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Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Re» ttendruckerei ht ffulda. Fernsprecher Nr. 9.

JV3 232.

Fulda, Dienstag den 9. Oktober 1906.

33, Jahrgang.

Krftes Matt.

Professor Hitze Wer die österreichische Wahlreform.

Im Linzer Volksblatt wird eine Auslassung ves Abgeordneten Prälaten Profeffor ®r. Hitze über die österreichische Wahlreform veröffent­licht, die gleichzeitig eine warme Verteidigung des deutschen Reichstagswahlrechts enthält. Es ist eine Antwort, die der deutsche Sozialpolitiker auf eine Anfrage des Landeshauptmanns von Oberösterreich Dr. Ebenhoch erteilt hat. Die Vorschläge Professors Hitzes dürsten nicht ohne Einfluß auf die noch von Zweifeln befangenen Parteien Oesterreichs sein. Das Schreiben an Dr. Ebenhoch lautet:

„Leider hat mich Ihr gefälliges Schreiben hier erst verspätet aus Umwegen erreicht. Ich habe deshalb mir gestattet, telegraphisch wenigstens kurz meine unmaßgebliche Meinung mitzuteilen. Es würde mir nämlich sehr leid tun, wenn meine vor zirka 26 Jahren niedergeschriebenen theore­tischen Ansichten — ich war damals noch sozu­sagen „Student" — jetzt noch in den Reihen Ihrer verehrten Parteifreunde zu einer Zer­splitterung der Aktion beitragen sollten.

Auch das berufsständige Wahlrecht enthält ine Fülle von Schwierigkeiten, leidet aber vor allem an dem Mangel, daß es bloß die wirtschaft­lichen Jntereffen zur Geltung bringt und einen gerechten Ausgleich in den wirtschaftlichen Jn- chreffenkämpsen durchaus nicht garantiert Je­denfalls aber hat die moderne „staatsbürger- aie" Auffassung heute so sehr die Oberherr­schaft in den Anschauungen der Zeit gewonnen, daß für die Einführung des beru^ständigen Wahlrechts für die politischen Wahlen absolut keine Aussicht ist. Das Zentrum tritt denn auch schon feit dreißig Jahren für das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht, für die Reichstags- und Landtagswahlen, ein und sucht daneben den wirtschaftlichen Interessengruppen durch Handels- (Industrie-), Handwerker-, Landwirffchafts- und Arbeitskanimern Geltung zu verschaffen. Die wirtschaftlichen Interessen gewinnen so Einfluß, aber sie beherrschen nicht allein' das Staatswesen.

Gewiß, auch das allgemeine gleiche Wahl­recht ist nicht ideal, aber es ist ein einfaches Prin­zip, wird schneller begriffen — entspricht der allgemeinen Wehrpflicht — und ist nun einmal das heiß ersehnte politische Ziel auch unserer weiten christlichen Volkskreise geworden. Es wird auch in Oesterreich sich unaufhaltsam Bahn brechen, zumal die Regierung selbst die Füh- ruttg übernommen hat. Ich würde es für eine geradezu verhängnisvolle Politik erachten, wenn Sie sich dieser gewaltigen Strömung entgegen» stemmen — „päpstlicher als der Papst" (die Regierung) fein wollten. Das sogenannte Massenwahlrecht kommt doch — mit Ihnen oder gegen Sie — und die „Massen" würden es Ihnen nie verzeihen, wenn Sie ihnen dieses lang ersehnte Recht hätten vorenthalten wollen. Aus Liebe zu unfern gut katholischen Bauern, Handwerkern und vor allem Arbeitern nrüsien Sie sich, um ein Bild Windthorsts selig zu ge­brauchen, kühn auf die dahinrasende Lokomo­tive schwingen und mit ins Land des allgemeinen Wahlrechts fahren, anstatt sich der Lokomotive eutaegenzustemmen und sich überfahren zu las­sen. Mögen sich die Gegner in ihren Reihen mit dem Spruche trösten, der uns im Zentrum in allen Kämpfen aufrecht gehalten hat: „Es muß auch so gehen."

Eine durchgreifend shstematffche, zielbewußte Aufklärung, Agitation und Organisation kann die Gefahren des gleichen Wahlrechtes wohl pa­ralysieren, wird auch nach wie vor den k«Eer- vaiiven Elementen (im rechten Sinne deL Wor­tes) die Führung sichern. Dank unseren Bau­ern-, Handwerker-, Arbeiter- usw. Vereinen, Dank vor allem unserem katholischen Bolksver- cin (520 000 Mitglieder!) stehen unsere katho­lischen Wählermassen treu zu uns. Auch die „Massen" wißen eine selbstlose, gerechte, von christlichen Grundsätzen getragene, allgemeine und soziale Politik wohl zu würdigen und die Geister, die es ehrlich mit ihnen meinen, zu un­terscheiden von jenen, welche den Leidenschaften ^schmeicheln und nur sich selbst sichern.

Nochmals, meine aufrichtige Meinung geht ^ahm: Unterstützen Sie die Regierung in ihrem Versuche, die Verhältnisse auf neuer Grundlage Au ordnen, mit ganzer, geschlossener Kraft. Es ist, so scheint mir — als dem fernen, mit Sor­gen für Oesterreichs Zukunft erfüllten Beobach­ter — keine Zeit zu verlieren, und es würde wahrlich wenig damit gewonnen sein, jetzt noch weitläufige philosophische und staatswissenschaft- Bchc Erörterungen über das beste der verschiede- yen WahWteme anzustellen."

Deutsches Reich.

Berlin, den 8. Oktober 1906.

Freiherr v. Tschirschky, der deutsche Staatssekretär der Auswärtigen Angelegenheiten, trifft demnächst in Wien ein. Nach Wiener Blättern sollte eine Zusammenkunft Tschirschkys mit dem brutschen Botschafter in Rom, Grafen Monts, dem deuffchen Botschafter in Wien, Grafen Wedel, und voraussichtlich auch mit dem Leiter der Auswärtigen Angelegenheiten Oester­reich-Ungarns, Grafen Goluchowsky, stattfinden. Als Grund zu dieser Zusammenkunft wurde die Erörterung der Beziehungen der beiden Mächte zu Italien genannt, weiter wurde die Dreibund- frage damit in Zusammenhang gebracht. Nun erfährt die ,Post', daß diese Reise keineswegs in politischem Auftrage erfolge. Herr von Tschirschky befinde sich auf Urlaub und beab- sichüge, während seines Urlaubs Verwandte zu besuchen, welche in Wien wohnen. Selbstver­ständlich sei, daß er auch dem Grafen Golu­chowsky einen Besuch abstatten und sich mit ihm nicht nur über das schöne Wetter unterhalten, sondern auch über Gegenstände der Politik Rück­sprache nehmen werde. Das Blatt kündet weiter auch die Ausdehnung der Urlaubsreise Tschirsch­kys nach Rom an. Doch würden alle diese Reisen und eventuellen Rücksprachen mit Staats­männern nur privatim erfolgen und absolut keinen offiziellen Charakter haben. Die Aus­lassungen der Wiener Blätter seien lediglich als Kombinationen zu betrachten. An diese Reise hatten viele Blätter die Frage über die Kündi­gung des Dreibundes geknüpft. Danach sollte der Dreibund von 1900 an weiterlaufen, wenn nicht im nächsten Jahre von einer Macht die Kündigung erfolgte; aber weder Oesterreich- Ungarn noch Deutschland dächten daran, den Dreibund zu kündigen. Auch Italien wolle davon nichts wiffen. Diese Mitteilungen stimmen mit den tatsächlichen Verhältnissen nicht überein. Das Bündnis mit Italien ist vor vier Jahren bis 1914 unter den früheren Bedingungen ver­längert worden. Von einer Kündigung int nächsten Jahre kann also nicht gut die Rede sein. Wenn Freiherr von Tschirschky dft leitenden Staatsmänner in Wien und Rom besucht, wird indessen dieser Tatsache ein höherer Wert beizu­legen fein, als es die ,Post' in ihren Mit­teilungen tut.

* Zum Vortrag beim Reichskanzler begibt sich in den nächsten Tagen der Staatssekretär des Reichsschatzamtes Freiherr v. Stengel. Der Besprechung wird voraussichtlich auch der Kriegsminister von Einem beiwohnen. Wir die ,Rordd. Mg. Ztg.' meldet, wird es sich bei der Besprechung in erster Linie darum handeln, wie der nächste Reichshaushaltsetat unter notwen­diger Berücksichtigung der militärischen Er­fordernisse am zweckmäßigsten zu gestalten ist. Aus dieser Ankündigung scheint hervor­zugehen, daß die neuen militärischen Vorlagen doch umfangreicher ausfallen werden, als bisher von einem Teil der Presse dargestellt wurde. Wenigstens ist es auffallend, daß der Stcats- sekretär und der Kriegsminister gleichzeitig an der Besprechung teilnehmen.

Der Landwirtschaftsminister soll nach einem Börsenblatt neuerdings ein Entlassungs­gesuch eingereicht haben. „Davon wiffen wir nichts" bemertt hierzu die .Deutsche Tageszeitung'. Das Blatt will auch allen Grund haben, die Richtigkeit bet Meldung zu bezweifeln. Die Nachricht des Börsenblattes erscheint wenig wahrscheinlich. Ueber das erste Entlaffungs- gesuch hat sich die Krone die Entscheidung ja noch vorbehalten, so daß also nicht anzunehmen ist, daß Herr von Podbielski jetzt noch ein zwettes Gesuch eingereicht habe.

* Der Evangelische Bund hält zur Zeit in Graudenz seine Generalversammlung ab. Die fteikonservative .Post' schildert ihn als „eine große und volkstümliche Organisatton". Das Blatt schließt dies wohl aus der Mitgliederzahl des Bundes. Seine bisherige Tätigkeit, nament­lich die in den letzten Jahren, gibt wenigstens nicht die Berechtigung dazu, ihm irgend eine Volkstümlichkeit nachrühmen zu können. Es müßte denn sein, daß die ,Post' an der Kampfes« weise des Bundes so großes Wohlgefallen ge­funden hätte. Das scheint auch der Fall zu sein, denn bei ihr ist der Evangelische Bund „nicht der von Politikern gemiedene Pastoren­bund, wie ihn unbillige Kritik darstellt". Als Beweis hierfür bebient sie sich der Mitteilungen, daß an bet Spitze von 17 Hauptvereinen Laien unb unter ben Vorsitzenden der Zweigvereine und Ortsgruppen neben 1445 Theologen auch 1773 Laien ständen. Auch bet Zentralvorstand bestehe fast zur Hälfte aus Nichttheologen. Die Zuge­hörigkeit von drei Parlamentariern und drei früheren Parlamentariern genügt der .Post', um damit zu beweisen, daß der Bund nickt von den Politikern mißachtet werde. Die ,Post' ist in der Tat sehr bescheiden, wenn sie aus der Zu- gehörigkest von drei Parlamentariern zunr Zentral­vorstand des Bundes seine Hochachtung in parla­mentarischen Kreisen herleitet. Selbstverständlich malt bie .Post' auch das Schaurrbilb an die Wand, daß „ohne den Evangelischen Bund mit

seinem wachsamen Auge der Ultramontanismus im neuen Deuffchen Reich fein Uebergewicht viel rücksichtsloser ausbeutm würde, als dies schon jetzt geschieht. Darum hat der Bund, der in feinen ersten Jahren schwer um seine Durchsetzung hat ringen müffen, in den letzten Jahren er­freuliche Zeichen des Vertrauens der protestan­tischen Bevölkerung sich errungen". Es ist rührend, wie die »Post' um die Interessen des Evangelischen Bundes bekümmert ist. Was die Katholiken in der Abwehr der Übergriffe des Evangelischen Bundes tun, rechnet die ,Post' selbstverständlich auch zu der rücksichtslosen Aus­beutung durch den Ultramontanismus."

* Bei dem Inkrafttreten des Zolltarifes war an der russischen Grenze eine ganze Menge Waren aufgestapelt, welche infolge unzureichender Vorkehrungen der russischen Eisenbahn - Verwal­tung nicht mehr rechtzeitig vor dem 1. März ins Ausland transportiert werden konnten. Infolge der neuen Zollsätze sind die Verfrachter der Waren zu Schaden gekommen, wofür sie von der russi­schen Regierung Ersatz beanspruchen, der auch in Aussicht gestellt wurde. Wie nun verlautet, tritt in der nächsten Zeit in Petersburg eine Konferenz zusammen, die sich mit den Reklamationen be­schäftigt. Hat es an und für sich schon lange ge­bauert, bis man endlich soweit gekommen ist, so wird man gut tun, über die endgültige Regelung sich keine allzu großen Hoffnungen zu machen, obschon die deutschen Ansprüche durchaus begrün­det sind.

* Der Güterverkehr im Bereiche des preußi­schen Staatseisenbahnverbandes hat auch tm September d. Js. gegenüber dem gleichen Monat des Vorjahres einen Mehrbedarf an offenen Wagen aufzuweisen; dagegen ist der Gesamt- bedarf an bedeckten Wagen gegen den September 1905 etwas zurückgegangen. An offenen Wagen waren im September 1906 mehr erforderlich 8,5 Prozent, mehr gestellt wurden 8,5 Prozent; an bedeckten Wagen waren weniger erforderlich 1,2 Prozent und weniger gestellt wurden 1,1 Prozent.

* * Berlin, 8. Oktober 1906. Der Kaiser hat fein Interesse für die Ballonwettfahrten, wel­che bekanntlich am 14. Oktober von Berlin aus stattfinden, dadurch bekundet, daß er einen pracht­vollen Ehrenpreis gestiftet hat. An der Luftballon­verfolgung durch Automobile am nächsten Mitt­woch werden außer dem Prinzen Heinrich von Preußen auch Prinz Ernst zu Sachsen-Altenburg und Herzog Adolf Friedrich zu Mecklenburg- Schwerin teilnehmen. — Zum Vizepräsiden­ten des Evangelischen Oberkirchen­rat e s ist an Stelle des vor kurzem verstorbenen Freiherrn von der Goltz, wie das „Berl. Tagebl." erfährt, der Generalsuperintendent Braun in Königsberg ausersehen. D. Braun ist, wie er­innerlich, am Samstag gelegentlich des Besuches, den der Kaiser in Königsberg abstattete, auf dem Bahnhof vom Kaiser in längerer Audienz em­pfangen worden. — Die Volkszählungen kosten den größeren Städten viel Geld. Die letzte Zählung verursacht der Reichshauptstadt einen Kostenaufwand von rund 420 000 <*. Dieser Be­trag hat sich um 100 000 <Al gegenüber der Zäh­lung vor fünf Jahren erhöht.

Ausland.

* Der Bürgermeister von Wien Dr. Lueger ist bedenklich erkrankt. Er leidet an einer Fußwunde als Folgeerscheinung der Zuckerkrank­heit.

* Die zweite Haager Konferenz soll angeb­lich doch schon im nächsten Jahre stattfinden. Das „Reuter'sche Bureau" ersähtt aus dem Haag, daß die Vertagung bezw. Zurückziehung der Entwürfe über den Beitritt zur Friedens­konvention unb den Empfang bet Mitglieder der Friedenskonferenz nicht den Schluß recht- fertige, daß bie Konferenz im Jahre 1907 nicht stattfinbe. Der für 1906 erbetene Kredit von 75 000 Gulben ist nur deswegen zurückgezogen worden, weil die Konferenz nicht im Jahre 1906 stattfinden wird.

* Auf dem Friedhof von Tours wurde am Sonntag ein Denkmal eingeweiht, bas über einem Grabe errichtet ist, in dem 11 preußische unb 29 französische Soldaten ruhen, bie im Jahre 1870 gefallen sind. Mehrere Redner sprachen, unter ihnen der kommandierende General des IX. Armeekorps als Vertreter des Kriegs­ministers.

* Die Verleumdungen Deutschlands durch den persischen Korrespondenten der .Daily Mail' er­fahren eine erfreuliche Berichtigung. Der .Stan­dard' und der .Daily Expreß', also Blätter vom besseren Schlag als die ,Daily Mail', verösfent- lichen ein Telegramm ihres Korrespondenten in Teheran, in tvelchem mitgeteilt wird, daß die neuerdings von der .Daily Mail"' gebrachten Mel­dungen über die angeblich in Perfien herrschende Anarchie und über die Bestrebungen Deutschlands, sich im Lande des Schahs eine dominierende Stel­lung zu verschaffen, absolut erfunden seien. Das Volk habe in durchaus friedlicher Weise um ge­wisse Reformen gebeten, die auch bewilligt worden seien, und in allen Teilen des persischen Reiches fei es ruhig. In Verbindung damit fei es ge­lungen, den britischen Einffkrtz außerordentlich zu stärken; der britisch Bevollmächtigte habe, als Laufende währsud der Krisis in der britischen

Gesandffchast Unterkunst suchten, sehr großes Ge­schick bewiesen. Anderseits fei es nicht zu leugnen, daß Persien soeben eine schwere finanzielle Krisis durchmache. Seit dem russisch-japanischen Kriege sei alles Geschäft wie gelähmt. Die Staatsein­künfte aus den Zöllen seien in der letzten Zeit außerordentlich gefallen, und die Schatzkammern seien leer.

* Die Wiederannäherung zwischen der Türkei und Bulgarien hat, wie der „Politischen Korre- spondenz" aus Konstantinopel gemeldet wird, durch die jüngste Begegnung zwischen dem FurstenFerdinand und NedjibPascha eine starke Förderung erfahren. Fürst Ferdinand bestieg den Eisenbahnzug, in welchem Nedjib Pa­scha seine Reise nach Konstantinopel fortsetzte, um den Vertrauensmann des Sultans zu begrüßen, und erklärte diesem, sein Erscheinen verfolge zu­gleich den Zweck, die friedlichen Absichten Bulga­riens der Türkei gegenüber öffentlich zu bekunden. Im Lause des Gespräches, welches sich um die ver­schiedenen zwischen der Türkei und Bulgarien schwebenden Angelegenheiten drehte, legte Fürst Ferdinand Gewicht darauf, daß die Versicherungen feiner aufrichtigen und friedfertigen Gesinnung zur Kenntnis des Sultans gelangen. Im Iildiz- kiosk sowohl als in den Kreisen der türkischen Re- gierung wird der großen Befriedigung über diesen Höflichkeitsakt des Fürsten Ferdinand und seine friedlichen Versicherungen Ausdruck gegeben.

[] Die Sterblichkeit unserer Hinter.

Deutschland, das in manchen Dingen mit Recht so gepriesene Land der sozialen Fürsorge, über­trifft leider in Bezug auf die Kindersterblichkeit die meisten übrigen Kulturstaaten. Im Jahre 1903 starben von allen lebendgeborenen Kindern im ersten Lebensjahre 20,4 Prozent; also der fünfte Teil aller lebendgeborenen, das sind 300 000 bis 400 000 Kinder. Nur in Oesterreich erreicht die Kindersterblichkeit so ziemlich die gleiche Höhe; in dem „rückständigen" Italien da­gegen beträgt sie für das erste Lebensjahr nur 17,2 Prozent; in Frankreich 13,5 Prozent. In den Vereinigten Staaten von Nordamerika sinkt sie sogar auf 9,5 Prozent herab, obwohl dort die menschliche Arbeitskraft rücksichtslos ausgenutzt wird.

Die Gründe für diese betrübende und die ge­sunde Weiterentwickelung unseres deutschen Vol­kes schwer schädigende Erscheinung sind mannig­fach. Der erste dürfte wohl mit Recht darin ge­sucht werden, daß die Zahl der Frauen, die zur Tätigkeit in der Fabrik, noch mehr aber in der Hausindustrie genötigt sind, um die Mittel für eine einigermaßen erträgliche Haushaltung mst aufbringen zu helfen, bei uns immer noch allzu groß ist. Für die Hausindustrie hat das die Ber­liner Heimarbeitsausstellung erschreckeird genug nachgewiesen. Zwar fehlen hier noch positive An­gaben über die Zahl der weiblichen Arbeiter; doch dürfte sie auf weit über eine Million geschätzt werden. In Fabrikbetrieben betrug im Jahre 1903 die Zahl der Arbeiterinnen von 16—21 Jah­ren rund 314 000, über 21 Jahre 545 000, im gern- zen also rund 860 000 erwachsene Arbeiterinnen. Zieht man hier in Betracht, daß die tägliche Ar­beitszeit für die erwachsene Arbeiterin sich noch meist auf 11 Stunden beläuft, und daß diese lange Arbeitszeit die Gesundheit der Mädchen in ihren Entwicklungsjahren außerordentlich ungünstig be­einflussen und im höchsten Grade nachteilig auf die spätere Mutterschaft wirken muß, so wird man die, erschreckende Kindersterblichkeit in Deutschland einigermaßen erklärlich finden. Gewiß kommen noch andere Gründe, die in dem persönlichen Ver­schulden der einzelnen zu suchen sind, hinzu. Man­gel an hygienischer Einsicht bei den Mädchen und den Müttern selbst. Verständnislosigkeit für eine vernunftgemäße persönliche Gesundheitspflege; dann der Mangel an Kenntnis der Säuglings­pflege, Unreinlichkeit, fehlerhafte Ernährung des Säuglings und nicht an letzter Stelle die unbe­gründete Versagung der natürlichen Ernährung. Gerade dies letztere, der bedauerliche Rückgang der natürlichen Ernährung, die Vorenthaltung des dem Kinde von Natur zustehenden Rechtes auf Ernährung an der Brust ist nach allgemeiner ärzt­licher Erfahrung eine der hauptsächlichsten weite­ren Ursachen für die hohe Säuglingssterblichkeit.

Wenn nun hierin die Mütter selbst sich zur ge­wissenhaften Pflichterfüllung veranlaßt sehen unb durch unsere Frauen-, Arbeiterinnen- und Müt­tervereine darüber belehrt werden müßten, so hat auf der andern Seite aber auch der Staat das höchste Interesse daran, die hohe Säuglingssterb­lichkeit mit allen Mitteln zu bekämpfen und vor allem dem Mutterschutz erhöhte Aufmerksamkeit zuzuwenden. Die Bestimmung der Gewerbeord­nung, wonach die Wöchnerinnen vier Wochen nach der Niederkunft überhaupt nicht und während der folgenden 2 Wochen nur nach Beibringung eines ärztlichen Zeugnisses beschäftigt werden dürfen, ist nicht weitgehend genug. Es müßte den Wöch­nerinnen etwa 4 Wochen vor und sechs Wochen nach der Entbindung volle Arbeitsruhe gewährt werden. Weiterhin wäre eine Erhöhung des Kran­kengeldes für Wöchnerinnen erforderlich. Denn gerade in dieser Zeit bedarf die Mutter einer kräftigen Nahrung, zumal, wenn sie, ihre Pflicht bezüglich der natürlichen Ernährung ihres Kindes erfüllen soll. Daß der Satz von 45 pro Tag, wobei eventuell Mutter unb Kind wöchentlich von 2,70 o«. leben müßte, — es ist dies jetzt das nie- drigste Krankengeld — zu gering ist, bedarf feiner Frage. Daß bet Wöchnerinnenschutz vor allem auch in dem Gesetze zum Schutze der Heimarbei­ter, wie schwierig auch immer diese Materie sein mag, zum Ausdnick kommen muß, dürfte wohl aus dem schlimmen Einfluß der Heimarbeit auf bie Kindersterblichkeit bervoraeben. War doch in