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M 293 Fulda, Freitaq den 21. Dezember 1906. 33. Jcujrqanq.
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Erstes Mlait.
[:j Das NeichrlagswahKecht in Gefahr!
Mit großem Nachdruck betont der Wohlauf' ruf des Zentrums: „DaSverfassungsmähige Wahlrecht werden wir unentwegt h o ch h a l- t e il" Dieses Wahlrecht spielt im jetzigen Wahlkampf und auch in darauffolgender Zeit eine eminent wichtige Rolle. Es ist nicht zu leugnen, datz es „in den höheren Regionen'" Leute gibt, denen es danach gelüstet, mit diesem wichtigsten aller Volksrechte aufzuräumen. Und das Scharf» mndx’rtum ist unausgesetzt an der Arbeit, um die Regierung immer von neuem wieder nach dieser Richtung zu bearbeiten. m
Daß der Plan eines Angriffes auf das Reichs- tagswahlrccht kein leeres Gerede ist, beweisen tue vielen Drohungen mit den „Konsequenzen", wenn der neue Reichstag das von der Regierung gewünschte Bild nicht zeigt. Als Hauptschreier geriert sich heute wieder die Berliner „Post", welche so oft schon, aber in unrühmlicher Weise in der kurzen Zeit des Wahlkampfes von sich reden machte. „Kampf bis zum Erfolg" brüllt sie in die Welt hinein, „Kampf bis zum Erfolg" mit Knebelung des Wahlrechtes. Dazu leistet sw sich folgendes: „Sollte aber dennoch das Unerwartete Eintreten und dir demagogische Agitation in der Mehrzahl der Wähler das Gefühl für nationale Pflicht und den Ekel gegen die Schande völlig ersticken, dann wird die Regierung, wie schon bemerkt, einen neuen Appellan das Land richten. Die aus dieser Ankündigung hervorlcuchtende Kampfesfrcudigkeit und die Entschlossenheit wirkt nicht minder erlösend und erfrischend wie die eben vollzogene energische Tat. Wir dürfen daraus die Zuversicht schöpfen, daß „feiger Gedanken bängliches Schwanken" nicht mehr aufkommen soll und daß die Regierung auf keinen Fall zulassen will, das das Reich von den Erkorenen des allgemeinen, gleichen, geheimen und direkten W a h l r e ch t s in Grund und Boden ruiniert ioird. Die Folge ist, daß, wenn wiederholte Appelle ans Volk unter diesem Wahlrechte fruchtlos bleiben sollten, der Moment nicht ungenützt verstreichen darf, von dem einmal Fürst Bismarck sprach, wenn es gar nicht mehr vorwärts wolle. DaS ist unumgänglich, wenn die Mehrheit des Volkes nicht mehr erkennen will, was dem Segen des Volkes dient."
Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, daß der Kurs, der nun gesteuert werden soll, in der Tat auf eine Entrechtung des Volkes hnmus- läusr, so wäre er jetzt unumstößlich gegeben. Die „Post" erwartet „einen neuen Appell an das Land", das Organ des Reichskanzlers aber, das sich übrigens diesesmal besonders hartnäckig in den Kamps einmischt, versichert, daß die Auffassung von einer zweiten Auflösung des Reichstags „gründlich verkehrt" ist. Was bleibt, von etwa sonst noch vorhandenen Staatsstreichgelüsten abgesehen, somit anderes übrig, als die so oft empfohlene und jetzt als „unumgänglich" hingestellte Zertrümmerung des Wahlrechtes, um das Land „gefügig" zu machen.
Gegenüber einem solchen Beginnen wird das gesamte katholische Polt unausgesetzt auf der Wache stehen und durch einmütiges Eintreten für feine Partei feine Rechte zu schützen und zu erhalten wissen. Aus einet Versammlung, welche am Dienstag in Köln stattfand, sagte der Abg. Trimborn: „In diesem Wahlkampf gilt es auch, das RcrchÄagIwahlrrcht hochzuhalten, das zroei- fellos ein gewaltiger Hebel geworden ist. die unteren Klassen auf ein höheres Niveau der Kultur und des geistigen Lebens zu erheben. Der Schutz dieses Wahlrechtes ist von eminenter knl-
Kl! slirGares Geheimnis.'
Dem amernaruschen Originale der Mrs. May Agnes Fleming nacherzählt von Lina Freifrau von Berlepsch.
40J (Nachdruck verboten.)
19. Eilt Telegramm.
Die Sonne erhob sich über Londons zahllosen Dächern, als Rudolf Stuart vor dem Hotel, das feilte Familie bewohnte, vorfuhr. Er eilte in seines Vaters Zimmer und traf Trixy auf der Schwelle.
„Du darfst die Eltern nicht stören, sie schlafe« Beide," sprach sie leise, „geh auch Du zur Ruhe, ich wecke Dich zum Frühstück. Hast Du sie gesehen?"
„Meinst Tw Edith? natürlich, deshalb reifte ich ja hin."
„Und was sagte sie?" fragte Trixy bitter.
„Wenig! wir sahen uns kaum zehn Minuten, Edith war in Abendtoilette und ich wollte sie nicht aufhalten. Sie läßt Dich herzlich grüßen".
„Ich brauche ihre Grüße nicht, sie ist doch das herzloseste, undankbarste Geschöpf."
Ein Blick des Bruders schnitt die Rede ab.
„Genug, Trixy, Edith ist eine der weisen Jungfrauen und hat den besteren Teil erwählt. Was sollen wir auch jetzt tun? Sie wieder nach Saudypoint in ihres Vater? ödes Haus zurück- bringen? Und was die DcmDarkett damit zu schaffen bat, sehe ich nicht ein. Wir nahmen sie ausdrücklich mit, damit ihre Sprachkenntnisse uns nützen, sie hat wahrlich reblid; das Ihrige getan. Schweig Du lieber ganz von Edith, wenn Du ihr nichts Gutes nachzusagen vorhast." »
Mit hastigen Schritten eilte er die Treppe hinauf.
tureller und nationaler Bedeutung." Und nun arbeiten die Nationalsten der „Nationalen" mit aller Macht auf die Untergrabung des Wahlrechtes bin und die Regierung felbft scheint Lust zu per- puren, den Bau einzureißen. Gegen ein solche- Interfangen haben dje katholischen Wählermaffen nur eine Antwort: sie liegt in den Worten Trim- I>orn5: „Der beste Schutz deS Reichstagswahl- ceck'teS ist die Stärkung der alten, treuen, ungebrochenen Derfassungspartei, des Zentrums."
Deutsches Reich.
Berlin, den 20. Dezember 1906.
Der italienische Botschafter Graf Lonza ift, wie bereits berichtet, von seinem Posten abberufen worden. Die ,Nordd. Allg. Zig.' widmet ihm folgende Abschiedsworie: „Mit Be- dauern sehen unsere politischen Kreise den um die deutsch-italienischen Beziehungen hochverdienten langjährigen Vertreter deS Königs von Italien von hier scheiden. Wir wünschen dem Grafen Lanza, dessen reiche Wirksamkeit als ritterlicher Soldat und als hervorragender Staatsmann seinem Namen ein dauerndes And nken sichert, einen langen, ungetrübten Lebensabend." Der Nach- folger des Grasen Lanza, der Botschafter Al- berto Panza, bekleidete seit 1901 den Posten der italienischen Botschast in London.
r. Tie Oberwerftdirektoren der kaiserlichen Marineverwaltung halten in Berlin eine zweitägige Sitzung ab. Die Beratungen stehen in Zusammenhang mit einer Neuorganisation der leitenden Stellen für Schiff-, Maschinen- und Hafenbau. Diese soll in Folge der Entwickelung der Reichswersten geplant fein.
* Ter Etat des Reichstages ist noch nicht fertigqestellt gewesen, als dem verflossenen Reichstag der Hauptetat für 1907 zugestellt wurde. Nach Blättermeldungen soll in denselben jetzt eine bestimmte Summe als Repräsentationsgelber für den Reichstagspräsidenten eingestellt werden. Bekanntlich haste Graf Ballestrem bisher auf Re- präsentationSgelder ver ichtet. In dem neuen Etat soll nun zum Ausdruck kommen, daß ein solcher Verzicht unstatthaft sei.
r. An die „Partei der Nichtwähler" wendet sich heute das Organ des Reichskanzlers, nachdem es in den letzten Tagen schon in verschärfter Form in den Wahlkampf eingegriffen hat. Das Blatt schreibt: Nur ein paar Zahlen! 1903 sind Über 25 */o der Wahlberechtigten von der Urne fern geblieben. Die „Partei der Nichrwähler" machte also den vierten Teil aller Wähler auS. Sie verfügte über mehr als 3 Millionen Stimmen. Sie war also stärker a!5 die Drei- miilionenpcrriet der Sozialdemokratie. Die „Partei der Nrchiwählcr" rekrutiert sich nicht aus der Sozialdemokratie, auch nicht aus dem Zentrum. Soll der Reichstag besser werden, so muß diese Partei verschwinden. Ihre Stimmen gehören der Minorität vom 13. Dezember! Köstlich ist die Freiheit, mit der sich die ,Nordd. Al>q. Ztg.' erlaubt, das Heer der Nichtwähler ausschließlich für die Regierung und für die „nationalen" Parteien in Awpruch zu nehmen. Daß es auf Seiten der Zentrmnswähler als Ehrenpflicht betrachtet wird, zur Wahl zu gehen, ist selbstver- stündlich. Das schließt aber nicht aus, daß je nach den Verhältnissen in den einzelnen Wahlkreisen dennoch ein großer Teil sich von der Wahl fern hält. Dies trifft namentlich für die sogenannten „bombensicheren" Wahlkreise zu, in welche« fast niemals dir Gesamtzahl der Zen- trnw.swähler vor der Wahlurne erscheint. Aber
Trixy brach in Tränen aus. Es war schlimm genug, alles, alles zu verlieren, warum mußte er auch noch Edith, die sich ihr tief ins Herz geschnit- ten hatte, entsagen? Ein süßer Tropfen freilich war in ihrem Leidenskelche: Hauptmann Ham- mond hatte bewiesen, daß nicht die ganze Welt selbstsüchtig sei und hatte in der Stunde dec Trübsal um Beatricens Hand geworben. Voll lieber« raschung und Freude hatte diese gezögert, gelächelt, Einwände gemacht und schließlich „Ja" hervorgeschluchzt. So wäre August Hammond, der Trixy wirklich liebte, ganz glücklich gewesen, hätte nicht der Gedanke, daß in wenigen Tagen zwischen ihm und ihr der Ozean rollen würde, seine Freude getrübt.
Spät abends eröffnete er fein Herz dem Freunde und Zünftigen Schwager.
Rudolf hörte schweiaend.
„Das ist Torheit, Wahnsinn von Deiner Seite," tief er endlich, „vor einer Woche, da Trixy noch eine Erbin war, hätte ich Dir die Hand gedruck und Mr meinen Segen gegeben, jetzt aber sind wir Bettler und müssen arbeiten, wenn wir nach New-York kommen. Wie das gehen wird, weiß der Himmel, denn wir wuchsen auf, wie Lilien auf dem Felde. Ich rede nicht viel übet die Sache, ein Mann soll übet derlei Verluste nicht klagen. Dein Vater aber ist reich und betitelt, glaubst Du, er würde Deiner Werbung geneigte- Gehör leihen?"
„Was liegt daran, wenn Trixy will —"
„Trixy will aber nicht auf solche Weife in die Familie eingeführt werden, und ich sage Dir, eine Heirat ist für den Moment außer Frage. Liebt euch nach Herzenslust, fendet Briefe ballenweise über den Ozean, bleibt verlobt, fo lange Ihr wollt; aber heiraten? Nein I"
So endete es. Selbst Beatrice erklärte jetzt, die Eltern nicht verlassen zu wollen, und bat de« Geliebten, auf bessere Zeiten zu warten.
auch in anderen Wahlkreisen ist von der Ge« tallung der parteipolitischen Verhältnisse eine mehr oder minder starke Beteiligung an der Wahl auf Seiten der Zentrumswähler abhängig. Es ist also ein starke- Slück, wenn die ,Nordd. Allg. Ztg.' behauptet, daß die Wähler, welche nicht abstimmen, der Minorität vom 13. Dezember gehören. Aber noch ein anderer Umstand spricht per mit, welchen das offiziöse Organ ebenso gut einst, wie jeder, der sich einigermaßen mit Wahlpolitik beschäftigt. Wie steht es denn mit der »roßen Zahl jener Elemente, welche mit der Ge- amtheit der Regierunospotitik Überhaupt unzu- rieben ist und diele Unzufriedenheit am besten dadurch an dir Oeffentlichkeit bringen zu können glauben, daß sie sich von einer Beteiligung an ebne politischen Wahl Überhaupt fern halten. In diese- Heer richtet die /Jlotbb. Allg. Z>g.' wohl auch ihren Appell. Wenn sie nun alle diesmal an der Wahlurne erscheinen, dürfte das Regierungsorgan noch sein blaues Wunder erleben. Die „nationalen" Parteien würden ge- wiß große Freude empsinben, wenn der Optimismus der /Jlotbb. Allg. Ztg.' sich bewahr- heilen würbe. Die Tatsachen sprechen aber zu sehr bagegen.
* Nur keine Entstellung! Unsere neuliche Bemerkung, baß die Regierung in der lieber« chreilung des vom Reichstage Bewilligten nie eine besondere Aengstlichkeit gezeigt habe, ist von einigen Blättern gewaltsam dahin interpretiert worben, al» Hälen wir zum Ausbruck bringen wollen, die Regierung hätte ruhig die vom Zentium für Sübwestafrlka bewilligten 20 Millionen Mark akzeptieren und, falls sie damit nicht ausgekommen jein würbe, getrosten Mutes die bewilligte Summe überschreiten sollen. Ein solcher Blödsinn konnte uns nicht beikommen. Wie aus unserer ganzen Ausführung hervorging, war es uns nur darum zu tun, barzuleqen, baß der Abstrich von 9 Millionen für bie Reg'erring nicht ber eigen!» liche Grund für die Auflösung des Reichstages war. Gerade das Zentrum bars für sich in An» sprach nehmen, baß es bie Etatsüberschreitungen feilens ber Regierung stets im Reichstage scharf kontrolliert unb gegeißelt hat. Noch im vorigen Jahre hat ber Äbg. Dr. Bachem gerabe mit Bezug auf bie Kolonien im Reichstage von den „klotzigen Ueberschreilungen" gesprochen unb hat babei verlangt, baß zur Vermeibung derartiger Vorkommnisse besondere Einrichtungen getroffen werden sollten, wenn anders „nicht das Vertrauen zur gesamter übiigen finanziellen Verwaltung in den Kblonien erschüttert werden soll." Er schloß seine Ausführungen mit den Worten: „ES mögen sich nun das Reichsamt und bie Reichsregierung die Frage vorlegen, ob eS im Jnleresie unserer Kolonialpolitik ist, wenn derartige Dinge in Zukunft weiterhin möglich sein sollen." Nur tendenziöse Bosheit kann behaupten, baß baS Zentrum bie Nichtbeachtung finanzieller Beschlüsse des Reichstages durch bie Regierung billige.
* Den nationalliberalen Herren wird es immer katzenjämmerlicher zu Mute. Von dem ansäng'ichen Siegesjubel ist keine Spur mehr zu entdecken. DerZentralvorstand ber nationalliberalen Partei vereinigte sich am Mittwoch nach Beendigung feiner Arbeiten zu einem gemeinsamen Mahle. In einem Bericht darüber heißt es: „Die Stimmung zeigte sich auch bei dieser Vereinigung nicht rosig, aber man ist entschlossen, alles zu tun, um den Wahlkampf zu einem guten Ende zu führen." Auch unter dem Freisinn ist von einer „rosigen" Stimmung nichts mehr zu sehen.
* Neber die Kolonialaffären Götz, Schneider und Wisluba liegt jetzt eine neue Meldung cor. Gegen die drei Kolonialbeamten schwebte eine gerichtliche Voruntersuchung wegen Verletzung ber Amtsverschwiegenheit. Sie ist nunmehr abgeschlossen unb ihre Ergebmsse hatten Blättermeldungen zusolge bie Staatsanwaltschaft veranlaßt, bei bet zustänbigen Strafkammer den Antrag zu stellen, baß bte Angeschulbtgten außer Pe»folgung gefetzt werben. Dagegen soll daS gegen Pöplau schwebende Verfahren auf Antrag des Oberstaatsanwalts zur Eröffnung des Hauptversahrens führen. Unabhängig von diesem Verfahren schwebt noch gegen alle vier bas Disziplinarverfahren.
Ausland.
* Die österreichische WaHlreform im Herren- Haufe. Aus Anregung ber Prozessoren ber Wiener Universität wirb im Herrenhause eine Eingabe von Professoren aller beutschen Umoersitäreu in Oesterreich um unveränderte Annahme brr Wählte form überreicht we ben. Der Ausschuß des Herrenhauses hat bei ber Beratung des Gesetzes bett, den Schutz bet Wahlftecheit den Kanzel- Paragraphen abgelehnl. Dte ,Neue Freie Presse' melbet: ,fete verlautet, besitzt bie Negierung im Herrenhause beteilS eine Majorität gegen das Pluralrecht. Der Reserent Prof. Lamarch bat im Hinblick auf Bie Kundgebung beuticber llnicer« sitäts-Ptoseffoten zu (Sunften ber unveränderten Annahme der WaHlreform ein Referat niedergelegt.
* Vom französischen Kulturkampf. Ein OpferbesKampses gegen ble la11> o 1 i sche K i t ch r ist der Pfarrer von Mont le Neus Chateau (Departement Bosges). Der beliebte Pc testet Hai bas Dorf verlassen, da bessen Bewohner ihm nur ganz unzureichende Bezüge gewähren konnten, unb nahm in bem Otte Lrfsol eine Stellung als Drechs let an. Er verständigte gleichzeitig seine Psartkinder, baß er sich jedesmal, wenn man seiner bebürfe, nach Mont begeben werbe. — Anläßlich ber Ausweisung des Bischofs von Viviers sand eine große Kundgebung statt, an bet übet viertaufenb Personen teilnahmen. — Das Kriegsgericht in Lille verurteilte den Hauptmann Mag niet zur Entlassung, weil er am 20. November gelegentlich der Inventaraufnahme in einer Kirche der Requisition bet Zivilbehörde um Beistand bes Militärs zur gewaltsamen Oeffnung der Tüten n i cht entsprochen upb erklärt halte, durch bis militärischen Bestimmungen sei ihm nicht vorgeschrieben, einer solchen Forderung Folge zu leisten. Dem Verurteilten find vom Gericht mildernde Umstände bewilligt worden. Nach der Verhandlung kam eS im Gericht-saale zu lärmenden Kundgebungen. Ein Teil des Publikums brach in Hochrufe auf Magnier aus, ein anderer Teil in Hochrufe auf den Kriegsminister Picquart und auf Dreyfus. Mehrere Manifestanten wurden auf der Straße handgemein.
* Der englische Kriegsminister Haldane hak nach dem.Standard' jetzt Vorschläge auSgeatbeitet zur Schaffung einer „Dlationalarmee“, welche bie Stelle der gesamten bisherigen Hilfs« streitträste einnehmen soll. Die in diese neue Truppe eintretenben Leute dienen sechs Jahre als Freiwillige und können sich während dieser Frist für einen zwei Jahre nicht übersteigenden Zeitraum zum aktiven Dienst in die reguläre Armee einfteUen lassen. An allen militärischen
Am folgenden Tage begleitete der Hauptmann die Familie nach Liverpool und an Bord deS Schiffes, von dem er auf der Dampffähre zurückkehrtr.
Als der Dampfer sich zu bewegen begann, lehnte Trixy weinend an ihre- VaterS Arm und Rudolf stand neben der Mutter. So warfen sie ihren Abschiedsblick auf Englands zurückweichende Küste, nur von einem Freundesauge verfolgt.
Edith kehrte in de» erleuchteten Salon zurück, wo Sir Victor'- liebende- Auge sofort die Toten- bläffe bemerkte, die sich über ihre Züge gebreitet hatte. Wenige Minuten spater sank sie ohnmächtig vom Stuhle unb ward in ihr Zimmer getragen.
AIS ihr dunkles Auge sich wieder öffnete und sie den Verlobten erblickte, der sich angstvoll und zärtlich über sie beugte, wandte sie sich seufzend ab.
„O laß' mich allein," bat sie immer wieder, bis man ihrem Flehen nachgab. So lag sie stundenlang mit aufgelöstem Haar und gerungenen Händen regungslos, dumpfen Schmerz im Herzen. Ost schlichen sie während der Nacht herein und am Morgen erwachte sie aus unruhigem Schlaf mtt brennender Stirn, trockenen Lippe« und fieberhaften Augen.
Der Arzt schüttelte den Kopf und erklärte den Zustand für Nervenüberreizung. Gefahr sei nicht vorhanden, Ruhe und liebevolle Pflege würden sie bald Herstellen und dann sollte eine Luftverände- rung das Ihre tun.
Sir Victor hatte von dem Portier von Rudolf Stuart's schnellem Kommen und Gehen gehört und'peinigte sich mit tausend Möglichkeiten.
Was bedeutete der seltsame Besuch? Gegen ihn war sie kalt, es schien ihr gleichgültig, ob er kam fanden sie immer mit weitgeöffneten Augen. Am oder ging. Er war ihr nichts, sollte es immer so bleiben?
Lady Helena fragte Edith, was den Vetter nach Powys Place gebracht und ihre Ohnmacht bedingt habe. „ . .
Ruhig und ernst teilte diese ihr daS Unglück mit, welche- die Familie Stuart betroffen.
Lady Helena bedauerte die Armen herzlich und hielt durch die Sachlage Ediths Gemütsbewegung für hinlänglich erklärt.
Ende Juli wurde sie in eine hübsche Villa gebracht, wo sie auf Tante Helena'- ausdrücklichen Begehr allein mit ihr weilte.
„Geh', lieber Victor, und dränger ihr Derne Nähe nicht auf. Selbst wenn sie Dich liebte, würde sie ein Bräutigam ermüden, der nie ihr von der Seite wiche. So sind alle Frauen. Willst Du, daß sie Dich lieben lerne, so gehe fort, schreibe ihr vernünftige, angenehme Briefe und komme in drei Wochen wieder."
„In drei Wochen? ich will am ersten September heiraten." , , „ r,,
„Daraus wird nichts, Victor, Edith muß sich erst erholen und vor dem Oktober kann von Deiner Trauung keine Rede sein. Edith felbft wünscht die Verschiebung, laß' sie erst erstarken, Dich lieben lernen und wirft Du sehen, datz es so viel klu- 9 Er mußte sich fügen und kehrte nach Catheron Royals zurück. .
Edith atmete tief auf, als er sie verlrey. Welch anderer Abschied, als der vor vierzehn Tagen. Sie suchte zu vergessen, das Antlitz zu bannen, das ihr stets vorschwebte, die Stimme nicht zu hören, die ihr im Ohre widerhallte.
Es gelang ihr teilweise. Die Seelust stärkte und kräftigte sie. Sie sagte sich immer wieder, daß nut Sir Victor ein Recht auf sie habe, daß sie Rudolfs nicht gedenken durfte.
Nach und noch erholte sie sich, ihr Auge glänzte, Farbe, Gesundheit, Heiterkeit kehrten wieder. Täglich kamen Briefe von Sir Victor, die sie lä-