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33. Jahrgang.

Fulda, Dienstag den 18. Dezember 1906.

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sie aber die freisinnige Bereinigung vom neuen Kartell ausschlirtzen und glauben, deren gesamten ! KandatSbefitz jetzt schon unter die Blockparteien verteilen zu können.

Wie die Freisinnigen von einem Zusammen- gehen mit den Konservativen in ihrem Aufruf mit keiner Silbe foretben, lösen sich die National- iberalrn ebenso deutlich von dem Freisinn ab. Bereits liegt ein Beschluß vor, welcher der von nationalliberaler Seite vorgekehrten Gewahr- leistuug des jetzigen Mandatsbesitzes der Minder- »eitSparteien direkt zuwiderläuft. Dieses Kunst- tückchen haben die Nationalliberalen in Olden- >urg fertig gebracht. Sie wollen dort von einer Unterstützung des „heeresfreundlichen Kandidaten des vereinigten Freisinns" nichts wissen, gehen vielmehr mit einer eigenen Kandidatur selbstän­dig vor.

Mit solchen Großtaten ist dem „Block" der Todesstoß schon versetzt, bevor er nur ms Leben treten kann. Und daS sind dte Parteien, welche von der Regierung Vertrauen und Kon­zessionen betteln, ohne auch nur eine erste Tat vollführt zu haben l Dieselben Parteien, an welche der Reichskanzler mit der Auflösung deS Reichs­tags appellierte!

Noch steht es aber dahin, ob und wieweit sie seinem Rufe überhaupt Folge leisten wollen und — können. Das führende Organ der national- liberalen Fraktion läßt schon durchblicken, daß die Verweigerung der Gefolgschaft nicht ausgeschlossen fein kann. Den Grund dafür erblickt eS in der preiißischen Politik des Fürsten Bülow. „Werden die politischen Minderheitsparteien vergessen, waS in Preußen an Rücksichtslosigkeit ihnen gegenüber geleistet worden ist? Werden sie eS vergessen, daß unter der Verantwortlichen Minisierpräsidentschafl des Fürsten auch in Preußen Zentrum Trumpf war? ... Diele liberal denkende Männer werden sich sagen : Erst laßt uns Taten (eben, ehe wir an die Aufrichtigkeit des neuen Kurses glauben können." Daraus spricht derselbe Wunsch nach „Garantien" und „Konzessionen", welche die ge­samte Linke dem Reichskanzler in den letzten Tagen so oft schon unterbreitet hat. Nicht minder verrät das Geschreibsel aber auch einen kaum übertrefflichen Wankelmut. Und diese buntge- würfelte Gesellschaft will die Vernichtung des Zentrums auf ihre Fahne schreiben! Dazu ge­hört etwas anderes als ein „nationales" Phrasen­geklingelt Das Material, aus dem der Zentrums­turm gebaut ist, ist viel zu hart und fest gefügt, als daß es solch Keinen Geistern gelingen könnte, eine Bresche in denselben zu legen.

und doch wünscht sie, der Walzer möchte ewig dauern.

„War das nicht ein reizender Walzer, Rudolf? Niemand findet sich gleich Dir tu meinen Schritt." „Hoffentlich lernte eS Sir Victor", entgegnete et kalt.

Der Juniinorgen dämmerte bereits, als Lady Helena's fünfhundert teure Freunde sich znm Auf­bruch nisteten.

Mühen wert. Wir habe« auch bie Zuversicht, von der Kampfesfreube ber weitesten Kreise ge­tragen zu werden und mit einer vermehrten Zahl unserer Mandate aus den Wahlen hervorzu» gehen." ES ist rührend zu sehen, wozu sich die „größte" liberale Partei berufen fühlt; sie will daS „Einvernehmen der Wählerschaft in Stadt und Land" Herstellen, um damit die deutschen Interessen von dem „Machtbegehren deS Klert- kliSnmS" zu befreien. Der Zentralvorstand ver- ieht es vorzüglich, das Mäntelchen nach dem Wmd zu hängen. Während die Partei selbst )as „Einvernehmen der Wählerschaft in Stadt und Land" gezwungener Wesse wiederherstellen muß, um überhaupt noch auf Erfolge rechnen zu Annen, wie wir dies aus bei Streitigkeiten im nationalliberalen Lager in letzter Zeit so oft ge­hört haben, muß jetzt bie Herstellung dieses Ein- vernehmens „für bie künftige Entwickelung der deutschen Interessen daheim und in der Welt" erhalten. Das nennt man den Wählern Sand in die Augen streuen. Im übrigen ist bietet Aufruf jetzt schon der zweite der nationalliberalen Partei, während der Hauptaufruf erst noch er­scheinen soll. Wie viele solcher Manifeste muß demnach bie Wählerschaft in dem bevorstehenden Kampf noch über sich ergehen lassen?

r. Bon zwei Kaisertelegrammen an den Reichskanzler war aus Anlaß der Reichs- tagsauflösung in den letzten Tagen wiederholt dte Rede. Von offiziöser Sette werden jetzt bie Nachrichten darüber als plumpe Erfindung be­zeichnet. Die ,Rordd. Allg. Ztg/ schreibt: „3« der ausländischen Presse wird mit einem angeb. sichen Telegramm des Kmsers an den Reichs­kanzler über die Auflösung des Reichstags Unfug getrieben. Aus dem Inhalt dieser Depesche wird mit dem Anschein wörtlicher Wiedergabe der Satz angeführt: Ich jage die ganze Bande zum Teufel. Der Londoner .Daily Expreß' be- schästigt fich in zwei Nummern des längeren mit dieser Geschickte; wir begegnen ihr aber auch m Wiener Blättern. Seldftverständltch handelt e- sich um eine plumpe Erfindung. Dem Reichskanzker ist ein Telegramm des Kaisers, das die angeführte oder eine ähnliche Wendung enthielt, nicht zugegm-geu. Während der letzten RetchktagSsitzungen traf beim Reichskanzler über- Haupt keine kaiserliche Drahtmitteilung ein.“ Das offiziöse Dementi scheint den Hauptwert auf den letzten Satz zu legen, welcher sich nur auf die Zeit „während der letzten Reichstagssitzungen" bezieht. Warum sagt das Regierungsorgan nicht deutlich, daß überhaupt kein Telegramm, auch außerhalb der genannten Zeit an den Reichs­kanzler gelangt ist?

♦ Abgeordneter Erzberger wird nach der .Schles. Lotksztg/ eine Broschüre über alle kolonialen Vorkommnisse verfassen. Die Broschüre erscheint noch im Dezember im Ber­lage der Gö.re-druckerei in Koblenz.

♦ Auf die letzten Konsequenzen, welche die Regierung aus einer ihr mcht genehmen Zu­sammensetzung deS Reichstags ziehen könnte, kommt dar Berliner Bündlerorgan nochmal- zu sprechen. Es ist schon mitgeteilt worden, daß man vor einer abermaligen Auflösung nicht zurückschrecken würde. Dazu schreibt daS genannte Blatt: „ES gibt für die künftige Ge- staltung der Angelegenheit nur drei Möglichkeiten und von biefea drei Möglichkeiten kann die Re­gierung nur eine wählen, wenn sie fich nicht um alles Ansehen und um alle Bedeutung

weil ich nur ein halbes Herz besitze und diese Halste einem andern gehört. Ich glaube, er gäbe mich auf und ich achtete ihn darob. Hast Du den Mut hierzu, so kannst Du dann mich veranlassen. Dich |u heiraten. Du kannst es, und ioenn der Honig- inouat vorüber ist und die Armut zur Türe hin- einkriecht, werden totr und haben und mit dem Gedanken trösten, daß wir alles aus Liebe ge­tan." Sie lachte. „Heute bin ich zu allem fähig, waS find Liebe, Ehrfurcht, Rang unb Reichtum, gesehen durch katzeniämmerliche Brillen?"

„Ich derftche Dich nicht und muß mit Trixy fragen, warum heiltest Du Sir Victor?"

„Vielleicht ob des Triumphes, einen Prers zu erringen, um den hundert andere sich vergeblich bemüht, vielleicht weil er mich liebt, wie kein Sterblicher mich je lieben wird, hauptsächlich aber, weil er Sir Victor Catheron von Catheron Ro- yals mit zwanzigtausend Pfund Renten ist. Da hast Du die nackte Wahrheit. Ich habe ihn lieb, aber ich liebe ihn nicht, demungeachtet aber wM ich ihm ein gutes Weib sein und einen Tag vor der Hochzeit wollen wir uns die Hand reichen und uns nicht Wiedersehen."

„Nicht Wiedersehen?"

„Wenigstens nicht, bis wir der Torheit der Vergangenheit lächelnd gedenken können, oder bis eine Frau Stuart, vielmehr eine Lady Arabella Stuart existiert, dann aber haben mein Bild und meine Briefe für Dich feiner Wert mehr und ich bitte Dich, gib mir sie zurück."

„Wenn Du unter „dann" den Zeitpunkt ver­stehst, wo ich Lady Arabella's Gatte fern werde, so hast Du vollkommen Recht, bis dahm aber er­laube mir, sie zu behalten. Wir sind verwandt — wie natürlich, daß wir unsere Brider besitzen. Ich sehe auch, daß Du noch immer die Turqnis- brosche mit meiner Photographie auf der Rückseite trägst. Gib mit sie, Türquise stehen Dir mcht, ich will Dir dafür Rubinen geben mit Sir Victor'» Bilde." (Fortsetzung folgt.)

„ES ist etwas zu spät für solch' zarte Geständ­

nisse, wenn es Dir aber besonders lieb rst, eS zu wissen, Trixy, so gestehe ich Dir, daß rch Rudolf Uebe." ...

„Und gibst ihn auf? Wahrhaftig, Du bist ein unlösbares Rätsel. Rang und Titel sind sehr schön, wenn ich aber einen Mann liebte, wurde rch ihn beiraten, und wäre er ein Bettler."

„Ich glaube Dir, Trixy. ober Du bist eben anders, als ick. Ich liebe Rudolf, mich selbst nod mehr Aber lassen wir daS, mein Kopf schmerzt und ich bin mübe. Du hast Recht, mich ein herz­loses, egoistisches Geschöpf zu nennen. Ich iverbe Sir Victor heiraten und Du magst ihn bedauern, denn ec ist em edler Mann und liebt mich von ganzem Herzen. Dein Bruder aber bedarf Deines Mitleides nicht. Er sst ein guter Mensch und Hai mich lieb, aber er alteriert fich nicht ob meines Verlustes, so lauge er eine Zigarre hat."

„Er kommt, am Ende hat er uni gehört.

„Meinetwegen, es wird ihm nichts neues sein."

„Wie schade, daß Ihr Euch nicht heiratet, be­züglich Eures Egoismus seid Ihr wahrlich für einander geschaffen," rief Trixy ärgerlich und ver­ließ daS Zimmer.

Rudolf warf fich in einen Fauteuil.

„Hast Du gehorcht, Rudolf?"

„Gehorcht? ich ging unter dem Fenster auf und nieder und hörte Euch. Offene Geständmsse find gut, aber, Kusine, Du solltest sie nicht so un- umwunden machen. Sir Victor hätte eS statt meiner hören können."

Sie schwieg.

„Armer Sir Victor!" fuhr er fort, „er lrevt Dich ohne Zweifel abgöttisch, was aber würde er sagen, wenn er das hörte?"

„Sag's ihm meinetwegen, mir ist'S einerlei, sag' ihm, ich sei toeber seiner, noch irgend eines guten Mannes wert, ich sei blasiert mit neunzehn Jahren, was werde ich mtt neunundzwanzig sein? sag' ihm, daß ich ihn nicht liebe, nie lieben werde.

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bringen will. Entweder sie läßt sich eine noch malige Ablehnung ruhig gefallen. Dann hat sie elbstverständlich ausgefpielt. Oder fit läßt sich wiederum auf Paktieren und Kompromissen ein; dann tritt sie wiederum unter das bekannte „kaudirusche Joch"; und das hätte sie schon rüber und ohne Auflösung haben können. Obfl drrttenS, sie löst den Reichstag nochmals auf; und daS ist die einzige Möglichkeit, die Überhaupt !>ei besonnener und verständiger tteberlegung der Sachlage in Betracht kommen kann." lind dann? Wird die zweite Auflösung die Regierung zum Ziele führen? Wir glauben es mcht. vorausge« etzt, daß nicht ein Angriff aus daS Wahl­recht erfolgt oder mit Hilfe einer neuen, fern ausgezirketten Wahlkreisgeomrtrie die Absichten der Regierung wstkfam unlerstützl werden. Es ragt sich nur, wie das deutsche Volk sich zu inem solchen Wagnis stellen würde. Und alleS das wegen der 300 Hottentotten in der südivest- afrikanischen Sandwüste und wegen des Abstriche- einiger Millionen!

. . Der Bau der Bahn Kubub-KretmanS* Hoop soll sofort in Angriff genommen werden. Wenigstens will die .Deutsche TageSzettung« hierzu näheres erfahren haben. Ein rheinisches liberales Blatt hatte geklagt, daß der Bau durch die Auslösung des Reichsiages verzögert würde. Tas Berliner Bündlerblatt hält nun eine Ver­zögerung durchaus nicht für notwendig. Es gibt der Regierung zum Beginn des Baues ein moralisches Recht, weil dieBudgetkommisston deS Reichstages den Bahnbau bewilligt hat. Wetter will eS auch wissen, daß bereits die nötigen Anweisungen erteilt find, damit möglichst schnell der Ban begonnen werde. Wenn die Regierung sich die Auffassung der »Deutschen Tageszeitung^ tatsächlich zu eigen gemacht hätte, wäre eigentlich der Reichstag auch in dieser dudgetrechtlichen Frage gänzlichausgeschaltet worden. Ob fie durch den Beschluß der Budget- kommission ein „moralisches Recht", den Bahn­bau zu beginnen, erhalten hat, lassen wir noch dahingestellt. Ein verfassungsmäßiger Recht ist ihr auf alle Fälle dadurch nicht ge­geben. Wenn fich die Meldung in dieser Form bestätigt, sind wir auf dem besten Wege zum absolutistischen Regiment.

* Von einer Verlängerung des Handels« Provisoriums mit Spanien war schon in den letzten Tagen die Rede. Wie verlautet, ist es nunmehr als sicher zu betrachten, daß die Ver­längerung vom 1. Januar ab auf ein halbes Jahr erfolgt. Nachdem der Reichstag aufgelöst ist, ist die Verlängerung eigentlich etwas Selbstverständ­liches.

* Die Einfuhr lebender Schweine aus Däne­mark, Schweden und Norwegen ist verboten. Nach einer amtlichen Bekanntmachung im ,Reichsanz/ tritt diese Anordnung mit dem 20. Dezember in Kraft. Das Verbot ist angeordnet worden, weil nach der Ansicht der Regierung Rotlauf, Schweine­seuche und Schweinepest in Dänemark, Schweden und Norwegen in einem für den inländischen Viehbestand bedrohlichen Umfange herrschen.

* Eine Erhöhung des Bankdiskonts steht für morgen (Dienstag) bevor. An diesem Tage wird der Zentralausschuß der Reichsbank zu­sammentreten, um über die Erhöhung Beschluß zu fassen. In Bankkreisen rechnet man mit einer Erhöhung um ein volle- Prozent. Damit steigt dann der Privatdiskont auf 7 pCt.

Berlin, 17. Dez. 1906. Der Reichs- tangier empfing am Dtontag vormittag den

Trüge mau auch bett Kohiirur, sie würde einen überstrahlen." dachte sie und den Hauptmann Hammoud mit dem Fächer berührend, fragte sie sonnig:

„Finden Sie nicht auch, baß Edith Darrell das 'chönste, eleganteste Mädchen im Saale ist? '

„Mit einer einzigen Ausnahme, Fräulein." Rudolf n<ir zwerfekZohrre der hübscheste Mann. Er sah seine Kusine am Arme des Bräutigams und toaubte sich zu einer großen, ziemlich ver­blühten Dame, bie ihn eben gefragt, ob affe Amerikanerinnen schön seien.

„Ich dachte es, bevor ich Englands Töchter ge- sehen," entgegnete er, sich verbeugend.

O der Falschheiten der Gesellschaft. Eben dacht- er, wie bleich unb welk Lady Arabella in der grü­nen Atlasrobe fich ausnahm unb WaS fein Leben wäre, fügte er fich des VaterS Wunsch.

Die Dame selbst ober, bie dreißig Sommer ge­sehen und fünf jüngere Schwestern hatte, war liebenswürdig genug gegen den jungen Amerr- kaner.

Edith Darreff ist gefährlich schön: Sic Victor kennt nur eine Dame int Saale, sein Ideal, fein Stolz, feines Lebenö Wonne.

„Ich bin stolz auf Sie. Edith, Sie übertreffen sich selbst," flüsterte ihr Lady Helena zu, und Trä­nen in den Augen küßt Edith ihr die Hand.

Nur einmal tanzt fie mit Rudolf und weiß picht, schwebt sie auf der Erde, oder in der Luft? ihr ist'S, alS sei sie im Himmel. Ob sie wohl je wieder mit ihm tanzt? Im innersten Hinzen fühlt ße, daß sie sich gegen den Verlobten versündige.

)*( ver nationale Block gegen dar Zentrum.

Von der äußersten Rechten bis zum extrem linken „bürgerlichen" Flügel ist sofort nach der Auflösung des Reichstags die Parole „Gegen daS Zentrum!" ausgegeben worden, um bie „Nation" von dem „unerträglichen Albdruck zu befreien. Mit großen Phrasen unb unter noch viel größerem Lärm würbe für einen Block aller „nationalen" Parteien gegen baS Sentrutn dte Werbetrommel gerührt. Nach dem Jubel der Hauptscbreier liegen bie „Vertreter von Geistes- knechtschast" jetzt schon zerschmettert am Voden. Nur schade, daß den übertönenden Worten die Taten nicht folgen tooffen und in den „Block"- Parteien weiß man selbst am besten, wie eitel Trug das schöne Gerede von einer allumfassenden antriuUramontanen Kampfgenossenschaft auch jetzt noch ist. Ja, die Blockpolittk fängt an, in die Brüche zu gehen, bevor nur der Wunsch nach ihrer Existenz überhaupt ausgedacht werben konnte. _ ,

Aus nation aktiver ater Seite herrscht frcthd) eine bexestterte Blockstimmung, die leicht begreif­lich ift, ucun man berücksichtigt, wie tief die Un­zufriedenheit mit der Politik der nationalliberalen ReichstagSsraktton in den eigenen Reihen Wurzel gefaßt hat Deshalb soff bent Nationalliberalis- MUS ein Zusammenschluß wieder auf die Beine helfe». Nach dem Dafürhalten einer national- liberalen Preßstimme muß die „Organisation des Sieges" durch einen Zusammenschluß aller natio­nalen Parteien sofort eingeleitet werden. Nickt weniger als 30 Mandate will man auf diese Weise den Mehrheitsparteien abjagen, nach­dem man zuvor den eigenen jetzigen Mandats- besitz sich gegenseitig gewährleistet hat. Gleichwohl will eine solche Siegeszuversicht nicht aufkommen, deshakb läßt man sogar schon bei einem gerin­geren Gewinn eine sichere Mehrheit auf der jetzigen Minderheit erstehen. Es sind naive Poli­tiker, welche an eine solche Wunderkraft der jetzt zu beginnenden Blockpolitik glauben oder doch glauben machen wollen. Freilich ist es angenehm zu hören, daß man eine erkleckliche Zahl von neuen Mandaten zu den alten zu erobern hofft: den Kitt, der die ungleichartigen Elemente zusammen- halten soll, haben aber die Wortführer zu erfinden noch vergessen.

„Gegen das Zentrum" soll die, Wahlschlacht MLgefcchteir werden: in zweiter Linie kommt erst vielleicht auch gar nicht — bie Sozialde­mokratie. Dieser Ruf sollte zur Einigkeit unb zum Zusammenschluß führen. Tie Hairptverfeck- ter desselben sehen sich in ihrer Erwartung aber jetzt schon getäuscht. Der linke Flügel scheint Vou einem gemeinsamen Vorgehen nickt viel wissen zu troffen. Die irrt freifinnigen Fraktionen haben unter sich den Weg zu einander gefunden: fie er­lassen einen gemeinsamen üfufrut, in welchem fie „den Kampf gegen die ll eher macht deS Zentrums" in den Vordergrund stellen. Geflissentlich haben sie cs aber vermieden, von einem Zusammengehen mit Parteien anderer Richtung, sei es mit den Na- tionalliberaleii, sei es mit den Konssrvattveir, auch nur eine Silbe zu erwähnen: ebenso ist der Kampf gegen die Sozialdemokratie voll- ständig beiseite gestellt. Zudem wird auch von freifinnigen Parterblättern der Gedanke einer Blockbildung mit der Rechten grundsätz­lich z u r ü ck g e w r o s e u. Kein Wunder, wenn sich die nationalliberatet Blockoilduer schon mit einem geringeren Geivinn, als der erhofften 30 neuen Mandate, zufrieden geben. Dafür wollen

16.

Der Kusin.

Matt und müde kamen die Damen im Lauf« des Tages aus ihren Gemächern.

„Ich gehe nach Catheron RoyalS," sagte Sir Victor nach dem Frühstück zu Edith, „wollen Sie mich nicht begleiten, die frische Luft wird Ihnen gut tun."

„Bitte, lassen Sie mich hier liegen ,rch bin so müde, so müde."

Enttäuscht wandte er sich ab. .

Edith schloß die Augen unb legte fich bequemer hin.

Als er fort war, warf Trixy das Buch weg und rief: „O Du herzloses, kaltblütiges Geschöpf!"

„Was gibt'SI welch' neues Verbrecheu habe ich begangen?"

„Nichts neues, es ist alles nur im Einklang. Völliger Egoismus ist Dein Normalzustand. Ar­mer Sir Victor, der Dich errungen, armer Ru- bolf, der Dich verloren! ich weiß nicht, wen ich mehr bedauere."

„Du brauchst Dein kostbares Mitleid an keinen zu verschwenden," entgegnete fie ruhig, „spare es für Dich. Ich werde Sir Victor ein gutes Weib sein und Rudolf mag fich mit Lady Arabella trösten."

„Edith, hast Du ein Herz? wie kannst Du Dich so verkaufen? Sir Victor ist Dir vollkommen gleichgültig und Du heiratest ibn, meinen Bruder Liebst Du und überlcissest ibn der Lady Arabella."

Dem crurcrikauischen Original b« Mrs. May Aaues Flcining uacheiHähll von Vina Freifrau von Berlepsch.

Deutscher Reich.

Berlin, den 17. Dezember 1906.

r. „An die deutschen NeichStagswähler" wendet sich derZentralvorstaud dÄNational» liberalen Partei in einem zweiten Ausruf. Er braucht Geld, viel Geld und glaubt dies erhallen zu können, wenn er der Wählerschaft folgende bombastischen Redensarten unterbreHet: „Die Auflösung des Reichstags stellt unsere Partei vor eine besonders verantwortungsreiche Aufgabe. Als die größte unter den liberalen Parteien find wir vor allem berufen, das Einvernehmen der Wählerschaft in Stadt und Land herzustellen, damtt die künftige Entwickelung der deutschen Interessen daheim und in der Well von dem Drucke befreit werden, den das Machtbegehren des KlerikaliSmuS immer unerträglicher geübt hat, und daß sie gegen die zerfetzenden Umtriebe der Sozialdemokratie sicher gestellt bleiben. Wir sind bereit, mtt aller Entschlossenheit in den Wahlkampf einzulreten. Der Preis ist großer