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HMaer W Zeitung

33, Jahrgang

Fulda, Dienstag den 2. Oktober 1906.

JVe 226.

oder ernst und finster schienen — ob sie neue Sor-

verantworüi-er Schriftleiter: 3. Baum; für Me Bnjetgeu J. patjefltr in 8»\ba-

* Die Meldung von einer neuen Militär-1 Vorlage, welche die ,®ermania' am Samstag gemacht hatte, wird verschiedentlich angezweifelt. Die ,Deutsche Tagesztg/ behaupret, daß von einer neuen Militärvorlage keine Rede sein könne. Höchstens könne es sich um gewisse Mehrforde­rungen im Heeresetat handeln. Aber auch diese würden sich, was den Mannschaftsstand anbe­langt, innerhalb der letzten Heeresvorlage halten. Das Blatt hält es für möglich, jedoch für nicht überraschend, daß für die technische und sonstige Ausrüstung etwas mehr gefordert werde, als im letzten Heeresetat. Dem ,Berl. Lokalanz.' will es nicht glaubhaft erscheinen, daß innerhalb des Quinquennats die Aufstellung von Neufor­mationen, die mit einer Erhöhung der Friedens- präsenzstärke verbunden sein würde, in Frage kommen könne. Bisher habe man sich durch Kommandierung von Mannschaften verschiedener Truppenteile beholfen. Ob dieses Verfahren auch fernerhin beibehalten werden könne, darüber sei noch keinerlei Entscheidung getroffen worden. Es wird sich ja bald Herausstellen müssen, in welchem Umfange die Meldung der ,®ermania' Bestätigung findet. Schon oft sind Zweifel tn die Ankündigung von neuen Vorlagen gesetzt worden, die sich nachher doch bestätigt hat.

Eine Umgestaltung des Oberkommandos der Schutztruppen zu einer selbständigen Retchs- behörde hatte ein rheinisches nationalltberales Blatt angekündigt. Diese Nachricht wird von der .Deutschen Tagesztg/ für unrichtig erklärt. Die Erörterungen über die Neuregelung des Verhältnisses des Oberkommandos der Schutz­truppen sollen noch nicht so weit gediehen fern, daß von einer Vorlage an den Bundesrat btt Rede sei» könne. Ganz unmöglich sei aber die Umwandlung des Kommandos zu einer selbstän­digen Reichsbehörde. Auch wir glauben,, daß hieran nicht ernstlich gedacht werden könne. Vorerst gibt es in unseren Kolonialangelegen­heiten der „Umwandlungen" gerade genug.

' * Der wirtschaftliche Ausschuß ist am Mon­tag zur Vorbereitung des deutsch-spanischen Han­delsvertrages zusammengetreten. Er tagt tm Reichsamt des Innern unter dem Vorsitz des Staatssekretärs Grafen Posadowsky. Seme Tagung ist notwendig, weil zur Zeit zwischen Deutschland und Spanien nur ein Handelsprovt- sorium besteht, welches mit dem 31. Dezember d. I. abläuft. Am 1. Juli mußte es bereits eine Verlängerung erfahren, und es ist nur zu wünschen, daß die neuerlichen Verhandlungen zu einem endgiltigen Verhältnis führen, das, wie auch das Provisorium, Deutschland das Recht der Meistbegünstigung gewährt.

* Die Deutsche Landwirtschaftsgesellschaft hält vom 22. bis 25. Oktober in Berltn rhre Herbsttagung ab. Präsident der Gesellschaft fft der deutsche Kronprinz, welcher voranssichtltch an der am 25. Oktober stattfindenden Setzung des Präsidiums und des Gesamtausschusses tetl- I nehmen wird.

* Die technischen Privatangestellten beab­sichtigen für die nächste Zeit Massenkundgebungen für das ganze Reichsgebiet. Sie entsprechen da­durch einem Beschluß, welchen der „Soztale Ausschuß von Vereinen technischer Privatange- stellten" am letzten Sonntag in Berlin gefaßt hat. Sie knüpfen daran die Hoffnung, ihren Forderungen auf Besserung der rechtlichen Stellung mehr Nachdruck geben zu können. In einer Re; o-

Der Vater Frau Bernheims,, Herr van Elten, gab an der Reichsbank Sicherheit für 90 000 M, bie als augenblickliche Rettung erforderlich waren. Sn Bernheim lebten Mut und Hoffnung wieder auf — Aber Ruhe, Glück und Frieden schienen seit der ersten Katastrophe für immer aus fernem Hause gewichen. Sobald neue Geschastsstockungen eintraten, größere Wechsel fällig waren, ließ er Krau und Kinder die Sorge bis auf die Hefe aus- kosten unb suchte nicht, ihnen die Angst zu ersparen. Hertha und ihr um drei Jahre älterer Bruder, litten unter den Verhältnissen natürlich wett mehr als die drei jüngeren Geschwister. Wie oft forschte

nett!" ,

Später schien Hertha nicht mehr schwermütig zu sein. Sie neckte sich mit geiler unb lachte oft fröhlich aus. Sie sang auch mit Anna Duette und ihre Stimme erhob sich in heller Jugendlust. Zum Schluß brachte Beer einen Ausflug zu dem, eine Stiinde von D. entfernten Dorfe L. in Vorschlag. Eine reizende Aussicht bot sich dort vom Martms- hügel. Alle waren freudig dabei unb man trennte sich nach fröhlichem Gutenachtgruß^

lasten. Eine merkliche Aenderung der handels­politischen Beziehungen wird also auch die Annek­tierung nicht mehr mit sich bringen.

ltvcll. Nein, mit Mühe nur wahrte man den äußeren Schein, um dem Kredit des angesehenen

Lrschtim täglich, mit Ausnahme 6er Sonn- und Feiertage. Pterttl» M,n. Bezugspreis ohne 8 ringer Io bn und veüeügeld in Hulda und auswärts IM. 50 pfg.

Deutsches Reich.

Berlin, den 1. Oktober 1906.

.-. Das Befinden des Reichskanzlers wird als vorzüglich geschildert. Infolgedessen soll er beabsichtigen, früher nach Berlin zurückzukehren, als ursprünglich angenommen wurde. Der kom­mende 4. Oktober gibt bereits Veranlassung zu Betrachtungen über die Amtsdauer der deutschen Kanzler. Während am 23. Mai des verflossenen Jahres Fürst Bülow schon die Ca- privi'sche Kanzlerzeit erreicht hatte, ist er am 4. Oktober auch schon solange Kanzler, als Fürst Hohenlohe war. Am 17. Oktober d. I. hat Fürst Bülow eine sechsjährige Kanzlerschaft hinter sich. Die Amtszeit Bismarcks erreicht er indeffen erst am 16. Oktober 1919.

* Die Einigung der Liberalen ist auch vom Parteitag der deutschen Volkspartei in München besungen worden. Wenigstens hat der Delegierten- tag eine Resolution angenommen, welche die Einigung des gesamten Liberalismus als not­wendig bezeichnet. Der Liberalismus erfährt es aber selbst, daß mit Resolutionen allein noch ' ange nichts geschehen ist. Wenn dies der Fall wäre, müßten die liberalen Parteien heute schon einiger dastehen, als alle übrigen politischen Gruppen.

* Der revolutionäre Geist muß bei den jungen Leuten groß gezogen werden. Das war der Refrain, auf den der Delegiertentag der jungen Garde, welcher am Sonntag in Mann- heim stattfand, gestimmt war. Diesem Rezept gab man eine ganz merkwürdige Begründung mit auf den Weg: Die wissenschaftlichen Vor­träge würden den jungen Leuten bald unendlich öde. Man müfse den revolutionären Geist in ihnen groß ziehen, bann fessele man sie auch an die proletarische Organisation, während man sie ] auf der anderen Seite den Anarchisten in die Arme treibe. Wenn den jungen Elementen erst! der revolutionäre Geist eingeimpft ist, werden sie sich schwer noch um die proletarische Orgarn- ation kümmern, noch viel weniger werden sie den Unterschied zwischen Anarchismus und Sozial­demokratie von heute zu erkennen vermögen. Im Vordergrund der Beratung stand die antimlst- taristische Agitation. Nach Ansicht des Dele­giertentages hat dieselbe vor Beginn der Milrlär- zeit anzufangen, damit der Soldat, wenn er in das Heer eintrete, sich klar darüber fei, daß das einzige Gebot, das er zu halten noch verpflichtet ei, das fei, Vater und Mutter zu ehren; das müsse ihm höher stehen als der Eid gegenüber irgend einer anderen Person. Hierzu bildet das jüngst in Berlin ergangene Urteil ein eigen­artiges Gegenstück, das bei der antimilitaristischen Agitation der Sozialdemokratie noch oft zitiert werden wird.

.-. Der Reichsverband zur Bekämpfung der Sozialdemokratie schafft eine umfangreiche Or­ganisation für die Reichstagswahlen im Jahre 1908. Neben feiner Zentrale in Berlin hat er noch etliche Provinzialgeschästsstellen errichtet und zwar in Hamburg, Dresden, Plauen und Breslau. Auch noch andere Orte, namentlich Industrie­zentren, sollen folgen.

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lution wird zum Ausdruck gebracht, daß die Kommissionsbeschlüffe des Reichstags den Wünschen der technischen Privatangestellten bei weitem nicht entsprechen. Der soziale Ausschuß bittet daher den Reichstag, über diese Beschlüsse besonders hinsichtlich der Konkurrenzklausel hinauszugehen und zum mindesten die vorbehaltlose Gleichstellung der technischen mit den kaufmännischen Angestellten zu beschließen. Hierzu fei bemerkt, daß im sozialen Ausschuß die Organisationen der Werkmeister, Techniker, technisch-industriellen Beamten, Faktoren, Brennmeister, Landwirtschaftsbeamten, Seemafchl- nisten, Zeichner, Kapitäne und Offiziere der Handelsmarine und andere vertreten sind.

* Am 3. ds. Mts. tritt in Berlin eine internationale Konferenz für Funkentelegraphie zusammen. Die Einladung abgelehnt haben China und Peru. Die Antwort der Türkei steht noch aus. Die ,Nordd. Allg. Ztg/ begrüßt die Ver­treter der einzelnen Staaten in folgender Welse: „Wir heißen die fremden Delegierten in Berlin herzlich willkommen und hoffen, daß sie in ge- raeinfamer Arbeit mit den deutschen Delegierten zu der aus allgemeinen Verkehrsrückfichten so I überaus wünschenswerten internationalen Ver- ! ständigung über die Regelung der Funkentcle- graphie gelangen werden." Vertreten sind auf der Konferenz 32 europäische und außereuropäische Staaten mit insgesamt 90 Delegierten. Von der Stadt Berlin ist eine große Festlichkeit im Rat- Hause geplant.

* Verschärfte Vorschriften über den Auto­mobil-Betrieb bat der Oberpräsident der Provinz Brandenburg kürzlich erlaffen. Für das Publi­kum von besonderem Interesse sind folgende Be­stimmungen: „Die Kraftfahrzeuge müsfen betriebs- sicher und insbesondere so gebaut, eingerichtet und ausgerüstet sein, daß Feuers- und Explosions- Gefahr, sowie eine Belästigung von Personen und Gefährdung von Fuhrwerken durch Geräusch, durch Entwickelung von Rauch oder Dampf oder durch üblen Geruch möglichst ausgeschlosfen ist. Die Vorrichtung zum Auspuffen des Dampfes oder der Gase muß an einer möglichst wenig sichtbaren Stelle angebracht fein. Die Radkränze dürfen nicht mit Unebenheiten versehen sein, welche geeig­net sind, die Fahrbahn zu beschädigen.« Solche Vorschriften wird die allgemeine Oeffentlichkelt gewiß begrüßen. Es fragt sich nur, ob sie auch I befolgt werden. An vielen Orten war man schon genötigt, mit den höchsten Polizeistrafen vorzu­gehen. Jedenfalls sind die neuen Vorschriften geeignet, auch in anderen Landesteilen emgesuhrt zu werden.

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Rotationsdruck u. vertag der zntdaer Ac- ttendrnckerei in 8«lda> zrrnfprecher Rr. 9.

Amerika auf Kuba.

Präsident Palma hat dem Kongretz ' jnitgeteilt, er werde feine Rücktrittserklärung nicht zurückziehen. Nach einer Reutermeldung vom Freitag waren die Führer der Gemäßigten, der Liberalen und Nationalisten erschlossen, alles zu- zugestehen, um eine Intervention zu vermeiden. Es hat aber nichts genutzt.

Kriegssekretär Taft hat nämlich am Freitag nachmittag erklärt, er fei überzeugt davon, daß die Vereinigten Staaten heute abend oder spätestens morgen ihre Truppen würden landen lassen müssen, in welchem Falle dann die Pro­klamierung einer provisorischen Regierung erfolgen würde. Er habe zu den Vorschlägen keiner Partei Vertrauen, da überall Unaufrichtigkeit hervor­trete und Patriotismus, wie die Amerikaner das Wort verständen, überhaupt nicht vorhan­den sei.

Die Regierungstruppen sind für die Inter­vention Amerikas. Der Anfang damit ist auch schon gemacht ivorden, in Havanna wurde am Freitag eine zur Bewachung des Schatzamtes be­stimmte Abteilung von 25 amerikanischen Marin e- foldaten gelandet und in der Nacht zum 30. Sep­tember ist im Kriegsdepartement in Washington eine Depesche von Roosevelt eingetroffen, wodurch die sofortige Entsendung von 6000 Mann nach Kuba angeordnet wird. Es heißt, Kriegs­sekretär Taft werde eine Proklamation erlassen, in der er sich zum Militärgouverneur von Kuba erklärt. General Rodriguez werde dann an der Spitze der Landgendarmerie gemeinsam mit Taft vorgehen.

Am Samstag ist bann tatsächlich die Einsetzung einer provisorischen Negierung von­seiten der Vereinigten Staaten von Amerika erfolgt. Im Amtsblatt von Havanna er­läßt Kriegssekretär Taft eine Bekanntmachung, daß er ein st weilen die Regierung übernommen habe, bis eine ständige Re­gierung eingesetzt sei. Das Vorgehen Tafts ist die Folge des Mißlingens des Versuchs, den kuba­nischen Kongreß zusainmentreten und einen neuen Präsidenten für Palma wählen zu lassen, der mit­samt seinen Anhängern sich weigert, weiter im Amt zu bleiben. Zu der Zeit, zu der Freitag abend die Sitzung des Kongresses eröffnet werden sollte, waren nur vier Mitglieder anwesend, die sich schließlich entfernten, ohne daß eine Sitzung stattgefunden hätte.

Nachdem die Amerikaner so zur Niederwer­fung des Aufstandes auf Kuba gezwungen wor- b>m sind, werden sie sicher zur Annexion, schreiten. Sie werden keine Lust haben, das alle fünf Jahre zu tun; denn die kubanischen Aufstände bilden, das weiß mau aus der spanischen Zeit, eine Spe­zialität von Kolonialkriegen, wonach es auch die Amerikaner nicht gelüstet. Die Kubaner werden dann finden, daß sie nur die Herren gewechselt haben, und es könnte leicht fein, daß sie die alten Herren, die Spanier, den neuen vorzögen. Aber sie haben bann, was sie selber wollen und was sie verdienen!

In englischen Kreisen sieht man dem wei­teren Gang der Dinge sehr pessimistisch entgegen. Vor allem hegt man große Besorgnisse für den europäischen Handel mit Kuba. Man erblickt in der Annektierung seinen Todesstoß, wie dies auch der Fall war, als Amerika sich in die Angelegenhei­ten von Porto-Rico einmischte. Die Taffachen be­teilten uns aber, daß in dieser Hinsicht nicht mehr viel zu befürchten ist. Heute schon ist der Hande!, mit Kuba fast ganz in den Händen der Ameri­kaner, welche sich von der kubanischen Regierung sehr annehmbare Vorzugszölle haben einräumen

— langweilig zum Gähnen! — Er hat nicht zwei I leben.

©iHagk bie Wahrheit. Mit Anna und Her- Kaufmannes nicht zu schaden, denn Bernheims tba, seinen Tischnachbarinnen, hatte Hallern wäh-1 - " —— **- It,rrub

rend des Abendessens sich zwar eifrig unterhalten, nach diesem aber nur mehr mit den Herren. Oft jedoch waren feine Blicke zu Hertha hinübergetoau- bett, als er ernst den Vorträgen lauschte. Sie war auch so lieblich mit den tiefen Grübchen in Wangen unb Kinn, dem welligen, aschblonden Haar, den feinen, dunklen Brauen über den hell­braunen, unschuldigen Kinderaugen.

„Aber der gemütliche, witzige Rolf," kicherte Ella in ihrer Fensternische weiter, „der hat mich für Beers Ueberspanntheit und Halterns Schwei­gen reichlich entschädigt. Er schwätzte ja fast den ganzen Abend wie eine Elster, wenn auch bei den Kunstgenüssen nur gedämpft. Aber er hat mal diesen durchdringenden Flüsterton. Meine schön- aeistige Schwester sandte oft zornige Blicke zu uns hin Sahst Du es nicht? — Ach, aber er ist zu

Vermögensverhältmsse waren schon lange zerrüt­tet Durch gewagte Spekulationen, durcp Wechlel- unterzeichnen für Freunde, ohne genügende Sicher­heit mar das große Vermögen bev Fabrikanten und' das feiner' Gattin fast gänzlich verloren ge­gangen. Bernheim besaß nicht genügend Eharak- terstärke und Liebe zu den Seinen, um dreien, ob­schon noch Rettung vor dem Rrlm möglich fchreu, den Stand seiner Angelegenheiten zu verherm- lichen. Schon damals, als ihn der erste schlag durch den Bankerott seines Freundes Hartmann traf, war er so ohne Energie, Halt und Fassung, daß seine Frau fürchtete: er würde den Verstand

bie Bernheim nie verheimlichte, sah sie stets nut tiefem Bangen entgegen. Ach, die Szenen, die ihnen gewöhnlich voransgingenl

Herr van Elten war sehr wohlhabend, und immer wieder mußte Srau fflernbeim, auf gen ihres Mannes, um feine Hilfe bitten, u» wurde ihr schwer, denn ihr Vater war ein ernster, strenger Mann, der durch Umsicht und Fleiß sein Vermögen erworben hatte. Zudem befaß er noch drei Sohne. Doch stets ließ sie sich durch die Ver- zweiflungsszenen ihres Gatten bestimmen, die Hülfe ihres Vaters anzurufen.

Einmal tat dies sogar Hertha. Sie empfand ja mit ihrem Vater, trotz feiner jetzigen, abstoßen­den Herbheit tiefe Teilnahme. Da hatte der Großvater dem bleichen, verängstigten Kinde das Haar von der Stirn gestrichen unb gemurmelt:

„Er müßte wenigstens die Kinder schonen.

verlieren. t , ,r 3

Als Hertha zum erftenmal das Toben ihre? Vaters sah, die Ruse vernahm: „Jetzt sind wir Bettler! — Kinder nun könnt Ihr bald betteln gehen!"--war der Eindruck auf ihr kindliches qi. ------

Gemüt schrecklich gewesen. Sie glaubte ja so fest «ert{L in den Zügen des Vaters, ob sie zufrieden an die phantastischen, übertriebenen Worte Des ober ernft unb finster schienen — ob sie neue Sor- Vaters. — Beiteln? — Sie sollte betteln? — Sie, kündeten? — Den Verfalltagen der Wechsel,

die sich reich aeglaubt! Die sie immer so gliicktich > - - • • - • *****

über ihre schönen Kleidchen, ihr stattliches Heim gewesen. — Sie — betteln? — Erst war sie wie erstarrt. Dann aber brach die Angst vor dem un­gewissen Schicksal mit wilder Verzweiflung ans dem gepreßten Herzen unb in einem Wemkrampf machte ads vierzehnjährige Mäbchen sich Luft.

Bernheim sah bas verzweifelte Gebahreii seines Kindes an, ohne ihm Trost zuzusprechen. Jin Ge­genteil, er rief in seiner ohnmächtigen Qual: Bes­ser sterben — wie arm sein. Aber die Mutter, die schwache, sanfte Fran bewahrte allein die i Fassung. Sie trat zu Hertha hin, faßte ihre Hand । und führte sie in das elterliche Schlafzimmer vor bas fast lebensgroße Bild des kreuztragenben Chri­stus, wies mit dem Finger auf fein blutüberström- te3 Gesicht und sagte: „Kannst Du ihm nicht bener folgen, Hertha? ihm, der so geduldig seine schwere I Last trug?* —

Hertha legte sich mit ernsten Gedanken zur Ruhe. Obschon die vergangenen Stunden für sie glücklich unb froh gewesen, so erhob sich auch heute wieder bie nagende Sorge, bie bedruckende Angst, bie nun bereits seit drei Fahren so oft ihr junges Gemüt belasteten Wie irrten sich die Bewohner D.'L. und bie Bekannten der Familie Bernheim, Irena sie glaubten, der Kommerzienrat lebe in ge­sicherten," glänzenden Verhältnissen, und in feinem Hanse herrsche ein sorgloses, glückliches Familien-

Ausland.

* um die Sonntagsruhe für Paris durch- zuführen, wurden auch am letzten Sonntag wieder von den Angestellten Kundgebungen ver- anstaltet, die überall ruhig verliefen.

' * Abermals Streiktumulte in Frankreich. In Panniers (Departement Ariäge) veran­stalteten ausständige Metallarbeiter Sonntag abend eine Kundgebung und beschädigten das Gebäude der Unterpräfektur und das Wohnhaus des Direktors der Werke.

* Eine Gruppe von 20 Vertretern eng­lischer Handelskammern traf am Montag tn Budapest ein und wurde von dem Präsidenten der Budapester Handelskammer, Leo Lanczy, rast

Sie ließ bie Kleine allein. Nach einer Vier- telftunbe fanb sie Hertha fnieenb unb still betend. Sie küßte sie unb leise kam es über dm bebenden Lippen, halb in tröstlicher Zuversicht, halb totem flehentlichem Gebete: „Arme, arme Hertha! Aber betteln wirst Du nie. — Niel"

Meine Last war schwer.

Erzählung von F. Broocks.

2] (Nachdruck verboten.)

„Ja, behüt' mich Gott vor Schmerz! Ich bin ein feiges Ding. Ich könnte nicht viel Leid tra­gen," sprach sie, unb ein seltsam furchtsamer, weher ;mb fragender Blick streifte den jungen Mann. Plötzlich strich Zeilers große Hand über das Ge­sicht Herthas:

„Kind, ich kann Sie nicht so blicken sehe». Ich inußte Ihnen das kürzlich so oft sagen. — Ihre Augen erinnern mich.bann an bie eines Rehes, bent ich den Gnadenstoß geben mußte." Anflachend, halb singend, fuhr er darauf fort:

„Oder sag', Dirndl mein,

Traf ein Schuß, 's Hetzer! Dein?--"

„.Hallern, nun kommt bie Reihe an Dich", rief c bann. „O, wie ost hast Du mich in E. durch De» neu — mehr kräftigen wie harmonischen Vortrag der „Wacht am Rhein", ober „bes kleinen Postil­lon' entzückt. In dem letzten Liebe gipfelte Deine Kit ttst."

„Seiler, fei nicht anzüglich," wehrte Hallern ab. .„Ich bin leider nicht musikalisch", wandte er sich nun an die Damen, aber trotzdem ein schwärmeri­scher Verehrer der Tonkunst unb sage den beiden Damen für Ihre schönen Vorträge meinen innig- sim Dank."

Ella unb Maria tauschten leise Bemerkungen über die neuen Herrcnbekanntschaften ans. Ella flüsterte: „Marie, eine edle Dichterseele sagte über Levin Schucking: „Mir gegenüber saß mein Freund Levin mit seinen Oeifteraugen", Geister- augenl — das ist die richtige Bezeichnung für bie~ Augen Beers." Marie gab ihr recht, unb fuhr fort:

Unb dieser junge Krieger ist sehr, sehr hübsch. Sich' die hohe, elegante Gestalt, das energische und -och so gute Gesicht Aber langweilig war er bent!