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Fulda, Donnerstag den 23. August 1906.

M 192.

33, Jahrgang.

Zweites Matt.

gefesselt im Mamertinischen Kerker lag? Was wir aber andererseits mit voller Ueberzeugung be­haupten, ist, daß die geistliche Gewalt des Papstes in der gegenwärtigen weltumspannenden Kirche ohne volle Souveränität nicht in Freiheit, Unab- hängigkeit und Frieden ausgeübt werden kann. SÜe Berufung auf die ersten christlichen Jahr­hunderte beweist in der Tat nichts. Es ist ein wunderbarer geschichtlicher Vor­gang, daß, nachdem der Kaiser Konstantin zu Christus sich bekannt hatte und im römischen Reiche die Ausübung der christlichen Religion freigegeben war, eine Entwicklung begann, die gleichsam mit innerer Notwendigkett im 8. Jahr- hundert zur Begründung deS Kirchenstaates führte. Konstantin verlegte die Hauptstadt des Reiches vom alten Rom nach Byzanz, und seitdem hat (bis zuni Verhängnisse von 1870) kein Kaiser und kein König in den Mauern des alten Roms dauernd seine Residenz aufgeschlagen. In Wirk­lichkeit sind es die römischen Päpste, welche schon seit jener Zeit in Rom regiert haben. Sie allein haben ja auch Rom aus den Stürmen der Völker­wanderung gerettet. Wir erkennen in diesen Tat­sachen und Vorgängen den Finger Gottes.

Gegenwärtig befinden wir uns in einer Peri­ode der Trübsal und Prüfung. Freilich ist das Ansehen des Papstes feit dem Jahre 1870 in der Wett nicht verkleinert worden. Seine Stimme wird auch in unfern Tagen gehört bis ans Ende der Welt. Die christlichen Völker strömten in ge- walligen Scharen zusammen in Rom, seine treuen und mutigen Söhne umringten den hl. Vaters fie kamen zu ihm, der ja zu seinen Kindern nicht kommen konnte. Souveräne Fürsten schritten mit glänzendem Gefolge über die Schwelle des Vati­kans und besuchten den Papst. Leo XIII. war es, der Mischen Deutschland und Spanien das Amt eines Vermittlers im Streite ausgeübt hat, ich sage Vermittleramt, das nur Negierungen oder souveränen Fürsten übertragen wird. Die Zahl der Gesandien und diplomatischen Vertreter hat sich seit 1870 beim apostolischen Stuhle nicht vermindert, und an fremden Höfen sitzt unter fortgesetzter Ausübung eines alten Vorrechts der päpstliche Nuntius auf dem ersten Platze unter den Gesandten. — Aber lassen wir uns durch solche Erscheinungen den klaren Blick nicht trü- ben. Den Akt der Vernichtung des Kirchenstaates, das offensichtliche Unrecht, das dem hl. Vater an- getan war, mußte eine Vermehrung der Zu­neigung und Hochschätzung in allen edlen Seelen bewirken, welche die Gerechtigkeit lieben, und diese Wirkung fand ihren Ausdruck in jenen äußeren Kundgebungen. Doch hüten wir uns, diese Wir­kungen zu verwechseln mit den Folgen, die ein dauernder Zustand zeitigen würde. Es wäre ein verhängnisvoller Irrtum, zu glauben, daß auf die Dauer ein Papst ohne volle geficherte Sou­veränität freieren, größeren Einfluß in der Welt üben könnte, als ein territorial souveräner Papst. Das Umgekehrte ist die Wahrheit.

Wir wünschen Italien namentlich Festtgung im Innern. Die innere Stärke wird ober nach meiner Meinung nicht eher verbürgt sein, als die römische Frage gelöst ist, als ein endgiltiger Aus­gleich zwischen Papsttum und italienischem Kö- nigstum geschlossen, die Kluft zwischen Vatikan und Ouirinal überbrückt ist. Wann der Tag der Aussöhnung kommen wird, wissen wir nicht. Wir wollen darob nicht zaghaft sein. Unser großer Gvrres hat gesagt: Es soll keiner zagen, der im Rechte steht. Inzwischen wollen wir zweierlei tun. Oeffnen wir unsere Hand — sie mag klein oder- groß sein, sie ist in gleichem Maße treu — und unterstützen wir den hl. Vater in seiner bedrängten Lage mit jenen geprägten Metallstücken, deren eines einst das folgsame Fischlein aus der Tiefe des Sees Genezareth in der Form eines Staker 8“m Petrus hinauftrug. Endlich aber vor allem flehen wir zu dem, der da richtet unter den Nationen, auf daß er die Zeit der Prüfting ab- Kt£- .»ost der Welt fordern wir Ge- rechtrg^eit; um Hilfe bitten wir den langmütigen, aber auch allmäch- t l g e n G o t t, dessen (Gerechtigkeit währet immer- dar. (Lebhafte Zustimmung.)

. Mihrend der Rede erschien, lebhaft begrüßt, der Bischof Dingel st ad von Münster.

,...'von Kralik - Wien spricht über Volks- orloung.

Di- Kirche ist durchaus nicht bildungsfeindlich oder bildungsfurchtsam. Sie ist und war von Anfang an und durch alle Jahrhunderte die ent- Aedenste und hochsinnigste Förderin de" Bildung Die Kirche strebt die Bildung des ganzen Volks aller Stände an. Die von uns an- gestrebte Bildung ist auch keine rückständige und rückschrittliche: sie liegt nicht etwa in einem toten Auszug für alle Zeiten abgeschlossen, sondern sie ist eine lebendige Bildung, immer mit dem Leben und der Tradition der Kirche, mit dem Leben und Wachsen der Völker verknüpft. Die Bildungs- Bestrebungen der Kirche find nicht etwa notge­drungene Nachahmungen anderer Versuche. Sie haben die Originalität, die Priorität von Jahrhunderten für sich. Daher ist die Volksbil- dungsarbeit der Kirche nicht etwa etwas gleich- giltiges, zufälliges, das ohne Schaden der Allge­meinheit ausgeschaltet werden könnte, es ist nicht lltwas, das man allenfalls den anderen allein über­assen könnte und das man nur mitmacht, um auch etwas getan zu haben. Unsere Volksbil­dungsarbeit ist vielmehr heute so wichtig und wichtiger als je. Es ist nicht zu leugnen, daß seit etwa einem Jahrhundert die Weltgeschichte in eine neue Phase eingetreten ist, daß die Fragen >)er Auftlärung und der sozialen Probleme von einem neuen und bewußteren Standpunkt aus bedeutsamer geworden sind als je. Aber damit ist nicht etwa das volksbildende Amt der Kirche von ,anderen Faktoren' abgelöst worden oder gar als überwunden ertoiefeu. Im Gegenteil. Durch die soziale uiiö politische Entwicklung des letzten '

Jahrhunderts ist das Volk im weitesten Sinn ganz einfach zu jener Beachtung gelangt, die von der Kirche seit jeher für das ganze Volk gefordert wurde. Das Bildungsideal der Kirche ist ein katholisches, das heißt, ein universales, ein allge­meines, denn katholisch fein, heißt universal, allgemein, volkstümlich, volksbil­dend fein. Dieses Bildungsideal verbindet nach dem Zeugnis der ganzen Kulturgeschichte die Fülle christlicher Offenbarung mit klassi­scher Schönheit und nationaler Liebe, das vollste Wissen mit vollster Nützlichkeit, Schätzung der Persönlichkeit und der staatlichen Gemein­samkeiten.

Die Bildung umfaßt das ganze lebendige Leben. Aber dies Leben spiegelt sich im Schrift- htm. In diesem Sinn haben die Autoren, mögen fie nun Naturforscher, Politiker oder Dichter fein, vor allem Schuld an einer schlechten oder guten Volksbildung. Sie müssen sich ganz erfüllen las­sen von ihrem wichtigsten Beruf: sie müssen sich als die verantwortungsvollen Verwalter der Bil­dungsgüter betrachten. Sie müssen nicht nur gut und schön, meisterhaft und interessant schreien, sie müssen dem Volk nicht entnervende Opium- t räume bieten, sondern Stärkung, Erhebung, Klärung. Sie müssen vom Volk selber lernen, was volkstümlich ist. Dabei mögen sie aus dem unerschöpflichen Schatz des Volkstums, des Volks­lieds, der Volksbücher, der Volkssagen schöpfen, ohne des Volkshumors zu vergessen. Eine solche volkstümliche Literatur auf notiono» ler und religiöser Grundlage hatten die allen Griechen, hatte das Mittelalter, müssen wir wieder haben. Der zweite wichtigste Faktor ist die Presse als die Vermittlerin zwischen der volksbildenden Literatur und dem Leben. Tie Presse muß die Literatur ebenso sorgsam ver­folgen wie die Politik. Es ist nötig, daß sie die Entwickelung der zeitgenössischen Literatur be­hüte, nicht nur vom Standpunkte der Aesthetik, sonder» auch vom Standpunkt des öffentlichen Wohls. Der dritte wichtige Faktor der Volks­bildung ist die Schule. In der Schule wird der Bildungsstoff dem Schüler oft fürs ganze Leben mitgeteilt, hier entfcheidet sich das Schick­sal einer Generation. Es gibt kaum etwas wich­tigeres, als dem Volk ein vollkommenes Lesebuch in die Hand zu geben. Und neben dem Lesebuch die Schülerbibliothek und die Lehrer- bibliothek. Ich habe das Gefühl, daß hier durch zielbewußte Organisation noch viel geleistet werden könnte. (Sehr richtig!) Was die Schule mit ihren Lesebüchern und Bibliotheken dem jungen Volke bietet, das sollen Volkslesevereine, Büchervereine dem der Schule Entwachsenen bie­ten. Ich kann hier auf die Bestrebungen des Borromäusvereines und des Dolksvereins Hin­weisen. Jede Vollsbibllothek soll verbunden fein mit einführenden und orientterenden B o r t r ä - gen. Man fall wissen, daß an einem oder an mehreren Abenden in der Woche in kurzen Vor­trägen auf das Wichtigste, Neueste, Merkwürdigste aufmerksam gemocht wird, auf eine neue lite­rarische Persönlichkeit, aus ein neues oder neuer­lich berühmt gewordenes Buch auf neue Probleme. Es kann und fall vor allem das Wichtigste vor­gelesen werden. Die Bildung soll nicht im stum­men Buch begraben liegen, sondern daraus auf» erstehen. Nur ein gesprochenes oder gesungenes Gedicht, nur eine vorgetragene Geschichte, nur ein aufgeführtes Schauspiel ist wirklich lebendig mrd von volksbildender Wirkung. (Zustimmung.)

Damit komme ich auf die Einrichtung der volkstümlichen Vorträge, für die bereits so viel getan wird, die aber noch der größten Entwicklung fähig find. Mst Recht hat man dafür das Schlag­wort der Volksuniversität. Ich weiß nicht, ob eine katholische Universität in Salzburg oder sonstwo vorläufig möglich oder wünschenswert ist; aber ich glaube Wohl, daß wir schon heute eine ideale katholische Universität stiften können auf Grund der Vereinigung gleichgesinnter Lehrer, die, auf allen Universitäten zerstreut, in diesem Sinn wirken und über ganz Deutschland ein System universaler, volkstümlicher, nationaler Bildung ausgestalten können. Den Lehrkörper dieser idealen Universität bilden alle unseren Ideen treugesinnten Dozenten, die Studenten­schaft ist das ganze deutsche Volk in allen seinen Ständen. (Bewegnng.) Nicht minder wichtig ist ein anderer Faktor der Volksausbildung, nämlich die künstlerischen Aufführungen. Die ganze Volksbildung soll nämlich so faßlich und sinn­fällig als möglich mitgeteilt werden, um lebendig zu wirken nicht nur abstrakt und systematisch. Mr sollen selber so positiv wie möglich zeigen, in welcher Weise wir uns volkserziehende religiöse und nationale Festspiele, Oratorien usw. denken. Und ich denke mir die Darbietungen auf dem Katholikeiltage als vorbildlich für ähnliche Ge­legenheiten, als einen Keim zu einer wahrhaft klassischen, nationalen und religiösen Kultur, wie wir sie brauchen, ioenn wir ein Kulturvoll sein wollen. Ich komme zum letzten Faktor der Bolls- bildung, nämlich zu jedem Einzelnen von uns. Ich möchte raten, alles hier Vorgeschlagene nicht bloß Komitees und Vereinen zu überlassen. Jeder einzelne soll und kann vielmehr selber sogleich das möglichste tun. Nur so wird es dann auch den Vereinen, der Presse, dem Staat uftv. möglich, ihr Amt gmiz auszrifüllen. Hier mutz jeder Einzelne in jedem Augenblick so handeln, als ob von ihm und von seiner gegenwärtigen Tat das ganze Heil der Zukunft abhinge. So ist es ja auch wirklich. Wer macht denn die Znkunst? Jeder Einzelne von Uns. Der Geist der Zeit ist nur die Summe der einzelnen Geister, dis in diesen Kampf eintreten. Jeder von uns stärkt daher durch sein Tun oder Unterlassen die gute oder schlechte Sache. Wir dürfen uns da nicht mit der unüberwindlichen Gegnerschaft entschul­digen. Auch wir sind unüberwindlich, wenn wir es sein wollen. So können wir das

höchste Ideal der Vollsbildung erreichen. Es ist das Erbe von neunzehn christlichen Jahrhunder­ten und ungezählten vorchristlichen. Es ist unser Erbe, das wir aller Wett zur Anerken­nung und zum Heil verwalten müssen. (Leb­hafter anhaltender Beifall.)

Prof. Dr. Zahn-Straßburg führt sodann über das Thema Erziehung durch die Kunst aus:

Die Kunst ist nach Bischof Keppler die Schlach­tenmalerei in den großen Geisteskämpsen der Menschheit; aber sie ist auch Kampfgenossin und oftmals selbst Fahnenträgerin. Oder, um es 1 friedlicher zu sagen, die Kunst ist eine Erzieherin. Besonders feit dem „Kunsterziehungstage" von Dresden (1901), dem jene von Weimar (1903) und Hamburg (1905) folgten, wurden die Rufe „Erziehung durch die Kunst", „Erziehung fitii die Kunst" immer häufiger gehört. Auf katholischer Sette fanden die neuen Anregungen der Be­wegung um so offenere Aufnahme, je weniger der Gedanke der ästhetischen Bildung als neue For­derung empfunden wurde. Daher dann die auf- merksame Beachtung, aber auch die kritische Wür­digung. Die Vorbedingung eines segens­reichen Erfolges hat die „Kunsterziehung" darin, daß fie gegenüber der Einseitigkeit eines V. F. Strauß und eines „Rembrandt-Deutschen" von der Utopie einer ausschließlich oder vor­wiegend ästhetischen Kultur sich frei hält, wie dies auch Prof. Lange auf der Dresdener Tagung und besonders der Leiter der Weimarer Tagung, Studienrat Kerschensteiirer betonten. Kunstwissen, Kunstkönnen, Kunstge­nießen find noch lange nicht Höhenmesser deS inneren Adels. Sittlich große und har­monische Menschen gibt es nicht ohne Intel- lektuelle, sittliche religiöse Bildung. Jedes Gotteshaus und jeder Gottesdienst zeigt, wie sehr die Kirche für die ästhetifche Bildung Sorge trägt. A. Reichenspergers Schrift „Die Kunst — eine Sache für jedermann" ist nur ein Widerhall der christlichen Kirchen- geschichte und Kunstgeschichte. Und zwar blieb die Kunst nicht auf das Heiligtum beschränkt, sie ging hinein ins christliche Haus und hinaus auf die Heerstraßen, auf Feld- und Berg- Pfade, mit frommen Bildern und Kapellen sie zierend. Eine besonders erfteuliche Frucht der kirchlichen Kunstpslege war es, daß das christliche Volk wachgehalten wurde für die unvergänglichen Schönheiten der Schöpfung und daß gerade auch die profane Kunst reiche Anstrengung fand durch die heisige Kunst.

Wir billigen es durchaus, daß die Kunst unter dem Gewände des Schönen auch einen geistigen Inhalt, religiöse Ideen, sittliche Ideale vermittelt, und wir verwahren uns da­gegen, daß man dies leichthin mit den Vorwür­fen der „Lenden z" und der „Inhalts- ästhetik" abweisen will. Auf Grund einer ästhetischen Ueberzeugung und einer religiös-sitt­lichen Weltanschauung sehen wir in Raphaels Disput», in Dantes Divina Commedia, in Call derons religiösen Dramen, im Kölner Dom und in all den Meisterwerken, welche christlichen Ideen eine fiinstlerische Aussprache gegeben, wahre, un­sterbliche Kunst, Werke, in welchen die Kunst­erziehung nicht vorübergehen darf. (Beifall.)

Der Christ sieht im menschlichen Körper eit Kunstwerk, ein ehrwürdiges Gebilde des Allmäch­tigen, einen lebendigen Hymnus auf den All- weisen, Allgütigen. Aber er weiß auch, daß die eigentliche Größe und Schönheit des Menschen in der geistigen und sittlichen Seite ruht, und daß diese keineswegs einen absoluten und un­mittelbaren Ausdruck findet in der Fülle und Vollendung der leiblichen Formen. Deshalb wäre es eine Verengung und Verkümmerung der künstlerischen Ausgabe, in der einseitigen Pflege des Nackten die höchste Vollendung der Kirnst zu. erblicken. Künstler selbst bezeichnen die Manier, an allen Ecken und Enden nackte Gestalten anzu­bringen, als Versuch, die Armut der fünft- lerischen Konzeption zu verdecken. Es wäre gut, etwas weniger von dieser Manier zu haben und etwas mehr von der Atmosphäre eines Fra Fiesole zu atmen. Die unbegründete Ge- wandlofigkeit ist Unkunst; denn sie ist Un­natur. (Beifall.) Dabei verlangt die Gerech- stgkeit, es ausdrücklich zu sagen, daß gar nicht selten der Anstoß, der an Kunstwerken genommen vird, nicht dem Künstler, sondern rem Beschauer zur Last fallt. (Sehr wahr!) Auch mag es in einzelnen Fällen schwierig sein, die konkreten Grenzen des Zulässigen zu bestim­men, vor allem in Bezug auf die Darbietungen in Museen und AusstÄungen.

Aber es gibt ein Gebiet, über welches über» jaut>t Meinungsverschiedenheiten ausgeschlossen ind, es gibt eine Art von künstlerischen rnd literarischen Produkten, die durch i>en schändlichsten Mißbrauch der Kunst und der Dervielsättigungstechnck in den Dienst der nackten Siwnenlust sich stellen und unter >em trügerischen Schein eines künstlerischen In­teresses einen Strom von Schmutz und Sünde unb damit seelisches und leibliches Verderben zu der Jugend, selbst zu ben Kindern leiten. (Sehr wahr!) Dagegen zu kämpfen heißt nicht die Kunst „knebeln", sondern vor dem Selbst- mord zurückhalten. (Beifall.) Denn die Zügellosigkeit ist der Todfeind des Kunstschaffens und des Kunstgenießens. Darum haben sich nicht bloß aus unseren Reihen mannhafte Stimmen erhoben, sondern auch Männer auS dem weiteren Kreise der Kunst und Kunstwisienschaft, wie Thode in Heidelberg, Thoma in Karlsruhe, Ferdinand von Miller in München. Ihr Votum zu Gunsten i>er Bewegung für bürgerlichen und gesetzlichen Schutz gegen die öffentliche Unsittlichkeit mutz überall gehört werden, wo noch christlicheA Empfinden und nationaler Sinn geblieben ist. Unser Streben aber für die Kunsterziehung kann bei dieser Schutzbewegung nicht untätig Hei-

53. GrneraLvrrsammt««-

-er Katholiken Deutschlands iu Wes n. Mr.

(Nachdruck nicht gestattet.)

Cpc. Essen (Ruhr), 21. Aug. 1906.

Zweite öffentliche Versammlung.

Wiederum war der Andrang so stark, daß die reservierten Plätze in der Halle nicht freigehalten werden konnten. Die Tribünen, auch die für die Damen reservierten, waren überfüllt. Die meisten der hervorragenden katholischen Männer, die hur bereits erwähnt haben, waren wiederum auf der Präsidiumstribüne erschienen. Von Abgeordne­ten waren noch die Herren Decker, Schlick und Justizrat Dr. Biltzer anwesend. Erschienen waren, lebhaft begrüßt von der Versammlung, der Ka­nonikus von Mecheln und Weihbischos Dr. MMer- Köln.

Erster Vizepräsident Frhr. v. Twickel eröffnet ie Sitzung mit dem katholischen Gruße und er­teilt das Wort dem Oberlandcsgerichtsrat Reichs- tagsabgeodrneten Burlage, welcher über die rö­mische Frage spricht.

Daß durch die Vernichtung des Kirchenstaates, dec ihrem Ursprünge nach legitimsten Herrschaft der Welt, die geschichtlich befestigt war durch mehr als tausendjährigen Bestand, die Gerecht! g» feit verletzt worden ist, das Völferrecht einen Schlag in§ Gesicht erhalten hat, brauche ich nicht zu begründen; es wird dies selbst von dem verbissen- sten Apostaten anerkannte Was unsere Feinde und Gegner bestreiten, ist der Satz: Der Besitz eines Staatsgebietes, die sog. territoriale Souveräni­tät. sei erforderlich für die volle Freihett und wahre Unabhängigkeit des Papsttums und somit der ganzen katholischen Kirche. Soll der Papst im­mer und überall feine höchsten und heilig st en Amtspflichten unbehindert erfüllen können, fo muß der Papst frei fein. Dies be­streitet niemand. Wann aber ist der Papst wahr­haft und wirklich frei? — Das Reich, das der Papst verwaltet, ist ein Gottesreich; es ist nicht „von dieser Welt", es ist durch Christus vom Himmel auf diese Erde gebracht worden, und wie feinen Ursprung, so hat es auch sein letztes Ziel nicht in dieser Wett, sondern im Jensetts. Aber dieses R e ich — und hier angelt die Frage — ist in b i e Je r Welt, in der Zeitlichkeit, die uns alle umgibt. Die streitende Kirchs mit ihrem Ober­haupts, dem Papste, besteht aus Menschen, welche Leib und Seele haben, und die mit zwei Fußen die Erde berühren. Soll also der Papst, der oberste Leiter der Kirche, in der Verwaltung seines geist­lichen Amtes frei fein, dann muh er unabhän- g i g sein in Ansehung unserer menschlichen Ein- richtunge«. Er darf nicht Untertan in irgend einem Staate fein, er muß ein Souverän fein. Entweder Untertan oder Souverän, ein Drittes gib es nicht; wer nicht Untertan ist, der ist Sou­verän. (Lebh. Beifall.) Wir, meine verehrten Zuhörer, sind Untertanen; wir „dienen", und wir dienen gerne der Kirche, dem Staate, unferm Sam beSfiirften und Sr. Majestät dem Kaiser. Wir sind Untertanen, aus Pflichtgefühl, aber auch mit dem Schwünge, den die echte Vaterlandsliebe ver­leibt. Der oberste Lehrer aber, der oberste Hirte und Richter, der Papst, darf keinem irdischen Sou- verän unterworfen fein; er ist nur Gott allein ver­antwortlich. Verstehen Sie mich nicht falsch, die Souveränität des Papstes ist nicht Selbstzweck, das Papsttum erstrebt nicht den Glanz einer Kö- niaskroue. Die päpsüiche Souveränttät verfolgt nickt ein außer ihr liegendes Ziel, fie hat die bobe Aufgabe zu erfüllen, den Papst von allen Fesseln einer fremden Staatsmacht zu befreien und die dem Papste von Gott verliehene Freiheit in der Regierung der Kirche auch mit einer irdi- schen Schutzwehr zu umgeben. Hieraus ergibt sich zugleich die völlige Unmöglichkeit, daß irgend ein anderer Star t, der sich an die Stelle des Kirchen­staates setzt, die hl. Ausgaben dieses Staates er- lullen könnte.

Man wolle nicht reden vom italienischen G a- . a n t i e g e s etz. Dieses Gesetz ist ja ein Akt jener Gesetzgebung, welche sich über das Papsttum Itellt, — einer Gesetzgebung, die von wechselnden Kammermshrheiten abhängig ist und morgen da4 mifheben kann, was heute festgesetzt wurde, einer Gesetzgebung, die internationales Recht weder «och will. Das Papsttum aber steht AE mcht in den Grenzen eines F. Zahlt bre Millionen feiner treuergs- m h 6 n9-enr -l" allen Staaten der Welt. Dis Papsttum ist international oder richtig gefegt1 u b ern n tto n a l. Wie kann daher ein eiS buntPh?»1 mVJ3 ansehen, feiner Gesetzge- $atrr unterwerfen, das Oberhaupt der Religion aller Nationen? (Lebhafter Beifall ) des Heiligen Vaters stehen alle Völl

Kationen gleich nahe, ihnen allen mit glei- $cr Freiheit gegenüberstehen kann der Papst nur dann, wenn er tn keinem Staate Untertan und

^prmtth£n2-ntöft6or ift Dies ist der Fall, THfrr?^°-vbrän im eigenen Lande ist. Unfcre Gegner erheben den nach ihrer Meinung tödlichen Einwand, die Kirche habe 700 Jahre ofme Kirchenstaat und Souveränität des Papstes bestanden, allo seien diese Garantieen der Unab- hanglgkert für dre Kirche nicht nötig. Kein ver­ständiger Katholik leugnet, daß Kirche und Papst­tum ohne Kirchenstaat und Souveränität bestanden haben und auch in Zukunft bestehen können Sollten wir etwa nicht toiffen, daß die Kirche be­stand, während der erste Papst, der hl. Petrus,