en®,mU ansnabmt der Sonn« uno .seit, logt öitrttb fabu vt,na»prti» obnt Bringtriobn und vtutSgtldio'rUldaund auswärts i Ml 50 psg.
Vtraniwortlifctr SArlflititer: 3. Baum; für dit Bnjtioen: J. parjeltt in ijnldo
Zuldaer W Zeitung
wochmM«s«:„3ll«ftrierte§onntagrzeitun^' monatsben«gr: „Sulbaer Gelchichtsblätter"
Xmtfoen: Die tf» fpaltlne Petitzeile oder deren Bannt 15 Pfj. Rttiamen He petttztile 25 Pfg.; bei wieder» holuneen wird tnlspr.
Kabah ctroäbrt
Botationsbend tu Verlag der f ulbaer Ae» iitner tntrti in .Suite, fiert Iprt tzet Ne 9.
M 4. Fulda, Samsta« bett 5. Januar 1907. 34. Jahraana.
Zweites Wt'crtt.
Wachen-Nundjchau.
X Fulda, 5. Januar 1907.
(Nachdruck nicht gestatt«.)
Lre Wahlkampf ist auf der ganzen P.inie entbrannt. Aber er bat sich sofort sch' zu ungnn- sten der Regierung gewendet, insofern die frohe Nachricht von der Unterwerfung bei Bondel- zwarts aus Südwestafrika dem Zentrum recht gab! Es sind nur etwas mehr als hundert jämmerliche Schwarze, die sich den Deutschen gestellt haben, aber für «eue unwirtlichen und zulänglichen Ge- biete, in denen der Guerillcnkrieg im Süden ge» führt werden mutzte, waren diese schlvarzcn Kerle nicht zu verachtende Gegner. Jetzt darf man hoffen, datz auch die letzten Reste der aufständischen Bevölkerung sich rasch unterwerfen werden, soö-iß wir auf einen schnellen Abschluß des Kampfes gegen di? Aufständischen in Deutsch-Südwestafrika rechnen dürfen. So angenehm an sich diese Meldung war, so wurde man in liberalen Kreisen doch sas Gefühl nicht völlig los, daß sie etwas die Zirkel der Regierung gestört habe. Es schien nun auf einmal, als sei der Frage, welche Truppenmacht wir in Südwestafrika zurücklassen sollen, eine zu große Wichtigkeit beigelegt worden. Und jetzt war erst recht aller Welt klar, datz man diese Frage nur vorgeschützl hatte. Man wollte eben gegen das Zentrum Vorgehen! Aber damit hat es noch seine gute Weile. In den Kreisen der Zen- trumswäblerschast herrscht eine Begeisterung wie nie zuvorI Wir könnten Hunderte von Beispielen anführen, wo die ärmsten Leute 20 4 bis 1 «M, für den Wahlfonds opferten und stolz hinznjügten: ,Mehr können wir nicht geben! Aber die Regierung soll sehen, mit wem sie es zu tun hat!" Recht so! Noch nie stand die Stimmung so gut wie heute. Das Zentrum läßt sich nicht an die Wand drücken! Und wir wissen auch, daß ein neuer Kulturkampf sicher ist, wenn der Liberalismus regt!
Eine ganze Anzahl von Eisenbahn- u n g l ü ck s f ä 11 c n hat sich in der letzten Zeit ereignet; da man man wahrhaftig auch fragen, ob nicht das Personal zu sehr angestrengt ist, ob dw Bezahlung für diese Leute ausreicht! Das Zentrum hat immer auf eine Besserstellung ■" tnaearbcitet.
Wird so der Kampf um die Kolonien erst im reuen Jahre ausgetragen ttx-rben, so müssen wir auch das marokkanische Problem mit in das neue Jahr hinübernehmen. Es hat nun schon zwei Jahre auf dem deutschen Volke gelastet und drohte besonders am Anfänge vorigen Jahres zu einem herben Zusammenstoß zu führen. Die schlimmste Eventualität ist glücklicherweise vermieden worden. Ter Weltfriede ist im verflosse- uen Jahre nicht gestört worden. Besonders über Marokko wurde in den Konferenzen von Algeciras ein modus vivendi gefunden, mit dem wir wobl oder übel zufrieden sein mußten. Das Jahr ist denn auch nicht zu Ende gegangen, ohne datz die Algeciras-Akte von den beteiligten Mächten ratifiziert worden ist. Aber es ist noch lange nicht gesagt, daß nun auch das marokkanische Problem zur Ruhe kommen wird. Bisher ist allerdings noch alles gut gegangen. Die französischen und spanischen Kriegsschiffe vor Tanger haben noch nicht nötig gehabt, einzugreifen.
Die Konstellationen der Mächte haben sich mannigfach verschoben. Besonders von England aus fehlte eS nicht an Versuchen, sich neue Freunde zu gewinnen. Auch mit Rußland hat man nach einem Abkommen gesucht, um die Eifersüchteleien zwischen England und Rußland in Asien aus der Welt zu schaffen. Es hat wenigstens so iveit genützt, als beide Teile an den bestehenden Verhältnissen nicht rütteln wollen. So herrschte auch in Asien Ruhe. Doch scheint es, als ob Japan bereits anfängt, sich aus einen zweiten Schlag vorzubereiten. Ob er auf Rußland, ob auf Amerika gemünzt ist, das mag noch nicht zu entscheiden sein, doch wird man gut tun, den fernen Osten auch im neuen Jahre mir Mißtrauen zu be- obachten.
Wieweit der Dreibund, dessen formeller Fortbestand ja sicher zu sein scheint, noch seinen ursprünglichen Schrecken entspricht, das könnte nur eine Probe zeigen, die uns hoffentlich erspart bleibt. So viel ist aber sicher, daß er eine Bürgschaft des Friedens auch heute noch bildet. Insofern hat die Rede des Ministers Tittoni eine erhöhte Bedeutung.
Rußland bat verschiedene Sorgen. Der Terror konnte noch immer nicht niedergeschlagen werden, wie erst neuerdings die Ermordung des Grasen Jgnaticw und des Gouverneurs von Omsk, Litwinow, bewiesen hat. Ebensowenig aber gelang es bisher den Vorwärtstreibenden Kräften des Volkes, den Absolutismus zu über- winden. Noch steht die russische Konstitution in den Kinderschuhen. Viel wird für ihr ferneres Gedeihen davon abhängen, wie diesmal die Wahlen zur Duma ausfallen. Immerhin darf man hoffen, datz ans allen Kämpfen, aus allem Schrecken sich schließlich ein neues Rußland gestaltet, das sich den Kulturstaaten anschließt.
,. Die Wahlkampagne für die nächste Prä- I identenwahl in den Bereinigten Staaten ist bereits eröffnet worden. Brtzon kündigte seine Kandidatur an. Die sogenannten konservativen Republikaner intrigieren mächtig gegen den Präsidenten Roosevelt unter Führung einflußreicher Senatoren, wie Foracker und Scott: sie wollen die Möglichkeit beseitigen, datz Roosevelt einen eigenen Nachfolger designiert. ES sind infolgedessen große Umtriebe im Kongresse zu erwarten. Einstweilen ailt Kriegssekretär Tast als voraussichtlicher Kandidat der Rooleveltianer
In Persien ist der Schah, der Herrscher des Landes, schwer erkrankt, sodatz fein Ableben jederzeit erfolgen kann. Vor kurzem hat er dem Lande noch eine Verfassung gegeben, welche es in die Reihe der konstitutionellen Staaten einreihte. Als nun seine Krankheit immer bedrohlicher wurde, setzte er den Kronprinzen zum Regenten ein. In politischen Kreisen trat aber die Befürchtung auf, datz der neue Herrscher den eben erst geschaffenen Zustand wieder abschaffen konnte. Diese Besorgnisie hat nun der Schah selbst hinfäl- lig gemacht. Er unterzeichnete am letzten Samstag die Verfassung und auch der Kronprinz leistete die Unterschrist. Gleichzeitig unterzeichnete er noch eine andere Urkunde, auf Grund deren er sich verpflichtete, das jetzt gewählte Parlament nicht vor zwei Jahren aufzulösen. Die gesetzgebenden Körperschaften bestehen au8 dem Unterhaus und dem Senat, deren Mitglieder größtenteils ans allgemeinen Wahlen bervorgegangen sind. Persien sieht sich also im Genuß einer sehr freiheitlichen Verfassung.
In China herrscht in weiten Gebietsteilen eine große Hungersnot. Sie ist durch übermäßige Regenfälle herbeigeführt und zeitigte eine Notlage, wie sie in den letzten vierzig Jahren nicht anfgetreten war. Vier Millionen Menschen sind dem Verschmachten nahe, Zehntausende befinden sich auf der Wanderung. Die Gefahr wird vermehrt durch die Tätigkeit der geheimen Gesellschaften, denen das hungernde Volk sich willig anschließt. Angesichts des großen Umfanges der Notlage sind die Behörden außer Stande, dem Elend wirksam abzubelfen. Die chinesische Regierung bat sich deshalb schon veranlaßt gesehen,, ausländische Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Unpolitische Zeitlaufe.
(r.) Berlin, 3. Januar 1907.
(Nachdruck verboten.)
Ein kluger Mann wollte die aufgeblasenen Wetterpropheten verspotten und stellte seinerseits folgende einfache Wetterprognose auf: Morgen ist das Wetter gerade io, wie heute! Und schlietz- lich ergab sich, datz diese „Prophezeiung" noch nicht die schlechteste ist: denn in etwas mehr als die Hälfte der Fälle traf sie zu. Darum darf man eigentlich nickt sagen, das Wetter seiwetterwendisch. Das Wetter zeigt oft ein grobes Beharrungsvermögen. Auch das schöne Schnee- und Frostwetter der Weihnachtszeit war ziemlich ausdauernd. Natürlich mußte eines Tages ein Umschlag kommen, und diesmal wurde uns der Umschlag recht fühlbar, weil er so schnell nach dem Jahreswechsel und so gründlich mit warmem Rege» und nachfolgendem Sownenschein einsetzts. Vielleicht wird er in einigen Gegenden durch Hochwasser noch besonders fühlbar werden.
Den Wind- und Wetterumschlag, der zufällig auf den 2. Januar fiel, wollen wir nun auf ein besonderes Blatt schreiben. In allem übrigen aber werden die Leser eine große Gleichmäßigkeit und Beharrlichkeit der Entwicklung bemerkt haben. Gehts denn nicht im neuen Jahre gerade so zu, wie im alten? Darüber darf man sich auch nicht wundern: denn erstens sind die Naturgesetze unverändert geblieben und zweitens auch die Menschen.
Die Menschen? Aber die haben doch am Weih- nachtsbaum und vor der Krippe so schön geschwärmt und haben am Silvesterabend eine Mas- senproduktion von guten Vorsätzen und herrlichen Wünschen borgeitommen. Sollte das alles nichts geholfen haben?
„Nichts" ist ein hartes Wort. Hier und da mag es schon etwas geholfen haben, und an manchen Stellen mag wenigstens ein guter Kern gelegt worden fein, der sich mit der Zeit und mit Gottes Hilfe noch auszuwachsen verspricht. Aber im großen und ganzen bleibt die Menschheit die alte. Es ist nicht so leicht, aus seiner Haut zu fahren. In unseren schlechten Manieren und Gewohnheiten stecken wir so tief darin, wie ein verschütteter Bergmann in einer zusammengebroche- nen Grube. Es gehört eine lange, mühselige Arbeit dazu, herauszukommen in die Freiheit und den Sonnenschein. Warum sollten die Zeiten des- ser werden, wenn die Menschen in ihrer großen Masse nicht besser geworden sind?
Also im allgemeinen bleibt es beim alten. Ist das nicht ein Reif in der FrühlingSnacht vieler Hoffnungsseliger? Ach. die Erfahrung macht unbescheiden. Wir danken schon dem Himmel, wenn es nicht noch schlechter wird auf Erden. Schon die Bewahrung vor größerer Not und größerem Leid ist ein Glück.
In diesem Sinne sehe ich auch dem Wahltage vom 25. Januar in Gemütsruhe entgegen. Von den Illusionen, mit denen manche Leute in dieses Abenteuer hineingehen, wird nichts übrig bleiben. Das Beste, was man sich nach Lage der Verhält- niffe von den bevorstehenden Hotteiitottenwahlen versprechen darf, ist die Wiederkehr des alten Reichstages ohne wesentliche Aenderung. Und wenn das eintrifft, so wird daS deutsche Volk all- mählich einsehen, daß der vielgeschmähte „alte“ Reichstag doch auch sein GuteS hat und wohl mit ihm auszukommen ist. Man mutz nur den red- liche» Willen haben, sich mit den gegebenen Verhältnissen abzufinden. —
Die Tage nehmen jetzt wieder zu. Merkst Du es schon? Bisher geht die Verlängerung so im Schneckenschritt, daß man die Messung bc8 Zuwachses der Astronomie überläßt. Aber wir freuen uns doch, daß die Verkürzung nicht noch fortschreitet, und wir warten mit Ruhe ab, bis sich uns halbe und ganze Minuten, halbe und ganze Stunden Zuwachs an Sonnenschein ergeben. Bis zum 21. März wird langsam aber sicher die Tagesdauer um vier Stunden zunehmen. Um 2. März brau
chen wir vor 6 Uhr abends kein Licht anzuzünden. Wer aber heute schon sich darauf steifen wollte, datz erst um 8 Uhr die Lichter angesteckt werden sollten, wäre ein Narr. Das geduldige Abwarten des rechten Zeitpunkts gehört zur wahren Lebensweisheit. Auch zur Staatsweisheit. Wer einen warmen Ueberzieher hat, der soll ihn nicht eher „auflösen", als bis Ostern vorbei ist. Und wenn der Ueberrock auch nicht mehr ganz modern sei oder am Aermel etwas drücken sollte, ich würde ihn doch halten und tragen, bis der Frühling wirk- lich da ist.
Wer langsam geht, kommt auch zum Ziel. Manchmal kommt der bedürftige Fußgänger eher zum Ziel, als ein rasendes Automobil, das wegen seiner Uebereitung stolpert und liegen bleiben mutz.
Darum predige ich zum Anfang des JahreS gern Geduld und Bescheidenheit. Wer ausharret, der wird gekrönt. Genieße froh, was Dir be* schieden: entbehre gern, was Du nicht hast. Man soll den Tag nidjt vor dem Abend loben; aber man soll auch den Tag nicht vor dem Abend der- urteilen. Tas Glück kommt oft erst in später Stunde. In dem Evangelium vom Weinberg heißt es ja, daß der Hausvater noch um die elfte Stunde ausging, um Leute zu werben, die bis dahin vergebens auf Gelegenheit zum Broterwerb gelauert hatten, und daß er diese Spätlinge noch in der letzten Stunde einen ganzen Tagesverdienst gewinnen liefe.
Beharrlichkeit und Geduld haben auch bei unserer jungen Kirchengemeinde in Zehlendorf sich bewährt. Tausende von verehrten Lesern der Un- politlschen Zeitläufe sind dabei als Wohltäter beteiligt, und deshalb bin ich ihnen zum Jahres- wechsel einen kleinen Bericht schuldig. Unser Kirchenbau ist jetzt ausgeschrieben; wenn nickt gerade die Welt wieder znsriert, wird in diesem
n anzen de -Deutschen Reiche -gehabt haben.
Die Gesamtausgaben für Kolonien (Schuh- gebiete) und Expeditionen, die infolge de- Kolonialbesitzes nötig wurden, stellten sich in tun« den Zahlen in den Jahre!
1893 auf 3 000000 Mk.
1894 , 4.500.000 ,
1895 „ 6.000000 „
1896 , 7 500.000 „
1897 , 8.500.000 „
1898 . . . 18.000.000 „ 1899 . . . 42.000.000 „
1900 . . 130.000.000 „
- H901 auf 126 000.000 „ 1902 „ 74.000.000 „ 1903 „ 48 000.000 „ 1904 „ 154 000 000 „ 1905 „ 164.000.000 „ 1906 „ 207.000.000 „ einschließlich der Nachtragsetats und bereits angekündigten Etatsüberschreitungen, welche durch ein besonderes Kreditgesctz noch angefordert werden sollen, und einstweilen nach Angabe des Herrn Schatzsekretärs aus „den bereitesten Mitteln deS Reiches", d. h. durch Ausgabe von Schatzanweisungen (schwebenden Schulden!) gedeckt worden sind.
Die „Weltpolitik" bat allo in den neun letzten Jahren bereits 963 000000 M (neunlnindertdrei- undsechzig Millionen) verschlungen, während sie in den fünf Jahren vorher, als das Auswärtige Amt noch unter der Leitung des Frlnm. v. Marschall stand, insgesamt nur 29500 000 dl erforderte.
Aera von Marschall Staatssekretär des Auswärtigen Amtes.
) Aera v. Bulow, ? Staatssekretär des J Auswärtigen Amtes.
1 Graf Bülow, Reichs« } k nzler u. Leiter der ) auswärtigen Politik,
Fürst Bülow, Reich-« kanzler
Monat noch das grofee Werk beginnen.
In einer zweijährigen Sammelei, die Herr Pfarrer Deitmer in Steglitz nicht blofe mit unermüdlichem Betteleifer, sondern auch mit wahrem Bettelgenie betrieben hatte, war der größte Teil der Kosten gesichert worden, aber es blieb doch zum Jahrsschlusse noch eine Lücke. Ta wurde nun im Advent noch einmal das Netz ausgeworfen. Jnfolgedesien wurde der „unpolitische Onkel" brieflich auf die Folter gespannt. Z. B. durch folgende Zuschrift: „Ich erhalte da von Ihrem Pfarrer Deitmer ein Büchlein zugeschickt: „Tie sieben Werke der Barmherzigkeit". Das Büchlein ist sehr nett mit seinen buntfarbigen Bildern nach den Wartburg-Gemälden von der hl. Elisabeth und mit seinem frischen Text, namenttich mit den Schilderungen aus dem religiösen Leben von Grofe-Berlin. Aber wie reimt sich das mit Dir, Unpolitischer? Solltest Du etwa gestreikt haben, daß der Pfarrer selbst und ganz allein den Bettel- sack tragen mufe? Oder hast Du Deine Finger auch in dieser Schrift? Sollte das letztere der Fall sein, dann verstehe ich nicht, warum Du Dich in Verborgenheit hüllest wie ein Veilchen, dem Du doch sonst nicht übermäßig ähnlich bist!" Usw.
Die Sache ist einfach die: Das ettvähnte Buch von den sieben Werken der Barmherzigkeit ist mit vereinten Kräften hergestellt worden: der unpolitische Onkel hat auch etwas Senf dazu gegeben, aber nicht soviel, daß er sich als Mitverfasser aufspielen könnte. Das Schriftchen ist wirklich hübsch und interessant (wobei ich natürlich von meinen beigesteuerten Brocken ganz absehe). Die Bilder sind sehr gut geraten, und die Behänd- lung der Sache ist eigenartig, Packend, fesselnd, wie das zahlreiche Zuschriften und Nachbestellungen bezeugen. Wir hoffen mit dem Ertrage dieser Schrift den Baufonds auf die ausreichende Höhe zu bringen, wenn die Teilnahme des Volkes noch etwas anhält. Ist der Leser neugierig geworden, so kann er sich das auch sehr leicht verschaften: eine Postkarte genügt ; dann wird ihm die Schrift sofort zugesendet.
Inzwischen sei allen Lesern herzlich Dank gesagt, die unS soweit geholfen haben, dafe wir fetzt in Zehlendorf mit dem Bau einer katholischen Kirche beginnen können. Das ist unsere Neu- jahrsfrende.
• Vie Höfte« der weltpoM und der Kolonien.
Als im Herbst des JahreS 1898 die .Weltpolitik' als die Aufgabe des Deutschen Reiche» proklamiert wurde, haben sich gewiß nur wenige gedacht, in welcher Weise diese „Weltpolitik" in noch nie da- gewesene Ausgaben und in eine grenzenlose Schuldenwirtschaft hineinsühren würde. Zwar waren auch bis dahin schon die Ausgaben für Heer und Marine und den damtt verbundenen Pensionsetat sehr groß und stetig steigend gewesen, vom Jahre 1898 aber ging es mit Riesenschritten in neue Ausgaben und ins Schuldeumachen hinein. DaS Tempo steigerte sich noch mehr, als v. Bülow (1901) Nachfolger Hohenlohes in der Reichskanzlerschaft wurde. leigt folgende genaue Zusammenstellung: Die <3efamtan8gaben für K o l oni e n (Schutzgebiete) und Expeditionen, die infolge des Kolo- malbesitzeS nötig wurden, stellten sich in runden Zahlen in den Jahren:
Die letzteren 2914 Millionen Mark wurden ans den laufenden Reichsein nahmen bat bezahlt, während die neue Periode der Weltvolftik nur rund 250 Mill. Mark in bar ans den Reichseinnahmen deckte, für die übrigen 713 Millionen Mark dagegen Schulden machte, teils mittels Schatzanweisungen, teils mittels drei- und dreiemhalbprozentiger Reicksanleihen. Da diese zum guten Teil erheblich unter pari begeben werden mußten, ist die Schuldenlast des Deutschen Reiches in den letzten neun Jahren allein für Zwecke der Weltpolitik (Kolonien und Expeditionen) um nahezu 8 000 000 Mk. gestiegen
Tie Gesanftzunahme der Reichsschuld feit der neuen Aera Bülow ist aber noch weit großer, sie beträgt einschließlich der Mehrausgabe von Schatzanweisungen in der genannten Frist von neun Jahren (1898—1906) nicht weniger als 1700 Millionen Mark, oder fast 200 Mill. Mark jährlich.
In den vorangegangenen fünf Jahren (bet Aera v. Marschall) betrug die Gesamtschuldenzn- nähme nur 480 Mill. Mark oder durchschnittlich etwa 96 Mill. Mk. jährlich, hauptsächlich für Hee» reszwecke. In einzelnen Jabren wurden fast gar feine Schulden gemacht, teilweise auch Schulden getilgt auf Grund der Leees Lieber.
Wie die Schulden gewachsen sind, so sind in der Aera der Weltpolitik auch die Schuldenzinsen gewachsen, sie betrugen:
1893 rund 65.200.000
1894 „ 69.000.000
1895 „ 71.700.000
1896 „ 72.300.000
1897 „ 72.400.000
1898 „ 73.800.000 1899 , 75.600.000 1900 , 77.400.000
1901 „ 89.000.000
1902 , 96.000.000
1903 „ 100.000 000 1904 „ 104.700.000 1905 „ 113.600.000 1906 „ 127.500.000
In diesen Kosten der Welfpolitik und der Kv- fonien, sind noch nicht enthaften die Kosten der M a r i n e b e r to a 11 u n g, von denen ein guter Teil auch auf die Weltpolitik entfällt, ebensowenig die Zuschüsse der Reichspostverwal- t u n g für die Kolonien und überseeischen Kabel, für welche feder genaue Nachweis fehlt, welche aber, wie einzelnen besonders gut informierten Personen bekannt ist, auch recht bedeutend sind. Ebensowenig sind darin enthalten die Kosten der Dampfersubventionen, welche gleichfalls viele Dutzende von Millionen verschlungen haben. Die MnrineauSgaben insbesondere haben sich wie felgt gesteigert:
'893 rund 79.800.000 Mk-
74.000.000 „ 82.800.000 „ 86.000.000 „ 114.600.000 „ 123.000.000 „ 133.800.000 „ 142 000.000 „ 195.000.000 „ 215 000.000 „ 212 000000 „ 216000.000 „ 233.000.000 „ 251.000 000 „
Mk.
Aera v. Marschall; Steigerung in fünf Jahren 8600000 Mark.
Aera Fürst Bülow — Weltpolitik Stei gernng in 9 Jahr« 55000000 Mk.
Aera Marschall;
Steigerung in fünf Jahre,» um 34800000 Mk.
Aera Fürst Bülow — Weltpolitik in neun Jahren um 136400000 Mk.
1895
1896
1897
1898
1899
1900
1901
1902
1903
1904
1905
1906
Schon früher ist durch unseren Arttket vom 13. August 1905, „Trockene aber lehrreiche Zahlen" darauf hingewiesen worden: der jetzige Augenblick aber, wo, angeblich wegen verweigerter neun Millionen Mark, der Reichstag aufgelöst und eine Krisis heranfbeschworen worden ist, erscheint o recht geeignet, nochmals eine Uebersicht zu geben, welche Wirkung Weltpolitik und Kolonialwirtschaft auf die Fi-
Auch von diesen Ausgaben ist ein guter Teil auf Schulden gemacht worden; die Ma- rinefchulden routben vermehrt in den Jahren
1893 um rmrd 10.600.000 Mk.
1894 „ „ 4.200.000 „
1895 „ „ 5.900.000 „
1896 „ „ 5.900 000 „
1897 ,. .. 28.300.000 „
Steigerung in 5 Jahren zusammen um 5490k900
M..rk