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Hotatt ans örutf u. Verlag der «uldaer Ar» tirndr laerri in Sitlba. $en (preßet Ur 9.

Fulda, Freitag den 4. Januar 1907.

J\ß 3.

34. Jahrgang.

)!( Zahrerrundschau.

IN.

Oe st erreich. Ungarn hat im Jahre 1906 einen Anlauf zum inneren Frieden genom­men. wenigstens soweit .er sich auf die inneren Verhältnisse der beiden Neichshälstcn erstreckt. Freilich ist das Verhältnis zwischen den beiden Hälften, alfo zwischen Oesterreich und Ungarn, ein sehr gespanntes: es gewinnt den Anschein, als rührten sich diese mit aller Macht, um zum entscheidenden Schlage gegen einander alle Krasle zusammen zu holen.

Ter Konflikt zwischen Parlament und Krone tn Ungarn ist vorerst gelöst und zwar durch gegen­seitige Nachgiebigkeit. Es bildete sich ein Mmiite- rium Weckerle, in das selbst der Cohn des grogen Revolutionärs. Franz Kossuth. ausgenommen wer­den mußte; gewiß eine starke Pille für den grei­fen Monarchen. Aber die Koffuthianer sind nun einmal die Herren in Ungarn und nuten ihre Macht rücksichtslos aus, was sich namentlich in einer unerhörten Wahlbeeinflussung zeigte; von 413 Mandaten fielen so dieser Partei 240 zu. Wie lange noch und die Herren sind am Ziel ihrer Wünsche; sie haben dann ein unabhängiges Ungarn! Ter österreichisch-ungarische Minister des Aeußern, Graf Goluchowski, mußte ihnen be- reits weichen, sein Nachfolger ist Baron Nehren- thal, der am Dreibund fcsthalten will.

Oesterreich hat drei Ministerien in einem Jahre gestabt! Gautsch — Hohenlohe.— Beck! das Ministerium Gautsch fiel über die Wahl­rechtsreform und den ungarischen Ausgleich, eben­so das Kabinett Hohenlohe, das nur kurze Zeit am Ruder war. Da sammelte Frhr. v. Beck alle Parteien zum Kampf gegen die Anmaßungen Ungarns und sicherte gleichzeitig die Einführung des allgemeinen Wahlrechts zu und sonderbar: jetzt gelang es. Die Wastlreform ist so gut wie gesichert: der Nationalitätenstreit hat hoffentlich hiermit fein Ende erreicht. Jetzt wäre in Oester­reich die Zeit gekommen, nach deutschem Muster ein aroßes starkes Zentrum zu bilden.

Die dritte Macht im Dreibünde, Italien, wird immer unzuverlässiger; es liebäugelt mit aller Welt, namentlich mit Frankreich und Eng­land und die Reise unseres Staatssekretärs des Auswärtigen Amtes hat hieran nicht geändert. So viel steht heute schon fest, daß wir im Ernst­fälle mit einer Unterstützung Italiens nicht rech­nen können, zweifelhaft ist noch, ob es nicht selbst gegen Oesterreich zu Felde ziehen würde, wenn man auch setzt sehr verbindliche Worte wechselt. Italien ist ein ganz und gar unsicherer Kantonist. Seine Negierung ist immer mehr radikal, auch wenn sie dreimal wechselt. Da hatte man zuerst einKabinett Lannino, das über spanischen Han- delsvertrag stürzte, sich ober wieder erholte und in ein wenig anderer Kostümierung erschien, dann kam der alte schlaue Giolitti wieder ans Ruder! Lauter Kirchenfeinde. — Der Ausbruch des Vesuv hat furchtbare Verheerungen angerichtet und gan­ze Städte und Dörfer unter seinen Schlammregen begraben. Das Königspaar hat die Not zwar ge­lindert, aber sie ist heute noch sehr groß. Der Jubel der Mailänder Ausstellung ist wiederholt durch große Brände gestört worden. Es zeigt sich immer deutlicher, daß die Einigung das große Glück nicht gebracht hat, von dem so viele träumten.

In Frankreich führen die Machthaber den Kulturkampf mit aller Rücksichtslosigkeit weiter, ohne daß das Volk sich wehrt. Im Gegenteil! Es fanden Neuwahlen statt, welche mit einem vollen Siege der Kulturkämpfer endigten. Woher soll also hier Hilfe kommen? Die Inventurauf­nahme in den Kirchen gaben zu stürmischen Aus­tritten Veranlassung, die Regierung ging dann

Kill suMms Geheimnis.

Dem amerikanischen Originale der Mrs. Map Agnes Fleming nacherzählt von Lina Freifrau von

Berlepsch.

49), (Nachdruck verboten.)

3. Wie sie sich trafen.

Miß Stuart begab sich zurück ins Arbeitszim­mer, in dem sich über ein Dutzend junger Mädchen befanden. Sie bemerkten nicht, daß sie bleicher war, als gewöhnlich, auch ihr Schweigen fiel nicht auf, sie waren daran gewöhnt. Edith hielt alle in würdevoller Entfernung und war zudem bei Madame Mirabeau und der Vorarbeiterin beliebt. Folgerichtig konnten die Gefährtinnen sie nicht leiden, ihnen war ihr schlveigfames, abgeschlosse­nes Wesen zuwider. Eine Atmosphäre des Ge­heimnisses umgab sie. In all dem Gewiihle war sie wie ein Fels im Meer. Aeußerlich hatten die zehn Monate sie wenig geändert, innerlich war sie sehr und schwerlich zum Besten geändert.

Lang und bitter hatte sie gekämpft, bis sie den sichern Hafen gefunden. Monate lang trieb sie ohne Steuer und Kompaß, ohne Lotsen umher in dem menschenumwogten London. Freundlos und allein war sie gekommen mit wenig Geld und Kenntnis des Stadtlebens. Eine Wohnung fand sie leicht und suchte nun Stellung als Erzieherin oder Gesellschafterin. Dutzende wurden in den Zeitungen verlangt, sie aber hatte keine Referen­zen und alle Türen schlossen sich vor ihr. Jung, hübsch, ohne Empfehlungen, Geld oder Freunde, wie sollte es ihr gehen? Tie geringe Barschaft war bald verausgabt, sie versetzte ihre Juwelen und Kleider. Bleich und hohläugig wurde sie in der schrecklichen Zeit, schwarze Verzweiflung er- faßte ihr Gemüt. Sollte sie dienen, ober ver­hungern? Selbst als Zofe bedurfte sie Zeugnisse. In solch' dunklen Stunden la» sie Madame Mira-

etwas milder vor, aber erreichte mit Zähigkeit doch ihr Ziel. Am 11. Dezember trat das vom Pavste verworfene Treiinuiigsgefetz in Kraft. Bi- schöie und Priester zeigten eine bewunderungs­würdige Einmütigkeit, aber das Volk blieb kalt, auch als man die Bischöfe ans ihren Wohnungen jagte, die Ceminarien schloß iisw.l die Regierung ist aber nicht davor zurückgeschreckt, die päpstliche Nuntiatur einer Untersuchung zu unterziehen und Tausende von Tokunienten zu befchlaguah:nenl Solist gelten Gesandtschaitsgebäude als unverletz­bar, ober hieran kehren sich die frrnzo iichen Kir- chenseinde nicht. Ter Gottesdienst konnte bis jetzt noch ohne Störung abgetjalten werden, aber keine Garantie ist vorhanden, daß nickt täglich eine solche eintritt. Tas Volk ist eben leider in seinen Massen ganz religionslos geworden! Und das ist das Ideal so vieler deut'cher Liberaler! — Ter frühere Präsident Louber hat sich ganz ins Privatleben zurückgezogen; er l-bk in einer Klein­stadt; als Präsident der Republik amtiert der frühere Senatspräsident Fallieres, dellen bekann­teste Eigenschaft in einer Sehnsucht nach guten Speisen besteht. Im letzten Jahre hatte ^rank- reich auch drei Ministerien. Ronvier fiel, weil er die Kulturkampfsgefetze nicht scharf genug an­gewendet Halts; bann kam die politische Null Sarnen, um gute Wahlen zu machen und biera.tt der eigentliche Wablnmcher Clemencean, der als ärgster Kirchenfeind feit Jahren bekannt ist.

Der Trevfiisprozeß hat mm seine Erledienma da­durch gefunden, daß Dreyfus in neuer Verhand­lung freigesprochen und zum Major befördert wurde; fein Freund und Helfer Pieguart aber wurde General und ist jetzt Kriegsminister.

Das en liebliche Grubenunglück in Sourri "re gab den deutschen Bergleuten Gelegenheit zu b w« isen, wie sehr sie ihr Leben für ihre Brüder einfetzen. Wären die französischen Bergleute so re'fmf! ge- wesen, wie die deutschen, so märe das Unglück viel kleiner gewesen.

Ans dem Balkan kocht und gärt es; der Sul­tan ist viel krank; Prinz Georg von Griechen­land hat sein Amt in Kreta niedergelegt. In Serbien sind die Königsmörder endlich aus der Armee entfernt worden, dagegen macht.' der ver­zogene Kronprinz viel Skandal. Zwischen Ru­mänien und Griechenland kam es gar zu einem Abbruch der diplomatischen Beziehungen; ein Glück, daß die beiden Staaten weit anseinander- liegen und keine Flotte haben, sonst wäre der Krieg sicher begonnen worden.

(?) Jit nnifllr fiiinbgtbmig des Nkichsdmlm,

die wir schon gestern eingehend gewürdigt haben — sie ist bekanntlich an den Reichsverband zur Bekämpfung der Sozialdemokratie gerichtet hat folgenden Wortlaut:

Berlin, Silvester 1906.

In dem Schreiben des Reichsverbandes zur Bekämpfung der Sozialdemokratie vom 18. De­zember dieses Jahres ist mir nahegelegt worden, vor der Reichstagswahl noch eine auf- klärende Kundgebung zu erlassen. Ich komme dieser Anregung gerne nach und bitte, für die Verbreitung dieser Antwort Sorge zu tragen.

Die parlamentarische Lage, die ich bei meinem Amtsantritt vorfand, war nicht wesentlich ver­schieden von der im letzten Reichstage: Die bürger­liche Linke in drei, vier Gruppen gespalten; die Rechte einiger zwar, aber an Zahl ebenso schwach, wie die Liberalen zusammen; in der Mitte die stärkste Partei, das Zentrum, schon damals nahezu imstande, entweder nebst Polen, Welfen rc. mit den Sozialdemokraten ober mit den Konservativen

beau's Gesuch um Arbeiterinnen und wandte sich an sie. Große, schöne, geschickte Mädchen brauchte diese; sie wurde angenommen. Wochenlang hielt man sie in strenger Aufsicht, dann war man über­zeugt, daß sie keine Absicht hege auf die kostbaren Stoffe und wertvollen Spitzen der aristokratischen Kundschaft, daß sie wirklich Arbeit wollte und voll­brachte. Sie erwies sich so anstellig, geschickt und geschmackvoll, daß Madame Mirabeau sich schmei­chelte, einen solchen Schatz gefunden zu haben. Im Laden zu bedienen aber weigerte sie sich ent­schieden. „Ich habe Gründe, mich geheim zu hal­ten", sagte sie offen, „im Laden aber dürfte ich erkannt werden, und dann müßte ich Sie sofort verlassen."

Madame Mirabeau wollte ihre beste Arbeite­rin nicht verlieren und gab nach. Die sentimen­tale Französin dachte. Miß Stuart sei von Rang und verberge sich unglücklicher Liebe wegen vor ihrer Familie. Da aber eine hoffnungslose Lei­denschaft dem Kleidermachen nicht im Wege stand, behielt sie das Mädchen und Edith war nach un­sagbar diel Schmerz, Angst und Sorge gelandet. Nun floß ihr Leben öde und ereignislos dahin.

Den ganzen Tag in der Arbeit, abends im Sommer gelegentlich ein kurzer Spaziergang, dann begab sie sich, müde an Geist und Körper, sofort zur Ruhe. So war ihr äußeres Leben. Was soll ich von ihrem Innern sagen? Sie selbst konnte kaum Aufschluß geben. Wie bekam sie irgendwie Kraft, das Unglück zu ertragen und zu leben. An den Gatten dachte sie nur mit Hatz, sie verabscheute ihn. Das Paketchen Briefe von Rudolf war ihre einzige Freude; sie las sie hun­dert und hundertmal und betrachtete das Bild, bis das lächelnde Auge, die geliebten Züge überall vor ihrer Seele schwebten. Tie Türkisbrosche trug sie immer und küßte sie morgens und abends. All das war unrecht, der Begriff aber war ihrem Geiste nicht klar, sie wußte nur, daß sie Rudolf liebte. Wie oft- dachte sie an das, was hätte fein können. Rudolf arm, ober sie sein eigen, ihm

und dem rechten Flügel der Liberalen eine Mehr- beit zu bilden. E i n e a n d e r e M o g l i ch k e 11, als mit dem Zentrum d i e Geschäfte z n erledigen, gab es, namentlich seit den Wahlen von 1903, nicht.

Ter Reichskanzler war auf die Mitarbest dieier Partei angewiesen; er mußte versuchen, ihre Zu­stimmung zu den im Interesse des Landes notwen­digen wirtschaftlichen und nationalen Vorlagen zu erlangen. Daß er dem Zentrum zu Liebe ftaatticbe Hobeitsreckite preis- gegeben oder I i ch in religiösen Fra­gen schwach gezeigt habe, be ü reite i ch. Jedenfalls darf nicht vergessen werden, daß d i e wichtigsten Aufga­ben, d i e Verstärkung der Seewehr, d i e Handelsverträge, d i e Finanz- reform, nur mit Hilfe des Zentrums z u lösen waren und gelöft worden sind.

Ich habe diesen Zustand der Abhängigkeit der parlamentarischen Ergebnisse von dem guten Willen einer Partei in dem vielgestaltigen Part.'i- betricbe immer als nicht unbedenklich empfunden. Ihn zu ändern hatte ich solange ke-rmi Grund als das Zentrum sich bereit zeigte, mit den Ver­bündeten Regierungen positive Arbeit zu leisten, und der Versuchung, feine p a r l a m e i, 1 a r i- f ch r Stärke z u mißbrauchen, nicht nach­gab.

Aber bereits im Frühjahr des abgclaufenen Jahres wurden drei dringend nötige >Vrber:n- gen: die Eisenbahn Keetmanshoop, die Entschädi­gung der Farmer, die Errichtung eines Kolonial­amtes durch eine vorn Zentrum und Sozialdemo­kratie geführte Oppositionsmehrheit verworfen. Damals konnte ich, von schwerer Krankheit noch nicht erholt, nicht eingreisen. Aber es reifte inmirderEntschluß. jedem neuen Versuch solcher Machtproben bei ernsten und wichtigen An­gelegenheiten des Reiches mit aller Kraft entge­genzutreten. Neben der dann notwendigen Wahr­ung der Autorität der Negierung und ihrer Stei­fung über den Parteien schien mir auch ein ge­wisser Wandel in den doktrinären Anschauungen der Vertreter bc§ liberalen Bürgertums und der steigende Widerwille gegen das sozial­demokratische Treiben die Hoffnung zu rechtferti­gen, daß eine Aenderung der parlamentarischen Lage durch das deutsche Volk selbst möglich sei.

In Deutschland gibt es keine ein beit- liche liberale P a r t e i, die den klaren Wil­len und die Fähigkeit gezeigt hätte, positive Politik zu machen. Es ist jetzt nicht der Augenblick, Feh. ler, die begangen, Gelegenheiten, die versäumt worden sind, nachzurechnen. Jedenfalls haben es innere Uneinigkeit, negativer Doktrinarismus, Uebertrribung der Prinzipien und Unterschätzung des praktisch Erreichbaren nicht zu dem vom Libe­ralismus erstrebten Einfluß auf die Negierungs- gefchäfte kommen lassen. Erst im letzten Jahr­zehnt hat sich darin manches geändert. Ich denke an Eugen Richters Kampf gegen die Sozialdemo­kratie, an die fortschreitende Ueberwindung der Manchester-Doktrin, vor allem an das tvachsende Verständnis für große nationale Fragen. Man­ches wird noch zu lernen sein: Maßhalten, richti­ges Augenmaß und Blick in die Nähe, Sinn für historische Kontinuität und reale Bedürfnisse.

Ich glaube nun keineswegs, daß aus den Wah- len eine große geeinigte liberale P ar- t e i hervorgehen und etwa den Platz des Zen­trums einnehmen könnte. Wohl aber könnten die Parteien der Rechten, die nationalliberale Partei und die weiter links stehenden freisinnigen Grup­pen bei zielbewußtem Vorgehen im Wahlkampf soviel Boden gewinnen ,um eine Mehrheit von Fall z u Fall zu bilden. Den starken Gegensatz, der bisher zwischen den Parteien der

vermählt, er arbeitete für sie, sie tat das Ihre, um ihr Los behaglich zu machen und ihn glücklich. Solchen Bildern hing sie nach, bis sie zur Oual wurden, und immer wieder erklangen in ihrem Herzen die Worte: „Was immer SDir das Leben bringe, mich darfst Du nicht tadeln." Tie Zeit hatte ihr Einsamkeit, Arbeit, Verzweiflung ge­bracht — durch ihre Schuld; das war der bitterste Gedanke. Sie hatte die Armut gefürchtet und deshalb sich und ihr Herz verkauft und nun hatte ungeahnte Armut sie befallen. Wäre sie wahr gewesen gegen sich selbst, wie glücklich wäre sie geworden? Zum Glück war sie meist zu müde, um zu denken. Bis zu Inez' Besuch hatte sich in ihrem haspelförmigen Dasein nichts ereignet. Run war ihr Herz voll bitteren Tumultes, alles Sanfte, Vergebende ihres Wesens schien erstorben; ihr Mann batte sie schmählich beleidigt, ivas lag daran, wenn er starb? dann war sie frei.

An dem Abend wurden die Arbeiterinnen länger als gewöhnlich zurückgehalten und als end­lich die Feierstunde schlug, regnete und dunkelte es.

Miß Stuart beachtete es nicht, daß eine ver­hüllte Gestatt sie erwartete und ihr folgte. Rasch eilte sie dahin und gelangte an eine Stelle, ivo sie über die Straße mußte. Wagen und Omni­busse fuhren zahllos vorüber, sie wartete mehrere Minuten, aber keine Unterbrechung machte sich fühlbar. Ungeduldig versuchte sie, die gefährliche Passage zu überschreiten. Es war naß und schlupf- rig. Tie Kutscher gaben Warnungsrufe. Sie verlor die Geistesgegenwart und streckte die Arme aus, wie um die Wagen abzuhatten. Plötzlich fühlte sie sich erfaßt und binübergetragen. Am entgegengesetzten Randstein aber traf eine Wagen­achse ihren Retter und schleuderte ihn zu Boden. Edith stand unverletzt auf dem Trottoir. Tie Menge sammelte sich sofort um den Verunglück­ten. Man trug ihn in die nächste Apotheke. Wie betäubt folgte Edith. Ihretwegen hatte der Fremde den Unfall erlitten. Sein Gesicht wurde

Rechten und denen derbürgerlichenLin» fen in wirtschaftlichen Fragen bestanden hat. holte ich für kein unüberwindliches Hindernis. Ter unl-dingt notwendige Schutz der Landwirt­schaft ist in den neuen Handelsverträgen auf ein Iahmehnt hinaus gesichert, und mancher freiunnt« aer Mann hat schon unter vier Augen zugegeben, daß sie auch für die städtischen Interessen nicht un­günstig gewirkt haben. Jedenfalls müssen di« Gegner der Handelsverträge anerkennen, daß sich Handel und Industrie fortdauernden Aufschwun­ges erfreuen.

Andererseits führt bereits eine gute Brücke über das trennende Wasser. Die konservati­ven Parteien und die Nationalli b e- ralcn sind in allen großen Fragen, wo es sich um Wohl und Wehe der Nation, ihre Einheit, ihre Machtstellung, bandest, zuverlässig gemeien. Dir Nation ging ihnen über die Partei. Das ist ihr Ruhm, den werden sie behaupten. Je mehr auf der Linken die Bereitschaft zur Befriedigung der großen nationalen Bedürfnisse für den Kolonial­besitz, für Heer und Flotte zimimmt, um so brei­ter und fester kann die Brücke werden, und wohl würden sich auch bie nationalen Ele­mente, die im Z e n t rn m vorhanden sind und allen anderen bürgerlichen Parteien in solchen Fragen leichter zusammenfinden, wenn mit dem Wegfall der Möglichkeit einer s chwarz- roten Majorität der Fraktionsego­ismus des Zentrums der Handhabe beraubt wäre, sich rücksichtslos gegen die Regierung gel­tend zu machen.

Die bedenklichste Folge davon, daß sich das Zentrum der sozialdemokratischen Stimmen zur Bildung eines oppositionellen Blockes bedienen konnte, war die Bedeutung, die dadurch die S o- zialdemokratie selbst im verflossenen Reichstaae erlangte. Ta bietet sich ein weiteres hochwichtiges Feld gemeinsamer S o r- gen und Arbeit aller nationalen Elemente. Entgegen der leider in einigen liberalen Köpfen noch herrschenden Idee, daß die Reaktion im Reiche von rechts drohe und Seite an Seite mit der So­zialdemokratie zu bekämpfen sei, liegt nach meiner festen Ueberzeugung die wah re fReaftijtn oder die wahre Gefahr der Reaktion bei der So­zialdemokratie. Nicht nur sind ihre kommunisti­schen Zukunststräume kulturfeindlich, die Mittel zu ihrer Verwirklichung brutaler Zwang — alles, was sich etwa irgendwo in Deutschland an reaktio­närer Gesinnung findet, gewinnt Kraft und Recht durch die sozialistische Unterwiihlung der Begriffe von Obrigkeit, Eigentum, Religion und Vater­land. Auf den wildgewordenen Spießbürger und phrafentrunkenen Gleichmacher Robespierre folgte der Degen Bonapartes. Er mußte kommen, um das französische Volk von der Schreckensherrschaft der Jakobiner und Kommunisten zu befreien.

Als nun das Zentrum sogar bei einer Angelegenheit, die die d e u t s ch e Waffenehre und unser Ansehenvor der Welt berührte, und unmittelbar nach der freimütigen Aussprache über unerträgliche Einmischungen in den inneren Kolonialdienst, eigenwillig den Verbündeten Re­gierungen eine unannehmbare Klausel aufzunöti- gen suchte, und als es dann mit Hilfe der Sozial­demokratie einen sachgemäßen freisinnigen An­trag niederstimntte, mußte von dem verfassungs­mäßigen Mittel zur Wahrung der Autorität der Regierung Gebrauch gemacht und der Reichstag ausgelöst werden. Die Abstimmung vom 13. De­zember war ein Schlag gegen die Verbündeten Re­gierungen und die nationale Würde. Ich arbeite mit jeher Partei, welche die gro­ßen nationalen Gesichtspunkte achtet. Wo diese Gesichtspunkte mißachtet werden, hört die Freund­schaft auf. Niemand in Deutschland von Blut und Schmutz gereinigt und — war sie noch betäubt, oder war es Sir Victor's Antlitz, blutlos und leichenhaft? Sie stützte sich auf den nahen Tisch, alles schien sich mit ihr zu drehen. Hatte er bei ihrer Rettung sich den Tod geholt?

„Kennt ihn jemand?" fragte der Apotheker. Niemand antwortete.

Der anwesende Polizist schaute scharf auf Edith, deren Züge nur zu deutlich verrieten, daß sie wußte, wer er war.

„Sie kennen ihn, Fräulein, nicht wahr? indem er Sie rettete, geschah ihm der Unfall; wer ist es?"

„Sir Victor Catheron."

„Dachte mir's, daß er ein vornehmer Kauz sei. Wissen Sie, wo er wohnt?"

„Nein", entgegnete sie mechanisch, „vielleicht trägt er Karten oder Papiere bei sich. Sie glau­ben doch nicht, daß er tot ist?"

Eine Stunde früher hätte sie vielleicht seinen Tod gewünscht, jetzt schien es ihr schrecklich.

„Nein, tot ist er noch nicht, obgleich er dar­nach aussicht. Hier ist seine Vifitenkartentasche. „Sir Victor Catheron, Baronet, Fenton s Hotel", holen wir einen Wagen und lassen wir ihn heim­bringen. Jemand aber muß ihn begleiten; ich kann nicht, hoffentlich können Sie^ Fräulein."

„Ist es nötig?" fragte Edith widerstrebend.

„Versteht sich", entgegnete der Polizist, „der arme Mensch sieht sonderbar aus, und wenn er unterwegs stürbe —"

„Ich werde mitgehen", sprach Edith entschlossen.

Ter Wagen wurde geholt und der bewußtlose Baron hineingetragen. Edith nahm schweigend neben ihm Platz; was konnte sie tun? es war schließlich nur eine Forderung der Menschlichkeit.

„Fürchten Sie sich nicht", tröstete der Apo­theker, „er ist nicht tot und wird bald wieder zu sich kommen."

Der Wagen raffelte fort.

(Fortsetzung folgt).