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Fulda, Freitag den L Februar 1907
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Wochen-Rundschau.
X Fulda, L Februar 1907.
(Flachdruck nicht gestattet.)
Im Wahlkampf ist die Hauptschlacht geschlagen. Ihr Resultat ist eine Ueberraschung, welche alle Voraussagen umgeschmisscn hat. Wäh- rend des Wahlkampfes hat man nur wenig von einer Niederlage der Sozialdcniokratie gesprochen und die Genoßen selbst waren sehr zuversichtlich. Ter ganze Kampf galt vielmehr der Vernichtung des Zentrums. Und nun kam der 25. Januar und diejenige Partei, welche einen grotzen Sieg erhoffte, ist geschlagen. Die Sozialdemokratie hat 20 Mandate definitiv verloren. Tas Zentrum aber stellt fest und unbesiegt, vielleicht stärker als je da. 92 Mandate sind ihm sofort zugefallcn und in etlichen Wahlkreisen kam es in durchaus giin- stige Stichwahlen. Die Regierung jubelt über die sozialdemokratischen Mandate. Für das Zentrum ist aber auch die Stimmenzahl ganz bedeutend gewachsen. Das ist eine deutliche Antwort auf die Behauptung, daß die Partei der Nichtwähler lediglich den „nationalen" Parteien zuzuschrciden wäre. In mehreren Kreisen steht das Zentrum mit den Sozialdemokraten in engerer Wahl. Der entschiedene Liberalismus gibt der altbekannten Parole: „Lieber rot als schwarz" den Vorzug, die Nationalliberalen verspüren dieselbe Lust. An diesen „nationalen" Herren wird der Reichskanzler gewiß eine besondere Freude baden. Einstweilen wähnt er sich im Besitze der von ihm gewünschten „nationalen" Mehrbeit. Es fehlt nur noch die Probe auf's ExempclI War schon im verflosicnen Reichstag ohne das Zentrum nichts zu erreichen, so wird es auch nach den Neuwahlen so bleiben. Das Zentrum behält seine Stellung und der Liberalismus weist angstvoll auf die Möi- lichkeit einer „konservativ-klerikalen Mehrheit" hin. Für die Stichwahlen wollen wir wieder unsere volle Schuldigkeit tun, damit unsere Feinde abermals auf Granit beißen, sie selbst aber em- pfindlich getroffen werden.
Tie Einberufung des neuen Reichstags ist für den 14. oder 19. Februar zu erwarten. Die Zeit drängt, da der Etat in kürzester Zeit erledigt sein soll. Die Forderungen für Südwcstatrika werden mit in erster Reihe stehen, voraussichtlich jedoch in anderer Form ein- gebracht werden, da der größte Teil der Mittel schon aufgebraucht ist. Der Hauptetat ist noch im alten Reichstag vorgelegt worden; er erscheint aber neu und bringt auch verschiedene Aeuderun- gen. Tie Eröffnung des Reichstags erfolgt voraussichtlich durch den Kaiser selbst. Seine Thronrede wird das Ergebnis der Wahlen nicht unberührt lasten. Mit Jntereste sieht man dieses Mal der Wahl des Präsidiums entgegen. Der „nationale" Block scheint nicht übel Lust zu verspüren, das Zentrum ganz aus dem Präsidium „bin- auszuekeln". Das Zentrum ist aber die stärkste Partei und in den meisten Fällen ist es noch immer ganz anders gekommen, als gewisse Herren sich träumen lasten.
Eine Linderung deSMajestätSbe- leidigungsparagraphen bezweckt ein Erlaß, den der Kaiser an seinem Geburtstag gegeben bat. Diese Kundgebung ist überall mit Befriedigung anfgenommen worden. So wie der Maiestätsbeleidigimflsparagravh bisher gehandhabt wurde, führte er zu allerlei Denunziationen und von Jabr zu Jabr ertönten bittere Klanen über derlei Prozesse. Einstweilen hat der Erlaß nun festgesetzt, daß der Justizminister alle Verurteilungen dem Kaiser vorzn legen hat, ob er von seinem Begnadigungsrecht Gebrauch machen will. Der Hauptwert des Erlasses steckt aber in den Worten, mit welchen der Kaiser zur Aufstellung eineS gesetzgeberischen Grundsatzes überaebt. Er verlanat eine Aenderung des Strafgesetzbuches, eine Einschränkung der Strafbarkeit der Majestätsbeleidigung. Die Regierung hat sich bisher noch immer geweigert, eine derartige Vorlage einzubringen; nun aber dies im kaiserlichen Willen selbst liegt, wird ein Gesetzentwurf nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen. Damit würde eine längst geforderte volkstümliche Reform zur Einlösung gelangen.
Der Abschluß eines deutsch-ameri- kanischen Handelsvertrages ist in weite Ferne gerückt. Was nun werden soll, steht noch dahin. Zur Zeit läuft zwischen beiben Lau- dem noch ein Handelsprovisoriinn, das am 30. Juni zu Ende geht. Wenn diese Frage erneut an den Reichstag herantritt, ist sie zugleich ein Prüfstein für die Lebensfähigkeit der von der Negierung angeblich gewonnenen „nationalen" Mehrheit Auf der einen Seite steht die Zollfreundschaft der Konservativen, auf der andern das Frei- händlertum der Liberalen. Der Block wird bei dieser Frage entschieden in die Brüche gehen.
Eine schwere Grubenkatastrophe ist über den deutschen Bergbau hcreingebrochen. -Lte Reden-Grube im Saarrevier wurde von schlagenden Wettern heimgesucht, welche eine der unheilvollsten und größten Katastrophen brrbcifubrte. die je den deutschen Bergbau betroffen haben. Die Teilnahme ist überall sehr groß. Frankreich, wo die deutsche Hilfe bei dem Unglück von Conr- riercs einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen l at. übermittelte durch seinen Präsidenten warme Teilnahme und einen namhaften Geldbetrag. Ter Heilige Vater hat ebenfalls in einem Telegramm an den Kaiser fein Beileid ausgefprockien. Im preußischen Abgeordnetenhause forderte die Budgctkommisfion schnelle Fürsorge für die Verletzten und Hinterbliebenen. Mögen diele äußeren Anzeichen den schwer betroffenen Fainillen ein Trost in ihrem Schmerze seins
Die deutsche Regierung hat durch einen Staats- Vertrag mit T ä n e m a r k vom 11. Iammr die Optontcnfrage zwar nicht völlig aus der Welt ge- sckiasft, aber doch ihres schlimmen Stachels de- raubt Nichts hat die Lage an der deutich-danl- scheu Grenze durch lange vier Jahrzehnte so verschärft wie die schiefe Stellung, in der sich die Kinder der dänischen Optanten befanden. Sre schwebten staatsrechtlich in der Lust. Tie alte Zngeböriakeit zu Dänemark batten sie verloren und die Aufnahme in den Verband der Preuße- scheu Monarchie war ihnen so gut wie '.mmöglich gemacht. So bildeten sie ganz von selbst den eigentlichen Kern der dänischen Protestpartei an unserer Ostmark. Was aller Polizeidruck nicht vermocht bat, das darf man jetzt von dem deutsch- dänischen Vertrage erwarten. Es wäre nicht das 1. Mal, daß die Sonne durchsetzt, was dem Sturm nicht gelang. Auch die günstige Wirkung des Vertrages auf die allgemeine Stimmung in Dänemark dürste sich ganz von selbst geltend machen.
Nicht minder bedeutend ist eine erwünschte Klärung der internationalen Lage, daß die m arokkanische Angelegenheit jetzt endlich in ein ruhigeres Fahrwasser übergeht. Die französische und die spanische Regierung haben durch eine gemeinsame Note den Mächten mitgeteilt, daß ihre Kriegsschiffe demnächst ans den niarot- kanischen Gewässern zurückgezogen werden sollen, da der Sultan jetzt selbst für die Besserung der Loge in Tanger Sorge getragen habe. In dieser Beziehung läßt ja die marokkanische Negierung keinen Zweifel, daß es ihr mit der Unschädlichmachung Naisnlis Ernst ist. Gleichzeitig aber sind auch die Vorbereitungen für die Einrichtung der marokkanischen Polizei soweit gefördert worden, daß ihre Verwirklichung in kurzer Zeit zu erwarten ist. Da auch die Staatsbank bereits ihrer Verwirklichung entgegengebt, so darf mau annehmen, daß bemnächst die Abmachungen der Al- geciras-Akte zu einer Art von Grundsatz für Marokko werden und damit die Möglichkeit für den friedlichen Wettbewerb aller Kulturnalionen in blcfem zukunftsreichen Lande eröffnen.
In Oesterreich ist das Parlament nunmehr geschlossen worden. Zuerst schloß das Abge- ordneteuliaus seine Pforten, die erst wieder geöffnet werden sollen, wenn das Parlament in neuer Zusammensetzung erscheint. Es haben allo Ne»n>ahlen stattzufinden, welche erstmals auf Grund der jüngst beschlosienen Wahlreform erfolgen. Das Herreichans sollte sich noch mit dem Automobilgesetz beschäftigen; es lehnte aber feine Erledigung ab, sodaß also die Vorlage erst im neuen Tagungsabschnitt verabschiedet werden fam. Tie Zwischenzeit wird ein heftiger Wahlkampf ansfiillen, in tvelchcm die Nationalitäten scharf aneinander geraten können.
In U n g a r n ist die Polonyi-Affäre zu einem argen Skandal ausgewachsen. Eine ganze Schmutzflut Hot sich ergosien und wieder einmal zeigt es sich, wie traurig e? um die politischen Verhältnisse im Lande bestellt ist. Die Diiwe. die da entrollt wurden, sind zwar nickt neu, dafür aber umso charakteristischer, lieber kurz oder lang muß der Justizminister von seinem Amt zurnck- treteu, m einem anderen Londe wäre er sckon längst unmöglich geworden. An seine Stelle wird ein anberer treten, ohne daß aber in den Ver- hältniffen selbst im mindesten etwas aeänbert wirb. Schwer bloßgestellt ist auch die Uuabhän- aigkeitspa'-tei. Und wenn all die Prowsse, die jetzt angekündigt sind, zunt AuStrag kommen, werden wir eine schmutzige Wäsche erleben, die nicht so leicht ihres gleichen findet.
Unpolitische Zeitlaufe.
(:y Berlin, 31. Januar 1907.
(Rack druck verboten.)
Die arme Polizei t Wie sie eS macht, ist'- falsch Sie soll für die nächtliche Ruhe und Sicherheit sorgen, in Berlin vor allem für die Ruhe und Sichtrbeit der höchsten Herrschaften. Nun bilbcn sich aber in der Wahlnacht auf den Straßen Gruppen von erregten Leuten, die ihren Gefühlen in Gesang nnd Hochrufen Luft machen wollen und deshalb zum Reickskanzlerpalast, zum Königsschloß oder zu einem Prinzensckloß ziehen. Dem Zug gebt es ähnlich wie einer Lawine: sic wachsen in der Fortbewegung. Die Polizei sagt sich: „Wer kann all' diesen Mitläufern trauen, die von den nächtlichen Straßen aufgelesen sind? Wie leicht kann in die Demonstration ein Mitz- klang kommen, oder an dieselbe sich ein Unfug anschließen? Und tonen Leute von anderer Parteirichtung auch einen Straßenbummel zur Nachtzeit machen, was soll dann bei einem Zusammen- stoß der beiden Banden werden? Gibt cs ernste Nuhestörtnigen, so werden wir, die Polizei, verantwortlich gemacht, weil wir hätten Vorbeugen müssen. Also beugni wir vor. Tie Trupps der Temonstrantcn müssen zersprengt werden!"
Aber nun gebt am andern Morgen ein Donnerwetter los. Ter Herr Reichskanzler und Mi
nisterpräsident bat Gefallen gefunden an den nächtlichen Hurrarufen; er klingelt beim Minister des Innern an nnd beschwert fick, daß die Polizei kein Verständnis habe für das regierungsfreundliche „Berlin bei Nacht". Der Minister des Innern gibt sofort den Ruffel weiter und der Herr Polizeipräsident von Berlin muß eine Art Entschuldigung veröffentlichen..
Wenn alle über die Polizei hertallen, so will ich wenigstens versuchen, gereckt zu bleiben. B-l dein Vorgehen gegen die Demonstranten, sollen etliche Schutzmänner grob nnd handgreiflich geworden sein; das ist natürlich streng zu nerurtet- len, hier wie in allen früheren Fällen. Aber von diesen Mißgriffen einzelner Polizisten abgesehen, halte ich das Vorgehen der Polizei im Ganzen für richtig. Nack Mitternacht sind alle Straßenaufläuse. mögen sie noch so „national" aussehen unb noch so schön anfangen, ein bochgefährliches Spiel mit dem Feuer. Niemand kann gut sieben für das Ende. Auch der Reichskanzler nicht, der zwar hinter seinem Hofgitter hübsche Reden übet die nationale Reitkunst halten kann, ober dia nachtwandelnden Massen durchaus nicht hn Zaume bat. Der Polizeipräsident hat ruhig Blut bewahrt nnd gewisienhaft für die Siclrerheit unb Nnhe gesorgt. Das sollten die Minister nicht tadeln, sond.rn vielmehr sich zum Muster nehmen. Wenn der Draht ein paar sozialdemokratische Wahlni-derlagen meldet, so braucht man deshalb nicht gleich einen indianischen Skalptanz auszn- führen.
Ruhig Blut wäre an beiden Seifen des reich?« kanzlcri schen Gitters sehr am Platze gewesen Tenn der Tclearavbendrabt meldete ja zugleich die Siege des Zentrums, die Niederlage der Regierung bei ihrem leichtfertigen Vorstoß gegan unseren unerschütterlichen Turm.
Den Gleichmut haben wir vorige Woche als Weisheit und männliche Tugend gepriesen. Ich freue mich, daß nufere Freunde die scharfe Probe mit gelassener Kraft bestanden Haden. Aber ich schrei' mich nicht in Hurra heiser und schlage keine Purzelbäume auf der Straße. Wem ein bischen Erfola gleich zu Kops steigt, der hat einen schwachen Magen.
In dcr Welt regieren viel zn sehr die Nerven, die Stimmungen. „Was seid ihr binausge- gangen in die Wüste zu sehen?" Ein Schilfrohr, das vom Winde des Augenblicks hin und her bewegt wird! ,,, _
Wer feit der Gründung des Deutschen Reiches im öffentlichen Leben steht, der wirndert sich nickt über den Gang der Dinge. Wo Master ist, ba gehen Wellen auf unb nieder; es wechselte Wel- lenberg und Wellental. Heut rot, morgen tot, übermorgen wieder lebendig! Alle Parteien teilen das Schicksal des Blühen? und Welkens, des Wachsens und Vergehens, des Weckisels von Kraft und Schwäche. Rur eine scheint eine Ausnahme zu bilden, eine überraschende Stetigkeit zu bekunden: unsere Zentrumspartei. Als ob sie eine feste Mole wäre, während die übrigen Partei- schiffe auf dem Wasser auf- und niedertanzen.
Vorsichtshalber sagen wir: es scheint so. Denn wenn auch bisher, seit 36 Jahren, unsere Partei nach regelmäßigem Anwachsen ein wunderbares, unerschütterliches Beharrungsvermögen, eine wahre Erhabenheit über die Strömungen und Stimmnngen des Tages bewiesen bat, so darf man daran? nicht schon den Schluß ziehen, es müsse nun für alle Zukunft so bleiben. Nein, man darf nur sagen, es kann so bleiben, nämlich unter der Voraussetzung, daß die Beteiliaten nach wie vor ihre Pflicht tim. Das Glück muß fortwährend neu geschmiedet werden, sowohl von den einzelnen Menscken, als von der Familie, den Parteien, den Nationen.
Till Eulenspiegel war ein kluger Mann, dec den Gleichmut zu bewahren wußte. Auch bei der Bergwanderung. Wenn es mühsam bergauf ging, so tröstete er sich mit der Erwägung, daß cs bald bergab gehen würde, unb wenn der Gipfel überwunden war, so wurde er nickt übermütig, sondern dachte an die künftiaen Aufgaben an der nächsten Berawcmd So ist'? reckt. Man darf sick nicht von der Keaentoartsstimmung hinreißen lasten, foi'dern muß die Zukunft mit in Betracht ziehen. Vor allem, wenn es uns zur Zeit gut geht, dann muß man denken: Wie behaupte ich diese Erfolne? Wie wehre ich die Rncksckläge ab? Wie nutze ich das Erlangte ans? Da bleibt kerne Zeit zu hohlem Trimnpbschrei unb kindischer Prahlerei. Arbeiten, immer weiter arbeiten, das ist die rechte Moral des Erfolges.
Ich freue mich, wenn die Umstnrzpartei recht viele Sitze verliert. Auf die Flut von 1903 (3 Millionen Stimmen!) ist jetzt eine Ebbe gefolgt. Sckön. Aber wenn nun 1908 wieder die Flut sich zeiaf? Tie Wahlkreise, die man jetzt im glücklichen Anlauf erobert bat, gilt es zn verteidigen, i.u bewahren. Sind die Hnrraschrcier von heute dazu im Stande?
Mer einen Erfolg einheimst, der sagt sich gerne: „Ja, das ist mein Verdienst: meine Kraft und Klugheit hat das zu Wege gebracht. Was bin ich doch für ein Held von Kerl." Ack, die Selbstgefälligkeit! Wenn man genau zusieht, so wird manckcr nickt durch feine eigene Tugenden aiotz, sondern vielmehr durch die Dummheiten seiner Gegner.
Wer bat denn die Schlappe berbeigeführt, die augenblicklich die Sozialdemokratie betroffen bat? Etwa der redselige Bülow oder der noch redseligere Terichiirg oder der Krähwinkler Land- ftnrm dcr Freisinnigen? Nein, der eigentliche Macker war Bebel mit seiner kramvlliasten Taktik der Nevolnzzerei, die seit den ernüchternden Nachrichten aus Rußland und dem FiaSko vom roten Sonntag zn einer abschreckenden Lächerlichkeit wurde. Tie Uinsturzpartei wird wic- berrnn an Gefährlichkeit zimehmen, wenn ihre Leitung aufhört, den Weg von Dresden bi? Mannheim mit Dummh iten zu pflastern.
[| Mariä Lichimch.
Nun sind vierzig Tage verschwunden, al? da? Wort war Fleisch geworden. Mit heißer Andacht, seliger Wonne und himmlischer Freude war es von seiner reinen Mutter und ihrem treuen Beschützer begrüßt worden. Hirten auf dem Felde erhielten die frohe Botschaft Von einem Engel und liefen eilends hin, es anzubeten — Gen Jerusalem und von dort weiter bis Bethlehem führte der Stern die drei Weisen aus dem Morgenlande. Sie kamen unb brachten ihm ihre Geschenke dar, Gold, Weihrauch und Myrrhen.
Und nun die Zeit um war, machten sieh Ma- ria unb Joseph bereit unb trugen das göttliche Kind nach Jerusalem in den Tempel. Sie schreiten dahin am Rande des schmalen Hügels aut dem Bethlehem erbaut ist. Sie nähern sich der Stadt Davids, die flachen Lacher der Hauser Jerusalems tauchen in der Ferne auf, unb tue Zinnen bes Tempels» dem bald io ^re zuteil wird, Jehova, den verheißenen König der Juden zu empfangen, erstrahlen rm rosigen Sian? ber Morgeusonnc. Und obwohl es der Allerhöchste selbst toar, der da in der Frühe des 2. Februars des Jahres 1 nach seiner irdischen Ge- burt fick der Hauptstadt JudäaS näherte, obschon bie heiligsten Personen, bie je auf Erden gelebt, feine Begleitung bildeten, so leuchtete doch weder die Gottheit des Kindes hervor, noch umstrahlte ein Heiligenschein seine Mutter und seinen Vater. Gar manche begegneten dem Ehepaare auf dem Wege, gar manche gingen an ihnen vorüber, aber sie bemerkten an ihnen nichts Ausfallendes.. Unerkannt ,st'll unb verborgen, arm unb hilflos hielt der Mensch gewordene Gott seinen ersten Einzug in feine heilige Stabt.
Das Morgenopfer wurde eben bargebracht, als die heilige Familie den Tempel betrat. Von allen Seiten strömten daher die Leute herbei, mit ihnen auch der greife Simeon und Anna. Als er das Kind auf seiner Mutter Arm erblickt, erkennt der fromme Seher seinen Gott unb jubelnd lösen sich von seinen Lippen die Worte: „Nun, o Herr, entlästcst du deinen Diener in Frieden, weil meine Augen dein Heil gesehen, das du im Angesichte aller Völker bereitet hast." Voll Ent- zucken lauschten Maria und Joseph den lieblich schonen Worten des Priesters, auf besten Haupt der Schnee des Alters lag. Aber ihre Freude sollte nicht ungemischt bleiben. Simeon nahm das Kind auf feine Arme und sein Blick sah weit in die Zukunft, wo sich ihm ein Riesengemälde der kommenden Dinge entrollte. Und er kleidete feine Vision in die prophetischen Worte: „Siehe dieses Kind ist gefetzt zum Falle und zur Auferstehung vieler in Israel und zu einem Zeichen, dem man widerfprechen wird." Darauf zu Maria getoenbet: „Deine Seele aber wirb ein Schwert durchbohren!"
Still demütig nimmt die Maqd des Herrn das Wort entgegen, nur ihr Auge spricht: „Mir geschehe nach deinem Worte." Das Taubenpaar, das sie geopfert, da ihre Armut nichts besseres vermochte, war wohl nicht genug; denn viele unb wert größere, unendlich schwerere Opfer mußte sie noch bringen.
An diesen Gang dcr Mutter GotteS nach dem Tempel, an die Prophczeihung Simeons und an das hierauf dargebrachte Reinigungsopfer Mariens erinnert das Marienfest am 2. Februar, das die Reihe der Wcihnachtsfeicrtage abschließt und in seiner Liturgie seinen Doppelcharakter al? Fest des Herrn (Opferung oder Darstellnng des Herrn) und al? Fest der seligsten Jungfrau Maria (Rei tiguiig) erkennen läßt. Die Griechen nennen es „Begegnung des Herrn" wegen des Zusammentreffens von Simeon und Anna mit der heiligen Familie. Das Fest reicht in das kirchliche Altertum zurück.
Ter offizielle Name des Festes in der abendländischen Kirche, Mariä Reinigung, mußte im Munde des Volkes der Bezeichnung Mariä Lichtmeß weichen. Tie an diesem Tage vollzogene Werbe der Kerzen mit darauffolgender Prozession, bei welcher die brennenden Kerzen in der Hand getragen werden, hat eben als ein das Fest vor allen anderen Festen auszcichnender Akt dasselbe sozusagen erst populär gemacht und daher auch einen volkstümlichen Ausdruck dafür geschaffen Die Kcrzentoeihe erinnert an die Worte Simeons, in denen er das göttliche Kind als ein Licht zur Erleuchtung der Völker pries. Nach dem heiligen Anselm soll dos reine Wachs der Kerzen das lauterste Fleisch des Gottmenschen, der Docht seine ttchen UU$ Licht seine Gottheit versinnbilb- ein kirchlicher Schriftsteller über den symbolischen Gebrauch der Kerzen aus' »Eure geweihte Kerze brennt beim Beginne des christlichen Lebens. Es ist die Taufkerze, welche das Glanbenslicht und die von Gott von der Taufe gegebene Unschuld andeutet. Eine geweihte Kerze wirb dem Kinbe voransgetrageri, welches zur ersten heiligen Kommunion geführt wird; sie redet dieselbe bedelitungsvolle sinnbildliche Sprache. Eine geweihte Kerze brennt auch am Ausgang aus diesem Leben, bie Sterbekerze, bas Sinnbilb des Glanbenslichtes. Tie brennen- ben Kerzen endlich beim Leichenbegängnis sind eine sinngemäße Zeremonie, welche das Gebet begleitet: TaS ewige Licht leuchte ihnen!" Der Gebrauch der Kerzen in dcr Kirche bei den rnei- >tcn gottesdienstlichen Handlungen, namentlich beim l-eiligen Meßopfer, ist uralt. Viele glauben ihn blos dadurch entstanden, daß in den Zeiten der Christciiverfolgung der Gottesdienst meistens zu nächtlichen Stunden oder unterirdisch in den Katakomben abgehalten wurde; er verdankt aber
mit in erster Linie dem Umstande seine <$mfüb- rung, daß die symbolische Bedeutung des Lichtes schon früh erkannt wurde.
Tie Volkstümlichkeit des Feste? zeigt sich auch dadurch, daß es in ben Wetterregeln aufgefuhrt wirb. So z. B.: „Scheint Lichtmeß die Sonne kaum, wird größer das Eis als es vorher war — „So lang die Lerch vor Lichrmcß singt o lange schweigt sie nach Lichtniesien still Auf die Zunahme der Tageslange hat der Ausd ruck Bezug: „Lichtmeß, die Supp be, Tag eß. Und im Elsaß sagt der Winzer z« stmcr Familie: „Lichtmeß, spinnen vernetz, s Rädchen hinter die Tür 's Rebmesser berfür." Eben daselbst kennt man Licknneß hauptsächlich unter bem Namen Frauentag, welcher bei der „Verdingung des landwirtschaftlichen Gesindes eine «rotze Rolle spielt. Wer an diesem Tage einen ländlichen Ort besticht, sieht die stellewechsclnde Dienstboten in großer Zahl.