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M 11.
Fulda, Montag den 14. Januar 1907.
34. Jahrgang.
Iss Zeiltrm eint wahre W Partei.
Da» Zentrum ist in jenem gewaltigen Kampfe geboren worden, den Bismarck anfangs der sieb» ziger Jahre gegen die katholisch« Kirche begonnen hat. Länger als ein Jahrzehnt stand e» mit dem unbeugsamen Mut, den da» katholische Gewisse« gibt, dem gewaltigen Kanzler gegenüber, biS dieser, des vergeblichen Kampfes müde, die Waffen niederlegte und mit dem Zentrum seinen Frieden machte. Seitdem hat die Regierung sich in manchen Punkten dem Zentrum genähert, aber nicht aus Wohlwollen, sondern weil sie gezwungen war, die Bahnen des geldsackfröblichen Liberalismus mehr und mehr zu verlassen und sich der Fürsorge für die arbeitenden Vostsklassen, Handwerker, Bauern und Arbeiter zuzuwenden, deren Vertretung immer dem Zentrum eine heilige Pflicht war. Die Regierung ist zum Zentrum gegangen, nicht daS Zentrum zur Regierung. Nach- dem der Liberalismus abgehaust hatte, zwang die Not die Regierung, Mittelstands- und Arbeiterpolitik zu treiben. Wer aber den kleinen Leuten helfen will, der kommt von selbst auf die Wege des Zentrums. DaS Zentrum hat seitdem der Regierung die Hand gereicht zu ehrlicher
Mitarbeit am Wohle bei Volkes,
nirgends aber ein Stück von seinen Grundsätzen geopfert, nirgends buhlt es um die Gnade der Minister und der Großen. Die Abgeordneten des Zentrums suchen nicht ihren igenen Vorteil, sie jagen nicht nach Orden und Zeiten Stellen hin, sie nehmen das verantwortungsvolle und arbeitsreiche Amt eines Abgeord- neten auf sich aus LiebezumBolk und aus Liebe zum Recht.
Ihr Gewisse« und ihre religiöse Ueberzengung macht sie fest und unbeugsam gegen dir Gnade und Ungnade der Menschen. Wer daS nicht hat, der schwairkt wie ein Rohr im Wind; der wird immer in jenem Teiche fischen, wo Geld oder Ehre oder die Gunst, sei es der großen Menge, sei es der großen Herren, zu fangen ist.
Das Zentrum ist seinen Grundsätzen allzeit treu geblieben. Es ist im Sturme ausgewachsen und darum fürchtete eS die Stürme nicht.
Das Zentrum ist seinen Weg gegangen und hat nicht um die Gunst von oben gebuhlt. Könnte eS ohne Rsgrerungsgnade nicht leben, so wäre es längst nicht mehr da. Das Zentrum war nirgends die Schoßkatze der Regierung, sondern immer da» rüstige Arbeitspferd des katholischen Volke». Es ist der wahre FreunddeSVolkes. Vom Zentrum gilt, was schon ein alter Heide (Aristo- phanes) vom wahren Volksfreund gesagt hat: „Er schmeichelt euch ilicht, er ködert euch nicht,
er führt euch nicht an der Nase
Streut Weihrauch euch nicht, mit heuchelndem Sinn, doch rat er das Gute, das Beste."
Dabei will das Zentrum bleiben in alle Zukunft und darum muß auch das katholische Volk ihm die Treue bewahren.
Treue um Treue!
legt WMHM;b Irr Ktilheteg»- enflilung unb in im politischen fegt.
Das Zentrum hat bekanntlich der Regierung alles bewilligt, tvaS für die Niederwerfung deS Ausstandes wirklich nötig war. ES ist erstunken und erlogen, wenn gewisse Blätter behaupten, nach dem Zentrumsantrag hätten sofort 8000 Mann zurückgezogen werden sollen; es sollten bis zum 1. April nur Vorbereitungen getroffen werden zur weiteren Zurückziehung der Trup
pen; bis zum 1. April brauchte nach dem Zen- trumsantrag auch nichtein einziger Mann zurückgezogen zu werden, den die Regierung nicht freiwillig zurückzog. Man hat den Antrag gar nicht geprüft und eine Verständigung nicht gewollt. Der Reichskanzler hörte nicht einmal zu, als der Abg. Spahn seinen Antrag begründete: „Redet nur zu, dachte er, ich habe die Auflösungsordre schon in der Tasche". Keinen Mann und keine» Groschen wollte da» Zentrum von dem, was nötig war, verweigern. Mit 2500 Soldaten vor dem Feind sollte die Regierung nickt au»- kommen können, nachdem schon am 26. Mai 1906 der damalige Kolonialdirektor erklärt hatte: „Ich nehme an, daß wir vielleicht in naher Zukunft im Süden mit 1000 Mann auskommen" l
Die deutsche Waffenehre und „da» Ansehen de» Reiche» vor der Welt" soll durch den Antrag deS Zentrum» berührt worden sein. — als ob 2500 deutsche Soldaten nicht den 300 Hottentotten gewachsen wären, von denen übrigens 150 sich 8 Tage nach der Auflösung schon unterworfen haben — sodaß kaum noch eine Handvoll übrig ist. DaS glaube, wer kann. — Den Reichstag aufzulösen, dazu haben die Verbündeten Regierungen gewiß das Recht; aber da» Volk hat auch da» Recht z« verlange«, daß seine Vertretung, die t» für fünf Jahre gewählt hat, nidjt wegen eine» so geringfügigen Grunde» vorzeitig heimgeschickt wird und ein Wahlkampf vom Zaun gebrochen wird, in dem mehr als je zuvor alle Leidenschaften entfesselt werden. Eine solche Lappalie kann auch nicht der wirkliche Grund zu einem so aufregenden Eingriff in das politische Leben gewesen fein, der Grund liegt tiefer:
Das Zentrum soll ausgeschaltet, der Zeutrumsturm in die Luft gesprengt werde«.
Aehnlich ist eS gewesen zur Zeit der Auflösung des Reichstag» aus Anlaß der Septennatsfrage. Auch da hat man es mit der Auflösung des Reichstages sehr eilig gehabt und es ist mit Rücksicht auf die gegenwärtige Lage und die Abfichten der Regierung interessant, daran zu erinnern, wie seinerzeit
Windthorst über die Auflösung des Reichstags
gedacht hat. In seiner berühmten Gürzenichrede vom 6. Februar 1887 führte er aus:
„Ich kann nicht begreifen, weshalb die Verbündeten Regierungen das Angebot nicht angenommen haben. Sie hätten damit alle» erreicht, was sie wünschten; es wäre all der Lärm, der jetzt existiert, die Zwietracht, die gesät ist, nicht entstanden, und ich glaube, dabei hätten auch die verbündeten Regierungen fich gut gestanden. Aber man hatte es so eilig, abzukehnen, daß man nicht einmal die zweite Lesung des Gesetzes zu Ende kommen ließ. Wer kann in das Verborgene eine» Menschenherzes sehen? Und ich forsche nach, ob nicht die ganze Septennatsfrage dazu benutzt werden solle, noch andere Zwecke zu erreichen. Ich habe für mich auch nicht den geringsten Zweifel, daß ein wesentlicher Zweck der ist, eine blind- gehorchende Mehrheit zu schasse«. Und wenn das fein soll, dann muß das Zentrum unschädlich ge. macht werde«; denn solange daS Zentrum existiert, wird es, wenn es in der Mehrheit ist, nicht zu beugen, und in der Minderheit nicht furchtsam zu machen sein. Also weg mit dem Zentrum! Das muß unter allen Umstanden gesprengt werden!"
Die Worte passen genau auf die gegenwärtige Lage. Weil das Zentrum fich am 13. Dezember nicht hat beugen lassen, es nicht wie ein gut dressierter Hund über den Stock gesprungen ist.
Wiedersehen.
t Von E. Lidwi«.
2] (Nachdruck verboten.)
Mitleidig legte sich Gräfin Turnowo'S Hand auf das blonde Haar ihres Kinde», und sie ermunterte : „So fasse denn Mut, liebe Helma, zerstreue Dich, verkehre mit Freundinnen. Unsere Mittel sind ja noch hinreichend, um Dir viele Wünsche befriedigen zu können. — Und dann erfreue mich dadurch, daß Du gegen Thorn herzlicher bist; wenn Du fein Werben um Deine Gunst auck noch nicht ermutigest. Bedenke, er ist un» ein wahrer, uneigennütziger Freund, der beste, edelste Mensch."
"Ich verspreche es, gute Mutter," entgegnete Helma leise, „ich will versuche«, ihn gern zu haben."
Die Gräfin drückte einen Kuß aus der Tochter Stirn.
Am Abend kam Graf Thorn zum Tee zu den Damen. Es war ein Mann von 38 Jahren, mit treuen, blauen Augen, hellbraunem Haar, reinen und edlen Zügen Seine hohe Gestalt war schmal «nd hager. Seit Jahren hatte er als intimer im Turnow'schen Hause verkehrt, und als die Gräfin nach dem Tode ihres Gatten von B. .tiierberaog, folgte er ihr und nahm auch in M. fernen Wohnsitz.
Frau von Turnow hatte es nicht über sich vermocht, nach dem Zusammenbruch ihres Reichtums unter denselben Menscken, die ihren Glangekannt, weiter zu leben. Ihr Vetter, Arnold v. Bcrno, ein alter Junggeselle, war Polizeipräsident in M. und schlug seiner Kusine, mit der er immer in rea«n Briefwechsel «gestanden, vor, nach M.
überzufiedeln. Sie folgte ihm gern, lief sie doch nicht Gefahr, in dem weit von B. gelegenen M. früheren Bekannten zu begegnen. Seit bald sechs Monaten lebte sie nun hier in der hübschen, kleinen Villa nahe dem Volksgarten. Aber die schöne Stadt, die herrliche Umgebung, die wieder geordneten, wenn auch bescheidenen Verhältnisse, hatten noch nicht lindernd und heilend auf da» Gemüt der Schwergeprüften gewirkt, ihr Denken nicht beruhigt, ihr Leid kaum gemildert. Helma gab sich an dem Abend wirklich Mühe, der Mutter Wunsch zu erfüllen, indem sie angeregt der Unterhaltung folgte und Thorn, dem sie al» Freund au» der Kindheit herzlich gut war, nicht durch abweisende Kälte wehe tat.
Als die Mutter sprach: „Helma, finge un» ein Lied, ein hoffnungsreiche», freudiges, laß Thorn Dich begleiten," da folgte sie ihm gehorsam zum Flügel und fang heitere, jubelnde Weisen. Ein energisches Wollen beseelte sie, war auch ihr Herz ohne jede Hoffnung und Freude, klang e» auch in ihrem Innern:
„Ich kann wohl oftmals singen, Al» ob ich fröhlich sei. i
Doch tief die Tränen bringen Da wird das Herz mit frei.
Es lauschell alle Herzen
Und alle» ist erfreut.
Doch niemand fühlt die Schmerzen, Im Lied daS tiefe Leid.--"
Wie gebannt hingen Thorn'» Augen an Hel- ma's schönem, liebem Gesicht; echte, treue Liebe las man in seinen beredten Blicken.
Zu später Stunde empfahl er sich erst, Zuber- ficht und Hoffnung im Herzen.
Frau von Turnow schlang den Arm um Hel- ma's Schulter und sprach:
„Schlafe süß, mein liebe» Kind, träume von schöner Zukunft."
Vor bet Türe chres Zimmers lang hingestreckt daliegend fand Helma ihren Hund Karo, eine
den bet Kanzler ihm vorhielt, soll der 25. Januar der Regierung eine blindgehorchende Mehrheit verschaffen, es soll das Verhältnis zwischen der Regierung und der Volksvertretung dasjenige von Reiter und Roß fein; der eine führt, der andere pariert! Wer vom Küraflierstiefel nicht geritten sein will, gebe daher am 25. Januar seine Stimme ab für ta»
- bas Zentrum.
):( Unsere neueste Gegenlandidatur.
Endlich, nach langen schweren GeburtSwehen ist auch die Kandidatur des Regierungs-Mischmasches zustande gekommen.
Sie nennt sich freikonservativ und national.
Unsere politischen Gegner im Wahlkreise Fulda-GerSfeld-SchlÜchtern beben e» schon mit allen nur erdenklichen Parteibezeichnungen versucht, erft demokratisch, bann freisinnig, dann liberal, dann nationalliberal, dann Bund der Landwirte, dann Antisemit, dann christlich-sozial, fegt freifonfer- oatio, dazwischen gab eS auch einmal einen Kandidaten, der sich „Eklektiker im guten Sinne" nannte. Merkwürdig ist nur, daß es in der Hauptsache immer die gleichen Leute sind, die al» Wahlkomitee auftreten, und daß gleichwohl der Kandidat immer einer neuen Partei angehört, es müssen die Komiteemitglieder also von einer Wahl zur anderen immer wieder eine Verwandlung ihrer politischen Zugehörigkeit vor- nehmen.
„Heut' sind sie liberal, doch stet» er- b3tig,
Den Rock zu wechseln und die Haut wenn nötig" erinnern wir un», m einem alten Kalender gelesen zu haben.
Wa» ist freikonservativ? werden manche Leser fragen. E» ist eine Partei im Reichstage, die zuletzt au» 18 Mitgliedern und 2 Hospitanten bestand, früher war es die Partei der Herren v. Stumm und Krupp, d. h. die Partei der beide« Panzerplattenfabrikanten, die so vorzügliche Geschäfte mit dem Staate machten und mit beneti unser bisheriger Abgeordneter im Jahre 1900,*’ al» er Berichterstatter über das Flottmgksetz war, große Auseinandersetzungen hatte, wobei jedoch die überwältigende Mehrheit de» Reichstages auf seiner Seite stand, von der äußersten Linken bi» zu der äußersten Rechten!
Die Zeitungsorgane der freikonserva- tioin Partei sind die «Po'stt und die .Berliner neuesten Nachrichten', vielfach die „Organe für Panzerplattenpatriotismus" genannt, zugleich die Organe der „Scharfmacher", der Feinde der sozialen Gesetzgebung, der Feinde de» allgemeinen, gleichen, geheimen und direkten Wahlrechte».
Unser bisheriger Abgeordneter hat schon bald nach seinem Eintritt in den Reichstag einen Zusammenstoß mit dem Oberhaupt der freikonservativen Partei, Herrn v. Stumm, gehabt wegen der Rechtsfähigkeit der Berufsvereine, welche vom Zentrum beantragt war. Später nannte Herr v. Stumm in einer großen Rede, die er in Saarbrücken hielt, unseren Abgeordneten einen gefährlichen Demagogen (BolkSverführer)!, weil btefer stets für die Rechte de» Volkes, der Handwerker, Bauern und Arbeiter, eingetreten ist.
prachtvolle Ulmer Dogge. Ihr Fell glänzte wie Aila», die Glieder waren frafttwff und geschmeidig. Mit funkelnden Augen hatte Karo da» Nahen feiner Herrin beobachtet. Nun erhob er sich träge, streckte fich, drängte fich bittend an ihr Kn« und sah flehend zu ihr auf.
Leise lächelnd berührte sie feinen glatten Kopf und sprach: „Du Schlauer, es ist dir im Erdgeschoß zu kalt, nicht wahr, du möchtest in mein warmes, liebe» Zimmer."
Er gab einen freudigen Laut von fich und sprang in da» traute Gemach, dessen Türe fich öffnete. Es war geschmückt mtt Blumen, Silbern, Nippsachen, eine Hängelampe verbreitete milde» Licht. Im Hintergründe sah man dir weißen Spitzenvorhänge, die Helma'S Bett umgaben. Behagliche Wärme strömte der kleine Dauerbrandofen au».
Helma fühlte, daß der Schlaf ihr noch lange fern bleiben würde. Die erregte Szene mit ihrer Mutter am Morgen, diese letzten Stunden Thorn gegenüber, in denen sie sich gezwungen heiter zu scheinen, hatten sie nervö» gemacht.
Sie toarf ein Morgenkleid über, löste ihre Zöpfe und ließ fich in einem Sessel nieder.
Karo steckte fich zu ihren Füßen, legte seinen Kopf auf ihren Schoß unbebaute sie immerfort an, ost wie neugierig, oft mitleidig.
„Ja, ja," sagte fie, „du bsst mein liebster' Freund, mein Vertrauter, ein teilnehmendes Geschöpf, du kennst ihn ja auch, hast ihn auch so treu geliebt, jubeltest bei seinem Kommen, trauertest, wenn er ging. Durch dich lernte ich ihn — mein Glück — kennen.— Wir zwei, wir verstehen uns."
Helma legt den Arm um de» Hundes Hals, bann lehnt sie fich in den Sessel zurück, ihre klaren Augen starren in die Glut, und ihre Gedanken gehen in die Vergangenheit zurück.--
Sie war mit ihrer Mutter in Kairo. Ihr besorgter Vater hatte fie nach einer Lungenentzündung dorthin gesandt, damit fich nicht der Keim
Der jetzige Führ« der Freikonservativen ist Herr v. Rarborff, der fich im Reichstag ganz offen für Abschaffung de» allgemeine» Wahlrechte» ausgesprochen hat, ebenso hat sich derselbe ausgesprochen für eineBerdoppelunß der Tabaksteuer und Verdreifachung bei Biersteuer.
Die Freikonservativen find überall Gegner de» Zentrum»; fie find
1. Kulturkämpfer, sogut wie die Nationalliberalen,
2. die Feind« der sozialen Gesetzgebung,
3. die Feind» de» ReichStagSwahl- rechte»,
4. die Verteidiger der indirekte« Steuern, welche alle Lasten auf bet Bauern, Arbeiter und kleinen Mann wälze» wollen.
Sie sind keine Freunde de» arbeitenden Volke», ab« Freunde de» GroßkapitalS und schon manche scharfmacherische Rede haben sie im deutschen Reichstage gehalten; es ist nur gut, daß ihre kleine Partei nicht viel zu sagen hat. ES gibt natürlich auch Ausnahmen von d« Regel wie überall, ab« von der freikonservativen Pattei als folche hat man im deutschen Reichstage keine günstige Meinung.
Wenn sich bet jetzt in unserem Wahlkreis« aufgestellte RegierungSkanbtdat der freikonservativen Patte; anschließen will, so zeigt er damit, baß seine Kandidatur eine verfehlte ist, benn bte größte Mehrheit b« Wahlberechtigten unser« brei Kreise wirb einen Freikonservativen am allerletzten wählen! (Vorstehendes auch alS Antwott auf den im Anzeigenteil veröffentlichten Aufruf mit der Ueberid)rtft „An alle Reichstags- wähl« im Kreise Fulda". D. Red.)
Zur Wahlbewegung.
* Wahlversammlungen finden, rote andern Anzeigenteile eruchttrch ist, im Laufe der Woche an verschiedenen Orten statt. Es ist die Pflicht der ZentrumSwähler, an diesen Versammlungen vollzählig teüzunehmen, um sich über die Vov- gänge der letzten Zeit zu orientieren. Durch Massenbesuch müssen die Versammlungen fich auszeichnen und damit dm Beweis liefern, daß daS Vettraum zum Zmtrum unerschütterlich ist im katholtfchen Volke trotz aller Anfeindungm. Daher auf denn, ihr ZentrumSwähler, hinein in die Wahlversammlungen, und angesichts des allgemeinen RufeS: „lieber mit bem Zentrum" stimmen wir ein in den Ruf: „Hoch daS Zentrum, hoch die Partei, die da kämpft für Wahrheit, Freiheit nutz Recht!"
•'m Zur gestrigen sozialdemokratischen Wahlversammlung tm Stadtsaate wird uns nutge» teilt, daß die ZentrnmSwShl« im großen und gangen der vom Wahlausschüsse gegebenen Parole gefolgt warm. Dre Anwesenden waren größten« teil Neugierige, die wohl kaum auf ihre Rechnung gekommen sind; auch eine ganze Meng« von jungen noch nicht wahlberechtigten Personen, sogar einige Frauen waren zu sehen. Der erste Referent, Herr Dr. Quark von Frankfurt, sprach anderthalb Stunden lang üb« die Ursache der ReichStagSaufiösung und bie unseren Lesern genügend bekannten Kolonial« fkandale. Es tischte das Märchm auf, in katho» lifchmKreisen sei seit öielen Jahren das Gerücht oetbreitet, her deutsche Kaiser sei längst int Ge
ber Krankheit in ihr bilde, der ihr einziger Bruder erlegen.
Wie deutli chsieht sie sich wieder vom SpaziSV gang heimkehren, hört sich rufen nach ihrem jungen, ungeberbtgen Hund Karo, den ihr auf der Überfahrt der Kapitän schenke. DaS Tier war damals kaum 4 Wochen alt. — Der Hund ist int ganzen Hause nicht zu finden, obschon die alte Köchin behauptet, daß er soeben noch im Korridor lag. Die Mutter ist in der Stadt, das Stubenmädchen ging zum Bazar.
Helma lehnt sich zum Fenster hinaus und späht auf die Straße.
Sie sieht, wie eine Anzahl brauner, halbnackte« Kinder sich naht und — o Schrecken! in bereit Mitte entdeckt sie ihre« armen Karo, der mit Stricken vor eine hölzerne Schleife gefapnnt ist. Auf ihr sitzm und liegen drei große und drei klein» Burfchen. Das Fahrzeug fft umgeben von vielen jauchzenden und kreischenden Kindern. Zwischen ihnen geht ein langer, gewiß schon sechzehnjähriger Knabe, der unablässig mit einem Stocke den armen Hund stößt oder schlägt, um ihn zmn Weiter- ziehen zu veranlassen. Durch da» Beispiel angr- feuert, mißhandeln bie anderen Kinder das Ti« durch Fußtritte und werfen mit Steinen. Es ist so ermattet, daß e» die aLst nicht- weiter fort- fdbaffen kann — nun finkt es hin und stöhnt leise.
Helma'» Mitleid und Zorn ist grenzenlos. Sie ruft den Kinder zu, den Hund loszulassen. Aber ihren Worten wird nicht gefolgt, fie sind auch wohl nicht verstanden.
Im Moment, als fie das Fenster verlassen und auf die Straße eilen will, sieht sie einen Reiter herankommen. Er ist jung, elegant gekleidet, und seine großen, dunkelblauen Augen ruhen auf der längenden Kinderschar.
Helma ruft laut: „Mein Herr, retten Sie meinen Hund, o bitte, Bitte 1" Dann wiedreholt fU die Worte auf Französisch.