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Fulda, Montag den 10. September 1906.

JW 207.

33. Jahrgang.

Grstes Wlatt

Deutscher Reich.

Berlin, den 8. September 1906.

* Dem Großherzog Friedrich von Baden widmen zu seinem 80. Geburtstage der ,Neichsanzeiger' und die ,Nordd. Allg. Ztg., einen in warmen Worten gehaltenen Glückwunsch- artikel. Rühmend gedenken das amtliche und das halbamtliche Organ der Verdienste de§ hohen Jubilars, um die Einigung des Deutschen Reiches. Großherzog Friedrich könne seines Wirkens mit dem Bewußtsein gedenken, in vor­bildlicher Pflichttreue Großes erstrebt und Großes erreicht zu haben. Als einer der wenigen über­lebenden Mitkämpfer Kaiser Wilhelms des Großen, welche in führender Stellung an die Gründung des Reiches Hand angelegt hätten, weile der Großherzog in körperlicher Rüstigkeit und voller geistiger Frische in unserer Mitte, ein ernster und gütiger Mahner, das von den Vätern Er­rungene zu erhalten und zu mehren durch un­ablässiges Streben nach den höchsten Gütern nationalen Daseins. An der Seite seiner hohen Gemahlin mit der ein bald 50 jähriger Ehe­bund den badischen Herrscher verbinde und im Kreise seiner Familie begehe der Großherrzog von seinem Volke umjubelt seinen 80. Geburts­tag. Mit dem Herrscherhause empfänden alle national gesinnten Schichten des preußischen Volkes und der anderen deutschen Stämme innige Freude an der Jubelfeier in Baden. Möge die Vorsehung den edlen Fürsten auch fürderhin beschirmen und ihn noch viele Jahre

einer segensoollm und glücklichen Regierung ver­gönnen.

* In der Berleihung des Schwarzen Adler­ordens, der höchsten preußischen Auszeichnung an den Kardinal-Fürstbischof von Bres­lau erblickt die,Neue Gesellschaft!. Korrespondenz' einen neuen Beweis der hohen Wertschätzung, deren sich dieser geistliche Würdenträger bei dem deutschen Kaiser erfreut. Sie erinnert daran, daß auch der erste Fürstbischof von Breslau, der seines Amte- unter preußischer Herrschaft waltete, das Orangeband des Schwaben Adlers trug. Es war dies der Kardinal Philipp Ludwig Graf v. Sinzendorf, den Friedrich der Große im Mai 1743 den Orden verlieh. Auch der Nachfolger Sinzendorfs war Inhaber des Ordens. Die genannte Korrespondenz ist der An­sicht, daß der Breslauer Fürstbischof die Aus­zeichnung mit dem höchsten preußischen Orden seiner ernsten vermittelnden Tätigkeit zwischen Berlin und Rom verdankt und schreibt weiter: „Die außerordentliche diplomatische Gewandtheit, welche der so liebenswürdige und konziliante Kirchenfürst dabei entwickelt, hat fteilich in prote­stantischen Kreisen mehrfach die Befürchtung er­weckt, unsere Regierung möchte in der Konnivenz gegen Rom manchmal weiter gehen, als es dem politischen Interesse des Reiches entspricht.- Die Anerkennung, welche in diesen Worten dem Bres­lauer Fürstbischof gezollt wird, ist sehr anerken­nenswert und wohl verdient. Anderseits glauben wir aber, daß Kardinal Kopp nicht der Beleh­rungen der,Neuen Gesellschaft!. Korresp.' braucht, um zu wiffen, wieweit seine „diploniatische Ge­wandtheit" zu gehen hat.

* Herrn, v. Podbielski soll einer Berliner Korrespondenz zufolge vor der Uebernahme des Staatssekretariats des Reichspostamts der Vor­schlag gemacht fein, in das Bleichrödrr'sche Bank­haus einzutreten und zwar soll ihm ein Jahres- gehalt von 500000 Mark zugesichert worden sein. Die ,Deutsche Tageszeitung' erklärt dem­gegenüber, es sei zwar richtig, daß Herrn v. Podbielski mehrfache Angebote gemacht worden seien, von einem derartigen Angebote des Bleich- röder'schen Hauses sei ihr aber und wohl auch dem Herrn Minister nichts bekannt.

* Die »Freisinnige Zeitung' brachte vor kurzem eine Notiz, daß Hauptmann Käpler bisher beim Oberkommando der Schutztruppe in Berlin dem­nächst wieder in das Heer zurücktreten werde. Die Tatsache sei deshalb interessant, weil Haupt­mann Käpler der Kaffensührer des südwestafri­kanischen Liebesgabenfonds sei. Daß die Rückversetzung in das Heer in diesem Falle keine Auszeichnung sei, brauche wohl nicht erst hervor­gehoben zu werden. Hierzu erfährt die ,Nordd. Allg. Ztg.', daß Hauptmann Käpler lediglich bei der Buchführung über den südwestafrikanischen Fonds tätig gewesen ist; irgend welche Ent­scheidung über die Verwendung des erwähnten Fonds habe ihm in keiner Weise zugestanden. Die von der ,Freisinnigen Zeitung' aufgestellte Vermutung, daß die Rückversehung des Haupt­manns Käpler in das Heer mit seiner dienstlichen Tätigkeit bei der Verwaltung des vorgenannten Fonds in irgend welchem Zusamrnenhang stände, treffe nicht zu. Auch bedeute der Rücktritt in das Heer für den Hauptmann Käpler weder eine Auszeichnung noch eine Zurücksetzung, er entspreche vielmehr einem von ihm bereits vor längerer Zeit wiederholt geäußerten Wunsche. Nur mit

An Christian selbst richtete ich nur wenige Zeilen, in welchen ich ihm meinen Dank wieder­holte und ihm sagte, wie gütig seine Tante mich empfangen habe und wie glücklich ich mich in ihrem Hause fühle.

Eben schob ich die beiden fertigen Schreiben in ihre respektiven Hüllen, als Frau Somers mit verschiedenen umfangreichen Paketen heimkehrte. Eins von diesen enthielt ein graues Morgenkleid und einige sonstige Kleidungsstücke, womit ich augenblicklich nach meinem Zimmer eilte, um zehn Minuten später gänzlich verwandelt wieder aus demselben zum Vorschein zu kommen.

Während der beiden folgenden Tage arbeiteten wir mit einem wahren Bienenfleiß an meiner Ausstattung. Sehr geschickt im Nähen bin ich leider nicht, doch meine Gastfran war in dieser Hinsicht ein wahres Genie; sie nahm Matz und schnitt zu und ließ die Nähmaschine surren, als hätte sie ihr ganzes Leben in bet Werkstatt einer Kleidermacherin zugebracht. Ich ging ihr zur Hand so gut ich es vermochte, und am Abend des zweiten Tages sah ich mich im Besitze von zwei einfachen, aber sehr gut sitzenden Wollkleidern. Einen Mantel, einen Hut und^ was noch ferner notwendig war, hatte Frau Somers fertig im Laden gekauft.

Jetzt war es Freitag morgen.^ Am Abend würden Kapitän Dicksen und feine Schwester mich abholen. Das Schiff, mit welchem Mark Christian bis nach Queenstown zu fahren dachte, ging jedoch schon gegen acht Uhr unter Segel. Frau Somers hatte daher in der Frühe das Haus verlassen, um ihren Neffen abreisen zu sehen, und ich war allein.

Nachdem ich noch einige Kleinigkeiten in mei­nem Koffer geborgen und diesen sorgfältig ge­schlossen hatte, sowie auch sonst dies oder jenes ge­ordnet hatte, setzte ich mich ans Fenster, dessen Mullgardinen ich allerdings nicht zu öffnen wagte, und gab meinen. Gedanken Audienz. Ich weiß nicht, ob der bevorstehende Abschied von der neu­gewonnenen mütterlicher Freundin so schwer auf

Bereits seit zehn Jahren ist eine Rechnung über die KoloniclletatS nicht gelegt worden, ob­schon dies bei dem jetzigen Zustande, in dem sich der Reichstag den Schutzgebieten gegenüber be­findet, nicht allzu einschneidend ist. Ueber die Fi­nanzen steht zwar dem Reichstag das Bestim­mungsrecht zu ,und alljährlich darf er auch hohe Summen als Zuschüße bewilligen. Es wird für ihn aber auch das Recht beansprucht, in stärkerem Maße als bisher an der Gesetzgebung für unsere Kolonien mitzuwirken. Auch hier weist die „Freisinnige Ztg." darauf hin, datz in den Schutzgebieten die Verwaltung unum­schränkt herrscht, ohne daß dem Reichstag das Recht gegeben ist, auf den Erlaß von Verord­nungen bestimmenden Einfluß auszuüben, und es gehört nicht zu den Seltenheiten, daß Verwal­tungsorgane selbst über den Kopf des Kolonial­direktors hinweg ihre Maßnahmen getroffen ha- ben. Wird Herr Dernburg auch in diesem Kapitel seine „rücksichtslose Energie" zeigen?

Es bleiben noch die Ausgaben, welche das wirtschastlicheGebiet mit sich bringt, und da bleibt abzuwarten, wie wir bereits früher be­merkten, welch generelles Programm er dem Reichstag vorlegen wird. Inwiefern er seine Ge­schäftsgrundsätze als Bankdirektor hier mit ein­fügt, ist ebenfalls noch zu berücksichtigen. Jeden- falls führt vorsichtige und intensive Arbeit in unse­rer Kolonialpolitik eher zum Ziele als vhantasti- sche Pläne, die sich schwer verwirklichen lassen. Uebrigens beabsichtigt Herr Dernburg, wie meh­rere Blätter melden, in kurzer Zeit den Kolonien einen Besuch abzustatten.

Das find viele und große Aufgaben, vor welche Herr Dernburg gestellt ist. Wieweit deren Lösung ihm gelingen wird, läßt sich nicht Vvrausschen. Einstweilen trägt ihn das Vertrauen des Kaisers und, des Reichskanzlers. Für die Zukunft muß er dieses Vertrauen durch seine Taten tedjlfetiigen und befestigen.

* Die Ausgaben -es neuen Kolonial» -irektors.

Herr Dernburg, der neue Letter der Ko» ionialabteilung, ist vom Kaiser noch nicht empfan­gen worden, und da der Kaiser zur Zett im Ma­növer ist, kann der Empfang sich noch einige 3« : hinziehen. Der Erbprinz zu Hohenlohe versieht nach wie vor seinen Dienst in der Kolo­nialabteilung. Er erscheint alle Tage an Amts­stelle, hört die Vorträge der Räte an, und nimm: an den Konferenzen teil. Der Tag seines tatsäch­lichen Ausscheidens scheint also noch nicht bestimmt zu sein. Dessen ungeachtet ist man bereits ver­sucht, sich mit den Ausgaben zu beschäftigen, welche den neuen Kolonialdirektor erwarten.

Allgemein ist bekannt, daß Dernburg ein Amt übernimmt, um das ihn niemand benei­det. Gar verschiedenartig sind die Skandale und Skandälchen, welche noch unerledigt sind. Vorab wird er also Arbeit in Hülle und Fülle finden, um nur allein mit diesen unerquicklichen Dingen fertig zu werden, vorausgesetzt, daß er e§ als seine erste Pflicht betrachtet, den eisernen Besen gut zu gebrauchen und ihn nicht eher aus der Hand zu geben, als bis eine gründliche Reini­gung vor sich gegangen ist. Es ist leicht erklärlich, daß von einer solchen Arbeit die weitere Gestaltung unserer Kolonialarbeit in erster Linie abhängig ist. Deshalb muß auf diese Frage vor allen ande- reu ihre ordnungsgemäße Lösung finden. Nun rühmt man Herrn Dernburg großen Mut und rücksichtslose Energie nach, sogar mit Gewaltsam­keit soll er feine Pläne durchsetzen. . . Nichsdesto- toeniger wird er bei dieser heiklen Frage auf große Schwierigkeiten stoßen, obwohl ja durch die Auf­deckungen, welche sich jetzt schon durch Wochen hin- ziehen, Herr Dernburg eine gute Vorbereitung Von vornherein findet. Die Hauptschwierigkeit er- blickt die „Freis. Ztg." in dem gänzlich ver­fehlten System, dem sich Dernburg gegen­über sieht und das noch unterstützt wird durch dis Direktionslosigkeit seiner Geheimräte. Ist dieses System aber erst einmal durchbrochen, dann ist von der großen Arbeit schon ein gutes Stück ge­leistet.

Immerhin sind aber noch viele andere Mo- mente zu berücksichtigen. Dazu gehören die ver­schiedenen „Falle" und „Affären", welch- nocki zu untersuchen sind oder deren Untersuchung infolge früherer Mangelhaftigkeit abermals auf­genommen werden muß. Hierbei wird aber der neue Kolonialdirektor der Tatsache gegenüber- stehen, daß er nur sehr schwer den richtigen Auf­schluß wird erhalten können. Es läßt sich eben nicht von der Hand weisen, daß Herren, welche bei einer Untersuchung Hauptzenge sein sollen, vielleicht an Verfehlungen anderer wieder mit­schuldig sind. Und da erhält der Gedanke einer Parlamentarischen -Unters nchungs- k o ni Mission erhöhte Bedeutung. Es wird au.ch bereits wieder erwogen, ob eine solche Kom­mission auf rechtlichem Boden zulässig wäre. Für den Fall etwaiger Bedenken hiergegen macht die „Freisinnige Ztg." den Vorschlag, „durch ein 6c« sonderes Gesetz ihre Bildung zu ermöglichen". Das Blatt will sich aber hierfür noch Reserve auferlegen, wichtiger erscheint ihm ein umfassender Perso - u e n w echsel in der Kolonialabteilung. Auch mir sind der Ansicht, daß „frisches Blut" von Nöten ist. Herr Dernburg wird aber viele Geschicklichkeit brauchen, um einen einheitlichen Beamtenkörper für ein vernünftiges Zusammeiiwirken zu schaffen.

Eine weitere Aufgabe des „neuen Mannes" be­ruht auf dem Verhältnis des Reichs- t a g e s lind -unserer K o l o n i en zu einander.

feiten dieses Lebens Beweise der göttlichen Liebe ind, daß der Vater im Himmel alle Dinge zum Vesten lenkt, nnd stets aus dem Bösen das Gute hervorgehen läßt. — Ich möchte Dir einen Rat geben", fuhr sie nach einer Panse fort, „denke nicht zu viel nach über das Unrecht, das man Dir an­getan hat; ein solches Brüten würde Dich ver­bittern, es würde vielleicht Haß und Rachsucht in Deiner Seele wecken. Bete für Deinen Onkel, für Deinen Vetter; glaube mir, diese beiden sind mehr zu bedauern, als Du es warst, selbst zur Zeit, Ivo Du Dich am unglücklichsten fühltest. Bete also iir sie, daß Gott ihnen die Gnade gebe, ihr Un­recht einzusehen und zu bereuen."

„Armer Onkel!" Ich habe ihn gesehen, und ich weiß, daß er schwer leidet", entgegnete ich, tief ergriffen von ihren ernsten und doch fo lieb­reichen Worten. „Gott weiß es, ich habe Mitleid mit ihm."

„Das ist recht, Kind!', sagte die Greisin, ihre Lippen auf meine Stirn drückend. „Doch nun wollen wir abbrechen. Schreibe Du Deine Briefe; ich werde inzwischen die nötigen Einkäufe machen."

Sie brachte mit Papier und Schreibgerät und ich machte mich an die Arbeit. Anfänglich ,oar es meine Absicht gewesen, Gerald einen ausführ­lichen Bericht über das Vorgefallene 31t schicken, doch hinterher kam es mir besser vor, alle Einzel­heiten auf eine spätere mündliche Mitteilung zu verschieben, besonders weil meine Epistel sonst icherlich nicht vor Abgang der Post fertig sein würde. Ich begnügte mich daher damit, ihm kurz zu sagen, daß ich durch Zutun meines Onkels in großer Gefahr gewesen, dieser aber glücklich ent­gangen sei und nun auf dem Punkte stehe, die Reise nach Amerika anzutreteu, nm bei ihm Schutz Lu suchen. Dann nannte ich ihm noch den Namen beS Kapitäns Dicksen und fügte hinzu, Mark Christian mürbe ihm ohne Zweifel näheres über das Schiff, sowie über die vermutliche Zeit unserer Ankunft in New-Jork mitteilen, wenn er wenig- tens solches noch nicht getan habe.

Ei» Wille, ein Weg.

Frei nach dem Englischen von I. Remo.

46] (Nachdruck verboten.)

(rinc alte Fran öffnete. Ich hatte unterwegs mit heimlicher Angst an den Empfang gedacht, der mir vielleicht zuteil werden würde; der erste Blick in vas liebe, faltige Gesicht vor mir zerstreute jedoch alle meine Zweifel.

„Herr Christian schickt inich . . ." begann ich, doch Frau Samers ließ mich nicht ausreden. Ohne ein Wort z>! sagen, faßte sie Nlich bei der Hand und zog mich ins Haus an ihr Herz.

»Ich weiß alles, und erwartete Dich, Du armes, armes Kind!"

Hand in Hand saßen wir auf dem altmodischen, barteti Sofa, während ich meiner Gastftau meine ’->enf)id)te erzählte. Sie war fo gut, fo mütter« *-ul: üh konnte ihr mein ganzes Herz ausschüt- ;\n- Ich batte meine Mutter nie gekannt, ich hatte nie ettte Freundin gehabt und es tat mir fo wohl, m innig wohl, in den Zügen dieser alten, treuen anhört-E ^oiluahuie zu lesen, mit welcher sie mich

„Wie mußt Du gelitten haben, armes LaminI" murmelte sie, als ich endlich schwieg. „Und Du vur noch fojung! Doch Gott ist barmherzig; wenn er entern Menschen ein Kreuz schickt, so gibt er mm zugleich die Kraft, es zu seiner Ehre zu trugen.

„Dieses Leid kam nicht von Gott, sondern von den Menschen: meine eigenen nächsten Vertvandten brachten es aber mich", entgegnete ich nicht ohne Bitterkeit. '

„Doch nur mit seiner Zulassung, mein Kind", fiel sie ein. „Ich bin eine alte Frau; ich habe in meinem langen Leben vieles gesehen und vieles erfahren, und von Jahr zu Jahr ist es mir klarer geworden, daß auch die Leiden und Widerwärtig-

Rücksicht auf feine Beteiligung an der Ausar­beitung der neuen Militärpensionsgesetze, welche ihm als Vorstand der Pensionsabteilung beim Oberkommando der Schutztruppen in erster Linie obgelegen habe, hätte diesem Wunsche des her­vorragend bewährten Offiziers erst jetzt Rechnung getragen und sein Rücktntt in das Heer bean­tragt werben können.

.*. Der.Staatsanzeiger' macht darauf auf­merksam, daß die am 1. Oktober 1906 fälligen Zinsscheine der preußischen Staatsschuld vom 21. September ab von der Staatsschulden- tilgungskaffe und der Seehandlungshauptkasse, der Reichsbankhauptkaffe, sowie den Regierungs- hauptkaflen. Reichsbankkaffen, Hauptzoll- und Hauptsteiierämtem, Nebenzoll- undSteuerämternI. und II. Klaffe und der Reichsbankanstalten ein­gelöst werden. Die Zahlungen der am 1. Ok­tober fälligen Zinsen der in das Staatsschuld­buch eingetragenen Forderungen erfolgt im Wege der Zusendung durch die Post und im Wege der Gutschrift auf dem Wege der Reichsbankgiro­konten. Die Inhaber preußischer Konsols werden auf die „amtlichen Nachrichten über das preu­ßische Staatsschuldenbuch" aufmerksam gemacht, welche bei dem Staatsschuldbuchbureau in Berlin unentgelllich in Empfang genommen werden können.

* Der Finanzminister hat in einem Rundschreiben an die Provinzialsteuerdirektionen verfügt, daß die Vorschrift über die Stempel­befreiung von Kauf- und Lteferungsverträgen über Mengen von Sachen oder Waren, welche im Jnlande im Betriebe eines der Vertrags­schließenden erzeugt oder hergestellt find, nicht mehr aufrecht zu erhalten ist, nachdem da§ Reichs- gericht vom 1. Mai ds. I. in entgegengesetztem Sinne entschieden hat. Es muß also in Zukunft zu Verträgen der in jener Verfügung bezeichneten Art der gesetzliche Stempel verwendet werden.

* Die Angabe, daß der Bundesrat bereits im Frühjahre den Gesetzentwurf über die Rechts­fähigkeit der Berufsvereine fertiggestellt habe und dieser Entwurf nur mit Rücksicht auf die damalige Geschäftslage im Reichstage nicht zu­gestellt worden sei, bestätigt sich nach Erkundi­gungen des ,Berl. Lokalanz.' nicht. Dem ge­nannten Blatte zufolge befindet fich diese Vorlage noch in den Ausschüssen des Bundesrates und soll dort zunächst auf gewisse Bedenken gestoßen fein. Einzelne Bundesregierungen sollen befürch­ten, daß durch ein solches Gesetz die sozialdemo­kratische Organisation allzu sehr gefördert werden könnte. Doch darf man wohl die Erwartung hegen, daß im Bundesrate nach dessen Wieder­zusammentritt eine Verständigung erzielt werde« wird, sodaß der Entwurf noch im Laufe diesei Jahres dem Reichstage zugehen wird.

Die sozialdemokratische Jugendorgani­sation ist noch vor zwei Jahren auf dem so­zialistischen Parteitage als gefährliche Spielerei bezeichnet worden. Inzwischen ist aber eine bemerkenswerte Wandlung vor sich gegangen, und die Organisierung macht namhafte Fortschritte, denn aus verschiedenen Orten Deutsch­lands kommen Nachrichten darüber, und auf die Tagesordnung des diesjährigen Parteitages in Mannheim ist „Volkserziehung und Sozial­demokratie" gesetzt worden. Es ist vorauszu­sehen, daß mit diesem Punkte die Frage der Jugendorganisation verquickt werden wird. Die .Kreuzztg.' hält das Gewährenlaffen der sozial-

meiner Seele lastete, aber so viel ist sicher, meine Stimmung war keineswegs eine freudige. Trübe Ahnungen quälten mich, obschon ich nicht hätte angeben können, was ich eigentlich fürchtete.

Zehn Uhr ! Frau Somers ließ sich noch immer nicht blicken. Was konnte sie so lange aufhalten?

Noch eine ganze Stunde schlich vorbei, und dann sah ich endlich meine Wirtin langsam, sehr langsam daherkommen. Sie hatte es mir ernstlich anbefohlen, mich unter keinen Umständen an der Haustür zu zeigen ,und so blieb ich denn auch jetzt ruhig sitzen. Gleich darauf hörte ich sie eintreten, doch zu meiner Verwunderung zögerte sie eine ge­raume Weile, ehe sie zn mir kam. Mein Befrem­den verwandelte sich jedoch in Besorgnis, als sie endlich in das Zimmer trat und ich beim ersten Blick die Spuren von vergossenen Tränen be- merfte.

„Frau Somers, ivas ist geschehen?" rief ich aufspringend. „Sie haben geweint. Ihrem Nef­fen ist doch kein Unfall widerfahren?"

„Neine, meine Liebe, nein, es ist nichts vor­gefallen, gar nichts", entgegnete sie mit bebender Stimme. „Aber ich habe Dich so lange allein ge­lassen. Es war selbstsüchtig von mir, doch ich konnte es nicht übers Herz bringen, meinen Jungen gehen zu lassen, ohne ihn noch einmal zu eben. Sein Schiff ging erst um zehn ab, anstatt um acht, wie es zuerst hieß."

„Und er befindet sich an Bord?" sagte ich eif­rig. „Sie wissen sicher, daß er sich an Bord be­findet?"

„Jawohl, mein Kind, ich weiß es sicher. Ich sah ihn."

„Was sagte er? Haben Sic ihm erzählt, wie herzlich Sie mich aufgenommen haben und wie — doch das wird er später alles von mir erfahren. Bitte, erzählen Sie mir alles, was er sagte und tat. Hat er nach mir gefragt?"

Die Greisin beschattete die rotgeweinten Augen mit der Hand, und ich sah, wie diese zitterte.

(Fortsetzung folgt.).

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