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Wdaer M Zeitung

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Kotatioa,druck u. Verlag der Suldaer Ao tlrndr ickerei tn Suida. Stn.lpttj}« Nr 9.

JA 22. Fulda, Samstag den 26. Januar 1907. 34. Jahrgang.

M die Wähler 8er Zentrumspartei im Wahlkreise) Ma - (jersjeld - Schlüchtern!

der 25te Januar hat uns einen glänzenden Sieg gebracht; mit noch niemals erreichter StimmenzaM ist unser Kandidat gewählt vorbei

Dieses günstige Resultat verdanken vir 8er getreuen ylnhänglichke'.t und anjopjernden jÄitarbeit unserer Partei­freunde im Wahlkreise.

Zhncn Men sprechen vir hierdurch unseren herzlichen Dank aus.

fulda, den 26. Januar 1907.

Der Wahl - Ausschuss der Zentrumspartei.

I. M Richard Mer

c Am Morgen nach -er Schlacht.

Wohl selten ist die Wählerschaft deS Zen­trum« mit solcher Zuversicht, aber auch mit so heiligem Ernste in den Wahlkamps gezogen, als dieses Mal, wo man der ausschlaggebenden Partei offen den Krieg erklärte und ihr die Vernich­tung geschworen hatte.

Zm Wahlkreis Fulda-Gersseld-Schlüchtern hat, wie nicht anders zu e, warten war, die Zentrumspartei glänzend gesiegt. Auf Herrn Richard Müller haben sich nicht weniger als 13 920 Stimmen vereinigt, während auf Herrn HengSberger nur 6838 gefallen und die So­zialdemokraten mit 783 Stimmen aus der Wahl hervorgegangen sind.

Das Ergebnis ist um so erfreulicher, als von der gegnerischerl Seite in einer Weise agitiert routbe, wie bei keiner Reichstagswahl je zuvor. „Jetzt oder nie!" war ihr Wahlspruch, und in der Tat. sie haben ihre ganze Kraft eingesetzt. Wenn sie trotzdem jetzt eine Niederlage erlitten haben, 10 mögen sie ihrem Gedächtnis unver- getzlich emprägen, daß sie in unserem altbe­währten ZenlrumswahlkreiS nie siegen werden! Einen Gegenkandidaten können sie ruhig auf­stellen, dazu haben sie das Recht und sie er­weisen uns damit zugleich den Dienst, daß wir im so eifriger unsere Pflicht tun und um so I länzender siegen werden. Allerdings möchten I nr sie in ihrem eigenen Interesse bitten, in der sgitation immer bei der Wahrheit zu bleiben.

1 toch in letzter Stunde hat man durch Der» breiiuug der lügenhaftesten Flugblätter versucht, für Hengsberger Stimmung zu machen: im Kreis GerSseld wurde in den katholischen Ortschaften der Aufruf der sog. „nationalen" Katholiken, die im Rheinland dem Zentrum in den Rücken ge- sollen sind, von Haus zu HauS verteilt; in einem denr .Kreisblatt' beigelegten Flugblatt suchte „ein Kaiholit" für HengSberger Stimmung zu machen. Es war aber alles vergebliche Liebesmühe. Sehr erfreulich ist es, daß auch in der Stadt Fulda die Wahlbeteiligung diesmal besser war wie früher. D«e Agitation der Gegner hat, wie es scheint, doch viele, die sonst „die Toten gespielt" haben, ausgerütlelt und sie zur Wahlurne ge- tneden. Vorzüglich bewährt hat sich auch die neue Organisation der Kleinarbeit unmittelbar vor der Wahl und am Wahltage selbst; allen Parteifreunden, die sich in den Dienst der guten Sache gestellt haben, gebührt der herzlichste Dank. Am Lande ist ja von jeher gut gewählt wor­den, diesmal aber hat man fast überall den letz­ten Mann auf die Beine gebracht. Wenn in manchen Orten einige Wahlberechtigte nicht ge­wählt haben, so hat das, wie uns von verschie­denen Seiten mitgeieilt wurde, darin seinen Grund, daß die Betreffenden krank oder verzogen waren.

Ueberall in Stadt und Land loderten die Flammen der Begeisterung mächtig auf. Es war eine Wahlbeteiligung und ein Eifer in der Agitation, wie sie ihres Gleichen kaum finden dürften. Hochbetagte Greise, denen die Wahlpflicht als ein längst überwundener Standpunkt galt, schritten, entrüstet über die wüste Hetze gegen das Zentrum, zur Urne und aus zahlreichen Zu­schriften, die wiederzugeben uns der Raum fehlt, rriehen wir, daß in Stadt und Land viele Kranke und Schwache auf Wagen zum Wahl­lokal gefahren worden sind.

Das Treiben in den Straßen unserer Stadl war äußerst lebhaft und steigerte sich bedeutend, als der Glockenschlag 7 Uhr die Beendigung des Wahlgeschästs onlündigle. DieVersanimluiigs. lokale, in denen hie 9UfuIkte bekannt aeaed-u

wurden, wiesen einen äußerst regen Besuch auf und vor dem Druckereigebäude der.Fuldaer Zeitung', wo die eingegangenen Wahlergebniffe mittelst Scheinwerfer veröffentlicht wurden, staute sich stundenlang eine tausendtöpfige Menschen- menge. Begeisterte Bravorufe durchbrausten die kalte Abendlust, wenn die Meldung von einem großen Zentrumssiege oder das Bild unseres mit so großer Majorität wiedergewählten ReichS- lagsabgeordneten Richard Müller auf der Lein­wand erschien. Herrn Drogisten A. Popp aus Fulda, der für die optische Berichterstattung einen vorzüglich wirkenden Apparat zur Ver- tüaung stellte und denselben auch bediente, sei für seine Liebenswürdigkeit im Interesse einer schnellen Bekanntgabe der Wahlresultate — außer Berlin hatte nur Fulda die Berichterstattung mittelst Scheinwerfer — an dieser Stelle herj- lichen Dank gesagt. —

Die ersteWahlsch lacht istin derHaupt- wahl für den deutschen Reichstag geschlagen worden. Für die Mehrzahl der Wahlkieise, in denen der erste Wahlgang sogleich ein e n d g i l t ig e s E r- gebnis liefert — und die- ist insbesondere von etwa 80 Zentrumswahlkreisen zu er­warten — hat die Wahlbewegung damit ihr Enveerreicht. Die zweite Wahlschlacht aber, die in den zahlreichen (98) Stichwahlen ge­liefert werden muß, steht noch bevor, und solange diese Siichwahlen, deren Termin erst in die Anfangslage des Februar fällt, noch nicht statt- gesunden haben, wird sich kaum ein einigermaßen zuvei lässiges Bild über die Zusammensetzung des nächsten Reichstages geben lasien.

Deutsches Reich.

Berlin, 24. Januar 1907.

* Die Einberufung des uenen Reichstages soll, wie bereits bekannt, kurz nach den Stichwahlen erfolgen. Jetzt will eine Meldung wissen, daß sie am Donnerstag den 14. Februar stattfinden und der Reichstag durch den Kaiser selbst mit einer Thronrede eröffnet werden soll. Der neue 'Reichstag macht auch eine nochmalige Drucklegung des Etats notwendig, da chic Reihe von Einzel­heiten abgeändert werden mutz.

* Ans dem parlamentarischen Lebe» sind zahl- reiche Mitglieder des alten Reichstags definitiv ausgefchieden. Insgesamt haben 56 Her­ren auf die Wiederannahme einer Kandidatur verzichtet, wahrend fünf Reickstagsmit'-lieder ver­storben sind. Von den bisherigen Mitgliedern der Zentrumsfraktion scheiden 90 aus, zu denen Graf Ballcstrem, Rintelen, Szmula und Dr. Bachem gehören. Durch den Tod verlor das Zen- trum die Abgeordneten Breuer, Schuler und Aigner. Von den 51 Nationalliberalen haben sich 11 nicht mehr um ihr bisheriges Mandat be­worben. Dazu gehört auch Bassermann, welcher diesmal im Wahlkreis Rotenburg-Hoyerswerda kandidiert. Die übrigen habe» auf eine Wieder­wahl verzichtet, so Tr. Beumer und Dr. Becker. Von den Deutsch-Konservativen konimcn sieben bisherige Mitglieder nicht mehr in Betracht. U. a. hat Graf Liniburg-Stirum endgiliig Abschied genommen. Von der freisinnigen Volksvartei sind fünf Mitglieder zurückgetreten. Dazu ge­hört Tr. Muller-Sagau, welcher erkrankt ist. Von der Reichspartei erscheinen sechs Mitglieder nicht wieder, an erster Stelle die Herren "b. Kardorsf, v. Tiedemann und @raf Arnim. Von den 79 So- zialdemokraten sind die Vertreter von Frankfurt a. M., Leipzig und Flensburg zn-uckgetreten, Nährend Dreesbach-Mannheim gestorben ist. Die freisinn'ge Vereinigung verliert den frieren Ab­geordneten von Straßburg Riff; aus den Reihen der Deutschen Dolkspartei scheidet der bisherige Vertreter des Wahlkreises Freudenstadt aus. Von den Voten sind vier Mitglieder nicht wieder auf- acfhult darunter Dr. b, Iardzewski und Dr.

Chlapowski. Auch von den elsaß-lothringischen Vertretern kehren drei nicht wieder.

* Bom polnischen Schulstreik. In allen Volksschulen des RegierungsbezirksBrom- berg geht, wie der ,Kuj. Bole^ aus zuverlässiger Quelle erfährt, der Schulstieik von Tag zu Tag erheblich zurück; bis jetzt sind bereits über 6000 Schulkinder zum Gehorsam zurückgekehrt. Es ist bestimmt zu erwarten, daß der Schulstreik bis Ostern in der Hauptsache als beendet angesehen werden kann. Die Regierung in Bromberq Hal dem ,B. T/ zufolge angeordnet, daß diejenigen polnischen Schulkinder, die über den 1. Februar hinaus im Streik verharren, zu Ostern weder versetzt noch entlasten weiden dürfen. Auch sollen für diejenigen Schulen, deren Kinder in der angegebenen Frist nicht zum Gehorsam zurückkehren, alle Vergünstigungen in bezug aus Beurlaubung zu landwirtschaftlichen Arbeiten, Einrichtung von Halbtagsunterricht usw. für den Sommer wegtallen.

* In Würdigung der Teuerungsverhalt- niffe wurden von dem Minister der öffentliche» Arbeiten den Eiseubahndir ektionen beson­dere Mittel zur Bewilligung von Unter­stützungen an bedürftige Hilfsbedienstele und Arbeiter zur Verfügung gestellt. Bei Verteilung der Mittel, die ungesäumt in die Wege zu leiten ist, sollen insbesondere Bedienstete mit kinder­reicher Familie und solche berücksichtigt werden, die infolge von Krankheiten usw. außerordent­licher Beikilie bedürfen. Die den einzelnen Eisen- bahndirektionen zur Verfügunq gestellten Mittel belaufen sich auf 10,000 dis 60,0 0 Mk. Ins- gesamt soll Ve Million hierfür sofort und zum Beginne des nächsten Jahres weiter Vs Million aufgewendet werden.

• Reserve -< Feldartillerie»Abteilungen sollen einer Meldung der ,Miltt. - Polit. Kotreip/ zu- lolge wie im vorigen Jahre, so auch in dieiem Sommer bei einigen Armeekorps ausgestellt wer­den und auf den Truppen-Uebungsplätzen Schieß­übungen mit dem optierten RoHrrücklauf-Schild- gesckütz abhalten.

Ausland.

* Mehrere französische Bischöfe sind in Rom rmgetrosfen und haben mit dem Kardinal- Staatssektetär eingehende Besprechungen iuer die Ergebnisse der Pariser Bischofsver- sammlung gehabt. Wie der,Figaro'berichtet, batte der Valikan gehofft, daß die Bischofsver­sammlung bezüglich der Beschaffung der Mittel für den GotteSd'enst beftimmie und endgiltige Beschlüsse fassen würde. Anstatt dessen hätten sich d«e Bischöfe abermals an den Pap t ge- wandt, damit er Über gewiße Einzelfragen ent- scheide, bezüglich deren die Versammlung des Episkopats zu keinem Entschluß gelangen konnte.

* Gegen den französischen Gesetzentwurf betreffend die Aufhebung der Kriegsgerichte, wird der Deputierte Klotz in der Kammer einen Gegenenlwurf embtinlien, nach dem alle Militär- Personen wegen von ihnen begangenen Verbrechen und Vergehen dem gemeinen Recht unterstellt weiden, ausgenommen Verlk6ungen der mililän- schen Pflicht. — Jeder Olfiüer öder Unteroifiper. Der auf eine in gesetzlicher Weite an ihn von der ssivilbebörde ergangene Aufforderung es unter­läßt ober sich weigert, die ihm unterfteUte Mann­schaft in Tätigkeit treten zu taffen oder feinen Posten verläßt, soll von dem gewöhnlichen Ge- richt abaeuriei't werden.

* Die Beilegung des englisch-amerikanischen Zwischenfalls. Daß Präsident Rooroell endgilttg über den Swettenham-Zwifchen-

sall hinweggehen will, wird durch folgende Note deS stellvertretenden Staatssekretärs Vacon an Den englischen Geschäftsträger Howard bewiesen: Ich habe die Ehre, den Empfang Ihrer gestrigen Rote au bestätigen, in der Sie die Instruktionen, deS Staatssekretärs der Auswärtigen Angelegen­heiten, Sir Edward Grey, bezüglich des Ja­maica-Zwischenfalls milteilen. Ich beeile mich. Ihnen im Namen des Präsidenten die Ver­sicherung zu geben, daß un ere Regierung di« freimütige und bereitwillige Höflichkeit und Rück­sichtnahme, die Grey in dieser Depesche zeigt, im höchsten Grade zu schätzen weiß, ebenso die herz­liche Gesinnung Ihrer Regierung. Das Gefühl, oaß eS unserem Lande möglich gewesen ist, in dieser Zeit der Not auf praktische Weise feine Freundschaft für Ihr Volk zu beweisen, gewährt dem Präsidenten eine besondere Be­friedigung.

* In der argentinischen Stadt Nosaris haben die Arbeiter-Vereinigungen sich mit den Ausständigen solidarisch erklärt und den Beschluß gefaßt, den General-Ausstand zu beginnen. Die Blätter tadeln sie wegen dieses Schrittes. Die Behörden treffen ihre Maßnahmen.

* Rußland räumt die Mandschurei. Die russische Regierung hat betchlosfen, den durch da- Äbkommen mit Japan für die Zurückziehung der russischen Truppen aus der Mandschurei festge­setzten Termin bis zum 1h. April nicht abju« warten und die Mandschurei schon jetzt von Truppen zu räumen, bie für die Durchführung deS Befchluffes erforderlichen Maßnahmen werden bereits zur Ausführung gebracht, so daß die Zurückziehung der Truppen binnen kurzem be­endet sein wird. Die Regierungen von Ching und von Japan sind von diesem Beschluß durch die dortigen Vertreter Rußland- in Kenntnis gesetzt worden.

Glossen zur Reichrtagswahl.

1. „Die Kolonien verursachen einem doch viele Ausgaben", erklärte Wörrmann. Ta mußte er sich einen neuen Geldschrank zulegen.

2. Notiz des .Lolonialanzeigers" vom 25. 1.: „Die Ternburg, die das schönste Bauwerk der Welt werden sollte, stürzte heute unenpartet in sich zusammen. Der Unfall wird auf schlechte Fundamentierung zurückgeführt."

3. „Ich tue nicht mit", erklärte der schon halb- gewonnene Freisinn, als er sich auf halber Höhe der Ternburg befand. „Euer Unternehmen ist mir zu schwindelhaft." Und da fiel er ab.

4. Notiz des „Amtsblattes": „In der heutigen Audienz wurden Tippelskirch und Wörrmann vom Kaiser empfangen und zum Reichskanzler resp. Kolonialminister ernannt."

5. „Welchen Nutzen haben unsere Kolonien", lautete ein Zwischenruf in einer „nationalen" Wählerversanimlung. „Daß sie von großem Vor­teil find, können Sie mir auf mein Ehrenwort glauben", erwiderte der Redner Tippelskirch, roeldie Worte Wörrmann durch Zuruf bekräftigte.

6. „Unsere Kolonien sind uns teuer", rief ein „nationaler" Kandidat. „Unsere Kolonien sind uns teuer", tief auch ein Zentrumskandidat. Und doch bekämpfen sich beide wegen der Kolonien. „Wir müssen sie mit unferm Gut und Blut ver­teidigen", fuhr der „Nationale" fort. „Denn wir müssen zu viel Gelder bineinstecke»", ergänzte der Zentrumsmann.

7 „Es gebt nicht, er steht zu fest, der Zen- trumstnrm", seufzte Bülow. Wit haben zwar die Abgeordneten reisen lassen, aber der Turm rmtzi nicht."

8. „Nicht mal einen Turm aus Noeren und Spänen einnehmen können?" wetterte Dernburg. „Ja, aber „Berge von Erz" sind auch dran öfr« wandt worden", erklärte Bülows