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Zuldaer M Zeitung

Woche«devage:„)!!ustriette5onntag5zettung^ Mouatrbeilage: „Zuldaer GeschichtZblätter"

2«; «i-e tt: Vie eie spalttg» Petitzeile »der deren Baum 15 pfg. BeNarnen ote petitzei» 25 Pfg.; bei wieder- boluwatn wird entfpr.

Habet t gewährt.

Botattonsbtud u. Verlag der Kuldaer ?k< tiendr iderti iw Sulba. $errfpre.ttr Nr *•

M 15.

Fulda, Freitag den 18. Saimar 1907.

84. Jahrgang.

Kvfles Mtalt.

Sentrumskandidaten

für die Keiihstizwihl am 23. Im»«.

Wahlkreis: tzanauSeinhansen-Grb. Die Zen- trumswähler werden gebeten, sich derAbstimmung zu enthalten.

Wahlkreir: ZUlda-Serrfelü-ZchlSchtent. Kandi­dat: Herr Richard Müller-Fulda.

Wahlkreis: Marburg - Nirchhai n > Krautenberg. Kandidat: HerrRegierungsral Klocke- Treysa.

Wahlkreis: HSafelb-her rfeld-Rotenburg. Ran« dldat: Herr Richard Müller-Fulda.

Wahlkreis: Yomberg-Fritzlar-Siegenhain. Kan- didal: Herr Richard Müller-Fulda.

Wahlkreis: Nisteln ' Hofgeismar • wolfhagen. Kandidat: Herr Mchard Müller- Fulda.

Wahlkreis: Nafiel>Melsungen. Es ist kein Kandidat aufgestellt, den Wählern bleibt eS überlassen, für wen sie stimmen oder ob sie Stimmenthal­tung üben wollen.

« . ------------ - ......—— - «

Nationale wahSügen.

Ein altes Sprichwort sagt, daß nie so viel gelogen werde, wie vor einer Wahl, während eines Krieges und nach einer Jagd, das müssen sich die Zentrumswähler merken. Unsere Geg­ner sind zwar von jeher groß im Lügen und Ver­leumden gewesen, aber was sie sich jetzt leisten, übersteigt doch alle Begriffe. Alle die schon ein dutzmdmal widerlegten Lügen werden immer wieder in den Zeitungen und Flugblättern auf­gewärmt; auch paritätische, unpolitische Vereine wie Flotten- und Kriegervereine machen diesen feilten Schwindel mit

Also Klarheit ist nötig, darum wollen wir zur Widerlegung der auch in dem Kriegeroer- kinsflugblatt gemachten falschen Angaben die Hauptsache noch einmal kurz zusammenstellen.

1. Es ist unwahr, daß das Zentrum die Mittel zur völligen Niederwerfung des Aufstan­des verweigert hat, daß es die Ehre der deutschen Waffen preisgebe, die Soldaten den Hottentotten gewissermaßen zum Fressen vorwerfe. Der Reichskanzler selber hatte erklärt, der Aufstand gehe zu Ende, nur noch 3—400 Hottentotten ständen im Feld. Gut, sagt dasZentrum, bann vermindern wir die Masse der Soldaten, die in Afrika ohnedies nicht zum Krieg, sondern viel­fach nur zu Kulturarbeiten verwendet werden und von denen jeder dem Reich jährlich rund 10 000 Mark kostet. Das Zentrum verlangte indes nicht, wie immer behauptet wird,, daß die Kolonialarmee am 1. April 1907 schon auf 2500 Mann herabgesetzt werde, sondern nur, daß Vorbereitungen dazu getroffen werden sollen. Außerdem war es bereit, für eine billigere Polizertruppe Geld zu bewilligen und bei einem etwaigen Wiedererwachen des Aufstandes die notwendigen Mittel zu geneh­migen.

Der Zentrumsantrag war bei einigem guten Willen ganz annehmbar. Aber der Reichskanz­ler, der das AuflLsungsdekret schon in der Tasche :

Wiedersehen.

Bon E. Lid wirr.

ß] < Nachdruck verboten.)

Helma blicke wie abwesend in diese- Licht- meer auf die bunte Menschenmenge.

Seitdem sie weiß, daß Taknostoi sich iu M. befindet, ist sie vollständig verwandelt. Sie ver­anlaßt hie Mutter zu weiten Ausfahrten, zum Theaterbesuch. Sie eilt von Mufeen^zu Bilder- galerien, von Konzerten zu Spaziergängen.

Ihr Herz soll genesen, das ist ihr fester Wille. Die Erinnerung an Taknostoi scheucht sie wrt Verachtung von sich. Interesselos schaut sie nun auf dieses treiben vor sich: die schönen Frauen in schimmerndem Putz, die auf und nieder sich schwingenden Fächer in den kleinen Händen, dies Reigen, Grüßen und Lächeln hierhin und dorthin.

Mehrere der Logen find noch leer Diele Theaterbesucher geruhen ja erst zu erscheinen, lange nach Beginn der Vorstellung, ja, wenn Akte schon abgespielt. Mancher andächtige Zuhörer wird dann äufgeschreckt, durch Oeffnen und kchliehen der Logentüre, durch laute Unterbai- hing. Die Rolle des Faust ist nur mäßig gut besetzt. Dafür singt und spielt das entzückend Eäne Grethchen hinreißend. Bei dem Vortrag re» LiedeS: Der König von Thule, herrscht lautlose Stille.

Da vernimmt man daS geräuschvolle Oeffnen «Inet Tür und eine scharfe Frauenstimme. In (ne Loge, die der von Berno'S schräg gegenüber- egt tritt eine ältere Dame, gefolgt von zwei bildhübschen, jungen Mädchen und einem hoch- »wachsenen Herrn.

.Die Frau Baron Zoller mit ihren Töchter» nnd dem Grafen Taknostoi", wendet sich Fräulein Vern« erklären- yt Helm» ns- ihrer Mutter.

hatte, ließ sich auf eine Erörterung und auf eine Abstimmung über den Zentrumsantrag nicht ein, sondern hielt dem Zentrum einfach den Stock hin: Jetzt springt oder ihr werdet heimgeschickt.

Das Zentrum aber wahrte das Recht des Reichstags beim Bewilligen der Gelder, ein Wörtlein mitzureden und strich, was nach seiner Ansicht entbehrlich war. Wozu braucht man sonst überhaupt eine Volksvertretung, wenn sie nur ja sagen darf. e

Daß die Haltung des Zentrums richtig war, hat sich bald gezeigt. Gerade machten die Regie­rungsblätter einen Lärm, als ob die Hotten­totten gleich nach Ostern ihren Einzug in Berlin halten würden, da kam 12 Tage nach der Auf­lösung die Meldung, daß sich 155 Hottentotten unterworfen haben und der Krieg jetzt rasch zu Ende gehen werde. Was Wunder, daß die ganze Welt laut zusammen lachte über die liberalen Retter der deutschen Waffenehre l

Aber, sagt man,

2. Das Zentrum greift nach dem Kommau- dostab deS Kaisers!

Fällt ihm nicht ein, sondern die Regierung greift nach dem verfassungsmäßigen Rechte des Volkes! Alle Welt, auch die Liberalen, klagen, daß sich daS persönliche Regiment immer mehr geltend macht und daß wir nach dem Spruche: So will ich's, so befehl' ich'S, regiert werden. Da­rum ist es ein Verdienst des Zentrums, wenn es im Zeitalter der allgemeinen Kahenbuckelei fest­hält am verfassungsmäßigen Recht des Volkes und sich weigert, der Regierung den Bedienten zu machen.

Uebrigens ist bei der ostasiatischen (China) Expedition auf Anregung des Abg. Müller- Fulda die Zahl der einzelnen Soldaten ganz genau genannt worden, selbst mit der Art der Verwesung, auch die Gehaltssätze usw. Kein Mensch hat über den Eingriff in die Kommando­gewalt gesprochen. Auch die Ablehnung einer ähnlichen Forderung beim Aufftcmd in Ost» afrtka hat die Regierung ruhig hingenommen.

3. Es handelt sich in Südwestaftika über­haupt nicht um einen Krieg, sondern um einen gewöhnlichen Aufstand; der Kaiser hat keinen Krieg erklärt.

Ein Bergleich mit dem 70er Kriege kann nicht gemacht werden; denn damals galt es, unser Vaterland zu verteidigen; damals muß­ten alle, auch Väter und Ehemänner, mit ein« rücken; damals standen geschlossene Heere den unseren gegenüber. Hier aber besteht keine Ge­fahr, daß die 200 Hottentotten in Deutschland einbrechen, oder auch nur unsere Kolonie los­reißen können. Ferner handelt es sich um Frei­willige, welche nach Südwestaftika gezogen sind, um Leute, welche zum großen Teil sich dadurch eine bessere Lebenseristenz sichern wollen.

Es ist auch eine Beleidigung für unsere deut­schen Soldaten, zu behaupten, es seien noch jahre­lang 5—6000 Mann notig, um 200 schlecht bewaffnete und schlecht genährte Hottentotten- räuber zu Paaren zu treiben.

Gerade die Sorge für das Wohl der Solda­ten, die da drüben kämpfen, hat das Zentrum veranlaßt, mit Nachdruck auf eine Rückbeförde­rung derselben hinzuarbeiten; denn ihreige- n er Wunsch ist e s, endlich wieder einmal in die Heimat zu gelangen, oder drüben sich an- siedeln und eine Farm erwerben zu können.

Eben deswegen hat auch das Zenftum seine Fürsorge für diese Leute dadurch am besten be­tätigt, daß auf seinen Antrag hin und durch

Helma'S'Herzschlag stockt. Ihre Blicke richte» sich auf den Genannten.

Ja, dort, in kurzer Entfernung von ihr, er­blickt sie den, den sie so heiß liebte — nicht ver­gessen konnte. — — Unverwandt folgen ihre Allgen jeder feiner Bewegungen--hänge»

an seinen Zügen.

Er hat sich hinter den Damen niedergelassen, sieht über daS Publikum hin und richtet nun sein Opernglas auf daS am Spinnrad sitzende Greth­chen.

Welches Weh wühlt in Helma'S Herzen bei dem Anblick dieses sonst so heißgeliebten Mannes.

Sein Gesicht scheint schmaler geworden und der Teint farbloser. — Die großen, sprühenden Augen sind oft vou de» breite», langbewimpec- ten Lidern bedeckt.

Wie er sich zu der hingen Dame, die vor ihm sitzt, hinbeugt, zieht ein Lächeln um seine kuhn- geschwungenen Lippen, aber em sarkastisches, nicht daS übermütige von früher. Aelter, hagerer, nicht mehr so edel und offen, find die tadellosen Züge.

„Er hat auch gelitten", sagt sich Helma, „es tat ihm vielleicht weh, mich zu verlassen. Oder —" grübelt sie weiter, „war sein Edelmut, seine Güte und Offenheit Lug und Trug? —"

Die Gräfin wendet sich nach Helma um und betrachtet sie ängstlich forschend

„Siehst Du ihn, Kind?" flüsterte sie, „solle» wir fortgehen? Ich ersinne einen Dorwand."

Hastig schüttelte Helma den Kopf.

Sie antwortet: „Nein, nein, Mutter, ich bleibe.

— Er kann uns hier nicht bemerken."

Dienstbeflissen, fast zärtlich beugt sich Takno­stoi ost zu Else von Zoller nieder. Mit schmachten­dem Blick schaut diese ihn an.

„Denn bet 'ner Andern stehen sehn —

Ach, da» tut wehl" — zieht e$ durch Helma'S Sinn.

seine Mitarbeit daS neue MilitärpensionS- gefetz angenommen wurde, wodurch gerade für die verwundeten und in ihrem Erwerbs­leben geschädigten Kolonialkrieger in ausreichen­der Weise gesorgt wird.

Gerade der viel geschmähte Abg. E r z b e r- ger hat um das Zustandekommen dieses Ge­sches die größten Verdienste. Er war Bericht­erstatter der Kommission. Als das Gesetz zu­stande gebracht war, hat der Führer der Kon­servativen, Herr von Richthofen, dem Zentrum den Dank für seine Mitarbeit ausgesprochen und gesagt, daß es nur dadurch möglich gewesen wäre, das Gesetz zu verabschieden, weil daS Zentrum es so gut vorbereitet hätte. Der Führer der Reichspartti, die uns heute auch den nationalen Sinn abspricht, hat sich diesem Danke angeschlos. fen. Und

der preußische Kriegsminister kam persönstch zum Abg. Erzberger

und sagte: „Ich danke Ihnen, Herr Abgeord­neter, ganz besonders für Ihre Mitarbeit an diesem Gesetz, auch im Namen des gesamten deut­schen Heeres," worauf Erzberger antwortete: „Exzellenz, ich habe weiter nichts getan als meine Pflicht, da bedarf es keines Dankes. Und der Vertreter des sächsischen und des bayerischen Ministeriums haben ihm ebenso den Dank ihrer Kontingente ausgesprochen.

So hat man die Zentrumsleute noch im Mat 1906 für große „nationale" Männer ge­halten — um diesen Ausdruck zu gebrauchen, und da glaubt man uns heute jede nationale Ehre absprechen zu dürfen? Es ist begreiflich, daß einem angesichts solcher Beschimpfungen das Blnt in Wallung kommen kann und kommen muß!

Am 25. Januar werden wir die Antwort darauf geben. (Vgl. auch den Leitartikel im zweiten Blatt.)

KaWhisums und Patriotismus.

Wir Katholiken können es machen, wie wir wollen, immer machen wir's gewissen Leuten nicht recht. Singen wir ein patriotisches Lied, so muß das Heuchelei sein, sind wir begeistert für Rom und den Papst, so heißen wir Römlinge. Wir sind an diese Liebenswürdigkeiten schon ge­wöhnt, aber so schlimm wie in diesem Wahlkampf ist es kaum jemals gewesen und es ist ganz unmöglich, all die Beschimpfungen und Ungezo­genheiten, die man sich gegen uns erlaubt, zu­rückzuweisen. Wenn man jene nationalen Maul­helden hört, bann haben wir Katholiken natür­lich keinen Patriotismus, den haben sie allein gepachtet

Es kommt aber ganz darauf an, was man unter Patriotismus versteht; wir haben eine ganz andere Auffassung davon, wie die „na­tionalen" Schwärmer

Was sagt die katholische Kirche über unsere Stellung gegen die Obrigkeit? „Gebet Gott, was Gottes und dem Kaiser, was deS Kaisers ist", und jegliche Gewalt kommt von Gott und darum ist ihr der Untertan Gehorsam schuldig, so lange sie keine Sünde befiehlt. Die katholische Kirche macht also aus dem Gehorsam gegen die rechtnmßige Obrigkeit eine Pflicht der Religion und errichtet so „dem Fürsten und Vorgesetzten einen Thron in dem Gewissen der Untertanen, einen Thron, fester und stablliärter als Dia­mant." Patriot fein heißt lieben, hasse» «nd fühle», wie daS Vaterland liebt, haßt nnd fühlt.

Die Oper nimmt ihren Fortgang.

Mit rauschendem Beifall wird die „Spiegel arie" der Sängerin gelohnt.

Der Daffteller Valentin'S war ein Bild mann- sicher Kraft und Schönheit. Die Szene auf dem Marktplatz, da er, umgeben von der trauernden Bürgerschar, verwundet, sterbend, daliegt, gelang unübertrefflich. Wie daS verzweifelnde Gretchen neben dem Bruder kauert und dieser die furcht­bare» Worte hervofftößt:

„Sei verflucht, bis Dich erlöst der Todesschlaf l — Weil Du selbst — sei verflucht," feuchtete sich im Publikum manches Auge.

Und in dem Moment sprach leise Frau v. Tur- noto zu ihrer Tochter:

„Mädchen, blicke Taknostoi an. — Sieh, wie er mit der Choristin, der rotgekleidete», kokettiert. O, der Verächtliche l" —

Und wirklich, Helma bemerkt, trotzdem sie in dieser Hinsicht so nnerfahren ist, daß der Genannte mit dem Mädchen auf der Biibne Blicke und Zei­chen des Einverständnisses wechselt. Ja. fetzt zieht ein leichtfertiges Lachen um seine Lippen. —

Und gleich daraus neiot er fick wieder liebevoll rind ehrerbietig zu Else Zoller bin.

Helma's Brust sckwillt vor Verachtung und Zorn, ja sie kommt sich fast erniedrigt vor. daß sie d"n Mann so unsäglich geliebt bat.

..Mutter, ich ersticke, lasse uns fort von hier geben." stößt sie hervor.

Bald darauf verlassen sie die Loge und fahren heim.

Helma kehnt den Kopf auf der Mutter Schulter. — Endlich spricht sie:

„Mutter, es war eine barte Stunde. Doch dir Lehre, dir sie mir gab, hat mich geheilt. Nie wirst Du mehr über mich zu klagen habe».

♦ ♦

Das Vaterland umfaßt alle feine Mitbürger mit demselben Bande der Liebe; es haßt alle Zwie­tracht, Ungerechtigkeit und Widersetzlichkeit; c» fühlt, daß sein wahres Wohl nur auf religiösem Boden gedeihen kann. Der echte Patriot liebt und haßt und fühlt dasselbe, und er muß es tun, sonst handelt er gegen sein Gewissen. Macht die ftefflichsten Gesetze, verkündet die strengsten Sftafen, stellt die lockendsten Belohnungen in Aussicht, wird das alles etwas nützen, wenn der Untertan nicht von der Stimme seines G e- wissens geleitet wird? Wen er Gott nicht fürchtet, wenn er das Auge des ewigen Richters nicht scheut, wenn er nicht auf Belohnung jen­seits des Grabes hofft, dann ist das Band zer­rissen, das ihn an die weltliche Obrigkeit fesselt, dann schwindet die Ehrfurcht und die Liebe und der Gehorsam. Wenn die Untertanen keine Re­ligion haben, so werden sie nur insoweit gehor­chen, als sie den Straftichter fürchten müssen. „Philosophiert soviel ihr wollt über die beste Rc- gierungsform," sagte Voltaire einmal, „wenn ihr aber nur ein Dorf zu regieren habt, so muß es Religion haben.

Also bei uns Katholiken wurzelt der Patriotis­mus in der Religion, in der Gewis - senspflicht. Schon Tertullian konnte in seiner „Schutzschrift" von den ersten Christen schreiben: „Für dieselben Kaiser brachten die Christen täglich Gebete dar, von dem sie täglich verfolgt wurden, und täglich feierten sie das un­blutige Opfer für denselben Staat, der täglich das Blut ihrer Brüder opferte."

So ist's bei uns Katholiken immer geblieben in den Zeiten des Sonnenscheins und auch in den Tagen des Sturmes. Ob es bei jenen, die gerade jetzt wieder mit ihrem Patriotisnms hausieren gehen, auch immer so war und sein wird, ist für uns nicht über allen Zweifel erhaben. Man hat auf jener Seite die „Revision der monarchischen Gesinnung" schon aus sehr geringfügiger Ursache in Aussicht gestellt. Da fehlt eben der w a h r e auf der Religion ruhende Patriotis, mus. Wer unferm Herrgott nicht treu ist, auf dessen Staatstreue ist auch nicht viel Verlaß. Jeder gute Katholik ist auch ein Patriot; er ist im Gewissen verpflichtet, das Vaterland zu lieben und ihm zu dienen, die rechtmäßige Oh rigkeit zu achten und ihr zu gehorchen.

Katholisch nutz patriotisch sind darum gleich- brdentend.

Das gleiche, geheime, direkt« Wahlrecht ist in Gefahr, wenn ein Kartellreichstag gewählt wird. Daß die Freikonservativen lieber heute als morgen dieses Volksrecht vernichteten, ist bekannt, aber auch die Nationalliberalen sind Wahl- rechtstem de.

Beweis. Der nationalliberale Abgeordnete Sernler sprach sich am 27. November 1895 gegen das geheime Wahlrecht aus. Es wurde eine dies­bezügliche Resolution angenommen und der na­tionalliberale „Hann. Kontier" stimmte dem zu! Die „Nationalzeitung" schrieb am 19. Mai 1895: „DaS allgemeine Wahlrecht verwildere, sich selbst überlassen, mehr und mehr. Es müßte der ver­hängnisvolle Lauf des allgemeinen Wahlrechts aufgehalten werden. . ." Der nationalliberale Führer Dr. Miauel arbeitete in der zweiten Hälfte der 90er Jahre als preußischer Staatsminister mit allen Mitteln auf eine Beseitigung des Reichs- tagswahlrechts hin. Der alte Hohenlohe hat uns das in seinen Denkwürdigkeiten ganz ausführlich erzählt. Tas führende Nassauische nationallibe-

Zur Geburtstagsfeier seiner älteften Tochter Else gab Baron v. Zoller einen großen Ball. Die Gesellschaftsräume seiner Wohnung strahlten in fast tagheller Beleuchtung, und waren durch Grup­pe» von Blumen, Palmen und Lorbeer malerisch geschmückt. — Im Spielzimmer war eine kleine Bühne errichtet, auf der ein französisches Lust­spiel in Szene gehen und dem folgend lebende Bil­der gestellt werden fallen.

Elfe empsing an der Seite der Ihrige,! die Gäste.

Jetzt bat sie sich in einer Rische des letzten Saales allein niedergelassen. Auf ihrem jngend- fajönen Gesichte liegt ein Ausdruck von Aerger und Unruhe. Die dunklen, großen Augen blicken un­freundlich. Der Tag brachte ihr eine herbe Ent­täuschung: unter den vielen Geschenken, die auf ihrem Geburtstagstisch aufgebaut waren, unter der großen Anzahl prächtiger BuketS, der zarten Briese, die einliefen, fand sich keine Aufmerffam- feit, sogar kein Gruß Taknostoi'S. Und sie hatte so fest auf seine Werbung um ihre Hand gehofft, war er doch in den letzten Wochen von einer Auf- merksamkeit und liebevollen Fiifforge getoefeit, daß sie an feinen zärtlichen Gefühlen für sie nicht mehr zweifeln konnte.

Wie oft blickten sie feine zwingenden Augrn voll Leidenschaft und Hingabe an, wie oft hielt feine Hand ihre Finger mit heißem Drucke um- fpannr. — und schienen feine kübngefchwunaenen Lipven daS entscheidende Wort sprechen zu wollen. — Aber plötzlich konnte der Blick erkalten, sogar spöttisch werden, — der Mund ein höhnisches, kaltes Wort reben — und feine Hand die ihrige gleichgültig freigeben.

Er war ihr ein Raffel und eben deshalb ge­wann der Russe auf das schöne, so sehr umworbene Mädchen einen fast diabolischen Einfluß.

(Fortsetzung folgt)