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HMaer W Zeitung

monotsbdlage: „Zlll-Stt GeschichtrblStt«

roochewbeflage: „ZlluftriertcSonntagrzeltung"

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Fulda, Mittwoch den 5. Dezember 1906.

JA 279

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«»eUtt tätzli». mtt Sn,nehme bei Son» ob.seiet lege Viertel- ßShnSezng,preis ohne Brtngerlobn end Be»elgelbin$nlbaunb tnswfrts 1M! 50 Pfg.

Zweites Wlatt.

IVtachdruck verboten.)

24]

Millionen Mark. Auf die fortdauernden Aus­gaben entfallen 88 Millionen und auf die einma­ligen 6y3 Millionen. Darunter befinden sich 2 Millionen zur Vermehrung der Betriebsmittel. Zu demselben Zwecke werden im außerordent­lichen Etat 18y2 Millionen gefordert, die im Laufe von 30 Jahren aus den ordentlichen Einnahmen getilgt werden sollen. Die Höhe der diesjährigen Aufwendungen für Betriebsmittel erklärt sich aus »er ungewöhnlichen Zunahme des Verkehrs, welche ne Beschaffung von 126 Lokomotiven und 1700 Gepäck- und Güterwagen erforderlich machte, so­wie auS der Einführung der vierten Wagenklasse. Auch in dieser Verwaltung sind zahlreiche Perso­nalvermehrungen beabsichtigt.

' . 8. In zwei Booten.

, Früh am nächsten Morgen bestiegen unsere Touristen den Wagen: sie saßen wie Tags zuvor, Sir Victor neben Beatrice, Rudolph neben Edith. Aber des Barons Düsterheit war vorüber, Hoff­nung erfüllte fein Herz. Er war ein bescheidener Mann: daß die arme Amerikanerin unter ihm stand, bedachte er nicht, daß sein Rang, fein Reich­tum sic bceinflessen könnte, träumte er nicht.

i Es war ein herrlicher, wolkenloser Tag voll frischer Gebirgsluft und prächtiger Gegend. Wilde Täler, bemooste Felsen, donnernde Gießbäche, bar­füßige Kinder, Menschen und Tiere unter einem Dach, Schmutz und Armut, wie sic es nie erträumt batten.

„Mein Gott, wie kann man denn so erbärmlich leben", rief Edith.

„Deines Lebens Gespenst scheint die Armut zu fein", sagte Rudolph, „ich wette, die Leute esten, trinken, lieben, heiraten, und sind glücklicher wie wir."

„Welch' törichte Redei Heiraten und find glück- lichl Sie heiraten wohl, in der Ecke grunzt ein Schwein und jede Hütte wimmelt von Kindern »—.aber glücklich!"

„In Deinem Wörterbuche sind Armut und Elend synonym."

„Synonym! kein menschliches Uebel kommt Armut gleichI" —

Spät abends erreichen sie Killarney.

Ueber dem herrlichen See strahlte der friedliche ..Mond, Der Szene Schönheit spottete aller Worte.

Dem amcriianische» Originale der Mrs. May Agnes Fleming nacherzähst von Lina Freifrau von Berlepsch.

nommen, ließ fie ahnen ,daß man zu schweigen l^abe.

DaS Frühjahr war gekommen. Von KriegS- nöten hatte man in der weiten Heide nichs ver- pürt. Da gab es für die Söldner nichts zu rau­ben, für die Pferde nichts zu frefien. Aber daß eS draußen schlimm, gar schrecklich schlimm zuging, das wurde man auch in der Einöde gewahr, als eines Tages ein großes, starkes Mädchen, weit oben aus dem Paderbornischen kam, die Nichte der Bauersfrau. Vater, Mutter und Brüder waren von den Schweden erschlagen, das Vieh getötet, das Höflein in Asche gelegt. Daß das Mädchen ich durchgeschlagen auf so weite Ferne, — sie selbst sagte — das sei wunderbar und nur des Herr­gotts gnädiger Führung zu verdanken.

Als der Frühling gekommen und die Stare von den Eichen des Kampes (In Westfalen ist jedes einzelnliegende Gehöft von einem kleinen Wäldchen umgeben: meist Eichen. Das und die kleine Rasenfläche ist der Kamp.) herunter sangen und jubilierten und die Lerchen über der weiten Ebene trillernd in den blauen Himmel em« porstiegen, da wollte der Reiter eigentlich fort: entweder sich durchschlagen zu den Kaiserlichen, wo immer sie seien, oder nach der Heimat. An der Donau schien ja die Sonne viel goldiger und wär­mer als über Heide und Moor.

Aber der Reiter ging doch nicht. Das große, starke Mädchen batte eS ihm angetan und noch fleißiger war er denn je.

Dann kam es zum Herbst. Nun sagte er ihr, daß er wieder kommen werde, sie heimzuführen in sein schönes Oesterreich: ober erst müsse er ein kleines Nestlein für zwei Glückliche bereiten. Lange lange hat sie ihm nachgesehen und nachgewinkt, als er im Baucrnrock, den langen Eichenstab in der .Hand, mit großen Schritten über die Heide gegen Süden zog.

„Danke. Natürlich liebe ich mich selbst am meisteu, das gebe ich zu, hernach "

„Nun hernach?" .

„Kommst Du. Sei ruhig, Rudolf, Du wirsst sonst das Baot um. Worum sollte ich Dich nicht lieben? bist Du nickt mein Vetter, verdanke lch Dir nicht all mein Glück? O, ich segne jene Nacht int Schnee, fie war die glücklichste meines Lebens.

„Und die unseligste des meinen. Edith, ver- ständigen wir uns, und wäre es selbst auf Koste» einer Trennung." ,.

Sie erbleicht, tvendet sich ab und blickt hinaus über das schirnnternde Wasser. Früher oder später hatte es kommen müssen, jetzt war eS da

Er beugt sich auf die Ruder, sie schaukelt leise dahin. ,

„Ich brauche Dir nickt zu sagen, daß ich Dich liebe," fuhr er nach kurzer Pause fort, „Du weißt es zur Genüge, und ich hoffe. Du hast für mich ein antwortendes Gefühl. Sei wahr gegen Dich selbst, Edith, willst Du mein Weib werden?"

Leidenschaftlich zittert es in feinem Tone, aus seinen Augen, aber treu dem Grundsatz, ferne Szene zu erregen, bleibt er bei den Rudern fitzen.

„Sprich, Edith, vergiß den Cynismus, der Dir ja dock nicht vom Herzen kommt, und sag', daß Du mein sein willst, mein, dessen Leben Du gerettet!

„Dein?" lachte sie, ihr Herz aber erbebt „es wäre schön, aber es kann nicht sein."

„Edith!"

„Wir sind Verwandte, Rudolf, gute Freunde, | werden es immer sein — aber lieben — nein." 1 „Und iveshalb?"

„Hab' ich Dir das nicht schon ost gesagt, wenn Du mich nock nickt für herzlos hältst, ist es meine Schuld? Ick weiß, was ich mit meinem Cynis­mus will.

„Hättest Du Deines Vaters Vermögen, ich würde Dick morgen heiraten und das glücklichste Weib der Welt fein."

„Din ick Dir also nickt ganz gleichgiltig?"

„Gleichgiltig? siehst Du nicht, Rudolf, ich bin I nicht ganz egoistisch, ich liebe Dick so, daß ich lieber

0 St. Nikolaus.

G. v. Sandoz.

(Nachdruck verboten.)

ES war am St. Nikolaustage des Jahres 16 . . während des schrecklichen dreißigjährigen Krieges, >a wurde in der Nähe der Veste Recklinghausen I ein halbes Regiment Kaiserliche Kürassiere von zwei Regimentern Schweden in einen Hinterhalt gelockt und völlig zusammengehauen. Nur ein­zelne Reiter entkamen, nach allen Seiten aus- einandergesprengt. Einer der wenigen sloh nord­wärts und kam in ein Dorf an der Lippe. Aber es war seines Bleibens dort nicht. Die Bauern waren zwar der alten Religion treu geblieben und hätten sich des österreichischen Glaubensge- nossen wobl gern angenommen, aber Not macht hart und selbstsüchtig. Die Bauern wußten zu gut, daß zur Zeit die Schweden die Oberband n der Gegend hatten und so waren sie denn schwe- j disch gesinnt und jagten, um nicht für Mitleid j von den Schweden büßen zu müssen, den kaiser­lichen Reiter mit Mistgabeln und Dreschflegeln von dannen und direkt in die Lippe hinein.

Der Fluß ging nur mit ganz leichtem Eis und hatte niedrigen Wasserstand und so trug das treue Roß feinen Reiter halb watend, halb schwimmend glücklich an das gegenseitige Ufer.

WaS nun? Der Reiter hatte gesehen, daß er in den Dörfern kein Obdach, kein Erbarmen finden lverde Wohin in der fremden verschneiten Ge­gend? „Heiliger Nikolaus!" seufzte der Einsame, während das totmüde, dampfende Roß schwer­fällig dahinstampfte. „Heiliger Nikolaus so werde ick an meinem Namenstage, an deinem Fest­tag, in der Fremde und Einöde wie ein gehetztes Tier elend umkommen müssen."

StA zogen beide weiter, einem ebenen, aber rauhen Pfade nack. Links ließe» sie eine Reihe dunkler Waldhügel liegen, die im fahlen SBintcr- abendrot ungastlich zu drohen schienen. Dann ward es dunkler und dunkler: einsam, verlassen waren beide. Kriegselend l

Wie lange er geritten, wußte er wirklich nicht. Seine Gedanken toaren nach Süden geschweift. Dort rauschten die Wogen der Donau um die felsigen Gestade, auf die lang hin und steil den Berg hinan das heimatliche Dorf sich genistet hatte. Oben ragten phantastisch im Mondschein mächtige Trümmer der alten Burg und unten blitzten die Lichter ans den kleinen Weinbauern- und Hand- werkerhäuscken. Und da — er sah es ganz deutlich und lachte dabei leis vor sich bin — da schlürfte eine würdige graubärtige Gestalt, in Mantel und Kapuze gehüllt, von Haus zu Haus und brachte den Kindern ernste Mahnung, ober anck allerlei kleine Gaben, die die roten Kinderbacken noch roter glühen, die hellen Augen noch heller strahlen ließen. „St. Nikolaus" seufzte der Reiter weh­mütig. „Mir hat er immer so viel gebrockt, weil ich sein Namenstagskind bin, und heute — ach

Am dm KnchshaiishMetat fit 1907.

Die Beratungen über den Reichshaushaltsetat für das nächste Jahr sind im Bundesrate jetzt so weit gediehen, daß amtlich nunmehr nähere Mit­teilungen über seine Gestaltung gemacht werden. Die „Nordd. Allg. Ztg." begann am Dienstag mit der schon feit einigen Jahren üblichen Veroffent- lichung von Auszügen aus demselben.

Sie macht den Anfang mit dem Etat für daS Reichsjustizamt, welcher in Ausgaben 2 417 690 JK. 62 145 M mehr als in diesem Jahre vorsieht. Für das R e i ch s g e r i ch t werden zwei neue Ratsstellen gefordert. Der Etat des Re: chs» eisenbahnamtes schließt in Ausgabe nut 430 300 ab und fordert 1600 <4t als Jahres­beitrag zu den laufenden Kosten des internatio­nalen Eisenbahnkongresses. Im Etat des Rech­nungshofes werden infolge der Zunahme der Geschäfte acht neue Stellen für Revisoren infolge der Zunahme der Geschäfte gefordert. Als Aus­gabe sind 1019 382 <M eingesetzt.

Sehr umfangreich sind die Ausgaben, welche aui dem Etat der Reichspost und Telegra­phenverwaltung gemacht werden. Die ordentlichen Einnahmen erreichen eine Höhe von über 610 Millionen, übertreffen also das laufende Jahr um mehr als 58 Millionen. An ordentlichen Ausgaben stehen ihnen 528 Millionen gegenüber, welcher Betrag um 41 Millionen Mark höher ist als im letzten Jahre. Darnach ergibt sich also ein Ueberschutz von 82 Millionen Mark, das sind 17 Millionen Mark mehr als 1906. Im außerordent­lichen Etat sind fast 45 Millionen Mark als sechste Rate für Fernsprechzwecke eingesetzt. Die fort­dauernden Ausgaben des ordentlichen Etats betra­gen fast 512 Millionen Mark und haben um über 40 Millionen Mark zugenommen.

Bei den einzelnen Verwaltungen sollen zahlreiche neue Stellen geschaffen werden. AuS einem weiteren Kapitel ist erwähnenswert, daß ein neuer Titel eingesetzt wurde, welcher mit 50 000 <41 dotiert ist und Beihilfen zur Herstellung und Unterhaltung von GenefungsHeimen enthalten soll, die von Beamten und Unterbe­amtenvereinen der Reichspost und Telegraphen- aerwaltung errichtet werden. Die einmaligen Ausgaben des ordentlichen Etats erreichen einen Gesamtbetrag von 16 Millionen Mark und sind eine Million höher, als im laufenden Jahr. Bei denselben werden neue Raten zu zahlreichen Bau­ten beziehungsweise zum Grunderwerb in ver­schiedenen Städten gefordert und zwar für Dienst- gcbäubc in Bruchsal 110 (XX) <M, in Düren 150 000 <4t, in Duisburg 115000 JK, in Duisburg-Mei- derich 256 000 <41, in Heidelberg 90000 <*, in Herbestal 100000 JK, in Höchst 270000 <41, in Limburg a. L. 107500 M, in Remscheid 280 000 <4t und in Schwerte a. d. Ruhr 214 000 JK. Wei­ter sind zur Erwerbung vorn Grundstücken vorge­sehen in Danzig 246 640 <4t, in Ems 226 810 <41, in Essen 78453 <41, in Gelsenkirchen 915 000 JK und in Mannheim 213222 <41.

Der Etat der Reichsdruckerei veran­schlagt den Ueberschuß auf 3% Millionen Mark, während die Ausgaben auf 6% Millionen sich stellen. Der Ueberschuß beträgt V2 Million Mark mehr als im laufenden Etat. Der Etat der Reichseisenbahnen berechnet die Einnah. men des ordentlichen Etats auf rund 118 Millio­nen Mark, iby» Millionen Mark mehr als 1906. Dagegen stellen" sich die Ausgaben auf 95 Millio­nen und übertreffen die diesjährigen um 7 Mil­lionen. Der Ueberfchuß beträgt somit fast 2l

Gott! eS wird wohl nur einen elenden Tod ge­ben."

Da plötzlich scheint daS Pferd hin und her zu taumeln, es sinkt mit den Vorderhufen ein, es be­ginnt ängstlich und aufgeregt zu stampfen — aber vergeben. Tiefer und tiefer finkt es ein, das Moor hat das Tier gefaßt und läßt es nicht wieder loS. Rasch war der Reiter ab- und zurückgesprungen, hatte sesten Grund unter die Füße bekommen, aber seinem braven Roß konnte er nicht helfen; schneller und schneller versank es in der eklen schwarzen Masse, nachdem die dünne Eiskruste einmal zertrümmert war. Noch ein gellender Schrei und dann war das Pferd verschwunden.

Starr und wie von Sinnen blickte der Reiter auf das gräßliche schwarze Loch mitten in der un­übersehbaren weiten Schneefläche. Das war der । Tod! Aber wo war der Tod nickt in dieser graust- gen Einöde? Unter jedem Schritt konnte er lauern. „Herr Gott! Soll ich so zu Grunde gehen? Und ich bin doch nie ein roher und räuberischer Reiter gewesen. Nur um für Kaiser und Glauben zu fechten, bin ich in den Krieg gezogen.....©

heiliger Nikolaus....."

Plötzlich hatte er inne gehalten. Es mar tbm, als hätte er fernher ein Licht aufblitzen sehen. Ja. er täuschte sich nicht! Dort strahlte matt und sttll ein Licht Nock einen wehmüigen Blick warf er auf das düstere Grab seines treuesten Krieaskame- I roden und dann: „Mit Gott! Heiliger Nikolaus bitt für mich!" Und der Reiter fchritt vorsichtrg dem fernen Strahle zu.

Nach fast einer Stunde ganz langsamer, be­dächtiger Wanderung durch das weite Schnee- gesild, stand er ganz nahe am Lickt. Aus der Nackt heraus schienen ihm die Umrisse eines klei­nen Bauerngehöstes, von großen Eichen auf der West- und Nordseite umgeben, entgeaenzutreten. Und ein kleiner sckarfer Hund stellte sich mit fei- I nein wütenden Gebell an, als wolle er den Frem­den zerreißen. Ein echt westvhälischer (Bauern- köter, damals wie heute: ruppig, scharf und treu.

Eine große hagere Gestalt, bartlos mit langem Gesicht tritt ans der Tür, um zu sehen, was der Hund habe. Da ist der Reiter schon an seiner Seite, schiebt den Bauer beiseite und drängt sich auf die Deele. (Flur und Aufenthaltsort für dre Hausgenossen.) t.

| „Der heilige Nikolaus!" flüsterten dre bret Kinder und staunen den schneeflimmernden großen Mann mit dem blanken Panzer, der unter dem weißen Mantel hervorblitzt, dem Helm, tote er tm roten Kienspanschein golden schimmert, bewun­dernd an.

„Nickt der heilige Nikolaus bin ich, aber lein armer, ganz armer Nikolaus!" wendet sich I der Reiter an Bauer und Bäuerin. „Nehmt mich I auf ein paar Tage um Gottes und der Gottesniut- I ter und des heiligen Nikolaus willen!" I Bauer und Bäuerin sahen sich halb erstaunt, halb mißtrauisch an. Dann aber gab es Rede und I Gegenrede und — Nikolaus blieb. Alles, was an bett Kriegsmann erinnerte, wurde tief im Heu ver- borgen, die Goldstücke des Reiters, mühsam er- I sparter Sold, im Gärtchen Vergraben.

Der Winter verging. Er blieb sehr mild und der neue „Knecht" war unermüdlich tätig, benach­barte Heide zu bocken, zu ebnen, Moor zu brennen und die Asche als Dünger auf die urbar gemachten Flächen zu streuen: kurz, Fruchtboden zu schaffen. Ztvei ober drei Goldstücke, vom Bauer in der nur einige Stunden entfernten Stadt Coesfeld vor­sichtig gewechselt, machten, daß der „Knecht" nicht auf dem Beutel und dem Mehlfack der Gastgeber I lag. —

Wohl hatten die einsamen Heidebaueru neu­gierig wegen des „Knechtes" gefragt. Aber bte Antwort, daß man ihm „um Gottes, der Mutter­gottes und des heilige» Nikolaus willen" aufge-

Sie standen am Wege und betrachteten schweigend die wunderbare Gegend.

„Dort sind Boote," sprach Sir Victor endlich, „ich schlage eine Wasserfahrt vor."

„O ja, ja!" rief Trixy begeistert, „eine Fahrt auf dem Killarney-See, Edith, kannst Du's fassen?"

„Willst Du mit mir fahren," wandte Rudolf sich an seine Kusine, „ober gehst Du lieber mit den anderen?"

„Mein Gott, wie artig Du auf einmal wirst, wie bedacht auf anderer Gefühle: es ist wirklich § eine ganz neue Seite Deines interessanten Charak-1 terS. Natürlich gehe ich mit Dir: Rudolf Stuart, fromm wie ein Lamm, ist ein betrachtenswerter | Gegenstand."

Er bot ihr lächelnd den Arm.

„So seien wir den letzten Abend vergnügt bei­sammen."

„Den letzten Abend! was fällt Dir ein? wen» Du auf Flucht ober Selbstmord sinnest, so sag's, Ungewißheit ist lästig. Niemand hat etwas dage­gen, falls Du Strychnin nehmen willst, ich würde nur bedauern, wenn ich Trauer tragen müßte."

Der Baron und Trixy hatten sich bereits vom Ufer entfernt. Noch ein drittes Boot toar abge- stoßen, in ihm befand sich ein junges Mädchen mit einer Guitarre, ihre liebliche Stimme fcholl über den See und fand in den Bergen ein hundert- stimmigeS Ecko.

‘ Edith blickte auf zum Sternenhimmel.

„O welche Nacht! wie fchön ist die Welt, wie glücklich könnte man sein, wenn--"

„Man jährlich dreißigtausend Dollar Rente hätte!"

„Ja. Warum kann das L-chen nicht so fein, warum kann man nicht alles haben, was das Herz begehrt, und einen Gefährten, den man recht gern hat."

Den man recht gern hat? O, Edith, oft frage ich mich, ob Tu mich gern hast, ob Tu überhaupt Jemand, als Dich selbst, lieben kannst?"

Es war am Vorabend des St. Nikolaustages, als ein schlanker junger Mann rüstig von der festen Stadt Coesfeld her nach Norden schritt. ES dämmerte sckon stark, als er durch den spärlichen Wald auf wüstem Pfade dahinwanderte und Nacht war es geworden, ehe er in die offene Heide hin- auslangte. Doch hemmte er feine Schritte nicht, er kannte ja Weg und Steg vollauf, um fest gehen zu können. Immer rascher wurde sein Gang, je näher er dem einsamen Bauernhösleiu kam. Hell und freundlich strahlten die Augen auf, sobald er das Licht durch die kleinen Fenster schimmern sah. Und das Jubeltzebell des kleinen KöterS hätte er fast mit einem lauten Juchschrei beantwor­tet. Doch nein! er wollte überraschen.

Leis öffnet er die schwere Tür und tritt in die Flur. Das Licht blendet ihn, der aus der Nacht bereinteitt. Es waren ja auch eine ganze Zahl Lichter! Und in der Flur stand — ein offener Sarg, um ihn der stillbetende Bauer und die still- weinende Bäuerin, und im Sarg — lag das große starke Mädcken, um deretwillen er den sonnigen Süden verlassen und nach dem rauhen Norden geeilt war.

Wie eine schwarze, böse Wolke legte sich der Gedanke über ihn: Wärst du doch damals mit samt deinem treuesten Kriegskameraden im Moor versunken! Ganz langsam löste sich der Bann. Still sinkt er in die Knie, kaum hörbar stöhnt er, und schließlich betet er leis für sich hin.

Dann erzählt er den Bauersleuten, wie ihm alles so schön in ber .Heimat geglückt, wie er durch ein zufälliges Erbe ein kleines Anwesen zu kaufen in die Lage gekommen und er bann gelaufen und gelaufen sei, um feiner Braut bie fröhliche Kund« am Nikolausabend als Nikolausgeschenk bringen zu können.

ftürbe, als Dich heiratete. Ich würde Dich nur unglücklich machen."

„Mein Vater liebt mich, er ließe sich erweichen." „Nein. An dem Tage, wo et in Cork mit Dir sprach, las ich hinter den Gardinen. Mein erster Gedanke war, vorzutreten, seine Gunst zurückzu- toeifen und zu bitten, er möge mich heimschicken, als ich aber Deine ruhige Antwort hörte, ver­rauchte mein Zorn. Ich und Fred Darrell's Toch­ter heiraten nicht, sagtest Du, und ich bewunderjE^ Deine Ruhe und Wahrheit. Dabei wollen totr bleiben. Du und Fred Darrell's Tochter werden sich nickt heiraten. Ick glaube von Dir nur Edles Ich tveiß. Du würdest Deinem Vater mutig ent­gegentreten, wenn ich es duldete. Du sollst ihm aber nicht trotzen und ich will keinen armen Mann heiraten."

„Ich bin jung, stark und kann arbeiten, habe Hände und Kopf, eine gute Erziehung und viele Freunde, wir würden nicht hungern."

„Nicht hungern?" wiederholte Edith mit trau­rigem Lächeln, „vielleicht nicht, aber wir würden ohne allen Komfort dahinleben und namenlos elend sein. Du kannst nicht arbeiten, bist nicht dazu erzogen, und ich kann, selbst um Deinetwillen, dem Ziel meines Lebens nicht entsagen."

„Du kannst das nicht," sprach er bitter.

„Und so," fuhr sie gesenkten Hauptes fort „zürne mir nicht, einst wirst Du mir's danken. Komin, laß uns nicht mehr davon sprechen. Siehst Du denn nicht, daß wir unter den gegebenen Ver­hältnissen nickt glücklich fein können, daß wir folg­lich bester uns trennen?"

„Ich bin ein schleckter Redner und Derne So- phistik ist so klar, daß jeder sie verstehen muß. Du wirfst mich ohne Schmerz über Bord und willst den Baron heiraten. Noch aber bist Du nicht fein Eigentum, noch nicht erkauft mit feinem Gelbe, antworte mir denn, ob Du mich liebst?"

Ihr Haupt sank tiefer, das Ange füllte sich mit Tränen, ihr Herz war voll Weh. „Ihn ohne Schmerz über Bord werfen! Edith wußte, waS es sie kostete, gerade jetzt herzlos zu sein.