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M 10.
Fulda, Samstag den 12, Januar 1907.
34. Jahrgang.
Erstes HUatt.
Nattonalliberale u. Sozialdemokratie.
Wer die Wühltätigkeit der Liberalen in Bayern veobachtet, gewinnt die Ueberzeugung, daß der liberale Block gar keinen Kampf gegen die Sozialdemokratie wünscht. Ueberall wird nur das Zentrumsjoch bekämpft, ein Kampf, den die bayerischen Liberalen schon seit Jahrzehnten mit recht negativem Erfolg betreiben." Also lesen wir nicht in einem „ultramontanen" Blatte, sondern in der protestantischen, konservativen „Kreuzzeitung". Zum Beweis für seine Behauptungen gibt das genannte Blatt Beispiele bekannt. Damit wird keineswegs etwas neues gesagt, „lieber Rot als Schwarz" galt bei diesen Herren ja von jeher als die erwünschte Parole.
Im Vordergrund der bayerischen Wahlbetrachtungen stehen wieder die Mandate der zwei M ü n- che'ner Wahlkreise. Der Zentrumskandidat hat dort alle Aussicht, mit dem Sozialderno- kratcn in die Stichwahl zu kommen. Der end- giltige Sieg hängt dann von der Haltung der nationalliberalen Wählerschaft ab. Welcher Art sie sein wird, kann nach dem eben Gesagten und der „dummdreisten Kulturkampfhetzerei der jungliberalen Agitatoren", wie die „Kreuz,zritung" ihr Auftreten nennt, kaum noch zweifelhaft sein. Somit ist dann dieselbe Lage geschaffen wir im ^ahre 1884.
Bei den damaligen Stichwahlen gingen die Itationalliberalen in München I und II iffen mit den Sozialdemokraten zusammen, um in München I den Liberalen, in München II den Sozialdemokraten gegen das Zentrum durchzudrücken. Damals trat der liberale Bürgermeister von Augsburg, Hofrat v. Fischer, am 6. November in öffentlicher Versammlung für daS Bündnis mit den Sozialdemokraten ein. Seiner Aufforderung folgte der Münchener Liberalismus bereitwilligst und vorbehaltlos. Interessant ist das Wahlergebnis. Bei der ersten Wahl fielen in München I auf die Nationalliberalen 6551, auf das Zentrum 6172 und auf die Sozialdemokraten 3462 Stimmen. In München II wurden für das Zentrum 11 950, für die Sozialdemokraten 6399 und für die Nationalliberalen 5894 Stimmen gezählt. Vor der Stichwahl feierten Nationalkiberalismus und Soziademokratie in München förmliche Verbrüderungsfeste. Und nun das Ergebnisi Im ersten Wahlkreise erhielten die Nationallcheralen 9226, das Zentrum 7202 Stimmen, im zweiten die Sozialdemokraten 13 552 und das Zentrum 13 428 Stimmen. Die Nationalliberalen hatten also das eine Mandat mit Hilfe der Sozialdemokraten, die Sozialdemokraten das andere mit Hilfe der Nationalliberalen errungen. Das ist ein prächtiges Bild, das sich auch für die jetzigen Wahlen vorznbereiten scheint.
Das Münchener Beispiel steht aber nicht vereinzelt da; eine kleine Erinnerung aus demselben Wahljahr bestätiat dies. Bei den Reichstagswahlen int Jahre 1884 kam in Köln daS Zentrum zum ersten Male in die Stichwahl mit den Liberalen. Die Sozialdemokraten konnten' den Ausschlag geben. Das Organ der Kölner Liberalen, die „Köln. Zta.", bettelte förmlich um die Stimmen der Sozialdemokraten und schrieb z. B. am 6. November 1884, Nr. 309, Blatt 2: „Wir haben sogleich nach Bekanntwerden der ersten Wahlergebnisse unsere Meinung dahin ausgesprochen, daß bei der großen, stetig wachsenden Zahl sozialdemokratischer Stimmen eine entsprechend große Zahl parlamentarischer Vertreter dieser Partei kein Unglück, sondern e r- wünscht fei". Das sind dieselben Herren, welche mit höchster Entrüstung „arbeiten", wenn ie eine ändere Partei notgedrungen einen ähnlichen
Wiedersehen.
Von E. Lidwin.
tj (Nachdruck verboten.)
Ich trat zu meiner Erholung in Ostende.
Angestrengte schriftstellerische Tätigkeit hatte mich nervös gemacht.
In einer mittelgroßen Pension fand ich gute Verpflegung, Rübe und angenehme Geselligkeit.
Eines Tages beim Diner war die Rede über Schriftstellerberuf, dessen Licht- und Schattenseiten, über moderne Schriftsteller und ihre Werke.
Die korpulente, etwas überspannte Dame, die mir gegenüber saß, erklärte:
„Ja, wenn Goethe auch sagt: „Greift nur hinein ins volle Menschenleben, und wo ihrs packt, da ist es interessant", so greife ich doch nich" hinein. Vielleicht käme mir dasselbe, was einige moderne Helden der Feder packten, auch in die Hand. Sie wagen es zu zeigen, ich könnte es nicht, cs "wäre mir zu unsauber. So laste ich lieber mein Talent schlummern, obschon es bedeutend sein soll, wie mir Sachkundige, mit betten ich Briefe wechsele, versichern. Unwahres — Hirn- gespinnste — niederzuschreiben, geht über meine Kräfte; ich bin wahrheitsliebend. Wahre Romane spielen sich aber in unserer nüchternen Jetztzeit nicht ab, und aus der grauen Vergangenheit mag ich nicht berichten."
Meine Nachbarin, die Gräfin Turnow, eine schöne Dame mit weißen Haaren und dunklen Augen, antwortete:
„Da widerspreche ich, gnädige Frau. Auch in unserem, noch fo jungen Jahrhundert spielen sich Romane ab."
Sie schien meine Blicke, die gespannt an ihren edlen Zügen hingen, zu fünfen; sie wandte sich zu mir und sagte leise:
Schritt tun muß, um den gehässigen und unduldsamen Liberalismus an die Wand zu pressen I
Zum Schluß noch einige ebenso interestante Reminiszenzen. In ihrem Haß gegen das Zentrum und den Katholizismus ist die nationalliberale Partei noch immer die gleiche geblieben, die sie zur ärgsten Kulttirkampfszeit war. Hieß es doch in ihrem Wahlaufruf, den sie 1898 für ganz Deutschland erließ: „Den Ultramontanismus, der die Staatsgewalt, die Schule, Kunst und Wisten- schäft, das gesamte Volksleben der römischen Hier- archie unterwerfen will, bekämpfen wir nach wie vor." Und im Frühjahr 1898 erklärte sogar einer ihrer Führer, Oberbürgermeister Schnetzer 'm Karlsruhe: „Der Ultramontanismus ist gefährlicher als die Sozialdemokra- t i e". Diesen Satz kleidete der nationalliberale Dr. Hammerschmidt in Speyer in die Worte: „Die schwarze Internationale ist schlimmer als die Sozialdemokratie."
Und nun vergegenwärtige man sich das Ansinnen, welches die offiziöse „Nordd. Allgem. Zig." noch vor wenigen Tagen für den Wahlkreis Hanau an daS Zentrum stellte! Das Zentrum hat dort wederfürdieSozialdemokra- tie, noch den kulturkämpferischen National- liberaliSmuS auch nur eine Stimme übrig. Darob wird das Zentrum als „vaterlandslos" verschrieen und zu einer „konfessionellen Partei" gestempelt! Der Liberalismus aber, welcher weit davon entfernt ist, den Kampf gegen die Sozialdemokratie zu führen, ist der Liebling des Reichskanzlers, weil er in erster Linie die Niederwerfung des Zentrums auf seine Fahne geschrieben hat. Dieselbe Geschichte, wie schon im Jahre 1884, nur in einer anderen Aufmachung! Tie katholifche Wählerschaft weiß daher, tote ft? sich gegenüber den Nationalliberalen und ihrer brutalen Unduldsamkeit zu verhalten hat trotz Reichskanzler und seiner Verdrehungskunst- stiiächen । _________
Deutsches Reich.
Berlin, 11. Januar 1907.
* Da8 preußische Abgeordnetenhaus hält noch morgen, Samstag, eine Sitzung ab, in welcher die erste Lesung des Etats zu Ende ge- führt werden soll. Alsdann wird sich das Haus bis zum 7. Februar vertagen. Die Budget- kommission wird aber in der Zwischenzeit ihre Beratu'gen nach Möglichkeit fördern.
Das neue Handwerkerschutzgesetz mit feinem Fortschritte für die Bauhandwerker ist am 7. Januar 1907 publiziert worden; dasselbe tritt am 1. April in Kraft. Gegen das Gesetz stimmten alle drei freisinnigen Parteien und die Sozialdemokraten; das mögen sich die Wähler jetzt merken!
Zur Förderung der Arbeiterinnen- intereffen wird anfangs März in Berlin eine Konferenz abgehalten werden. Sie ist von der Regierung einberufen und beschäftigt sich mit den mannigfaltigsten Fragen. Dazu gehört die berufliche Ausbildung, das Wahlrecht zu den Krankenkassen, zu Gewerbegerichten und Arbeits- kosten, die Lohnsrage usw. Für die Tagung der Konferenz ist der 1. und 2. März in Aussicht genommen.
Für die verstorbene Königin Maria von Hannover hat der Königliche Hof in Berlin auf 14 Tage Trauer angelegt. Sie dauert bis einschließlich den 23. d. M. Die Kronprinzessin hat der Familie des Herzogs von Cumberland ein Beileidslelearamm gesandt.
r. Kolonialdirektor Dernburg verpflanzt jetzt seine agitatorische Wahttätigkett nach München.
„Ja. wirklich, es ist so. Wenn ich Ihnen die Erlcbnistc einer mir sehr nahestehenden Person mitteilte, würden Sie diese für ein „Hirn- gespinnst" — wie Frau von Z. sagt — eine Erfindung halten. Und doch ist alles in Wahrheit durchlebt und durchlitten."
Frau von Turnow seufzte.
In den nächsten Wochen, an manchem herrlichen Abend, wenn wir am Meeresstrande spazieren gingen, teilte sie mir die folgenden Tat- fachen, die meine Phantasie schmückte und verband, mit.
Ich gebe sie hier wieder.
• • e
In einem eleganten Gastzimmer des Hotels „Zum König von Holland" in M. liegt ein vielleicht dreißigjähriger Mann im niederen Sessel. Den runden Kops deckt kurzes, welliges, schwarzes Haar, die weiße Stirn ist edelgesormt und die schmale, energische Nase mit den vibrierenden Flügeln setzt in gerader Linie an sie an. Jetzt hebt er die breiten Lider und Augen von stahlartig leuchtendem Blau blicken unter langen, schwarzen Wimpern hervor.
Sie schauen in das Spiegelglas ihm gegenüber, das sein Bild treu zurückwirft.
Ein freudiger Zug geht um die vollen, schön- geschwungenen Lippen, die der dunkle Schnurrbart fast ganz frei läßt. Das Gesicht ist von länglichem Oval und feine Farbe gebräunt, ein kühner, fas verwegener Ausdruck liegt auf ihm.
Die Augen des Mannes gleiten nun über die Wände des Gemaches und bleiben aus einem Oel- bilde: einer einsamen, rotblühenden Haide, die ein vom Abendrot angestrahlter Himmel begrenzt, von dem sich die Gestalt eines Knaben abhebt,
Und plötzlich zieht es wie Trauer, wie ein weiches Träumen und Sehnen über das schöne Männerantlitz.....Doch nur für kurze Frist, dann
springt er auf, streckt die hohe, herrlich gebaute
St wird dort am 21. Januar im alten Rat» -aussaal einen Vortrag über unsere Kolonien halten. Nun wird die Bekehrung der bayeri- chen Wählerschaft zum nationalen Block gewiß' richt ausbleiben! Die „nationale* Presse ver« pricht sich einen großen Erfolg von einer massenhaften Verbreitung der Dernburgschen Rede als Flugblatt. Sie tritt dafür ein, daß das Flugblatt zu Millionen hergestellt und namentlich unter der industriellen Arbeiterschaft im ganzen Reiche verbreitet werden soll. Bis die „nationalen* Herren ihr Vorhaben verwirklicht haben, sind alle übrigen Parteien schon längst auf dem Plane erschienen. Im übrigen könnte aber auf diese Weise Herrn Dernburg am besten die Reise nach München erspart werden.
... Die Nationalliberalen wollen sticht zugeben, daß sie in konservative Sitze eingebrochen sind; die Mandate, wo sie Gegenkandidaten ausgestellt hätten, gehörten erst kurze Zeit den Konservativen!
* Koloniale Baukosten. Nun macht endlich die Kolonialabteilung selbst eine Rechnung für die Kolonien auf und kommt bis 31. März 1907 auf insgesamt 676,4 Millionen Ma k Reichszuschüssen. Wieder eine falsche Darstellung, denn in dieser Summe fehlen folgende Ausgaben: 1. Eisenbahn brs Keetmannshoop 8,4 Mill. Mk. 2. Kosten der Zentral Verwaltung 99,1 „ „
3. Reichszuschüsse für Kiautschau 287,0 „ „
4. Ostastatische Expedition. . . 2t.5 „ „
5. Anforderungen für 1907 . . 61,6 „ „
6. Kaufpreis f. d. Südseeinseln 16,7 „ „
7. Kolonialpension...... 2,0 „ „
496,3 Mill. Mk.
Zählt man diese Summe zu der von der Regierung selbst eingestandenen Ausgabe, so gibt es insgesamt 1.172,7 Millionen Mark. Der Abgeordnete Erzberger ober hat 1.102,3 Millionen Mark berechnet, man sieht also, daß seine Berechnung eher noch zu gunsten der Kolonien waren, als zu deren Ungunsten! Eine bessere Rechtfertigung hätte tatsächlich der „Zen- trumspublizist" nicht erhalten können und die Oeffenilichkeit bat einen neuen Beweis, wie man amtncher Stelle mit der Wahrheit umgeht! Es kommt für das deutsche Volk darauf an, zu erfahren, was es insgesamt ausgegeben hat; das ist dem Volke gleichgültig, unier welchen Titeln die Ausgabe erfolgte! Diese neue Biosstellung der,Nordd. Allg. Ztg/ ist ganz dazu angetan, den offiziösen Darlegungen jeden Wert zu nehmen.
r. Die Ausw tnderung der deutschen Industrie nach dem Auslände wurde von frethänd- letiicher Seite als erste Folge der Zollpolitik ins Feld geführt. Alle Meldungen, welche bisher darüber vorliegen, bestättgen aber, daß nennenswerte Abwanderungen überhaupt nicht stattgefunden haben; auch von der Regierung find ähnliche Mitteilungen bereits gemacht worden. Nunmehr hat aber der Präsident der Aeltesten der Berliner Kaufmannschaft eine Untersuchung darüber veranstaltet, welche nun bestätigen soll, daß die Befürchtungen berechtigt gewefen wären. Das gesammelte Material soll sehr reichhaltig sein. Wir sind gespannt darauf, wie die end- giltigen Ergebnisse dieser Erhebungen sich gestalten und in welcher Weise die Untersuchung überhaupt angestellt worden ii't. Bekanntlich sind auch von der Regierung ähnliche Erhebungen veranlaßt worden; ihr Resultat ist jedoch noch nicht bekannt.
Gestalt, streicht mit der gepflegten Hand über die Stirne und geht im Zimmer auf und nieder.
Ein bescheidenes Klopfen an der Türe wird hörbar, und auf ein lautes: „Herein!" des Um- herwandelnden tritt ein Kellner ein, der daS Fremdenbuch überreicht.
ein: Graf Stephan Taknostoi, Kiew, Klein-Ruß ein: Gras Sephan Tnknostoi, Kiew, Klein-Rutz- land.
Zwei Stunden später sitzt er im Rauchzimmer des Hotels, dem Wirte gegenüber. Dieser erjäblt dem Grasen über die riesige Entwickelung der Stadt, über chre bedeutendsten Gelehrten, Künstler, Geldgrößen, Theater und Musee«.
Abwechselnd gönnerhaft und überhebend, dann wieder weich und einschmeichelnd ist das Benehmen des Ruffen.
„Na, ein eigentümliches Exemplar der flavi- schen Rasse," sagte sich der kluge Wirt, der sich nur selten mehr über etwas wundert, da er mit so viel sonderbaren Menschen zusammenkommt.
„Nun, mein Werter", spricht Taknostoi in etwas gebrochenem Deutsch, „teilen Sie mir Genaueres über die Familien der Aristokratie hier mit, zuerst über den Baron von Zoller, an den ich Empfehlungsschreiben bei mir führe."
„Da gratuliere ich, Herr Graf!" ruft der Hotelbesitzer, „Baron von Zoller gibt unter dem hiesigen Adel den Ton an. Ein beneidenswerter Mann, besitzt die herrlichsten Pferde, d,e stolzesten Güter, die schönsten Töchter und gilt als mehrfacher Millionär. — Wer weiß, was wir da noch erleben? —" führt er lachend, bedeutungsvoll fort.
Die noch eben fo sanften, offenen Augen des Russen blicken jetzt spöttisch, hochmütig und abweisend auf den kleinen Herrn hin, und feine Hand macht eine stolze Bewegung.
„Lassen wir das", redet er, indem sich die breiten Augenlider niedersenken und verbergen, was
.'. Evangelischer, Bund und Politik. Es wäre ja zu verwundern gewesen, wenn der Evangelische Bund sich den Konflikt der Regierung mit dem Zentrum nicht zunutze gemacht hätte. So wurde schon am Tage nach der Auflösung des Reichstages in der,Deutsch-evang. Korresp/ Nr. 129), dem offiziellen Organ des Evan- ;elifchen Bundes, eine Flugschrift angekündigt unter dem Titel: „Die Eiterbeule", worin das' Duell Roeren-Dernburg vom 3. Dezember und eine Reihe von Preßstimmen enthalten sein sollen, um das „kaudinische Joch" vor Augen zu stellen. Die Schrift wird in der Buchhandlung de- Evangelischen Bundes in Leipzig herausgegeben und wird folgendermaßen empfohlen: „Durch die neuesten politischen Ereignisse hat die nationale (!) Schrift eine noch größere Bedeutung erhalten und kann im bevorstehenden Wahlkampfe gute Ausklärungsdienste tun." Trotzdem wrrd der Evangelische Bund sorlfahren, mit der unschuldigsten Miene zu versichern, er triebe keine Politik.
.. Die GehaltSverhältniffe der Lehrer und Lehrerinnen an Mittelschulen sollen Blätter- Meldungen zufolge einer gesetzlichen Regelung unterzogen werden. Wie verlautet, werden zurzeit von den Bezirksregierungen Erhebungen zu diesem Zwecke angestellt. In welcher Weise sich die Neuregelung bewegt, geht aus der Meldung noch nicht hervor.
r. Im konservativen Lager steigert sich die Unzufriedenheit über die von national- liberaler Seite unternommenen Einbrüche in die konservativen Domänen aus's höchste. Heult rechnet die »Konservative Korrespondenz' den „nationalen" Herren vor, daß die Konservativen in 18 Wahlkreisen im ersten Wahlgange für die nationalliberalen Kandidaten eintreten, während die nationaüibetale Gegenleistung sich aus nur acht Wahlkreise beschränkt. Dagegen werden 13 Wahlkreise aufgezählt, in denen die National- liberalen den alten konservativen Besitzstand durch Sonderkandidaturen bedrohen. Kein Wunder, wenn sich die Konservativen ihrer Haut wehren und dem „nationalen" Sammlungsdref die Heeres folge kündigen. Die Nationalliberalen vertreten eben ben schärfsten Parteiegoismus und huldigen am liebsten dem bekannten Sprichwort; Bescheidenheit ist eine Zier ....
Zur Wahlbewegung.
• Zur Reichstagswahl. Im ganzen deutschen Reiche ist die Wahlzeit auf 9 Stunben festgesetzt, nämlich auf die Zeit von 10 Uhr vormittag- bis 7 Uyr abends. Die Wähler tun gut, ihr Wahlrecht möglichst frühzeitig auszuüben, denn nach einer behördlichen Anordnung ist mif dem Eintritt der für ben Schluß der Wahlhandlung festgesetzten Zeit (7 Uhr) die Abstimmung für geschlossen zu erklären. Es dürfen alsdann keine Stimmzettel mehr entgegengenommen werden, selbst nicht mehr dir Stimmzettel der Wahlberechtigten, welche bereits im Wahllokal anwesend sind und vielleicht auch bereits die Absonderungsoorrichtung pafsierl haben.
□ Aus dem Wahlkreise Eisenach-Dermbach- Geisa, 11. Jan. 1907. Der bisherige Reichs- tags-Abgeordnele Wilh. Schack aus Hamburg siegte im Jahre 1903 bei der Stichwahl nur durch die Stimmen der Katholiken bezw. deS Zentrums über seinen Gegner Leber (Soz.) Man mußte nun erwarten, daß er feine Zentrums-
die Blicke verraten würden. „Bitte, 'berichten Sie weiter," fährt er wieder in artigem Tone fort.
Der Graf hat ein Notizbuch hervorgezogen und macht mit goldenem Bleistift Notizen, wie der Wirt nun zu erzählen fortfährt.
Am Abend reitet der Russe auf einem herrlichen Vollbliithengst — er führt vier Pferde mit sich — vom Hause ab. Das tadellose Reitkostrim steht ihm vortrefflich und viele bewundernde Blicke folgen ihm.
Freundlich lacht die Wintersonne auf die Erde nieder. Hell blinkt sie in dem Eisspiegel, der den großen Teich im Volksgarten der Stadt deckt. Milliarden blitzender Funken streut sie in die langen Eiszapfen, die vom Dache einer kleinen, im Schweizerstil erbauten Villa niederhängen. Dir goldeneil Strahlen fallen jetzt durch deren hohe, mit leichten Spitzenvorhängen umgebene Fenster, bringen in das Musikzimmer der Gräfin Turnow und werfen tanzende Lichter auf den bunten Teppich, hier und da eine Rose dunkel aufglühen, ein Blatt frischgrün erglänzen machend.
Ein junges, schlankes Mädchen sitz? vor dem Flügel, aber seine Hände ruhen verschft ngen iir Schoße Die großen, bernfteinfarbigen, traurigen Augen beobachten das Spiel der Sonnenflecken zu ihren Füßen. Wehmütig zuckt es um den kleinen, zartroten Mund Helma von Tnrnow's, und ihre Blicke zum Himmel, zum leugnenden Tages- geftirn hebend, flüstert sie leise:
„Ich l ebte Dich einst, ich hatte Dich gern--
Das Glück entfloh — fo fern — fo fern,--"
Tas kleine, blonde Köpfchen mit dem starken, toel- ligen Haar senkt sich — sie legt die Stirne an das Notenpult vor ihr. — Nun scheint sie sich gewaltsam zu fasten, das trübe Denken zu verscheuchen.
Sie ergreift ein Notenheft und beginnt Sck>u» bert's trauriges Lied: „Der Tod und das Mäd- chew"