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M 252.
33, Jahrgang.
Fulda, Freitag den 2. November 1906.
Krstes Wl'att.
vtx Erbprinz über seinen Vorschuß.
Vergeblich hat man bisher auf eine Erklärung wer Regierung gewartet, in welcher sie gegenüber den immer wiederkehrenden Gerüchten m derVorschuß-AngelegenheitdesErbvrinzenzuHohen» lohe Stellung nehmen würde. Sie isteiner solchen Kundgebung geflissentlich aus dem Wege gegangen, obwohl sie sich selbst sagen muß, daß die Mitteilungen, welche von der Sache in die Oeffent» lichtest gedrungen sind, die Finanzverwaltung deS Reiches in einem sehr zweifelhaften Lickt erscheinen lassen. Nunmehr ist die Angelegenheit zum Teil irklärt, indem der Erbprinz selbst aus der Reserve herausgrtreten ist und eine Erklärung zu der vielbesprochenen Borschußfrage abgegeben hat.
Es lagen seit einiger Zeit, wie den Lesern der .Fuldaer Zeitung' bekannt ist, die Behauptungen vor, daß der Erbprinz als stellvertretender Kolonialdirektor nicht nur das etatsmäßige Einkommen des Direktors der Kolonialverwaltung in Höhe von 20000 Mk. bezogen habe, sondern ebenso viel wie die Staatssekretäre, also 44000 Mark. Weiter war die Mitteilung gemacht worden, daß er zu diesem Zwecke aus dem kaiserlichen Dispositionsfonds Zuschüsse erhalten hätte,die aber von einer anderenSeite wieder in einen Vorschuß umgewandelt wurden, den der Erbprinz zurückgezahlt habe, nachdem das selbständige Kolonialamt nicht angenommen worden war. Weiter wurde von einem Blatte an der Behauptung festgehalten, daß nach Rückzahlung des Vorschusses die Differenz zwilchen den beiden Gehältern dem Erbprinzen aus dem kaiserlichen Dispositionsfonds gezahlt worden wäre. Soweit stand die Angelegenheit in den letzten Tagen. Nunmehr hat der Erbprinz auf Beran- lafsung eines Berliner Blattes zu der Sache Stellung genommen.
Vor allen Dingen interessiert aus seiner Erklärung, daß die'Vorschußfrage auf Richtigkeit beruht. Er hat unter der Voraussetzung, als Staatssekretär an die Spitze eine« selbständigen Reichsamtes zu treten, einen Vorschuß auf das spätere höhere Gehalt erbeten und auch erhalten. Er tat dies nach seiner eigenen Erklärung, als er „daran ging, die mit einer entsprechenden Niederlassung in Berlin verbundenen zahlreichen Anschaffungen zu bewerkstelligen." Als dann das selbständige Kolonial- amt abgelehut wurde, erstattete er diesen Vorschuß „in Form von Abzügen an seinem etats- mäßigen Gehalt an die Reichskasse zurück." Dieses Eingeständnis bringt dem Erbprinzen keine Lorbeeren. Als reichbegüterter Grand- seigneur, bei dem einige Tausend Mark gar keine Rolle spielen können, hat er sich dadurch eine große Blamage geholt, die es schwer be- begreiflich werden läßt, daß die „Ansiedelungs- fraoe" allein die Ursache zum Vorschuß geworden sein soll. Roch schmählicher ist aber die Art, wie der Erbprinz- den Vorschuß zurückerstattete. Lediglich „in Form von Abzügen" an dem ihm zustekenden Gehalt hat er ihn abgetragen! Er stände heute in weit noblerem Ansehen, wenn die Rückzahlung auf einen Schlag nach dem Eintritt des Wendepunktes in der Kolonialfrage
Meine Last war schwer.
Erzählung von F. Broock».
84] (Nachdruck verboten.)
Hertha und Ella saßen am Tische inmitten des Zimmers, und unterhielten den Genesenden, dessen Blicke ab und zu voll Sehnsucht inS Freie hmaus- flogen, in den schattigen, von Blumenduft und Sonnenschein erfüllten Park. Auf seinem Gesichte lag noch eine leichte Blässe, dunkle Schatten umgaben die Augen, die aber zufrieden und heiter blickten. Er ruhte auf der linken, gesunden Hüfte, das kranke, durch Schienen gestützte Bein hatte er steif ausgestreckt.
„Es ist undankbar von Ihnen, Hallern", sprach Ella, „wir leisten Ihnen so hübsch Gesellschaft, und doch sehen Sie immer so verlangen- zum Fenster hinaus. Sollen wir Sie mit Ihrem Rollstuhl in den Park fahren?"
„Danke bestens für Ihren guten Willen", entgegnete Hallern, „aber ich habe ja erst die Erlaubnis zu einem einmaligen, täglichen Ausfluge." — — Um seinen schönen Mund spielte ein Lächeln.
„Bitte Ella, komme in mein Schreibzimmer", rief Zeiler durch die halbgeöffnete Türe. — Ella folgte. Zeiler reichte ihr ein Buch und sagte:
„Hier sind die Gedichte der Annette Hülshoff. Leset Edmund daraus vor: „Der Knabe im Moor" und „Die beiden Schwestern". Dann knüpfest Du die Erinnerung an, daß an dem Abend, als er und Hertha sich bei uns kennen lernten, Behr diese Gedichte vorlas. Anna meint, das müßte Eindruck machen und sie einander näher bringen."
„Also, laßt die Dinge doch ihren Lauf nehmen", meinte Ella „die zwei werden sich schon finden."
„Und ich sage Dir", brauste ihr Schwager auf, — „Sie werden sich ohne unsere Hilfe nicht
Zeiler aber dachte an diese mehr wie je. — Am folgenden Vormittag saß er allein neben seinem Freunde, der mit Unbehagen auf das Erscheinen des Arztes wartete, der jeden zweiten Tag herüberkam, um das Sttecken des kranken Beines vorzunehmen. Er wollte dadurch eine Verkürzung verhüten. Die Streckung verursachte heftige Schmerzen. Der Major redete über den Vorgang und sprach: „Aber ich begreife Dich nicht, Edmund, wenn der Schmerz so arg ist, warum schreist Du dann nicht, preßest lieber die Zähne in die Lippe, daß sie blutet? Unser Stabsarzt sagte früher immer: Schreit Kerle, das lenkt ab, er- leichtett und ist gesunder. Also ick bitte Dich,
erfolgt wäre. Dazu wäre doch der sehr reiche Erbprinz von Hohenlohe leicht imstande gewesen!
Die erbprmzliche Erklärung wendet sich in ihrem Schluffe auch gegen die Behauptungen, welche den kaiserlichen Disposition», sond» eingreifen ließen. Der Prinz schreibt: „Die an dem Gehalt eine» Staatssekretär- fehlende Differenz ist mir nachträglich weder aus dem kaiserlichen Dispositionsfonds noch aus irgend einem anderen Fonds gezahlt worden; ich habe vielmehr, wie bereits wiederholt festgestellt worden ist, während meiner Amtsführung lediglich dasjenige Gehalt bezogen, welche- mir nach dem Etat zustand."
Man wird nicht sagen können, daß diese Erklärung die Kritik einwandfrei passieren werde. Sie will zwar den kaiserlichen Dispo- sitionSfond» oder irgend einen anderen Fonds auSschalten. Der Erbprinz spricht aber nur von Gehaltsauszahlungen „während seiner Amtsführung". Er darf eS deshalb nicht verwunder» lich finden, wenn er Kritiken begegnet, welche die Möglichkeit aufrecht erhalten, daß außerhalb dieser Zeit doch noch von irgend einer Seite Zahlungen in gedachtem Sinne an ihn erfolgt sein könnten. Eine solche Annahme wird durch den Erbprinzen selbst bestärkt, wenn man in seinem Schreiben liest, daß er nur die Zahlung der Differenz zwischen beiden Gehältern aus irgend einem Fonds bestreitet; er stellt aber nicht in Abrede, daß überhaupt eine Zahlung von irgend einer Seite an ihn erfolgt wäre. Eine solche Widerlegung kann also nicht für bündig gehalten werden, sie gibt vielmehr zu neuen Vermutungen reichlich Anlaß. Zum mindesten hätte man ermatten dürfen, daß, wenn der Erbprinz nun einmal Stellung zu der Frage nimmt, dies in einer Weise tut, welche neuen Zweifeln und Vermutungen keinen Raum gewähtt. Infolge- dessen wird uns die Angelegenheit jedenfalls noch nicht zum letztenmal« begegnet sein.
Die ganze Angelegenheit setzt auch die Finanzverwaltung einem scharfen Tadel aus. Wo würden wir hinkommen, wenn allen etwa geäußerten Wünschen nach Vorschuß auf die erst zu einem späteren Zeitpunkt ermattete oder eintretende Gehaltserhöhung allgemein entsprochen würde? Und doch läßt sich nicht in Abrede stellen, daß daS, was dem Erbprinzen gegenüber für recht angesehen wurde, anderen gegenüber zum mindesten billig ist. Hat man aber jemals etwas davon gehött, daß einem Beamten, etwa einem Unterbeamten mit großer Familie, ein Vorschuß auf sein Gehalt gezahlt worden sei? Das gibt es ja gar nicht, und mag die Not des armen Beamten noch so groß sein. Deshalb stände die Finanzverwaltung jedenfalls gerechtfertigter da, wenn sie auch dem Wunsche des Erbprinzen mit einem glatten Nein begegnet wäre. UebrigenS liegt die Angelegenheit letzt so, daß man für sie noch ein Nachspiel im Reichstag erwarten darf.
* Für den Ausbau deS Hafens in Tsingtau sind in den Etat für 1907 der Kiautschauverwal- tung 5190000 Mark eingestellt morden. Für denselben Zweck sind in den letzten Jahren bereits 31/» Millionen Mark bewilligt worden.
* Die Bestrebungen der Antiduellliga erfreuen sich immer mehr der Sympathie und Anerkennung auch in höchsten Kreisen. In neuester Zeit hat die Liga namentlich große Erfolge auf der ibettschen Halbinsel zu verzeichnen. Ab- gesehen davon, daß die Zahl ihrer Mitglieder daselbst in stetem Wachsen begriffen ist, erhalten wir heute die bedeutsame Mitteilung, daß der König von Spanien das Ehrenpräsidium der spanischen Antiduellliga übernommen hat. Diese Tatsache wird den Ligen auch anderwärts in immer weiteren Kreisen Zugang verschaffen. An der Spitze der deutschen Liga steht Fürst Karl von Löwenstein, welcher unermüdlich für die Bestrebungen zur Bekämpfung des Duell- unwesenS eintritt. Die Auszeichnungen, welche der spanischen Liga zuteil wurde, wird auch ihre deutsche Schwester zu weiterer eifriger und erfolgreicher Arbeit anspornen.
Der Hauptvorstand des Deutschen Ostmarkenvereins hat in seiner letzten Sitzung seine vollste Zustimmung zu der Antwort des Kultusministers auf den Antrag der Reichst agsabgg. v. Grabski und Graf v. Mielzynsfi ausge- sprochen. Der Ostmarkenverein erwartet, wie eS in dem Beschluß weiter heißt, daß die Re^ gierung fest auf dem Boden ihrer bisher in den Ostmarken verfolgten wohlerwogenen Schulpolitik verharren und sich durch die mit allen Mitteln der Verhetzung arbeitende Tätigkeit der polnischen Agitatoren in ihrer Haltung nicht beirren lassen werde. Der Ostmarkenverein weiß sich in dieser Auffassung der Zustimmung aller national ge- sinnten deutschen Mitbürger sicher. Das Ein- Verständnis der Herren vom Ostmarkenverein mrt dem Vorgehen des Kultusministers wird von der ,Nordd. Ällg. Ztg/ für so wichtig erachtet, daß sie dasselbe besonders verzeichnet.
* Dem ständigen Beirat für daS gewerbliche Unterrichtswesen beabsichtigt der preußische Han- delsminister bte Erlaubnis zur Besichtigung der ihn interessierenden Anstaften zu gestatten. Der Minister erfüllt damit einen Wunsch, welcher ge- legentlich der Verhandln gen der allgemeinen Ab- teilung deS ständigen Beirates zum Ausdruck ge- bracht wurde. Diesem Wunsche soll nunmehr unter der Voraussetzung entsprochen werden, daß die Mitglieder des Beirates die Anstaltsleiter vor jeder Besichtigung rechtzeitig benachrichtigen und sich deS Eingreifens in den Unterricht enthalten.
* Der höheren Verwaltung» - Prüfung für Post- und Telegraphen - Beamte haben in der Zeit vom Oktober 1905 bis Ausgangs Septem- der 1906 sich 263 Beamte unterzogen. Insgesamt wurden 44 mündliche Prüfungen abgehal- ten, von denen 24 aus das Post- und 20 auf das Telegraphenfach entfallen. Die Prüfung für Post ist von 100, die für Telegraphie von 89 Kandidaten bestanden worden.
* Der russische Minister des Auswärtigen ist am DienStag abend von Berlin wieder ab- gereist. Der Zweck seines Ausenthaltes war eine Aussprache mit dem Reichskanzler, über deren Inhalt aber große Zurückhaltung beobachtet wird. Ein demokratisches Blatt glaubt annehmen zu dürfen,daß es sich um die polnische Frage bei den Erörterungen gehandelt habe. Selbstver- seine Züge wurden gespannt. — Er sah erregt, fragend zu Hallern hinüber. Seine Blicke ließen nicht von ihrem lieblichen Gesicht. Als Ella geschloffen, fragte sie tote harmlos:
„Erinnerst Du Dick noch des Abends, Hettha, als Behr diese Gedichte las?"
„Ich weiß nicht", kam es leise von der Ange- redeten Lippen.
„Aber Sie, Hallern? — Ich meine doch. Sie lernten damals Hertha bei uns kennen?"
„Ja, ja!" entgegnete er offen, „gewiß, uh erinnere mich." Darauf schwieg er und zerrte nervös an seinem Schnurrbatt. Eine peinliche Pause trat ein. Da fragte Hettha hastig:
„Was ist aus Behr geworden?"
,Q", rief Ella lachend, „erstens Gerichtsrat, zweitens Schriftsteller, Autor mehrerer Bändchen schlechter Gedichte, ferner der Gatte einer reichen Dame, — die früher berühmte Schauspielerin war, anscheinend — an das große Dichtertalent ihres Mannes glaubt und ihn vergöttert. Was will er mehr?" Und sie schwätzte weiter über das poetische Ehepaar, ging von ihm zu früheren Be- kannten über und vergaß ganz auf ihre Mission: Hettha und Edmund einander näher zu bringen.
ländlich beruht diese Annahme nur auf Vermutung.
* lieber bett polnischen Schulstreik will sich Kustusminister Studt persönlich unterrichten. Zu diesem Zwecke wird er sich demnächst nach Posen begeben. Von dieser Reift soll es bann abhängen, in welcher Weise die Regierung ihre endgültigen Entscheidungen über weiter zu ergreifende Maßnahmen treffen wird.
* Im Berliner Baugewerbe trifft am 1. November ein partieller Streik in Kraft. An demselben sind die Töpfer, Glaser, Putzer und Stuckateure beteiligt. Es ist der sogenannte Fensterstreik, für den die Parole auf allen Bauten ausgegeben wurde, welche unverglast und nicht ;ugsicher sind. Die Arbeit auf diesen Bauten soll so lange ruhen, bis die durch die Polizeivorschriften geregelten Anordnungen getroffen sind.
* Essen 81. Oft. 1906. Am Sonntag fand hier die letzte geschäftliche Sitzung des Lokalkomitees der 53. Katholikenversammlung statt, die der Ehrenvorsitzende des Kami» tees, Fabrikant Wiese leitete. Der erste Vorsitzende des Lokalkomitees, Landgerichtsdirektor Dr. Laarmann, entwarf ein lebenstoarmeS Bist» von der unermüdlichen, aber auch mit vollem Erfolg gekrönten Arbeit, welche die einzelnen Kommissionen geleistet haben. Insgesamt hätten 10 Sitzungen des Vorstandes, 60 Sitzungen der einzelnen Kommissionen und, mit der heutigen, vier Sitzungen des Gesamtkomitees stattgefunden. Das harmonische, von der Liebe zur Sache getragene Zusammenwirken aller Beteiligten habe so Großes und so Herrliches zustande gebracht. Der Vorsitzende der Finanz- kommiffion A. Nürnberg, berichtete darauf über das finanzielle Ergebnis, das als ein glänzendes hingepellt werden kann. Da die endgiltigen Abschlußziffern noch nicht vor- liegen, beschränken wir uns für heute auf die Mitteilung, daß ein U e b e r s ch u ß von r u n fr 10 000 Mark erzielt sein dürste. In zündender Rede verbreitete sich Herr Rechtsanwalt Dr. Bell über den herrlichen Verlauf der Katholikenversammlung, die so ausgeprägt im Zeichen der Versöhnung der konfessionellen und wirtschaftlichen Gegensätze gestanden habe. Im Anschluß an die letzte Sitzung wurde eine Schluß- feiet abgehalten, die auch Se. Eminenz der Herr Kardinal-Erzbischof Fischer mit seinem Besuche beehrte. Die Reihe der Ansprachen eröffnete Landgerichtsdirektor Dr. Laar- m a n n mit einer feinsinnigen Begrüßungsrede an Se. Eminenz den Herrn Kardinal-Erzbischof. Pfarrer R e y n e r s gedachte des Präsidiums der Generalversammlung. Der Herr Kardinal-Erzbischof dankte zunächst für die an ihn gerichteten Worte und lobte sodann das Lokalkomitee, besonders Dr. Laarmann, für di« ausgezeichnete Vorbereitung der Katholikenver- sammlung. Der katholische Geist habe die Versammlungen beherrscht, aber auch bi( patriotische Gesinnung deutscher Katholiken hätte ihren treffenden Ausdruck gefunden. Der Geist der Liebe und des Friedens, insbesondere des ko n f e s s i o n e l l e n Friedens, der uns heute am meisten notig sei, hab« die Versammlungen durchweht. Wenn der Appell an die Versöhnlichkeit und die gegenseitig« Achtung auch nicht überall verstanden worden sei, könne er doch sagen, daß man an hochangesehener Stelle mit vollster Befriedigung diese schreie. Das finde ich viel gemütlicher, als Dich so stumm leiden zu sehen. ,
„Nein!" antwortete Hallern, „es ist so unmännlich. Niemals!"
„Ach, Kinderei!" fiel Zeiler ein.
„Und die Damen im Hause würden es Horen, fuhr Edmund fort. , , _ ..
„O, was daS betrifft,“ lachte sein Freund, „so kannst Du schreien, so viel Du willst. Ella wird es ganz kalt lassen, die berührt nur das ringe- zogene Heulen ihres Buben. Und Anna? Die ist durch mich daran gewöhnt. — Du solltest nur hören, welche Töne ich von mir gebe, wenn mich bte Gicht zwickt. Die find schon nicht mehr menschlich --und meine Gattin lacht dazu."
„Doch Hertha," fiel Hallern ein.
„Ach bte," sprach Zeller gleichgültig, „bte ist ja nie im Hause, wenn die Prozedur mit Dir vorgenommen wird. Die ist um die Zeit immer im Walde ober macht Spaziergänge. Die ahnt gar nicht mal, welche Schmerzen Du armer Jungt leiden mttßt." . ,
„Das soll sie auch nicht!" rtef Edmund heftig.
Als kurz darauf der Arzt eintraf, wußte Anna es einzurichten, daß Hertha sich in Gehörswette befand, und wie bte Streckung anfing, sagte Zeiler unbefangen zum Burschen, sodaß Hallern e« h°^,Tragen Sie die Zeitung zu Frau von Vernon hin, sie ist in der Eichenallee. Und nun Edmund, mache mir die Freude und schrere. Nnna ist im Torf, und Hettha und Ella find tm Walde.
„Nun, wenn es Dir, tote es scheint Spaß der«, tet, und zudem gesund ist, tote Du fälltest, so will ich Dir den Gefallen tun," sprach Hallern scherzend.
Bald gellten die Schmerzensschreie Hallerns durch das Haus. Er mutzte aber, trotz der Qual, hell auftachen über das komische Gebahren des Freundes, dessen Gesicht freudig erglänzte bei seinen Wehrufen, und der selbst dann, als die Streckung beendet toor, ihn noch zum Schreien aufforderte.
Deutscher Reich.
Berlin, den 1. November 1906.
* Die Einführung des Kronprinzen in die Zivilverwaltnng findet beute, Donnerstag, in Potsdam statt. Sie erfolgt in feierlicher Weift und wird voraussichtlich vom Kaiser selbst vorgenommen. Die Prinzen deS kaiserlichen Hauses nehmen an der Feier teil.
wieder zusammenfinden. — Er wird nie mehr von seinen Gefühlen zu ihr reden, denn erstens steht die fatale Erinnerung an die Vergangenheit zwischen ihnen, zweitens ist Hertha nun eine brillante Partie, er hingegen besitzt nur das bescheidene Gut und wird zweifellos doch insoweft Invalide bleiben, daß er seinen Abschied nehmen muß. Und zum Schluß existiert noch ein schwerwiegender Grund: er ist der Retter ihres Kindes. Er glaubt nun:. das Gefühl der Dankbarkeit würde einen Druck auf sie ausüben, ihren freien Willen ihm gegenüber beeinflussen, und schon deshalb könne er sie nicht bitten, fein Weib zu werden, denn, daß sie ihn nicht liebe, fühle er zu deutlich.
„Und er hat in allem recht."--
„Auch in diesem letzten Punkt?" warf Ella mit vielsagendem Lächeln ein.
„Ich stimme ihm bei, wenn ich auch heftig widerspreche" fuhr Zeiler fort, ohne Ellas Worte zu beachten.
„Du und Anna, Ihr Frauen, mußt durch List helfen; Du weißt, ich habe es mir in den Kopf gesetzt: die beiden zu vereinen."
„Nun", entgegnete Ella, „da sehe ich nur den einen Ausweg: sie muß sich ihm zuerst nähern."
„Ach, Ella", er streckte ihr die Hand hm, „könntest Du das bewirken!--Und nun schnell zu
rück, denn das Alleinlassen hilft bei den zweien nichts, das erprobte ich in letzter Zeit zu oft. Lies die Gedichte, beschwöre die Vergangenheit recht ge- fühlvoll heraus."
Als Ella in daS Gartenzimmer zurückkehrte, sand sie die Bemerkung ihres Schwagers bestätigt. Hertha sah ihr erleichtert entgegen und legte die Zeitung, aus der sie vorgelesen, fort. Geschickt leitete Ella das Gespräch bald auf Dichter, Poesie und begann dann die ihr bezeichneten Gedichte zu lesen. Dabei beobachtete sie gespannt die Horchenden. — Hertha schien zuerst der Vergangenheit ?u gedenken. Sie stützte den Kopf und sah träumend vor sich hin. — Jetzt- stieg auch in ihm die Erinnerung empor. Er richtete sich höher auf.