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Retetion,bruck u. verleg her Salbaer An ftenbr ideret ie Selbe. Zenifprecher Nr. 9.
33, Jahrgang.
Fulda, Montaq den 17. Dezember 1906.
M 289.
Zweites WKrtt.
(:) Der (Eislauf einst und heute.
Bon Franz Wichmann.
(Nachdruck verboten.)
„Und sollte der unsterblich nicht fein, Der Gesundheit unSv und Freuden erfand. Die das Rotz, mutig im Lauf, niemals gab, Welche der Ball selber nicht hat."
So singt Klopstock ein wenig poetisch zum Lobe des Eislaufs. Sein Erfinder bleibt rätselhaft. ErnEinzelner ist'S wohl auch schwerlich gewesen. Das Bedürfnis der Menschen, sich den Verkehr zu erleichtern, der Räder, Ruder und Segel erfand, wird sie durch Anschauen und Nachdenken auch auf die Herstellung des Schlittschuhs gebracht haben. Dort, wo seine Voraussetzungen, Eis und Schnee, gegeben waren,'im hohen Norden, ist seine Heimat gewesen. Schon die altgermanische Dichtung Edda kennt ihn und erhebt ihn zu einem Kennzeichen des Gottes Ullr. Dieser, der als trefflicher Bogen- schütze über Berge und Täler auf beschwingten Sohlen hinfliegt, ist nichts anderes als Wodan selbst, in dem sich unter dieser Gestalt die winterliche Natur verkörpert.
In Wahrheit ist der Gebrauch des Schlittschuhs ein uralter Sport, noch älter als die Edda und ihre Götter. Das beweist ein in der Stadtbibliothek zu Bern aufbewahrtes Exemplar, das, kunstvoll aus einem Pfcrdeknochen hergestellt, nur aus der Periode der Pfahlbauten stammen kann. Wie der Mensch auf seine Erfindung kam, lätzt sich unschwer vorstellen. Eines seiner ersten Verkehrsmittel war das Schiff. Um ein ähnliches Fahrzeug nicht ganz zu entbehren, wenn im Winter Flüsse und Seen erstarrten, baute er den Schlitten. Dieser wurde der Vater von zwei Söhnen, denn bald begnügte man sich nicht mehr mit dem Sitz auf dem Schlitten, sondern befestigte ihn in verkleinerter Gestalt an den Fützen, als Ski für den Schnee, als Schlittschuh für das Eis. Der erstere bat erst neuerdings, der letztere auch nur allmählig und langsam im Lauf der Jahrhunderte sich in Europa eingebürgert.
Sobald man den Gebrauch des Metalls kannte, gab man die Herstellung des Schlittschuhs aus Knochen auf. Eine einfach aus Holz geschnitzte Sohle, der eine Eisenschiene eingefügt wurde, trat an Stelle des ältesten Modells. In dieser Gestalt, deren letzte Reste sich bis beute erholten haben, kam der Schlittschuh über Holland und Friesland mit der Zeit nach Deutschland. In diesen Ländern hat er noch setzt seine eigentümliche .Heimat. Für ihre von zahllosen Kanälen durchschnittenen Ebenen ist er geradezu unentbehrlich, ohne die Kunst des Eislaufs wurde man dort ost der Gefangene seiner eigenen vier Wände fein. Etwas ähnliches haben mir in Deutschland im Spreewald. Auch hier ist das Waller das alles verbindende Element. Sogar Post und Polizei find darauf angewiesen. Tritt das Ruder außer Dienst, so müsse» die Schlittschuhe helfen. Alt und Jung tragt sie am Gürtel, um sich ihrer jeden Augenblick bedienen zu können. Die Notwendigkeit vereint sich in genannten Gegenden mit dem Vergnügen. So finden aus den langen und breiten Kanälen Hollands und Frieslands alljährlich große Wettrennen statt. Beide Geschlechter beteiligen sich daran. Die Kunst wird zur Leidenschaft, Anmut und Kraft, Gewandtheit und Schnelligkeit ringen um die oft hohen Preise.
Am Rhein und Main entlang drang der Gebrauch des Schlittschuhs langsam in das innere Deutschland vor. Meistens verhielt man sich abwartend, oft auch feindlich dem neuen Sport gegenüber. Der letzte Kurfürst von Trier traute
M furchtbares Mimik
Dem amerikanischen Originale bet MrS. May Agnes Fleming uacherzählt von Lina Freifrau von
Berlepsch.
36] (Nachdruck verboten.)
,Hch bin kein sentimentales Mädchen, sondern vielleicht nur zu weltlich. Ja, ich gestehe, daß es einen Unterschied bedingen würde. Ich gestand Ihnen offen, daß ich Sie nicht liebe und gestehe Ihnen ebenso offen, wenn Sie nicht Sir Victor wären, heiratete ich Sie nicht. Es ist viel besser, wenn ich ehrlich bin und Sie nicht betrüge. Sie sind tausendmal zu gut für mich und wenn Sie sich von mir trennen, tun Sie ganz recht. Ich werde mein Wort nicht zurückzieben. aber ich will offen reden. Wenn Sie fühlen, daß Sie mich so Nicht heiraten können, so sprechen Sie jetzt."
Er hörte sie bleich an.
„Edith, um Himmelswillen, wollen Sie mich aufgeben?"
„Nein; ich versprach, Sie zu heiraten und werde Wort halten, wenn Sie aber aufopfernde Liebe von mir erwarten, sage ich offen, daß ich keine zu geben habe Wollen Sie mich dennoch, so werde ich Ihnen ein treue« Weib fein und mit der ^seii wohl ein liebendes."
, Sie sprach nicht weiter darüber, et führte sie -w's Haus und begab sich zu Miß Catheron.
„Sahen Sie sie?"
. „Ja, es ist ein schönes, stolzes, edles Gesicht, über —"
„Weiter, schonen Sie mich nicht.
: „Ich mag mich irren, aber etwas in ihren Bügen scheint mir zu sagen, daß sie Dich nicht liebt und auch niemals lieben wird."
i „DaS wird kommen; mit oder ohne Liebe will sie mein Weib werden, und das ist Glück genug Kür die Gegenwart." '
dem Eise so wenig, daß et, um seine Landeskinder vor Schaden zu bewahren, das Schlittschuhlaufen einfach untersagte, und nicht viel ander» machte man e» in Thüringen. Dort ward im siebzehnten Jahrhundert ein Gesetz erlassen, welche» „da» kalte Baden und Schwimmen, ingleichen da» Eisgehen und Gleiten, als der Gesundheit schädlich und zuweilen Lebensgefahr nach sich ziehend", den Schulkindern verbot. Zum Glück wirkten solche Bestimmungen nicht allzu abschreckend. Besonders waren es die Dichter, die sich zu Ende des 18. Jahrhunderts um die weitere Verbreitung des Eissports verdient machten. Klopstocks diesbezügliche poetische Bemühungen sind bekannt, ebenso, daß der junge Göthe ein leidenschaftlicher Schlittschuhläufer war.
„Fürwahr" — schreibt dieser in einer größeren, dem Eislauf gewidmeten Stelle feiner Selbstbiographie — „diese Kraftäußerung verdiente wohl, von Klopstock empfohlen zu werden, die unS mit der frühesten Kindheit in Berührung setzt, den Jüngling seiner Gelenkheit ganz zu genießen aufruft und ein stockendes Alter abzuwehren geeignet ist. — Wie andere Anstrengungen den Leib er müden, so verleiht ihm diese eine immer neue Schwungkraft."
Feindlicher als die Abneigung mancher Landesherren war der Ausübung des gesunden Sports bis weit in’S vorige Jahrhundert hinein die Prüderie, die eine Beteiligung des weiblichen Geschlechts daran unziemlich fand, ähnlich wie es später den ersten Radlerinnen erging. Doch allmählich wurde auch dieser Bann gebrochen und als die Frau sich das Eis erobert hatte, zog das ewig Weibliche die Männerwelt auch hier in verstärktem Maße an. Heute ist uns die weibliche Schönheit zu einer unentbehrlichen Erscheinung auf der Eisbahn geworden und keiner hat sie treffender zu schildern verstanden als C. F, Mayer in seinem Gedicht „Die Schlittschuhe". Dort heißt es von der Jugendgeliebten:
„Sie schwebte still, zuerst umkreist von vielen Geflügelten, wettlaufenden Gespielen, — Dort stürmte wild die purpurne Bachantin, Hier maß den Lauf die peinliche Pedantin, — Sie aber wiegte sich mit schlanker Kraft Und leichten Leibes, luftig, elfenhaft. Sie glitt dahin, das Eis berührend kaum —" „Die Jugendschwingen, die gestählten Schuhe", wie der Dichter an der gleichen Stelle sagt, sie sind gegenwärtig zu einem bedeutenden deutschen Jn- dustrieartikel geworden. Ihre Fabrikation hat von jeher, schon zu Zeiten, da noch die alten simplen, jetzt fast ganz verschwundenen Holz Schlittschuhe mit ihrer umständlichen Riemenbefestigung Mode waren, in Remscheid geblüht- Die geschickten Kleinschmiede des Bergischen Landes warfen sich mit Vorliebe auf diese vielbegehrte Handarbeit und machten damit ein gutes Geschäft. Ihre Erzeugnisse gingen in alle Welt. Aus diesem Lande der technischen Wunder und Erfindungen kam später der mechanische Schlittschuh, der seinen be- scheidenen hölzernen Konkurrenten bald aus dem Felde schlug. Dieser, wie alle anderen modernen Artikel, ganz ein Kind unserer Zeit, ist in seiner großen Verbreitung und Billigkeit nur möglich geworden durch die enormen Fortschritte des Werkzeugmaschinenbaues. Das zeigt am besten die Tatsache, daß noch 1880 ein moderner Halifax, der die erste sinnreiche Konstruktion ohne Holz und Riemenzeug darstellte, 6—8 << kostete, während man heute schon gute ähnliche Systeme um ein Drittel dieses Preises erhält. Die Remscheider Industrie, die sich schnell den Forderungen der Neuzeit anpaßte, wurde dadurch nicht lahm gelegt und produziert den jetzigen mechanischen Schlittschuh in ebenso großem Umfang wie früher den hölzerne».
Wie eilte Karrikatur und Mißgeburt de» echten Eissportmanns erscheint der auf Rollen gestellte
„Sagtest Du ihr alles?"
„Ich sagte ihr, daß mein Vater lebt und irrsinnig ist, weiter nichts. Es soll das unsere Pläne nicht ändern, wir heiraten am 1. September."
Lady Helena trat hastig ein.
„Der Wagen wartet, Inez, wenn Du den Zug nicht versäumen willst, mußt Du sofort gehen. Soll ich Dich begleiten?"
„Nein, Tante," sprach Sir Victor, „ich begleite sie, kehre Du zu den Gästen zurück, sie fühlen sich sonst vernachlässigt."
Wenige Minuten später führte der Baron eine tiesverschleierte Dame an den Wagen und stieg mit ihr ein.
Als sie an dem Salonfenster vorüberfuhren, rief Trixy:
„Wer ist die schwarze Dame, mit der Sir Victor sortfährt? Du mußt es doch wissen, Edith.
„Ich tveiß es nicht."
„Hat er Dir'S nicht gesagt?"
„Ich habe ihn nicht gefragt“
„Shin, ich hoffe, daß mein Bräutigam einmal keine Geheimnisse vor mir haben wird. Wenn er nun durchginge. Siehst Du, wie schnell der Wagen fährt?"
Edith rührte sich nicht.
Inez erreichte mit Mühe den Zug. Als er vorübersauste, winkte sie Sir Victor ein letztes Lebewohl. Wie träumend bestieg dieser den Wagen wieder und fuhr nach Hanse.
15.
Lady Helenas Ball.
Am 5. Juni sollte auf PowyS Place ein großes Diner mit darauffolgendem Ball stattfinden.
Zahllose Gäste strömten in die strahlenden <3äk, um Sir Victor's Braut zu sehen. Die Verlobung war öffentlich angekündigt worden und bildete das LieblingSgespräch der Gegend. Sir Victor trat in des Vaters Fußstapfen und brachte in bürgerliches Mädchen als Gebieterin nach Ca-
RvyalS. Das Blut der Dobb machte sich
Läufer in den Skating-Rin gk moderner Großstädte. Für diese zuerst in Schottland aufgetauchte, bann über England und Amerika auch zu unS gekommene Erfindung würden sich unsere Dichter schwerlich begeistert haben. Mag man sie auf dem Theater, wie in der bekannten Eislaufszene de» „Propheten", und für die Kunstproduk. tionen der Varietes immerhin gelten lasten, mit dem einheitlichen Schlittschuhlauf und seinen Freuden hat diese» Herumrollen auf einer harten Zementbahn in geschlossenem Raume nichts gemein. Der einzig passende Raum für unseren Sport ist die freie, winterliche Natur mit dem ganzen Reichtum ihrer Reize, nur von ihr gelten Herders mit wundervoller Melodik den Zauber des Eislaufs malende Verse, die, in einem Skating Ring zitiert, wie eine Satire klingen würden, und die den Schluß unserer kleinen Skizze bilden mögen:
„Wir schweben, wir wallen auf hallendem Meer, Auf Silberkristallen dahin und daher.
Der Stahl ist unS Fittig, der Himmel das Dach, Die Lüfte sind heilig und schweben uns nach."
(:) Zchön-BSrbchen.
Von Johannes Buse.
(Nachdruck verboten.)
Die alte Eichhofbäurrin saß am geöffneten Fenster auf ihrem Altenteil, einem kleinen Stübchen, das ihr von ihrem Sohne und ihrer Schwiegertochter als Wohnung angewiesen war. Den Kopf in die Lederpolster des alten Sessels zurückgelehnt, ließ sie ihre Augen in die Weite schweifen, wo zwischen Lindenbäumen und Gebüsch weiße Kreuze und Denkmäler schimmerten. — Wie oft schon hatte sie sich nach dem stillen Gottesacker gesehnt, wo alle so friedlich dem großen Auferstehungstage entgegenschlummern, aber immer noch war der Sensenmann an ihr vorübergegangen. Und sie wußte, sie fühlte es ja, daß sie den jungen Leuten im Wege stand. — Ja, wenn's auf dem Eichhofe noch gewesen wär wie früher, wo ihr seliger Mann der Barthol, noch lebte. —
Der weitläufige Bauernhof konnte für ein Muster gelten. Kein Mißton trübte das gute Einvernehmen, das zwischen Herrschaft und Gesinde herrschte. Knechte und Mägde wurden gehalten, wie zur Familie gehörend, und selten kam ein Stellenwechsel vor. Glück und Segen schien auf dem ganzen Anwesen zu ruhen. Aber dann kamen die Jahre der Prüfung. Die einzige Tochter^starb an einem Lungenleiden: Franz, der älteste Sohn, erschlug auf dem Tanzboden im Zorne und in der Trunkenheit einen Bauernburschen. Um den Händen der Polizei zu entgehen, floh er ins Ausland. — Kurze Zeit nach dieser Tat starb der alte Eichhofbauer, man sagte aus Gram und Aerger, und Anton, der jüngere, wurde nun Hofherr. An der alten Bäuerin ivaren diese Schicksalsschläge nicht spurlos vorübergegangen, zusehends bleichten ihre Haare und Furche auf Furche grub sich in ihr Gesicht. Und dennoch war ein herber Schlag ihr aufgespart. — Zwei Jahre waren seit dem Tode des alten Bauern verstrichen, als Anton eines Abends der Mutter feine demnächstige Verheiratung mitteilte. Zwar hatte sie oft im Stillen gewünscht, Anton möge sich nach einer tüchtigen Ehefrau umsehen, als sie jedoch den Namen ihrer zukünftigen Schwiegertochter erfuhr, da war's ihr doch, als ob sich eine kalte Hand auf ihr Herz gelegt habe. Sie bat, sie beschwor ihren Sohn, von dieser Person abzusehen, sie schlug ihm andere passende Partien vor, allein all ihr Bitten und Flehen war umsonst, Anton ließ sich von seinem Vorhaben nicht abbringen. Sie bangte vor der Zukunft, doch was konnte sie anders tun, als ihr Geschick der göttlichen Vorsehung anheimstellen.
Und Schön-Bärbchen, wie die Braut allenthal-
ben genannt wurde, kam als Bäuerin auf den Eich- Hof. Barbara, tote ihr richtiger Name toar, war die Tochter eines durch seine eigene Schuld heruntergekommenen Bauern: aber modern war sie erzogen, sogar ein Pensionat hatte sie besucht und Klavierspielen gelernt. An Heiratsgut brachte sie nicht viel mit auf den Eichhof, wohl aber ein Klavier und einen Kopf voll hochfliegender Pläne. Auf dem Hofe wurde alles nach ihrem Willen geändert. Das Gesinde wurde bei den Mahlzeiten von der Herrschaft getrennt, ein Herrschaftszimmer wurde eingerichtet und ein Salon, in dem auch das Klavier seinen Platz fand. Anton schwieg, ihm war es recht ,was seine Frau wollte, er hatte ja Schön-Bärbchen, das schönste Mädchen im ganzen Dorfr, bekommen. Wohl hatte die junge Bäuerin ein hübsches Gesichtchen, aber ihr herrisches, stolzes Wesen sprach aus allen ihren Worten und Geberden, und Mägde und Knxchte hatten nicht wenig hierunter zu leiden. Und als die alte Bäuerin es eines Tages wagte, ihre Launenhaftigkeit und Herrschsucht zu rügen, wurde ihr von Sohn und Tochter das Urteil gesprochen: sie mußte auf das Altenteil.—Schön-Bärbchen hatte es bei ihrem Manne durchgesetzt, daß die alte Mutter in das kleine Stübchen verbannt wurde. Sie stand ihr ja schon lange im Wege, und am liebsten hätte sie wohl gesehen, wenn man sie unter die Friedhofslinden gebeitet hätte. — Mit wundern Herzen, doch geduldig, ohne Klagen, fügte sich die alte Bäuerin in ihr Schicksal. Die einzige Freude, die ihr im Laufe der Zeit noch lächelte, war, wenn sie sich mit dem kleinen Enkel, der ein Jahr nach der Hochzeit der jungen Leute auf dem Eichhofe eingezogen war, unterhalten konnte. Und nun war der kleine Kerl drei Jahre alt. Obwohl es ihm die Mutter schon verboten, so eilte er doch in unbewachten Augenblicken zur Großmutter, an der er mit ganzer Liebe hing: stets war das kleint A Mündchen in Bewegung, immer wußte Fritzchen der Großmutter neues zu erzählen. Und eines Tages war er gekommen und hatte erzählt, abseits über dem Pferdestall habe der Vater ein Stübchen bauen lassen, da hinauf solle die Groß- mutter, das Großmutterstübchen wolle die Mutter haben. —
Da wachte die alte Bäuerin aus ihren Träumereien auf. Er war ja wieder da, der kleine Springinsfeld. Mit den Worten: „Großmutter, der Vater und die Mutter kommen I" sprang er in das Stübchen, auf die Ahne zu.
„Der Vater und die Mutter?" kam es fragend von den Lippen der Alten. Das hatte sicher etwas zu bedeuten. Noch ehe sie sich die„ Antwort auf ihre sinnende Frage geben konnte, öffnete sich die Tür ihres Zimmers und in der Oeffmmg derselben erschien Anton und Schön-Bärbchen.
„Wir kommen, um uns einmal Dein Stübchen anzusehen", nahm Anton das Wort, während seine Augen die Wände musterten.
Erstaunt blickte die Greisin zu ihrem Sohne auf. „Mein Stübchen besehen? Ich denke, das wäre Dir bekannt genug, es war des seligen Vaters Schlaf- und Sterbezimmer."
Anton überhörte die Antwort. „Dann müßte also diese Wand fortgebrochen werden", wandte er sich an seine Frau, die seine Worte mit Kopfnicken beantwortete.
„Du sprichst von Wandfortreißeu", sagte mit bebender Stimme die alte Mutter, „was soll das bedeuten? — Ich verstehe Dich nicht."
„Die Mutter will's haben", plauderte arglos der kleine Fritz, der sich an die Knie der Großmutter gelehnt hatte.
„Was sprichst Du da, nichtsnutziger Bengel? — Marsch, mit Dir hinaus, hier hast Du nichts zu tun.“ Mit zorngerötetem Gesicht trieb Schön- Bärbchen den weinenden Knaben zur Tür hinaus. — „Weiß Gott, was der Junge ihr alles schon erzählt hat", wandte sie sich bann an ihren Mann."
geltend. Eine arme Verwandte reicher Bürgersleute aus Amerika. Die töchtergesegneten adeligen Familien schüttelten das Haupt. Es war traurig, ein altes Geschlecht so entarten zu sehen. Aber in dem Blute der Catheron lag die Anlage zum Wahnsinn, und das erklärte diel. Arme Lady Helena.
Alle Familien der Gegend aber kamen dennoch zum Feste. Sir Victor war immer der reichste Baron der Grafschaft und seine Gemahlin eine nicht zu verachtende Bekanntschaft. Zudem trieb sie die Neugier, das amerikanische Mädchen zu sehen, das Sir Victor wie im Sturme erobert hatte.
Selbst Trixy war nervös, wenn auch nur wenig, denn Selbstbeherrschung ist der Amerika»- rinnen erste Tugend.
Lady Helena war ganz bleich. Wohl war Edith schön und gut erzogen, stolz wie eine Fürstin: wie aber würde sie sich benehmen unter all den mitleidlosen Blicken, die jede Bewegung b^vachtrn, beit herzlosen Zungen, die sofort einen Feldzug gegen sie eröffnen würden?
„Fühlst Du Dich nicht aufgeregt, Dithy?" fragte Trixy, „fürchtest Du Dich nicht?"
Edith hob verächtlich das dunkle Auge.
„Ich sollte mich vor den Leuten fürchten, die heute kommen? Warum nicht gar. Ich weih so gut wie Du, daß sie kommen, Sir Victor's Wahl zu kritisieren, ihn zu bedauern, mich eine Aben, teuerin zu nennen, weiß auch, daß jede bet Damen ihn felbst gern geheiratet hätte, daß ich seinen Geschmack und meinen eigenen Wert zu verfechten habe. Ich hoffe jedoch, zu bestehen und selbst den Vergleich mit den Grafentöchtern bet Licht aus- zuhalten.
„Bei Licht, das ist's je gerade, bei Licht seid ihr Brünetten immer schöner. Möchte wissen, tvas Lady Arabella Drexel heute tragen wird? Ich möchte gerne bie schönstgekleidete. Dame sein. Weißt Du, Edith, daß Rudolf von Lady Arabella gefesselt ist? neulich war er ja nach Drexel Court
gebeten. Papa sähe es gern und es klänge wirklich gut, in New-York zu sagen: „meine Schwägerin Lady Arabella Stuart." Ich hielt eS für eine sehr passende Partie für Rudolf."
„Wahrhaftig, eine sehr passende Partie! Sie ist zehn Jahre älter als er, waS aber macht eine solche Kleinigkeit, wo treue Liebe besteht? Er hat Geld, sie Rang, er ist hübsch und reich, sie hochgeboren und trägt einen schönen Namen. Wie gesagt, eine höchst passende Partie."
Wieder beugte sich Edith über ihr Buch, ihre Stirn aber wurde finster, der Inhalt mochte ilw
mißfallen.
„Lir» doch nicht den ganzen Tag," rief Trixy ungeduldig, „es ist die höchste Zeit, Dich anzu- kleiden. Was trägst Du?"
„Ich weiß es noch nicht; tm Grunde ist t» einerlei, ich will in allem gut aussehen."
Als die Wagen vorfuhren, trat Edith kampf- qerüstet aus ihrem Zimmer. Sir Victor erwartete sie an dem Fuß der Treppe.
„Gefalle ich Ihnen, Sir Victor?"
Er sah sie an wie geblendet. Weiße und rosa Wolken schienen sie zu umhüllen: er wußte nur, daß zwei braune Augen ihm entgegenlachten.
„Glauben Sie, daß Sie sich meiner nicht zu schämen brauchen?" fragte sie.
„Schämen!"
Er lachte darüber und führte sie stolz i» die vollen Säle.
„Ich will in allem gh^ aussehe»," hatte sie gesagt und Wort gehalten. -
Sie trug ein weißes Tüllkleid unb Rosen, um den Hals schlang sich eine golbene Kette mit dem diamantenumstrahlten Bilde Sir Victors. An ihrem Bilde blitzte der VerlobungSring. So schien sie, wie von Wolken umhüllt, und ihr dunkle» Auge übertraf der Diamanten Gefnnkel. Lady Helena atmete bei ihrem Anblick erleichtert auf. Beatrice feufgte. (Fortsetzung folgt.)