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34. Jahrgang

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Fulda, Mittwoch den 2. Januar 1907

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Rabat 1 Gewahrt.

Der Kolonialbirektor Erbprinz von Hohen lobe zeigte sich unfähig, fein Amt zu verwalten und er mußte dies niederlegen. Da holte der Reichs­kanzler den Bankdirektor Dornburg, der mit der Säuberung etwas begonnen bat, aber es blieb noch sehr viel zu tun Bei einer neuen Aufforde- rung für Südwestafrika der Aufstand daselbst bat schon 400 Millionen X gekostet' kam es zur Auflösung des Reichstages. Die Leier kennen die Gründe hierfür. Heute schon ist alles einig, daß nie eine Auflösung so hastig und so unüberlegt erfolgte und wegen einer solchen Baga­telle I Aber das Zentrum wahrt die Rechte des Reichstages!

selben Tage vermählte sich der zweite kaiserliche Prinz Eitel Fritz mit einer oldenburgischen Prin­zessin! Im Hochsommer wurde der Kaiser erst­mals Großvater unb zur Freude des Vaters, wie der der Kaiserfamilie war es ein Sohn, der den, Kronprinzenpaar geschenkt wurde: w,r haben also wieder «drei Kaiser". Der jüngste Sproß erhielt den Namen Wilhelm!

In den höheren Staatsämtern hat es manchen Wechsel gegeben; die vielfach bespro­chene Kanzlerkrisis traf zwar nicht ein; ob sie nicht im Fahre 1907 folgt, ist eine andere Frage. Fürst Bülow überstand den Schlaganfall, den er am 5. April im Reichstage erlitt, ziemlich gut und konnte sich wieder im Herbste den Arbeiten mit voller Kraft widmen. Für den verstorbenen Staatssekretär Frhr. v. Richthofen übernahm der bisherige Gesandte in Hamburg, Herr v. Tschirsch- ky, die Leitung des auswärtigen Amtes; ob er damit klug tat, den besten deutschen Diplomaten, Herrn v. Holstein, sofort ausmschiffen, wird sehr bezweifelt. Das preußische Eisenbahnministerium erhielt der Kölner Eisenbabndirektionspräsident Breitenbach, der allem Anschein noch ein würdiger Nachfolger BuddeS zu werden verspricht. Der witzige Sandwirtschaftsminister v. Podbielski stol­perte iiber seine unb seiner Frau Beteiligung an der Firma Tippelskirch unb zog sich auf seine Güter zurück: der neue Minister v. Arnim hat sich gut im Parlamente eiugcfübrt!

Im Reichstage gab cs heitere und ge- witterrciche Tage und jetzt hoben wir bekanntlich kein Parlament; am 25. Januar soll auch der Zentrumsturm wieder neu anfgebout werden. Im Mai ist endlich ein alter Wunsch des Reichs­tages erfüllt worden; seit 1867 ruft man nach Anwesenheitsgeldern für die Abgeord­neten; das Zentrum hat in den letzten Fohren ganz besonders in dieser Richtung gearbeitet. Endlich kam das Gesetz, das auch gegen die Kon- servativen angenommen wurde. Eine' zweite große Aufgabe war die Schaffung von nahezu 200 Millionen Mark neuer Steuern, die unter ganz hervorragender Mitwirkung des Zen­trums sich vollzogen hat. Das Zentrum bat hier­bei besonders verhindert, daß der kleine und mitt­lere Mann schwer belastet wird. Tie Genosien wollen dies zwar nicht zugeben 7 aber jetzt am Jahresschluß fragen wir jeden unserer Leser: wie viel von den neuen Stenern hast Du denn bisher aufgebracht? Hätte man diese Gelder durch ein Zuschlag zur Einkommensteuer gedeckt, so hätte es 50—60 ProzentZuschlag gegeben! Da kommen aber die breiten Volksschichten doch besser weg in der Regelung, die man jetzt vorgenommen bat Auch das neue Militärpensionsgesetz ist nicht zu vergessen. Es bringt so viele Wohltaten für die Angehörigen des Heeres. Um zur See gerüstet zu fein, ist ein neues Flottengeietz angenommen ivorden, das den Bau von sechs neuen Auslandskreuzern bis 1910 vorsch.cibt. An allen biefeu großen nationalen Aufgaben l>at das Zentrum in hervorragender Weife mitqearbeitet.

Das schlimmste Kapitel in unserer Politik ist die K 0 l 0 n i a l p 0 l i t i k. Hier war eine Fäul­nis ausgebrochen, die für den Bestand des Rei­ches, die Ehrlichkeit der Beamtenwelt und die Reichssinanzen das schlimmste fürchten ließ. Seit Jahren hatte sich ein unverantwortliches Der- tuschungssvstem breit gemacht; Verfehlungen Itntrben nicht verfolgt! Einige wenige Lieferanten verdienten Millionen vom Reiche! Da griff der Zentrumsaogeordnete Erzberger fest und kräftig zu und zog den Schleier von diesen Varkomm- niffen. Die liberale Prcffe hat anfangs diesen Abgeordneten in schmählichster Weise beschimpft, und jetzt? Da mußte aber die Regierung und diese Presie selbst zugebe», daß er im Recht war.

gehen des Fürsten Bismarck im Jahre 1866, wo er mit den ungarischen Revolutionären fraternisierte, um die Ungarn gegen das ange­stammte Fürstenhaus mobil zu machen.

.. Die Studentenschaft will nun auch in die Wahlen eingrerfen. Im Auftrage des Aus­schusses der Kieler Studentenschaft versendet die dortiae Burschenschaft „Teutonia" einen Aufruf, in dem es u. a. „deutsch" nur so wimmelt. Dir jungen Leute können allerdings ein gutes Stück Arbeit leisten, wenn sie in den Universitäts­städten arbeiten, denn diese sind mit ganz wenigen Ausnahmen in den Händen der — So­zialdemokratie! Freilich soll sich die Haup arbeit der Studenten gegen das Zentrum richten!

* Ein zeitgemäßes Preisausschreiben. Die ,Naliona!-Zeltung' hat zu Weihnachten folgende- Preisauslchreiben erlassen: „Drei Preise Mk. 2000, Mk. 100i >, Mk. 500 in bar für die drei besten Antworten auf die Frage: „Wie machen wir unsere Kolonien rentabel?" Dazu be­merkt der .Vorwärts': Hpffentlich beteiligen sich auch die Herren Wörmann, Tippelskirch und Podbielski an den, Preisausschreiben. Für sie wäre die Beantwortung der Frage doch ein Kinderspiel!

* Die zur Reichskaffe gelangte Jsteinnahme, rihüalich der Ausfuhr-Vergütungen rc. und der Verwaltungs - Kosten, beträgt für die Zeit vom l. April bis Ende November 1906 bei den nach- bezeichneteu Einnahmen: Zölle 342,286,' 67 Mk. (4- 9,353,70»Ät), Tabaksteuer 7,135,091 Mk. (— 963.893 Mk), Zigarettensteuer 4j 66,764 Mk. (4- 4,00)6,764 Mk.l, Zuckersteuer 87,531,373 Mk. (-(- 15,279,227 Mk.), Salzsteuer 34,030,385 Mk.

1,864,614Äk.s, Maischbottichsteuer 2,0 *4,690 Ä k. l - 3,540,137 Mk.), Brann! wemvetbranchs- Abgabe undZuschlaq80,921,203M.(-f-! 0,2' >3,913 Mk.), Brennsteuer 3,718,499 Mk. (— 2,947,882 M k.), Schaumweinsteuer 3,325,636 M. (4-332,569 Mk.), Brausteuer und Ueberaanqs. Abgabe von Bier 25,130,764 Mk. (Z- 4,878,955 Mk.), Summa 578,677,094 Mk. (4- 38,527,838 Mk.). — Spiel« karten-Slempel 1,028,844 Mk. (Z- 12,495 Mk.).

* Die Explosionen in der Roburitfabrik in Witten haben jetzt den Handelsminister zu einer Verfügung an die Regierungspräsidenten veranlaßt. Es heißt darin, daß Herstellung sogenannter Sicherungsbrennstoffe nicht so rings fährlich sei, wie man bisher angenommen habe. Anscheinend erleiden die Spreng» oder Rohstoffe Veränderungen, durch die die Explosionsgefahr erheblich gesteigert wird. Erst aus Grund em» gehenderUntersuchungen können weitereSrcherungs- maßregeln festgesteltt werden. Damit bi- dahin nicht unzureichende Borschriften erlaffen werden, so sollen auch von den Bezirksausschüssen aus­gehende Entscheidungen dieser Art bis auf weiteres vom Ministerium in der Rekursinstanz nachge­prüft werden. Dies geschieht dadurch, daß der Regierungspräsident als Vorsitzender des BezirkS- ausschuffeS ausnahmslos Rekursbeschwerden er» hebt, mit der Begründung, daß such mangels ausreichender Erfahrungen nicht übersehen kaffe, ob die Entscheidung d<4 Bezirksausschusses den sicherung-polizeilichen Rücksichten ausreichend Rechnung trage. In den bestehenden Fabrikea soll zunächst >ür eine vollkommene Ausgestaltung der KeserlLscheinrichtrmgen Sorge getragen werden.

)!( Zahrerrundschau.

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Ein ereignisreiches Jahr liegt hinter uns; im In- und AuSlande sind die Karten bunt ge­mischt worden. Viel Erhebendes und Freudiges brachte 1906, ober auch manche bittere Nachricht, die das Herz hätte beinahe stille stehen lassen unb oft hätte Verzweiflung am Menschengeschlecht den denkenden Menschen erfassen können. Aber da ist der christliche Glaube mit dem Anker der Host- riung, der uns allesamt stille stehen läßt und der immer neue Zuversicht kennt. Eines hat das abgelaufene Jahr für alle unsere Leser sicher ge­bracht: wir sind um ein Jahr näher an den Tod beranaerückt! Aber als gute Christen unb glau- benseifrme Katholiken fürchten wir biefen nicht, sondern sehen ibn als das „kandinische Joch" an, durch das alle Menschen gehen müssen! Möge eS kür uns der Zugang zur ewigen Freude sein!

Unsere Blicke wenden sich zuerst nach Rom, teo unser greife Oberhirte seines schweren Amtes waltet. 1906 hat ihm viele Prüfungen und schwere Tage gebracht; aber PinS X. trug sie mit froher Zuversicht im Herzen! Wiederholt tauchten Mel­dungen auf, daß seine Gesundheit erschüttert fei, daß ihm das Klima in Rom und die enge Ge- fangenschaft im Vatikan nicht zusage; gewiß ist Id*- '” bart! Aber Gott bat den Oberhirtcn c. ' ?'tärkt; alle leichteren Krankheiten iiber- !l< . ? Pius X. auffallend schnell unb immer wie­der war es ihm ein Trost unb eine Freude, die Huldigung so vieler treuer Katholiken entgegen- nehmen zu dürfen. Gott erhalte unb segne unse­ren hl. Vater!

Im deutschen Episkopat ist der Tod im Jahre 1906 viermal eingekebrt und zwar ver­lor auch unsere Diözese Fulda ihren allver- cbrten Oberhirten Bischof Adalbertns Endert, den ein tückisches Leiden unerwartet schnell aus seiner segensreichen Wirksamkeit herausriß. Kurz vor Jahresschliiß mürbe zu seinem Nachfolger ber NegenS des Fuldaer Priesterseminars, Domkapi­tular Schmitt gewählt. Unerwartet rasch trat der Tod auch an den Erzbischof Florian Stab- lcwski von Posen-Gnesen heran. In den vce-oorrrncn polUilchc» Verhältnissen dos Ostens stand er wie ein riesiger Fels, den die Stürme der Radikalpolen und die Trohwellen der Regier,nig vergebens umtosten; er ging den Weg der Pflicht und hielt das natürliche Recht auf die Mutter- spräche unbedingt hoch. Kein Mensch hat erfah­ren, ivas er alles zu ertragen hatte, daß hier­unter auch seine Gesundheit schwer litt, ist nicht Überraschend. Der bayerische Episkopat verlor Stert seiner ältesten und würdigsten Mitglieder: der Bischof von Eichstätt, Frhr. v. Leonard, starb hvchbetagt und erhielt als seinen Nachfolger den Benediktinerabt Mergel; ber greife Bischof von Regensburg, Ignatius v. SeiHestreh, der Senior des deutschen Episkopats, ein Bischof, der die Rechte der Kirche'mit bewunderungswür­diger Energie stets verfochten hatte, ging ein in die „Freuden seines Herrn". Der Passauer Ober- Hirte wurde sein Nachfolger, während nach Passau Weihbischof v. Ow, seither in Regensburg, kam. Die edlen Derstorbenen, wie die große Zahl von Heimgegangenen Priestern ruhen in Gottes Frieden!

Die deutsche Kaiserfamilie hat im Jahre 1906 Tage deS Jubels und der Freude er­lebt; gleich zu Beginn deS Jahres fand die sil­bern- Hochzeit des KaiserpaareS statt und an dem-

Veutsches Reich.

Berkin, den 31. Dezember 1906.

♦ Generalversammlung der Katholiken Deutschlands. In Frankfurt a. M. tagte am 29. ds Mts. unter dem Vorsitz des Herrn Grafen Droste zu Vischering das Zentral- Komilee für die Generalverfammlunaen der Katholiken Deutschlands. Die Verhandlungen hatten namentlich die Vorbereitung der nächst­jährigen 54.Generalversammlung in Würzburg Mim Gegenstände. Aus dem Würzburger Lokal- Komitee waren die Herren UniversstStsprosessor Dr. Henner und Abgeordneter Pfarrer Gersten­berger erschienen, welche über die dortigen Vor­arbeiten Bericht erstatteten. In besonderer Weise beschäftigte sich die Sitzung daun mit der Frage eines vom Zeutral-Komitee zu veranstaltenden Pilgerzuges der deutschen Katholiken nach Rom, anläßlich der Feier des 50jährigen P r ie st erj u b i k ü u m s Sr HeiliokeilPapst PiusX. Dies soll vom 18. September 19u7 angefangen, em Jahr lang begangen werden und am eigent­lichen Jubeltag, 18. September 19 8, schließen. Das Zentral-Komitee faßte den einstimmigen Beschluß, einen solchen Pilgerzug womöglich un Frühjahr 1908 zu veranstalten, und die dazu erwrderlichen Schritte in Rom zu tun. Die näheren Anträge und Mitteilungen darüber sollen demnächst auf der 54. Generalversammlung zu Würzburg beraten werden.

* August Bebel und Wilhelui H. al» Bundesgenossen. Wie ein schlechter Scherz liest sich eine Meldung, die vor einigen Tagen in der ,Frankf. Ztg.' stand; sie lautete:

Pest, 24. Dez. 1906. Das Organ der ungari- scheu Protestanten, Magyar Czo', veröffentlicht in seiner Weihnachtsnummer an erster Stelle einen offenen Brief in deutscher Sprache au Bebel, in welchem dieser aufgefordert wird, zur Nied er- brechung deS deutschen klerikalen Zen­trums sich mit Kaiser Wilhelm |u ver­einen. Die Taktik der Kriegführung sei, erst mit einem Gegner fertig zu werden. Der gefährlichste sei der Skiavenhalter der Seelen, die katholische Kirche. Bebel möge die Gegensätze auSschatten und na Entscheidung der einzig groß«» Welt-rage der Befreiung der Menschheit von der seelischen Unterdrückung schreiten.

Ohne Zweifel wird Herr Bebe! jetzt in such gehe« und Schulter an Schuster mit Kaiser Wil­helm, Exzellenz Deruburg usw. einen großen Kulturkampf unter aniikonjejsioneller Flagge ver­anstalte«. Oder auch nicht. klebrigen- wag dieses kostbare Thema zur weiteren Bechaudluug der,Nordd. Allg. Ztg.' ätzerlassen bleiben, b« bekanntlich absolut keine« Kulturkampf haben will. Melleicht erinnert sie dabei en bat Bor-

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41 j sM.chbruck verboten.)

Diele Aehnlichketten waren ihm aufgestoßen, aber Edith war ihm heute noch so verloren, als je. Würde sich die gehörte Stimme, die gesehene Aehulichkeit eben so falsch erweisen, um sein Herz ärmer an Hoffnung zu machen?

Was er tun würde, wenn er sie gefunden, be-, dachte er nicht. Er wollte sie nur finden. Sein aauze- Leben, sein ganzes Herz hing daran.

Er schritt vor dem Laden auf unb nieder. Die Tagesarbeit wor nun bald vorüber, dann mußten die Arbeiterinnen kommen.

Sechs Uhr, sieben Uhr.

Endlich öffnete sich die Tur und etwa ein Du­tzend junge Mädchen kamen heraus. Er zog den Hut hef in die Stirn, hielt sich im Schatten unb betrachtete eine nach der anderen mit gierigem klick- Endlich kam sie. Sofort erkannte er die schlanke, hohe Gestalt. Als sie den Schleier zuräck- rog, fiel das Gaslicht auf sie. ES war keine Täu- schung, es war Edith. Der Baron hielt sich an der Mauer fest. Das Pflaster schien unter seinen dune« zu weichen, der sternenvolle Himmel be­wegte sich. Da ermannte er sich und eilte ihr KQtr war etwa hundert Schritte voraus und krank und schwach. Sein Herz klopfte so sehr, ■ l t rr*t~n,$n8 schmerzte. Er holte sie nicht ein, befuelt je aber im Auge. Wo die Orford- siraße sich der Totenhain Court Road nähert, über die Straße. Hier war die Menschenmenge noch stärker. Er folgte ihr etwa «ock; zehn Minuten, dann verließ ihn alle Kraft, «r suhlte Stechen tm Herzen unb hielt sich an einen Lat«m«Uifahl, um nicht mnzusinken.

Schwach winkte er einem Wagen, gelangte mit Müh« hinein und zweimal mußte ber Kutscher fragen, bis et „Fentol Hotel" verstand.

Jetzt weiter nach Edith zu spähen, war unmög­lich, aber Gott sei Dank, et hatte sie gefunden und am folgenden Tage würde sie ja wieder zu Madame Mirabeau kommen.

„Bei der Arbeit! im Tagelohn!" seufzte et; Tränen rollten über die bleichen Wangen. Er war so lange elend gewesen, jetzt liefe Körper und Geist nach.

„O, meine Geliebte," schluchzte er, „Du, die ich so glücklich machen wollte und deren Dasein ich vernichtete. Ich verschleudere Geld und Du ar­beitest um Dein Stückchen Brot, allein und freu- denloS in der großen Stadt. Wie soll ich daS vor Gott und den Menschen verantwortend

L

Edittz,

Der heiße Tag war einer schwülen Rächt ge­wichen.

In Poplar Lodge, St. JohnS Wood, standen alle Fenster offen. Im Salon saßen zwei amen in Trauerkleidern. Der Schein ber Kerzen be­leuchtete bleiche, gramgefurchte Gesichter. Es waren Ladh Helena unb Inez Catheron.

„Acht Uhr," sagte Lady Helena und legte daS Buch weg, „wenn er heute käme, wäre et jetzt da."

„Ich gebe ihn noch nicht auf," entgegnete Inez, „et ist oft schon spater gekommen. Wit sind eben doch eine traurige Gesellschaft für ihn, obgleich ihm alles öde scheint, wo sie nicht ist."

„Ich glaube nickt, daß Edith gefunden wird."

„Warum nicht? In unseren Tagen ver­schwindet niemand gänzlich, fie wird gesunden werden, wenn sie nicht —

„Nun?"

„Wenn sie nicht tot ist."

. „Das ist sie nicht. Sie war ein starkes, kräf­tiges Mädchen, dem nie etwas fehlte, und das Leben nahm sie.sich selbst nicht, dazu hatte sie zu viel Mut unb Vernunft."

„Aber der Schmerz —"

„Ja, daS ist ein ganz anderer Fall, al» 6« Sir Victor. Ihr Herz blutet nicht, nur ihr Stolz. Er liebt sie in blinder Vergötterung, sie aber hatte kein antwortendes Gefühl. Das ist'S ja gerade, waS mir fo wehe tut, er verzehrt sich in Liebe für ein Wesen, daS für ihn nur Haß und Verachtung fühlt."

„Aber eS ist nur natürlich," seufzte Inez, „denke, wie sie am Hochzeitstag ohne ein Wort der Erklärung verlassen wurde; wer könnte daS vergeben?"

„Niemand vielleicht. Deshalb zürne ich ihr auch nicht, sondern deshalb, daß sie, während sie ihren Detter liebte, Victor'- Werbung ob seine- Ranges unb Reichtums angenommen. DaS war herzlos und deshalb verdiente fie ihr LoS. Uebrü­gens wäre sie ihm doch ein gute- Weib geworden und ich wollte, er fände sie und sagte ihr alle-."

„Sie wäre leicht zu finden, wenn Victor nut die Polizei zu Hilfe nähme, aber er will sie selbst finden unb daS reibt ihn aus. der Tod steht ja jetzt schon auf seinen Zügen."

„Wenn et nur den berühmte» deutschen Arzt konsultierte. Horch! er kommt!"

In der gerne knarrte baS Satten br und wurde wieder geschlossen.

Nur Victor besaß den Schlüffel hierzu. Leich­ten Schrittes, nicht schwer und langsam wie ge­wöhnlich, näherte er sich. Etwas war vorgefallen.

„Tante, Kusine!" rief er atemlos, „ich habe sie gefunden."

„Gefunden? wo? wann? wie?"

„Geduld, Tante," bat Inez, „laß ihm fielt, er kann ja kaum atmen. Kein Wort, Victor, ich hole Dir ein Glas Wein."

Er trank es, lehnte sich in den Stuhl zurück, schloß die Augen unb holte tief Atem. Er sah sehr krank ans. Sie warteten schweigend. Endlich er­zählte er alles.

„Ihr werdet mich für einen Schwächling hal­ten, aber ich wurde ohnmächtig, als ich mein Zim­mer erreichte. Jameson brachte mich wied« .

sich und nun bitt ich da. Ich mußte noch heute zu Euch, ich glaube, ich hätte sonst den Verstand verloren."

ES folgte eine Pause. Die beiden Stauen sahen erst sich an, dann sein fieberisches Auge, sein erregtes bleiches Gesicht.

„Run," tief er ungeduldig, „habt Ihr nichts M sagen? scheint es Eu chnichtS nach all den Monaten, die mir Jahrhunderte waren? Endlich aber fand ich mein Weib, fand es arbeitend im Tagelohn, während ich — 0 ich darf daran nicht denken, ich wage es nicht, eS macht mich verrückt!"

Er sprang auf unb ging hastig auf und ab.

„Rege Dich nicht so auf," sprach die Tante, „wozu ist daS gut? Gott sei Dank, sie ist gefunden unb ist wohl; waS zunächst?"

„Was zunächst? Du fragst? toa§ anders, ftlf daß ich hingehe und sie hole."

„geleit? wohin? zu Dir?"

Er wurde noch blässer, rang nach Atem und hielt sich an einen Stuhl, es durchzuckte namen­loses Weh sein Hetz. Die Tante schlang weinend, die Arme um ihn.

„Vergib, Victor, ich hätte daS nicht fragen sol­len, ich weiß ja, daß cS nicht sein kann, armer Junge. Ich will tun, was Du sagst, ich begebe mich zu ihr und hole fie, wenn sie kommen will."

„Wenn fie will?" fragte er heiser, „waS soll daS „wenn" heißen? fie ist mein Weib, ist Lady Catheron, meinst Du, man sollte sie um ihr Brot arbeiten lassen? ich sage Dir, Du mußt sie brin­gen, fie mutz gehen."

Seine Aufregung erschreckte fie. Voll Furcht blickte sie auf Inez, die ihr mit ihrer, durch Leiden erlernten Fassung zu Hülfe kam.

„Setze Dich, Victor," sagte sie fest, „und rege Dich nicht auf. Die Tante wird für Deine Frau tun, was sie kann; was aber kann sie; Du hast feine Autorität übet sie, weil Du darauf ver­zichtest. Es ist schmerzlich, davon zu sprechen, unb doch muß es sein."

(Fortsetzung foIgtX