Gustav Adolf, den alles, nur keine religiösen Mo­tive nach Deutschland führte, wurde genährt durch die Gelder des deutschen Erbfeindes von Frank­reich aus, bis dieses im Friedcnsfchluß über deut­sche Länder verfugte. Wer den deutschen Desitz- jtand verteidigte, das war die katholische Liga smb die katholischen Ncichsfürsten! So der 30- jährige Krieg, der Deutschlands Ohnmacht be- ficßeltel Und daneben das Zentrum, das 1871 c»lS eine christliche Perfassungspartei gegründet worden ist und fest auf dem Boden der Reick,S- verfassung stehend, alle Volksrechte und das An­sehen des Reiches verteidigt! Was haben also diese beiden mit einander zu tun? dem einfachen Menschenverstand wird dies nickt klar; aber die ,,Nat. Ztg." am 3. Februar 1907 (Nr. 57) sagt (» uns! Dieser Wutausbruch ist so gehässig, daß wir näher ans ihn eingeben müssen.

Zwei Tage vor den Stichwahlen fühlt sich daS f ihrende nationallibcrale Blatt in Berlin be- r ifen, den deutschen Katholiken in ihrer über- N iegenden Mehrzahl den Sinn für das Vater­land abzusprechen; dieser Artikel ist wohl deshalb ßeschrieben worden, damit die Zentrumswähler ja keinen Finger für die Natic^lliberalen rüh­ren. In diesem Artikel findet ff"!nun in Sperr- druck auch folgender Satz: „(Seren daß im Zen­trum die Tendenzen der ®egt. r e f o r m a» tion und des dreißigjährigen Krie­ges trotz des Wechsels der Zeiten und der Um­wandlung aller Verhältnisse fortleben und mit zäher Energie festzehalten werden, begründet seine Reichsfeindsckast, es mag noch so hoch und heilig seine nationale Gesinnung beteuern. Wohl sind lieb Tausende seiner Anhänger ihres Deutschtums mit Stolz und Freude bewußt, aber die unselige Verbindung kirchlicher und politischer Interessen macht sie unfähig, den unüberwindlichen Gegensatz zu erkennen, in dein das Dasein und die Haltung ihrer Partei zu der Wohlfahrt des Reiches steht und ihrem Ursprung, ihrer Tradition und Weltanschauung gemäß stehen muß. Erst wenn in der Zukunft Staat und Kirche sich von einander gelöst haben, kann das nationale Bewußtsein in der katholischen Bevölkerung Deutschlands zum Durch- bruch kommen, bis dahin werden die nationalen Katholiken Redner ohne Zuhörer und Führer ohne Truppen sein. Man muß diese Sätze zwei­mal lesen, um sich über die Frechheit derselben klar zu werden und zu wissen, was hier alles dem Zentrum vorgeworfen wird. Wir wollen die vielen Unarten herousschälen und kommen dann •,tt dem Ergebnis, daß das nationalliberole Blatt geoeniiber dem Zentrum folgende Vorwürfe er­hebt:

1. DaS Zentrum steht auf dem Boden des Mjähriaen Krieges.

2. Das Zentrum ist reichsfeindlich.

3. Das Zentrum besteht aus Heuchlern, wenn es sagt, es sei national.

4. Das Zentrum kann erst national sein, wenn die Trennung von Staat und Kirche durchgeführt ist.

5. Erst dann erhalten die nationalen Katho- liken einen Einfluß!

Man Hot im Wahlkampfe in bet Tat viel (Te­lefon und ist manches gewohnt worden ; aber diese Leistung des nationalliberalen Blattes steht doch w ziemlich unerreicht da. Wir haben gar nicht nötig, auf diese Flegeleien eine Antwort zu geben.

9er geheimnisvolle Ring.

Von M. von Ekenstecn.

6J lRachdruck verboten.)

Lina aber erklärte, daß es ihr nur um Gleich- beit in der Farbe zu tun fei, und als darauf der Goldschmied sagte, unter diesen Umständen die Arbeit übernehmen zu können, bat Lina noch, ihr doch den Ring für den kommenden Morgen fertig stellen zu wollen, da sie abreisen müsse, was ihr nach einigem Zögern zugcsagt wurde.

Sie rüstete dann mit Hilfe ihrer Bekannten ulles zur Abreise, übertrug Margaretl, die Säu­berung und Instandhaltung des Hauses, während sie dem Rechtsbeistand ihrer verstorbenen Tanke st'r etwaige gefchästlickje Mitteilungen ihre Adresse hinterließ.

Am folgenden Morgen, kurz vor der Abreise, und schon auf dem Weg zur Bahn begriffen, fiel Lina plötzlich ihr Ring ein, und sie eilte noch schnell zum Goldarbeiter. — Ter Herr, welchem sie den Ring übergeben hatte, war nicht im Ge­schäfte, und sie erklärte einem jungen Menschen, welcher scheinbar ein Gehilfe war, es handle sich um das Einsetzen eines Steines in einen Ring, und es sei ihr fest versprochen worden, sie könne denselben jetzt, vor ihrer Abreise erhalten. — Da­raufhin eilte der Jüngling in ein neben dem -.öden befindliches Zimmer, und sprach znriick- kehrend, ^ina rin Päckchen übergebend: „Wie Sie lenen, m der Ring auch bereit; mein Chef über­gab mir denselben, bevor er onsging mit dem bemerken: „Der Besitzer" würde ihn vor der Ab­reise abholen, doch ist ja kein Irrtum möglich, l enn, wie Sie aus der Hülle des wohlversieaelten Päckchens ersehen, ist dos Ihre Reparatur."

Auf dem Päckchen ober stand: „Stein einae- fugt, Besitzer Holt selbst ab."

weil sie ihren Ursprung im Evangelischen Bnnde haben. Nur ein fanatischer Katholikenhasser kann so reden; ein Mann, der nickt mehr objektiv prüfen kann, der nicht mehr denken kann, dessen ganzes Wesen vom Katholikenhaß erfüllt ist, der nur ist solcher Gemeinheit fähig. Wir haben gar nicht nötig, auf diese Anwürfe hin mit Tatsachen aus der Geschichte des Zentrums aufzuwartel, und die gegnerischen Stimmen anzusührcn, welche an­erkennen, wie sehr das Zentrum national ist. Solche Leute bekehrt man ja doch nicht, und unsere Leser haben eine erneute Belehrung auf diesem Gebiete nicht nötig I

Warum aber dieser Fanatismus? Weil da» Zentrum aus den Wahlen gestärkt berborge- gangen ist, und weil der „liberale Katholizismus" so erbärmlich schlecht abgeschnitten bat Bon ihm wenden sich die liberalen Zeitungen jetzt mit Spott ab, so schreibt daS oben genannte Blatt: „Der Versuch, eine Liga des liberalen Katholi­zismus zu bilden, so dankenswert es war, daß er überhaupt unternommen wurde, konnte in 4Ö Tagen nicht gelingen. Dazu würde die Arbeit von Jahren nötig (ein, und auch dann würde der liberale Katholizismus in Deutschland über ein bescheidenes Häuflein nickt binauSfommen. Er würde das Schickfal des AltkatholizismuS in der Kirche und der freieren Richtung katholischer Theologen, Historiker und Moralphilofopben an den Universitäten im politischen Leben erfahren. Unter den gegenwärtigen Verhältnissen kann das Zentrum an die Sozialdemokratie und das Polen, tum, aber niemals an den bürgerlichen Liberalis­mus Mandate verlieren. Tie nationale Welle schlägt nicht bis zur Kanzel empor. Dem Urteil über die „nationalen Katholiken" haben wir nickt? hinzuzufügen; aber wir haben hinreichenden Grund zu der Annahme, daß mancker derselben heute schon bereut, was er in den Tagen des Wahlkampfes unternommen hat; es liegen uns bereits durchschlagende Beweise hierfür vor und mancher aus jener kleinen Schar sucht beute den Anschluß an das Zentrum, dem es früher nicht angehörte. Es sind eben vielen Reuten die Augen geöffnet worden durch den Katholikenhaß und manche sahen ein, wozu man sie mißbrauchen wollte! die Nationalliberalen meinen, daß sie in Zentrumsgegenden besser abschneiden, wenn sie öfters in diese kommen würden; gut, sie sollen es einmal versuchten; je mehr man diese Gesell­schaft bei uns kennen lernt, desto mehr verliert sic an Einfluß. Tie Nationalliberalen könnten ja-den Anfang damit machen, daß sie die ihnen zur Verfügung stehenden Agitatoren des Evan­gelischen Bundes in katholische Gegenden senden wollten, das „packt und zieht" sicherlich! So meint dasselbe Blatt (Nr. 56 am 2. Febr. 1907): „Der Kampf gegen das Zentrum erfordert jahrelange ft,ftcmatifrbe Aufklärungsarbeit, und die zur Ver­fügung stehende Zeit war nur kurz. Kein Strahl der Wahrheit bringt in bie ent­legenen katholischen Dörfer, die um ter dem Einfluß der Geistlichen Mann für Mann ihre Stimme dem Zentrum geben, ohne eine Ahnung zu haben, nm was sich der Kampf eigent­lich dreht; jeher Versuch, darin Wandel zu febaf- fen, muß an der von der Kanzel und im Beicht­stuhl gepredigten passiven Resistenz gegen einen Einfluß von außen scheitern." Auch für diese Beleidigungen besten Dank; sie richten ihren Ur­heber gang von selbst. Wie aber sicht es in Wirk­lichkeit aus? In mindestens 80 % der „entlege­nen^ katholischen Dörfer" ist der Volksverein ein­geführt; in jedem Jahre finden mehrere Ver­sammlungen statt, Flugschriften werden verbrei­tet, Bezirksversammlungen folgen; die Ver- trauensmänner werden doppelt geschult; bann folgen noch Referate des Zeutrumsabgeordneten, die beka.intlich am fleißigsten in der parlamen­tarischen Berichterstattung sind. Was aber ge­schieht z. V. in „entlegenen Protestantischen Tör- fern?" Gar nichts! bort trifft man sich nur zur

Zeit her Wahl, sonst nicht! Freilich ist dort eine Aufklärung auch nickt nötig; man hetzt gegen die Katholiken, man schürt gegen bas Zentrum und man hat eine „gute, nationale Wahl". Bei­spiele hierfür lassen sich tausendfach anführen. Der Durchschnittsbewohner der „entlegenen ka­tholischen Dörfer" steht an politischer Durchbil- düng turmhoch über dem Durchschnittsbewohner der „entlegenen protestantischen Dörfer"; hof­fen politisches A-D-C und alles ist: Haß gegen die Katholiken und bas Zentrum!

Deutsches Keich.

Berlin, 4. Februar 1907.

L Der frühere Präsident des Ncichsvrr- fidkrungSamtS Wirkt. Geh. Regtet ungstal Bödiker ist om Montag morgen in Berlin ge- stordea. Dr. Bödiker ist am 5.Juni 1853 zu

ßr.ßodiker

yflfefünne in Hannover geboren; 1871 wurde er als Hilfsm bester in das prensii che Ministerium des Innern berufen, von 1873 bis 1881 war er l'anörat des Kreiies Gladbach. Hierauf erhielt er einen Ruf als Vortragender Rat im Reichs­amte des Innern, wo ihm das Resiorl für Ge­werbe und Versicherungsangelegenheilen über­tragen wurde. Nachdem der Reichstag im Jahre 1884 das Unfallversicherunasgeietz ange­nommen halle, wurde Bödiker z»m Präsidenten deS Reichsoersicherungsamtes ernannt. Die ioüal- potiliiche Wissenschaft hat durch den Tod Boosters einen sehrve.en, unersetzlichen Verlust eriillen.

* Tas preussische Abgeordnetenhaus nimmt am Donnerstag, den 7. Februar leine Beratungen wieder auf. Es beginnt mit der zweiten Be­ratung des Etats und zwar mit dem Landwirt- schaitsetat. Die zweite Beratung ist kon'ingen- tiett worden; man hofft auf diele Weite schon am fi. März die dritte Lewing zu Ende führen zu lönnen. Die Etatsberalung soll Mute Fe- bruar unterbrochen werden durch die Inter­pellation über den Studi'lchen Schulerlaß. Ob dem Landtag vor den Ojierlericn noch '•Beratung^- stoss zugeht, fleht uoch nicht fest, doch et man et man die Entwürfe über das Mulungs- und das Ouellenscbutzgesetz.

• Ocffenkliche Versammlungen veranstalten die Nalioualliberalen in Berlin in den Monaten Februar und Mörz. In diesen Versammlungen sollen die Frageir über die Rechtsfähigkeit der Berussvereine, die Mittelllandstrage und die Börlenreformgesetzgebiina zur Behandlung tommen. Damit wird offenbar eine Ein eüung der bevor­stehenden politischen Saison bezweckt.

B. (?tne treffliche Schilderung der Natioualliberalen entwirft der »Vorwärts, das Organ der Sozialdemokraten, in 91 r. 9.! Er schreibt: »Die Milionalliberaleii haben bisher- allen Militär-, Flotten- und Kolomalvorlagen zugestimmt; ihre Presse, die Preffe der Waffen-,^ Munition-, Monlierungs-, Panzerplatten-,Schiffs­bau- und Eisenbahninaterialien-Lteferanten, hat sogar meist die Regierung zu neuen Rüstungen und Ansprüchen gedrängt. Die 9lationallibera(en sind für alle Fehler unserer inneren und äußeren Politik verant­wortlich. Sie waren allezeit fanatische Anhänger der Ausnahmegesetze und Aus- nahmemaßreoeln gegen ihnen unbequeme Par­teien und. Beoölkerungsschichten. Auch auf diesem Gebiete waren sie vielfach die Antreiber der Regierungen. Sie unterstützten die Ausnahme- getetze gegen die Elfaß-Lothringer, gegen das Zentrum, die Sozialdemokratie, di« Dänen und die Polen . . . Der vollständige Bankeiott, den die sämtlichen Ausnahmegesetze gegen alle die erwähnten Parteien erl-tten, hat die Bereitwilligkeit der Rationalliberalen, immer wieder für neue Ausnahmegesetze, für neue Unterdrückungs maßregeln zu stimmen, nicht vermindert. Die 'JlationaUiberalrn sind da­her nächst den Konservativen die grimmigsten Gegner der politi'chen Gleichberechtigung der Arbeiter und ärmeren Volksschichten . . . Sie sind Feinde bei allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen WahirkchkL Ihre gegenteiligen Versicherungen, die sie jetzt im Wahlkampfe durch ihre Kandidaten abgeben lassen, haben nur den Zweck, Einfältige einzusangen und die Wähler nicht vor den Kopf zu stoßen. Die Probe auf ihre „arbeitet- und votksfreundtiche Gesinnung" haben sie bei den Wahlrechtsräubereien in Sachien rind Lübeck gezeigt!" Dieses Schuldkonto der ti'beralen ist ziemlich gr.ß, aber vollkommen der Wahrheit entjpi eckend. Besonders in den „Ausnahmegeietzen" haben sie sich stets, wo sie nur die Majorität belaßen, rücksichtslos ge­zeigt, und sie würden es auch in Zulunit sein, wenn sie wieder das Heft in die Hände be­kämen. Das möge man bei den Stichwahlen wohl bedenkenl Darum, keine Stturme einem Ralionalliberalen!

* Dir Liberalen werden stutzig! Zuerst ist die Freisinnige Vereiiiigung etwas vom Fürsten Bülow abgcrückt und bat erklärt, sie traue ihm gar nicht mehr; schließlich laufe die gante Ge­schichte auf eine „Stärkung der Reak.ton" hin­aus; die Freisinnige Volkspartei pendelt nach zwischen Regiernng>gunst und Opposition hin und her und weitz vorerst nicht recht, wo sie sich nieDerlaffen kann; vielleicht kommt rhr nach den Stichwahlen die Erkenntnis! Den 'Jiaiional- liberalen gefällt gar nicht, das; die Onijiö en jetzt auf einmal von dem Kampfe gegen das Zentrum nichts mehr wissen wollen; sie mit lern Verrat und deshalb schlecht die /Jiatl. Ztg/ (Rr. vom 2. 1. 1907.) schon sehr deutlich: „WaS die inneie Wirrnis angeht, so mußten wir der nationallibeialen Partei keinen besseren Rat, als sich vom Geist off zioicr Unsicherheit nicht an­stecken zu lasten, vielmehr den per oben Weg, der sie zu so schönen Wahlsiegen im ersten Gange ce|üt)tt hat, auch im zweiien zu ve» folgen, nut mit verdoppelten Krallen! Auch sie wird — wir sagen das ohne die pr.ihlkriiche Ruhmredi.<keck der ,@etmama' — aus den Wahlen als eine andere hetvoigehen, u> d Schwierigleiten, hje

Dankend zahlte Lina, steckte das Päckchen in die Reisetasche und eilte schnell dem Bahnhöfe zu. Atemlos nahm sie ihr Billet und hatte aerobe iwcb Zeit ihr Kupee zu erreichen, ehe das Signal „Fertig" gegeben wurde. Der Schnellzug trug sie in eilender Hast über München Innsbruck zu, wo ein Telegramm ihr Eintreffen gemeldet batte. As sie i»i Zuge saß, ausgeruht von dem ciliaon («ang, nahm sie das Päckchen heraus, um sofort ihren Ring an den Finger zu stecken, aber wer beschriebe ihr erschrockenes Staunen, als statt ihres altertümlichen Silberreifes ihr ein prachtvoller gobener Ring entgegenblihte, in dessen Mitte ein herrlicher Brillant im wunderbarsten Farbenspiel leuchtete Sie war unschuldig an dieser Verwech­selring, das unterlag keinem Zweifel, aber den- noch jagte ihr das Blut wie in Scham zu den Schläfen empor, und mit Besorgnis erfüllte sie der Gedanke, daß möglicherweise der unschuldige Lehrling einer Unredlichkeit würde geziehen wer- den. Verwirrt sann sie nach, was zu tun sei, und als der Zug in München entlief, war auch 'schon der Entschlu ßgereist: ES war gewiß ein zweiter Ring bei demselben Goldschmied in Arbeit ge­geben worden; der ihrige als wertlos, lag jeden- falls offen im Laden, während der Brillantring die sorgliche Verpackung erhalten hotte? — Die- fc§ Mißverständnis mußte sich bald lösen. Sie schickte vom Bahnhöfe in München ein Telegramm an den- Goldarbeiter ab, dessen Adresse sie aus dem Kästchen ersah: „Ring vernvechsclt. Rück- sendung heute zum Austausch. L. Kerner, Bahn­hof München. "

Und nun beschloß sie, erst den Abend zur Wci- tersahrt zu benützen, um Zeit zu gewinnen, den Ring zu verpacken und abzuschicken. Als sie sich bei einem Gange durch die Stadt alles Nötige besorgt hatte, und nun im Restaurant des Bahn- bofcs saß, um nach eingenommenen Mahle den Ning einzusiegeln, kam ein eigenes Siuiicn über sie. — Sie besah den kostbaren Ning von allen

Seiten und wunderte sich, daß der enge Steif, welcher ihr so gut an den Goldsinger paßte, asso scheinbar für eine Irauetchand bemessen war, doch in der massiven Form eher dem männlichen Ge- schmacke entsprach, und sie überlegte, wenn der­selbe einem Manne gehöre, wie aus des Gold­schmieds Weisung an den Lehrling „T er Be­sitzer" hervorging, so müsse derselbe ihn wohl nur am kleinen Finger tragen. — Plötzlich wurde ihr ©innen durch den Eintritt eines Beamten uiitcr- brochen, welckier, auf sic zutreteud, bat: „Möchten Sie mir gütigst Ihren Namen nennen? Es han­delt sich um Ausstichen der Adressatin für eine Depesche aus Nürnberg." Als sie, sich nennend, das Telegramm auSgehändigt erhielt, pochte ihr das Herz gar ss wunderlich schnell vor dem seit- füllten Inhalt: L. Kerner, Bahnhof München. Ning nicht hersenden — sondern tragen. Besitzer des Brillanten begrüßt freudig, weil romantifdb, die Verwechselung. Ist Adressatin abgeneigt, llmtaufdj heute über ein Jahr ermöglicht bei dem Goldarbcitcr. — Ein, zu in fernsten Westen Ziehender!"

Was war das? Begann mit einem Male des Zauberringes geheimes Wirken? Lag Glück oder Leid für sie in dieser seltsamen Verwechselung und durfte sie dieselbe schweigend hinnehmen? Wer trat dieser westwägks ziehende Mann, »velcher ihren wertlosen Reif so willig eingetauscht hatte gegen den kostbaren Tiarnantring? Sollte fic trotz der Bitte denselben nickt dennoch znrück- sckicken, den ihrigen energisch znrückfordemd? Aber, das Schicksal hotte ja also gewaltet, und sie beschloß, sich ihm zu fügen, nickt wieder in herri- schcm Eigensinn die unglückliche Zaiiberwirkung herausbesckwörend. Es galt ja nur ein Jahr ge­duldig auszuharrcn. ♦ e

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Lina war nun schon lange Monate wieder in ihrer Tätigtest und mit doppeltem Eifer gab sie

sich den Lehrstunden hin, um ihren Zöglingen ihrem mannigfachen Wissen fo viel wie möglich nod) in der kurzen Zeit zu geben, die sie denselben zu widiuen beschlossen hatte. Tas Testament deS alten Fräuleins Kathinka Dell seid batte Lina alS Erbin des Hauses mit feiner Einrichtung und der IaHresreute bestiiuint, und so hatte denn daS junge Mädchen seine Stellung als Erzieherin bis Mitte Juli gekündigt, um sich in Nürnberg nie- derzulasseii, wo bis jetzt Margaret sorglich ge» toirtfd;aftct Hatte. Aber auch noch ei» anderes zog sie nach der Heimatstadt Hin: Die Geschichte ihres Ringes, toeldie ihr nie aus dem Sinn gekommen war. Wie ost lag sie in Hellen Mondnächten wach, sich ein Ideal ausjumelid, würdig, den kleinen Roman anszufüllen, der sich unbegehrt in ihr Leben gedrängt hotte; über, ihre Pbantasiegebilde waren den toten Göttern einer längstentschwunde- nen Epoche entlehnt und nichts von Liebe und Leidenschaft stahl sich in das unentweihte Herz hinein.

Es kam der Tag der Abreise, das schwere Scheiden von dem Hanse, wo sie glückliche Jahre verlebt hatte, imd einen Umweg wählend, fuhr sie über Ulm der Heimat wieder zu.

Von Ulm ans tvar sie allein in einem Wagen 2. Klasse mit einem hochgewacksetien Manne, dessen ganze Erscheinung etwas ausgesprocheu Vorneh­mes hatte, während fein geistvolles Gesicht mit ben lebhaften schwarzen Augen von fesselndem Zauber für jedes Frauenherz sein mußte. Männ- liche Festigkeit log um den energischen Mund, phantastisches Träumen in dem offenen Blick, und als der junge Mann den breitrandigen Panama- hnt bei Seite legte, fiel Linas Ange onf eine außergewöhnlich hohe Stirne, welche bnrd) schwär, zes Haar eingerahint gar wunderbar in ihrer Weiße von dem tiefgebräunten Antlitz abstach. Ter Fremde hatte sich bei Linas Eintritt artig verneigt; sie, von langem Trauerschlejer um­wallt, hatte bescheiden gedankt. — Jetzt aber halte