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JV$ 8.

Fulda, Donnerstag den 10. Januar 1907.

34. Jahrgang.

Deutscher Reich.

Berlin, 9. Januar 1907.

Die Scharfmacherei des Reichskanzlers findet bereits verständnisvolle Nachahmung; er sprach vom Degen Napoleons! Und wie redete erst der konieroalive Kandidat von Kröcher, Präsident des Abgeordnetenhauses, in Salzwedel? Nur ein paar der „saftigsten" Sätze: »Wer trägt denn schließlich die Verantwortung? Doch nicht Herr Spahn und die infamigten Jesuiten im Zentrum! Die Sozialdemokraten legen ja wenig Wert darauf, ob sie zufällig katholisch sind oder nicht, aber infamigte Jesuiten sind sie alle. Meine Herren, es ist eine infame Unver­schämtheit, wenn dle Kerle sich herausnehmen, in die Kommandogewalt deS Kaisers eingreifen zu wollen, ich sage, es ist eine glatte, pure Un- Verschämtheit! Wenn man sieht, was da- Zen­trum und die Sozialdemokraten im Reichstage alle- getan haben, dann wird man einsihen, daß es wiEich die höchste Zeit war, einen eisernen Besen zu nehmen und den KerlS gehörig auf die Finger zu klopfen. Es ist eben traurig, daß die anständigen konservativen Leute im Reichstage gar nicht „pipp" sagen dürfen. (!) Wenn man hinter die Kulissen sieht, dann sieht es doch recht schlimm auS. Ich habe vor einiger Zeit mit einem konservativen Abgeordneten gesprochen und ihm gesagt: „<5eib ihr denn ganz von Gott ver- lassen, daß ihr solche Anträge unterschreibt?" Darauf zuckte der Herr mit den Achseln und meinte, die Pfaffen sagen einfach, wenn du nicht unterschreibst, wirst du nicht wiedergewählt." — Dieser offene Erguß einer schönen konservativen Seele ist unS wertvoll. Die Scharfmacherei und der Katholikenhaß schießen recht üppig in die Höhe! Gut so, dann merkt jeder Katholik, wohin er gehört!

• Deruburg der Heitere. Der Vater des Kolonialdirektors scheint tm ,Berl. Tageblatt' (Vir. 14) die Phantasien seines Sohnes über die Kolonien nicht mehr mitmachen zu wollen; er erklärt vielmehr gegenüber demselben: „Ist es nötig, in diesen brausenden Wein erst noch Wasser zu gießen? Wird nicht die rauhe Wirk­lichkeit schon das Ihre tun, um diese etwas ge­hobene Darstellung auf ihren wahren Wert zurückzuführen? Aber so gewiß wir mit Dern- burg darin überein stimmen, daß das deutsche Volk kolonisieren muß, und so gewiß wir unS unsere Kolonien nicht aussuchen können, sondern bebauen müssen, waS wrr einmal mit vieler Mühe von dem spärlichen noch zur Verfügung stehenden Rest bekommen haben, so gewiß ist es doch, daß bisher unsere Kolontalpolittk in feiner Weise dem von Deruburg gezeichneten Bilde entsprochen hat. Deruburg zeichnet ein Ideal, daS zur WirNichkeit in schroffem Kontrast steht. Bisher schcäteien und walteten in umeten Kolo» nien ganz gewiß nicht die edelsten Vertreter des Volkes der Denker und Dichter. Wohl aber machten sich rin oder AssessoriSwuS, MssitariS- mus und BureaukratlSmuS darin breit. Man hat es glücklich fertig gebracht, dem deutschen Volke seine Kolonien ganz gründlich zu verleiden. Will man eS uns verübrin, wenn wir jetzt nicht bloß schöne Worte hören, sondern erst einmal tkilsprechende Taten sehen wollen?" DaS meinen wir auch! ES handelt sich nicht um die Frage, waS gute Kolonien dem Mutterlande bieten können, sondern waS tatsächlich die deutschen

W furchtbares 8chimis.

Dem ameritansschen Origmate bet Mrs. May AgneS Flennng nacherzähtt von üma Freifrau wn Berlepsch.

65] (Nachdruck verboten.)

„Lady Catherons Name ist mir ganz geläu­fig", lachte Miß Seton, „Trixy erwacht mit ihm und geht mit ihm zur Ruhe. Lady Eatheron weiß nicht, wie eifersüchtig ich bisher auf sie ge­wesen bin."

Mit Tränen m den Augen reichte Edith der Cousine die Händr.

„Du liebe, liebe Trixy!" rief sie gerührt.

„So. nun laufe ich fort", sagte Julie, „Taut- chen wartet auf mich, und Trixy wird tauf en !> Dinge zu sagen und zu fragen habe«. Nein, Trixy, fein Wort, Rudolf, was tun Sie mit Ihrem Gut? legen Sie ihn gleich weg, ich brauche Sie nicht und gehe lieber allein."

„AIS ob ich daS erlauben würde."

Er blickte sie lächelnd an und Edith fühlte alle Oualen der Eifersucht, als die beiden plaudernd sich entfernten.

„Ist Julie nicht ein lieber Ding?" fragte Trixy, .und war ohne sie aus uns geworden wäre, mag ich nicht denken, gewiß ist, daß sie Mamas und Rudolfs Leben rettete."

«Sein Leben?" stammelte Edith.

„Es war eine schreckliche Zeit, wir verhunger- ten buchstäblich. Alle unsere Freunde hatten unS berlaffen, Arbeit fanden wir nicht, zu betteln schämten wir unS. O hättest Du damals den armen, boblänaiaen Rudolf gesehen, fern Anblick hätte Dick tief bewegt. Mir brach eS fast dos Herz. Den lieben langen Tag suchte er Beschäf­tigung und kam immer wieder enttäuscht, müde und verzweifelnd beim. In einer regnerischen Abendstunde fand ihm Julie am Fluß. O Edith,

Kolonien ihm geboten haben und daS ist herzlich wenig!

* 81» Glaubenskampf wird der Wahlkampf jetzt so ziemlich von der ganzen protestantisch- kirchlichen Presse betrachtet. Selbst die positiv- unierte Reformatron, die — wenigstens bisher — unter dem Einfluß StöckerS stehend, mehr Duldsamkeit zeigte, als die übrigen pro­testantischen Kirchenzeitungen, predigt in dem Leitaufsatz ihrer neuesten Nummer den konfes­sionellen Kampf gegen die Katholiken. Zur Probe nur folgende Stellen:

. ... Es gab darum einen Hellen Widerhall in deutschen Herzen, als jüngst die Reichsregier- ung „das kaudinische Joch" abzuwerfen sich ent­schloß, unter das seit Jahren die Nebenregierung des Zentrums sie gebeugt hatte. Dasdeutsche Volk will frei sein. Die Liebe des freien Mannes soll den festen Grund des Herrscherthro­nes bilden. Er will aber auch eine freie Regier­ung haben, die ihre Entschließungen nach gewissen­hafter eigener Ueberzeugung mit alleiniger Rück­sicht auf das Wohl des Vaterlandes faßt, nicht nach dem aufgezwungenen Willen einer fremden Ge- walt. Am allerwenigsten verträgt das deutsche Gemüt auf die Dauer diese fremde Gewalt, wenn sie im Zusammenhang mit Rom steht. Tenn seit Luthers Tagen lebt in jedem deutschen Pro- teftanten ein tiefe« Mißtrauen gegen Rom, das — nach der Drohung des päpstlichen Legaten Aleander beim Reichstage zu Worms — die Frei­heit des deutschen Volkes vom knechtischen Joch der Papstkirche in Strömen von Blut zu er­säufen sich bemüht hat.

Nach der Behauptung des Reichskanzlers soll es sich bei diesem Wahlkampfe nur um die Kolo­nialpolitik handeln. Das hätte der Legat Alean­der sich bei Lebzeiten nidht träumen lassen, noch nach Jahrhunderten in diesem Zusammenhang ve­ttert zu werden. Und die romfeindlichen Par­teien werden es sich nicht nehmen lassen, für den Fall eines Wahlsieges des Zentrums die „Er- fäufung" der armen Protestanten „in Strömen von Blut" durch Spahn und Gröber in sichere Aussicht zu stellen. Wenn das nicht Hilst, Hilst gar nichts mehr! Aber was sagt der Reichs­kanzler zu solchen Bundesgenossen?

* „Sprengpulver für den Zentrumsturm", so hat einstens Bebel den Zolltarif gezeichnet, und er hat unrecht erhalten. Jetzt soll die Kolo- nial-Politik hierfür herhalten. Bereits melden sich auch schon einige Katholiken, die m Zentrums- Kreisen als Gegenkandidaten auftreten wollen; Graf Hoensbroech, der wegen bekannter Diffe­renzen auS der Zentrums • Fraktion schon 1893 auSschied, Landeshauptmann a. D. Klein, Baron v. Korff, auch ein nicht genannter „katholischer Fürst" im Wahlkreise ErzbergerS und noch einige Nummern mehr werden genannt. Aber damit läßt sich die Wählerschaft nicht verblüffen! 1887 und 1893 war es bei der ReichStags-Auf- lösung ganz ähnlich; auch damals machte man solche Versuche. Heute aber, wo unsere Organi­sation weit durchgeführt ist, werden sie noch zweck- loser sein als je früher. Das beste hat sich Baron v. Korff in Osnabrück geleistet; weil ihm der Zentrums-Kandidat, ein Arbeiter-Sekretär, nicht gefällt, ging er in die nationalliberale Wähler- Versammlung und führte daselbst aus: „Ja, wen foU man unter diesen traurigen Verhältnissen als Kandidaten >ür die ReichStagSwahl vorschlagen ? ES bleibt uns niemand anders übrig wie Warn- hoff. Allerdings kann daS nur geschehen unter besonderen Bedingungen, und zwar, wenn er sich schriftlich verpflichtet: 1) entschieden amzulreten gegen eine ErbjchastS-Steuer von Aszendenten mit Deszendenten. 2) den Versuchen, die gewerkschast-

er war nicht so sehr zu tadeln, ich glaube, er war nicht mehr bei sich. Was sie tat oder tagte, weiß ich nicht, aber sie brachte ihn uns wieder. Am nächsten Morgen sandte die Vorsehung die Stelle im Laden. Ich weiß nichts von seinen geschäft­lichen Vorzügen, aber er ist bei den Damen sehr populär. Wenn andere Kommis beredt die Waren anpressen, schweigt Rudolf und läßt die Kunden, sprechen. Fattum ssl'S, daß es unS nun gut gehl, ich habe beinahe vergessen, daß wir ein- "E waren, schöne Kleider trugen und kostbar tafelten."

„Bist Du glücklich?" fragte Edith erstaunt

„Ganz glücklich und nun ich Dich wieder habe, kenne ich keinen Wunsch mehr."

Edtth seufzt tief und vergleicht ihre Feigheit m,t Trixys Mut, ihre Härte mit deren Groß­herzigkeit.

Eine peinliche Pause folgte.

„Seit wann bist Dn in New-Fork?" fragte Trixy, „und ist eS wahr, was Hammond schrieb?"

„WaS schrieb er?"

„Daß eS Unannehmlichkeiten gegeben und Dn unb Dein Mann Euch am Hochzeitstage getrennt hättet. Wir wollten es natürlich nicht glauben."

„Es ist wahr, wir trennten uns am Hochzetts- tage, um erst an feinem Todesbette uns wieder zu vereinen. Doch ich kann davon nicht sprechen. Zwei Iah« sind dahingegangen, mein Schmerz ist süb gleich geblieben. Ich war ein elendes, ge­winnsüchtiges Geschöpf, und er der beste edelste Mann. Gottlob, daß wir versöhnt geschieden. Doch lassen wir die trübe Vergangenheit, sag Du mir lieber, ob mit Deinem Glücke Hauptmann Hammond zu schaffen hat."

„Nun, Dir kann ich's ja sage«, daß wir um Weihnachten Hochzeit hoben."

„Hochzeit?"

„Ja, wir verlobten unS vor drei Jahren, als wir England verließen. August wollte damals gleich betraten, davon konnte natürlich keine Rede fern. Wir waren verarmt und er hatte nur feine

liche Bewegung auf daS Land zu tragen, ent­gegenzutreten, 3) — daS bekenne ich als Katho­lik — allen Kulturkampf • Bestrebungen auf das entschiedenste entgegentritt." Der nationalliberale Kandidat Wamhoff hat jedoch ein solches Ver­sprechen nicht gegeben. Wir rufen aber angesichts solcher Bestrebungen nun erst recht: „Seid einig, Zentrumsleute! Leistet den gegnerischen Parteien und der Regierung keine Dasallendienste."

• Die Unterwerfung der BondelzwartS läßt die Regierung nicht zur Ruhe kommen. Nachdem die »Nordd. Allg. Ztg/ erst jüngst dem Kern einer Meldung deS .Vorwärts" soweit wie möglich ausgewichen ist, macht sie heute abermals einen Rechtfertigungsversuch gegenüber bet Be­hauptung, daß sie durch Zurückhaltung der Nach­richt von der bereit- früher in Aussicht gestellten ober stattgehabten Unterwerfung ber BondelzwartS ben Reichstag genasführt habe. Eie stellt näm­lich heute ausdrücklich fest, daß das Abkommen über die Unterwerfung erst am 23. Dezember abgeschlossen worden ist. Auch diese Meldung können wir noch nicht alS eine deutliche Wider­legung der gegenteiligen Behauptung ansehen. Warum rückt denn die Regierung nicht kurz und bündig mit der Erklärung heraus, baß weder sie noch daS Kommando in Südwestafrika vor oder bei ber Auflösung beS Reichstags noch nichts von einer nahe beoorstehenben Unterwerfung ber BonbelzwartS gewußt hat? So lange sie eine solche Erklärung nicht abgegeben hat, ist auch bie Behauptung beS .Vorwärts" noch keineswegs als unerwiesen zu betrachten. Die Nasführung bes Reichstag- läßt also bie Regierung nach wie vor noch immer auf sich sitzen.

Ueber den Edelsteinbau im Nordosten von Deutsch-Südwestafrika, dem sogen. Caprivi-Zipfel, veröffentlicht der .Reichsanzeiger" eine Verfügung des stellvertretenden Kolonial- direktorS Dernburz, wonach dieser Teil deS Schutzgebiete- dem LandfiskuS bet Kolonie zur ausschließlichen Auffuchung ober Gewinnung von Ebelsteinen bis auf weiteres vorbehalten wirb, soweit bem nicht wohl erworbene Rechte Dritter entgegenstehen. Wie noch erinnerlich jein bürste, machte ber stellvertretende Kolonialbirektor Dein» bürg in einer bet letzten Sitzungen bes Reichs­tages bie Mitteilung, daß verschiedene Anzeichen, so u. a. das Vorhandensein der sogenannten blauen Erde, darauf schließen lasse, baß ber mit bem Namen Caprivi-Zipfel bezeichnete LandeSteil ber sübwestafrikanischen Kolonie Diamanlenlager enthatte. Herr Dernburg bemerkte schon feiner- zeit, baß Maßnahmen getroffen seien, um bem FiSkuS die Ausbeutung her Diamantenlager oor- ^ubehalten. Dieser Erklärung trägt die eben ge­nannte Verfügung Rechnung.

Aus dem Landtage.

Herrenhaus.

S. Sitzung vom 9. Januar 1907.

Eröffnung l1/« Uhr.

DaS Haus ehrt zunächst das Andenken bet ver­storbenen Mitglieder in bet üblichen Weise.

Unter ben neuen Mitgliedern ist u. a. Reichs­kanzler Fürst Bütow esschienen, ben bet Präsident namens des Ham'eS herzlichst begrüßt.

Ein Antrag Ehlapowski auf Einstellung deS ge- richt ichen Verfahrens gegen daS Mitglied des HaufeS von KoScietSki für die Dauer bet Session rortb bet GeschäftSordnungskomimssion überwiesen

(Sage und feine Aussichten. Kürzlich kam nun ein schwarzgeränderter Brief unb brachte die Kunde, daß seine Großmutter gestorben und August zum Erben eingesetzt habe. Um Weihnach­ten will er kommen, und, Edith, er ist ein guter Mensch, und ich bin das glücklichste Mädchen in Rew-Pork."

„Du wirst dann Wohl in Schottland leben?"

„Natürlich, die Mutter bleibt bei Rudolf und Julie wird meine Stelle aussüllen; wäre sie nicht eine reizende Schwägerin? Doch da kommt Ru- dolf, trinken wir endlich Tee, ich habe greulichen Hunger."

Die kleine Lampe wurde angezündrt «nd das Abendbrot eingenommen.

Edith fühlte sich fremd, zwischen ihr und Ru­dolf lag eine nicht zu überbrückende Kluft.

Sie erhob sich bald, um zu gehen. Umsonst bat ie Trixy, noch länger zu bleiben.

„Soll Rudolf einen Wagen boten?" fragte bie Tante, „oder gehst Du lieb«?"

„Sie wird gehen," bemerkte bet junge Mann ssötzlich, „und ich begleite sie."

Die Nacht ist sternenhell und herrlich. Die alten Zeiten kehren wieder, das alte Gefühl zu- riedeiirr Ruhe, mit dem sie sich auf Rudolfs Arm tützte.

„£) wie heimisch ich mich fühle," rief sie, „mir ist, als hätte ich erst gestern Sandypoint verlassen, als zeigtest Du mir tote damals die Wunder New- Forfs."

„Erinnerst Du Dich, was ich damals zu Dir agte? hast Du in den drei Jahren nie ge­wünscht, ich möchte Dich nie von Sandypoint toeg- geholt haben?"

„Nein; ich habe auch niemand getadelt, als mich. Meines Lebens Unglück habe ich mir selbst geschaffen; käme aber alles noch einmal, ich ginge wieder. Ich habe viel gelitten, aber auch gelebt."

„Ich freue mich, das zu hören, es hat mich oft beunruhigt. Um zu erfahren, ob Du mich tadelst.

Die Anberaumung bet nächsten Sitzung wirb dem Ermessen des Präsidenten anheimgestellt.

Schluß 1'/. Uhr.

Zur Wahlbewegung.

• Zum Kapitel: „Wahlagitation in Krieger- vereinen". Der Kriegervelein Schlüchtern zeigt im amtlichen Kreisblatt an, baß er am Samstag ben 12. Januar eine Generalversamm­lung abhält; auf ber Tagesordnung steht u. a.: 9) Vortrag beS Korn. Lehret Flemmig: „Vom Kampfe um eine Kolonie, 10) Reichstag-- wähl bett. — Wie steht hoch in bem Statute? Politik wrrb in ben Kriegervereinen nicht ge­trieben.

• Im Wahlkreise Hanan-Gelnhausen-Orb hat das Zenttum bekanntlich Stimmenthal- t u n g proklamiert, weil es bei der voraussicht­lichen Stichwahl zwischen dem Sozialdemokraten und dem Nationalliberalen für keinen von beiden auch nur eine Stimme übrig hat. Mögen die bei­den Zentrurnsfeinde den Kampf unter sich allein ausfechten. Das gefällt aber dem Leibblatte de- Reichskanzlers, der „Nordd. Allg. Ztg.", ganz un- gar nicht. Das oberoffiziöse Blatt wiegt sich in der Hoffnung ein, daß die Wählerschaft des Zen­trums im Wahlkreise Hanau-Gelnhausen-Orb dieser Parole nicht Folge leisten möchte. (Da kennt die Norddeutsche aber die hessischen Zen­trumsleute noch schlecht! D. R.) Gleichzeitig drechselt die „Nordd. Allg. Ztg." daraus einen konfessionellen Charakter für das Zentrum, ledig­lich wegen dieser Wahlenthaltung, weil ine liberalen Parteien dem Zentrumswähler immer näher ständen als die Sozialdemokratie. (Beide stehen uns himmelweit! D. R.) Zu ihrer einfäl­tigen Behauptung gibt sie eine noch viel naivere Begründung, indem sie schreibt: „Das Zentrum hat oft genug erklärt, daß es keine konfessionelle Partei fei. Befreundet sich die Parteileitung jetzt eher mit einer Stärkung der sozialdemokra­tischen als der liberalen Elemente im Reichstag, so kann sie bei dieser Wahltaktik nur die Erhaltung der ausschlaggebenden Stellung des Zentrum- als konfessioneller Partei im Auge haben. Den katholischen Wählern ist mit dieser einseitigen Betonung des konfessionellen Standpunktes zwei­fellos nicht gedient." WaS in aller Welt verführt denn das offiziöse Organ des Reichskanzlers zu der Anspielung des Zentrums als konfessioneller Partei, lediglich weil es Wahlenthaltung sowohl dem liberalen als auch dem soziademokratischen Kandidaten gegenüber proklamiert hat! Was hat denn die sozialdemokratische und nationalliberale Partei als solche mit der Konfession überhaupt zu tun! Aus dieser seltsamen Begründung läßt sich nur herauslesen, daß sowohl der Nativnallibera- liSmuS als auch die Sozialdemokratie in ben Augen der Regierung als eine konfessionelle Par­tei betrachtet werden. Wir überlassen es diesen Parteien, selbst ihre Meinung dazu zu sagen, können aber nur unsere Verwunderung darüber anssprechen, mit welcher Leichtfertigkeit jetzt von offiziöser Seite aus jedem auch noch so geringen vermeintlichen Anlaß ein Strick für daS Zentrum zu drehen versucht wird. — Auch die „Schlüchter­ner Zta.", zugleich amtliches Kreisblatt, ist von der Wablentbaltung der Zentrumsvartei nickt sehr erbaut; sie meint aber: „Hoftentlick entneh­men hieraus im Wahlkreise Schlüchtern-Fulda- Gersfeld die Königstreuen Männer die Lshre, für den nationalem Kandidaten. Herrn Amtsrichter Hengsberaer, mit aller Kraft einzu­treten." Die Unverschämtheit des amtlichen Blat­tes, den Zentrumswählern die Köniastreue ab- zusvrechen, bänaen wir hiermit etwas niedriger.

Aus Obrrhessen. Am Dienstag fand in Kirch» Hain eine Versammlung der Vertrauensmänner

wollte ick Dich Heimbegleiten und um —" er stockte „um Dir Lebewohl zu sagen".

„Lebttvvbl!" wiederholte sie erbleichend.

„Ja, und nachdem unsere Lebensbahnen soweit auSeinandergehen, ein Lebewohl auf immer. Mor­gen reise ick nach St. Louis, wo unsere Firma eine Filiale bat und ick dauernd bleiben werde. Tie Firma sckenkt mir Vertrauen, eS eröffnen sich mir glänzende Aussichten. Zu Weihnackten kehre ich allerdings wieder auf kurze Zeit hierher zurück. Tritt? wird Dir gesagt haben, weshalb, bann aber wirst Du wohl wieder nach England abgereist sein."

„Trixy hat mit nicht» gesagt," antwortete Edith und wundert sich über die Festigkeit ihrer Stimme. _

„Nicht? und da soll das Zeitalter der Wunder vorüber fein? Trixy bewahrt Geheimnisse? Nun, ick kehre zur Hockzeit wieder und nach derselben begleitet mich die Mutter in meine weltliche Heimat."

Edith ist betäubt, sie versteht nichts. Die „Hoch­zeit" ist natürlich seine Hochzeit mit Julie Seton; Trixy hat sie in ihrer Aufregung ganz vergessen. Sie fühlte, daß die Zett deS Leidens nun erst recht für sie begann.

„Ich wünsche Dir von ganzem Herzen Gluck.

„Nun ja," entgegnete er kalt, .eine Heirat in der Familie ist stets ein Gegenstand der Glück­wünsche, und ich muß sagen, sie hat sich als bal beste, bravste Mädchen erwiesen. Wie lange ge­denkt Du noch in New-Fork zu bleiben?

„Ich werde sofort abressen."

sie waren dem Hotel nabe. Unwillkürlich lammerte sie sich an Rudolfs Arm. Ihr war'S, als müßten in fünf Minuten die Wasser tosend über ihrem Haupte zusammenschlagen und alle» ein Ende haben.

„Hier sind wir," sprach er „ich freue mich, Edith, daS Tu die Vergangenheit nicht bereust und die Zukunft reich und schön vor Dir liegt. Und nun leb' wohl. Gott feine und behüte Dich!"