mit Ausnahme Oer Sonn« rnio.viedage. Durtel« jäl)n. BtiUQsprets »f;ne Bringtrio bn unO Ben tUgtlO in Rulba und auswärts! Mi 50 psg.
Derantwortlifcet Schriftleiter: 3. Baum; für Oie »n,einen 3- Parzeler in .RnlOa
Zul-aer
tDodienbdiagc.^nuftrierteSonntagsjeihing"
Lnze wen: Vie eft fpaltiqe pe> itzeile oder deren Hai m 15 Psg. Reflamen >ie petitzeiie 25 Pfq.; bei wieder« tzolunatu wird entfpt.
Haban cewahru
BetattonsOrud e. Verleg Oer «uldaer He» tiendr tderei in SutOa. Zen fprecher Nr. 9.
M 259.
Fulda, Samstag den 10. November 1906.
33. Jalirqanq.
Zweites Mtatt.
1905 gemachten Zusagen nicht mehr länger hin- ausgezögert wird. Was die sonstigen Vorlagen betrifft, die noch zu erwarten sind, so ist man vorerst lediglich auf Vermutungen angewiesen. Die Regierung beabsichtigt, nicht mehr Gesetzentwürfe in Einlauf zu bringen als der Reichstag in dieser Session noch erledigen kann. Leider ist dadurch die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß verschiedene Wünsche nicht berücksichtigt werden, während andere Gesetzentwürfe in den Augen der Regierung für dringlicher erscheinen. Diese Möglichkeit toürb auf die Arbeitsfähigkeit deS Reichstags nicht besonders förderlich einwirken. Deshalb halten auch wir dafür, daß in dieser Hinsicht das letzte Wort noch nicht gesprochen ist.
In Oesterreich ist die Ausschußberatung über die Wahlreform nunmehr zu Ende gediehen. Noch vor kurzer Zeit hat man ein solches Resultat nicht für möglich gehalten, da allenthalben neue Schwierigkeiten dem Reformwerk entgegen gestellt wurden. Mit diesem Ausgang hat das Ministerium einen ziemlichen Erfolg errungen; damit ist jedoch noch nicht gesagt, daß die Wahlreform schon unter Dach gebracht ist. Noch hat sie die zweite Lesung im Plenum des Abgeordnetenhauses durchzumachen. Aber ein Dringlichkeitsantrag sorgte dafür, daß die Frage vorweg behandelt wird, sodaß eine Obstruktion nicht allzusehr in den Vorder, gründ treten wird. Es kommt hinzu, daß die Gegner der Reform bei einem ferneren Widerstand Schaden für sich selbst befürchten, sodaß die nun folgenden Verhandlungen einen ruhigeren Verlauf versprechen. Dagegen ist das Ministerium noch vor zwei andere Fragen gestellt; es braucht noch die Rekruten und eine Verlängerung des Budgets bis zum Juli nächsten Jahres. Doch haben sich auch in diesen Fragen die hochgehenden Wogen schon etwas geglättet, sodaß wohl mit ernstlichen Schwierigkeiten nicht mehr zu rechnen sein dürfte.
In Frankreich ist das neue Ministerium mit seinem Negiarungsproaramm vor der Kammer erschienen. Fast zwei Wochen bat es sich Zeit genommen, um feine Erklärung auszuarbeiten. Das Programm ist scharf radikal, aber auch sehr stark auf den sozialistischen Ton gestimmt. Es entspricht ganz und gar dem Dranfaängertmn Clemenceoi's, welcher setzt der eigentliche Leiter der französischen Politik ist. Vor allen Dingen ist erwähnenswert, daß die neue Regierung in ihrem Programm sich zu dem Bestreben bekennt, den europäischen Frieden aufrecht zu erhalten; dabei denken aber die sozialistisch-radikalen Staatsmänner nicht im mindesten daran, die Wehrkraft der Republik abzuschwächen. Von Abrüstung ist in ihrem Programm mit keinem Worte die Rede. Für die innere Politik verbeißt die ministerielle Erklärung eine weitere Demokratisierung des Staatswesens; die Kriegsgerichte werden aufgehoben, die Todesstrafe abaesckafst. Die Kirchen- volitik wird selbstverständlich in der bisherigen Weif? fortgesetzt. Was das Programm des Kabinetts Clemencean im allgemeinen betrifft, so entspricht eS ganz den Erwartungen und ändert an dem heutigen Stand der Dinge nichts. Das weitere bleibt iwch abuth'irten.
In Rußland finden die Wahlen für die neue Duma im Dezember statt. Die zweite Volksvertretung wird dann anfangs März wieder zn» fnmmentrcten. In ihrer Zusammensetzung wird sie kaum ein wesentlich anderes Bild zeigen, als ihre Vorgängerin, hoffentlich vergeudet die neue Duma nicht wieder die Zeit in fruchtloser Arbeit. Aber auch von der Regierung erwarten wir, daß sie daraus bedacht ist, an der Verwirklichung des russischen Rechtsstaates redlich mitzuarbeiten.
In den VereinigtenStaaten hoben in dieser Woche die Gonverneurswahlen stattgefunden. In New-Bork wurde der republikanische Kandidat gewählt, während die Demokraten eine
Niederlage erlitten. Dieser Posten beansprucht eine besondere Wichtigkeit, weil die Inhaber des New-Aorker Gouvernements von jeher Anwärter auf den Präsidentenvosten waren. Ein weiteres Moment ist, daß seit einer langen Reihe von Jahren die demokratischen Kandidaten bei den New-Aorker Staatswahlen regelmäßig durchgefallen sind. Insgesamt sanden diesmal in 83 (Staaten die Wahlen statt. Zum größten Teil trugen die Republikaner den Sieg davon.
Unpolitisch« Seitläufe.
O Berlin, 8. November 1906.
(Nachdruck verboten.)
Für die Schwurgerichte die sog. Volksgerichte, habe ich auch in jungen Jahren geschwärmt. Jetzt tue ich e» nicht mehr. Durch Erfahrung, d. h. in diesem Falle durch Beobachtung der Erfahrungen anderer Leute, wird man klüger. Das neueste ernüchternde Exempel hat sich bekanntlich in Miln- dien abgespielt. Tas Schicksal der Stiftsoberin (Vorsteherin eines Versorgungsheims für Damen) v. Heusler, ist wirklich ergreifend. Die Geschworenen hotten sie des Mordversuchs für schuldig befunden. Fast drei Jahre hat sie von der Zuchthausstrafe absihen müssen. Sie säße wahrscheinlich heute noch als Mörderin im Zuchthause, wenn nicht ihr angebliches Opfer, das Dienstmädchen Wagner, inzwischen eines natürlichen Todes gestorben wäre. Bei der Untersuchung des Leichnams dieser Person stellte sich heraus, daß ihre Angaben über die Vergiftung und ihre sonstigen Krankheitsgeschichten unwahr gewesen; man forschte nun weiter nach und stellte bald fest, daß diese verfolgte Unschuld ein hysterisches Frauenzimmer der gefährlichsten Sorte gewesen. Die Hysterie ist eine schleichende Nervenkrankheit, die ihre Opfer halb zu Narren und halb zu Teufeln machen kann. Um sich an ihrer Vorsteherin zu rächen, bäte das Mädchen selbst etwas Salzsäure in ihren Kaffee gegossen, dann Lärm geschlagen wegen Vergiftung und mit der Geschicklichkeit, die solche „besessenen" Personen auszeichnet, den Verdacht auf die Vorsteherin gelenkt. Diese Lösung des Rätsels wurde jetzt so Überzeugend dargelegt, daß der Staatsanwalt die Anklage fallen lassen mußte, die Geschworenen die früher verurteilte Heusler freisprachen und das Gericht ihr den Anspruch auf Schadenersatz zufprach. Auch die Volksstimmung war total umgeschlagen. Früher hatte das Volk die Wagner für einen Engel, die Heusler für einen Teufel gehalten, doch jetzt waren die Nollen vertauscht, man jubelte der freigesprochenen Heusler stürmisch zu, und wenn die Wagner noch gelebt hätte, so wäre sie gelyncht worden.
Warum waren denn bei der ersten Gerichts- Verhandlung dos Volk und die Richter so mit Blindheit geschlagen? Konnte man damals nicht schon den Krankheitszustand der Wagner erkennen? Gewiß, wenn nur eine unbefangene und gründliche Untersuchung stattgefunden hätte. Aber es herrscht die Mode, nur den Geisteszustand der Angeklagten zu untersuchen, wenn ein 93er- teibiger mit der Ausrede der Unzurechnungsfähigkeit arbeiten will. Die Zeugen werden ohne weiteres als kluge, gesunde und aufrichtige Leute betrachtet, eS sei denn, daß sie eine Vorstrafe erlitten haben. Aber wenn man auch die Krankheit der Wagner nicht erkannte, so hätte man sich doch immer der Unwahrscheinlichkeit ihrer Erzählung bewußt werden müssen. Die Vorsteherin einer solchen Anstalt kann doch ein unliebsames Dienstmädchen auf dem einfachen Wege der Entlassung sich vom Halse schaffen. Weshalb sollte sie den für sie selbst lebensgefährlichen Weg der Mordtat beschreiten? Wäre sie ober von einem solchen Mordteufel besessen gewesen, so hätte sie doch leicht ein zweckmäßigeres Verfahren finden können, als die Ein-
wochen-Rundschau.
X Fulda, 10. November 1906.
Die verflossene Woche ivar in ihrer innern Politik vollständig von den K r i s e ng e r uch t en ausgefüllt, welche in zahllosen Variationen kolportiert wurden. Alle möglichen Ernennungen waren als nahe bevorstehend bezeichnet worden. Vor allem handelt es sich unausgesetzt um das Gehen oder Bleiben des Landwirtschaftsministers. An jedem Tage wurde die Entscheidung über seine Entlassung erwartet, umsomehr als es vielfach für ausgeschlossen erachtet wird, daß Herr von Pod- bielski nochmals vor den Reichstag treten würde. Dazu kommen die Berichte der dem Landwirtschaftsminister sehr nahestehenden Blätter über dessen Erkrankung .welche nur als eine Vorbereitung für die Behandlung und Entscheidung seiner Angelegenheit gedeutet werden. Es lagen aber auch Meldungen vor, welche in der ernsthaftesten Form Herrn von Podbielski auf der Suche nach seinen „Widersachern" schilderten; er soll sogar dem Kaiser gegenüber zum Ausdruck gebracht haben, daß die gegen ihn erhobene „Preßkampagne" ihren Ursprung im Auswärtigen Amte habe. Damit wäre der Reichskanzler mit in den „Sturz" Podbielski hineingezogen und wir standen tagelang den Gerüchten gegenüber, welche den Rücktritt des Reichskanzlers noch vor einer Entscheidung über die Entlassung Podbielskis erwarteten. Die weitere Folge war, daß es bei diesem Namen allein nicht verblieb, sondern noch andere Ernennungen für die nächste Zeit angekündigt wurden. Es kam dazu, daß namentlich von nationalliberaler Seite in scharfen Worten gegen die derzeitige Regierung frondiert wird. Im besonderen gingen diese Angriffe von der „Köln. Ztg." und dem Abg. Bassermaun aus; letzterer hat, wie er selbst sagt, die Absicht, auch in Zukunft „frifch von der Leber weg zu reden". Seine Sprache gegen die auswärtige Politik Deutschlands war in der Tat sehr scharf, sie richtete sich aber auch, und zwar nicht in letzter Linie, gegen den Kaiser. In dieser Hinsicht fand Vassermann eine unerwartete Unterstützung durch konservative Organe, welche zu der „persönlichen Herrschaft" des Kaisers Stellung nahmen. Namentlich die „Kreiszeitung" läßt das Volk mit „einer gewissen nervösen Bedenklichkeit" auf den Herrscher und fein Tun und Lassen blicken. Derartige Aenßerungen zeigen am besten, wie sehr sich die heutige Lage zugespitzt hat. Wenn nun auch die Krisengcriickte wieder merklich verstummt sind, so erwarten uns doch lebhafte Vorgänge im kommenden Tagungsabschnitt des Reichstags.
lieber die Vorlagen, mit denen die R e» gierung in nächster Zeit an den Reichstag herantreten wird, liegen nähere Mitteilungen noch nicht vor. Erwartet wird vor allen Dingen der Entwurf über die Verleihung der Rechtsfähigkeit an die Bonissvereine. Es machten sich aber in letzter Zeit auf Seiten des Scharfmachertmns Bestrebungen geltend, welche die Regierung von der Vorlegung des Gesetzes abbringen wollen. Nach einer offiziösen Verlautbarung will es auch fast scheinen, als ob diese Einflüsterungen nicht ganz fruchtlos geblieben wären. Die Regierung fall zwar beabsichtigen, den Entwurf über die Rechtsfähigkeit, welcher übrigens schon seit längerer Zeit ausgearbeitet ist, bald vorzulegen; die Erfüllung des ebenso dringlich geäußerten Wunsches nach Einrichtung von Arbeiterkammern will sie abe von der Erledigung der Rechtsfähigkeitsfrage in Abhängigkeit bringen. Demgegenüber wird der Reichstag daran festhalten müssen, daß die Erfüllung der schon in der Thronrede vom November
Plaudereien
aus meiner sogenannte« Kestungszelt. Kleine Kulturbilder, gezeichnet von A. Trabert.
(Schluß.)
Kein Trappist von Marianhill ist je so schweigsam gewesen, wie von diesem Augenblick an der Meuchelmörder Baron B. es gegen mich gewesen ist. Er war stumm wie das Grab.
Ob feine Grabesstnmmheit, wenn ich noch ein paar Morrate oder Jährchen sein Nachbar geblieben wäre, nicht doch einmal wieder aufgehört hätte? Tie Antwort auf diese Frage ist für mich ausgeblieben. Die in Kassel wohnenden sehr einflußreichen Verwandten meines Herrn Nachbars erwirkten nämlich für denselben sehr bald nach meinem Silbergroschen-Geschenke die Transferierung in ein Kasseler Garnisonsspital. Dort rnuÄe er schon nach ein paar Wochen in die Abteilung für Geisteskrahke und zuletzt in ein damit verbundenes Beobachtungszimmer gebracht werden, das er nicht mehr verlassen hat; und ich, einst sein Zellennachbar, scheue mich nicht, hier das Geständnis abznlegen, daß ich, aI8 ich dies sein Ende erfuhr, die Art und Weise, wie ich den Unglücklichen zum Schweigen gebracht, schmerzlichst bereut habe. War ich nicht noch weit ungezogener gegen ihn, als er gegen mich gewesen?
4. B in ich ein Wasser-Esel?
Die gar so schlimme Zeit, in welcher es meine Herren Standrichter mir nicht erlaubten, meiner Schwester nur die drei Worte zu schreiben: „Schicke mir Strümpfe!", war glücklicherweise vorüber. Die gestrengen Herren Richter, die mich nach Ungefähr sechsmonatlicher Untersuchungshaft „pein- lich", wie die schöne Phrase lautet, nicht bloß zu noch 3i/>iäbriger Festungshaft verurteilt, sondern mich, als bitterbösen n n (i t i f * " r w—
auch für all meine Lebenszeit als ein rechts- und ehrloses Subjekt stigmatisiert hatten, konnten glücklicherweise nicht ahnen, daß ich mir längst, trotz aller Ueberzesigungs-Kunst und -Schöpfe ihrer Schergen, die denkbar umfassendste Verbindung mit meiner Braut hergestellt hatte und auch den ausgiebigsten Gebrauch davon machte. Ich konnte meine Zelle Nr. 5 öffnen und wieder verschließen, obschon das an der Zellentüre befindliche riesige Schloß nach innen, d. i. im Innern meinet Zelle, nicht einmal ein ordentliches Schlüsselloch hatte, sondern nur ein kleines, rundes Löchelchen, in welchem sich die Spitze des Schlüssels, die über den Kamm desselben hinausragte, wenn von draußen auf- oder ^geschlossen wurde, umdrehte. Ich hatte das Kistchen, in welcher ich meiner Braut meine Leibwäsche zur etwa nötigen Ausbesserung oder zum Putzen zuschickte, mit einem nach meinen genauen Angaben herzuftellen- den doppelten Boden versehen lasten, der sich spielend leicht mit Hilfe eines zwei Zoll langen, dün- nen Drahtstiftes und in Ermangelung eines solchen mit einem ganz gewöhnlichen Zündhölzchen öffnen ließ. Das war aber nur für den möglich, der das mit besonderer Sorgfalt versteckte „Löchelchen" zu finden wußte, durch welches mit dem Streichhölzchen oder dem Drahtstift ein nur leiser Druck auf eine unsichtbare Feder vorzunehmen war, um den doppelten Boden öffnen und ihm feine verborgenen Schätze entnehmen zu können. Was konnte mir bei dieser spielend leichten Möglichkeit an der mir bann auch noch gewährten standrichterlichen Gnade gelegen sein, nun auch noch mit Wissen und unter Kontrolle des Festuugs- kommandanten unverfängliche kleine „Geschäftsbriefe" an unverfängliche Personen schreiben zu dürfen? Ich wußte wohl auch von dieser mir un- erbetenen Gnade Gebrauch zu machen, tat es aber doch eigentlich nur zum Schein. Nur zum Schein und obendrein auch nur ungern. Was ich ersah- ren oder zugcschickt erhalten wollte, erfuhr und be-
bung von meiner Braut. Und i ch nicht allein. Solange sich in meinen Nachbarzellen mir befreun- bete ober auch nur bekannte Sträflinge befanden, die so wie ich nicht wirkliche, sondern nur sogenannte politische Verbrechen abzubüßen hatten, war meine Braut auch gern die Vermittlerin zwischen diesen und ihren Familien; und man wird es da begreiflich finden, daß, wenn einer von diesen, dessen Fenster in den inneren Festungshof hinansging, den Spangenberger Postboten mit einem Kistchen unter dem Arm — wir nannten es unsere „Arche" — über den Festungshof schreiten sah, um es im Arbeitszimmer deS Festungskommandanten für mich abzugeben, — man wird es begreiflich finden, sage ich, daß dann immer ein lauter Jauchzer biS herein in meine Zelle Nr. 5 ertönte, ein Jauchzer, der mir jubelnd die Ankunft meines Kistchens, unseres allgemeinen Freuden- brmgers, verkündete
Einmal wollte ich wieder unsere bei mir befindliche getreue Arche absegeln lasten zu meiner Braut und mußte darum leider auch ein sogenanntes Bestellbriefchen dazu schreiben, das durch die Hände des Festungskommandanten gehen mußte. Und da postierte es mit (— lieber Leser, Du darfst mich getrost auslachen, ohne fürchten zu müssen, daß ich Dir's übel nehme —), daß ich die folgende Dummheit niederfchrieb:
„Herzliebster Schatz, heute laß ich wieder unsere liebe Arche zu Dir absegeln. Was sie Dir bringt und von Dir zurückhaben will, ist das immer sich Gleiche. Ich kann Dir nur zu Deiner Freude noch mitteilen, daß ich gesund und ganz so ausgelassen lustig bin wie die beiden treuesten Staatsdiener, die ich kenne, die beiden Wasseresel, — diese auf Staatskosten gefütterten, die tagtäglich den Wasserbedarf für alle Festungs-Insassen, also auch für mich, aus dein unsagbar tiefen Festungsbrunnen, immer vergnügt und unermüdlich fleißig, mitunter sogar ihr lustiges J a singend, herausschaffen; wer ist es denn, der mich vor dem Verschmachten be-
trfiufelung von etlichen Tropfen Salzsaure in die gezeichnete Kaffeetasse des Dienstmädchens. Ein dümmeres Vorgehen war kaum denkbar. Aber all' diese einfachen Erwägungen wurden bei Seite gestellt, weil damals aus dem Klatsch und Tratsch der redseligen Zeuginnen ein schlechtes Charakter- bild der Vorsteherin mosaikartig aufgebaut war: die Person schien alS herzlos, tyrannisch und brutal, man glaubte ihr einen Angriff auf Leib und Leben wohl zutrauen zu dürfen, und so wurde unter dem Druck der befangenen öffentlichen Meinung die Verurteilung ausgesprochen, auf „Indizien" hin.
Der sog. Indizienbeweis ist an die Stelle bei früher üblichen Folterbeweises getreten. Man sucht alle möglichen Kleinigkeiten zusammen, die es wahrscheinlich macken können, daß gerade diese Person die fragliche Tat begangen habe. Das einzelne Indizium ist gar uickts wett, und in der Zahlenlehre gilt der Satz, daß tausendmal null auch noch null ist. Der eifrige Staatsanwalt aber denkt: Wenn ich solche verdächtige Einzelheiten zu Haufen bringe,, so machen sie doch Eindruck auf die Richter. Er macht aus den Dingen, die jedes für sich nichts beweisen, eine Kette, einen Ring, und darin ist der Angeklagte dann rettungslos verstrickt. Einer muß es dock getan haben, und dieser kann es getan haben, also wird er es auch getan haben, die Sache stimmt!
Wenn nun damals, als das falsche Urteil gesprochen wurde, an Stelle der zwölf Geschworenen ein rechtsgelehrter Gerichtshof über die Schuldfrage zu entscheiden gehabt hätte, wäre bann die arme Heusler freigesprocken worden? Das wage ich nicht zu behaupten. Die rechtsgelehrten Richter, die damals nach dem Spruch der Geschworenen die Strafe verhängt, hätten das Urteil aufhalten und die Sache vor ein anderes Schwurgericht verweisen können, wenn sie der Ueberzeugung gewesen wären, daß die Geschworenen sich zum Nachteil der Angeklagten geirrt hätten. Ein solcher Beschluß ist nickt gefaßt worden. Es scheint also, daß diese rechtsgelehtten Herren auch, weniastenS zum Teil, durch die trügerischen Zeugenaussagen irre geführt waren. Rechtsgelehrte Richter sind auch Menschen. Aber wenn ich mir vorstelle, ich geriete in einen falschen Verbackt unb käme auf die Anklagebank in einer sensationellen Sache, die in den Zeitungen und an den Biertischen abgehandelt worden, so würde ich entschieden lieber von berufsmäßigen Richtern mich aburteilen lassen, als von einem Dutzend ausgeloster Mitbürger. Die letzteren lassen sich viel eher von der „Stimmung" beherrschen.
Der Geschworenen- und Schöffendienst ist ein Ehrenamt. Die Ehrenkrone hat aber Dornen in sich. Die Dornen einer schweren Verantwortlichkeit. In die Hand des einfachen Mannes aus dem Volke wird das Lebensschicksal eines Angeklagten gelegt. Der Mann, der reckt und schlecht feine tägliche Berufsarbeit geleistet hat, soll nun auf einmal ein Meisterstück von geistiger Arbeit leisten. Er soll so viel Verstandesschärfe, Gedächtniskraft unb Urteilssicherheit entwickeln, baß er in bem Wust von mehrtägigen Zeugenaussagen unb mehr» ftünbigen Tenbenzreben bas Wahre unb Rechte sicher herausfinbet. Da wirb in ben meisten Fällen von einem ungeübten Kopfe zu viel verlangt.
Vorläufig haben wir noch bie Schwurgerichte, bei benen die zwölf Leute aus dem Volke mit der Schuldfrage allein fertig werden müssen. Sollte eine Reform eintreten, so würden immer die Laien (d. h. die nicht juristisch gebildeten Richter aus dem Volk) als Schöffen neben den Berufsrichtern mit zu urteilen haben. Das dornige Ehrenamt wird also noch manchen Lesern blühen. Darum sollten wir uns rechtzeitig klar werden über die Pflichten des Schöffen und Geschworenen sowie über die Gefahren, bie er zu vermeiden hat.
wahrt, wenn nicht sie es sind? Gibt es da noch einen anderen Staatsbeamten, welchem ich so zu dankbarer Siebe und hochachtnngsvoller Verehrung verpflichtet bin wie gerade diesen Staatsbeamten, den Wassereseln?"
„Unb darum", so fiel mir bet Herr Oberst- leutnant-Festungskommandant ins Wort, „soll ich mich von Ihnen einen Wasseresel schimpfen lassen?"
Ich barauf: „Wer soll bas gesagt haben? Ich?"
Er, der Herr Festi.ngskommanbant: „Da in Ihrem Briefe stehfl ja, geschrieben mit Ihr« eignen Handl"
Ich: „Das ist nicht wahr! Rein, nein! Tau- sendmal nein l"
Er, der Herr Festungskommanbant, in svrü- hendem Zorn mir in jedes Wort einsallenb: „Eine Feber her, eine Feder!"
Ich: „Da haben Sie eine!"
Er, sich förmlich überschreiend: „Eine Feder mit Tinte!"
Ich: „Da haben Sie auch Tinte!"
Der immer grimmiger gewordene, sonst so liebe, so gute alte Herr stieß die Feder paarmal tiefer in mein Tintenfaß, all er 6äUe burfeit, unb rief bann mit immer noch lauterer (stimme: „Ein Löschblatt her!"
Und das Löschblatt, ba8 ich ihm reichte, war von besänftigender Wirkung. Er trocknete den allzu dick und voll gewordenen Strich, den er durch meinen unglücklichen Begleitbrief gemacht hatte, sehr behutsam und stapfte nun mit meinem Brief- chm wieder fort und — man höre! — mein dickdurchstrichenesBriefchenließeu dann abgehen an meine Braut!
Könnte ick doch heute, mehr als 40 Jahre später, meinem lieben Alten, der lange schon in kühler Erde schlummert, die Hand dafür küssen!