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Fulda, Samstaq den 29. Dezeniber 1906.
33. Jcchraanq.
Frvc-itSS Wl'att.
Zeuer am Zentrumsturm.
Allen Stürmen hat er bis jetzt stand gehalten, Wind und Wetter konnten ihm nichts anhaben, nur seine Mauern haben sich immer mehr geschwärzt. Mächtige Gewitter zogen über rhn hin und der gewaltige Bismarck schleuderte seine Blitze gegen ihn. Manch kräftiger Stotz ward geführt, ihn zu erschüttern — er hielt stand, hielt stand auch der roten Sturmflut, die sein Fundament unterwühlen mochte.
Ein neu er $ Ian der Zerstörung: Fe »er soll rings um den Turm angelegt werden, in den Flammen soll er stürzen; Feuer patriotischer Begeisterung, Flammen der Entrüstung I
Man ging an die Ausführung. Einen Heizer zum Anfachen des Feuers fand man in Herrn Bernhard Dernburg, einem Glied dec edlen (Frei-) Maurerei. Seine Vorfahren waren dabei, als die herrliche Stadt Jerusalem durch Feuer zerstört wurde, also wird er zur Zerstörung des Zentrumsturmes wohl brauchbar sein. Und da er das Feuer anzündet, steht hinter ihm der andere Bernhard und bläst mit vollen Backen hinein. Und von allen Seiten eilen sie herbei, und Ströme des Oeles der Beredsamkeit ergießen sich in die Glut, und unaufhörlich fliegen ganze Wagenladungen aus dem deutschen und teutschen und daitschen B lätterWald hinein, dem Feuer Nahrung zu geben.
Aber, o Weh! Sind Heizer und Bläser daran schuld, oder ist's das massenhafte Zeitungspapter mit seinen Strömen von Druckerschwärze? Statt, daß die Flammen mächtig emporschlagen, gibt's nur einen entsetzlichen Qualm, der Heizer und Bläser und Schürer erbärmlich in die Augen beißt und sie schließlich ganz einhüllt, daß sie einander nicht mehr sehen, in der Dunkelheit eittander treten und stoßen.
Und der Turm? Deristfeuerfest! Die Bewohner haben nur die unteren Fenster geschlossen, damit der Rauch nicht eindringt; sie sind auf der Höhe droben sicher vor Feuer und Qualm. Ter wüste Lärm in der Tiefe vermag sie nicht zu schrecken. Von droben senden sie ihre Geschosse hinab in den wirren Knäuel, der mit Wutgeheul zurückweicht.
Das Feuer erlischt, der Rauch hat sich verzogen, und der Turm steht unversehrt da, nur seine Mauern sind noch schwärzer geworden.
Heizer und Bläser und Schürer aber haben manche versengte Hose und manches blaue Auge davongetragen.
Katholische Männer! S o m u tz e S n m 25. Januar werden. Ihr alle aber kommt auf die Zinne des Turmes! Munition müßt ihr aber reichlich mitnehmen, damit die Feinde umso kräftiger heimgeschickt werden können. Und diese Munition findet ihr in der
,Fuldaer Zeitung^
Darum abonniert alle auf diese Zeitung für das 1. Quartal 1907, die Zeit des Wahlkampfes!
Wochen-Rnndschau.
X Fulda, 29. Dezember 1906.
(Nachdruck nicht gestattet.)
Der Wahlkampf tobt nun auf der ganzen Linie. In den einzelnen Wahlkreisen hat die Kleinarbeit sofort nach der Auflösung deS Reichstags eingesetzt. Nunmehr hat die Hauptarbeit
Ein silrGmS WrimiS.
Dem ameritanischen Originale der Mrs. May Agnes Fleming nacherzähtt von Lina Freifrau von
Berlepsch.
45] (Nachdruck verboten.)
24.
Der Tragödie zweites Ende.
Trübe und regnerisch graute der Morgen über Powys Place.
Edith schritt stundenlang im Zimmer auf und nieder. Das Bild einer Verlassenen in der Stunde des Triumphes, gedehmütigt, wie noch nie eine Braut, der Gegenstand des Hohnes, des verächtlichen Mitleids in der Welt. Und was würden Rudolf und Triry sagen, hörten sie davon? Um Reichtum hatte sie sich verschachert und das war das Ende.
Sie litt furchtbar, ihre Züge verzerrten sich vor innerer Qual. Als sie aber zum Frühstück hinabging, hätte der schärfste Beobachter nichts davon bemerkt. Was auch kommen mochte, sie schien zu allem bereit, auf alles gefaßt.
Bleich und zitternd erwartete sie Lady Helena.
„Als ich eben aus meinem Zimmer trat," begann Edith nach der ersten Begrüßung, „flüsterten öwei Bediente im Korridor. Als sie mich sahen, schwiegen sie sofort, aus den wenigen Worten ober, die ich vernommen, schließe ich, datz mein Mann gestern hier war."
Die Tante ließ klirrend den Löffel fallen.
„Ich soll vielleicht auch das nicht wissen," fuhr bte junge Frau fort, „trenn Sie mir's aber sagen wurden, konnte es meine Maßregeln beeinflussen."
„Deine Maßregeln?"
„Ja: wir wollen später darauf zurückkommen, zunächst fragt es sich nur. ob Jhr*Nesfe gestern hier war, oder nicht."
begonnen und mit der Aufstellung der Kandidaten ist der Anfang gemacht. In den „nationalen" Parteien ist aber der Geist der Einigkeit und Geschlossenheit, welcher sie im Freudenrausch zum Kampfe gegen das Zentrum zusammenführen sollte, längst verflüchtigt und all die liberalen Parteien und Parteichen treten mit ihren kirch- turmspolitischen Sonderwünschen hervor. Die Regierung greift unausgesetzt in den Wahlkampf zu gunften der „nationalen" Herren ein. Kein Tag vergeht mehr, an dem nicht das Organ des Reichskanzlers sich mit einer Erklärung oder einem Dementi einmischt; ebenso oft ist es bestrebt, dem Zentrum einen Hieb zu versetzen, die aber bisher alle daneben gefallen sind. Dem Liberalismus ist neuerdings abermals großes Heil widerfahren und vonseiten der Regierung erwächst ihm immer stärkere Hilfe. Als Hauptagitator und „Helfer in der Not" hat er sich jetzt auch den Kolonialdirektor verschrieben. Er bringt das Beispiel der englischen Minister auch bei uns zur Einführung und tritt selbst als Wahlredner auf In einer vom Deutschen Handelstag einberufenen Versammlung spricht er am 11. Januar über Kolonialpolitik. Es muß nun unausbleiblich sein, daß die Kolonialbegeisterung der „liberalen" Herren sich zur höchsten Potenz steigert und auch die „Partei der Nichtwähler" dem allgemeinen Taumel verfällt. Der Reichskanzler arbeitet unausgesetzt in der Redaktion der „Nordd. Allg. Ztg.", der Kolonialdirektor versieht die Agitationsgeschäfte der „nationalen" Herren — nun kann es gewiß nicht mehr fehlen.
In Südwestafrika hat sich an den Wcih- nachtstagen eine bedeutende Wendung vollzogen. Von den 300 Hottentotten, welche noch bewaffnet gegen uns im Felde standen, haben sich die Bon- delzwarts mit ihrem Häuptling Johannes Christian, insgesamt 120 Mann mit 105 Gewehren, ergeben. Damit ist auch der Widerstand des Restes gebrochen und ein rasches Ende des Krieges steht in nächster Aussicht. Diese Tatsache rechtfertigt voll und ganz die Haltung des Zentrums, die es einnahm, als es den Nachtragsetat für Südwestafrika ablehnte. Die Regierung aber müßte, wenn sie offen ihre Niederlage eingestehen wollte, durch das neueste Ereignis zu einer unbedingten Anerkennung gegenüber dem Zentrum gelangen. Am Tage der Reichstagsauflösung hörte dec Reichskanzler nicht mehr auf die Worte des Zentrums. Heute aber muß er selbst emgestehen, daß das Enda des Krieges gekommen ist, eine Tatsache, welche schon damals als sicher bevorstand. Eine bessere Betätigung für die Richtigkeit seiner Politik hätte das Zentrum nicht erwarten können.
Der preußische Landtag ist auf den 8. Januar einberufen worden. Große gesetzgeberische Aufgaben erwarten ihn diesmal nicht, sodaß also die neue Session die verflossene Tagung an Wichtigkeit und Bedeutung nicht erreichen wird. Seine Hauptaufgabe besteht vorerst in der Verabschiedung des neuen Etats. Dieser ist soweit von der Regierung vorbereitet, datz er am Tage der Eröffnung bereits vorliegen wird. Es ist anzunehmen, daß sich der Landtag bereits nach de» ersten Lesung des Etats bis zur Durchführung der Reichstagswahlen vertagen wird.
In Oesterreich ist die Wahlreform vom Herrenhaus angenommen worden. Die „Herren" haben Einkehr bei sich gehalten und der alte Kaiser sicht seinen Wunsch, welcher dem Lande das allgemeine Wahlrecht bringt, erfüllt. Am Freitag fand die entscheidende Abstimmung statt; die Annahme wurde nur an die Bedingung geknüpft, daß die Zahl der lebenslänglichen Mitglieder des Herrenhauses auf höchstens 170 Sitze und mindestens 150 festgesetzt werde. Mit dieser Forderung erklärte sich die Regierung einverstanden, und das Abgeordnetenhaus wird keinen Wider-
„Ja."
Sie verbarg das Gesicht in den Händen.
„Helse mir der Himmel, es ist mehr, als ich ertragen kann. Und was soll ich Dir sagen, mein Kind, wie Dir beistehen in dem großen Leid, das Dich betroffen hat?"
„Sie sind sehr gütig, ich bedarf keines Beistandes und habe mein Schicksal reichlich verdient. Aus Gewinnsucht heiratete ich Ihren Neffen, ohne einen Funken Liebe, und wer weiß, ob mein Herz sich je ihm zugeneigt hätte. Nun bin ich verlassen und verwitwet am Hochzeitstag." Sie lachte bitter. „Ich will nicht viel Fragen stellen, will nicht mit dem Schicksale kämpfen, sondern mich ihm ergeben, das nur möchte ich wissen, warum und wie mich Sir Victor, der mich, so wenig ich's auch verdiente, liebte, am Hochzeitstage verlassen konnte, wenn er nicht wahnsinnig ist? Und ich bitte Sie, Tante Helena, mir so offen zu antworten, wie Sie cs vor Gott tun würden: ist mein Mann irre ober nicht?"
„Gott sei Dir und ihm gnädig", sprach Lady Helena endlich, „er ist nicht irre."
Sie verhüllte ihr Antlitz und weinte leise.
Am Fenster stand Edith regungslos, sah hinaus auf den fallenden Regen, den grauen Himmel, die sturmgepeitschten Bäume.
Nicht irre? Sind Sie dessen gewiß? Nicht irre, und er hat mich verlassen?"
„Er hat Dich verlassen. O Kind, wenn ich nur wagte, Dir alles zu sagen. Dir zu sagen, wie er nur aus großer, edler Liebe Dich verläßt. Hättest Du ihn gesehen, wie ich gestern, zum Schatten geworden, nach dem Tode sich sehnend, als den einzigen Befreier, selbst Du hättest ihn bedauert."
„Ich verstehe all das nicht und doch bin ich dem Geheimnis, das er in seinem Brief anbeutet, vielleicht näher, als er und Sie denken."
„Was meinst Du?" fragte die Matrone erschrocken.
„Daß das Geheimnis, das ihn von mir treibt, sich auf den Mord seiner Mutter bezieht; soll ich Ihnen sagen, wer den Mord vollbracht?"
stand dagegen erheben. Mit dem neuen Wahlrecht beginnt nun für das habsburgische Reich auch ein neuer Abschnitt in der politischen Entwickelung. Jetzt ist eS die Aufgabe der Völker, mit Hilfe dieses Gesetzes neuen Zielen zuzusteuern. Das politische Leben krankte in den letzten Jahren an einer beispiellosen Unfruchtbarkeit. Beseitigt das neue Gesetz diesen Mißstand, dann darf die Reform zu den bedeutendsten Ereignissen der neueren Geschichte Oesterreichs gezählt werden.
In England wurde das Parlament geschlossen. Zwischen den beiden Häusern besteht aber eine große Differenz. Die Ursache dazu gibt das Schulgesetz, bei welchem das Unterhaus es ab- gelehnt hat, die vom Oberhaus vorgenommenen Aenderungen in Beratung zu ziehen. Umgekehrt hat das Oberhaus die neuen Konzessionen der Regierung ebenso glatt abgelehnt. Damit ist die liberale Regierung einstweilen lahm gelegt. Der Konflikt selbst bleibt infolge des Parlamentsbeschlusses noch in bet Schwebe und wirb jedenfalls in der neuen Session mit erneuter Heftigkeit zum Ausbruch kommen.
Das deutsch-spanische Handelsab- kommen ist um ein halbes Jahr verlängert worden. Spanien will jetzt eine Kommission nach Berlin entsenden, um dort die Verhandlungen zum Abschluß eines neuen Handelsvertrages zu führen. Diese Tatsache gestattet den Rückschluß, daß es Spanien nunmehr ernstlich darum zu tun ist, ein geregeltes Handelsabkommen mit Deutschland zu treffen. Das zeigt aber auch an, daß Deutschland nut Recht getan hat, als es die spanische Forderung in Bezug auf den Zoll für spanische Verschnittweine nicht annahm. Jetzt scheust Spanien schon zur Nachgibigkeit bereit zu sein. Kann es sich doch der Einsicht nicht verschließen, daß es selbst das gewichtigste Interesse an dem Abschluß eines Handelsvertrages mit Deutschland hat.
In Frankreich sind durch cm neuiS „Kultus"-Gefetz der Kirche abermals stärkere Schrauben angelegt worden. Kirche und Geistlich- feit find jetzt ihrer Habe und ihres Gutes beraubt und die Kirchen und gottesdienstlichen Gebäude sind den Gemeindebehörden überwiesen worden. Um dies fertig zu bringen, wurden Bestimmungen aus dem Versammlungsgesetze aus dem Jahre 1881, aus dem Vereinsgesetze von 1901 und aus dem Trennungsgesetz von 1905 zusammenge- schmiedet, um die Knebelung und Entrechtung der Kirche zu einer vollständigen zu machen. Nun ist es höchste Zeit, daß die französischen Katholiken zu energischer Tätigkeit sich aufraffen. Eine vernünftige Organisation muß überall einsetzen, absolute Einmütigkeit und stramme Disziplin tut dringend not. Gelingt das dem katholischen Frankreich, bann hat das Trennungsgesetz auch Früchte gezeitigt, welche der Regierung und ihren Gewaltmännern sehr bitter schmecken werden. Clemenceau ist zwar noch Sieger geblieben, doch besteht zwischen der Regierung und den radikalen Sozialisten eine große Spannung, sodaß der Sitz des Ministerpräsidenten schon ins Wanken geraten ist. Den Sturz bat man noch auf eine spätere Gelegenheit verschoben.
Unpolitische Zeitkäufe.
& Berlin, 27. Dezember 1906.
(Nachdruck verboten.)
Einen Antrag möchte ich stellen: das. Jahr muß verlängert werden. Das Jahr ist viel zu kurz; das haben die Dichter schon lange gewußt und besungen, z. B.: Flüchtig verrinnen die Jahre! Kein Wunder, daß sie flüchtig verrinnen, denn sie haben ja nur 365 lumpige Tage. So ein Tag ist mit einem bischen Arbeit, einigen Mahl-
Die Dame bewegte stumm die Lippen; wie gebannt blickte sie auf Edith.
„Nicht Inez Catheron, die deshalb tm Gefängnis lag, nicht Juan Catheron, auf den sich noch heute der Verdacht heftet — Sir Victor hat kaltblütig sein Weib ermordet."
Ein leiser Schrei ertönt0: war es das Entsetzen über das schreckliche Wort oder über die kühn gesprochene Wahrheit, wer wußte es.
„Ich glaube, Sir Victor war ein feiger Mörder", fuhr Edith fort, „so feige, daß er den Verstand verlor, als er sah, was er, getan, unb bte Folgen ermaß. So bezahlte er die Schuld seines Lebens mit Wahnsinn. Das Motiv freilich vermag ich nicht zu ergründen, vielleicht war es die Eifersucht auf Juan Catheron."
Bleich und schreckvoll blickte Lady Helena auf die Sprecherin.
„Und wenn dem so wäre — bedenke, ich stimme Deinen grausen Ansichten nicht bei — würbe das Deines Mannes Fortgehen entschulbigen?"
„Nein!" rief Edith blitzenden Anges, „nachdem er mich geheiratet, sollten zehntausend Fcmti- liengeheimnisse ihn nicht veranlassen können, sich von mir zu trennen. Wäre er vor der Trauung zu mir gekommen und hätte mir alles gesagt, wie es seine Pflicht gewesen wäre, so hätte ich ihn von ganzem Herzen bemitleidet, und wenn irgend etwas mich meinem Gatten näher gebracht hätte, so wäre es dieses Mitleid gewesen. Jetzt aber, wenn er käme und auf den Knieen um Wiedervereinigung bäte, ich würde lieber sterben."
Zürnend schritt sie auf und nieder.
„All' bas Gerede, baß er mich ans Liebe verlassen, ist barer Unsinn, von dem wir lieber nicht sprechen wollen. Kein Geheimnis auf Erden soll den Mann von dem Weibe trennen, dessen bin ich fest überzeugt."
„Unb boch bat er recht gehandelt", sprach Tante Helena mit feierlichem Pathos.
„Ich begreife es nicht, ich vermag fein Motiv zu ergründen, das auch nur einigermaßen sein Benehmen rechtfertigen könnte. Ich hielt ihn für
-eiten unb An- und Ausziehen im Handumdrehen herum; ehe man sich versieht, ist schon wieder Sonntag, und auf jede Jahreszeit kommt nut ei» gutes Dutzend Sonntage. Ich weiß noch ganz genau, wie ich voriges Jahr Silvester gefeiert habe; jetzt soll ich schon wieder Silvester feiern? Dageht mir zu fünf. Ich habe nicht mehr viel Jahres- Perlen auf dem Rosenkranz meines Ledens; den kargen Rest möchte ich recht bedächtig genießen Also bitte, liebe Erde, laufe nicht so schnell um die Sonne herum; laß dir Zeit! Du bist ja kein modernes Automobil, das zum Rasen gebaut ist, sondern eine altehrwürdige Reifekutsche, der matt den langsamen Schritt nicht übel nimmt. Als ich jung war, da habe ich in meinem Unverstand um Beschleunigung gebeten, weil ich recht schnell groß werden wollte. Aber, liebe Mutter Erde, höre nicht auf die ungeduldige Jugend, sondern lieber auf uns ältere Jahrgänge, die für den Galopp feinen Sinn mehr haben.
Die Sternenuhr geht unerbittlich ihren gleichmäßigen Gong. Wir fönnen dieses wunderbare Uhrwerk beobachten, studieren, bewundern; aber wir können glücklicherweise mit unseren täppischen Fingern nicht daranreichen. Sonst würde es dee himmlischen Uhr ebenso schlecht gehen, wie mancher irdischen Hausuhr, über die sich ein wißbegieriger Junge in Abwesenheit der Eltern hermacht.
Das Jahr läßt sich nicht verlängern; doch die Zahl der Lebensjahre läßt sich unter Umständen vermehren, nämlich durch einen nüchternen, soliden, regelmäßigen Lebenswandel.
Das Jahr läßt sich nicht verlängern; doch die 365 mal 24 Stnnden lassen sich vorteilhaft aus- nutzen durch beharrlichen Fleiß.
Zwischen den Jungen und Alten besteht zu Silvester noch ein anderer Unterschied: die Jungen bltcfcn vorwärts, auf das neue Jahr, von dem sie sich große Herrlichkeiten versprechen, während die Alten gern rückwärts blicken, bei der Vergangenheit verweilen, da sie sich von der Zukunft weniger versprechen. Nach meiner Ansicht sollten beide Teile ihre Blicke und ihre Gedanken nach allen Seiten richten.
Die Jugend darf ja ihre Hoffnungen in» Kraut schießen lassen; nur soll sie sich sagen lassen, daß alles Glück auf Erden mühsam geschmiedet werden muß. Die glückseligen Jahre fliegen unS nicht in den Mund, tote im Schlaraffenland dte gebratenen Hühner. Wenn du im neuen -jabc vorwärts kommen willst, so mutzt du dich rege« und streben in planmäßiger Arbeit und zielbewuß- tem Fleitze. Nm die rechte Methode zu lernen, blicke rückwärts auf die verflossenen Jahre und siehe zu, was dir da geglückt ist und was dir mtß- glückt ist, was du erreicht hast und was du versäumt hast. ~ _ .
Wir Alten dürfen wohl den Kops tn dte Hand nehmen und mit Wehmut den Kinematographen unserer Vergangenheit vor unfernt geistigen Auge sich abschnurren lassen. Doch sollen wir uns nicht die Freude an der Zukunft verderben lassen. Hetsa Juchhei, wir leben ja noch! Ob wir noch lange leben? Nun, das weiß fein Mensch mit Stcherhett, auch die kraftstrotzende Jugend nicht. Der Tod kann wi- ein Dieb in der Nacht kommen, zu ihnen und auch zu uns. Aber heute ist er noch nicht da; ein neues Jahr wird uns noch beschert, und tour können das verlängerte Leben noch attsnutzen zu itnferm Heil, zur Freude und zur Wohlfahrt unterer Angehörigen. Darob wollen totr froh fetn und unternehmungslustig vorwärts blicken. Nur eine Galgenfrist, sagen die Schwarzseher. Aber eine kostbare Galgenfrist, um die uns Tausende beneidet haben, als sie vor dem Jahresende Ab- schied nehmen mutzten von ihrer Familie und von dieser Welt. Freut euch der „Galgenfrist und verwertet sie, so gut es eben gebt.
irrsinnig. Sie sagen, er sei es nicht, ich glaubte, er habe an mir ein schmähliches Unrecht begangen, Sie behaupten, er habe recht getan."
„Einst wirst Du alles erfahren, aus dem Totenbette will er Dir den Schleier lüften, und je eher der Tag kommt, desto besser ist es für ihn. Gestern kam er, um bezüglich Deiner Zukunft mit mir zu sprechen."
Seltsames Lächeln überflog Ediths Züge.
„Was geht meine Zukunft ihn an?"
„Welche Frage! Tu bist ehrlich genug, zu gestehen, datz Du ihn ob seines Ranges und Reich- tu ms geheiratet, und in der Hinsicht toentci]ti,n3 sollst Du nicht getäuscht werden. Euer Ehekon- traft wurde, wie Du weißt, sehr großmütig festgesetzt, und dazu will er Dir jeden Heller geben, der ihm anfällt. Er beabsichtigt, nach dem Orient zu gehen, und behält sich nur bte notigsten Sub- sistenzmittel vor. Sehen will er Dich nicht mehr, weil er sonst nicht fähig wäre. Dich zu verlassen. Du tadelst ihn, Du hassest ihn, abre ach. Du tour- beft ihn bemitleiden, ihm vergeben, wußtest Du, wie er leidet, wie schrecklich ihm die Trennung ist und wie sie doch unvermeidlich ist."
„Ich weih es nicht, jetzt aber fühle ich nur daß er mich verlassen und daß ich darob ihn hasse unb ihm nicht vergeben könne auch wenn er stürbe. Seine Großmut habe ich nicht bezweifelt, meinen schnöden Eigennutz habe ich gejtanben, aber es gibt Dinge, die eines Königs Reichtum nicht ersetzen kann, und hierher rechne ick es, bte Braut am Hochzeitstage zu verlassen. Lassen Sie uns nicht weiter darüber sprechen, morgen sollen Sie erfahren, was ich bezüglich meiner Zukunft beschlossen habe."
Sie wandte sich zur Tür.
„Ich bedauere Sie vom Grund meines Herzens unb wünsche nur, Sie trösten zu können."
„Das kannst Du; bleib* bei mir, sei meine Tochter, ersetze mir den Sohn, den ich verloren."
Ediths bleiches Gesicht milderte sich nicht.