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Jß 201.

Fulda, Montag den 3. September 1906.

33. Jahrqani.

Krstes Matt.

*, Sur Podbielsli-AMre.

Die Lage, in welche der Herr Landwirtschafts' Minister durch eigene Schuld geraten ist, wird für ihn immer peinlicher. Es tauchen bereits Stim­men auf, nicht nur demokratische, welche meinen, daß der Herr Minister in einer Weise an seinem Amte klebe, welche den bisherigen preußischen Tra­ditionen nicht entspräche. Die konservativen „preußischen Jahrbücher" äußern sich sogar dahin, daß es eine verwüstende Wirkung auf den Geist unserer Beamtenschaft ausüben müßte, wenn Herr von Podbielski nach diesem Zwischenfall im Amte bliebe. Inzwischen hat vorgestern eine Sitzung des Ministerrates stattgefunden, die sich, wie ver- loutet, allerdings offiziell mit der Podbielski- °rffäre nicht beschäftigt hat. Dagegen kommt von einer anderen Seite, die mit Hofireisen Fühlung hat, die Nachricht, der ominöse Herr von Lucarms habe dem Herrn Landwirtschaftsminister einen Be­such abgestattet. 93ofittbe Angaben über den Stand der Affäre liegen also vorläufig nicht vor, und man ist auf Vermutungen angewiesen. Der „Reichsbote" meint, der Umstand, daß Herr von Podbielski der Tauffeier des kleinen Prinzen bei­wohnte, beweise, daß er noch feststehe.

Ein Berichterstatter weiß zu melden, daß bei der Ministersitzung Podbielski als erster zur Stelle war. Die „Germania" vermutet scherzhaft, daß Herr von Podbielski den Kollegen keine Gelegen­heit geben wollte, vorher in seiner Abwesenheit über ihn zu sprechen. Das Blatt, das dem Land- wirtschaftsminister besonders nahe steht, der „Ber­liner Lokalanz.", schweigt sich heute völlig aus; es ist ihm wahrscheinlich peinlich, daß es zu einer Zeit, wo die beiden offiziösen Blätter die Nach­richt von einer offiziellen Sitzung des Staats­ministeriums brachten, nur von vertraulichen Be­sprechungen der Minister untereinander zu be­richten gewußt hatte. Die „Deutsche Tagesztg." haut in dieselbe Kerbe wie schon seit Wochen; "e bringt immer wieder die Person des Monarchen in den Streit hinein und sucht es so darzustellen, als ob der Kaiser zu einer Entscheidung gedrängt werde. Es scheint, daß dieses Bestreben einiger maßen Erfolg gehabt hat. Eine vielgenannte Ber­liner Korrespondenz will wissen, daß an der höch­sten maßgebenden Stelle jedesiscilks nicht der Wille vorhanden ist, eine schnelle Entscheidung zu tref-' fen, umsomehr, als es den Freunden des Herrn von Podbielski gelungen zu fein scheint, nunmehr an jener Stelle die Üeberzeugung hervorzurufen, daß der Minister Kompromittierendes sich nicht habe zu schulden kommen lassen und daß er völlig grundlos von einer übelwollenden, gehässigen Presse verdächtigt und angegriffen werde, um seine Beseitigung herbeizuführen. Die Korrespondenz fügt hinzu: Argumentationen solcher Natur sal- leii meist auf fruchtbaren Boden.

Daß es dem Herrn von Podbielski bei seinen vielen gesellschaftlichen Vorzügen, wozu bekanntlich auch seine Geschicklichkeit im Skaffpielen gehört, gelungen ist, sich eine äußerst starke Position in der Umgebung des Kaisers zu schaffen, ist bekannt. Daß diese so stark ist, um ihn trotz alledem zu hal­ten, glauben wir nicht. Auch ein Minister mit den starken Nerven des Herrn von Podbielski wird nach den Erörterungen dieses Sommers kaum Lust haben, im Reichstage zu erscheinen.

Deutsches Reich.

Berlin, den 1. September 1906.

* Der Kronprinz und die Kronprinzessin begeben sich heute zu einem längeren Aufenthalt nach Tegernsee. Der Kronprinz wird sich von dort in der nächsten Woche nach Schlesien zu den Kaisermanövern begeben, während die Kron­prinzessin in Tegernsee verbleibt.

* Der Essener Katholikentag hat auch bei den Katholiken Englands begeisterte Aner­kennung gefunden. So schreibt die in London erscheinende ,Catholic Times':

Der deutsche Katholiken-Kongreß zu Essen war ein außerordentlich durchschlagender Beweis für den unablässigen Eifer der deutschen Katholiken in der Förderung der Interessen der Kirche. Ob­wohl diese Versammlungen schon seit mehr als einem halben Jahrhundert stattfinden, wies die Essener Versammlung doch mehr Teilnehmer auf als irgendeine ihrer Vorgängerinnen. Die be­sonders für die Zusammenkünfte gebaute große Halle faßte 12000 Personen und doch reichte ihr Raum noch nicht aus. Jegliche Seite des katholi­schen Lebens, jeder der Beachtung durch Katholiken würdige Gegenstand fand Berücksichtigung. Ver­einigungen von Missionaren und für Missionen, katholische Lehrer, katholische Kaufleute, katholische Arbeiter, katholische Studenten und andere ver­sammelten sich und besprachen die Fragen, die sie im besonderen angehen, und sie alle vereinigten sich, um den Kongreß zu dem Erfolge zu machen, der er war. Er ist ein mächtiges Einigungsband für die deutschenKatholiken geworden, und es liegt auf der Hand, daß der heilige Vater gerne die Ka­tholiken anderer Nationen in diesem Punkte mit den deutschen Katholiken wetteifern sähe.

Die,Catholic Times' erinnert zum Beweise dessen an den Hinweis in dem päpstlichen Schreiben an die General-Versammlung, daß es der Kirche in Frankreich zum besten dienen würde, wenn die dortigen Katholiken ebenso einig und tatkräftig handelten, wie ihre deut­schen Bruder. — An anderer Stelle beschäftigt sich das Londoner katholische Wochenblatt insbe- fondere mit der auf dem Essener Katholikentage betätigten Fürsorge für die arbeitenden Klassen, indem es daran die Bemerkung knüpft, daß nur die Verbindung religiösen Eifers und die Ver­teidigung der Gerechtigkeit für den Arbeitersiand, wie dies im Programm der Katholiken Deutsch­lands erfolgreich zum Ausdruck komme, den antireligiösen Kampf des Unglaubens über­winden könne.

* Eisenbahnminister Breitenbach hat nach Beendigung seiner Dienstreise in den Reichslanden einen bis zum 26. September währenden Urlaub nach der Schweiz angetreten.

* Beschränkung der Lehrlingszahl im Han- relsgewerbe. Das preußische Handels­ministerium hatte vor kurzem den Regie­rungspräsidenten in einem Erlasse empfohlen, die unteren Verwaltungsbehörden hinsichtlich ihrer Befugnis zur Beschränkung der Lehrlingszahl in Betrieben des Handels­gewerbes darauf aufmerksam zu machen, daß j,ur Erstattung von Gutachten und zur Aufklärung lestehender Zweifel die Kaufmannsgerichte be- onders geeignet erscheinen. Da diese Anweisung vielfach dahin mißverstanden worden war, als ob für Fälle der bezeichneten Art auf die An­

hörung der Handelskammern kein besonderer Wert gelegt werde oder zu legen sei, hatte sich der Präsident des Deutschen Handelstages mit einer Eingabe an den Minister gewandt. Aus diese Eingabe hat der Minister erwidert, daß in dem Erlasse die Kaufmannsgerichte mit Rück­sicht auf ihre paritätische Besetzung als beson­ders geeignet zur Begutachtung der Frage be­zeichnet worden seien, ob in Betrieben des Han­delsgewerbes eine im Mißverhältnis zu dem Umfang und der Art des Geschäfts stehende Zahl von Lehrlingen gehalten wird. Daß da­durch eine Ausschaltung der Handelskammern auf einem Gebiete, für welches sie gesetzlich zu­ständig sind oder eine Beeinträchtigung ihrer Tätigkeit bewirkt werde, vermag der Minister nicht anzuerkennen. Er fügt aber ausdrücklich hinzu, daß es den Behörden auch fernerhin un­benommen sein werde, in Fällen bezeichneter Art eine gutachtliche Aufforderung der Handels­kammern einzuholen.

* An der Freitags Sitzung des Staats- ministeriums — der ,Berl. L.-A.' nennt sie, um sich nicht selbst zu dementieren, nach wie vor eine „vertrauliche Unterredung des Fürsten Bülow mit den preußischen Ministern" — nahm auch Herr vonPodbielski teil. Der Berichterstatter, der offenbar an der Tür gestanden und auf die ankommenden Minister gewartet hat, weiß so­gar, daß er als erster zur Stelle war. Vermut- lich wünschte Herr Podbielski den Kollegen keine Gelegenheit zu geben, vorher in seiner Abwesen­heit über ihn zu sprechen. Was verhandelt wurde, ist einstweilen unbekannt. Die Wendung, es seien „die schwebenden Fragen und auch dre Angelegenheit des Ministers von Podbielski berührt" worden und die Besprechungen hätten „nichts neues gebracht", ist nichtssagend. Wie übrigens ,Das Reich' erfährt, empfing Herr von Podbielski gestern nachmittag nach seinem Ein­treffen aus Dalmin den Besuch des Herrn von Lucanns, mit dem er eine längere Unterhaltung hatte. Rach der Sitzung des Staatsministeriums kehrte Herr von Podbielski nach Dalmin zurück.

* Generalleutnant von Siebert er­klärt in einem Schreiben an die »Akademischen Blätter', daß er nicht verstehe, wie Pfarrer Nawmmm noch dem Kysfhäuser-Verbande der Vereine Deutscher Studenten angehören könne, nachdem er in Verbindung mit den Sozialdemo­kraten nationale Politik treiben zu können glaube. Der Brief schließt mit den Worten: „Es ist die Konsequenz der Selbstachtung und der politischen Ehrlichkeit, die ihm (Naumann) den freiwilligen Austritt nahelegt. Tut er es nicht, so setzt er sich dem Verdacht aus, den Verband ähnlich zer­setzen zu wollen, wie ihm das in seiner eigenen Partei bereits gelungen ist. Als nationaler Mann kann ich nicht einem Verbände angehören, der notorische Volksverderber unter seinen Mit­gliedern zählt."

* Die Tippelskircherei hat wohl, so schreibt die ,greif. Ztg.', in keinem Reichsressort soviele Ueberraschungen wachgerufen, wie in dem der Reichspostverwaltung. War doch erst vor ein paar Jahren an die Beamten dieser Ver­waltung, z. B. an die expedierenden Sekretäre, die hochnotpeinliche Frage gestellt worden, ob etwa der eine ober der andere von ihnen

Jndustriepapiere im Besitz habe von irgend­welchen Gesellschaften, die Lieferungen beS Reichspostamts zu gewärtigen hätten, oder auch nur indirekt bei solchen Lieferungen in betracht kommen konnten. Den Beamten wurde zu Gemüte geführt, daß es doch ein sonderbares Licht auf sie werfen würde, wenn sie bei irgend einem derartigen geschäftlichen Unternehmen einen, wenn auch noch so kleinen Anteil hätten. Es wurde ihnen nahe, sehr nahe gelegt, jeden solchen Anteil sofort abzustoßen, sei es auch nur, um jeden bösen Schein zu vermeiden. Mit dieser ohne Zweifel einwandsfreien Praxis ver­gleiche man nun das Vorgehen des einstmaligen Chefs des Reichspostamts v. Podbielski!

* Im Musterländle Baden fein Tippels- firdjen. Die badische Regierung scheint die Beteiligung von Beamten an Geschäfts­betrieben für unstatthaft zu halten. Es han­delte sich darum, einen hervorragenden Fach­mann als amtlichen Weinkontrolleur zu gewinnen. Die in Aussicht genommene Persön­lichkeit bedingte sich jedoch aus, ihre Beteiligung am Weinhandel fortsetzen zu dürfen; diese Bedingung lehnte die Regierung ab.

* Der ,Reichsanzeiger' veröffentlicht eine Verfügung des Reichskanzlers, wonach die Verbreitung der in Zürich erscheinenden Druckschrift,Der Weckruf', gegen welche binnen Jahresfrist zweimal Verurteilungen auf gründ der §§ 41 und 42 des Strafgesetzbuches (Auf­reizung zu Verbrechen) erfolgt sind, auf die Dauer von zwei Jahren für Deutschland verboten wird.

* Bahnbau Liideritzbucht—Kubub. Durch die Presse ging vor kurzem die Nachricht, der Kommandeur der Schutztruppe in.Südwestafrika, Oberst von Deimling, habe den Weiter­bau der Eisenbahn Lüderitzbucht — Kubub bis Keetmanshoop auf eigene Faust angeordnet. Die ,Nordd. Allg. Ztg.' erklärt demgegenüber halbamtlich: „Es ist richtig, daß Oberst von Deimling wiederholt beim Ober­kommando der Schutztruppen und beim General­stab beantragt hat, die Eisenbahn Lüderitzbucht— Kubub sofort nach Erreichung von Kubub als Feldbahn bis Keetmanshoop weiter zu bauen, da er den schleunigen Bau der Strecke Kubub— Keetmannshoop im militärischen Interesse zur Sicherung des Nachschubs für unbedingt not­wendig erachtete. Zugleich hat Oberst von Deim­ling um Entsendung des erforderlichen Materials gebeten. Auf diese Anträge ist dem Obersten durch den Generalstab in Üebereinftimmung mit dem Herrn Reichskanzler telegraphisch eröffnet worden, daß Material für den Weiterbau der Bahn über Kubub hinaus ohne Bewilligung der Mittel durch Bundesrat und Reichstag nicht zur Verfügung gestellt werden kann."

* Dauernd 7000 Mann in Südwestafrika. Der ,Berliner Lok.-Anz.' teilt mit, daß man sich in amtlichen Stellen mit der Erwägung trage, dauernd 7000 Mann in Deutsch-Südwestafrika zu belassen. Die Gliederung dieser Kräfte im einzelnen unterliege zur Zeit noch der Erörterung. Voraussichtlich würde die Truppenzahl auf etwa 20 Kompagnien, 6 Batterien und 12 Maschinen­gewehrsektionen ä zwei Maschinengewehre be­messen werden; auch die Verwendung von

Ein Wille, ein

Frei nach denk Englischen von I. Nemo.

40] (Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung aus dem zweiten Blatt.)

„Still, mein armes Kind", entgegnete er flü­sternd. „Sie sind in Sicherheit, aber seien Sie vorsichtig! Das Mädchen beobachtet uns, wir dür­fen ihr nicht trauen."

Das Wort, welches ich im Begriffe gewesen war, auszusprechen, erstarb mir auf den Lippen, ich ließ Mark Christians Hand los, und das Ge­sicht in die Sofakissen drückend, trachtete ich, mich zur Ruhe, zur Besonnenheit zu zwingen.

„Ich fürchte. Sie werden mich für sehr kindisch halten", stammelte ich, sobald mir dies soweit ge­lungen war, daß ich meine Stimme wieder einiger­maßen in der Gewalt hatte. „Aber ich habe den ganzen Tag noch nichts genossen, außer einem Glase Milch und einem Brötchen."

»Dann ist es kein Wunder, daß ihm die Augen überlaufen, nicht wahr, Fanny?" rief Mark Chri­stian. „Brennt das Küchenfeuer noch?"

„Jawohl."

. konnten Sie für meinen jungen Freund wohl schnell etwas zurecht machen, ein Beefsteak ^m^ctf4neI und eine Tasse Kaffee. Aber icynelll

ntrf ich soviel Mühe verur­sache, murmelte ich.

?ch ^onke, Fanny ist froh, wenn wir ihr Gelegenheit geben, ihre Unfreundlichkeit von vorhm wieder gut zu machen," rief mein Be­schützer.

„Gewiß, Herr Christian, ich tue es mit Freu­en", versicherte Fanny eifrig. „Sollte der junge Herr sonst noch etwas nötig haben, so dürfen Sie es nur sagen."

„Schön, Kind. Beeilen Sie sich jetzt, damit der »rme ausgehungerte Junge nicht so lange zu war- xh braucht."

Fanny verschwand, und ein verlegenes Schwei­gen trat ein. Ich sah, daß mein Gefährte es ver­mied, meinem Blick zu begegnen, und diese Wahr­nehmung machte mir das Sprechen nicht eben leichter.

„Ich denke, Sie haben mein Geheimnis, zum Teil wenigstens, bereits erraten", sagte ich end­lich. „Ist es nicht so?"

„Nicht nur teilweise, sondern ganz, glaube ich. „Sie sind Fräulein Humphries."

„Wie wissen Sie das?" rief ich überrascht.

„Gerald Lawrence hat Sie mir beschrieben und wlch darauf vorbereitet, daß Sie möglicherweise sich eines Tages unter meinen Schutz stellen wür­den. Als ich Sie nun heute Abend vor meinem Hause fand, war ich meiner Sache bereits ziemlich icher und ein paar Worte, die Sie später in §brem halbbewußtlosen Zustande flüsterten, zerstreuten auch meine letzten Zweifel."

„Sie haben sich nicht getauscht, ich bin Hilda Humphries, die Braut Ihres Freundes," entgeg­nete ich, woraus ich dann meinem aufmerksam lau­schenden Zuhörer eine kurze Uebersicht meiner bis­herigen Schicksale gab. Er seinerseits teilte mir dann mit, daß er vor zwei Tagen einen Brief erhalten habe, worin dieser ihn beschwor, unver­züglich nach Beachfield zu gehen und Erkundigun­gen über mich einzuziehen.

„Hier ist das Schreiben", fuhr er fort, ein Pa­pier ans der Tasche ziehend und es mir dareichend.

Begierig streckte ich die Hand darnach aus. Herr Christian zeigte mir die Stelle, welche sich auf mich bezog und wandte sich dann ab, um mich ungestört lesen zu lassen,

„Um der Liebe Gottes, um unserer Freund­schaft willen bitte ich Dich, gehe, wenn es möglich ist, noch heute nach Beachfield und überzeuge Dich, ob meine Braut sich noch im Hause ihres Onkels befindet, ob sie gesund ist, kurz, trachte. Dich über chre Lage und überhaupt über die dortigen Ver­hältnisse zu vergewissern. Ich schrieb ihr bereits viermal, ohne auch nur eine einzige Zeile Ant­wort zu empfangen. Die Unsicherheit wird mit lebem Tage unerträglicher. Eine innere Stimme Jagt mir, daß Hilda sich in Gefahr befindet, daß sie meiner, und da ich fern bin. Deiner Hilfe be­

darf. Erkundige Dich also genau, aber mit Um­sicht, denn je länger ich nachdenke, desto mehr drängt sich mir die Üeberzeugung auf, daß ihre Verwandten irgend einen Schurkenstreich planen. Unter den Dienstboten des Herrn Humphries be­findet sich eine gewisse Jane — den Familien­namen kann ich Dir nicht angeben, wird auch nicht nötig sein. — Dieses Mädchen ist, wie ich von Hilda erfuhr, durchaus zuverlässig. Wende Dich also an sie. Wie aber auch die Sachlage sein möge, schreibe mir umgehend, denn, wie gesagt, die Un­sicherheit, in welcher ich mich befinde, läßt mir keine Ruhe mehr; sie liegt wie ein Alp auf meiner Seele."

„Waren Sie in Beachfield?" frug ich, mit buchten Augen auf die teuren Schriftstücke star­rend.

„Allerdings. Ich bin gestern, eine Stunde nach Empfang dieses Brieses, abgereist, und heute morgen ist es mir gelungen, Jane heimlich zu ehen und zu sprechen. Sie konnte mir jedoch nur agen, daß Sie eines Tages mit Ihrem Onkel das Haus verlassen hätten, um nicht zurückzukehren. Einmal habe die Haushälterin es gewagt, Herrn Humphries zu fragen, wo Sie seien, doch habe sie takt einer Antwort eine so scharfe Zurechtweisung whalten, daß die Dienerschaft seitdem nur sin­ternd Ihren Namen ausspreche. Jane zeigte mir )ann noch zwei Ihnen gehörende Hunde, die sie in aller Stille im Dorfe untergebracht habe. Herr Ralph, wie sie ihn nannte, hatte nämlich Befehl gegeben, die Tiere zu ertränfen."

„Das sieht Ralph ähnlich", rief ich erbittert. „Und Jane hat sie also gerettetI So Gott will, werde ich ihr eines Tages beweisen, daß sie keine 'Indankbare verpflichtet hat."

Christian schaute eine Weile schweigend ins Feuer.

„Ihr Onkel weiß nichts von meinem Verhält­nisse zu Gerald, vermute ich?" sagte er dann. „Er hat keine Ahnung davon, daß Sie Ihre Zu­lucht zu mir genommen haben?"

„O, nein."

„Sie sind dessen sicher?"

„Ich fnnn mir wenigstens die Möglichkeft nicht

denken, daß er auch nur Ihren Namen jemals ge­hört haben sollte."

Mark Christian atmete sichtlich erleichtert auf.

„Dann sind wir geborgen", meinte er. „Ihr Onkel wird allerdings alle Hebel in Bewegung setzen, um Ihre Spur auszufinden, aber selbst, wenn es ihm gelingen sollte, diese bis Liverpool zu verfolgen, so werden doch Tage damit hiugehen, ehe er hier in dieser volkreichen Stadt Ihren Aufenthaltsort entdeckt, oder besser gesagt, Ihren jetzigen Ausenthalsort, denn inzwischen sind Sie längst a. dem Wege nach Amerika. Ernst ist die Sache allerdings auch jetzt noch", fügte er nach­drücklich hinzu.

„Meinen Sie?" entgegnete ich halb ungläu­big. „Was konnte er mir anhaben, wenn er mich hier fände; ich bin ja nicht mehr schutzlos und verlassen; Sie mürben für mich eintreten, Sie würden meine Sache zu der Ihrigen machen. Und überdies, das Recht eines Vormundes über fein Mündel ist doch nicht unbeschränkt. Ich bin im Vollbesitz meiner Geisteskräfte; ist es also denk­bar, daß das Gesetz meinem Onkel das Recht geben ollte, mich in eine Irrenanstalt einzusperren?"

„Das allerdings nicht; aber wenn wir, was Gott verhüten wolle, in die Notwendigkeit versetzt würden, öffentlich gegen ihn aufzutreten, so hätten wir zuerst den Beweis zu liefern, daß Sie unrecht­mäßigerweise Ihrer Freiheit beraubt worden, mit anderen Worten, daß Sie in der Tat vollkommen zurechnungsfähig sind. Da hätten wir nun zu­erst die Aerzte gegen uns, die das Zeugnis unter­zeichnet haben, auf welches hin Sie in Cranhurst aufgenommen wurden. Ferner stehen auf der Seite Ihres Onkels der Irrenarzt, defien Frau, owie auch die Angestellten seiner Anstalt und vermutlich noch eine Reihe anderer Zeugen. Jedes unüberlegte Wort, das Sie etwa im Scherze ober in einem Moment der Ausregung gesprochen ha­ben, wird, ans dem Zusammenhänge gerissen, ent­stellt, womöglich noch mit Zusätzen versehen, gegen Sie angeführt werden. Sie behaupten, daß Ihr Onkel Ihnen an jenem Abende, als der Doktor Andrews erwartet wurde, einen Ihre Sinne ver­wirrenden Trank gegeben habe — wie wollen Sie das jedoch beweisen? Wie wollen Säe ferner be-